Die besten Comics & Graphic Novels 2018: meine Empfehlungen bei Deutschlandfunk Kultur

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meine 20 Lieblings-Comics 2015, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2016, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2017, kurz vorgestellt: Link

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heute: meine Top 20 fürs Jahr 2018.

Ausführliche Texte etc. kurz nach Weihnachten bei Deutschlandfunk Kultur.

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20. Flavor

Autor: Joseph Keatinge, Zeichner: Wook Jin Clark.

Image Comics, seit Mai 2018.

6+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Schnelles Geld für Verlage. Dazu eine Leserschaft, die oft zu unkritisch bewertet: Seit Raina Telgemeiers fadem Zahnspangen-Bericht „Smile“ (2010) wollen Middle-Grade-Comics extra-simpel, weich, harmlos-progressiv belehren. Lesen auf Stützrädern, für 8- bis 12-Jährige. „Flavor“ mischt bewährte Ideen aus „Wallace & Gromit“, „Kikis kleiner Lieferservice“ und „Avatar: Herr der Elemente“. Eine Märchenstadt hinter Festungsmauern feiert Kulinarik, Restaurants und eine Akademie für Elite-Köchinnen und Köche. Eine fadenscheinige, kindische Welt, die sich allein ums Essen dreht: geheime Koch-Fight-Clubs im Untergrund! Hetzjagden um besonders edle Pilze! Harte Kerle und Gauner trinken nicht – sondern zechen in Eiscreme-Kaschemmen. Detailverliebt gezeichnet. Doch mir fehlt Pfeffer. Eine eigene Note!

Sammelband 1 lässt vieles unklar: Anant, Sohn aus bestem Haus, kämpft um seinen Platz an der Akademie. Heldin Xoo führt einen Imbiss: Seit einem (nicht genannten) Vorfall, für den sie sich die Schuld gibt, brauchen ihre Eltern Rollstühle. Ich liebe, dass Xoos Onkel, ein Abenteurer und Herumtreiber, in vielen anderen Plots Sympathieträger, große Stütze wäre. Hier aber sollen wir denken: „Trottel! Deine Nichte hat echte Imbiss-Kompetenz!“ Wie oft inszenieren sich unreife Männer als Lösung – und werden dabei zum größten Problem?

Widerborstige Figuren. Viele offene Fragen. Ich freue mich auf Band 2. Doch wie meist im Segment „Middle Grade“, 8 bis 12, bleibt mir vieles hier zu abgespeckt, geschmacksneutral.

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19. Joe Shuster: Der Vater der Superhelden

Autor: Julian Voloj, Zeichner: Thomas Campi

Super Genius, 2018. Deutsch bei Carlsen.

180 Seiten, abgeschlossen.

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1938, mit Mitte 20, verkaufen Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster, Freunde aus Cleveland, ihre Figur Superman an DC Comics – und schaffen damit das Superhelden-Genre. Was die neuen Helden über New York, den Zweiten Weltkrieg, jüdische Kultur erzählen, wie Superman zeit- und ideengeschichtlich wirkt, klärt Michael Chabons grandioser 600-Seiten-Roman „Kavalier & Clay“ (2000). Doch die bitteren persönlichen Folgen für Zeichner Shuster zeigt erst diese (oft etwas trockene) Comic-Biografie, die unter anderem auf Briefen und juristischen Dokumenten fußt. Wieso verdienten Siegel und Shuster kaum an Supermans Erfolg? Wie ließen Medienkonzerne und Verlage ganze Generationen Kreativer im Regen stehen – noch in den 90er- und Nuller-Jahren?

Die eleganten, hellen Zeichnungen erinnern an die späten 50er und „Mad Men“: War der Midcentury-Modern-Stil schon 1938 so präsent – in den Büros von Groschenheft-Verlagen? Nah kommt der Doku-Comic leider weder der Person Shuster noch seinen Figuren. Es bleibt beim „Wie gewonnen, so zeronnen“-Lehrstück ohne viel Charaktertiefe oder Psychologie. Doch Sätze wie „Bill Finger, Jack Kirby, Alan Moore wurden von Verlagen schlimm über den Tisch gezogen“ lese ich als Fan fast täglich. Hier endlich: die faktensatte, plastische Ausarbeitung eines solchen Falls.

Warmherzig, respektvoll, professionell: ein Urheberrechtsstreit, der noch 80 Jahre später Folgen hat. Wer 180 Seiten lang über Freiberufler-Elend lesen will…? Stilvoller, griffiger lässt sich ein derart trockener Stoff schwer inszenieren!

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18. Infidel

Autor: Pornsak Pichetshote, Zeichner: Aaron Campbell

Image Comics, März bis Juli 2018.

5 Hefte/ein Sammelband, abgeschlossen.

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Horror lebt von Furcht… und Identifikation. Doch jede Gruppe hat eigene, spezifische Ängste. Pornsak Pichetshote war Redakteur und Lektor bei Vertigo Comics. Im Debüt als Autor zeigt er Rassismus, Grusel, Ausgrenzung, Monster und institutionelle Gewalt: Aisha ist Muslima und lebt mit Mann und Kind im Apartment der christlichen Schwiegermutter. Als sie im Traum – und bald auch im Gebäude – Monster sieht, beginnt ein nervöser Tanz um Notwehr, Vorwürfe, Paranoia, Terror und Fremdenfeindlichkeit, der viele Nachbarn und Aishas Freundin Medina in Dialog bringt: Wie begegnet New York People of Color, seit dem 11. September? Wie leiden US-Bürger, die ständig misstrauisch als Andere, Fremde „ge-other-ed“, ausgeschlossen werden? Welchen Mächten – politischen wie übersinnlichen – nutzt dieses „Othering„?

Die antirassistische Horror-Satire „Get Out“ gewann 2018 den Oscar fürs beste Drehbuch. Auch „Infidel“ zeigt die bürgerliche Mehrheit als größte Bedrohung: Das Monster selbst, ein Dschinn, wirkt einfallslos – und als sogar die Figuren sagen: „Nutzen wir jetzt im Ernst dieselbe Taktik wie bei ‚Ghostbusters‘?“ wird klar, dass Atmosphäre, Politisches hier mehr zählen als ein besonders origineller, schnittiger Frau-im-Mietshaus-gegen-Wesen-Plot. Es gibt zu viele und zu flache Figuren, konstruierte Wendungen. Vieles verheddert sich: Die geplante TV-Version muss besser werden!

Trotzdem: Wie vielen Frauen of Color, wie vielen Muslimas geben Comics Raum? Auch Matt Ruffs Roman „Lovecraft Country“ verknüpfte 2018 Horror und Ausgrenzung, Rassismus. Eine riesiges Feld – das hoffentlich auch Pichetshote weiter bearbeitet. Talent und Potenzial? Massig, schon hier!

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17. Runaways

Autorin: Rainbow Rowell, Zeichner: meist Kris Anka

Marvel Comics, seit September 2017.

15+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Sechs Jugendliche sehen sich einmal im Jahr. Weil die Eltern Charity-Projekte leiten? Nein: In Wahrheit sind sie heimliche Superschurken; und gemeinsam flüchten die sechs Kinder (und ein Dinosaurier) als Helden-Clique „Runaways“ vor Familie, Behörden und Aliens quer durch die Marvel-Welt. Brian K. Vaughan („Saga“) erfand die Reihe 2004; eine TV-Serie startete 2017. Der Comic-Neustart fragt recht einsteigerfreundlich: Wie prägen Intrigen, Unterwegs-Sein, Misstrauen, Traumata eine Gruppe? Wie geht Erwachsenwerden ohne Eltern-Rückhalt? Jugendbuchautorin Rainbow Rowell lässt sich alle Zeit für Sinnsuche, „Teen Angst“, Kameraderie – tiefer, langsamer, psychologischer, witziger und oft viel origineller als andere Marvel-Reihen. Meist hängen die Ausreißer lustlos auf dem Sofa. Besonders im schlaffen Band 2: viel unnötiges Jammern, Schmollen.

Junge Helden-Teams („Young Avengers“, „Teen Titans“, aktuell die schmissigen „West Coast Avengers“) wollen Jugendlichkeit, Jungsein oft feiern, loben. „Runaways“ zeigt vor allem, wie naiv, schlecht ausgebildet, misstrauisch und aus der Zeit gefallen die „Runaways“-Notgemeinschaft mit den Jahren wird: In ständiger Todesangst fasst man selten schärfste Gedanken. Oder lernt, gesunde Beziehungen zu führen. Der Comic wird zum Sammelbecken für beschädigte Figuren – und zur Einladung an beschädigte Leser*innen: voller Wortwitz und Sarkasmus.

Ob Rowell hier nur seufzen will: „Erwachsenwerden heißt oft: ein Schritt vor, zwei Schritte zurück“ oder ob die panische Ersatzfamilie bald endlich raus, los, weiter kommt, werden erst folgende Bände zeigen. Bisher machen alle sechs Runaways vor allem (lesenswert dramatische!) Fehler.

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16. Ice Cream Man

Autor: W. Maxwell Prince, Zeichner: Martin Morazzo.

Image Comics, seit Januar 2018.

8+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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„Geschichten aus der Schattenwelt“ (1984), „American Gothic“ (1995), Stephen Kings Novellen: US-Horror bleibt oft putzig moralisch, reaktionär. Naive Lehrstücke mit Lektionen wie „Hochmut kommt vor dem Fall“, die ich mit 12, 13, 14 erwachsen fand. „Ice Cream Man“ erzählt in jedem Heft eine solche Grusel-Kurzgeschichte – abgedroschen, abgeschlossen. Belohnt werden meist die selben biederen Normen, auf die Grimms Märchen weisen: Die Dicken sterben an Völlerei. Jeder kriegt seine Rechnung. So schnell kann’s gehen, ja ja. Dass „Ice Cream Man“ trotzdem viel bösen Spaß macht, liegt an den trashigen Zeichnungen von Martin Morazzo. Den abwechslungsreichen (doch immer abgeschmackten) Plots und Twists. Und einer Mythologie, die sich nur langsam zeigt: Wer ist der Mephisto-artige Eisverkäufer mit starrem Lächeln und buntem Kühlwagen?

Kluge Horror-Comics wie „Harrow County“, „Locke & Key“ folgen unvergesslichen Figuren. Doch weil in „Ice Cream Man“ alle Opfer, Fast-Opfer, Doch-nicht-Opfer und Täter-statt-Opfer nach 20 Seiten eh bestraft, entsorgt, vergessen sind, lese ich hier keine „Schicksale“. Sondern Goldmarie-und-Pechmarie-, Die-Guten-ins-Töpfchen-die-Schlechten-ins-Kröpfchen-Gedankenspiele: Wer wird belohnt? Wer hat Gewalt und Strafe, die plötzlich in den Alltag brechen, „verdient“; wer nicht? Was sind die aktuellen Feindbilder, Prügelknaben, „acceptable targets“ im US-Horror: Um wen ist es „nicht schade“?

Ein autoritäres Weltbild. Straf- und Rachefantasien. Das genuin Gruselige an biederen US-Comics? Wessen Tode uns befriedigen, freuen sollen.

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15. Incognegro & Incognegro: Renaissance

Autor: Mat Johnson, Zeichner: Warren Pleece

Vertigo/DC Comics (Incognegro: 2008) und Berger Books/Dark Horse Comics (Renaissance: 2018)

Zwei abgeschlossene Geschichten mit je ca. 120 Seiten, beides erst in je 5 Heften erschienen, dann als Sammelband.

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Zwei Krimis, durch und durch: Wer „Incognegro“ und die Vorgeschichte „Incognegro: Renaissance“ als Historien- und Dokumentar-Comic über Rassismus in den 1920er Jahren liest, behält Lücken. Zu lustvoll, melodramatisch, konstruiert dreht sich hier alles um Verdächtige, falsche Fährten und den Kampf des sarkastischen Journalisten Zane Pinchback gegen Lug, Trug, Vorurteile: Genre-Kost, pointiert und überzeichnet. Autor Mat Johnson wird oft für einen Weißen gehalten; und schon 1929 schrieb die Harlem-Renaissance-Autorin Nella Lawson im Roman „Passing“ über die Preise, die hellhäutige Schwarze zahlen, sobald sie öffentlich als Weiße auftreten. Im (passablen) „Incognegro: Renaissance“ hilft Zane einer schwarzen Aufsteigerin, deren „Passing“ in der Film- und Literaturszene Erpressungen provoziert.

Im (besseren, doch oft leichtfertig brutalen) „Incognegro“ nutzt Pinchback sein eigenes „Passing“, um in die Südstaaten zu reisen und als vermeintlich weißer Reporter Bürger bloßzustellen, die Lynchmorde bejubeln. Ich lernte zwar einiges über Segregation, Jim-Crow-Gesetze, Justiz- und Unterdrückungsmechanismen seit dem US-Bürgerkrieg… doch hätte lieber einen seriöseren Sachcomic über White Supremacy als dieses schmissige, überkonstruierte, an vielen bedrückenden Stellen plötzlich action- und plotversessene Katz-und-Maus-Spiel.

Flotte Sprüche, böse Wendungen, coole Helden: Als Unterhaltung mit großem Herz und emanzipatorischem Anliegen machen beide Bände Vieles viel, viel richtiger als andere Krimis. Als Lehrstücke zu Rassismus und Lynchmorden bleiben sie zu grell, oberflächlich.

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14. Crowded

Autor: Christopher Sebela, Zeichner*in: Ro Stein

Image Comics, seit August 2018.

4+ Hefte; alle 6 Hefte erscheint ein Sammelband: wird fortgesetzt.

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Frauen mit Abgründen, Defekten, gehetzt durch eine bitterböse Welt. 2014, in Christopher Sebelas Himalaya-Thriller „High Crimes“, verfranste sich eine drogensüchtige Bergführerin in Schluchten und Selbsthass. „Crowded“ (Arbeitstitel: „Crowdfundead“) folgt zwei störrischen, verschlossenen Frauen – ebenfalls auf der Flucht vor Killern: Die eitle Charlie hält sich via „Gig Economy“ über Wasser: Über Apps kann man ihr Auto, Bett oder ihre Zeit als zum Beispiel Dogwalkerin buchen. Als immer mehr Passanten plötzlich versuchen, sie zu töten, wird klar: Bekannte, „Freunde“, Familie sammelten Kopfgeld, online, oft anonym. Wer Charlie tötet, erhält eine Million Dollar. Solche Mordkampagnen liefen bislang vor allem für Politiker. Vida, Personenschützerin mit schlechter Online-Wertung, muss wissen: Was tat Charlie (aufmüpfig, unzuverlässig), um so gehasst zu werden?

2015 überzeugte der Social-Media-Satire-Comic „Prez“. „Crowded“ zeigt im selben bitter-überdrehten Ton, wie Frauen unter Wertungs-Terror, Shitstorms, dauernder Verfügbarkeit, Kapitalismus leiden. Die Streits zwischen Vida (lesbisch, wortkarg, mürrisch, pragmatisch) und Charlie (egoman wie Lena Dunham in „Girls“ oder Bryan Lee O’Malleys fiese Influencerin „Snotgirl“) haben Biss, und nach fünf Heften bin ich froh, dass Sebela noch weitere Kapitel, Sammelbände plant. Eine sarkastische Reihe – doch niemals zynisch, plump technik- oder menschenfeindlich.

Eine Welt, die sofort jeden abstraft, der laut ist oder irritiert: „Crowded“ ist kritisch wie „Black Mirror“ – doch hat mehr Farbe, Tempo, Wortwitz. Lässt sich das über 12 oder 18 Hefte hinweg halten?

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13. Unerschrocken: 15 Porträts außergewöhnlicher Frauen (2 Bände, je 15 Porträts)

Autorin und Zeichnerin: Penelope Bagieu

Gallimard, 2016 und 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2017 und 18.144 Seiten (Band 1), 168 Seiten (Band 2), abgeschlossen.

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Kaum Bildfolgen, Sequenzen. Keine Sprechblasen. Immer jeweils nur ein Frauenleben, erzählt auf fünf bis sieben Seiten, mit sechs bis neun Bildern pro Seite – oben immer Fließ-, Erklärtext, darunter eine simple Illustration. Als Fazit jeweils noch eine vielfarbige, prächtige Doppelseite, die jede Frau in ihrem Element, ihrer Lebenswelt feiert. „Unerschrocken“ begann als grafische Erklär-Kolumne auf der Website von Le Monde Diplomatique: Bagieu stellt Pionierinnen vor wie Mae Jemison – die erste schwarze Frau im All –, Agnodyce – Gynäkologin im antiken Athen – oder Christine Jorgensen, trans Frau und Star ab 1953. Fast jede Geschichte endet als Triumph: „Unerschrocken“ inspiriert, beflügelt, macht Mut. Viele dunkle Momente, Rückschläge und einige z.B. blutrünstige Kaiserinnen, Kriegsherrinnen, Partisaninnen sorgen für Abwechslung.

Ich zögere, die (leider auf glanzlosem, recht gelbstichig-trübem Papier gedruckten) Bände „Comics“ zu nennen: Präzise, endlos interessante Erklär-Textchen und -Bildchen, schwungvoll gezeichnet, über Frauen, die jedes Kind kennen sollte. Bekannt sind u.a. die Forscherin, Tierrechts-Aktivistin und Autistin Temple Grandin. Die lesbische Autorin Tove Jansson, Erfinderin der „Mumins“. Oder Kunstsammlerin Peggy Guggenheim – über deren Kämpfe, Konflikte ich bisher nichts wusste. Bitte unbedingt googeln: Sonita Alizadeh. Jesselyn Radack. Leymah Gbowee.

Absurd, welche Vorurteile, Hürden, welches Unrecht Frauen vor 200 Jahren ausgrenzte, bremste. Oder vor 70 Jahren. Oder heute!

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12. Days of Hate

Autor: Ales Kot, Zeichner: Danijel Zezelj

Image Comics, Januar 2018 bis Januar 2019.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, davon 11 bereits erschienen; danach abgeschlossen.

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„Solche Comics sind Hilferufe: Der Autor braucht Therapie“, spottet ein Nicht-Fan über „Days of Hate“. Ich las bisher alle Reihen von Ales Kot. Sie wirkten hochpolitisch, ambitioniert, voll literarischer Bezüge, doch dabei freudlos, nihilistisch: rechthaberische Polit- und Politikverdrossenheits-Essays, erzählt als tiefgraue Comic-Thriller. „Days of Hate“ zeigt ein Ex-Liebespaar in einem dystopischen Amerika, 2022. Amanda führt Krieg gegen die Regierung. Huan, ihre Exfrau, hilft dem Geheimdienst, Amanda zu stellen. Sind die Frauen echte Gegnerinnen? Woran scheiterte die Ehe? Was erhofft sich Huan in rassistischen Verhören? Wie konnten Trumps Diskursverschiebungen die USA in vier kurzen Jahren ruinieren?

False Flags, Fake News, White Supremacy: Nach jedem Kapitel gibt Kot machtkritische Buch-, Essay- und Musiktipps. Der drückende Zeichenstil, die vielen Schatten, die schon in ähnlich hoffnungslosen, tollen Polit-Reihen wie „DMZ“ und „The Massive“ überzeugten, passen zum erwachsenen, doch oft belehrenden Ton. Zwei verletzte, hoch gebildete Frauen und mehrere Unterdrücker, Agenten debattieren wie in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Das Weltbild (und den Insider-Jargon) kenne ich aus Oliver Stones Verschwörungsthrillern der 90er.

Vor 25 Jahren fragten Linke der Generation X, was Widerstand bedeutet. Ales Kot (32, Generation Y) stellt die selben Fragen, im selben Look. Kritik an der Brave New World, im Ton der guten alten (90er-)Zeit.

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11. Mr. Miracle

Autor: Tom King, Zeichner: Mitch Gerads

DC Comics, August 2017 bis November 2018.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Vor einem Jahr, nach fünf (von zwölf) Heften/Kapiteln, stürmte „Mister Miracle“ viele Beste-Comics-2017-Listen als clever-wirres Weltraum-Rätsel. Ich bleibe unsicher, wie klug der toll gezeichnete und inszenierte Comic wirklich von Gehirnwäsche, Palastintrigen, „Mindfucks“ unter Höllengöttern erzählt: Despot Darkseid knechtet den Fabrik-Planeten Apokolips. Im Krieg gegen das aseptische New Genesis wird Frieden erst möglich, indem Darkseid und Patriarchen-Gott Highfather Söhne tauschen. So wächst Scott Free in Darkseids Folterkammern auf, verliebt sich in die „Female Fury“ Big Barda und flüchtet als Entfesslungskünstler „Mister Miracle“ zur Erde – alles erzählt ab 1971, in Jack Kirbys „New Gods“-Comics. Barda und Scott leben als junges, traumatisiertes Paar in LA. Ist seine Kindheit Gund für Scotts plötzlichen Suizidversch? Steckt Darkseid dahinter?

In vielen Mainstream-Comics ist das Power-Couple Scott und Barda Teil der Justice League. Für Autor Michael Chabon war Barda (dominant, souverän, wuchtiger als ihr Partner) eine prägende Sehnsuchts-Frau. Trotz Jack Kirbys pompöser, fast biblischer Mythologie sind die Eheleute zugänglich, plausibel, sympathisch. Nach 12 Ausgaben Geraune, Rätsel, Andeutungen, bleibt von „Mister Miracle“ kein (richtig stimmiger) Brainfuck-Plot: King ging es offenbar viel mehr um (oft: profane) Widersprüchlichkeiten einer modernen Partnerschaft ab 30 – skurril verfremdet.

Götter und Ausklapp-Sofas: „Mister Miracle“ fragt, wie Menschen die Verletzungen ihrer Kindheit in die Ehe tragen – und sie überwinden. Als Autor von „Batman“ liebt Tom King Halbgares, Stream-of-Consciousness-Gestammel. Auch hier bleibt vieles offen. Doch Scott und Barda rühren, leuchten!

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10. Shimanami Tasogare

geschrieben und gezeichnet trans Zeichner*x Yuhki Kamatani

Shogakukan, März 2015 bis Mai 2018.

21 Kapitel in vier Sammelbänden, abgeschlossen.

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Eine marode Kleinstadt am Meer. Eine Teestube als sanfter Rückzugsort: Safe Space. Und Tasuku, etwa 15 Jahre alt, der jedes Wochenende mit den neuen Lounge-Bekannten verlassene Häuser renoviert, bezahlt mit staatlichen Fördermitteln: Yuhki Kamatani sagt nicht, welches Geschlecht sie oder er hat – nur, dass ihm oder ihr als Kind das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Ihr oder sein Manga zeigt unter anderem eine nonbinary Figur, die weder „er“ noch „sie“ genannt werden will (und asexuell ist). Einen Crossdresser, etwa 12, der Mädchenhaftes liebt. Ein lesbisches Paar, das heiraten will. Und den älteren Tchaiko, dessen Lebenspartner im Sterben liegt. Alle Figuren fragen in ruhigen, klugen Gesprächen: Wie hängen Begehren, Queerness, Selbstverständnis und Identität zusammen?

Fast alle „Boy’s Love“-Mangas führen klischeehafte Männer-Paare für Hetero-Fans vor: sexistische Klischees wie „Der starke, größere Partner penetriert den zarten, weibischen“. Mit jenem Kitsch-und-Klischee-Erotik-Genre hat „Shimanami Tasogare“ nichts zu tun. Ein respektvolles Erklär- und Alltags-Drama ohne Exotisierung. Nur der Abschluss des auf Deutsch noch nicht erhältlichen Geheimtipps kommt viel zu abrupt: Ich hätte gern noch jahrelang verfolgt, wie sich die respektvollen Figuren gegenseitig fördern, stützen und herausfordern.

Je mehr wir über Identitäten, Sexualitäten sprechen, desto klarer wird, dass wir noch viel, viel mehr erklären und verstehen müssen. Erklär-Mangas geben bei vielen Themen Hilfestellung. Hier fließt alles so klug, entspannt, präzise – das muss in (Schul-)Bibliotheken!

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09. Der Umfall

Autor und Zeichner: Mikael Ross

Avant Verlag, 2018.

128 Seiten, abgeschlossen.

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Eine evangelische Stiftung in Niedersachsen, das inklusive Dorf Neuerkerode, gibt einen Promo- und PR-Comic in Auftrag (uff!). Ein Cartoonist, der Körper gern cartoon- und lachhaft überzeichnet, zeigt Figuren mit Behinderung (hmpf!). Hauptfigur Noel, herzig, pummelig, Anfang 20, muss zur betreuten Wohngruppe aufs platte Land, weil die Mutter einen „Umfall“ hatte, leblos im Bad lag… doch plant den wilden Roadtrip heim nach Berlin (oje!). „Mutig“ sind die kurzen, oft tragikomischen Anekdoten aus dem Heim-Alltag nicht, weil Künstler Mikael Ross Neues ausprobiert, sondern, weil er überraschend warmherzig, souverän, respektvoll zeigt, dass auch auf ausgetretenen Pfaden Raum ist für Figuren mit Behinderung, würde- und humorvoll porträtiert. Furchtbar gut gemeint. Doch, Überraschung: tatsächlich auch furchtbar gut gemacht!

Ein Spielfilm über das Dorf (und unter anderem die T4-Morde bis 1945) wäre schnell verkitscht, artifiziell. Als Roman bräuchten Ross‘ Nuancen, Ambivalenzen viel mehr Umschreibung. Und eine TV-Doku wirkt schon nach drei, vier Jahren gestrig. „Der Umfall“ gelingt – doch wiederholt ein Muster: Hauptfiguren mit geistiger Behinderung erleben oft größte Schläge. Hören immerzu, wie viel sie nicht dürfen, können, niemals erreichen. Dann weinen sie, schlagen kurz über die Stränge, und ein bittersüßes Ende zeigt: Das Leben geht weiter.

Wie Menschen, alert genug, um zu verstehen, dass ihnen dauernd Teilhabe, Normalität verweigert wird, mit dieser Dauer-Frustration umgehen, ohne, zu verbittern oder täglich zu platzen? Das fragt der immens lesenswerte Comic zwar. Eine Antwort hat das bittersüße Klischee-Ende nicht.

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08. Saga

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples

Image Comics, seit März 2012.

54+ Hefte in 9+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein Ehepaar, ihre Tochter und viele (oft wechselnde oder sterbende) Verbündete auf der Flucht – gejagt von Kopfgeldjäger*innen, Geheimdiensten und den Heeren zweier Mächte: Alana war Soldatin der Landfall-Allianz. Marko stammt vom Mond Wreath. Ihr Kind Hazel gilt als biologische Unmöglichkeit, und seit 2012 erzählten 54 Hefte/Kapitel von Gewalt, Familie (und Wahlfamilien, Solidarität), dem Glück (und manchmal Trauma), Eltern zu sein und dem Trauma (und manchmal Glück), Kind zu sein. Jedes Heft überrumpelt auf Seite 1 mit absurden neuen Settings und Figuren. Jedes Heft endet mit einem „Da staunt ihr!“-Twist. Brian K. Vaughan benutzt immer gleiche, oft eitle Kunstgriffe: Gefühlsachterbahnen. Dramatic Irony. Überraschender Verrat. Überraschende Versöhnung. So toll Fiona Staples‘ Gestalten und Design sind: „Saga“ wirkt sehr kalkuliert.

Toll darum, dass nach neun Sammelbänden (und etwa der Hälfte der geplanten Geschichte) ein radikaler Einschnitt zeigt: Vieles, das in den letzten Jahren geschah, kann nach 2018 unmöglich weiter aufgekocht, variiert werden. Die Karten liegen plötzlich anders.

„Saga“ ist verlässlich einer der anspruchsvollsten, (verkrampft) originellsten und mainstream-tauglichsten Erwachsenencomics, Jahr für Jahr. Mit Band 9 beweist Vaughan, dass er keine Masche, kein Strickmuster perfektioniert – sondern sich Anfang, Mitte und (in fünf Jahren?) Ende deutlich unterscheiden. Was in Band 6, 7, 8 mitunter wie Leerlauf, Wassertreten wirkte, liegt jetzt in einem neuen Licht. Ein guter Punkt, um einzusteigen!

