Freunde – oder Trolle? Widerspruch & Journalismus.

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19. November: Trump-Anhänger zeigen den Hitlergruß und rufen “Heil” oder “Hail”.

22. November: Geschichts-Student sagt auf Twitter: “Als jemand, der Geschichte studiert, erinnere ich daran: the Nazis were bad.”

zwei Stunden später: jemand antwortet: “Aber dann kann man ja auch gleich sagen: Alle Leute aus Nordkorea sind “bad”. Nein. Einer von vielleicht 300 Nazis war ‘bad’. Die restlichen machten eben ihren Job. Was für eine undifferenzierte und geschichtsvergessene Aussage!”

Ich mag die Diskussionskultur meiner Facebook-Freund*innen:

Wir bleiben meist sachlich, respektvoll, konstruktiv, offen, und bei jedem Posting von mir gibt es Zwischenfragen, Einwände, Links und neue Ideen, aus denen ich lerne und an denen ich mich, im besten Sinn, reibe. Gespräche auf Facebook – auch und besonders: über Politik – bringen mir fast immer viel. Danke dafür!

Doch ich merke auch:

Es ist viel zu einfach für eine einzelne Person, für EINEN Troll oder Provokateur, uns alle stundenlang in Diskussionsthreads an den Rand unserer Kräfte zu bringen…

…mit ein paar Zwischenfragen, mit “Oha: Was soll das heißen?”-Vergleichen oder mit Aussagen wie: “Ihr alle seht das so? Tja. Überzeugt mich nicht. Ich sehe das anders. Deal with it.”

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Richard Gutjahr schreibt:

“Die Menschen von heute sind quasi vor dem Fernseher geboren worden, haben jeden Abend 15 Minuten aus der Welt vorgespielt bekommen und dachten, dass sei die Wirklichkeit. Jetzt plötzlich erkennen sie, dass sie nur Schattenspiele an der Wand beobachtet haben und dass die Welt da draußen sehr viel größer und komplexer ist als das, was sie aus Zeitung und Fernsehen kannten. Und wie bei Platon ist das Publikum erstmal geschockt und orientierungslos. Das grelle Licht außerhalb der Höhle blendet und tut in den Augen weh, die Menschen suchen nach Halt und Orientierung. Genau in dieser Phase kommen dann Vereinfacher wie Donald Trump oder Frauke Petry und bieten scheinbar einfache Antworten. Ich glaube gar nicht, dass jeder ihrer Anhänger ihnen 100-prozentig glaubt. Das Problem ist eher: Die Menschen wollen nicht zurück in die Höhle und zu den alten Schattenspielern, denn von denen fühlen sie sich ein Stück weit betrogen, weil sie ihnen suggeriert haben, dass das, was sie sendeten, wahr und die ganze Welt sei. Jetzt hat man 1000 andere Quellen und Möglichkeiten, auf die bekannten Wahrheiten zu schauen und plötzlich merkt man, dass diese nicht immer das ganze Bild gezeigt haben.

Man tut uns Journalisten und Medien Unrecht, wenn man daraus schlussfolgert, dass da absichtlich gelogen wird. Aber viele Leute empfinden das so. Und so stehen wir, die Medien, teilweise zu Recht in der Diskussion, auch wenn wir nicht alleine Schuld sind an dieser Situation. Jetzt geht es darum, das verlorene Vertrauen bei jedem einzelnen wieder zurück zu gewinnen.” [Quelle: hier.]

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Selbst eine Aussage wie “The Nazis were bad” wird hinterfragt.

Das finde ich erstmal gut.

Doch ich merke: Die Aussage wird meist von genau jenen Leuten hinterfragt, die damit sagen wollen “Tja: Ihr Journalist*innen seid schlimme Vereinfacher, und ihr denkt in Schubladen!”

Für mich bedeutet das, dass ich als Journalist – auch auf Facebook, in meinem privaten Profil – einen Satz wie ‘The Nazis were bad’ gar nicht mehr schreiben würde.

Weil ich wüsste: Es gibt zehn, fünfzehn Facebook-Freunde von mir, die das kommentieren würden mit “Was für eine pauschale Aussage. Stefan? So kann man das nicht sagen.”

Und weil solcher Widerspruch so schnell kommt, im Moment, bei egal welcher Aussage, verstricke ich mich zu oft in Relativierungen:

“Ich persönlich finde, nach allem, was ich weiß, dass die Nazis ja größtenteils – sicherlich nicht als Einzelpersonen, für sich, doch auf jeden Fall aber als politische Kraft – eher schlecht als gut waren. Aber: Ich will damit jetzt nicht z.B. Stalin verharmlosen, oder irgendwen verteufeln. Und: ICH habe nicht Geschichte studiert. Ich bin sicher, da gibt es Grautöne.”

Uff.

Ich fürchte, jene Handvoll “kritischer” Kommentarschreiber, die in solchen Momenten sofort widersprechen, schimpfen, mich zu mehr “Sachlichkeit” anhalten, werden das IMMER tun. Egal, wie differenziert ich formuliere, und egal, wie sehr ich mich vor Schubladen hüte. Sind das “Freunde”? Oder sind das Trolle?

Ich glaube nicht, dass sie Einspruch erheben, weil sie sich wirklich um Differenzierung sorgen, oder um die journalistische Qualität meiner Texte.

Mich haben Philosophie, Rhetorik und Logik-Spiele nie besonders interessiert. Ich arbeite mich selten daran ab, ob und wie ich einem konkreten Satz widersprechen könnte/müsste. Falls jemand postet “Heute ist ein schöner Tag”, kommentiere ich nicht: “Für dich. Das kann man nicht allgemein sagen” oder “Wie bitte definierst du ‘schön’? Die Aussage bleibt wertlos!” oder “Ist der ‘Tag’ schön oder nur dein persönlicher Eindruck von diesem Tag? Du verallgemeinerst.”

Aber: Leute, die Spaß an solchen Kämpfen haben, kommentieren eben besonders gern – und sie können mir mit fünf, sechs Fragen oder Rhetorik-Ermahnungen irrsinnig viel Zeit und Energie nehmen.

Zu oft in letzter Zeit merke ich: Das sind die Leser*innen, die ich zuerst im Kopf habe. DAS sind die Menschen, für die ich formuliere und an die ich zuerst denke, bei jedem Wort, das ich abwäge.