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07. Go Go Power Rangers

Autor: Ryan Parrott, Zeichner: Dan Mora; später Eleonora Carlini

Boom! Studios, seit Juli 2017.

14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Alien Zordon leiht fünf Teenagern aus Angel Grove, Kalifornien, Kräfte (und Dinosaurier-Roboter), um eine böse Hexe auf dem Mond zu stoppen: Rita Repulsa. Die billige TV-Serie ab 1993 – als Rahmenhandlung: fade US-Teens im Jugendzentrum; dazwischen Monster-Kämpfe, aus der japanischen „Super Sentai“-Reihe importiert – zeigte mir damals nur, dass ich mit 11, 12 fadem Kinder-TV entwuchs. Ein 25 Jahre altes Trash-Franchise, für das mir jede Nostalgie, fast alle Kenntnisse fehlen. Doch eine Menge aktueller US-Comics (besonders bei Dark Horse, IDW und Boom) setzen Kinder- oder 90er-Erfolge komplexer, erwachsener neu fort: 2018 erhielten unter anderem neue Comics zu „Turtles“, „Transformers“, „Xena“, „Der dunkle Kristall“ exzellente Kritiken.

„Go Go Power Rangers“ gibt fünf, sechs Hauptfiguren viel Zeit: Die Reihe spielt kurz nach Folge 1 der Serie. Die Teenager hadern mit ihren Rollen, Kräften und Geheimnissen. Dass alle sprechen wie 2018, und nur ihr Jugendzentrum aussieht wie 1993? Dass ich nicht weiß, was aus Zordon oder Rita wird? Und dass ein anderer, paralleler Comic, Kyle Higgins‘ „Power Rangers“, noch mehr (viel kompliziertere) Zusatz- und Drumherum-Geschichten erzählt? Egal! Kein Fan- und Vorwissen sind nötig: Alles erklärt sich zwanglos und elegant nebenbei.

Ein Comic, an dem alles schreit „zweitrangig, nebensächlich“ beweist, dass auch fadenscheinige, lieblose Konzepte strahlen können – sobald Figuren Raum kriegen für Witz, Ideen, Verletzlichkeit.

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06. Girlsplaining; Der Ursprung der Welt; Der Ursprung der Liebe

Katja Klengel (Autorin und Zeichnerin), Reprodukt Verlag.

160 Seiten, 2018. („Girlsplaining“)

Liv Strömquist (Autorin und Zeichnerin), Avant Verlag.

(„Welt“: 140 Seiten, 2017. „Liebe“: 136 Seiten, 2018.)

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Eine Kulturgeschichte der Vulva: Wie deuteten, straften, stigmatisierten Männer weibliche Lust, Menstruation, den Körper? („Der Ursprung der Welt“) Und eine Kulturgeschichte der Idee, dass Frauen besondere Erfüllung finden, indem sie sich einem Partner unterwerfen („Der Ursprung der Liebe“: straffer, pointierter, doch etwas flacher). Feministin und Kulturwissenschaftlerin Liv Strömquist spricht in zwei Schwarzweiß-Erklär-Comics mit oft polemischem, überlangem Text und meist arg simplen, bewusst dilettantischen Zeichnungen im Punk- und Fanzine-Look über Statistiken, Denkfehler, kollektive Urteile. Bücher, die jeder Mensch ab 13 mit Gewinn lesen wird. Kurz nerven die Krakelschrift, die Textwüsten, der plump rotzige Jargon. Zu oft sind Strömquists Montagen so einladend, ansehnlich wie PowerPoint. Trotzdem: ein Muss!

Kürzer, witziger erklärt Katja Klengel, geboren 1988 in Jena, wie starke Frauenfiguren wie Sailor Moon, Buffy, Prinzessin Fantaghirò sie in den 90ern inspirierten. Wie „Sex & the City“ sie hingegegen hemmte und frustrierte. Das Stigma Körperbehaarung. Rosarotes Mädchen-Spielzeug. Die Standard-Themen feministischer Kolumnen – super-liebevoll und -gewitzt illustriert. Kein Buch stimmte mich 2018 fröhlicher: Ein fast perfekter Verschenk- und Einstiegs-Tipp, zugänglich, sympathisch!

Als Texte ohne Bilder wäre Strömquist recht glanzlos, trocken – und Klengel viel zu karg. Erst all die albernen, verspielten Illustrationen schaffen Sog und Ausgleich: Feministische Essays, die einladen, Welt neu und kritischer zu sehen.

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05. Eine Schwester

Autor und Zeichner: Bastien Vivès

Casterman, 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2018.

216 Seiten, abgeschlossen.

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Geht das nur in Frankreich – als eleganter Comic, der nur die nötigsten Umrisse zeigt? Oft sogar Blick und Augen der Figuren ausspart? Antoine ist 13, zeichnet Pokémon und schlägt mit seiner jüngeren Schwester am Strand und im Ferienhaus Zeit tot. Dann wird die 16-jährige Hélène, Tochter einer Freundin der Eltern, für ihn zur Mentorin, Vertrauten und „Schwester“. Vivès zarte, kluge Ferien-Episode wäre noch besser, würde sogar noch mehr fehlen: Das nächtliche Wettschwimmen mit melodramatischer Pointe. Die Erektion des 13-Jährigen in einer Dusch-Szene. Nicht-sehr-subtile Psychologisierungen zur Frage, was „Kind“, „Schwester“, „Zuwachs“ etc. für alle Figuren bedeuten. Originell ist nichts an dieser Geschichte – oder ihren Motiven. Manches wirkt so reißbretthaft wie eine Familienaufstellung.

Doch so, wie ich bei Vivès‘ Tanzhochschul-Comic „Polina“ (2011) noch Jahre später Räume, Körper, Choreografien erinnere und weiß: deutlicher, markanter hat mir niemand je dieses Milieu vermittelt… denke ich bei „Eine Schwester“: Respekt! Das sind Bilder und Figuren, die lange nachklingen. Für die 216 Seiten braucht man keine 30 Minuten. Alle kurzen Dialoge, spärlichen Bilder, skizzierten Zimmer, Wege, Beziehungen bleiben, nüchtern betrachtet, supervage, karg und offen. Die Kunst des Weglassens. Leerstellen, die faszinieren.

Weniger ist selten mehr. Doch selten ist so wenig… so wunderbar viel. Eine zeitlose Coming-of-Age-, Initiations-Geschichte, in der jeder Strich und jede Silbe zählen.

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04. Kingdom

Autor und Zeichner: Jon McNaught

Nobrow Press, 2018.

112 Seiten, abgeschlossen.

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1931 erschien R.C. Sherriffs „Septemberglück“: ein gemütvoller, stiller Roman über britische Kleinbürger mit fast erwachsenen Kindern, die zwei Wochen in einem Kurort sitzen – sobald es kühler wird und die Pension erschwinglich. Dieser Klassiker ist keine Satire über Spießer, und auch kein Versuch, oft heikle, trostlose Ferien und murksige Entscheidungen von Familien, denen Geld und Bildung fehlt, zu beschönigen. Jon McNaught, Illustrator (33), schafft die fast selbe Atmosphäre, in wenigen Farben und der flächigen Fehldruck-Optik von Risografien. Eine alleinerziehende Mutter, ihr Sohn (etwa 15 Jahre alt) und die kleine Schwester im Containerdorf am Meer. Ein totes Schaf in den Dünen. Eine Spielhalle am Rasthof. Der melancholische Besuch bei einer Tante. The seaside town that they forgot to close down…

McNaughts Illustrationen passen auf Buchcover oder zum „New Yorker“: retro, flächig – meist simple Spiele mit Licht, Schatten, Silhouetten, Negative Space. Die Puppengesichter, Knopfaugen der Figuren wirken schlicht – die Emotionen sind es nicht: Ein Buch über Schönheit, Schäbigkeit, Melancholie und kleines Glück, in dem jede Szene mit großflächigen Zeichnungen beginnt… doch bald schon kurze, leise Dialoge, Blicke, kleine Wendungen in immer engere, beklemmendere Panels stampft. Comic-Star Chris Ware erzählt ähnlich – und empfiehlt und fördert McNaught.

„Man braucht eben kaum Plot, wenn das Design überzeugt!“, denke ich beim Blättern. Und dann wieder: „Man braucht eben kein eitles, bombastisches Design – bei einem so simplen, zeitlosen, starken Plot.“ Ein Kleinod!

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03. Space Brothers

Autor und Zeichner: Chuya Koyama

Kodansha, seit Ende 2007.

327+ Kapitel in 34+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Große Männer – als kleine Geister: Wer Branchen zeigt, in denen Pathos und Elite zählen (Medizin, Sport, Politik, Militär), stellt Profis oft als Ausnahme- oder Übermenschen dar. Oder ruft besonders hämisch: „Kuckt. Die kochen nur mit Wasser!“ Ingenieur und Autodesigner Mutta, Anfang 30, steht im Schatten des jüngeren Hibito: dem ersten Japaner, der 2025 für eine NASA-Mondlandung im Gespräch ist. Mutta hat Gespür für Stimmungen, Ambivalenzen. Doch im Versuch, taktisch raffiniert aufzutreten, macht er sich oft zum Trottel. Eignungs-Verhöre, Budget-Debatten, Assessment Centers, lustvolles Improvisieren… „Space Brothers“ zeigt Druck und Ethos bei der NASA. Viel Navigieren mit Vorgesetzten und Kollegen. Und, je näher die Brüder dem All kommen: das Wissen, dass jeder Fehltritt die Karriere kosten kann – und Menschenleben.

Ein Manga für berufstätige Männer… der Frauen wenig Raum bietet. Die einfältige, plumpe Mutter. Die 15-jährige russische Tänzerin Olga, verliebt in Hibito. Ein afroamerikanischer Astronaut wird als Gorilla vermarktet – ohne, dass sich jemand am Rassismus stößt. Vieles wird nur langsam, über Jahre hinweg enthüllt oder präzisiert. Dann aber: toll kitsch-, pathos-, und patriotismusfrei. Deshalb vertraue ich auch bei Misstönen wie Olga oder dem Gorilla-Vergleich auf die Zeit: Vieles, das „Space Brothers“ nur kurz streift, wirkt halbgar, skurril. Später wird es en detail erklärt – und stimmig.

Mutta ist ein Unikat (und Tölpel). Ich liebe, diesem Mann beim Entscheiden zuzusehen – in einer akribisch recherchierten, glaubwürdigen Erzählwelt. Ingenieurskunst, Gruppendynamik, Lern- und Organisationspsychologie – statt plump gefeiertes Heldentum.

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02. Drei Wege

Autorin und Zeichnerin: Julia Zeijn

Avant Verlag, 2018.

184 Seiten, abgeschlossen.

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100 Jahre Frauenwahlrecht: 1918 wird Ida (18) Hausmädchen einer bürgerlichen Familie, lernt Radfahren, stellt Weichen fürs Leben. 1968 will Marlies (18) eine Ausbildung im Buchhandel – obwohl sie eh bald unter die Haube soll. 2018, nach dem Abitur, schaut Selin (18) auf ihre Mutter (Influencerin und Öko-Bloggerin) und die ambitionierte beste Freundin (Studium in den USA) – und muss abwägen, wie viel Ruhe oder Sinnsuche sie sich noch leistet. Die Bleistift-Zeichnungen, vermeintlich kindlich, strotzen vor Berlin-Details und den Spezifika historischer Milieus. Statt vieler Farben liegt nur je ein Filter über jedem Erzählstrang. Ida: blasses Gelb; Marlies: Altrosa; Selin: kühles Blau, wie LCD-Screens. In einigen Montagen, Stadtansichten stehen Filter und Zeiten wie Mosaiksteine nebeneinander: Drei Frauen radeln zu drei Zeiten durch die selbe Straße, in einem Bild.

10, 20 Seiten mehr pro Handlungsstrang – und die vielen Nebenfiguren hätten Tiefe. Mich begeistert, dass ein deutschsprachiger Comic auf Weltniveau erzählt – nicht durch gefällig kunstfertige Zeichnungen oder hochdramatische Themen. Sondern, weil Zeijn drei Frauen und ihre Welt erkennbar liebt, versteht, grandios effektiv vermittelt. Schon Barabra Yelins Comics („Irmina“, „Der Sommer ihres Lebens“) machten Spaß – wirken aber oft recht lehrstückhaft, von-oben-herab. „Die arme Frau: Opfer ihrer Zeit und Umstände!“

„Drei Wege“ ist optimistischer. Viel mehr am Individuum interessiert als am „Typus“, „Fallbeispiel“. Hätten alle Figuren so viel Tiefe, wäre das mein Buch des Jahres.

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01. Vinland Saga

Autor und Zeichner: Makoto Yukimura

Kodansha, seit Juli 2005.

155+ Kapitel in 21+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein brutales Wikinger-Epos – über Pazifismus: Thorfinn Karlsefni, Bauernkind auf Island, erlebt, wie sein oft nachgiebiger, konfliktscheuer Vater von Söldner-Hauptmann Askeladd betrogen wird. Thorfinn weiß nicht, wer den Mord in Auftrag gab, versteckt sich auf Askeladds Schiff und wird im Gefolge erwachsen: Askeladd verspricht, sich einem ehrenvollen Duell zu stellen, sobald sich Thorfinn als Messerstecher und Kampfmaschine bewährt. Der akribisch recherchierte, prachtvolle Historien-Manga startete 2007 in einem Magazin für Schuljungs: Kapitel 1 wirkt, als wolle es nur List und Kaltschnäuzigkeit übermenschlich schneller Super-Vikinger feiern. Doch ab Band 3 lässt der Plot keine Zweifel: Gewalt löst nichts. Alle (oft: historisch verbürgten) Figuren, die in Skandinavien und England intrigieren, kämpfen, Krieg führen, haben seelische Schäden – und tragen sie immer weiter.

Seit Band 15, als Thorfinn Vertraute findet, Verantwortung für Schwächere übernimmt, wird das Epos bunter, launiger. Trotzdem hat jeder Konflikt auf allen Seiten nur Verlierer – und kluge Perspektivwechsel und Dialoge zeigen, warum Konzepte wie „Mitleid“, „Atheismus“, „Demokratie“, „Gewaltfreiheit“ im frühen elften Jahrhundert, zur Zeit Leif Eriksons, nicht greifen: Eine Geistes- und Mentalitätsgeschichte aller Mitglieder der Ständegesellschaft. Duelle, Allianzen und Survival-Drama wie in „The Walking Dead“. Nur eben: warmherziger. Getragen von Idealen!

Mittelalter-Kitsch liebt alte Rollenbilder. Das Recht das Stärkeren. Der wohlige Grusel, dass jede tapfere Magd oder „zu stolze“ Leibeigene jederzeit „geschändet“ werden kann. „Vinland Saga“ zeigt komplexe Männer und Frauen – die in einer komplexen Welt maximal klug, moralisch handeln wollen.

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Die besten Bücher 2019: erste Favoriten und Empfehlungen [Buchtipps, Romane]

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bereits gelesen, Empfehlung:

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BARBARA PYM: „Vortreffliche Frauen“, Dumont, 14. Juni

„Im London der späten 40er Jahre gilt eine ledige Frau über 30 als alte Jungfer. Mildred, eine etwas farblose Dame ohne feste Bindungen, wuchs als Pfarrerstochter auf, arbeitet für eine Hilfsorganisation und engagiert sich in der Kirchengemeinde. Alles verläuft in ruhigen Bahnen, bis neue Nachbarn einziehen: eine attraktive Anthropologin und ein charmanter Marineoffizier. Das Paar stellt Mildreds Leben auf den Kopf. Nicht nur ist man dem Alkohol zugeneigt, es werden Dinge beim Namen genannt, die eine Lady lieber verschweigt. Vor allem aber wird Mildred wiederholt in Ehezwiste hineingezogen. Als sich schließlich der Pfarrer in ein neues Gemeindemitglied verliebt und Mildred um Hilfe bittet, wird es ihr zu viel: Mit einem Mal entdeckt die stets nützliche Mildred ihre eigenen Bedürfnisse und hat am Ende tatsächlich die Wahl zwischen zwei Männern. Legt sie als treusorgende Gattin des Wissenschaftlers fortan Sachverzeichnisse an, entscheidet sie sich für den Pfarrer oder verzichtet sie gar auf beide?“ [mehr: Goodreads]

Ein täuschend freundliches, doch nie betuliches oder verharmlosendes Portrait einer Frau, von der Männer denken: „Selbstverständlich, dass so eine uns zuhört. Zuarbeitet. Entgegen kommt.“

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angelesen und gemocht:

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KENT HARUF: „Abendrot“, Diogenes, 23. Januar

„Eine Kleinstadt in Colorado: Alle sind bemüht, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft ums schiere Überleben – und um die Kinder, die man ihnen wegnehmen will. Zwei Teenager sehnen sich nach Abenteuern. Doch dann gerät das Leben aller komplett aus den Fugen – und sie begegnen einander neu.“ [mehr: Goodreads]

Ich las und mochte Band 1.

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MARTA BREEN: „Rebellische Frauen – Women in Battle. 150 Jahre Kampf für Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit“, Elisabeth Sandmann Verlag, 11. Februar

„Der Kampf ums Wahlrecht war zugleich der Kampf dafür, als vernünftige, rational denkende Menschen wahrgenommen zu werden. Frauen kämpfen seit über 150 Jahren für wirtschaftliche Unabhängigkeit, Bildung, Beruf und für das Recht über den eigenen Körper und das Recht, zu leben und zu lieben, wen man will. Neben Rosa Luxemburg, Emmeline Pankhurst und Malala Yousafzai werden auch weniger bekannte Protagonistinnen der Frauenbewegung portraitiert.“ [mehr: Goodreads]

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JORGE BARON BIZA: „Die Wüste und ihr Samen“, Suhrkamp, 11. Februar

„Beim Unterschreiben der Scheidungspapiere schüttet der Vater der Mutter Säure ins Gesicht. Der gemeinsame Sohn ist anwesend, es ist der Moment, in dem er zu erzählen beginnt. Von den hilflosen Versuchen der ersten Minuten, den Schaden zu begrenzen, von der seltsamen Erleichterung, als er erfährt, dass sich der Vater eine Kugel in den Kopf geschossen hat, von der Reise an der Seite der Mutter nach Mailand zu einem Spezialisten, von seiner ganz persönlichen Höllenfahrt durch Bars und Bordelle.“ [mehr: Goodreads]

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MARTINA BERGMANN: „Mein Leben mit Martha“, Eisele, 22. Februar

„Der literarische Bericht einer ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft. Martina kümmert sich um Martha. Martha ist Mitte achtzig und in einer »poetischen Verfassung«. So nannte das Heinrich, der Mann, mit dem Martha fast vierzig Jahre lang zusammenlebte. Jetzt ist Heinrich tot, und Martina beschließt, sich der alten Dame anzunehmen, ohne mit ihr verwandt zu sein oder sie auch nur gut zu kennen. Oder ist es vielmehr Martha, die sich Martina ausgesucht hat? Martina Bergmann tritt in ihrem ebenso klaren wie empathischen Bericht den Gegenbeweis dafür an, dass die Betreuung eines dementen Menschen eine Bürde sein muss. Ein glänzend geschriebenes Plädoyer für das würdevolle Zusammenleben.“

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JAMES M. CAIN: „Mildred Pierce“, Arche, 26. Februar

„Kalifornien während der großen Depression. Mildred, Hausfrau und Mutter, hat alles verloren; ihr Vermögen, weil ihr Mann Bert im Immobiliengeschäft scheiterte, dann auch Bert selbst, der eine jüngere Geliebte hat. Mildred bleibt mit ihren Töchtern, der zarten Ray und der älteren Veda, einem selbstherrlichen, kaltherzigen Mädchen zurück und baut nach und nach ein Restaurant-Imperium auf… als ihr Hang zu Männern ohne Rückgrat und ihre fast toxische Liebe zur niederträchtigen Veda sie zu ruinieren drohen.“ [mehr: Goodreads]

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MIAOJIN QIU: „Aufzeichnungen eines Krokodils“, dtv, 28. Februar

„Lazi studiert in den 80er Jahren kurz nach Aufhebung des Kriegsrechts in Taipeh und liebt die ältere Shui Ling. Nach der Trennung steht ein als Mensch getarntes Krokodil vor Lazis Tür, schüchtern, doch scharfsinnig und sehr überzeugend. Das Krokodil entflammt Lazi mit einer umstürzlerischen Idee.“ [mehr: Goodreads]

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WILLIAM KENT KRUEGER: „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“, Piper, 1. März

„Im Sommer 1961 kommt der Tod in vielen Formen nach New Bremen. Als Unfall. Selbstmord. Und als Mord. Zusammen mit seinem kleinen Bruder Jake scheint der dreizehnjährige Frank immer am falschen Ort zu sein – oder am richtigen, schließlich liefert eine Leiche auch Stoff für gute Geschichten. Bis das Sterben auch Franks Familie heimsucht.“ [mehr: Goodreads]

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MIRIAM TOEWS: „Die Aussprache“, Hoffmann und Campe, 5. März

„Acht Frauen. 48 Stunden Zeit, die eigene Geschichte umzuschreiben. Jahrelang versuchen sie, mit dem, was geschehen ist, zurechtzukommen. Jetzt haben die Frauen einer abgeschieden lebenden [Mennoniten-]Gemeinschaft die Gelegenheit, alles anders zu machen. Und so ergreifen sie das Wort. Sollen sie bleiben oder gehen? Bleiben sie, dann müssen sie nicht nur angehört werden, sondern auch verzeihen. Gehen sie, müssen sie in einer ihnen gänzlich unbekannten Welt den Neuanfang wagen.“ [mehr: Goodreads]

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DEBORAH LEVY: „Was das Leben kostet“, Hoffmann und Campe, 5. März

„Deborah Levy ist um die 50: Sie und ihr Mann gehen getrennte Wege, die ältere Tochter zieht fort, das gemeinsame Haus gibt es nicht mehr, ihre Mutter liegt im Sterben. Levy nimmt diese schmerzhaften Einschnitte zum Anlass, von Grund auf neu über die Frage nachzudenken, was es heißt, als Frau ein sinnreiches, erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Eine kluge Aktualisierung der Gedanken Simone de Beauvoirs.“ [mehr: Goodreads]

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ADAM SILVERA: „Was mir von dir bleibt“, Arctis, 22. März

„Freundschaft, Liebe, Verlust, Trauer, Selbstsuche: Als Griffins erste Liebe und Exfreund Theo bei einem Unfall stirbt, bricht eine Welt zusammen. Obwohl Theo aufs College nach Kalifornien gezogen war und anfing, Jackson zu daten, hatte Griffin nie daran gezweifelt, dass Theo eines Tages zu ihm zurückkehren würde. Für Griffin beginnt eine Abwärtsspirale. Er verliert sich in seinen Zwängen und selbstzerstörerischen Handlungen. Seine Geheimnisse zerreißen ihn innerlich. Sollte eine Zukunft ohne Theo für ihn überhaupt denkbar sein, muss Griffin sich zuerst seiner eigenen Geschichte stellen.“ [mehr: Goodreads]

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BETTY SMITH: „Glück am Morgen“, Insel, 9. April

„Annie liebt Carl. Carl liebt Annie. Die Achtzehnjährige verlässt heimlich die Wohnung ihrer Mutter in Brooklyn und zieht in die kleine Universitätsstadt im Mittleren Westen, wo Carl Jura studiert. Sie lassen sich gegen den Willen ihrer Eltern trauen. Sie müssen mit wenig zurechtkommen, Carl hat kaum Zeit, Annie dafür umso mehr. Doch das Leben meint es gut mit ihnen, Annie findet neue Freunde, Carl bessere Nebenjobs, Annie besucht heimlich Literaturseminare und hat erste kleine Erfolge als Schriftstellerin. Ein wunderbar leichter Roman über das große Glück, zu lieben und geliebt zu werden.“ [mehr: Goodreads]

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GABE HABASH: „Stephen Florida“, Rowohlt, 16. April

„Das Alleinsein, die Besessenheit, das Ringen und der Wunsch, Großes zu schaffen. College in North Dakota: Stephen müht sich, von Sieg zu Sieg zu eilen. Abseits der Matte gelingt ihm nichts: Sein einziger Freund ist auf dem Sprung, seine Freundin eine Ablenkung, die er sich nicht erlauben kann. Als eine Verletzung ihn zu einer Winterpause zwingt, ringt er alleine mit sich und seinen Traumata.“ [mehr: Goodreads]

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TIM WINTON, „Die Hütte des Schäfers“, Luchterhand, 8. Juni

„Ein ödes Kaff in Westaustralien: Jaxie Clackton, 15, hat Angst, nach Hause zu gehen, seit seine Mutter gestorben ist. Sein Vater bedeutet für ihn nur Ärger und Gewalt. Jaxie läuft immer Richtung Norden, in die heiße, wasserlose Salzwüste, eine tödliche Gefahr für jeden, der sich dort nicht auskennt. Am Ende seiner Kräfte stößt er auf einen einsamen alten Mann in einer verlassenen Schäferhütte, und obwohl sein Leben von ihm abhängt, weiß er nicht, ob er ihm trauen kann.“ [mehr: Goodreads]

Tim Winton schrieb mein Lieblingsbuch 2016: „Inselleben“, und Klaus Berr ist einer der besten Übersetzer, die ich kenne.

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AMI POLONSKY: „Und mittendrin ich“, cbj, 24. Juni

„Was wäre, wenn dein Äußeres das genaue Gegenteil deines Inneren wäre? Du deine Sehnsucht einfach nicht mehr länger geheim halten könntest? Würdest du den Mut haben, du selbst zu sein? Bisher machte sich [trans Mädchen] Grayson, 12, in der Schule unsichtbar. Als eine unerwartete Freundschaft und ein verständnisvoller Lehrer Grayson ermutigen, ins Rampenlicht zu treten, findet Grayson endlich einen Weg, ihre Flügel auch im wahren Leben zu entfalten.“ [mehr: Goodreads]

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GENGOROH TAGAME: „Der Mann meines Bruders“, Carlsen, 29. Januar

„Kanadier Mike Flanagan ist der hinterbliebene Ehemann von Yaichis verstorbenen Zwillingsbruder Ryoji, der als Erwachsener die Akzeptanz seiner Sexualität im Ausland suchte. Mike will mit seinem Besuch endlich die japanische Verwandschaft kennenlernen und seine Trauer teilen.“ [mehr: Goodreads]

Ich las die ersten drei Bände: Band 1 ist holprig und wirkt konstruiert. Erst nach Band 2 wusste ich: Ich will das weiter lesen.