Ich weiß nicht, ob das meine Texte besser macht.

Oder, ob ich damit Leuten mehr Einfluss, Raum, Bühne gebe, als sie verdienen.

Ist die Lektion für mich “Sei noch differenzierter: Sichere dich nach allen Seiten ab, rhetorisch, damit man dich nicht falsch versteht!”…?

Oder “Wer dich falsch verstehen will, wird IMMER etwas finden”…?

Zu oft reicht ein einzelner Provokateur oder Rhetorik-Trickser, um mich und eine Handvoll Mit-Kommentator*innen für Stunden zu beschäftigen. Ist das den Aufwand wert? Muss ich auf viele Einwände eingehen – als guter Journalist?

Mich macht traurig, dass selbst ein Satz wie “Die Nazis waren schlimm” so viel Gegenwind, so viel Argwohn weckt. Ich habe Angst, zu hören “Du bist undifferenziert!”. Doch ich frage mich seit ein paar Wochen täglich: “Wünschen sich die Leute, die mir das oft vorwerfen, wirklich Differenzierung? Oder hoffen sie nur, dass ich mich verzettele? Und zugebe: Ich weiß eigentlich gar nichts. Nicht einmal, ob die Nazis ‘schlimm’ waren.”

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Screenshot: @Michael1979, auf Twitter.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind: Kritik, Probleme, Fragen, Fehler

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Ich bin Literatur- und Comickritiker (Texte hier), doch schreibe gerne auch über TV-Serien, große Franchises, Kino; und war heute Nachmittag für Deutschlandradio Kultur in der Pressevorstellung / Vorpremiere zu “Fantastic Beasts and where to find them”.

Morgen früh spreche ich im Magazin “Lesart” über den (gelungenen!) Film, JK Rowlings (enttäuschendes) Theaterstück “Harry Potter and the Cursed Child” und die vielen Hintergrund-Texte auf u.a. Pottermore – zwischen 10 und 11, Link hier.

Schon heute: lose Gedanken zum Film.

Spoilerfrei.

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Die Handlung: “Harry Potter” spielt in den 90er Jahren, in Großbritannien. Zauberschüler lernen dort aus dem Sachbuch “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”, erschienen 1927, verfasst vom magischen Zoologen Newt Scamander. Im Kinofilm (dem ersten einer fünfteiligen Reihe; Drehbuch: JK Rowling) reist Scamander 1926 nach New York und verliert einen Koffer voller Tierwesen. Viele brechen aus und stiften Unordnung in der Stadt – so groß, dass auch Nichtmagier bald begreifen könnten: Es gibt Hexen und Zauberer, mitten unter ihnen. 

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01_Sehen oder nicht? Sehen!

02_In einem Satz: Schwungvoll, herzlich, selbstbewusst – und überraschend zugänglich: sorgfältige, detailverliebte Mainstream-Unterhaltung, in der fast alles (Plot, Darsteller, Ausstattung, Emotionen/Figurendynamik) etwas besser ist als nötig/erwartet.

03_Das größte Problem: “Harry Potter” konnte sieben Bände lang eine überraschende Welt und ihre Spielregeln enthüllen. “Fantastic Beasts” spielt 1926 – und bleibt für “Potter”-Fans recht geheimnislos und oberflächlich: Wir wissen, wen die Hauptfigur heiratet. Wir wissen (grob), welche Konflikte die Welt der Zauberer bis 1945 bestimmen. Anders als bei Prequels wie z.B. Episode I bis III von “Star Wars” fehlt “Beasts” eine “Hier entrollt sich eine Tragödie”- oder “Wie konnte es so weit kommen?”-Stimmung.

04_Vorher “Potter” lesen, oder alle 8 “Potter”-Filme sehen? Ich glaube, wer “Harry Potter” gar nicht kennt, hätte den größten Spaß – weil er die geheime Welt der Magier hier im Film durch die Augen von Muggel / No-Maj / Nichtmagier Jacob Kowalski kennen lernt. “Beasts” ist überraschend zugänglich, verständlich, einsteigerfreundlich.

05_Ein Film für Kinder? Ab ca. 10, ja. Eine Grundstimmung wie im (viel schlechteren) Fantasy-Abenteuerfilm “Jumanji” (1995: Tiere, Monster, Sense of Wonder), Verfolgungsjagden, Stadtpolitik, Milieus wie in der Trickserie “Avatar: Legend of Korra” (2012: magische Kämpfe im Großstadt-Dekor der 20er Jahre); viel Urban Fantasy: “Dr. Who”/”Torchwood” trifft “Dresden Files” trifft “Men in Black” trifft Pixar-Fantasy wie “The Incredibles”. Insgesamt etwa so düster/”erwachsen” wie “Harry Potter und der Feuerkelch”.

06_Die Altersfreigabe ab sechs Jahren… überrascht mich: Der Film gibt sich keine Mühe, kindgerecht oder kinderfreundlich zu wirken, alle Hauptfiguren sind erwachsen, es gibt Todesfälle, Horror-Elemente, viel weniger Lieblichkeit als z.B. in den ersten “Potter”-Büchern und Filmen. Nichts wirkt kindlich. Nichts wirkt kindisch. Aber deshalb wirkt auch nichts besonders einladend, auf Grundschulkinder.

07_Keine Recherche nötig: Etwa fünf Tierwesen spielen größere Rollen im Film, insgesamt kommen ca. 15 Spezies vor – doch alles, was ich wissen muss, erfahre ich bequem im Verlauf des Films. Deshalb: nicht nötig, das “Tierwesen”-(Schul-)Buch von 2001 zu lesen. Auch Rowlings neue Bonustexte auf “Pottermore” haben meine Erwartungen v.a. sinnlos überhöht. Und: Zu “Harry Potter and the Cursed Child” (und z.B. dem Tierwesen, das dort eine wichtige Rolle spielt) hat der Film *gar keine* expliziten Bezüge.

08_Ich selbst genoss die Potter-Romane, besonders Band 3 und 4 – und mag besonders, wie politisch, düster und komplex die Reihe wird (langer Text von mir zu Band 7: Link). Außerdem liebe ich die schlagfertigen Hauptfiguren, ihre Freundschaften und Streits. Von den Verfilmungen sah ich nur Teil 1 und 2: zu kindisch, zu drollig – doch ich weiß, dass die späteren Filme reifer werden. 2016 las ich “Harry Potter and the Cursed Child” (und fand es holprig, lieblos, müde), 2012 war ich genervt und enttäuscht von Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” (Kritik von mir bei ZEIT Online). Ich stehe der “Potter”-Welt wohlwollend gegenüber.

09_4 von 5 Sternen. Empfehlung. Aber, wie bei “Star Wars: Das Erwachen der Macht”: Die Erzählwelt und ihre Abgründe bleiben harmloser, unpolitischer, seichter, als sie sein müssten. Ein Film, der allen gefallen wird – weil er kaum Risiken eingeht.

10_Warum keine 5 Sterne? Zwei der vier Held*innen und alle Antagonisten und Nebenrollen bleiben mir zu flach, im Finale wird ein großes Problem viel zu vorschnell und bequem gelöst, und während Harry, Ron, Hermine uns an Traumata, Konflikte unserer Schulzeit erinnern, bleiben mir die Erwachsenen hier im Film recht fremd. Wundervoll stimmige, einladende, sympathische Unterhaltung – doch weder besondere Film- noch Erzählkunst.

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Gedanken, Probleme, Fragen.

Ab hier: Spoiler / Details aus der Handlung!

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11_Hauptdarsteller Eddie Redmayne (“The Danish Girl”; Stephen Hawking in “Die Entdeckung der Unendlichkeit”) erinnert mich (im Guten wie im Schlechten) an Hugh Grant: ein überforderter, stotternder, charmant-naiver Brite, idealistisch – doch oft zögerlicher, tölpelhafter, als mir lieb war. Keine besonders originelle Figur; auch deutlich flacher/harmloser als Harry.

12_Katherine Waterston (“Steve Jobs”; Nebenrolle in “Boardwalk Empire”) als in Ungnade gefallene magische New Yorker Beamtin/Ermittlerin wirkte auf mich an vielen Stellen zu passiv, arglos, schwer von Begriff, vertrauensselig. Alle vier Held*innen waren ein Tick dümmlicher als nötig. Gute Schauspieler in sympathischen Rollen… doch ich wünschte, sie wären smarter, zupackender.

13_Einige Fans sind enttäuscht, dass Johnny Depp mitspielt – nach den Ausfällen gegen seine Exfrau Amber Hearst.

14_Depp spielt den Zauber-Nazi, Populisten, Hitler-als-Magier-Bösewicht Gellert Grindelwald – der Jugendfreund und -schwarm von Albus Dumbledore. Er ist im Film nur für Sekunden zu sehen: ein feister, bleicher, germanischer Mann mit weißblondem Scheitel. Dumbledore wird erwähnt. Er war schon in den 10er-Jahren Lehrer in Hogwarts und bemühte sich vergeblich, zu verhindern, dass Newt Scamander wegen seiner gefährlichen Tiere der Schule verwiesen wird, kurz vor dem Abschluss.

15_Alle (sechs? acht?) Bösewichte, Antagonisten im Film werden viel zu schnell verbraucht, besiegt oder töten sich gegenseitig. Und alle bleiben mir zu oberflächlich: Mary Lou Barebone als Hexenjägerin/Waisenhausleiterin wirkt wie das (lieblose) Klischee einer völlig freudlosen fundamentalistischen Christin. Kein Charisma, keine guten Argumente, eine flache, trostlose Figur. Ihre Adoptivtochter – weißblondes Haar, Zöpfe, creepy Blick – wirkt auf mich wie aus einer Horrofilm-Parodie, bei allen Szenen im Waisenhaus dachte ich an (bessere!) Momente aus z.B. “Bates Motel”. [Aber: Mir waren auch schon die Dursleys, Harrys Muggel-Verwandte, viel zu eindimensional-monströs-engstirnig gezeichnet.]

16_Seraphina Picquery, die schwarze Präsidentin der MACUSA-Behörde, ist die einzige wichtige Figur of Color – und erinnert mich in ihrer Haltung und Kälte/Besonnenheit an Realpolitikerinnen wie Angela Merkel, Hillary Clinton. Ich mag, wenn wichtige Behörden, Staaten nicht von besonders gütigen, harmlosen, väterlichen Figuren kontrolliert werden… sondern eine Erzählwelt auch mitdenkt/zeigt, wie schnell man sich die Finger schmutzig macht, welche grausamen Entscheidungen man treffen muss. Bei Seraphina glückt das nicht: Sie wirkt überfordert und gibt alle Befehle – selbst Todesurteile – aus einer wenig informierten “Uff. Na: Wenn das so ist…? Tja. Ich befehle jetzt. Muss ja”-Haltung heraus.

17_Wurde der Subplot um Zeitungsmagnat Henry Shaw und seine beiden Söhne gekürzt? Alle drei Männer sind wenig originell und erinnern mich an Polit-Bedrohungen wie Senator Kelly aus den “X-Men” (…aber: ich mochte sehr, wie aggressiv und bedrohlich Langdon Shaw plötzlich die Baseballkeule schwang, im Büro). Richtig genutzt wurden diese Leute nicht: Ich muss auch an die vielen flachen konservativen Nebenfiguten in Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” denken. Mehr Tiefgang für Reaktionäre und das Establishment, bitte!

18_Colin Farrell als Auror Percival Graves machte mir Spaß (und ich ärgere mich, dass die Figur sich am Ende… entlarvt/verwandelt und Farrell in Fortsetzungen wohl nicht mehr auftauchen kann); doch Ezra Miller als Credence Barebone ging mir auf die Nerven – auf eine ähnliche Art wie Kylo Ren in “Star Wars 7”: gemeingefährliche Emo-Jungs, weiße, schlacksige, enttäuschte Jammerlappen, das unerschöpfliche Wut- und Selbsthass-Potenzial von blassen Bubis, die dem Millennial- und Generation-Y-Klischee entsprechen. Ich mag Miller. Doch fand diese Rolle und ihre Entwicklung… schockierend flach. Und ich frage mich, ob sich Farrell und Miller wirklich so oft hätten anfassen müssen, in dunklen Gassen, vor Erregung zitternd. #schwulersubtext #schwulerselbsthass

19_Ich weiß nicht, was “Fantastic Beasts” über (Anti-)Rassismus, fragile Männlichkeit, Gefolgschaften, Autorität, Populismus, Selbsthass und Angst vor dem anderen erzählen will: die Botschaft wirkt zugleich holzhammrig und neblig/unsortiert. Doch das dachte ich schon bei den Todessern in “Harry Potter” und, schlimmer, bei der Psychologie der neuen bösen Figur in “Harry Potter and the Cursed Child”: Man merkt jedes Mal, dass sich Rowling gegen Faschismus und Ungerechtigkeit positionieren will. Doch ich finde nicht, dass ihr dabei besonders originelle, intelligente, erschütternde Analogien gelingen. Gut gemeint. Aber: Was will sie sagen?