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neu von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren:

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TAKIS WÜRGER: „Stella“, Hanser, 11. Januar

„1942. Friedrich, ein stiller junger Mann vom Genfer See, kommt nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt ihn mit in die geheimen Jazzclubs, trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Eines Morgens klopft sie an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.“ Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht – über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.“

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BARBARA HONIGMANN: „Georg“, Hanser, 28. Januar

„Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. [Nur] er wurde älter… Sie hießen Ruth, Litzy, das war meine Mutter, Gisela und Liselotte…“ Die private Seite einer Lebensgeschichte, die um die halbe Welt führt: Frankfurt, Odenwaldschule, Paris-London-Berlin, dazwischen Internierung in Kanada, nach der Emigration der Weg in die DDR. Und bei alldem die wiederkehrende Erfahrung: „Zu Hause Mensch und auf der Straße Jude.“ Barbara Honigmann erzählt lakonisch und witzig von ihrer deutsch-jüdisch-kommunistischen Sippe.“

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KENAH CUSANIT: „Babel“, Hanser, 28. Januar

„1913, unweit von Bagdad: Die Ausgrabung Babylons. Der Archäologe Robert Koldewey leidet schon genug unter den Ansichten seines Assistenten Buddensieg. Kenah Cusanits erster Roman ist Abenteuer- und Zeitgeschichte zugleich – klangvoll, hinreißend, klug.“

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BARBARA STENGL: „Siehst du mich?“, Europa Verlag, 1. Februar

„Nina kehrt nach St. Georgen an der Gusen im oberösterreichischen Mühlviertel zurück, um gemeinsam mit ihrer betagten Großtante Resl Totenwache zu halten: Am Sarg der Mutter will Nina endlich Klarheit über ihre Herkunft und den Vater. In Rückblenden erzählt Stengl die Biografien von Großmutter, Mutter und Tochter und legt dabei ein kaum beachtetes Kapitel der österreichischen NS-Geschichte offen.“

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PEGGY MÄDLER: „Wohin wir gehen“, Galiani, 14. Februar

„Almut und Rosa, zwei Mädchen im Böhmen der 1940er Jahre: Als Almuts Vater überraschend stirbt und ihre Mutter Selbstmord begeht, nimmt Rosas Mutter, eine deutsche Kommunistin und Antifaschistin, die nach dem Krieg wie alle Deutschen die Tschechoslowakei verlassen muss, beide Mädchen mit nach Brandenburg. Sie werden Lehrerinnen, ziehen nach Berlin, doch mit 30 entscheidet sich Rosa abermals für einen Neuanfang: Wenige Monate vor dem Mauerbau steigt sie nur mit einer Handtasche in die S-Bahn nach Westberlin. Almuts Welt bricht verliert ihr Oben und Unten. Ein halbes Jahrhundert später hat Almuts Tochter Elli ebenfalls eine beste Freundin, die Dramaturgin Kristine. Und sie ist es schließlich, die sich im Alter um Almut kümmert, als Elli in Basel eine Stelle am Theater hat. Erfahrungen und Erinnerungen lagern sich wie Sedimente ab. Weggehen, Ankommen oder Bleiben?“

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MARKO DINIC: „Die guten Tage“, Zsolnay, 18. Februar

„Im täglich zwischen Wien und Belgrad verkehrenden „Gastarbeiter-Express“, einem Bus, rollt der Erzähler durch die ungarische Einöde. Jener Stadt entgegen, in der er aufgewachsen ist. Die Bomben, der Krieg, Miloševic, den er zuerst lieben, dann hassen gelernt hat, und der Vater, für dessen Ideologie und Opportunismus er nur noch Verachtung empfindet, hatten ihn ins Exil getrieben. Eine traumatisierte Generation, zwanzig Jahre nach dem Bombardement von Belgrad.“

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WALTER GROND: „Sommer ohne Abschied“, Haymon, 21. Februar

„Eine Kleinstadt in der Provinz, zwei Paare, ein zugezogenes, ein alteingesessenes, und ein mysteriöser Vorfall, der die Gemüter im Ort bewegt: Auf einer zweiten Ebene erzählt Grond von der tiefsitzenden Angst einer Gemeinschaft, sich Fremdem gegenüber zu öffnen – und von der letztlich nie sicher überbrückbaren Kluft zwischen Städtern und Landbewohnern. Ein psychologisch fein gewobener Roman von schlichtem sprachlichem Glanz, der auf subtile Weise die Nervosität der Gegenwartsgesellschaft bloßlegt.“

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JAROSLAV RUDIS: „Winterbergs letzte Reise“, Luchterhand, 25. Februar

„Jan Kraus arbeitet als Altenpfleger in Berlin. Geboren ist er in Vimperk, dem früheren Winterberg, im Böhmerwald, seit 1986 lebt er in Deutschland. Unter welchen Umständen er die Tschechoslowakei verlassen hat, bleibt sein Geheimnis und sein Trauma. Kraus begleitet Schwerkranke in den letzten Tagen ihres Lebens. Die Tage, Wochen, Monate, die er mit seinen Patienten verbringt, nennt er „Überfahrt“. Einer von denen, die er auf der Überfahrt begleiten soll, ist Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec, Reichenberg. Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Als Kraus ihn kennen lernt, liegt er gelähmt und abwesend im Bett. Es sind Kraus‘ Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk, die Winterberg aufwecken und ins Leben zurückholen. Doch Winterberg will mehr von Kraus, er will mit ihm eine letzte Reise antreten, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe – eine Reise, die die beiden durch die Geschichte Mitteleuropas führt. Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Denn nicht nur Kraus, auch Winterberg verbirgt ein Geheimnis.“ [der unaufgeregt-schönste, präziseste, beste Klappentext, den ich dieses Jahr las. bitte mehr hiervon – statt Floskeln.]

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DANIELA KRIEN: „Die Liebe im Ernstfall“, Diogenes, 27. Februar

„Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun die Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber keinesfalls bricht.“

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JUAN S. GUSE: „Miami Punk“, Fischer, 27. Februar

„Der Atlantik hat sich über Nacht von der Küste Floridas zurückgezogen und eine Wüste hinterlassen. Kreuzfahrtschiffe rosten im Sand vor Miami, die Hotels bleiben leer, der Hafenbetrieb ist eingestellt und selbst die Dauerwerbesendungsindustrie liegt am Boden. Mittendrin eine überambitionierte Indie-Game-Programmiererin, eine strauchelnde Arbeiterfamilie, eine junge Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal. Ein Roman über die Bedeutung von Arbeit, über Herrschaft und Macht und über einsame Nächte vor dem Computer.“

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ISABELLE LEHN: „Frühlingserwachen“, Fischer, 27. Februar

»Ich glaube an den Verstand, den freien Willen und die Kraft der Gedanken. Ich glaube an Biochemie, Serotoninmangel und erhöhte Entzündungswerte. Ich glaube an Alkohol und Penetration, an die Sehnsucht nach Selbstaufgabe und die Würde des Scheiterns. Ich glaube an die Wirksamkeit von Psychopharmaka – und sogar daran, ein schönes Leben zu haben.« Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn.“

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REINHARD KAISER-MÜHLECKER: „Enteignung“, Fischer, 27. Februar

„Nach Jahren auf Reisen kehrt ein Journalist in den Ort seiner Kindheit zurück. Er schreibt für das kriselnde Lokalblatt, beginnt eine Affäre und arbeitet auf dem Hof eines Mastbauern, dessen Land enteignet wurde. Ines, Hemma, Flor ziehen ihn hinein in die Kämpfe um ihr Leben, das ihnen weggenommen wird. Ein existentieller und aufwühlender Roman.“

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BIJAN MOINI: „Der Würfel“, Atrium, 28. Februar

„Deutschland wird von einem perfekten Algorithmus gesteuert: Der »Würfel« ermöglicht den Menschen ein sorgenfreies Leben, zahlt allen ein Grundeinkommen, erstickt Kriminalität im Keim. Dafür sammelt er selbst intimste Daten. Berechenbarkeit ist zum höchsten Gut geworden. Einer der wenigen Rebellen ist der 28-jährige Taso. Mit großem Aufwand entzieht er sich der Totalerfassung. Dalia floh aus einer rückständigen Sekte und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Leben in der schönen Welt des Würfels. Taso verliebt sich, gerade als der Widerstand ihn rekrutieren will. Plötzlich steht er vor einer unmöglichen Entscheidung: Verrät er seine Ideale – oder eine ideale Welt?“

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TABEA HERTZOG: „Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“, Berlin Verlag, 1. März

„Eine junge Frau erhält kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag eine Diagnose, die alles verändert: Chronische Niereninsuffizienz. Alle Zukunftspläne sind plötzlich hinfällig. Dann verschlechtern sich die Nierenwerte, sodass sie dreimal pro Woche zur Dialyse muss. Bald wird klar: Ein neues Organ muss her. Krankheit und Spendersuche werfen sie auf ihre Familie und Vergangenheit zurück. Bei der Mutter aufgewachsen hat sie zum Vater erst seit Kurzem vorsichtigen Kontakt. Im Krankenhaus treffen alle erstmals wieder aufeinander. Tabea Hertzogs eigene, wahre Geschichte voller Empathie, Tragik, Lakonie und Humor.“

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TANJA RAICH: „Jesolo“, Blessing, 4. März

„Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Jedes Jahr verbringen sie einen netten Urlaub in Jesolo. Andrea will sich nicht festlegen, doch Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben. Nach dem Urlaub ist Andrea schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind – und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie einen Kredit aufnehmen wollte; zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen unter einem Dach leben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann. Ein bewegender Roman über zehn Monate im Leben einer jungen Frau, der nicht nur Beziehung, Schwangerschaft und Familie in ihrer ganzen Ambivalenz zeigt, sondern auch, wie schwierig es ist, wie unmöglich fast, sich angesichts gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen als Individuum zu behaupten.“

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FERIDUN ZAIMOGLU: „Die Geschichte der Frau“, Kiepenheuer & Witsch, 7. März

„Es spricht die Frau. Ein literarisches Abenteuer, ein großer Gesang, ein feministisches Manifest: Feridun Zaimoglus neuer Roman ist ein unverfrorenes Bekenntnis zur Notwendigkeit einer neuen Menschheitserzählung – aus der Sicht der Frau. Es lässt zehn außerordentliche Frauen zur Sprache kommen vom Zeitalter der Heroen bis in die Gegenwart. Menschen, deren Sicht auf die Dinge nicht überliefert wurde. Weil Männer geboten, die Wahrheit tilgten und die Lüge zur Sage verdichteten. Diesen Frauen war es vorbehalten, schweigend unsichtbar zu bleiben oder dekorativ im Bild zu stehen. Doch nun sprechen sie – klar und laut, wie eine abgefeuerte Kugel. Folgende Frauen kommen zu Wort: Zippora, 1490 v. Chr. – schwarzhäutige Frau des Moses; Antigone – Streiterin gegen Gewaltherrschaft; Judith am 6. Tag nach der Auferstehung – Jüngerin Jesu, Frau des Judas; Brunhild, 429 – zaubermächtige Walküre; Prista Frühbottin, 1540 – heilkundige Frau, der Hexerei bezichtigt; Lore Lay, 1799 – Magd, die sich vom Dichter nicht bannen lässt; Lisette Bielstein, 1849 – rote Fabrikantentochter; Hildrun Tilmanns, 1945 – Trümmerfrau; Leyla, 1965 – Gastarbeiterin der ersten Stunde; Valerie Solanas. 1968 – Feministin, die zur Waffe greift.“ [Das klingt krass präpotent und selbstverliebt.]

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KARL-MARKUS GAUß: „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“, Zsolnay, 11. März

„Abenteuer suchen viele in der Ferne, Karl-Markus Gauß findet sie im Reich der Gegenstände. Dinge des Alltags, die er preist und in denen er die Vielfalt und den Reichtum der Welt entdeckt. Dadurch erfahren wir von tapferen und merkwürdigen Menschen, von entlegenen Regionen, unbekannten Nationalitäten und nicht zuletzt von den Vorlieben des Verfassers selbst. Karl-Markus Gauß, der Kartograph der Ränder von Europa, führt uns auf eine charmante, unterhaltsam lehrreiche Expedition ins unbekannte Gelände des Privaten.“

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ANSELM NEFT: „Die bessere Geschichte“, Rowohlt, 12. März

„Internatsroman, tragische Liebesgeschichte und Roman über Führung und Verführung. Mit 13 kommt Tilman auf ein Internat an der Ostsee, verliebt sich in Ella und findet Aufnahme in ihrer Schülergruppe, geleitet vom sehr unkonventionellen Lehrerpaar Wieland. Als er sich zwischen Ella und der „Familie“ entscheiden muss, kommt es zur Katastrophe. 27 Jahre später erhält der bekannte Schriftsteller Tilman Weber einen Telefonanruf. Ella will die sexuelle Gewalt von damals öffentlich machen. Tilman will das auf keinen Fall.“

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SARAH KUTTNER: „Kurt“, Fischer, 13. März

„»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen. Das Kind pendelt nun wochenweise hin und her.« Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert. Kuttner erzählt von einer ganz normalen komplizierten Familie und davon, was sie zusammenhält, wenn das Schlimmste passiert.“

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MONIKA RINCK: „Champagner für die Pferde. Ein Lesebuch“, Fischer, 13. März

„Eine Feier der Poesie! Das umfangreiche Lesebuch, das die Autorin zusammen mit ihrer Verlegerin Daniela Seel zusammengestellt hat, steht im Zeichen der Fülle: Gedichte, Essays und Kurzprosa aus mehr als zwanzig Jahren. Es geht um Witz und Literatur, Schwimmen und Schlafen, Glück und Erschöpfung, Sammeln und Wegwerfen und die Ekstase der Wiederholung.“

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RUTH SCHWEIKERT: „Tage wie Hunde“, Fischer, 13. März

„Wenige Monate nach ihrem 50. Geburtstag erhält Ruth Schweikert die Diagnose, dass sie an einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt ist. In welchen Käfig aus Vorstellungen, Technik und Terminen gerät jemand, der Krebs hat? Schweikert erzählt radikal genau von der Wirklichkeit der eigenen Krankheit. Es geht um schlaflose Nächte, Spritzen und Katheter. Doch es geht auch ums eigene Schreiben und Lesen, Einsamkeit und Scham.“

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EWALD ARENZ: „Alte Sorten“, Dumont, 18. März

„Sally kurz vor dem Abitur, hasst Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Liss bewirtschaftet allein einen Hof zwischen Weinbergen und Feldern. Schon beim ersten Gespräch stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, bei ihr auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für eine, die nie über sich spricht, die allein das Haus bewohnt, in dem doch die frühere Anwesenheit anderer zu spüren ist? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten, Bienen zuckern, erfahren die beiden Frauen nach und nach von den Verletzungen der jeweils anderen.“

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SASA STANISIC: „Herkunft“, Luchterhand, 18. März

„Ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. Ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh. HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist. In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden. Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišić.“

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JOCHEN VEIT: „Mein Bruder, mein Herz“, Arche, 22. März

„Vor vielen Monaten, als die Eltern unter ungeklärten Umständen spurlos verschwanden, verließ Stephan seinen 13 Jahre jüngeren Bruder Benno und das abgelegene Dorf im Schwarzwald. Jetzt kehrt er zurück. Hat Benno etwas mit dem Verschwinden der Eltern zu tun gehabt? Während sich über dem unergründlichen Dickicht des Waldes der Himmel verdunkelt, kommt Stephan einer Wahrheit über sich und seinen Bruder immer näher – bis ein Sturm losbricht, der droht, alles zum Einsturz zu bringen.“

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REGINA SCHEER: „Gott wohnt im Wedding“, Penguin, 25. März

„Ein Haus. Ein Jahrhundert. Der ehemals rote Wedding: ärmlicher Stadtteil in Berlin. Leo kehrt nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurück, obwohl er das nie wollte. Enkelin Nira liebt Amir, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila weiß gar nicht, dass ihre Sinti-Familie hier einst wohnte. Die alte Gertrud hat Leo 1944 im Versteck auf dem Dachboden entdeckt – aber nicht verraten.“

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SVENJA GRÄFEN: „Freiraum“, Ullstein fünf, 29. März

„Vela und Maren wollen Kinder. Doch dann bricht Maren aus: in ein Haus am Rand der Stadt, mit vielen anderen. Hier gibt es keine Mietanpassungen und keine Preiserhöhungen auf Milch und Käse. Hier ist auch Theo, um den in der Gemeinschaft alles kreist.“

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ANN COTTEN: „Lyophilia“, Suhrkamp, 31. März

„Ann Cotten ist erwachsen geworden, was uns ein Stück weit in die Zukunft katapultiert. Sie behauptet, nur mehr konstruktiv am Funktionieren eines vernünftigen Lebens für möglichst alle interessiert zu sein. Ganz der menschenfreundliche Roboter, quasi. Die alternden Bewohnerinnen des kurz nach Eröffnung bankrott erklärten Siedlungsasteroiden Amore (KAFUN) halten sich an Klischees und Running Gags fest, um einen Halt gegen die Trauer zu finden. Eine Sammlung von Erzählungen wie ein Schuss ins Knie, die Ann Cotten die letzten Jahre etwas hochstaplerisch als »Science Fiction auf Hegelbasis« angekündigt hat.“

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DORIS ANSELM: „Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie“, Luchterhand, 27. Mai

„Gibt es noch schmutzige Worte? Hilft Fesseln gegen Traurigkeit? Gedeiht im Unanständigen vielleicht ein besonderer Anstand? – Sie ist eine Frau, die Sex mag und seltsame Fragen, ihre eigene Haut und die Haut ganz verschiedener Männer. Die überraschend glückliche sexuelle Biografie einer freien Frau.“

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ANDREAS MAIER: „Die Familie“, Suhrkamp, 17. Juni

„Am Ende dieses Romans ist der Erzähler Andreas 28 Jahre alt und studiert in Frankfurt am Main. Konflikte des fünf Jahre älteren Bruders mit dem CDU-Vater: Der Bruder gründet, kaum fünfzehn, den ersten Grünen-Verband in der Stadt mit. Andreas ist damals zwölf und lernt erstmals, wie offen zutage liegende Wahrheiten von engsten Verwandten dauerhaft bestritten werden. Als Student beginnt er Protagonist zu begreifen, dass Öffentlichkeit auf Unwahrheit, Verdrängung und kollektiver Rationalisierung beruht.“ Ich las alle bisherigen Teile von Maiers „Ortsumgehungs“-Zyklus. „Die Universität“, der direkte Vorgänger, war der bisher schlechteste. Trotzdem: Vorfreude!

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CORNELIA FUNKE: „Das Labyrinth des Fauns“, Fischer, 2. Juli

„Spanien, 1944: Ofelia zieht mit ihrer Mutter in die Berge, wo ihr neuer Stiefvater mit seiner Truppe stationiert ist. Der dichte Wald wird zum Königreich voller magischer Wesen. Ein geheimnisvoller Faun stellt dem Mädchen drei Aufgaben. Besteht sie, wird sie Prinzessin des Reiches. Immer tiefer wird Ofelia in eine phantastische Welt hinein gezogen, die wundervoll ist und grausam zugleich. Inspiriert von Guillermo del Toros grandiosem oscarprämierten Meisterwerk »Pans Labyrinth« schafft Bestsellerautorin Cornelia Funke eine Welt, wie nur Literatur es kann.“

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internationale Literatur, neu übersetzt:

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LARS MYTTING: „Die Glocke im See“, Insel, 14. Januar

„Norwegen, 1880: Die wissbegierige Astrid ist anders als die übrigen Mädchen im dunklen, abgeschiedenen Tal. Sehnt sie sich nach einem Leben mit dem jungen Pastor Kai Schweigaard? Oder entscheidet sie sich für das Neue, Unberechenbare? Schweigaard will die 700 Jahre alte Stabkirche in Butangen abreißen und durch eine modernere, größere Kirche ersetzen. Er hat auch schon Kontakt zur Kunstakademie in Dresden: Architekturstudent Gerhard Schönauer soll den Abtransport der Kirche nach Dresden und den Aufbau dort überwachen. Astrid rebelliert, denn mit der Kirche verschwänden auch die beiden Glocken, die einer ihrer Vorfahren einst stiftete. Astrid verliebt sich Gerhard: modern, weltoffen, elegant. Wählt sie die Heimat und den Pfarrer oder den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft in Deutschland?“ [mehr: Goodreads]

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EDOUARD LOUIS: „Wer hat meinen Vater umgebracht“, Fischer, 23. Januar

„Ein zorniger junger Autor auf Erfolgskurs: An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung, lautete der erste Satz in Edouard Louis‘ Roman »Das Ende von Eddy«. Mittlerweile versteht er die Gewaltausbrüche seines Vaters, der unter der sozialen Ungerechtigkeit einer Gesellschaft litt, die für Menschen wie ihn keinen Platz hat. Eine überwältigende Hommage an die gescheiterten Träume des Vaters.“ [mehr: Goodreads]

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VRATISLAV MANAK: „Heute scheint es, als wäre nichts geschehen“, Karl Rauch Verlag, 5. Februar

„Der junge Lehrer Ondřej Šmid kommt zur Feier des achtzigsten Geburtstags seines Großvaters nach Pilsen zurück und wird Geheimnissen und Erinnerungen konfrontiert. Schnell drängt sich ihm die Frage auf, ob es Dinge in seiner Kindheit gibt, die ihm entgangen sind oder die er verdrängte. Fragmente setzen sich zusammen wie die bunten Elemente eines Zauberwürfels.“ [mehr: Goodreads, viele schlechte Kritiken]

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JOHANNE HOLMSTRÖM: „Die Frauen von Själö“, Ullstein, 8. Februar

„In einer Herbstnacht 1891 ertränkt Kristina Andersson ihre beiden Kinder im Meer. Sie kommt in die Nervenheilanstalt auf Själö, einer Insel im Schärengarten Finnlands – kaum eine der Patientinnen, die hier eingewiesen werden, verlässt die Insel jemals wieder. Vierzig Jahre später wird die siebzehnjährige Elli ebenfalls dort eingeliefert. Sie lief von zu Hause weg, verliebte sich Hals über Kopf und musste vor der Polizei fliehen. Zwei Frauen, die einen hohen Preis für ihr Verlangen, ihre Liebe und ihr Streben nach Freiheit bezahlen mussten.“ [mehr: Goodreads]

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PIERRE LEMAITRE: „Die Farben des Feuers“, Klett-Cotta, 28. Februar

„Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs regieren Habgier und Neid in Paris, und so bahnt sich ein Komplott an, das mächtige Bankimperium Péricourt zu Fall zu bringen. Doch Alleinerbin Madeleine weiß die Verhältnisse in Europa für sich zu nutzen und dreht den Spieß um. In einer Epoche, in der es Frauen nicht einmal gestattet war, selbst einen Scheck zu unterschreiben beginnt Madeleine, ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.“ [mehr: Goodreads]

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ANGIE THOMAS: „On the come up“, cbj, 4. März

„Bri ist 16 und will berühmte Rapperin werden. Als Tochter einer Rap-Legende ist das nicht leicht: Ihr Vater starb, kurz bevor er den großen Durchbruch schaffte. Dann verliert ihre Mutter ihren Job. Plötzlich gehören Essensausgaben, Zahlungsaufforderungen und Kündigungen ebenso zu Bris Alltag wie Reime und Beats.“ [mehr: Goodreads]

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TORE RENBERG: „Von allen Seiten“, Heyne, 4. März

„Bens Vater ist geizig, Bens Mutter psychotisch. Ben langweilt das triste Leben, nur ab und zu unterbrochen von kurzen Glücksmomenten beim Klebstoffschnüffeln. Mit seinem älteren Bruder Rikki macht er sich auf nach Stavanger: Dort leben Onkel Rudi, Jan Inge und Cecilie, die sich einen Dreck scheren um Recht und Gesetz.“ [Band 2 einer Trilogie; mehr: Goodreads]

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SIRI HUSTVEDT: „Damals“, Rowohlt, 5. März

„1979: Eine junge Frau bezieht ein winziges Zimmerchen im heruntergekommenen Morningside Heights. S.H. kommt direkt aus der amerikanischen Provinz; daher ihr Spitzname: „Minnesota“. Sie will Schriftstellerin werden, genießt den Schmutz wie den Glanz, das turbulente Leben wie die Einsamkeit. Alles Neue saugt sie in sich auf. So auch die oft skurrilen Monologe und gesungenen Mantras aus der Nachbarwohnung. Lucy Brite, liest sie auf dem Klingelschild. Doch mit der Zeit wünscht sie, sie hätte nicht so genau hingehört. Immer dringlicher, klagender werden Lucys Gesänge. Von Misshandlung ist die Rede, Gefangenschaft, Kindstod, von Mord. Nach und nach wird die Nachbarin zu einer immer schrecklicheren Obsession. Frauensolidarität und Männerwahn, Liebe und Geschlechterkampf, Gewalt und Versöhnung.“

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CHRISTELLE DABOS: „Die Verlobten des Winters“, Insel, 11. März

„Ophelia kann Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf der Arche Anima lebt sie inmitten ihrer riesigen Familie. Doch sie soll auf die eisige Arche des Pols ziehen und einen Adligen, Thorn, heiraten. Warum wurde ausgerechnet sie, das zurückhaltende Mädchen mit der leisen Stimme, auserkoren? Ophelia macht sich auf den Weg in ihr neues, blitzgefährliches Zuhause.“ [mehr: Goodreads. Young Adult, erster Teil einer französischen Reihe]

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ALESSIO DE SANTA: „The Moneyman – Die Geschichte von Roy und Walt Disney“, Knesebeck, 20. März

„Walt Disneys Lebenswerk wäre nicht möglich gewesen ohne seinen Bruder Roy, der sich um die finanzielle Seite kümmerte. Von Kindheit an hatten die beiden ein enges Verhältnis. Roy unterstützte Walts Pläne, Künstler zu werden. Aus Roys Sicht erzählt diese lebhaft illustrierte Graphic Novel die Geschichte von Walt Disney und lässt den Geist der 1940er und 1950er Jahre spüren.“ [mehr: Goodreads]

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PHILIPPE LANCON: „Der Fetzen“, Klett-Cotta, 23. März

„An einem Morgen im Januar entscheidet sich Lançon spontan, in der Redaktion von Charlie Hebdo vorbeizuschauen. Er sitzt im Konferenzraum, als zwei maskierte Attentäter das Gebäude stürmen. Kurz darauf sind die meisten seiner Freunde tot, ihm selbst wird der Unterkiefer zerschossen. Lançon wird nicht als Gastdozent nach Princeton gehen, wie es geplant war. Er wird seine Querflöte verschenken, die er nicht mehr spielen kann. Er wird lange Zeit keine Redaktion mehr betreten. Stattdessen wird er siebzehn Gesichtsoperationen erdulden und versuchen, seine Identität zu rekonstruieren.“ [mehr: Goodreads]

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JOHAN HARSTAD: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“, Rowohlt, 26. März

„Freundschaft, Flucht, Liebe, Krieg und Kunst: Max Hansen wächst in Norwegen auf. Ein Idyll – bis Max‘ Familie an die US-Ostküste emigriert. Mordecai wird Max‘ bester Freund und macht ihn mit Mischa bekannt, einer sieben Jahre älteren Künstlerin. Sie ist es auch, die Max anstiftet, nach seinem geheimnisvollen Onkel Owen zu suchen, einem Vietnam-Veteranen. Die unkonventionelle WG wird zum Epizentrum des Lebens von Max, Mischa, Mordecai und Owen.“ [mehr: Goodreads]

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VIOLAINE HUISMAN: „Die Entflohene“, Fischer, 27. März

„Huisman erzählt die Geschichte ihrer schräg-charmanten Mutter: Catherine konnte ausrasten, die beiden Töchter unflätig beschimpfen, um sie gleich danach in Liebe zu ertränken. Sie ist manisch-depressiv. Mit gnadenloser Aufrichtigkeit und großer Wärme erinnert sich Huisman an ihre schöne, witzige und widersprüchliche Mutter und die unkonventionelle Familie.“ [mehr: Goodreads]

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TORBORG NEDREAAS, „Im Mondschein wächst nichts“, Kameru Verlag, 29. März

„Ein Zufall führt zwei Fremde – eine Frau und einen Mann – in den 20er Jahen auf dem Bahnhof einer norwegischen Kleinstadt zusammen. Statt des erwarteten erotischen Abenteuers beginnt die junge Frau mit schonungsloser Offenheit über ihr Leben und ihre hoffnungslose Liebe zum Gymnasiallehrer Johannes zu erzählen. Eine Liebe, die sich über Standesvorurteile hinwegzusetzen versuchte.“ [mehr: Goodreads]

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MICH VRAA, „Jetzt seid ihr frei“, Hoffmann und Campe, 1. April

„1827 soll Peter von Scholten die königlichen Schatzkammern mit Reichtümern aus der Kolonie Indien füllen – ohne Rücksicht auf Menschenleben. Doch für von Scholten sind auch Sklaven Menschen, eine Einstellung, für die ihn die Plantagenbesitzer hassen. Auf seiner Seite stehen die Humanisten Maria Eide und ihr Mann Mikkel, die den Sklaven Gehör verschaffen wollen, und vor allem die freie, wohlhabende Einheimische Anna Heegaard, in die Peter sich verliebt. Und die Zeiten ändern sich: Die Sklaven erheben sich gegen ihre Unterdrücker, und Peter von Scholten erklärt sie gegen den Willen seines Königs für frei.“ [mehr: Goodreads] Hm. White Savior-Narrativ?