20_Ich liebe Jacob Kowalski. Ein gutmütiger Sidekick bleibt in vielen Filmen nur Nervensäge, Klischee. Auch Ron Weasley hat mich nie begeistert oder gerührt. Doch Jacob-Darsteller Dan Fogler ist witzig, ohne, lächerlich zu wirken. Tolpatschig, ohne, mich mit Slapstick zu nerven (…die Graphorn-Verfolgungsjagd durch den Central Park dauerte mir zu lange). Tatsächlich ist die Figur das Herz des Films, und ich freute mich über jeden Blick, jeden Satz, jede Reaktion. [Es hilft, dass ich nach wenigen Szenen an meinen Partner denken musste, Freund M.]

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21_Vor “Mad Men” hätte ich Queenie Goldstein, die zweitwichtigste Frau im Film, gemocht: eine Assistentin, die im Patriarchat voran kommt, indem sie sich in allen entscheidenden Momenten dumm stellt oder Vorurteile über Frauen demonstrativ erfüllt. Tatsächlich aber war Sekretärin Joan aus “Mad Men” so viel klüger, raffinierter – und traf auf intelligentere Widerstände: mir blieb Queenie, die blonde Gedankenleserin mit der Quiekstimme, zu harmlos und nah am Klischee.

22_Tolles Set-Design, grandiose Ausstattung! Im August sah ich den Kinofilm “Genius”: Schriftsteller Thomas Wolfe und sein Lektor in New York, Ende der 20er bis 1938. Drei Wohnzimmer, ein Büro, zwei Straßenzüge. Für mehr New York reichte das Budget nicht. “Beasts” dagegen macht die Ära tatsächlich lebendig. Ich mag, wie viele ärmliche und einfache Apartments und Straßen gezeigt werden, und, dass der Film keine kitschig-disneyhaft sauber-golden-überstilisierte Art-Deco-Welt behauptet. Und ich mag, dass er im November spielt: ein Film-New-York, das mir plausibel und attraktiv scheint, doch das ich – in diesem Licht, in dieser Stimmung – noch kaum sah, im Kino. [Man merkt/denkt an keiner Stelle: Das wurde in Liverpool gedreht.]

23_Aber: Obwohl Lokal- und Zeitkolorit stimmen und das Setting, 1926, dem Film fast allen Charakter verleiht, erfahre ich hier nichts Tieferes über die Epoche, den Zeitgeist, Konflikte und das Menschenbild. 1926 heißt im Film nur: Es gibt (zum Glück) keine Handys, es gibt (zum Glück) keine Kameras, und Muggel-Polizisten und -Reporter tauchen bequem spät auf. Das reicht nicht: Die britischen Zauberer/Hexen bei “Potter” wirkten oft vorgestrig, verbohrt, aus der Zeit gefallen… “Beasts” dagegen zeigt mir zu viele Zaubernde, die auch im Jahr 2016 genau so leben, arbeiten und entscheiden könnten. Wo sind die Vorurteile, die Beschränkungen, die Werte der 20er Jahre?

24_Newt Scamander ist ein Huffelpuff und trägt einen Schal in Huffelpuff-Farben – doch das wird nie tiefer beleuchtet. Ich hätte gern mehr darüber erfahren, wie das Hogwarts-Haus und die Figur zusammenpassen. (Nur die Tierliebe / Empathie und eine gewisse… Aufgeschlossenheit, Gutmütigkeit?)

25_Auch die Tierwesen bleiben flach, uninteressant. Ein paar Kritiken machen Pokémon-Vergleiche oder Pokémon-Go-Witze (“Wo sind solche Wesen zu finden? Überall, seit der App!”), und natürlich gibt (Link) es oberflächliche Parallelen (Link). Insgesamt geht es leider kaum um Zoologie, das Nebeneinander von Mensch und Tier usw., Scamander steht zwar auf Seiten der Wesen und des Artenschutzes, doch ich erhoffte mir viel mehr. [Das Bowtruckle erinnerte mich an Baby Groot aus “Guardians of the Galaxy 2”; und der recht amerikanische Donnervogel Frank an den sehr amerikanischen Weißkopf-Seeadler.]

26_Ich hasste den Deus ex Machina im Finale: Die Zaubernden werden nicht enttarnt, der Donnervogel hilft mit magischem Regen, das Gedächtnis aller (!) Bewohner*innen Manhattans zu löschen. Von aktuellen TV-Serien bin ich gewohnt, dass ständig das Undenkbare geschieht – und nie mehr rückgängig zu machen ist. Deshalb enttäuscht mich, wie bequem und spannungslos alle Ordnung wiederhergestellt wird. Und: Alle sieben “Potter”-Romane hatten eine Krimi-Struktur und erinnerten an Plots von z.B. Agatha Christie. “Beasts” habe ich nicht als Krimi gesehen/verstanden. Deshalb: ein gemütlicher, launiger Film. Doch kein sehr spannender – und wenig Dringlichkeit für Teil 2.

27_Insgesamt aber: gutes Timing; kurzweilige, gut balancierte Szenen. Der Kakerlaken-Teekannen-Wurf wirkte zu künstlich/videospielhaft, der Ausbruch aus dem Ministerium mit Queenies Hilfe schien mir zu leicht, und die Sätze, die Percival, Newt, Portentina im Finale an Credence richten, um ihn zu beruhigen, wirkten auf mich schwach und billig. Beide Szenen in Newts TARDIS-artigem Koffer-Biotop schienen mir sehr lang – doch wunderbar geglückt: idyllische Sets, kluge Gespräche. Schön für mich als “Batman”-Fan: der viele weiße Marmor in der Exekutions-Szene (auch, wenn Profi Tina viel zu lange brauchte, um vom Stuhl in Sicherheit zu springen.)