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AMOS OZ, SHIRA HADDAD: „Was ist ein Apfel?“, Suhrkamp, 9. April

„Seit 2014, bei der Arbeit an einem Roman, entwickelten sich intensive Gespräche zwischen Amos Oz und der Lektorin Shira Hadad – in denen ohne Tabus und falsche Scham Oz‘ Leben und Schreiben zum Thema wird. Da die Lektorin sich nicht auf eine Rolle als Stichwortgeberin beschränkt, sind Kontroversen nicht ausgeschlossen, zumal die jüngere, weibliche Perspektive auf das Tun und Lassen des weltweit anerkannten Schriftstellers zu produktiven Provokationen führt. Was führt zur Geburt des Schriftstellers unter neuem Namen angesichts des Selbstmords der Mutter? Wie hat man sich die konkrete Arbeit am Schreibtisch vorzustellen?“ [mehr: Goodreads]

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DAMIR OVCINA, „Zwei Jahre Nacht“, Rowohlt Berlin, 16. April

„Ovčina, der während des Bosnienkriegs jahrelang in Sarajevo eingeschlossen war, hat einen gewaltigen, autobiographischen Roman geschrieben: Ein Staat zerfällt, plötzlich ist Krieg. Ein 18jähriger Mann muss zwei Jahre in einem feindlichen Viertel Sarajevos bleiben, vom Vater getrennt. Von den Besatzern wird er gedemütigt. Er muss Tote bestatten, steht aber auch den Lebenden bei. Er lernt, im Verborgenen, eine Frau kennen. Dann wehrt er sich zum ersten Mal gegen seine Peiniger, flüchtet und kämpft fortan im Untergrund.“ [mehr: Goodreads]

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JUDITH VISSER: „Mein Leben als Sonntagskind“, HarperCollins, 1. Mai

„Jasmijn führt Tagebuch – doch redet nur mit ihrer Hündin Senta und mit Elvis Presley, mit dessen Postern sie ihr Zimmer tapezierte. Wie schaffen es andere Menschen bloß, dass sie immer wissen, wie sie sich verhalten sollen? Mit Senta und Elvis an ihrer Seite macht sich Jasmijn auf, dieses Geheimnis zu ergründen und ihr Glück zu finden. Der Bestseller aus den Niederlanden: ein berührender Roman über das Erwachsenwerden mit Autismus.“ [mehr: Goodreads]

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JAVIER MARIAS: „Berta Isla“, Fischer, 22. Mai

„Tomás – halb Spanier, halb Engländer – verliebt in die junge Berta Isla. Als er zum Studium nach Oxford geht, bleibt sie in Madrid zurück – nicht ahnend, dass Tomás dort einen schwerwiegenden Fehler begeht. Um einer Haftstrafe zu entgehen, beginnt er, heimlich für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Als er zu Beginn des Falklandkrieges plötzlich verschwindet, beginnt sie endgültig zu hinterfragen, wen sie geheiratet hat. Eine Geschichte über das Warten, die Zerbrechlichkeit der Liebe und die Zerrissenheit zwischen Krieg, Geheimnissen und Loyalität.“ [mehr: Goodreads]

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IAN McEWAN: „Maschinen wie ich“, Diogenes, 22. Mai

„[Spielt in einer Parallelwelt, in der es schon in den 1980ern Androiden gibt:] Lebenskünstler Charlie ist Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen ›Adam‹ geliefert bekommt, einen der ersten lebensechten Androiden. In ihrer Liebesgeschichte gibt es also von Anfang an einen Dritten: Adam. Kann eine Maschine denken, leiden, lieben? Adams Gefühle und seine moralischen Prinzipien bringen Charlie und Miranda in ungeahnte – und verhängnisvolle – Situationen. [mehr: Goodreads] [Ich mochte den simplen, aber sympathischen Comic ‚Alec + Ada‘]

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CARL FRODE TILLER: „Der Beginn“, btb, 24. Juni

Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, gelebt werden muss es vorwärts. Terje liegt nach einem Suizidversuch im Sterben und lässt sein verpfuschtes Leben Revue passieren. Momente des Friedens fand er nur in der Natur. Ein bewegendes Buch, erzählt wie im Rausch – über endgültige Entscheidungen, Vorherbestimmung und die Freiheit des Einzelnen.“ [mehr: Goodreads]

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Sachbuch:

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AMINA BILE, SOFIA NESRINE SROUR, NANCY HERZ: „Schamlos“, Gabriel (Thienemann-Esslinger), 11. Februar

„Drei junge Frauen – Muslimas, Bloggerinnen, Feministinnen – beziehen Position: Wie fühlt es sich an, ständig zwischen den Erwartungen ihrer Familien, ihrer kulturellen Identität und ihrem Selbstverständnis, als Jugendliche in einem westlichen Land zu leben, hin- und hergerissen zu sein? Sie haben Diskussionen angeregt, Tabu-Themen öffentlich gemacht und zahlreiche sehr persönliche Geschichten gesammelt. Dabei entstand ein bemerkenswertes, mutiges Buch. Ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft.“ [mehr: Goodreads]

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JAYROME C. ROBINET: „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“, Hanser Berlin, 18. Februar

„Jayrôme hat früher als weiße Französin gelebt. Er zieht nach Berlin, beginnt Testosteron zu nehmen und erlebt eine zweite Pubertät. Ihm wächst ein dunkler Bart – und plötzlich wird er auf der Straße auf Arabisch angesprochen. Ob im Café, in der Umkleide oder bei der Passkontrolle, er merkt, dass sich nicht nur seine Identität, sondern vor allem das Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber radikal änderte. Er kann vergleichen: Wie werde ich als Mann, wie als Frau behandelt? Und was bedeutet es, wenn sich nicht nur das Geschlecht ändert, sondern augenscheinlich auch Herkunft und Alter? Mitreißend erzählt er von seinem queeren Alltag und deckt auf, wie irrsinnig gesellschaftliche Wahrnehmungen und Zuordnungen oft sind.“

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FATMA AYDEMIR, HENGAMEH YOGHOOBIFARAH (Herausgeber*innen): „Eure Heimat ist unser Albtraum“, Ullstein, 22. Februar

„Wie fühlt es sich an, täglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat – einem völkisch verklärten Konzept, gegen dessen Normalisierung sich 13 Autor_innen wehren. Zum einjährigen Bestehen des sogenannten „Heimatministeriums“ sammeln Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schonungslose Perspektiven von Denker_innen, die Rassismus und Antisemitismus erfahren. In persönlichen Essays geben sie Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als »anders« markiert, kaum schützt oder wertschätzt. Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Olga Grjasnowa uvm.“

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Stuart Hall: „Schriften. Band 1“, Argument, 1. März

„Die Cultural Studies, begründet mit der Absicht, das Alltagsleben als umkämpften Ort sichtbar zu machen, einen Ort des Widerstandes, an dem um die ‚Köpfe und Herzen‘ der Menschen gerungen wird, wurden inzwischen weltweit zur universitären Disziplin. Stuart Hall schafft es, identitätsstiftende Praxen als umkämpft und herrschaftsmächtig durchsetzt zu theoretisieren und analytische Werkzeuge zu entwickeln, um die ideologischen Prozesse, Kämpfe und Konjunkturen der kapitalistischen Gegenwart zu kritisieren. Mit konkreten Analysen zu aktuellen Entwicklungen lotet er die Möglichkeiten linker Politik und Kultur aus und sucht nach ‚günstigen Bedingungen für einen Fortschritt zum Sozialismus‘ in aktuellen Kräfteverhältnissen.“ [mehr: Goodreads]

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lou kordts: „Queering Genitals. intime anatomie um_denken“, Edition Assemblage, 1 März

„In „Queering Genitals“ werden intime Anatomie aus trans Perspektive grundlegend befragt und cisnormative Erzählungen auf den Prüfstand gestellt. Genitalien werden anhand queerer Körpererfahrungen reclaimed, dekonstruiert, veruneindeutigt und in ihrer Diversität sichtbar gemacht, um mehr Möglichkeiten zu schaffen Körper, Identität und Lust lebbar zu machen, aber auch Ambivalenz und Unsicherheit zuzulassen.“

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MARK TERKESSIDIS: „Wessen Erinnerung zählt? Kolonialismus und Rassismus heute“, Hoffmann und Campe, 6. Mai

„Beutekunst. Die Rückgabe von Sammlungen an afrikanische Länder: Deutschlands Umgang mit seiner Kolonialgeschichte. Terkessidis beschreibt Kennzeichen von Alltagsrassismus ebenso wie dessen Entstehung, insbesondere während der Kolonialzeit und argumentiert, dass mit dem Versailler Vertrag Vorurteile in deutsche Köpfe Einzug hielten, die bis heute bestehen. Am Beispiel von Raubkunst, Sprache und falschen Erwartungshaltungen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zeigt er, dass wir die Last der Kolonialzeit noch lange nicht überwunden haben.“

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JAN BRANDT: „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“, Dumont, 17. Mai

„Stadt und Land, Utopie und Heimat: zwei Seiten einer Medaille. In Brandts ostfriesischem Heimatdorf Ihrhove steht das Haus des Urgroßvaters vor dem Abriss. Der Eigentümer, ein Bauunternehmer, sieht keinen Grund, das Alte zu erhalten, wo sich durch etwas Neues der Profit um ein Vielfaches steigern lässt. Jan Brandt droht der Verlust der Heimat, und er nimmt den Kampf auf, um den Gulfhof zu retten, das Symbol seiner Herkunft. In Berlin, wohin sich Brandt Ende der Neunziger vor der Provinz geflüchtet hatte, droht ihm zeitgleich der Rauswurf aus der Mietwohnung. Brandt bekommt zu spüren, dass sich Berlin, die einstige antikapitalistische Utopie, in eine Schlangengrube verwandelt hat, in der die Mieter nahezu alles für eine bezahlbare Wohnung tun würden – und müssen.“

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[Alle Klappentexte: gekürzt]

[Leseexemplare? gern einfach direkt per E-Mail schicken | Printadresse hier: Link]

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Ich bin freier Kritiker – und gern, so oft wie möglich: Moderator bei Lesungen und Podien. Ich hoffe, auch 2019 mit zwei, drei Autor*innen auf Bühnen ins Gespräch zu gehen. Bisher moderierte ich u.a. Lesungen und Gespräche mit Stewart O’Nan, Thomas von Steinaecker, Anke Stelling, Assaf Gavron, Manja Präkels (Foto) und Nik Afanasjew, Kathrin Passig, Teresa Präauer und Justin Torres, Angela Steidele, Julia von Lucadou, Gianna Molinari, Lasha Bugadze, Beka Adamaschwili und Fiona Maazel. Gern auf Englisch: das.ensemble (at) gmail.com

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Die besten Geschenke 2018: Buchtipps und Empfehlungen zu Weihnachten

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die zehn Bücher, die ich am häufigsten verschenke:

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Buchtipps sind… sinnlos. In meinem privaten (Zuhause-)Freundeskreis jedenfalls:

Es fällt mir leichter (und wirkt weniger… übergriffig / aufdringlich), auf Amazon Marketplace, Medimops oder Rebuy zwei, drei gebrauchte Ausgaben zu kaufen und zu verschenken – statt Freund*innen mit Kaufempfehlungen in den Ohren zu liegen.

Sobald ich denke “Er/sie hätte Spaß, mit diesem Buch”, kaufe ich eine billige Ausgabe.

Hier: Die Bücher und DVDs, die ich 2017 und 2018 verschenkte. 95 Prozent davon: selbst schon gelesen, und sehr gemocht.

Blau markierte Titel kamen sehr gut an.

Rot markierte Titel kamen schlecht an.

verschenkt 2011 | verschenkt 2012 | verschenkt 2013verschenkt 2014 | verschenkt 2015 & 16

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Geschenke 2017 und 2018:

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geschenke 2018 01

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Kinder:

Tochter einer Schulfreundin, im Oktober 2017 geboren:

  • Cube Book: „Baby Animals“ (kleine, dicke Fotobücher zum Blättern und Staunen, Link)
  • Michael Roher: „Fridolin Franse frisiert“ (Bilderbuch, Link)

Sohn einer Schulfreundin, 2:

  • Cube Book: „Mountains“ (kleine, dicke Fotobücher zum Blättern und Staunen, Link)
  • Miroslav Sasek: „This is the World“ (60er-Jahre-Illustrationen über Städte, Link)
  • Colin Thompson: „Bücher öffnen Welten“ (Bilderbuch, Link)

Pflegetochter meiner besten Freunde, 4:

  • Loes Riphagen: „Elefäntchen Naseweis“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Doro Göbel: „Unser Zuhause“ (Wimmelbuch, Link)
  • Sonja Bougaeva: „Zwei Schwestern bekommen Besuch“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Allen Say: „Allison“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)

meine Nichte, 4:

  • Blexbolex: „The Holidays“ (Bilderbuch ohne Text; britische Ausgabe ist billiger & identisch mit der dt.; Link)
  • Tom Schamp: „Das größte und schönste Bildwörterbuch der Welt“ (Wimmelbuch, Link)
  • Jill Twiss: „Ein Tag im Leben von Marlon Bundo“ (Bilder-/Vorlesebuch mit schwuler Hauptfigur, Link)
  • Verena Hochleitner: „Der verliebte Koch“ (Bilder-/Vorlesebuch mit schwuler Hauptfigur, Link)
  • Helene Kerillis: „Ein Vogel im Schnee“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)

meine Patentochter, 5:

  • Bernd Kohlhepp: „Drachen erziehen ist leicht“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Verena Hochleitner: „Der verliebte Koch“ (Bilder-/Vorlesebuch mit schwuler Hauptfigur, Link)
  • Martin Waddell: „Ist dieses Tier nützlich hier?“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Tom Schamp: „Das größte und schönste Bildwörterbuch der Welt“ (Wimmelbuch, Link)
  • Katharina Grossmann-Hensel: „Küss mich oder friss mich“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)

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geschenke 2018 02

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mein Neffe, 9:

  • Anja Tuckermann: „Alle da! Unser kunterbuntes Leben“ (illustriertes Buch über Immigration, Link)
  • Elma van Vliet: „Sag mal, Mama. Das Fragespiel für Mutter und Kind“ (Fragekarten, Link)
  • Patrick Wirbeleit: „Kiste“ (simpler Erstleser-Comic, Link)
  • Konami Kanata: „Kleine Katze Chi“ (simpler Erstleser-Manga, Link)
  • „Die Dinos“ (Sitcom, 3 Staffeln, DVD, Link)
  • „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ (Film, DVD, Link)
  • Lustiges Taschenbuch: „Das gläserne Schwert“/“Asgardland“ (Fantasy-Comic, Link)

Sohn meiner besten Freunde, 11:

  • Tsugumi Ohba, Takeshi Obata: „Bakuman“ (20teiliger Manga übers Mangazeichnen, Link)
  • Dan Jurgens: „Superman: Lois & Clark“ (Comic, Link)
  • Lustiges Taschenbuch: „Das gläserne Schwert“/“Asgardland“ (Fantasy-Comic, Link)
  • Makoto Yokimura: „Vinland Saga“, Band 1 & 2 (Manga für ältere Kinder – doch ich mag, wie es die „One Piece“-Gewalt dekonstruiert, Link)
  • Clive Barker: „Das Haus der verschwundenen Jahre“ (Grusel-Kinderbuch, Link)
  • Ian Livingstone: „Das Labyrinth des Todes“ (Fantasy-Spielbuch, Link)
  • Terry Pratchett: „Gevatter Tod“ (Fantasy, Link)
  • Stuart Gibbs: „Spion auf Probe“ (Link)

Tochter meiner besten Freunde, fast 17:

  • Katrin Bongard: „Subway Sound“ (Link)
  • David Levithan: „Two Boys Kissing“ (Link)
  • Noelle Stevenson: „Nimona“ (Link)
  • Neal Gaiman: „Coraline“ (Link)
  • Alex Garland: „Der Strand“ (Link)

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geschenke 2018 03

Frauen:

meine Schwester, 26:

  • Agota Kristof: „Das große Heft“ (Link)

Pädagogin, 35:

  • Haruki Murakami: „Von Beruf Schriftsteller“ (Link)
  • Sharon M. Draper: „Out of my Mind. Mit Worten kann ich fliegen“ (Link)
  • Miriam Toews: „Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt“ (Link)

Pädagogin, 35:

  • Noah Scalin: „365: A daily Creativity Journal“ (Link)
  • Milena Michiko Flassar: „Ich nannte ihn Krawatte“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

Pädagogin, 36:

  • Stefanie Höfler: „Mein Sommer mit Mucks“ (Link)
  • Sophie Daull: „Adieu, mein Kind“ (Link)
  • Nis-Momme Stockmann: „Der Fuchs“ (Link)

Pädagogin, 36 – liest fast nur Theaterstücke und Comics/Mangas:

  • Inio Asano: „Gute Nacht, Punpun!“ (Maga, Band 1, Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

Bürokauffrau, 39:

  • Sarah Leavitt: „Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

Krankenschwester & Krimi-Fan, ca. 55:

  • Geoffrey Household: „Einzelgänger, männlich“ (Link)
  • Chloe Hooper: „Der große Mann. Leben und Sterben auf Palm Island“ (Link)
  • Helen Garner: „Drei Söhne. Ein Mordprozess“ (Link)
  • Sven Koch: „Dünenfeuer“ (Link)

Krankenschwester, Anfang 60:

  • Stewart O’Nan: „Die Chance“ (Link)
  • Anna Funder: „Stasiland“ (Link)

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geschenke 2018 04

meine Mutter (ehem. Arzthelferin, Anfang 60):

  • „Boyhood“ (DVD, Link)
  • Stefanie Höfler: „Der große schwarze Vogel“ (Link)
  • Stefanie Höfler: „Mein Sommer mit Mucks“ (Link)
  • Sophie Daull: „Adieu, mein Kind“ (Link)
  • Anke Stelling: „Schäfchen im Trockenen“ (Link)
  • Aidan Chambers: „Die Brücke“ (Link)
  • Harper Lee: „Gehe hin, stelle einen Wächter“ (Link)

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Männer:

Mein Bruder – Mechatroniker, 33:

  • „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ (DVD, Link)
  • „Broadchurch“ (Staffel 1, DVD, Link)

Ingenieur, 34:

  • Nicholson Baker: „Menschenrauch“ (Link)
  • Assaf Gavron: „Hydromania“ (Link)

Bankkaufmann, 37:

  • Makoto Yokimura: „Vinland Saga“, Band 1 & 2 (Manga, Link)
  • Emily St. John Mandel: „Das Licht der letzten Tage“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)
  • David Mazzuchelli: „Asterios Polyp“ (Link)
  • Art Spiegelman: „Maus“ (Link)
  • John Scalzi: „Kollaps“ (Link)
  • Jean-Paul Sartre: „Geschlossene Gesellschaft“ (Link)
  • Joachim Meyerhoff: „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (Link)
  • Pete Dexter: „Deadwood“ (Link)
  • Brian K. Vaughan: „Saga“, Band 1 bis 5 (Link)
  • Guy Gavriel Kay: „Im Schatten des Himmels“ (Link)
  • James Clavell: „Shogun“ (Link)
  • Neil Gaiman: „Niemalsland“ (Link)
  • Daniel Keyes: „Blumen für Algernon“ (Link)
  • Joe Haldeman: „Der ewige Krieg“ (Link)
  • Liane Dirks: „Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“ (Link)
  • Wallace Stegner: „Zeit der Geborgenheit“ (Link)
  • Cece Bell: „El Deafo“ (Link)
  • Roberto Bolano: „Der Geist der Science-Fiction“ (Link)
  • Ursula K. LeGuin: „Freie Geister“ (Link)
  • Thomas von Steinaecker: „Die Verteidigung des Paradieses“ (Link)
  • Clemens J. Setz: „Glücklich wie Blei im Getreide“ (Link)
  • Veronique Poulain: „Worte, die man mir nicht sagt“ (Link)

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geschenke 2018 05

Kunstpädagoge, 38:

  • Adrian Tomine: „Sommerblond“ (Link)
  • Guy Delisle: „Aufzeichnungen aus Burma“ (Link)

Mathe- und Sportlehrer, 38:

  • Alexander Ramati: „Als die Geigen verstummten“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

mein Vater, Mechatroniker, 62:

  • “Hamlet“ (DVD, Link)

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mein Partner und ich wohnen zusammen – und ich kaufe/schenke ihm fast nie Bücher: Er liest meine Ausgaben mit, statt sich ein eigenes, zweites Exemplar zu holen. Bücher, die ich ihm empfahl, und die er las 2017 und 2018:

Freund M., Florist, 37:

  • Andreas Maier: „Das Zimmer“ (Link)
  • Andreas Maier: „Das Haus“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)
  • Alison Bechdel: „Fun Home“ (Link)
  • Sabine Rennefanz: „Die Mutter meiner Mutter“ (Link)
  • Maxim Leo: „Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte“ (Link)
  • Roger Willemsen: „Es war einmal oder nicht: Afghanische Kinder und ihre Welt“ (Link)
  • David Gates: „Jernigan“ (Link)
  • Joe Hill: „Locke & Key“, Band 1  (Link)

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Lesbische Literatur: „Anne Lister“ & „Zeitreisen. 4 Frauen. 2 Jahrhunderte. Ein Weg“ [Angela Steidele]

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Angela Steidele:

Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg.

Matthes & Seitz; 269 Seiten; 24 Euro.

Angela Steidele schreibt Sachbücher und Romane über queere Lebenswege zu Zeiten, als Worte wie „lesbisch“, „genderqueer“, „schwul“ fehlten. Fürs großartige „Anne Lister: Eine erotische Biografie“ (2017) durchkämmte sie die verschlüsselten Tagebücher einer adligen Britin, die bis zu ihrem Tod mit 49 versuchte, reiche Gefährtinnen finanziell und sexuell an sich zu binden. Ann Walker, Listers reiche Partnerin ab 1832, blieb bloßer Kompromiss: Im Tagebuch lästert Lister über die nervöse, scheue Bettgenossin.

Zu einer Zeit, als höchstens Forschungsreisende den Kaukasus erkundeten, wollte Lister via Kutsche und Pferdeschlitten bis in den Iran – ohne, Ann Walker einzuweihen. Die psychologischen, finanziellen und sexuellen Scharmützel, die Steidele im Vorgängerbuch „Anne Lister“ zeigte, faszinieren. Nichts aber war im Vorgängerbuch langweiliger als Listers neurotische „Wie viele Meilen schaffen wir pro Tag?“-Konflikte mit Kutschern und Wanderführern. Das wärmt Steidele jetzt ein Jahr später, in „Zeitreisen“, noch pedantischer auf?

Ja. Mit Gewinn! Denn Steidele und ihre Ehefrau Susette reisen die Route von Anne und Ann fast 180 Jahre später nach – als bissige, politische, witzige Kritikerinnen. So interessant Steideles Sujets oft per se sind: die Bücher sind vor allem interessant, weil Steidele interessante Fragen findet. Zu Warteschlangen in St. Petersburg 2016 oder Schlamm auf der georgischen Heerstraße, 1839.

Ein doppelter Reisebericht, der zeigt, wie komplex alles Fremde wird – sobald man nachbohrt. Anne Lister starb 1940 in den Wäldern Georgiens. Alles und nichts an ihrem Leben ist prosaisch, hochdramatisch, vielsagend, nebensächlich. Hochinteressant!

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„Die 1791 im englischen Halifax geborenen Landadlige Anne Lister war gebildet, emanzipiert, eine homoerotisch Liebende, eine furchtlose Reisende und hinterließ 24 ordentlich gebundene Tagebuchhefte und Journale, teils in einer Geheimschrift verfasst.  […] Steidele fügt den Liebesgeschichten Beschreibungen damaliger Lebensumstände und Bedingungen an und erklärt mit unübersehbarer Freude die überlebensnotwendige Kombination von Liebe und Geld. Unverheiratete Frauen mussten Überlebensstrategien finden, auch wenn sie berechnend waren. Geschickt zu erben, oder vermögende Liebhaberinnen wie Ann Walker zu gewinnen, war ein Ersatzberuf.

[…] Steidele kombiniert geschickt Tagebücher und Briefe mit eigenen Mutmaßungen und Nachforschungen. Es entsteht das umfassende Bild einer Gesellschaft zu Beginn der industriellen Revolution. Die draufgängerische und neugierige Lister war an Kampfgeist und Mut jedem Gentleman überlegen. Ein Buch über eine wilde, liebes- und bildungshungrige Frau und vehemente Abenteuerin, deren Leben im Alter von 49 Jahren im Georgischen Kutaisi auf dem Weg zum Schwarzen Meer endete“, schreibt Verena Auffermann bei Deutschlandfunk Kultur über das Vorgängerbuch: „Anne Lister. Eine erotische Biografie“

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Steidele, geboren 1968 in Bruchsal, lebt in Köln und ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation: „Als wenn Du mein Geliebter wärest. Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850“ [2003] Seitdem erscheinen Sachbücher und ein Roman:

2004 „In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ – die Biografie der vermutlich europaweit letzten Frau, die wegen der so genannten »Unzucht mit einer anderen Frau« hingerichtet wurde.

2015 ein Briefroman über den selben Stoff – verschränkt mit der Lebensgeschichte von Ludwig dem II.: „Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II“

schon 2011 „Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“.

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Ich habe Angela Steidele 2016 interviewt, im Rahmen des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“

Im Juni 2018 moderierte ich Lesung und Gespräch zu „Anne Lister“ beim Frankfurter Literaturfestival LiteraTurm.

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„In meinem Werk arbeite ich daran, frauenliebenden Frauen der europäischen Neuzeit ihre Stimme zurückzugeben und ihre Geschichte bekannt zu machen.

[…] Eine besondere Spielart der Gewalt gegen Lesben war ca. 200 Jahre lang die Behauptung, dass es uns gar nicht gibt. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war in den deutschsprachigen Ländern Sex zwischen Frauen ebenso mit dem Tod zu bestrafen wie der zwischen Männern. Ausgerechnet mit der Aufklärung konnten sich die männlichen Philosophen, Juristen usw. unter Sex zwischen Frauen nur noch lächerliche »unzüchtige Spielereien« vorstellen. Sie hoben die Strafen für lesbischen Sex ab 1800 auf, weil es ihn ihrer Meinung nach gar nicht gibt.

Frauenliebende Frauen verschwanden in die Nicht-Existenz und tauchten in den Romanen des späten 19. und Filmen des frühen 20. Jahrhunderts allenfalls als Geister, Vampire – eben als Nichtwesen – auf. Die frühe Lesbenforschung ab den 1970er Jahren wiederholte die Negierung der lesbischen Sexualität, indem sie das kuriose Phantasma der »romantischen Frauenfreundschaft« konstruierte, die vor 1900 dezidiert kein sexuelles Begehren gekannt haben soll.

[…] Selbstverständlich hat es, seitdem es Menschen gibt, immer auch Frauen gegeben, die die Geliebte mit Haut und Haaren begehrten. Gleich die erste Stimme überhaupt, die in der Dichtung »Ich« sagte, Sappho, spricht davon.“ Angela Steidele auf 114.de

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„Anne Lister ist eine sehr ambivalente Gestalt. Sie versuchte eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung in Halifax zu bekommen, als ob sie ein Mann gewesen wäre. Sie ließ sich von ihrem Geschlecht nicht stören. Das kann man durchaus als unfreiwillig feministisch betrachten. Sie selbst stand der Frauenemanzipation allerdings eher skeptisch gegenüber und fand, dass nur Ausnahmefrauen wie sie zum Beispiel das Wahlrecht haben sollten.

Sie hat sich eigentlich in allen Bereichen ihres Lebens verhalten wie ein männliches Scheusal. Sie war in Liebesdingen ein Wüstling, ein Schuft. In Geschäftsdingen ein harter Hund. In der Politik ein schrecklicher, reaktionärer Tory. Als Mann würden wir sie heute unerträglich empfinden. Als Frau wird sie für uns wahnsinnig interessant, weil sie sich eben nicht daran gehalten hat, was sie als Frau darf oder nicht: Sie hat wirklich exzessiv ausprobiert, wie weit sie gehen kann.