28_Ich las “Harry Potter and the Cursed Child” (Theaterstück in zwei Teilen, erschienen 2016) am Wochenende. Keine Katastrophe – doch ich musste mich durch Teil 2 quälen, habe tausend Einwände, was die Zeitreise-Logik betrifft, und bin von allen Familiendynamiken unterwältigt: 2 Sterne. Rowlings Stück fühlte sich an wie eine lästige Hausaufgabe. Trotzdem sind für mich “Child” und “Beasts” zwei Seiten der selben Medaille: “Child” ist eine Fortsetzung (spielt ca. 2018), “Beasts” ein Prequel (1926). “Child” ist nur für super-bewanderte Potter-Fans komplett verständlich, bei “Beasts” muss man gar nichts wissen. “Child” weckt die Befürchtung: “Ist Rowling auf dem absteigenden Ast?”, “Beasts” zeigt: “Wow. Nein: Sie kann es (doch) noch!”. “Child” ist ein komplexer, aber verwirrender und müder Ausläufer, “Beasts” Frischzellenkur, Neustart, einladender, einsteigerfreundlicher, fast perfekter Mainstream: etwas seicht, aber eine stimmige Erweiterung der “Potter”-Welt.

29_Meine Hoffnungen für Filme 2, 3, 4 und 5: mehr andere Handlungsorte / nicht länger (nur) New York. (Die nordamerikanische Zauberschule Ilvermorny zu sehen, ist mir dabei nicht besonders wichtig: schöner Artikel dazu, auf Weltenbau-Wissen.de). Komplexere, weniger leicht zu besiegende Faschisten und Populisten (Ich hoffe, die Filmreihe zeigt den zweiten Weltkrieg bis einschließlich 1945, und die Lestrange-Familie wird/bleibt wichtig: mehr über Leta Lestrange u.a. hier). Statt bloßen “tierischen” Wesen wünsche ich mir mehr über das Mit- und Gegeneinander zu Kulturen wie den Zentauren, Trollen, Merpeople. Ich hoffe, Queenie hat in den Fortsetzungen eine Funktion/Existenzberechtigung. Als Deutscher bin ich gespannt, wie viel wir von (Nazi-)Deutschland sehen und, ob der Magier-Diplomat mit dem deutschen Akzent noch einmal auftaucht. Und – das war bei schon bei Harry so: Noch bin ich nicht sicher, ob wir Newt als Person reizend, bezaubernd, wunderbar finden sollen… oder ganz schön schwierig. Ich selbst wäre nicht gern von den Entscheidungen eines Menschen wie Newt abhängig – und bin gespannt, ob diese Kantigkeit und seine Brüche noch ausgebaut und betont werden. (Bei Harry gelang das wunderbar.)
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zuletzt:
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2014, zur Fußball-WM, erschien ein neuer “Pottermore”-Text Rowlings zur Quidditch-WM 2014 (Link: Text von mir, ZEIT Online). Dort wird erwähnt, dass Luna Lovegood, eine Klassenkameradin Harrys, mittlerweile mit dem Enkel von Newt verheiratet ist, Rolf Scamander. Wir wissen, dass Rolf dunkelhäutig ist (“swarthy”), und wir wissen durch das “Phantastische Wesen”-Schulbuch, dass Newt Porpentina heiratete. Im Film sind Newt und Porpentina weiß – das heißt, vermutlich wird ihr Sohn oder ihre Tochter eine große Liebe mit einer Person of Color erleben. Schade, dass nicht Newt selbst oder Tina nicht-weiß sind: Eine Filmreihe, die auf Hitler, Grindelwald, den zweiten Weltkrieg zusteuert, wäre mit Hauptfiguren of Color sicher interessanter. (That being said: Ich denke, Porpentina und Queenie sind Jüdinnen.)
und, Nachtrag: Ich merke erst jetzt, dass Newt Scamanders Londoner Verlag “Obscurus Books” heißt. Im ersten Jahr, nachdem es Newt nicht gelang, einen Obscurus und seinen Obscurial zu retten, erscheint sein Hauptwerk in diesem Verlag. #schuldgefühle? #tribut?
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Kathrin Passig: 70 Fragen

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2013 wurde ich eingeladen, einen Text über meinen ehemaligen Professor zu schreiben. Weil ich Listen liebe und Fragebögen/Interviews, und, weil ich beim Schreiben merkte, wie viel ich nicht weiß, und sehr gern wissen würde…

…wurde aus dem Text ein Fragebogen: 100 Fragen an Stephan Porombka (Link)

2016, zum 60. Geburtstag meines Vaters, sammelte ich persönlichere Fragen – gleich 200. Auch hier ging es um eine Balance/Annäherung: Vieles weiß ich, ungefähr. Aber noch viel mehr weiß ich nicht. Ich glaube, die fertige Liste verrät viel über unser Verhältnis.

…September 2016: 200 Fragen an meinen Vater (Link)

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Der heutige Text gehört *nicht* in diese Reihe:

Kathrin Passig – Autorin, Journalistin, Technik-Expertin, Essayistin und Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2006 – wird mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet. Heute, am Vortag der Preisverleihung, spreche ich mit ihr im Staatstheater Darmstadt über kurze Texte, Schreiben im Netz, Misch- und Zwischenformen:

»WAS RICHTIGES / NICHTS RICHTIGES«

Die Autorin und Internet-Expertin Kathrin Passig schreibt Texte, die sich virtuos zwischen Blog, Buch und Essay bewegen. Passig mit dem Autor, Kritiker und Blogger Stefan Mesch über die Bedingungen des Schreibens in alten und neuen Medien oder, wie sie selbst sagt: “über zweifelhafte Formen des Lesens, des Schreibens und der Literaturkritik”. 

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70 erste Fragen und Ideen, für unser Gespräch.

Eine lose Sammlung.

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Auf wie vielen Büchern steht dein Name?

In wie vielen Büchern wird dir gedankt?

Wer dankt, und wofür?

Wie viele Bücher hast du übersetzt? Welches ist das beste?

Nenn mir ein paar analoge Dinge/Aktivitäten, die dir viel Freude machen: Zeug, das nichts mit Technik oder Innovationen zu tun hat.

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Du schreibst, programmierst, hältst Vorträge. Wie wählst du aus: nach Lust, Lebensqualität… oder ist es weiterhin vor allem eine Geldfrage?

Umgekehrt gibt es viele Jobs und Tätigkeiten, die man dir oft zurechnet – von denen ich aber nicht weiß, wie oft du sie machst: Rezensierst du Bücher? Schreibst du literarisch? Arbeitest du an Reportagen?

Als Verlegerin/Herausgeberin des (grandiosen) “Techniktagebuchs”: Würdest du gern mehr verlegen?

Was dachtest du als Kind, was aus dir wird?

Und später, als (Germanistik-)Studentin?

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Würde dein 15jähriges Ich verstehen, was du tust? Oder würde es sagen: “Sie macht ja gar nichts Richtiges?”

Ich sage oft: “Das ist die interessanteste und mir wichtigste Technikjournalistin.” Du sagst am liebsten: “Ich bin Sachbuchautorin” – oder?

Du wirst morgen für deine Essays ausgezeichnet. Wessen Essays liebst du?

Warum und für wen hast du deine ersten Essays geschrieben?

Über welche Themen streitest du dich?

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Was war dir früher wichtig, und ist dir heute ganz egal?

Was war deine beste Entscheidung?

Vor dem Internet wurden Menschen oft dafür bewundert, dass sie viel Wissen behalten und aufsagen konnten. Wofür bewunderst du Menschen?

Wie hat dich das Internet verändert?

Wie hat es dir geschadet?

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Warst du schon in dem Alter, das am besten zu dir passt – oder denkst du, es kommt noch?

Lebst du in einer fundamental anderen Zukunft, als du als Jugendliche dachtest/hofftest?

Du bist 1970 in Deggendorf geboren. Du sprichst oft darüber, was dich von den Menschen dort unterscheidet. Aber: Was hast du mit ihnen gemeinsam?

Wenn du eine Sache an den Lehrplänen deiner Schulzeit hättest ändern können, auch rückblickend, mit dem Wissen von heute: Was?

Viele Netz-Experten und freie Technik-Journalisten betonen immer wieder ihren Vordenker-Status. Du schreibst sehr offen über deine Zweifel oder Fehlschlüsse. Sagst deutlicher, was du (und: wir alle) nicht weißt/wissen können.

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Du sprichst oft über Denkfehler, Trugschlüsse/Vorurteile, Fallacies, cognitive biases: Welche hast du selbst besonders? Gegen welche arbeitest du an?

Welche hast du weniger als die meisten anderen Menschen?

Und welche haben wir eigentlich alle – und sollten sie uns viel bewusster machen, beim Schreiben, Sprechen, Argumentieren?

Du hast mal gesagt, deine Tweets enthalten kaum Rechtschreibfehler, weil du 20 Minuten pro Tweet brauchst. Warum so langsam?

Was findest du aufregender als andere Menschen? Was findest du langweiliger? (Themen? Innovationen? Aktivitäten?)

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Gibt es Texte oder Aussagen, die du zurücknehmen willst? Eher gewisse Urteile? Oder eher Prognosen?

Was wird schlechter? Was geht den Bach runter? Wovor hast du Angst?

Gibt es Dinge, deren Sterben / Verfall dir grade das Herz bricht?

Siehst du irgendwelche großen Disruptions kommen: technisch-gesellschaftliche Umwälzungen, die alles auf den Kopf stellen könnten?

Was unterscheidet dich von deinem Kollaborator/Kollegen/Freund Sascha Lobo?

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In was für Abhängigkeitsverhältnissen stehst du? Wer bezahlt dich? Bestimmen vor allem diese Auftraggeber deine Themen und Arbeit?
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Wenn du deine Texte, Essays, Kolumnen nicht schreibst, schreibt sie niemand: Ich finde dich unersetzlich. Deine Perspektive ist oft sehr eigen. Trotzdem wirkst du bescheiden: Leistest du wichtige Arbeit? Oder denkst du “Luxus. Eigentlich habe ich alle Freiheiten. Schön, dass ich damit durchkomme”…?
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Warum schläft/ruht dein Gemeinschafts-Nerd-und-Technikblog “Riesenmaschine”?

Hast du seit 2006, nachdem du mit deiner ersten Erzählung den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hast, noch einmal Prosa geschrieben?

Schreibst du private Texte, die niemand liest? Nur für dich?

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Mit welcher Aussage hast du dir bisher den größten Ärger gemacht?

Hast du Feinde? Bist du jemandem ein Dorn im Auge?

Würdest du auf Demonstrationen gehen? Skandieren?

Ich finde dich recht empathisch und… weitherzig: Was tust du, um die Welt besser zu machen? Bist du in Vereinen oder Initiativen aktiv?

Du hast über 30.000 Follower auf Twitter: Warum nutzt du deinen Twitter-Fame selten, um Debatten anzust0ßen, politisch zu tweeten, Hilfsgesuche zu teilen o.ä.?

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Liest du klassische Rezensionen im Feuilleton? Geben sie dir etwas? Oder “glaubst” du nicht daran – als Gründerin der “automatischen Literaturkritik”?

Legst du Archive an? Sammelst du etwas? Hältst du irgend etwas fest?

Du bist ein Fan von Gründlichkeit, Nachzählen, Nachhaken… naturwissenschaftlichen Methoden, die ich unter Geisteswissenschaftlern erschreckend selten finde: Wünschst du dir mehr naturwissenschaftliche Gründlichkeit im Kulturbetrieb?

Was hättest du gern früher gewusst?

Nenn mir erfundene Figuren, denen du ähnlich bist oder gern wärst.

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Gibt es eine Entwicklung, die du sehr früh hast kommen sehen: prophetisch?

Fühlst du dich, als Early Adapter, oft weiter vorne:  Findest du es anstrengend, dass Leute sich oft Fragen stellen, die du dir schon seit Jahren  stellst?
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Hast du eine Sammlung von “Darüber müsste ich eigentlich mal länger schreiben”-Ideen? Was stünde dort weit oben?