Was mich wunderte: Dass die Eltern, die Verwandten, die Lehrer und die Umgebung, dass offenbar tolerierte. Woran lag das – dass jemand wie Lister ihre lesbischen Neigungen im frühen 19. Jahrhundert derart freizügig ausleben konnte?

Weil ein Mädchen mit einem Mädchen in einem Bett keine Sorge auslöste. Sexualität fand in diesen Jahrzehnten, in diesen Jahrhunderten nur statt, wenn mindestens ein Penis involviert war. […] Weibliche Sexualität wurde so nihiliert, dass zwei Mädchen und zwei Frauen in einem geteilten Bett überhaupt nicht störten. Es gibt in Anne Listers Lebensjahren 1819 einen bemerkenswerten Gerichtsprozess über zwei schottische Lehrerinnen, die der Unzucht miteinander angeklagt waren, die nach zehn Jahren Prozessdauer vom House of Lords höchstrichterlich freigesprochen wurden. Die Richter befanden, dass einfach nichts dabei ist, wenn zwei Frauen „nach den üblichen Gewohnheiten dieses Landes ein Bett miteinander teilen.“

[…] Lister befand selbst, dass ihr Herz so groß sei, dass da viele Lieben nebeneinander Platz haben, ohne sich gegenseitig zu inkommodieren. Ich musste bei der Recherche ihres Liebeslebens ein – ich formuliere es mal so – „Sextagebuch“ führen, um überhaupt auseinanderhalten zu können, mit wem sie gerade wann zugange war. Beziehungsweise: Wie vielen Frauen sie gleichzeitig die ewige Liebe schwor. Das war teilweise so verwickelt, dass ich mir wirklich Jahr für Jahr oder Monat für Monat darüber klar werden musste, wer eigentlich gerade als Geliebte aktuell war bei ihr. Und ein Verdacht, warum sie so ausführlich Tagebuch geführt hat, war bei mir auch immer: Weil sie selber verschriftlichen musste, welchen Grad der Wahrheit sie welcher Geliebten eigentlich gerade zugemutet hatte, um ihre verschiedenen Fassungen der Wahrheit auseinander halten zu können.

Sie verstand es meisterhaft, jeder ihrer Geliebten das Gefühl zu geben: Du, nur du allein, bist für mich der wichtigste Mensch! […] Viele ihrer Geliebten haben später geheiratet und führten dann ein Leben, das wir heute als heterosexuell bezeichnen würden. Anne Lister liebte die Pose der Verliebten. Aber die eigentliche große Liebe ihres Lebens ist sie selbst. Und man kann ihr Tagebuch auch als einen unendlichen Liebesbrief an sich selbst verstehen. Das haben auch ihre Geliebten verstanden: Ausnahmslos alle waren auf dieses Tagebuch eifersüchtig.

Im Tagebuch hat sie ihre zahlreichen Affären mit anderen Frauen in einer pornografischen Deutlichkeit beschrieben, die einer gefühlten Pfarrerstochter wie mir die Ohren heiß werden lassen.“ Angela Steidele im Gespräch mit Gisa Funck, Deutschlandfunk.de

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Ludwig II von Bayern und Anastasius Rosenstengel haben, was die Lebensdaten und die Geographie angeht, auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Wie sind sie auf die Idee gekommen, diese beiden Geschichten zu verbinden?

Als ich die Biographie Catharina Lincks alias Anastasius Rosenstengel schrieb, wollte ich auch wissen, wer eigentlich dieser F. C. Müller war, der 1891 Teile ihres Gerichtsprozesses veröffentlichte. Als ich herausgefunden hatte, dass er die Leiche des abgesetzten Ludwigs II. aus dem Starnberger See [gezogen hatte], war die Idee zu diesem Roman geboren. Müller verbindet zwei historische Persönlichkeiten, die ihr Leben als Bühne betrachtet haben. Catharina Linck erschuf sich selbst als Mann, als Prophet, als Soldat, als Handwerker und nicht zuletzt als Liebhaber „schöner Weibesmenschen“. Ludwig II. erfand sich als Schwanenritter, Theaterkönig und Bauherr phantastischer Schlösser nicht weniger radikal als Linck. Durch ihr Leben stellen beide die Annahme in Frage, man könne zwischen wahr und erfunden unterscheiden. […] Zu Wort kommen ausschließlich historische Persönlichkeiten, deren Briefe von mir teils erfunden, teils aus Tausenden Originalzitaten zusammengesetzt wurden. Diese Briefe geben sich als Quellen aus, sind jedoch nie so geschrieben worden, und erzählen doch über weite Strecken authentische Geschichte.

Dass Ludwig II zusammen mit dem Arzt Prof. Gudden tot im Starnberger See aufgefunden wurde, ist sicher, wie es dazu kam, jedoch nicht. In Ihrem Buch liefern Sie am Ende mehrere mögliche Erklärungen. Welche halten Sie persönlich für die wahrscheinlichste?

Die Wahrheit interessiert mich weniger als der Mythos. Mir geht es um die Untrennbarkeit von Fakten und Fiktionen und daher endet der Roman mit gleich vier Varianten zu Ludwigs Tod. Und alle vier könnten wahr sein.“

[Angela Steidele im Gespräch mit Birgit Borloni, Histo-Couch.de

„Ich schreibe, wie andere Leute ins Büro gehen: früh, regelmäßig, von montags bis freitags, in einem stetigen Strom des Nachdenkens. Höhepunkte sind Reisen auf den Spuren meiner Heldinnen und Helden.“

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wichtig: Das hier ist kein „echter“ Blogpost, sondern

a) meine Kurzvorstellung von „Zeitreisen“, die ich ursprünglich für diesen Spiegel-Online-Artikel schrieb, doch die entfiel, als die Redaktion sich auf elf Titel statt zwölf beschränkte.

b) die „Oha: DAS ist interessant!“-Textstellen, die ich mir in einem .doc speicherte, als ich im Juni 2018 meine Moderation vorbereitete und alles las, was ich online über Angela Steidele finden konnte. Ich habe noch nie derart lange Textstellen auf meinem Blog collagiert: Histo-Couch? Deutschlandfunk? Falls das hier zu… kannibalistisch ist, entferne ich die langen Zitate wieder.

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Literatur, digital: die Insta-Novels der New York Public Library [Deutschlandfunk Kultur]

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„Alice im Wunderland“ oder Kafkas „Die Verwandlung“ lesen – als Instagram-Story?

Am 8. November 2018 sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur (14.40 Uhr) über die „Insta-Novels“ der New York Public Library.

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Auf Instagram gibt es Fotos.

Und, als neueres Feature (…ursprünglich Merkmal der App Snapchat): Stories.

Jeder mit Instagram-Account kann Fotos, Animationen, Videos etc. zu einer persönlichen Story collagieren: ein Zusatz-Feature, auf dem oft mehr passiert als im normalen Foto-Stream/-Profil. Denn während viele Instagram-FOTOS oft sehr poliert, überbelichtet etc. sein wollen, sind Stories ein Ort, an dem auch große Accounts oft etwas rotziger, privater, schnappschussartiger erzählen.

Stories löschen sich nach einem Tag von selbst – falls man sie nicht explizit im Profil als „Highlight“ speichert.

Ich kenne viele, die „Das muss perfekt sein!“ bei jedem bleibenden FOTO sagen… doch bei Stories denken: „In ein paar Stunden ist es weg.“

Ein entkrampftes Format – das viele Leute z.B. zum Einschlafen im Bett durchschauen: Stories bestehen aus einem bis ca. 40 kurzen [15 Sekunden langen] Segmenten. Jedes Segment lässt sich pausieren, indem man den Touchscreen gedrückt hält.

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Insta-Novels:

Die NYPL – Betreiber aller ca. 90 städtischer New Yorker Büchereien – zeigt seit August vier bleibende Insta-Stories im Profil: öffentlich zugänglich (auch am Rechner und ohne eigenen Instagram-Account):

„Insta-Novels“, in denen Klassiker oder Auszüge jeweils als Insta-Story lesbar sind; mit kleinen Animationen.

  • Edgar Alan Poes „The Raven“ [neu, seit Halloween]
  • zwei längere Passagen aus „Alice im Wunderland“
  • Charlotte Perkins Gilmans feministische Novelle „The Yellow Wall-Paper“ (1892)
  • auch Kafkas „Die Verwandlung“ ist angekündigt.

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Der Slogan: „Some of the greatest stories ever told. Told in Instagram Stories“.

Ein Erklärvideo:

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Pressesprecherin Carrie Welch sagt, „[with these insta-novels, the library is] completely transforming the way people look at this popular social media platform.“

…und tatsächlich

a) verstehe ich, dass die NYPL sagt: „Instagram Stories zeigen bisher vor allem Fotos von den Babys eurer Freunde. Fotos von den Hunden. Fotos von den Babies der Hunde. Wo sind die STORIES“?

b) folgten über 100.000 Instagram-User dem NYPD-Account neu, seit August (jetzt: über 300.000 Fans)

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Ich liebte die Idee – und stellte mir die Umsetzung vor wie ein Daumenkino:

Alice wird schrumpfen, wachsen etc.

Besonders „The Yellow Wallpaper“ ist eine tolle Wahl – weil die Novelle davon handelt, wie eine nervöse Mutter, isoliert in der Sommerfrische, auf eine ekelhafte Tapete starrt, die sich zu verändern scheint… so lange, bis sie zweifelt: Ist In der Tapete eine Frau gefangen? Ist die Frau gerettet, sobald jemand die Tapete von den Wänden reißt? Gothic-Grusel, Feminismus… Klischees über „hysterische“, unzufriedene Frauen… Ein Klassiker, den in Deutschland zu wenige kennen.

Ich war gespannt, wie subtil oder dramatisch sich die animierte Tapete der Insta-Novel verändern wird.

Leider sind die Animationen sehr simpel, spärlich. Ästhetisch ca. 1998.

Nett gesagt: minimalistisch, schönes Understatement.

Doch z.B. das wiederkehrende „Nevermore“ im Poe-Gedicht schien mir so stümperhaft… Ich fands unfreiwillig komisch. #lowbudget

Ich hatte eine liebevollere, dynamischere Umsetzung erwartet: Überraschungen, Spielereien, Avantgarde.

Ich bin kein Kunstkritiker – doch ich liebe Graphic Novels, und sehe einfach DAUERND tollere Illustrationen. Lieblingsstücke z.B. hier: https://twitter.com/smesch_thetic

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Eine große Sache?

ja, weil:

  • Die NYPL mit gemeinfreien Texten des Projekt Gutenberg arbeitet und damit nochmal klar macht: es GIBT diesen Riesenschatz an Klassikern ohne Copyright.
  • Hier nochmal breitenwirksam gezeigt wird: man kann auf Smartphones literarische Texte lesen; und das sogar in einem recht unhandlichen Format wie „Instagram Stories“, wo sich a) die Schriftgröße nicht ändern lässt, b) man den Bildschirm gedrückt halten muss, damit das Segment länger als 15 Sekunden zu sehen ist.
  • Man von z.B. einem Buch sieben Mal gehört haben muss, bevor man es kaufen will – und hier reichweitenstark, (halbwegs) originell und verspielt Bücher angeboten werden auf einer RIESENPlattform, niedrigschwellig und umsonst
  • Aufwand und Kosten nicht besonders groß sind und das auch jederzeit alle ANDEREN Kulturvermittler oder Privatmenschen versuchen & einspeisen können
  • Die Textauswahl einlädt: Texte, die jede*r mal gelesen haben sollte.
  • Dieses doch recht billige, sperrige und schüchterne Projekt jetzt SO erfolgreich ist. Und damit zeigt: es gibt Interesse, einen Bedarf!

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Trotzdem wirkt alles etwas enttäuschend auf mich. Weil:

  • Hier technologisch nichts Interessantes passiert, entwickelt wird o.ä.
  • Die spärlichen und lieblosen Illustrationen dem Text echt NICHTS Besonderes hinzufügen
  • Es nervt, den Bildschirm gedrückt zu halten beim Lesen
  • Ich jetzt noch kein „neues Format Insta-Novel“ erkennen kann, das aus Text & Bild etwas Neues formt, oder Möglichkeiten und Community von Instagram besonders nutzt: minimale Animationen, und nichts, das besonders „social“ ist.

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und weiter: drüber hinaus?

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Ich suche immer nach…

a)  Social-Media-Profilen fiktiver Figuren. Geschichten, die z.B. erzählt werden, indem man mehreren Twitter-Accounts folgt. Beispiele hier: https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/CharacterBlog

b) „Log Fics“: Geschichten, die ALS Chatprotokoll etc. erzählt werden – z.B. Dennis Coopers Planetromeo-artiger queerer Dating-Roman „The Sluts“ oder Senthuran Varantarajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“ (Roman, erzählt als Chatprotokoll):
https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/LogFic

c) Reclam-Klassiker etc. als Gratis-Hörbücher bei Spotify: https://hamburg.mitvergnuegen.com/2016/11-tolle-buecher-die-du-dir-auf-spotify-anhoeren-kannst

d) japanische Cell Phone Novels, die in den Nuller-Jahren oft als SMS-Kette Geschichten erzählten: https://en.wikipedia.org/wiki/Cell_phone_novel

e) Flash Fiction wie z.B. Drabbles: literarische Kürzestformen. https://en.wikipedia.org/wiki/Drabble

f) Fanfiction- und Genre-Story-Websites wie Wattpad – die als App überzeugen sollen und in denen Literatur-Kapitel oft so kurz sind, dass man sie häppchenweise beim Pendeln lesen kann/soll.

Auch der deutsche Verlag Mikrotext startete mit eBooks voller Häppchen & Kürzestformen – damit Leute auf dem Handy Literatur lesen.

Persönlich wünsche ich mir ENDLICH eine Art Spotify oder last.fm für Lyrik: Ich lege ein Profil an, bekomme ein Gedicht vorgeschlagen… kann nach dem Lesen ein Herz vergeben und kriege dann weitere Gedichte, die der Algorithmus passend findet, eingespielt.

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Fazit:

Ich glaube, Literatur ist ALS LITERATUR stark. Literatur zu vermitteln, indem an sie in z.B. Comics oder Kurzfilme übersetzt, nimmt ihr oft viel. Ich brauche keine trojanischen Pferde, keine Illustrationen, kein mediales Drumherum. Wenn ich lesen will, will ich lesen.

(Deprimierend z.B. auch: Apps, die aus Comics eine Art Trickfilm machen wollen, indem sie möglichst filmisch von Sprechblase zu Sprechblase springen und ein paar kleine Animationen einstreuen.)

Trotzdem: Wo hörte ich von E.A. Poe, mit 13? In der TV Movie – wo mir Poe-Verfilmungen mit Vincent Price empfohlen wurden. Heute entdecke ich viele Bücher… auf Instagram. Social Networks sind SO präsent, flexibel und offen: Literatur muss da rein / hin / drauf.

Ich merke nur: als man mir sagte „Stefan? Es gibt jetzt Insta-Novels“ hatte ich die absurdesten Ideen, was das heißen mag – technisch, literarisch (z.B. nonlinear?).

An eine Handvoll biederer, gestriger Animationen dachte ich nicht.

Das MUSS besser gehen!

Pressereise nach Norwegen: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 | Hurtigruten

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Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm19.

Ende Oktober 2018 war ich auf einer sechstägigen Pressereise von den Lofoten (200 km über dem Polarkreis) bis nach Bergen.

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Heute: die Norwegen-Pressereise – erzählt in Fotos und kurzen Texten.

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Vier Journalistinnen sind mit mir eingeladen: Andrea Gerk (Deutschlandfunk), Saskia Trebing (Monopol Magazin), Anke von Heyl (Kulturvermittlungs-Expertin „Kulturtussi“; Teil der „Herbergsmütter“), Claudia Schumacher (Ex-Weltwoche; Welt). Rechts im Bild: Margit Walsø von NORLA – Norwegian Literature Abroad. Foto: NORLA.

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Ich mag Johan Harstad, Ingvild H. Rishoi, Cartoonist Jason. Auch die recht simplen Romane von Per Petterson und Erlend Loe verschenke ich gern. Zuletzt rezensierte ich Linn Ullmanns „Die Unruhigen“. Doch ich bin kein Skandinavist, Norwegen-Experte, -Liebhaber. Pressereisen reißen mich mit. Ich liebe, mir ein Land und seine Literatur zu erarbeiten und bis Oktober 2019…

a) …Bücher vorzustellen.

b) …Lesungen zu moderieren.

c) …Interviews zu führen.

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Auf betreuten, kurzen Reisen sehen kleine Gruppen maximal viel Kultur – straff, fokussiert. Auch bei den Mahlzeiten geht es um Networking. Ich mag Dichte, Tempo solcher Tage. Doch erlebe sie als Arbeit: Ich reagiere auf 100+ neue Menschen. Würde oft gern kurz pausieren, googeln. Wir rasen durch ein Land. Daheim lesen wir nach, WAS wir da sehen, WEN wir da trafen. Konzentrierte, geballte Tage!

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Bis Oktober 2019 lädt Norwegen immer wieder Gruppen aus Journalist*innen, Buchhändler*innen ein:

_ Juni 2018: Literaturtoget [Zug] mit Kronprinzessin Mette-Marit
_ Juni 2018: Teil 2 und sehenswertes Video [BuchGeschichten]
_ September 2018: Reise nach Oslo [Masuko13]

Besonders an meiner Reise: Kunst war viel präsenter als Literatur – denn von Montag bis Donnerstag fuhren wir auf einem Hurtigruten-Postschiff, als Teil der Kunst- und Networking-Konferenz „Coast Contemporary“, nach Bergen.

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Lectures, Performances, Artist Talks, kleine Ausstellungen, Film und Installationen: Ca. 80 Teilnehmer*innen waren an Bord. Davor (So/Mo) gab es Atelierbesuche auf den Lofoten; danach (Do/Fr) eine Buchpremiere und Kulturprogramm in Bergen. „Coast Contemporary“ fand 2017 zum ersten Mal statt [Link: langer Artikel]. 2018 kuratierte Charles Aubin (Paris/New York).

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Veranstalterin ist Tanja Eli Saeter. „Coast Contemporary is an artist-run and non-commercial platform for people to meet, share ideas and perhaps start working together in the future. Hierarchy and bureaucracy keep artists, curators, galleries and institutions apart – but we all depend on the artist, and the artist should be included on all levels. Coast Contemporary aims to present Norway’s art scene to the world, in collaborations with artists and some of the smallest and largest institutions in Norway.“

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Mir als Kritiker (…kein Reisejournalist, kein Kunstexperte) tat gut, von Kurator*innen z.B. des Centre Pompidou, des Portikus (Frankfurt) und des New Yorker Swiss Institute zu lernen. Oder mit Idealist*innen im Whirlpool zu sitzen, die abwägen, in welchem Flügel der PS1 sie nächstes Jahr ihre Zines und Kunstbände ausstellen.

Leider hatten kaum Teilnehmende die norwegische Literaturwelt (Betrieb, Novitäten, Institutionen) richtig auf dem Schirm – oder gar die Frankfurter Messe: Literatur war Lebensmittelpunkt von höchstens 10 Menschen auf der Reise. Es ging v.a. um Kunst. Klimawandel. Und das Dokumentieren von Ökosystemen und Landschaft.

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Nach sieben Stunden Anreise (Berlin bis Oslo, dann Bodo, dann eine kleine, laute Propellermaschine nach Svolvaer) stehen wir mit warmem Fruchtpunsch in einem stillgelegten Kühlhaus. Hanan Benammar und Espen Sommer Eide imitieren auf Instrumenten den Ruf der Dreizehenmöwe. Den Kontext – in spätestens 10 Jahren ist die Möwe ausgestorben – kann ich erst Tage später nachlesen; und weil ein Zuschauer in Ohnmacht fällt, wird die Performance abgebrochen. Fotos: Laimonas Puisys

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Bevor ich das Licht im Hotelzimmer finde, sehe ich: ein Hurtigruten-Schiff hält direkt am Kai. In allen Hotelzimmern liegt ein Fernglas bereit… und im Schrank warten Regenschirme.

Das Wetter kann sich, wie jeder Hurtigruten- und Lofotentext warnt, „stündlich, beinahe minütlich“ ändern. Für Fotos ist das toll: Alle 10, 15 Minuten herrscht eine dramatisch neue Lichtstimmung. Auch im dunkel-nassen Oktober.

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In Hotels google ich beim Aufstehen meist, wo der Frühstücksraum liegt. Zum Thon Hotel] schwärmt Tripadvisor: „The highlight was the breakfast. Simply perfect! Local products are carefully selected, such as several types of cured fish and perfect cheeses and breads. I travel a lot around the world, and this hotel by far had my best and perfect breakfast ever!“ Keine Übertreibung. Ich hatte nie ein liebevolleres, facettenreicheres Frühstück!

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In zwei Reisebussen fahren wir 50 Minuten nach Kvalnes. NICHTS auf der Reise war so packend, überraschend, beglückend wie diese bizarr schöne Fahrt durch eine Landschaft, die mich… komplett überforderte. Foto: Coast Contemporary

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Ich friere schnell. Drei Monate im warmen Georgien leben? Jederzeit! Doch hier: 200 Kilometer nördlich des Polarkreis‘? Doch. Denn ich liebe, in vier Richtungen zu blicken… und vier oft dramatisch verschiedene Aussichten zu sehen.

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Tanja Saeter: „Before the Hurtigruten route was established, it took three weeks to send a letter from Trondheim to Hammerfest in the summer, and up to five months in the winter. Hurtigruten took only seven days to make the trip, a development forging much stronger ties between north and south. Since launching in 1893, Hurtigruten has become one of the most important identity markers for coastal Norway.“

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Moos. Bizarr windschiefe Birken. Fels und Findlinge. Heidekraut. Flechten. Viele (Sommer-)Häuser in Kvalnes stehen ab Herbst leer.

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„Aslaug Vaa“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „hat aus dem winzigen Fischerdörfchen Kvalnes tatsächlich einen Kulturort gemacht. Eine ehemalige Fabrik für Dorschlebertran ist nun von außen ein schickes Holzhaus und von innen ein skandinavischer Designtraum mit Glasfußboden, durch den man in der Küche einem kleinen Bächlein beim Fließen zusehen kann. In die Villa Lofoten werden mehrmals pro Jahr Künstler eingeladen, die im Nirgendwo des Nordens zumindest nicht über Ablenkung klagen können.“

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Die Renovierung der Fassaden ist staatlich gefördert – weil die Gebäude den historischen Charakter behalten. Innen ist alles großzügiger. Übernachtungen kann man hier (Link) buchen.

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„Seit 2004 wurden dank NORLA mehr als 4.500 Bücher in wenigstens 65 Sprachen übersetzt. Für 2018/19 sind besonders viele Übersetzungen aus dem Norwegischen ins Deutsche geplant. Zwei Mal pro Jahr erstellt NORLA eine Auswahl von 10 Fokustiteln (ein Mix aus Debütanten und bekannten Autoren Norwegens).

Um den deutschen Markt zur Buchmesse nicht zu überfluten, ist für das gesamte Jahr 2019 der Fokus auf etwa 200 Titel gesetzt (auch wenn das jetzt viel klingt – es sind alle Genres vertreten von Belletristik, Krimi, Kinderbuch und Sachbuch bis Fantasy)“ …schreibt Jacqueline Masuck.

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„Although Finland has been named The Land of a Thousand Lakes, Norway’s lakes do in fact far outnumber Finland’s. About 450,000 lakes in Norway are identified, compared to the 188,000 lakes in Finland.“ [Quelle]

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Noch weiß ich nicht, wie norwegische Dörfer funktionierten: Fischer hatten auch Schafe, bauten Kartoffeln an, lagerten Heu; bewirtschafteten mehrere kleine Parzellen. Land kaufen in Kvalnes ist schwer – weil Erbgemeinschaften wollen, dass alle verstreuten Grundstücke in der Familie bleiben.

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„In Kvalnes, das ganze neun ständige Einwohner aufweisen kann“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „sind Künstler deutlich in der Überzahl. Kjetil Berge hat aus einer Scheune den Veranstaltungsort Midnight Sun Barn gemacht, die Maaretta Jaukkeri Foundation lädt Gäste aus verschiedenen Disziplinen zum Forschen ein, und auch die Künstlerin A K Dolven hat sich ein Studio mit endlosem Meerblick gebaut.“

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Kjetil Berge kaufte z.B. 2013 einen Eiswagen, um a) in Nord-Norwegen Eiscreme anzubieten und b) in der Sahara Sand. Seine Midnight Sun Barn ist ein Community- und Sehnsuchtsort – im Sommer. Doch mit fast 90 Menschen in der feuchten Kälte zu drängen, Eintopf zu löffeln, fest zu sitzen war für mich der witzloseste und deprimierendste Moment der Reise. Besonders, als… [Foto: Norla].

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…Berge – trotz Beamer und Mikro eh schlecht zu sehen, zu hören – uns einlud, einen „Heute ist es wolkig, doch bald lacht die Sonne wieder“-Kanon zu üben und zu singen. Wenn du die Zeit und Aufmerksamkeit von 90 Menschen hast, die STUNDENLANG flogen, um hier zu sein: Mach was draus! Ich wäre schreiend raus gerannt – hätten bis zur Tür nicht ca. 60 frierende Leute gekauert. Link: Drohnen-Video von Berges Haus/Atelier und der Scheune.

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Selbst das Künstlerhaus der Maaretta Jaukkuri Foundation wird eng – sobald dort 90 Menschen stehen. Hätte ich gefroren: Ich klänge so ungnädig wie in der Scheune. Doch hier war’s hell, warm… und vom Idealismus einer 74jährigen Kuratorin und Professorin, der Kunst, Dialog und Klimaschutz so wichtig sind, dass sie sagt: „Every person who comes here should leave an imprint that will generate the tools for deep thinking that can ripple out, over time, through both private and public channels“, lasse ich mich gern anstecken. Respekt!

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Nach der Scheune drängte sich die Gruppe durch Kjetil Barnes (warmes, charmantes) Atelier/Haus. Auch hier dachte ich leider v.a. an die Spielshow „Get the Fuck out of my House“. Absurd viel Warten. Wozu?

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Eine Mitreisende liebte das Kanon-Singen in der Scheune: „Die wissen schon, wie sie tolle, kollektive Momente inszenieren können!“

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Künstlerin A K Dolven hätte ich gern ewig zugehört. „Geboren 1953 in Oslo, Norwegens bekannteste Multimediakünstlerin, aufgewachsen nördlich des Polarkreises. Ihre Skulpturen, Malerei, Foto- und Videokunst werden weltweit ausgestellt. Vor 1989 wohnte sie mehrere Jahre im Westteil von Berlin direkt an der Mauer. Heute lebt sie auf den Lofoten und in London.“ [Deutschlandfunk]

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Wenn Menschen für ihre Arbeit brennen, überträgt sich ihre Begeisterung schnell auf mich. 17-Minuten-Video, in dem Dolven viel über Materialität, Arbeitsrhythmen etc. spricht. [Link, Empfehlung!]

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Die Fenster zeigen das Meer. Der verspiegelte Eckpfeiler, von Sessel und Bett aus zu sehen, zeigt zugleich die Häuser an Hauptstraße und Berg.

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Ich mag, wie selbstverständlich Dolven betonte, dass sie MIT Menschen arbeitet – ohne, sich dabei als Künstlerin klein zu machen. Kurzer, passend programmatischer Text auf ihrer Website: „A K Dolven’s work is based on collaborations with many people. Thanks to family, friends, neighbours, contributors, publishers, printers, curators, designers, helpers, transporters, gallerists, museums, proofreaders , boyfriends, assistants, photographers, engineers, entrepreneurs, crane companies, architects, writers, thinkers, technicians, translators, editors, repro, students, colleagues, daughter, driver.“ Foto: Aslak Hoyersten.

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Gucklöcher in renovierten Steinwänden; ein Dielenboden mit einer Glasfläche etc.