Eine Zukunftsvorstellung von dir: “Vielleicht halte ich in zehn Jahren nur noch Vorträge und publiziere meine Texte frei im Netz.” Das wäre schade, oder? Falls Autoren wie Musiker werden und man nur noch Geld verdient, indem man sich Bühnen schafft.

Magst du das persönliche Gespräch? Wärst du grade lieber mit mir in einem Chat oder Google-.doc als auf einer Bühne?

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Was hast du aufgegeben oder beendet?

Du darfst keinen Menschen mehr sehen – aber hast Internet. Oder: Du darfst dich frei bewegen – aber hast kein Internet mehr. Was wäre schlimmer?

Ich kann am leichtesten, mühelosesten auf Facebook schreiben. Hast du einen Ort oder Modus, in dem dir das Schreiben/Formulieren/Denken besonders Spaß macht?

Was ist die Innovation, auf deren Durchbruch du dich besonders freust und die du gern noch erleben willst?

Wartest/hoffst du auf die Singularität: die Möglichkeit, ein Bewusstsein so zu digitalisieren, dass es unabhängig vom Körper überleben kann?

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Inwiefern ist die Zeit auf deiner Seite?

Wann klafften Zeitgeist und dein eigenes Leben am weitesten auseinander: Welches deiner bisherigen 45, 46 Jahre passte am wenigsten zu dir?

Gibt es Haltungen oder Normen aus deiner Kindheit, die heute verschwunden/verkümmert sind und die dir fehlen?

Bist du Opfer von Sexismus? Und/oder gibt es Leute, die dich (aus anderen Gründen) nicht ernst nehmen, aussortieren?

Manchmal schreibst du (humoristische) Sonette. Doch weil sie vor allem auf Facebook/online erscheinen, wird das wohl vor allem als Spielerei gesehen. Unterscheidest du zwischen “Spielerei” und “großem Werk”? Wie wichtig ist dabei der Veröffentlichungsort und das Prestige? Und gibt es Arbeit von dir, von der du wünschst, dass sie ernster genommen wird?

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Nenn mir ein, zwei Projekte/Jobs, die dir viel mehr Spaß machten als das meiste andere.
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Nenn mir ein, zwei Projekte/Jobs, auf die du stolzer bist als auf alles andere!
Du hattest sehr lange sehr viele Print-Bücher. Dann hast du sie aussortiert, weggegeben. Kannst du dir andere Dinge vorstellen, an denen du gerade fest hältst – aber du später/bald aufgibst?
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Deine Website ist toll – aber du hast keine besonders geschärfte/pointierte Netz-Identität: Vielen Menschen kann man schneller drei, vier Worte, Adjektive, Tags zuordnen. Sind dir PR und Netz-Selbstdarstellung fremder als den meisten Netz-Journalisten?
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Du lebst seit dem Studium in Berlin. Bleibst du auf jeden Fall?

2015 / 2016: Lieblingssongs / persönlicher Soundtrack (Jahr 19)

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I started keeping a diary on October 26th, 1997. I was 14 and in 9th grade. I kept up until 2004, and every year, I made a ‘personal soundtrack’ with songs that reflected last years’ themes and storylines.

Here are 20 songs for ‘Season 19’, October 2015 to October 2016.

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  • EL VY: “No Time to crank the Sun”
  • Kasper Bjørke: “Young Again”
  • Sea Wolf: “Whirlpool”
  • Daughter: “Get Lucky”
  • Honig: “Golden Circle”
  • Owl & Mouse: “Don’t read the Classics”
  • Jordan Classen: “The Horses are stuck”
  • Jodie Goffe: “Birdsong”
  • Josh Ritter: “Homecoming”
  • I am Harlequin: “Wild One”
  • Lonesome Leash: “Momentum”
  • Junip: “Line of Fire”
  • Marble Sounds: “Come here”
  • Travis: “Strangers on a Train”
  • Tom McRae: “Alphabet of Hurricanes”
  • Ryan Star: “Losing your Memory”
  • Eric Bachmann: “Mercy”
  • The Decemberists: “Lake Song”
  • Conor Oberst: “Next of Kin” (live)
  • Plastic Mermaids: “Alaska” (live from Ventnor)

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Some of these songs are on Youtube. Let’s see how long it takes before they are taken down. Here are the videos: Watch them while the links still work!

  • EL VY: “No Time to crank the Sun”

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  • Kasper Bjørke: “Young Again”


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  • Sea Wolf: “Whirlpool”


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  • Daughter: “Get Lucky”


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  • Honig: “Golden Circle”


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  • Owl & Mouse: “Don’t read the Classics”


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  • Jordan Classen: “The Horses are stuck”


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  • Jodie Goffe: “Birdsong”


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  • Josh Ritter: “Homecoming”


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  • I am Harlequin: “Wild One”


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  • Lonesome Leash: “Momentum”


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  • Junip: “Line of Fire”


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  • Marble Sounds: “Come here”


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  • Travis: “Strangers on a Train”

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  • Tom McRae: “Alphabet of Hurricanes”


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  • Ryan Star: “Losing your Memory”


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  • Eric Bachmann: “Mercy”


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  • The Decemberists: “Lake Song”


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  • Conor Oberst: “Next of Kin” (live)


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  • Plastic Mermaids: “Alaska” (live from Ventnor)

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related Links:

Fragen an die Eltern: 200 Fragen an meinen Vater, zum 60. Geburtstag

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mein Vater, ca. 1987.

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Wer mich kennt, kennt – überraschend schnell – oft auch meine Mutter: Sie kommentiert auf Facebook, besucht meine Lesungen und folgt den Journalist*innen, Autor*innen und Blogger*innen, die mir wichtig sind. 2008 und 2014 war sie in Hildesheim, beim PROSANOVA-Festival. Und hin und wieder wohnen Studien- oder Literaturfreunde von mir für einige Tage im leerstehenden Haus meiner Großeltern/ihrer Eltern.

Mein Vater hat kein Interesse an Social Media – aber wünschte sich zum 60. Geburtstag persönliche Texte, kurze Anekdoten, Briefe, Erinnerungen für ein privates Buchprojekt.

Ich nahm mir vor, ihm Fragen zu stellen, trug das auf Facebook (“Was würdet ihr eure Eltern fragen? Worüber würdet ihr gern mit ihnen sprechen?”)…

…und merkte: Die Frage trifft einen Nerv.