Kvalnes lud überall zum Rausschauen ein – und damit auch: zum Reinschauen. Ich will genauer wissen, wie wichtig Zäune, Wachhunde, Grenzen, Vorhänge etc. fürs norwegische Sicherheitsempfinden sind.

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TV Tropes über Norwegen in Kunst & Popkultur: „In Douglas Adams‘ The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, Norway was the particular point of pride of a planet sculptor.“Lovely crinkly bits down the edge! I won an award for that, you know.“

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Landschaft, vom fahrenden Bus aus fotografiert.

Das 2018er-Motto von „Coast Contemporary“ ist „rugged, weathered, above the Sea“. Ich dachte noch nie so lange über Landschaft nach (auch: als Konstrukt und Projektionsfläche – ähnlich wie der deutsche Sehnsuchtsort „deutscher Wald“)..

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.zehn norwegische Romane, auf die ich mich freue:

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.englische Worte aus dem Norwegischen:

  • ski – a cleft piece of wood
  • bag – a flexible container
  • slalom – a track (låm) on a slope (sla)
  • ombudsmann – a trusted intermediary or representative
  • equipment

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Die wichtigsten Literaturpreise:

  • Bragepris
  • Kritikerpris
  • Sultpris (für junge Autor*innen)
  • Bastianpris (für Übersetzungen)
  • Rivertonpris (für Kriminalliteratur)
  • Tarjei Vesaas’ Debutantpris.

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Die Teenager-Dramedy „Skam“ (2015 bis 2017) wird mir oft empfohlen.

Ich bin gespannt auf die Serien:

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Zeitschriften, die mir auffielen: ein sexistisches True-Crime-Magazin  [„Blutige Begierde“]; teure und stereotype Design-Zeitschriften [„Bo Nordisk“] und, wie in Deutschland: viel Zweiter-Weltkrieg-Romantisierung und Militärkitsch. Von Vidkun Quisling kenne ich bisher nur Popkultur-Parodien.

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Sagte ich „norwegisches Postschiff“, riefen deutsche Freund*innen: „Hurtigruten, klar! Kenne ich doch!“ Mein Partner mag Ausflugsfahrten auf dem Wannsee. Doch teure Kreuzfahrten gibt es in meiner Welt / Familie nicht. 12 Tage Hurtigruten kosten ca. 1.600 EUR.

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Die MS Trollfjord fährt seit 2002 von Bergen (im Süden) bis Kirkenes (Norden, an der Grenze zu Russland) – und zurück. Das Schiff hat Platz für 45 Autos; hält an ca. drei Häfen pro Tag, oft für ca. 2 Stunden. Besatzung: 170. Passagiere: 822.

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Norweger*innen nutzen die Schiffe oft eher wie ein Shuttle oder einen Fernbus: ohne Vollpension und ohne Kabine. In jedem Hafen kommen wenige Teenager oder Backpacker an Bord, Paare mit Kinderwägen etc. und halten sich in den Gemeinschaftsbereichen auf: Bar, Bistro, Aussichtsdeck, Bibliothek; eine kleine Spielecke für Kinder.

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„Oh. I thought you were Norwegian. You look Norwegian.“ Männer, die mich an Wikinger erinnern, sehe ich in Berlin so oft wie in Norwegen. Viele Frauen sind auffällig blond – doch eine Menge haben dunkle Haare, Augen. Markant war für mich nur, dass am Flughafen jeder ca. fünfte Mann aussah wie Christian Kracht.

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2011 übertrug der öffentlich-rechtliche Sender NRK eine sechstägige Hurtigruten-Fahrt als „Hurtigruten: Minute by Minute“. Der „Slow TV“-Trend kommt aus Norwegen und begann schon 2009, mit Übertragung einer sechsstündigen Zugfahrt.

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Obwohl man Tagesausflüge buchen kann, verbringen die meisten Gäste Stunden auf dem (zweigeschossigen) Aussichtsdeck, starren auf die Landschaft wie auf einen Bildschirmschoner. Viele lesen; fast alle schweigen. Die Stimmung? Altenheim-Lobby trifft Meditationsraum trifft Zehn Vorne. Viele sind sehr still; wirken… eingelullt.

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Durch die vielen Schären und Fjorde gibt es oft back- und steuerbords Felsen zu sehen, fast immer bebaut. Frontal nach vorn zu schauen scheint mir reizlos. Viele Passagiere drehen ihre Sessel nach links oder rechts.

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Die Kabinen (drückend dunkles Holz; Meergrün; Teppich mit Seepferdchen) wirken gestrig – doch sind groß. Ich fand die Fußbodenheizung im Bad, doch keine Heizung für die Kabine; und dachte jeden Morgen kurz, ich sei erkältet.

Der Rest des Schiffs ist warm, plüschig: Teppichboden, seltener Parkett. Als mein Schuh in Trondheim durchweichte, verbrachte ich einen Tag in Strümpfen – ohne, dass sich jemand störte.

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„Gastland“ klingt, als würde Deutschland die Kosten tragen.

Oder die Frankfurter Messe?

Tatsächlich wird ALLES von Norwegen bezahlt. Das macht besonders auch die Gastfreundschaft Georgiens – ein viel ärmeres Land, das auf den EU- und Nato-Beitritt hofft und sich als Gastland sehr engagierte – nochmal beeindruckender!

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Island war 2011 Gastland – und begeisterte damals viele. „Das lag auch an den großformatigen Natur- und Landschaftsfotos“, erklärt NORLA: „They had a really strong visual identity.“

Das #norwegen2019-Design (dunkelblau, simple Piktogramme, gereiht wie auf einem Norwegerpulli oder in einem Bücherregal) lässt mich recht kalt.

Ich überlege seit Wochen, ob die Symbole für Buchstaben stehen: N? O?

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Zwei deprimierende Gespräche, die ich mit Autoren führte:

„Als Isländer wurde mein Buch in Frankreich zum riesigen Bestseller. In Deutschland wurden 600 Exemplare verkauft – weil im Island-als-Gastland-Jahr 2011 alles übersättigt war.“

und: „Wie viel gibt Norwegen aus, für diesen Auftritt? 100 Millionenen Kronen [9.6 Millionen EUR]? Dafür, dass ca. 15 norwegische Autor*innen danach Bestsellerautor*innen in Deutschland sind? Was ist mit uns anderen: Wie viel mehr wäre uns geholfen durch z.B. Stipendien?“

Ich liebe Übersetzungsförderung und weiß, dass ohne NORLA kaum aktuelle Bücher nach Deutschland kämen. Ich weiß auch, für wie viele deutschsprachige Leser*innen ein Gastland zum Sehnsuchtsort wird und, wie wichtig solche Auftritte diplomatisch sind.

Was kleinere norwegische Autor*innen davon haben, entscheidet u.a. hoffentlich MEINE Arbeit im nächsten Jahr. Über Stars wie Jon Fosse oder Jostein Gaarder werde ich selbst keine Artikel schreiben. #longtail

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Lichtröhren im Speisesaal, über dem Buffet.

„Star Trek: Voyager“ begann 1995. Ich dachte an Bord dauernd an die 90er-Ästhetik des Schiffs… und seine Größe: Captain Picards Enterprise hat eine Besatzung von 1014; auf der MS Trollfjord sind ebenfalls maximal ca. 1000 Menschen. Die Voyager hat 150 Crewmitglieder, ist 116 Meter breit und 343 Meter lang, hat 15 Decks. Die MS Trollfjord: 10 Decks, 135 Meter lang, 21 Meter breit.

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Frühstück, Lunch, Abendessen; dazu oft Gebäck und Gratis-Kaffee zwischen den „Coast Contemporary“-Vorträgen im Auditorium/Kino. Es gab zu jeder Tageszeit Buffet, nur einmal ein recht fades, schonkostartiges Dinner in mehreren Gängen.

Den Coast-Contemporary-Gästen wurde ein Cluster aus Tischen mit freier Platzwahl zugewiesen – und ich aß jedes Mal in anderen Konstellationen (viel gehört, sehr genossen!). Gratis-Wasser stand am Tisch; und bei Zwischendurch-Durst füllte ich eine Wasserflasche mit Leitungswasser auf. Alkohol trinke ich eh nicht.

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Tiefpunkt auf dem Boot: Weil die reiche Zielgruppe hofiert werden will und viele in Trondheim aussteigen, bedanken sich Kapitän und Besatzung beim Dinner am Vorabend persönlich… mit einem LIED, in dem sie singen, wie unglaublich dankbar sie sind.

Alte, reiche Menschen, die im Takt klatschen. Ein peinlich serviler Songtext. Und eine „Der Kunde ist König“-Vorstellung, die viele Menschen meiner Generation und Schicht anwidert. Dass eine Frau aus der Crew (auf dem Foto: zweite von hinten) eine Tracht trug, macht alles noch… patriarchaler, reaktionärer. „Singt und tanzt, Äffchen!“

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Getrockneter Wal. Rentier. Muscheln. Brauner Käse (beliebtes Mitbringsel, ließ mich kalt). Blau- und Preiselbeerbutter: Ich esse seit 2016 keinen Zucker, keine Kohlenhydrate – doch auf der Reise wollte ich kulinarisch alles mitnehmen. In Georgien begeisterte das (helle, leichte) Weißbrot. In Norwegen hätte ich gut auch weiter Keto essen können: Ich aß zum Frühstück viel Melone – doch sonst dreimal am Tag Fisch, Krabbensalat, Käse. [Das Brot, grau, schwer, mochte ich nicht.]

„Have you tried the Cod Tongue?“

Habe ich: panierte Kabeljau-Stücke, „Tongue“ hier wahrscheinlich gemeint wie bei „Schlemmerzunge“: einfach ein längliches Stück Filet.

„No. Stefan? They’re actual tongues!“ Wow.

[Die Illustration zeigt… einen Lachs? Kabeljau ist kleiner.]

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Trotz seiner Größe schwankt das Schiff bei hohem Seegang sehr. In Fjorden bleibt es oft ruhig, doch besonders nachts, auf offener See, bäumt sich alles. Mein Magen war robust – doch ich war überrascht, wie sehr sich Wellengang anfühlt wie Trunkenheit. Ich wurde mehrmals wach… und kann die Reise keinem empfehlen, den Wellen nervös machen.

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Puppen of Color in der Kinderspiel-Ecke. Beim Dinner sprechen wir über eine norwegische CGI-Serie über ein freundliches Seenotrettungs-Boot, „Elias“ (ab 2005; auch in Deutschland bekannt).

Stefan: „Ah, wie Thomas die Lokomotive?“

X: „Ja. Bei Thomas gibt es jetzt einen afrikanischen Zug.“

Stefan: „Ich weiß. Ein Zug of Color.“

X: „Ich bin gespannt, wann sie sagen: Der Helikopter ist trans.“

Als jemand, der (ernsthaft) dauernd schaut, ob es z.B. queere Maschinen bei „Transformers“ gibt, fände ich einen trans Helikopter im Kinderprogramm zwei Sekunden lang absurd.

Und dann: jahrzehntelang großartig!

Update: Tatsächlich gibt es seit Jahren ein transfeindliches „Du bist eine Frau? Na dann bin ICH jetzt ein Kampfhelikopter!“-Meme, das ich nicht kannte.

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Auf den ersten Blick wirkt die Auswahl der Bibliothek (Englisch, Norwegisch, Deutsch) banal & zu klein: Gäste ließen gängige Bestseller, Paperbacks an Bord zurück. Doch der Bestand wird gepflegt; und eine Frau aus der Crew gibt engagiert Buchtipps.

Sigrid Undset, Autorin von „Kristin Lavranstochter“, gewann den Nobelpreis: Aktuell ist ihr Roman nicht im deutschen Buchhandel.

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Alle Durchsagen an Bord wurden auf Norwegisch, dann Englisch, dann Deutsch verlesen. Alle Deutsche, die ich erkannte, waren als (Hetero-) Rentnerpaar unterwegs; recht leise und für sich.

Ich mochte, wie viele Durchsagen ans Leid und die Verfolgung der Sami erinnerten… bis ich verstand: Das ist keine offizielle Hurtigruten-Tonspur. Sondern eine Kunstaktion im Rahmen von „Coast Contemporary“, von Sissel M. Bergh.

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„Ganz untypisch in Zeiten des overtourism ist Norwegen ein Land, das sich tatsächlich mehr Kulturtourismus wünscht“, schreibt Saskia Trebing im „Monopol Magazin“: „‚Hier ist noch Platz‘, sagt Annika Winström, Direktorin der Maaretta Jaukkeri Foundation, und zeigt schmunzelnd über die weite Fjordlandschaft.“

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„Die Reedereien“, schreibt Saskia Trebing, „feiern Norwegen als zerklüftetes Paradies, doch auch hier ist die Idylle gefährdet – oder hat vielleicht nie existiert. In ihren Vorträgen erinnern Künstler an den Klimawandel, der die Arktis schon jetzt dramatisch verändert, die Debatten um mögliche Ölplattformen im Norden und die Unterdrückung der Sami in ihren angestammten Gebieten.“

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„Norway’s artist-run scene is strong and at times as untouched as (some of) its nature“, schreibt Tanja Saeter im Programmheft (nicht online). „Because of The Relief Fund for Visual Artists, 5% of all sold art, from the first and second-hand markets, is given back to the artists in form of working grants.

Combined with the important working grants from the government (Statens Arbeidsstipend) artists are able to work in peace and develop their practice. It is important for all art-workers to protect this remarkable model established by Ulrik Hendriksen (1891-1960), and even better, share the model with the world. [Also,] Norway has a long tradition of artist organisations that function as unions combined with a gallery space.“

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„The TV show ‚Hurtigruten minutt for minutt‘ appealed to a national trait: the country’s passion for its own landscape“, schreibt Kurator Charles Aubin. „[That’s] also a quite effective tool to build a shared sense of nationhood. Romantics of the 19th century throughout Europe
turned to celebrations of nature at its most dramatic to invigorate patriotism. Here in Norway, literary and pictorial depictions such as Johan Christian Dahl’s spectacular paintings of mountain scenery, have served to build a national belief of an untouched and limitless territory — often largely oblivious of the Sámi people — at the hand of the adventurous mind.

Today the natural tourism agency still relies on such formulations: “Norway, Powered by Nature”, goes the slogan, even though what really powers Norway these days is the petroleum industry that has dramatically changed the course of the country’s economy since the 1960s.“

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„I was eager to examine these contradictory images of nationhood, landscape, ecology, and tourism“, schreibt Aubin weiter:

„Drawing its title from the first strophe of Norway’s national anthem Ja, vi elsker dette landet (Yes, We Love This Country) written in 1859 by Bjørnstjerne Bjørnson (“Yes, we love this country / as it rises forth / rugged, weathered, above the sea”), this programme seeks to address the complex relationship Norwegians entertain with the wilderness. How has it been “naturalized” as a national mythology? What particular worldviews and agendas does it imply?“

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Hurtigruten-Schiffe haben zwar WLAN – doch Zugang kostet gut 5 EUR pro Tag; und ich hatte eh kaum Zeit, zu googeln, online nachzulesen, tiefer zu recherchieren: Während der Reise bearbeitete ich Fotos und stellte sie tagesaktuell bei Facebook online. Alles, das mehr Energie und Zeit brauchte, las ich im Nachklapp.

Dass Anke von Heyl souverän, originell und mit präzisem Blick schon live während der Reise Twitter & Instagram bespielte, beruhigte mich: #Arbeitsteilung #Fokus

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„Über welche Autor*innen willst du vor der Buchmesse schreiben?“

„Über alle, die kleiner sind als die superbekannten Dudes: Karl-Ove Knausgaard, Tomas Espedal…“

Espedal schreibt kurze, persönliche Bücher (im Stil von z.B. Andreas Maier: Autofiktion) mit vielen Naturbeobachtungen. Keine Stimme, die ich fördern kann, entdecken darf: Er ist seit Jahren etabliert, auch in Deutschland. Erst einen Tag vor meinem Flug wird endlich das Programm an uns Deutsche verschickt. Tomas Espedal führt uns durch Bergen!

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Ich liebe vergriffene, vergessene Bücher, und lese in den nächsten Wochen u.a. die queeren Autor*innen Jens Bjoernboe, Gudmund Vindland und Gerd Brantenberg – deren feministische Satire „Die Töchter Egalias“ so präsent sein könnte wie Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“.

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Norwegisch ist recht leicht zu lernen – doch die Betonung ist schwer.

„Understanding basic Norwegian words is fairly easy for English, German or Dutch speakers. But perfect pronunciation is notoriously difficult to learn because Norwegian is a pitch accent / tonal language.“

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Zufallsfund am Flughafen: Michael Booths „The almost nearly perfect People“ (2014; der Goodreads-Score ist mau für ein Sachbuch) stellt alle skandinavischen Länder vor – und hat deshalb, unterm Strich, zu wenig Norwegen-Content. Beim Blättern fand ich trotzdem dauernd Stellen, die ich anstreichen wollte. #vielgelernt

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Anke von Heyl schreibt: „Jeder, dem ich davon erzählt habe, dass ich einen Teil der Hurtigruten (es heißt tatsächlich “schnelle Route” – hach, hurtig ist so ein schönes altes Wort) fahre, bekam glänzende Augen. Für viele ist das der Inbegriff von Entschleunigung und Landschaft pur.“

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Wer zum Speisesaal will, muss am Shop vorbei. Teure Funktionskleidung, Souvenirs. Keine Romane; doch Bildbände und Fotobroschüren mit Titeln wie „Hurtigruten: Die schönste Seereise der Welt“. Der Kapitän bietet an, die Bücher persönlich zu signieren. #buchkultur

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Mein Lieblings-Lecture: Hanne Beate Ueland stellt Landschaftsmalerin  Kitty Kielland vor und zeigt, wie sie sich gegen die Männer der Düsseldorfer Schule positionierte: Johan Christian Dahl; Hans Gude, Peter Balke, Lars Hervgeig. Ab 30 [ca. 1873] lebte Kielland in Karlsruhe, durfte nicht an der Kunstakademie studieren und stürmte als Intervention in einen Aktzeichnungs-Kurs, der Männern vorbehalten war.

Als jemand, der 50 Minuten von Karlsruhe entfernt aufwuchs, finde ich es absurd, dass Norweger nach Nordbaden zogen, um Landschaftsmalerei zu üben.

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Expert*innen sehen bei Kiellands Landschaftsmalerei: „The skies are meterologically correct. The rocks are geologically corrrect.“

Grundfrage damals war: „Is this area interesting as something to describe in paint, in art? What’s emphasized: the sky? The water? The landscape?“ Es gab kaum Eisenbahn. Landschaft wurde zu Pferd oder Kutsche erkundet. Sümpfe, flat landscapes etc. galten als „female landscapes“, in Kontrast zu den „more dramatic mountains: male landscapes“.

Kittys Bruder Alexander Lange Kielland schrieb Romane.

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Norwegen hat die höchste Lebensqualität, Bildungsgerechtigkeit, Class Mobility und die geringste Lohn-Schere. Doch mich erschreckt, wie laut sich eine Norwegerin jeden Vergleich mit den USA (für mich: vielfältiger, künstlerisch oft interessanter) verbat.

„Das ist ein failed State, in dem Leute oft über Generationen keine Ausbildung, keine Jobs kriegen!“

Ich mag Nationen, die fragen, wie sie besser werden können. Statt sich selbst auf die Schulter zu klopfen.

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In Georgien schnappte ich viel auf – und verstand Zusammenhänge erst Monate später, als ich ein Dutzend georgische Romane las. Auf den Hurtigruten hörte ich Sätze wie „Bergen ist reich. Das Fischereimonopol!“ …ohne zu wissen, was das politisch und sozial bedeutet – und wie es das Land bis heute prägt.

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Anke von Heyl schreibt: „Hannah Ryggen ist eine Künstlerin, die in den 20er und 30er Jahren große Anerkennung erfuhr und die es heute wieder zu entdecken gilt. Eine ihrer Arbeiten, ein Wandteppich, wurde 2012 auf der Documenta gezeigt. Er erlangte traurige Berühmtheit, weil er 2011 beim Anschlag aufs Parlament in Oslo in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ryggen selbst engagierte sich in ihren Arbeiten gegen Faschismus.“

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Ryggen, geboren 1894 in Malmo, sollte Grundschullehrerin werden und webte ab den ca. 20er Jahren große Wandteppiche an einem Webstuhl. Das Garn ist eingefärbt mit Farbstoffen, die sie in der Natur sammelte.

20 Jahre lebte Ryggen mit Mann und Kind in einem Bauernhaus ohne Strom: Sie brauchte zehn Jahre, um die Technik zu meistern, und verdiente binnen 14 Jahren mit ihrer Kunst 3000 Kronen.

Durchschnittseinkommen pro Jahr damals: 2500 Kronen.

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Kunsthistorikerin und Kuratorin Marit Paasche schrieb ein Buch über Ryggen: „Hannah Ryggen. A Free One“.

In einem „extremely male-dominated account of modernism where women were marginalized and overlooked in their own time“ ist Ryggen die Ausnahme: „Her genius was recognized. She wasn’t misunderstood. But in the 1980s and 1990s, she received little place.“

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Anke von Heyl: „Der Landgang mit Besuch im Nordenfjeldske Art Museum in Trondheim war zwar kurz, aber ich habe die Begegnung mit den Hannah Ryggens Original-Textilien sehr genossen. Umso gespannter bin ich auf die Ausstellung in der Schirn, die nächstes Jahr im Herbst und parallel zur Buchmesse zu sehen sein wird.“

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Motive der Ryggen-Wandteppiche sind u.a. die Arbeitslosigkeit der Fischer während der Wirtschaftskrise; oder, in „Death of Dreams“, dass Carl von Ossietzky erst 1936 den Nobelpreis erhielt, und 1938 von den Nazis zum Tod verurteilt wurde. Politik, Antifaschismus.

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Ryggen lernte in Dresden. Wandteppiche und Webarbeiten zeigten oft dekorative Muster. Auch Natur war wichtig: Als „diversion, vitalism, romanticism and, in Norway: nationalism“.

Ryggens Teppiche sind anders. Illustrativ wie politische Zeitungs-Cartoons. Es geht um klare Aussagen und Positionierungen, z.B. gegen Italiens Einmarsch in Äthopien. Der Arbeitsaufwand? Immens!

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Ryggen schlug alle Angebote privater Käufer*innen aus: „She saw the tapestries as public statements that have to hang in public spaces and could be seen by all.“

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Ich machte ein Selfie in meiner Kabine – und merkte erst, als ich die Bilder des Tages auf Facebook postete, wie ähnlich ich dem Ryggen-Teppich (oben) bin.

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Das Schiff hielt in Trondheim nur von 8 bis 10 Uhr morgens: Wir stapften 40 Minuten durch den Regen und ließen uns von Direktorin Åshild Adsen ca. 10 Teppiche zeigen.

Wie wichtig Textile Art in einem Land ist, das viel Wolle verarbeitet und, wie sehr das Medium noch immer als „Handarbeit“, „Frauenkunst“, „Kunsthandwerk“ abgetan wird, erklärte Karianne Sand von „Norwegian Textile Artists“ / „SOFT galleri“.

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Der einzige Ryggen-Wandteppich, der mich besonders ansprach: „We live among the stars“ (1956).

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Teekannen-Design. Dazu eine kleine Ausstellung japanischer Keramik: Wir sahen nur ein Stockwerk des Museums, hatten keine Zeit für die Kunsthalle Trondheim (nebenan); kriegten die Stadt kaum mit.

Schön und unerwartet: Es gibt Stolpersteine. Details: Link

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Schon in Svolvaer aßen wir bei „Peppe’s Pizza“ [Foto: Filiale in Trondheim], einer Pizza-Hut-artigen norwegischen Kette, in der Kinder gern Geburtstag feiern. Nichts wirkt italienisch (oder skandinavisch). Die American-Style-Pizzen schmecken; die Thin-Crust-Pizzen sind ölig-labbrig.

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Hafen-Terminal; dahinter Berge. „Star Wars: The Empire Strikes Back was partly filmed at Finse, near the Oslo-Bergen railway, in March 1979. The Finse area appears in the movie as Hoth, the snow & ice planet.“

Sobald ich das las, sah ich’s an jeder (schneebestäubten) Ecke.

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Autos, Frachtgut, Post: Hurtigruten-Schiffe werden dauernd be- und entladen, auch mitten in der Nacht. Ich schlief mit Ohrstöpseln und hörte nichts. Der Check-in in Svolvaer ging schnell; doch als in Bergen fast ALLE Passagiere ausstiegen, brauchten wir über eine Stunde.

Ein Kreuzfahrtschiff ist wie ein schwimmender Rollstuhl. Ich hatte mit vielen Menschen mit Behinderung an Bord gerechnet. „Sehr viele Behinderte“, sagt eine Mitreisende – und ich stutze: Klar sehe ich drei, vier Rolllatoren. An der Rezeption warten Klapprollstühle. Tatsächlich aber nutzt, glaube ich, nicht einmal jeder hundertste Gast hier einen Rollstuhl.

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Ende 2017 las ich „NYX“ – eine dystopische Satire des deutschen Autors Dirk van Versendaal. Ein Kreuzfahrtschiff als schwimmendes Altenheim wird so vernachlässigt, dass an Bord Seuchen, Chaos ausbrechen.

Im August 2018 moderierte ich eine Lesung in der Hanse-Residenz Lübeck und musste dauernd ans Buch denken („Altenheim?! Herr Mesch: Wir sind eine Seniorenresidenz!“). Auch hier an Bord erkenne ich viel wieder. „NYX“ hat Längen – doch MUSS in jede Hurtigruten-Bibliothek!

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„Everyone living in Norway has three figures from their annual tax return published: their annual income, income tax paid, and wealth. Prior to 2013, this data was completely open and searchable, but now a person can see who has looked up their data.“ [Quelle]

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„US actress Renee Zellweger is the daughter of a Norwegian woman of Sami descent (Kirkenes, Finnmark county) and a Swiss man. Her parents met onboard the Hurtigruten in the 1960s.“ Details: Link

Auch Matt Groenigs Eltern – Vorbilder der „Simpsons“ – stammen aus Norwegen.

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Mit WLAN hätte ich zu allen Teilnehmenden recherchiert. Doch weil das .pdf mit allen Reise-Details erst am Vorabend des Flugs kam, blieb es bei „Witzig: Der nette New Yorker hat das… norgewischste Outfit an Bord!“

Dass ich gemeinsame Freunde mit Kunstkritiker Brian Droitcour habe und schon Artikel von ihm las, fiel mir auf der Reise selbst nicht auf / ein.

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„There are about 30 stave churches, medieval Scandinavian wooden churches using the post and lintel technique, surviving to this day, in Norway. The only other one is in Sweden.“ [Fotos]

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Für NORLA an Bord: Ellen Trautmann Olerud (Project Coordinator #Norwegen2019) und Sunniva Adam (PR Officer #Norwegen2019).

Direkt, schwungvoll, kompetent: Menschen, die Bücher verkaufen, verlegen, vermitteln glauben oft, nach außen hin ALLES gut finden zu müssen. Ellen und Sunniva werten, gewichten viel offener. Ich freue mich auf weitere Gespräche über Lektüren… und Flops.

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Tomas Espedal: „In Bergen regnet es so viel, dass Leute sagten: Die Einwohner hier sind dumm. Sie müssen dauernd Regenschirme halten. Das Blut fließt in den Arm statt ins Gehirn!“

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Die kurze Lecture-Performance von Daisuke Kosugi war mein Highlight der „Cabin Series“: Kunst, jeweils in einer Kabine für ca. 20 Zuschauer*innen.

Kosugi spricht (oder liest ab: Er trägt ein Oculus Rift-Headset). Ein außen aufmontiertes Tablet zeigt kurze Clips, die seinen Vortrag illustieren.

Sakkaden sind kurze, unwillkürliche Pupillenbewegungen.

Im japanischen Butoh-Tanz geht es – anders als im Ballett – nicht um Muskelbeherrschung. Sondern um Nachgeben, Los-, Lockerlassen.

Kosugis Vater half, das Tokyo Disneyland zu erweitern: Eine beliebtes Upgrade von Disney-Parks sind Filmstudio-Themenwelten. Tokyo Disneyland wollte lieber eine „Sea World“-Expansion. Kosugis Vater ist Ingenieur und wollte, dass ein Vulkan gebaut wird – weil Disneyfilme populär wurden, indem sie immer auch ein Stück Kindheitslandschaft und Kindheitswelt nachzeichneten:

Welt so zeigten, wie wir sie aus unserer Kindheit nostalgisch erinnern. Japan hat Vulkane. Der Sea-World-Vulkan soll kollektive Kindheitsbilder wachrufen.

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Wird Kosugi vor Publikum nervös, stellt er sich vor, dass keine Menschen auf ihn blicken, sondern gesichtslose Kartoffeln. Sein Vater ist heute Amateur-Bodybuilder, lässt sich vom Publikum anstarren – doch brach ab, als sein Sohn ihn filmen wollte. „I’m not a potato for my father.“

Sakkaden helfen, etwas zu erfassen und zu erinnern. Szenen einzubrennen. Wer ein Trauma vergessen will, soll es nacherzählen… und dabei den Blick möglichst ruhig zwischen Nah und Fern hin- und herschalten.

Wie dieses EMDR Treatment, virtuelle Welten bei Oculus Rift, Sakkaden und der Kindheits-Blick zusammenhängen, wird Kosugi in längeren Arbeiten erforschen.

Ich mag die Mischung aus Trivia, Kulturwissenschaft, persönlichen Anekdoten und Neurologie. Bitte bald mehr!

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„I’m a potato“, stellt sich Künstlerin Siri Borgé vor. Sie meint: Sie ist vielseitig. Eine feste Metapher in Norwegen: „Versatile? Potato!“

In ihrer Kabine parodiert sie Privatisierung, die Bildsprache von Kreuzfahrten, Corporatism, Firmenlogos. Ein Seefahrer-Maskottchen für norwegische Fischkonserven („Sieger. In Deutschland beliebt!“) trägt hier, als Montage, des Gesicht von Anders Breivik.

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In Kunst und Vorträgen sind Klimawandel, Ökologie (…und Sexismus) omnipräsent: Borgé zeigt in der Duschkabine einen Video-Loop zu Plastikmüll im Meer.

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Stoff-Kunstwerk „Index for a place of no importance“, Anne Karin Jortveit.

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Saskia erzählt: „Ich sah in der Kabine fern. Es ging um eine Debatte im Parlament. 10 Expertinnen kamen zu Wort. 10 Frauen. Keine Männer.“

X, zynischer: „Vielleicht zeigt das vor allem, wie schlecht Jobs in der Politik bezahlt sind.“ Auch im Journalismus kriegten Frauen erst dann immer mehr Raum, Macht, Respekt, als der Beruf selbst immer weniger Lohn und Prestige versprach.

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Fotograf Christian Tunge brachte einen Kartenständer und seinen Foto-Drucker an Bord, bat alle Passagiere um Dateien: In drei Tagen füllte sich der – oft öffentlich im Schiff aufgestellte – Ständer. Ich hatte am Vortag einen Lachs fotografiert: ausgeweidet und mit traurigem Blick, am Büffet.

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Mein Lieblingsfoto aus Tunges Sammlung. Weil fast alle jüngeren Leute, die ich an Bord sah, Teil unserer Gruppe waren, kann ich nicht sagen, ob es solche… legeren Szenen auf jedem Hurtigruten-Schiff gibt: Whirlpool und Sauna z.B. wurden ebenfalls fast nur von uns genutzt.

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Ein Coast-Contemporary-Teilnehmer erzählt mir in der Sauna von seiner Zeit in Svalbard.

Mir ist nicht klar, dass einfach „Spitzbergen“ gemeint ist, und ich weiß nichts über die verlassene russische Siedlung dort: Pyramiden. Oder über die Regelung, dass möglichst niemand entbinden soll. Oder über die Gefahr von Eisbären. Ich bin gesichtsblind – und merke nicht, dass ich mit Christian Tunge spreche: beim Postkarten-Entwickeln trug er eine Brille, in der Sauna nicht.

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„We were 48 people and 4 polar bear guards“, erzählt später jemand über die Zeit in Spitzbergen. „Everyone carries a flare gun.“

Vom Archiv für Saatgut hörte ich – alles andere ist mir neu.

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Anfang November zeigt die Bergen Art Book Fair Kunstbücher und Zines… in Bergen. An Bord stellte die Messe aus – und drei Verlage: Heavy Books, Lodret Vandret und Mondo Books, ca. 100 Bücher. Im Bild: Johan Rosenmunthe. Foto: Laimonas Puisys

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Ich blätterte durch jedes Buch der Ausstellung. Die meisten sind Norwegisch, Dänisch und/oder Textwüsten. Ich mag „Too familiar to ignore, too different to tolerate“: sonnige Fotos von Bienen, Honig und Waben an Orten, an denen keiner mit Bienen, Honig, Waben rechnet.

Dass der Fotograf, Christian Tunge, der Kartenständer-Künstler und der Mann in der Saune EINE Person sind, merkte ich nach ca. drei Tagen Reise.

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Die Ausstellung in der Schiffsbibliothek stand allen Gästen offen – doch nur ein, zwei Muggel-Passagiere blätterten länger in den Büchern. Auch bei den Lectures im Auditorium und bei der Cabin Series sah ich keine Außenstehenden.

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Sympathisches, doch etwas monotones illustriertes Buch von Kay Arne Kirkebo: „All is lost“.

Sehenswert: seine ‚Isometric Structures‘ / Bleistift-Stadtansichten.

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Toll & naheliegend: Modellieren mit gestreifter Zahnpasta!

Ästhetisch dachte ich leider zu oft: Solche Motive hätte ich auch 2008 schon sehen können.

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Aslak Hoyersten (rechts) hilft Künstler*innen bei der Selbstorganisation: VISP berät bei Förderanträgen, Steuern etc. (…und heißt „Schneebesen“!). Von links: Flemming Ove Bech, Alexandra Jegerstedt und Ann-Kristin Stolan.

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Ich kenne jetzt EINEN jüngeren queeren norwegischen Autor, Erik Eikehaug.

Ich kenne kaum Stimmen of Color. Ich freue mich über Empfehlungen, Vernetzungen – gern auch via Twitter oder Facebook.

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Ein Sami-Begräbnis? Sissel M. Bergh schreibt: „[Before,] the Saami people (of the mountains) were regarded wealthy and of a different league: They were free to play hide and seek with the King’s tax officers and police. And they were wearing their wealth on their bodies, in silver and fur. In the aftermath of the 1814 Constitution, Saami rights were rewritten as Saami privileges, and thereby legitimate and fair to deprive.“

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Fast zehn Institutionen haben je zehn Minuten, sich vorzustellen.

u.a. VISP, Norwegian Textile Artists [gegründet 1927!], Screen City Biennal, Performance Art Bergen, OCA und, im Bild, das Sami Center for Contemporary Art. [Stickerei: Britta Marakatt-Labba, geb. 1951]

Marianne Kwann vom Norwegian Ministry of Foregin Affairs erklärt, dass Kulturvermittlung im Ausland anders funktioniert als für z.B. Deutschland, Frankreich. „We don’t have the Goethe Institute or the Institute Francais; the embassies play these roles.“

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Dass deutsche Kinder oft Mützen, Winterkleidung tragen, die den Sami-Trachten nachempfunden sind, war mir neu: Ich weiß noch nichts über die Kultur, ihre Kämpfe und Diskriminierungen.

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Ich habe den Eindruck, dass der Kampf der Sami um gleiche Rechte und Mitbestimmung in Norwegen von allen skandinavischen Ländern am heftigsten war“, kommentiert eine Freundin auf Facebook. „Vielleicht, weil es dort weniger Land gibt und Norwegen deshalb eher und heftiger in die Gebiete der Sami eingegriffen hat (zum Beispiel mit Staudämmen usw.). Sami-Diskussionen sind auch immer Diskussionen um Landrechte.“

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Karl-Ove Knausgaard schrieb sechs autobiografische Bücher. In Norwegen hieß die Reihe „Min kamp“ [nach Hitlers Buch], in den USA „My Struggle“, in Deutschland „Das autobiografische Projekt“. Warum auch Sami-Künstlerin Kristin Tarnesvik auf Hitler verweist, weiß ich nicht.

Tomas Espedal, der ebenfalls autobiografisch schreibt, erklärt, warum Ich-Sagen als Anmaßung galt: „We’re a protestant country. Why do you think you’re interesting? What gives you the right to talk about yourself? Who do you think you are?“

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Norwegische Trolle erkenne ich als Vorväter von..

a) den [dänischen] „Hugo“-Computerspielen der 90er

b) den [zuerst: dänischen] Zaubertrollen ab den 60ern

c) absurd vielen Amateur-Kinder- und Bilderbüchern im Selbstverlag zu pumucklartigen Kobolden, Wichteln, die ich dauernd versehentlich bei Amazon finde: Hobbyautor*innen der älteren Generation LIEBEN diesen Look. [Links: 1, 2, 3, 4]

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Noch weiß ich fast nichts über Norwegens Regionalismus: Leute im Süden sind religiös. Leute in der Telemark aufbrausend… oder Axtmörder? Tipp: der Webcomic „Scandinavia and the World“

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Ich hörte noch nie so oft „Landscape Artist“.

Aber: Wie könnte man nicht, hier oben?

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Tolles Projekt, kluges Anliegen, faktensatter Vortrag:

Alon Schwabe und Daniel F. Pascual sind „Cooking Sections“. In Bergen, zum Abschluss von „Coast Contemporary“, hatte ihre Anthologie / ihr Reader „The Empire remains Shop“ Premiere. Texte über Lebensmittel, Exotisierung und Widerstand im Postkolonialismus. An Bord fragten sie, ob Austern eine Alternative zu Lachs aus Fischfarmen / Aquakultur sein könnte.

Ein Vortrag, aus dem ich viel mitnahm und lernte – doch den ich kaum ertrug. Weil v.a. Schwabe überlaut, mit blecherner Stimme unbequeme Fakten maximal unbequem deklamiert: Es tut weh, zuzuhören.

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„Norway introduced the Salmon Sushi to the Japanese during the 80s. Incidentally, Norway is also the largest exporter of salmon in the world.“ Cooking Sections arbeiten in London, und nahmen schottische Lachsfarmen ins Gericht: „A creature bred to be hungry, its job is to pick up weight.“

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Riesige Netze, in denen Lachse wimmeln, geplagt von Sea Lice und anderen Parasiten. Lachsfleisch ist rosa, weil Lachse Krill essen. In Fischfarmen färben Pellets mit Farbstoff den Lachs. Spatzen, die die Pellets versehentlich essen, werden pink.

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Hurtigruten: „Bei 34 Häfen, die es zu erkunden gilt, und einer Auswahl von über 60 Landausflügen wird Ihre Arktikreise definitiv nicht von Langeweile geprägt sein.“ Man kann Ausflüge auf Fischfarmen und in ein Marmor-Bergwerk buchen, viel Sport, Wikinger-Reenactments… und dreimal im Katalog lachen Funktionskleidungs-Leute mit Fisch und Krustentier.

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Ich nenne den Namen nicht – weil es mir nicht darum geht, persönlich anzugreifen. Schon Kurator Charles Aubin strengte mich oft an, weil er gesucht leise, kultiviert, übervorsichtig sprach.

Ein Vortrag über Nature Writing steckte – in meinen Augen – voll peinlicher, unpräziser, poetisierender Floskeln: „The presence of materialities and the presence or absence of us watching it“, „We were to respect the silence of the bird sanctuary and listen deeply to the seagulls“, „It was just divine, the fjord was just silky blue and velvety and there were no winds“.

Ein verzärtelt-aufgesetzter Ton, mit dem ich nicht klar komme: „It was magnificent; the silent spectacle. How do the materialities of the arctic work on me?“

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„Is it possible to let it rest? To let this place lie in its own time, not being photographed, not being insta-shared?“ fragte eine Person, die Fotos machte, uns Fotos präsentiert, sich über ihr Hinreisen, Hinsehen, Foto-Machen, Dokumentieren definiert… und mich zum Augenrollen bringt, sobald sie fordert, dass alle anderen bitte daheim bleiben:

Ich ging an Deck. Sah einen Regenbogen.

Und share ihn hiermit, mit Freude!

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Deutsche Comedians machen mir Angst: die erfolgreichsten sind aggressiv gestrig, reaktionär, treten v.a. nach unten.

Comedian Are Kalvo macht auf fast allen Fotos ein maskenhaftes Stefan-Raab-trifft-den-Joker-Gesicht.

Dass NORLA uns EINEN Autoren aufs Schiff holt und sagt: „Are? Das wird toll!“ irritierte mich. Auch, weil ich mir z.B. die Rassismen dieses Buchcovers von 1996 nicht erklären kann.

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Auf Deutsch erscheint Aro Kalvos „The Cabin Book from Hell“ 2019 im DuMont Reiseverlag: „A comedian’s reluctant attempt to learn to love nature. Kalvø grew up in the middle of a postcard, surrounded by fjords and mountains. Yet he’s never been much of an outdoorsman. Once he moved to the city, he never looked back.

This has never been a problem. Until a few years ago, Kalvø began losing friends to the mountains. One day, Kalvø realized that he did not have a single Facebook friend who had not posted a photo of themselves on a mountain. He heads out to the mountains himself: to find out what is actually happening.“ Foto: NORLA.

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Die gute Nachricht: Kalvo grinst nur auf Fotos – sein Stand-up-Set (in exzellentem Englisch) hatte Schwung, Timing und trifft, im besten Sinn, Hauptsendezeit- und US-Niveau.

Ich LIEBTE, dass Charles Aubin zur Begrüßung schwurbelte: „He writes about nature and questions of the sublime“… und Kalvo sofort sagte: „I didn’t know that I wrote about questions of the sublime.“

Inhaltlich war’s mir zu dünn. Was Wanderleidenschaft und Outdoor-Wahn in Norwegen mit Midlife-Crisis, Klassismus, Distinktion, Romantisierung zu tun hat, wurde in 30, 45 Minuten null klar: Falls Kalvo Subversion, Gesellschaftskritik wichtig sind, kam nichts davon rüber. Ich dachte an Harald Martenstein – der über Lastenfahrräder und Jutebeutel spöttelt… und schnell bei „Gesinnungsterror“ und „Anpassungsmoralismus“ landet.

Dass Kalvo so lange reden kann, ohne, dass klar wird, ob er Ressentiments bedient oder entlarvt, macht mir keine Lust aufs Buch. Foto: NORLA.

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Richard Alexanderrsons 12-Minuten-Animationsfilm „Pod“ erinnerte mich an die 90er Jahre: tolles Sounddesign; doch verbauchte CGI-Bilder und eine „Ecco the Dolphin“-Meer-trifft-Weltall-Ästhetik. In den 90ern war das Öko-Kitsch. Dann kann es 2018 bitte nicht Avantgarde sein!

Besser: Anne Marthe Dyvis Doku-Essay „Oilers“ über Gewerkschaften und Ölförderung (30 Minuten).

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Filmemacherin Sissel M. Bergh vor dem Torghatten-Felsen. Saskia Trebing schreibt: „Ein Hurtigrutenschiff ist in all seiner erzwungenen Fröhlichkeit ein merkwürdiger Ort, um über [Sami, Klimaschutz, Landschaft] nachzudenken. Aber in all seinen Widersprüchen zwischen Bewegung und Festsitzen vielleicht genau der richtige.

Für die Passagiere ist die Natur gleichzeitig ganz nah und unerreichbar weit weg. Auf der MS Trollfjord ist überall von Sauberkeit die Rede und auf jedem Deck stehen Spender zur Hände-Desinfektion. Gleichzeitig ist das Schiff eine CO2-Schleuder und auf dem Buffet liegt der Lachs aus den Fischfarmen, die das Künstlerduo Cooking Sections gerade noch als Umweltkiller gegeißelt hat.“

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„Big Ship, Small Town“: Luis Callejas und Charlotte Hansson, die auch die Halle zum Gastlandauftritt Norwegens 2019 gestalten, warfen Dreiecke aus Licht durch den Hafen von Molde, „using the ship’s powerful searchlight system“.

Es ging um Triangulation, Navigaton, Entfernungen, das Sichtbarmachen von Distanz. Ich bin kein Freund verschwurbelter, abstrakter Artist Statements – doch hier gab mir der kluge Begleittext mehr als die (unterwältigenden) Lichtsäulen.

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Ein paar der wachsten, sympathischsten „Coast Contemporary“-Teilnehmer*innen sind Studierende von Calllejas und Hansson. Schade, dass sie keinen eigenen Programmpunkt hatten: Wie norwegische Architektur sich zu Landschaft verhält, war kein Thema.

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Anke von Heyl schreibt: „“The Wild Living Marine Resources Belong to Society as a Whole” bündelt Gedichte, Manifeste, Kunstwerke, Essays, die sich mit der Verbindung von Mensch und Natur beschäftigen. Ein unglaublich dichtes Buch, hinter dem die Künstlerin Randi Nygård steckt.“ Die Fragen stellte Kulturwissenschaftler Timotheus Vermeulen.

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Ich wünsche mir nochmal einen längeren Essay von Charles Aubin. Seine Fragen bereicherten mich tagelang. Hat er Antworten?

„Landscape as a construct: What do we want this landscape to say, to hold? Oil extraction, fish farming…. Landscape as an effective tool to build a sense of community in the Norwegian nation. Romanticism in the 19th century took part in the process of nationbuilding. What’s the agenda behind depicting the landscape?“

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„2015 reisten im Zuge der Flüchtlingskrise über 4000 Flüchtlinge über die russisch-norwegische Grenze in Norwegen ein. Die Regierung Solberg verschärfte die Politik. Norwegens Nachbarland Schweden war bis 2015 als das Land mit der großzügigsten Asylpolitik bekannt; als die Regierung Löfven diese revidierte, versuchten mehr Flüchtlinge nach Norwegen zu gelangen.“ [Wikipedia: Immigration to Norway]

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Wikipedia über Folgen des zweiten Weltkriegs: „Kinder mit norwegischer Mutter und deutschen Besatzer als Vater wurden als genetisch gefährdend für die Friedlichkeit der norwegischen Bevölkerung erachtet. Nach Schätzungen wurden 10.000 bis 12.000 solcher Kinder in Norwegen geboren. Die Mütter – abwertend als tyskertøser (etwa: „Deutschenflittchen“) bezeichnet – wurden 1945 bis 1946 teilweise in Internierungslagern gefangen gehalten. Den Kindern wurde der Schulbesuch verboten; sie wurden in Heime gesteckt, mit Neuroleptika behandelt oder lobotomiert; im besten Falle wurden sie nach Schweden zur Adoption freigegeben, so zum Beispiel Anni-Frid Lyngstad, Sängerin bei ABBA.“

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Spirituosen darf man in Norwegen (wie in Kanada) nur in wenigen, staatlich lizensierten Stores kaufen.

„Drunk driving is a serious offence, where being caught automatically results in 30 days of jail, a year without a driver’s license, and fines of up to 10% of your annual income.“

Und/aber: „Norway has a minimum security island-prison where inmates are almost free to do as they wish. The criminals prisoned there are among Norway’s worst, but it has the lowest rate of re-offending in Europe.“

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„Eine gute Möglichkeit, auf einem Kreuzfahrtschiff die Kunstreisegruppe von den anderen Gästen zu unterscheiden, ist eine Nacktperformance“, schreibt Saskia Trebing:

„Als sich die Künstlerin Marthe Ramm Fortun im Check-In-Bereich des norwegischen Hurtigenrutenschiffs MS Trollfjord  plötzlich den schwarzen Regenponcho vom Leib reißt, schauen ihre Kunstkollegen teilnahmslos bis mild amüsiert. Ein paar knipsen symbolträchtige Fotos, als sich die Performerin nackt unter den Porträts des norwegischen Königspaares räkelt und über den weiblichen Körper in der Kunst skandiert.

Die anderen Passagiere sind weniger gelassen. Immer wieder huschen kichernde ältere Damen in Funktionskleidung vorbei, ein paar ergraute Herren schwanken zwischen ungläubigem Starren und demonstrativem Desinteresse. Eine freundliche Mitarbeiterin in Uniform sagt der Künstlerin, dass sie sich für den Rest der Performance etwas überziehen muss – ein Hinweis, den Marte Fortun auf dem nächsten Deck schon wieder über Bord wirft.“

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Marthe Ramm Fortun liest ein sehr fragmentiertes, oft sarkastisches Essay vom Blatt ab. Leitmotivisch kommen alle fünf, zehn Minuten die Sätze: „I am not naked. That would be too romantic.“

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Am Abend nach der Performance wird Fortun von der Polizei befragt. Ich weiß nicht, ob das Schiff eine Anzeige stellte oder Passagiere.

Am nächsten Tag liest Fortun in anderer Reihenfolge aus den selben Texten, angezogen, im Auditorium. Ich liebe die Verweise. Fortuns Biss und Souveränität. Doch mich stört, dass im Vorlesen jeder Satz vor Sarkasmus trieft. Distanziert wirkt, gekünstelt. Ein Manifest – dringlich, earnest – geht mir näher als Textfetzen, die durch den Vortrags-Ton in Gänsefüßchen verstanden werden müssen.

Befreiend: Nachdem mir im Vorfeld der Reise ca. acht Leute sagten „Du willst über eine Kreuzfahrt schreiben? DAS hat doch David Foster Wallace schon perfektioniert„, rollt hier plötzlich eine smarte, müde Frau die Augen – darüber, dass alle erstmal IMMER auf David Foster Wallace „und andere tote Männer“ blicken.

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Als ein Handy klingelt, unterbricht Fortun und erzählt, wie sie ihr Handy während einer Nackt-Performance mal bei ihrer Mutter ablegte, ein Steuereintreiber anrief, die Mutter während der Performance ans Telefon ging und dann nicht wusste, was sie ärgerlicher fand: Den Eintreiber oder die Nacktheit.

Ich a) schreibe über Nacktheit, b) habe eine Mutter, die Anrufe annehmen, sich nicht zurückhalten würde, c) bin GENAU die Person, die eine Performance unterbrechen würde, um eine absurde Anekdote über eine andere Performance zu erzählen. ❤

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Es gibt zwei Whirlpools für je ca. 6 Personen an Deck – die kaum je voll besetzt waren.

Ich mag Literaturfestivals (doch finde Autor*innen oft defensiv und stofflig), ich liebe Uni-Tagungen (doch finde Postgrads oft steif und neurotisch), ich nehme von Künstler*innen viel Input mit (nur sind deren Texte, Vorträge sprachlich oft mau.)

Das Tagesprogramm dauerte vom Frühstück (ca. 7.30 Uhr) bis zur Nacht (ca. 22 Uhr), danach war ich oft noch zwei Stunden in Sauna und Whirlpool – auch bei Schneeregen oder kurzem Hagel. Schade, dass ich kein Nordlicht sah.

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Um 22 Uhr war kaum jemand in der Bar. Gegen Mitternacht, als ich vom Duschen kam, war auch nichts los. „Vielleicht gibt’s geheime Lower Decks: Da tanzen alle zu irischer Musik, malen Aktportraits und haben Sex in Autos.“

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Panoramafenster in der Sauna: Männer und Frauen sind getrennt, alle tragen Badekleidung. Tagsüber war keine Zeit – bis zum Auscheck-Tag: als ich gepackt hatte, war ich noch einmal eine Stunde allein.

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Leitungswasser schmeckt metallischer als in Süddeutschland oder Berlin. Auch Milch (7 Prozent Fett) soll völlig anders schmecken – doch auf dem Schiff und in Bergen fand ich nur fettarme Milch. In solchen Momenten denke ich erst „Dann halt nächstes Mal!“, dann „Nimm alles mit! Such sofort Milch! Wer weiß, ob es ein nächstes Mal gibt?!“ und dann „Es muss ein nächstes Mal geben!“

Ein Mitschüler arbeitet seit einigen Wochen als Biologe in Molde. Uns fehlte Zeit für ein Treffen. Dann halt… nächstes Mal!

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Organisatorin Tanja Saeter: „A few years ago I initiated an international visitors programme for an art festival with open studios, with about 30 curators visiting studios in Oslo every year – but the results weren’t quite what I expected. Most of the people that started to work together later were the international visitors, and not necessarily the artists whose work they had seen.

I realised that the curators and writers had been in the same hotel, eating meals together, driving in the same car, and sharing this whole experience—and the artists hadn’t really been a part of it because meeting for an hour in a studio is not enough time to make a real connection. So I wanted to find a place where time was expansive, where people would have time to get to know one another. The ship was the perfect location.“ #druckkammer #inkubator

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Funktionskleidung heißt nicht: Das müssen Deutsche sein.

Der Guide „Explore Lofoten“ zeigt auf JEDER Seite berauschende Landschaft… und bizarr lächelnde, gestählte Menschen in Yoga-Pants, Sonnenbrille und Neon-Oberteilen.

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Ich bin gespannt, ob es deutschsprachige Popkultur gibt, die in Norwegen überraschend bekannt, beliebt ist – wie David Hasselhoff in Deutschland.

„Klar: Derrick und Bayern München.“ Ich vermute, es gibt viel mehr!

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Ein Logistik-Problem: Die Bucht von Bergen hat die idyllischsten, teuersten Villen, Sommerhäuser und Anlege-Stege.

Doch ich wollte in der Sauna bleiben – und machte nur ein paar blaustichige Fotos durch die getönten Scheiben.

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Saskia Trebing schreibt: „Die Frage, warum das relativ beschauliche Küstenstädtchen Bergen so viel gute Kunst und Literatur hervorbringt, beantwortet Espedal mit dem Wetter. „Hier regnet es so viel, dass den Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als drin zu bleiben und zu arbeiten.““

Norweger gründeten Dublin (Irland): Dass Espedals aktuelles Buch „Bergeners“ auf James Joyces „Dubliners“ verweist, liegt auch am Bezug der Städte zueinander.

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Ich las zwei autobiografische, kurze Espedal-Bücher – die sich gut ergänzen: „Wider die Kunst“ (2009) erzählt sanft, vorsichtig, gemütvoll von der Zeit, in der Espedals Frau und Espedals Mutter starben… und, wie sich Espedal als alleinerziehender Vater neu erfand.

Dazu: viele Rückblenden in recht unbeholfene Jugendjahre. Ein Buch, viel frischer, jünger, offener, tastender, als ich erwartete. Empfehlung!

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 „Wider die Natur“ (2011) erzählt vom Glück, mit einer halb so alten Frau, 23, zu leben – doch wird dieser Frau nicht gerecht: Sie bleibt Phantom, Projektionsfläche; Espedals Blick wirkt hier VIEL biederer, altmännerhafter.

Ich las beide Titel mit Gewinn (…und werde, wie bei Andreas Maier, alle weiteren schmalen, klugen Bände sammeln, lesen). Nur: Hätte ich mit „Wider die Natur“ begonnen – ich hätte wenig Neugier auf mehr.

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Thomas Lang in Volltext: „In ‚Wider die Natur‘ schreibt er, ihm sei früh klar gewesen, dass er nicht arbeiten wollte. Er stilisiert seine Familien-Rolle in einem Interview sogar zu einer Hanno Buddenbrook ähnlichen: Er durchbricht die Linie einer langen, in Espedals Fall Arbeiter-Tradition. Er ist ein typischer Aufsteiger aus einem kleinbürgerlichen Milieu (der Vater ist bereits Verwaltungsangestellter, dessen Vater noch Werftarbeiter) ins akademisch-künstlerische. Ein Emporkömmling, so heißt es im Buch.“

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Anke von Heyl schreibt: „Die Sicht auf die Stadt aus Espedals Perspektive war unglaublich inspirierend. Und als Stefan ihn danach fragte, ob er dort oben, in den Häusern der reichen Hansekaufleute denn heute als erfolgreicher Autor willkommen sei, erzählte er uns noch einmal von der unglücklichen Liebe zu dem Mädchen aus dem Stadtteil Kalfaret.“

Ich las das Buch – und erinnere mich, wie unwohl sich der 19jährige Espedal fühlte. Tatsächlich aber würde ich gern wissen, ob und wie Espedal HEUTE von dieser reichen (und versnobten?) Stadt vereinnahmt wird.

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Sympathisch an der kurzen Führung: Wie überwach, nervös, flattrig, lebendig Espedal auf jeden Stimulus reagiert.

Die Bücher erinnerten mich an den abwartenden, oft sehr gefestigten Hanns-Josef Ortheil. In persona wirkt Espedal… quecksilbrig.

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„Was können Sie nicht mehr hören – über Norwegen und Norwegens Bild im Ausland?“

Espedal: „Wir sind ein reiches Land. Doch wir sind reich seit den 60er, 70er Jahren. Vorher war alles anders.“

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Unterwegs gelesen: „Winternovellen“ von Ingvild H. Rishoi. Drei kurze, sprachlich simple klassische Short Stories im US-Stil… über Eltern, die unter Druck stehen und schlechte Entscheidungen treffen, ihre Kinder gefährden.

Jede „Novelle“ (echt: nein. Short Story!) für sich ist warmherzig, geradlinig – doch als Trias wird, glaube ich, noch einmal viel mehr erzählt über den Sozialstaat Norwegen. Empathie. Und Gnade. Empfehlung!

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Anke von Heyl schreibt: „Mich berührt, wie sehr Espedal mit seiner Stadt verbunden ist. Mit Orten wie dem Huset Pub, einer Kneipe, die direkt gegenüber seinem Geburtshaus liegt. Wir verbrachten dort später noch einen anregenden Abend mit Bergsveinn Birgisson, Cecilie Løveid und weiteren Autoren.“ Foto: NORLA.

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Streichkäse aus der Tube: Ost.

Zum Frühstück sind auch Fischrogen/Kaviar beliebt.

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Erwachsene trinken zu Weihnachten „Christmas Ale“. „Julebrus“ ist die alkoholfreie Limo-Alternative.

Und: „Norway boasts of a very famous hot chocolate factory, Freia, immortalized in Norwegian-American author Roald Dahl’s book Charlie and the Chocolate Factory. Freia chocolate was one of the main sources of sustenance for Roald Amundsen on his journey to the South Pole.“

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Norwegische Süßigkeiten? Tolle Liste hier, auf Englisch:

  • viel Lakritz
  • Gummitiere (nicht von Haribo; in Supermärkten stehen Plastikboxen, aus denen man sich bunte Tüten zusammen stellt)
  • Daim (schwedisch)
  • Kvikk Lunsj (wie KitKat, wird als Wander-Proviant vermarktet; auf der Packung stehen Skitour-Tipps)
  • Bamsemums (Marshmallow-Bären mit Schokoladenüberzug; kommen aus Frankreich).

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„The popular 90’s energy drink ‘SURGE’ can still be bought in Norway under the name ‘URGE’“ [ich kenne das Getränk nicht und hatte kein Bargeld mehr.]

Das Fanta-Äquivalent Norwegens heißt „Solo“; doch weil das „o“ (oft? immer?) als „u“ ausgesprochen wird, dachte ich die Reise über, es hieße „Sulu“.

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„IKEA names sofas, coffee tables, bookshelves, media storage and doorknobs after places in Sweden; beds, wardrobes and hall furniture after places in Norway; carpets after places in Denmark and dining tables and chairs after places in Finland.“ [Quelle]

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Eine zu kurze Begegnung am Freitag – bevor ich allein den Bus zum Flughafen nahm. Gunnhild Øyehaug and Olaug Nilssen, Autorinnen aus Bergen.

Ich höre den kurzen Interviews zu, die Claudia und Andrea führen – doch verpasse Lesung & Gespräch. Saskia empfiehlt Øyehaugs Debüt, „Ich wär gern wie ich bin“; Nilssens Memoir über das Leben mit einem autistischen Sohn macht mich neugierig, weil ich den Pädagogik-Manga „With the Light: Raising an autistic Child“ liebe.

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„Norwegians read more than any other population in the world, spending an average of 500 kroner (~ US$76) a year per capita on books.“ [Quelle]

Die drei Buchhandels-Ketten, die ich oft sah: Norli, ARK und, am Flughafen, Tanum. Ein norwegisches Literatur-Portal, auf das mich Google dauernd stößt: Bok365.no

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„Alternativ Livsstil“ = Esoterik.

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Twitter-Accounts, durch die ich mehr über Norwegen lerne:

Nordicnovellas  |  NORLA  |  Northern Stories  |  Nordlandblog  |  Norrona  |  Constanze Matthes  |  Norwegian Arts  |  Elusive Moose  |  Erlend Loe

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Sympathischer Coming-of-Age-Comic: „Hysj“ von Magnhild Winsnes.

Ich liebe Mariko Tamakis „Ein Sommer am See“ und glaube, das hier hat ähnliches Potenzial. #mädchenfreundschaft #middlegrade #kindheitssommer

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Kopfsteinpflaster, Blick auf den Fjord: Ich war nur 18 Stunden in Bergen; sah die Altstadt kurz im Regen, auf dem Weg vom Schiff zum Hotel.

Anja Dahle Overbyes 140-Seiten-Comic „Bergen“ über eine unglücklich verliebte Studentin hat kaum Fans. Aber: dochdoch! SO sieht’s in Bergen aus!

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Im Bild: Inga H. Saetres „Det Finnes en dod etter livet“.

Am Flughafen Oslo, am größten Comic-Regal, suchte ich nach Mainstream-US-Comics. „Thor“, seit ca. 2014 der durchgängig beste Marvel-Comic, ist trotz Norwegen-Bezug kaum präsent (Aslag Hoyersten, halbernst: „It’s a bad case of cultural appropriation!“); nur wenige DC- und Marvel-Titel sind übersetzt.

Besonders erfolgreich sind, wie in Deutschland, Deadpool, Spider-Man, Batman. Heldinnen (außer Harley Quinn): sporadisch Wonder Woman, Captain Marvel, Miss Marvel. Doch es gibt überraschend viele Indie-Serien wie Brian Woods tolles „Briggs Land“! Vielleicht, weil Wood wiederholt über Norwegen schrieb? „The Massive“ (Empfehlung!), „Black Road“ (keine Empfehlung.)

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Toll, dass Bergen (280.000 Menschen) einen zentralen, großen, familien- und kinderfreundlichen Comic-Shop tragen kann. Fotos drinnen machte ich keine – weil Sortiment und Interieur auch in Frankfurt exakt so aussähen. Link: Outland Bergen.

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„Ein freiwilliger Tod“: Steffen Kvernelands autobiografische Graphic Novel über den Selbstmord seines Vaters. Ton & Thema interessieren mich; Zeichnungen und die dokumentarischen Foto- und Bildmontagen wirken etwas gestrig. Überall, wo mehr als drei Comics zu kaufen waren, stand das Buch stapelweise. Auf Deutsch erschienen: Kvernelands „Munch“.

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Frage ich „Hat’s dir gefallen?“ höre ich von Reisenden fast immer: „Ja!“

Frage ich „Willst du ein zweites Mal hin?“, verrät die Antwort mehr:

Ich sehe keinen Grund, eine zweite Kreuzfahrt zu machen. Selbst mit eng getakteten Performances, Lectures und vielen Gesprächen deprimierte mich die viel zu passive Zeit an Bord – trotz markanter und abwechslungsreicher Landschaft. Oslo würde ich gern vor der Messe noch sehen; und Norwegens queere, gegenkulturelle Räume.

Und ich würde jederzeit, bei jedem Wetter fünf, sechs Wochen auf den Lofoten schreiben und arbeiten! #residency

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Jeder von uns Deutschen nahm andere Flüge: Wir verlassen Bergen im Lauf des 26. Oktober; ich fliege nach Oslo, drei Stunden später nach Stockholm… und finde dort, am Gate nach Berlin, Kollegin Andrea.

Unser kurzer letzter Flug kann nicht mehr starten – weil Tegel schließt, bevor wir ankämen. Wir schlafen am Flughafen und fliegen morgens via Helsinki nach Berlin. In Finnland wird unser Gepäck beim Umladen vergessen; in Berlin wird das Flughafen-Café wegen einem Koffer geräumt; nach fast 30 Stunden Reise (…Hausschlüssel ist im Koffer, ich muss meinen Partner auf der Arbeit stören) bin ich zurück.

Menschlich machte die Irrfahrt überraschend viel Spaß. „Amazing Race“? Gern mit Andrea!

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Schon im März 2019 ist Tschechien Gastland der Leipziger Buchmesse. Bald mehr!

Am Wichtigsten ist mir die #fbm20: Fünf Jahre lang lebte ich drei Monate pro Jahr in Toronto. 2020 ist Kanada Ehrengast. Ausflüge in die Natur brauche ich keine. Doch in den Gastland-Auftritt eingebunden wäre ich sehr gern – ich will vor 2020 auf jeden Fall einige Wochen in Toronto verbringen.

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Vielfalt finden: Diversity und Repräsentation. 100+ Fragen.

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Am 31. Oktober spreche ich an der Uni Trier darüber, auf welchen Websites, unter welchen Stichworten und durch welche Expert*innen ich vielfältige Bücher finde.

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Heute vorbereitend:

100+ recht offene Fragen zu Vielfalt, Selbstbild, Vorbildern, Repräsentation und Intersektionalität.

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Fragelisten, die ich mag & empfehle:

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Von welchen Menschen lässt du dich ungern bedienen?

Welche Menschen tun dir Leid?

Wie müssen Polizist*innen sein, damit sie dir sympathisch sind?

Wie müssen Geflüchtete sein, damit sie dir sympathisch sind?

Wie müssen Politiker*innen sein, damit du dich gern von ihnen regieren lässt?

Welche Worte, Begriffe, Labels, Theorien hast du überraschend spät gelernt? Wurden sie dir vorenthalten? In welchem Alter, Umfeld und von welchen Leuten hättest du sie gern gelernt?

Was muss ein Bettler tun, damit er dir unsympathisch ist?

Gibt es faule Menschen? Worüber sollten sie sich nicht wundern?

Gibt es undankbare Menschen? Worüber sollen sie sich nicht wundern?

Wie viel Aufmerksamkeit hast du verdient? Wer kriegt mehr Aufmerksamkeit, als er/sie verdient?

Wer nimmt dich nicht ernst genug? Welche Menschen nimmt man ZU ernst?

Was ist dein Unique Selling Point – was macht dich interessant, wertvoll, spannend, wichtig?

Gibt es Leute, die uninteressant, wertlos, langweilig, unwichtig sind?

Wer schadet dir? Wer schadet deiner Familie? Gibt es politische Entscheidungen, die solche Schäden vergrößern oder verkleinern?

Wer ist geschädigt, falls die Partei, die du wählst, die Mehrheit im Bundestag erlangt?

Gibt es gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Missstände, die dich nicht betreffen?

Isst du Dinge, die dir oder der Umwelt schaden? Warum? Wer wird den Preis für dein Verhalten zahlen?

Wer redet zu viel? Wer sollte die Klappe halten, zurücktreten, gehen? Wer sollte sich schämen, und wofür? Wofür solltest DU dich schämen?

Wen könntest du ersetzen, wessen Rolle könntest du einnehmen, bei wem denkst du: „Die/der sollte hier weg, ICH habe diese Position und ihre Privilegien verdient“?

Welche Stimmen findest du wichtig – aber zu trocken, belastend, schwer, anstrengend oder unbequem, um ihnen gern zuzuhören? Wo und in welcher Dosis hörst du ihnen trotzdem zu? Was kostet dich das? Was bringt dir das?

Was müssen Menschen tun, um billig auszusehen? Um ignorant auszusehen? Um hässlich auszusehen? Wann, inwiefern und warum sahst DU je billig, ignorant oder hässlich aus? Absichtlich? Unabsichtlich?

Wie viel Lohn, wie viel Geld bist du wert? Verdienst du es, ein Auto zu haben? Ein Haus?

Gibt es typische Fehler, die zu viele arme Menschen zu oft machen?

Mit welchem Kleidungsstück oder Accessoire hast du Leute, die du beeindrucken willst, bisher am meisten beeindruckt?

Mit welchem Kleidungsstück oder Accessoire hast du mächtige und privilegierte Leute bisher am meisten abgestoßen?

Was werden Leute, die so sind wie du, oft typischerweise / für gewöhnlich von Beruf?

Glaubst du, Leute, die so sind wie du, können theoretisch ALLES werden? In welchen Feldern sind sie unterrepräsentiert? Warum? Welche Felder sind unter ihrem Niveau? Wieso?

Welche Menschen bringen deiner Mutter zu wenig Respekt entgegen – und hat der fehlende Respekt etwas mit Alter zu tun, mit Klasse, mit Sexismus? Bekommt sie allen Respekt, den sie verdient?

Was tat oder tut dein Vater, um NOCH mehr Respekt zu kriegen: Welche Verhaltensweisen oder Gegenstände findet er unverzichtbar – für einen Mann in seiner Position?

Welche Kinder müssen sich nicht wundern, wenn Lehrkräfte sagen: „Ich will nichts mehr für dich tun. Du bist hier in der Klasse falsch“?

Welche Gruppen müssen sich nicht wundern, wenn Steuerzahler*innen sagen: „IHR habt unsere Unterstützung und Geduld nicht mehr verdient“?

Findest du alle Menschen gleich attraktiv?

Was stößt dich ab?

Bist du hübsch genug? Denkst du, du wirst mit dem Aussehen, das du hast, genug Anerkennung, Liebe, Sex kriegen? Was wirst du tun, um zu kompensieren, falls du viel weniger kriegst? Was wirst du tun, wenn du alt und/oder arm wirst und deshalb viel VIEL weniger kriegst?

Kann man zu dick sein? Wann? Ab welchem Gewicht findest du dich selbst zu dick?

Was würdest du gern verweigern? Wen würdest du gern fallen lassen? Zu wem hasst du es, nett oder respektvoll zu sein? Warum bist du weiterhin nett?

Dein Navigationssystem oder Personal Assistant hat eine… Männer- oder Frauenstimme?

In welcher Hinsicht schämen sich deine Eltern für dich?

Gibt es Personengruppen oder Kulturen, die du in Filmen sahst, kennen lerntest – und dann erst in der Realität?

Gibt es Personengruppen, die du in Filmen so unerträglich findest, dass du denkst: „Bestimmt kann ich mit solchen Leuten wenig anfangen, im Alltag“?

Fühlst du dich als Mensch zweiter Klasse?

Sehen dich viele Leute als Menschen zweiter Klasse?

Von welchen Gruppen denkst du, sie werden als Menschen zweiter Klasse gesehen? KENNST du viele Menschen aus solchen Gruppen persönlich?

Welche Geschichten hältst du für besonders „realistisch“? Wie gut kennst du Menschen persönlich, die ähnliche Erfahrungen machten wie die Figuren in solchen „realistischen“ Geschichten? Was müsste in einem besonders „realistischen“ Film über dein eigenes Leben besonders hervogehoben und betont werden?

Hast du Vorbilder, die eine andere Ethnie haben als du selbst? Falls ja: Auch Leute, die keine Musik oder Politik machen?

Wie viele Kinderbücher oder Superhelden-Comics/-Filme/-Serien mit Hauptfiguren of Color liebst du – und verschenkst oder empfiehlst du?

Was waren deine liebsten nicht-heterosexuellen Kindheitsheld*innen?

Wie viele deiner 20 Lieblingssänger*innen haben das selbe Geschlecht wie du selbst?

Wie viele trans Musiker*innen kennst und magst du?

Hattest du Lehrer*innen of Color?

Hast du je Politiker*innen of Color gewählt?

Welche Politiker*innen of Color in deiner Region kennst und magst du?

Kennst du mehr berühmte trans Menschen oder mehr cis Schauspieler*innen, die trans Figuren spielen?

Zu wie vielen afrikanischen Staaten kannst du ein Buch, ein Film oder eine Serie nennen, das/der/die dort spielt?

Wie viele Serien kennst du, in denen Held*innen eine Abtreibung durchführen und den Schritt nicht bereuen? Wie viele dieser Figuren findest du sympathisch, souverän, empowernd?

Gibt es Menschen, die dich beschimpfen, zurechtweisen dürfen? Die jedes Recht haben, zu sagen, du seist… enttäuschend? Trash? Teil des Problems?

Glaubst du, du machst die Welt besser oder schlechter?

Glaubst du, du kriegst, was du verdienst?

Glaubst du, nachdem recht viel Liebe, recht viele Ressourcen etc. in dich und deine Ausbildung investiert wurden und du so viele Dinge verbraucht, verschmutzt etc. hast, dass du im Leben etwas von gleichem oder größerem Wert schaffen oder hinterlassen kannst – um all deinen Verbrauch auszugleichen?

Bist du weinerlich? Empfindlich? Nervig? Schrill? Bist du glaubwürdig, und verdienst du Hilfe, Respekt, Zuhörerschaft, Solidarität?

Wo/wie hörst du marginalisierten Menschen zu? Wer trägt Schuld, falls ich zu wenige kenne? Welche Verantwortung trage ich, mehr zu finden?

Welche Opfer solltest du bringen, auf was solltest du verzichten, was solltest du abgeben, um die Welt besser zu machen? Wem bist du etwas schuldig? Wer ist dir etwas schuldig? Wie viel Platz haben solche Ungleichgewichte in deinem Alltag, und wie viele solcher Schulden ignorierst du?

Was waren die größten Ungerechtigkeiten deiner Kindheit? Der 50er Jahre? Des Mittelalters? Gibt es eine historische Epoche, in der du gern leben würdest?

Über welchen Kontinent weißt du am wenigsten? Gibt es Länder und Kulturen, die dich langweilen? Die dir Angst machen? In denen du, müsstest du dort 5 Jahre lang leben, sehr unglücklich wärst?

Hast du’s zu gut? Welches Privileg könntest du abgeben? Was bräuchtest du, um dich in Deutschland wohler zu fühlen?

Was finden deine Eltern an dir schwach oder enttäuschend? Womit haben sie Recht?

…und/aber: Bei was denkst du „Nein, das ist ein Denkfehler eurer Generation. Dem Maßstab WILL ich gar nicht gerecht werden!“ …?

Welche Dinge, die dir deine Eltern oder dein Umfeld als Kind und Teenager gaben, hast du an andere Kinder/Teenager weiter gegeben, die solche Dinge nicht hatten?

Mit welchem Geschlecht, mit welcher Familie, mit welchem Aussehen und in welcher Nation hättest du es am leichtesten? Hast du’s ganz gut erwischt?

Ein Lob welcher Leute bedeutet dir am meisten? Ein Lob welcher Leute wäre dir egal oder zuwider?

Gibt es einen Ort, von dem du weißt, dass dort mehrheitlich Leute wie du sein werden? Traust du dich an diesen Ort?

Wie hast du von Transsexualität erfahren?

Wie hast du von anderen Religionen erfahren?

Hast du zuerst queere Menschen kennen gelernt oder zuerst queere Figuren?

Kennst du mehr Menschen mit Behinderung (gut/nah) oder mehr Figuren mit Behinderung?

Von welchen Leuten hast du dich anerkannt, unterstützt, verstanden gefühlt: Wie sieht Solidarität für dich aus und an welchen Momenten dachtest du „Toll, dass er/sie hier öffentlich für Menschen wie mich Partei bezieht oder Nachteile in Kauf nimmt“?

Hast du schon Dinge auf Facebook, Twitter etc. gepostet, geteilt oder kommentiert, für die dich mächtigere, konservativere Leute angegriffen, gerügt, belächelt oder verachtet haben? Hast du schon Dinge NICHT gepostet – aus Angst vor z.B. Verwandten oder Arbeitgeber*innen?

Würdest du lieber nur noch Menschen mit Abitur oder ohne Abitur daten/treffen?

Würdest du lieber nur noch Bücher von Menschen mit Abitur oder ohne Abitur lesen?

Wie viele Social-Media-Beiträge von Menschen ohne Abitur hast du in der letzten Woche geliked oder geteilt?

Inwiefern bist du kein typischer Mann? Keine typische Frau?

Hast du alle Chancen, die dir die Gesellschaft gab, gut genutzt? Wer ist Schuld, dass du nicht maximal erfolgreich bist – in allen Bereichen so weit gekommen bist, wie es nur geht? Welche Chancen hast du ungenutzt verstreichen lassen – und warum?

Ist dir klar, was man tun, wie man auftreten, wem man gefallen muss, um in einer Universität erfolgreich zu sein? Wer brachte dir das bei?

Passt du auf deinen Körper auf, oder lässt du dich gehen? An welchen Krankheiten wärst du selbst Schuld? Wie viel Geld sollte man dann in deine Therapien investieren?

Glaubst du, du kannst dir ein Kind leisten? Glaubst du, du kannst dir vier Kinder leisten?

Belastest oder entlastest du andere Menschen vor allem? Was müsste passieren, damit du sagst: „Hilfe. Ich bin ja fast nur noch eine Belastung.“ …?

Welche Nationen haben wenig geleistet und erreicht? Welche Nationen haben die Welt schlechter gemacht? Welche Nationen machen aktuell die Welt besser?

Gefällst du Leuten, die aussehen wie du? Welchen Leuten, die NICHT aussehen wie du, gefällst du?

Wer nimmt dich ernst, wer schaut dich gern an, wer hört dir gern zu?

Gibt es erfolgreiche Schriftsteller*innen, mit denen du viel gemeinsam hast? Politiker*innen? Stars? Firmenchef*innen? Akademiker*innen und Forscher*innen?

Wie viele deiner zehn Lieblingsserien haben Frauen im Zentrum? Wie viele haben Menschen of Color im Zentrum?

Wie viele haben NIEMANDEN, der aussieht wie du selbst?

Welcher Ton, welche Stimmen, welche Bilder und Formate entspannen dich? Was hörst, schaust, liest du, um abzuschalten, dich besser zu fühlen? Was FEHLT – in solchen leichteren, gefälligeren Formaten?

Welche Figuren haben dich als Kind getröstet, motiviert, empowert, inspiriert?

Welche Held*innen wirst du NIE erreichen, einholen?

Gibt es Figuren, die sind wie du – doch die in Geschichten vor allem Trottel, Feinde, Beiwerk, Verlierer oder Opfer blieben?

Welche dieser Figuren mochtest du trotzdem; und warum? Welchen Leuten konntest und wolltest du offen sagen, dass du diese Figuren magst?

Bist du marginalisiert?

Was ist die schlimmste Beleidigung, die man Menschen wie dir zuruft?

Was ist „nett gemeint“, doch dennoch schlimm – und wird oft über dich, zu dir gesagt?

Gibt es Worte, Zuschreibungen, Labels, von denen du dir wünschst, dass sie niemand mehr benutzt?

Falls ich dich kaum kenne… und du mir eine Geschichte zeigen willst, in der eine Figur deine Stärken teilt – welche?

Falls ich dich kaum kenne… und du mir eine Geschichte zeigen willst, in der eine Figur deine Schwächen teilt: Eine Figur wie du selbst, doch greller, schlimmer, extremer, schwächer, unsympathischer – welche?

Kann ein alter Mann eine Liebeskomödie für junge Frauen schreiben?

Kann eine Greisin über deinen fünfjährigen Jungen schreiben?

Kann ich als weißer cis Mann aus der Perspektive einer viel marginalisierteren Person schreiben?

Sollte ich am besten nur über mich selbst schreiben und nur für mich selbst sprechen?

Gibt es Kultur, die du liebst – und über die Leute sagen „Krass. Das passt doch GAR NICHT zu Leuten wie dir“?

Welche Eigenschaften und Stärken feiern und wertschätzen wir als Kultur viel zu wenig? Welche Eigenschaften und Stärken feiern und wertschätzen wir als Kultur viel zu SEHR?

Wofür sollte deinem Vater ein Preis verliehen werden? Deiner Mutter?

Glaubst du, DIR wird je ein Preis verliehen? Welchen Preis hättest du am liebsten?

Wie spielt für dich und deinen Platz in der Welt heute eine Rolle, welche gesellschaftliche Stellung, welche Privilegien, Mängel, Traumata und Komplexe deine Großeltern und Urgroßeltern hatten?

Welche Produkte, welche Mode, welche Kultur, welche Serien und welche Freizeitangebote werden GENAU FÜR MENSCHEN WIE DICH hergestellt und beworben?

Und welche, die eigentlich für ganz andere Menschen hergestellt und beworben werden, nutzt oder liebst du trotzdem?

Gibt es Figuren, mit denen dich alle vergleichen – und die du als Klischee, bösen Witz empfindest?

Kommen in Soaps viele Leute wie du vor? Findest du ihre Storylines gelungen?

Welchen Vorurteilen entsprichst du? Tust du etwas, um auszugleichen, falls du als Klischee gesehen/verurteilt wirst?

Kannst du über dich und deine Probleme sprechen, ohne, dass Leute sagen „Hier wirds aber sehr speziell“, „Normale Leute betrifft sowas selten“, „Davon habe ich noch nie gehört“?

Welchen Medien, welchen Stimmen vertraust du – und welchen Vertrauensvorschuss kriegen Leute, die dir selbst besonders ähnlich sind?

Was tust du, wo suchst du, wen fragst du, falls du mehr progressive und diverse Stimmen hören möchtest online/in den Medien als konservative, reaktionäre und/oder rechte Stimmen?

Was sagen mediale Stimmen oft über Menschen wie dich? Fühlst du dich repräsentiert, verstanden?

Hast du öffentliche Fürsprecher*innen und werden diese Fürsprecher*innen gesellschaftlich respektiert, geachtet, gestärkt?

Welche frechen, rechten, reichen, unverschämten, chauvinistischen, arroganten Männer (fiktiv oder real) in den Medien findest du witzig, charmant, unterhaltsam, sexy oder irgendwie lässig/cool?

Um welche Dinge musst du dich nicht kümmern – weil es andere Leute für dich tun? Um welche Dinge müssen sich ANDERE LEUTE nicht kümmern – weil du es für sie tust?

Findest du, es ist deine Pflicht, langsamen, langweiligen, unfreundlichen, wütenden, feindseligen Menschen zuzuhören – sobald ihre Anliegen berechtigt sind? Wen findest du charmant, charismatisch? Wen findest du giftig, schwer erträglich, unsympathisch?

Was interessiert dich nicht? Bei welchen Dingen wären viele Menschen wütend, falls du öffentlich sagst „Das interessiert mich null!“?

Denkst du, Grund deines Desinteresse ist das Thema oder die Präsentation? Was tust du, um bessere Präsentationen zu finden? Wen kannst du fragen und um Tipps bitten?

Was sind deine Waffen, was sind deine Schilde, wie verteidigst du dich, wer kann dir etwas anhaben? Wen ignorierst du, aus Selbstschutz?

Wem tust du weh? Wem WILLST du weh tun?

Hast du Feinde? Haben „Leute wie du“ Feinde? Hat unsere Gesellschaft Feinde?

Worüber DARFST du wütend sein, wem gegenüber DARFST du unhöflich sein, welchen Zorn, welche Ablehnung erlaubst du dir?

Wen repräsentierst du? Vor wem? Machst du deinen Job gut? Was sagen „die Leute“ über Leute wie dich?

In welcher Hinsicht bist du eine Minderheit?

In welcher Hinsicht bist du altmodisch?

Was gibst du auf oder ab, zugunsten anderer Leute? Was geben andere Leute auf oder ab, zu deinen Gunsten?

Was tust du, damit Leute wie du, nur jünger es leichter haben als du früher? Was tust du, damit Leute, GANZ ANDERS ALS DU es leichter haben?

Schenkst du v.a. Frauen Bücher von Frauen? Welche Bücher von Frauen schenkst du an Männer?

Schenkst du deinem Vater Bücher von Frauen?

Schenkst du acht-, zehn- oder vierzehnjährigen Jungs Bücher von Frauen?

Was haben Bücher über Figuren, die ganz anders sind als du, mit dir selbst zu tun?

Schenkst du Heterosexuellen Bücher über Queerness?