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Heute, hier im Blog: 200 persönliche Fragen an meinen Vater.

Ich freue mich, dass er mir erlaubt, diese Fragen hier öffentlich zu teilen. Und ich freue mich noch mehr, dass er Lust hat, sie – irgendwann, im privaten Rahmen – auch zu beantworten.

Ein langer Fragenkatalog, ohne Antworten… das wirkt im ersten Moment monoton oder witzlos. Tatsächlich aber liest man zehn, zwölf solcher Fragen – und fängt an, selbst zu überlegen: Weiß ich das, über meine eigenen Eltern? Würde ich diese Frage stellen? Was würde ich selbst antworten?

Falls jemand Ergänzungs-Fragen hat, ähnliche Fragen mit seinen Eltern ausprobiert(e) oder Erfahrungen damit hat, längere persönliche Gespräche in der Familie zu planen, aufzuzeichnen, zu teilen usw.: Lasst hören! Ich freue mich über Feedback.

Stefan

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Lieber Papa: Alles Gute zum 60. Geburtstag!

Mit 17 sah ich in einem Karlsruher Buchladen das Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut: 400 Seiten über ein einziges Gespräch. Truffaut, ein junger französischer Regisseur, hat Hitchcock 1962 besucht und detaillierte Fragen gestellt. Hitchcock gibt Antworten – und erzählt dabei sein ganzes Leben.

Ich habe das Buch damals nicht gekauft – doch die Idee, verschiedenen Menschen sehr viele Fragen zu stellen, lässt mich nicht los.

Statt dir einen Text zu schreiben, habe ich einen Fragenkatalog erstellt. Du musst ihn nicht beantworten. Obwohl ich mich freuen würde, wenn wir uns irgendwann treffen und das versuchen.

Bis dahin machen, glaube ich, auch schon die Fragen für sich allein Spaß:

200 Dinge, über die ich manchmal nachdenke und zu denen ich gern mehr wissen würde.

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1_Welchen Tag aus deiner Kindheit würdest du gern ein zweites Mal erleben?

2_Was hat dir als Kind am meisten Spaß gemacht?

3_Was ist deine früheste Erinnerung?

4_Nenn mir einen typischen Moment mit deiner Mutter. Und etwas, das du an ihr magst.

5_Was habt ihr gemeinsam?

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6_Dein Vater war Schmied; später betrieb er eine Tankstelle. Als er starb, warst du noch Grundschüler. An welche Momente mit ihm erinnerst du dich?

7_Waren deine Großeltern wichtig, als Kind? Andere Verwandte? Cousins und Cousinen?

8_Wer sind deine Paten? Hast du einen Lieblingsverwandten?

9_An welchen Punkten im Leben fehlte dir ein Vater?

10_Wie hat sich deine Mutter nach dem Tod ihres Manns verändert? Deine Schwestern?

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11_Von wem hast du viel gelernt? Hattest du gute Lehrer oder Chefs?

12_Was macht dich an deiner Kindheit glücklich?

13_Mit wem hast du die meiste Zeit verbracht: Klassenkameraden? Nachbarn?

14_Was hast du mit deinen Schwestern unternommen? Habt ihr viel geteilt?

15_Wann warst du zum ersten Mal betrunken? Wen hast du geküsst? Warst du selbstbewusst?

:

16_Wann wurden Autos, Mofas usw. wichtig? Wie hast du dein erstes Auto finanziert?

17_Warst du je gläubig?

18_Wann hattest du als Kind den größten Ärger?

19_Hast du Klassenkameraden, aus denen „etwas wurde“? Freunde, aus denen „gar nichts wurde“? Wer hatte das interessanteste oder überraschendste Leben?

20_Sind Leute, die dich von damals kennen, überrascht, wenn sie dich heute sehen? Wen siehst du, wo? Wen vermisst du?

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21_Wenn du eine Sache an deiner Erziehung ändern könntest – welche?

22_Du warst kein guter Schüler. Dachtest du trotzdem als Jugendlicher: „Ich bin clever“?

23_Warst/bist du klüger als die Leute aus deiner Jugend, deiner Heimatstadt?

24_Hattest du damals genug Geld? Oder hast du dich arm gefühlt?

25_Wann wurdest du erwachsen: mit welchem Ereignis oder welcher Entscheidung?

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26_Als Schüler hast du in einem Tante-Emma-Laden gejobbt. Hattest du Spaß? Gab es weitere Neben- und Aushilfsjobs?

27_Hast du beim Bund Freunde gefunden oder Wichtiges gelernt?

28_Hast du danach nochmal mit deiner Mutter unter einem Dach gelebt? War es dir wichtig, auszuziehen? Hast du je allein gelebt?

29_Kanntest du Studenten? Was hältst du von Menschen mit Studium?

30_Was war deine Lieblings-Arbeitsstelle… und was wusstest du über Arbeit, bevor du selbst einen Beruf wählen musstest?

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31_Was war dir früher wichtig, und ist dir heute ganz egal?

32_Was hast du mit Mama gemeinsam?

33_Was unterscheidet dich von typischen Männern deines Alters?

34_Was unterscheidet dich von typischen Deutschen?

35_Was unterscheidet dich von typischen Vätern?

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36_Warum wurdest du Mechaniker? Hat der Beruf deine Erwartungen erfüllt?

37_Wie war Mama, als du sie zum ersten Mal getroffen hast? Wann wusstest du: Ich will sie heiraten?

38_Wie hat sie sich seitdem verändert? Was magst du an der Veränderung; was nicht?

39_Wie hat sie dich verändert?

40_Welche Rolle fällt dir am leichtesten: Sohn und Bruder? Vater und Ehemann? Großvater? Wann hast du dich mit deinen Rollen am wohlsten gefühlt?

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41_Wie war es, mit den Eltern von Mama zu leben?

42_Warum bist du nach Süddeutschland gezogen? Wann war dir klar, dass du bleibst?

43_Mama sagt oft, sie hat dir bei der Jobsuche geholfen. Wie?

44_Du warst bei der Freiwilligen Feuerwehr und in der CDU. Was sind deine Erfahrungen mit den Vereinen und den Menschen im Dorf?

45_Wie war eure Hochzeit? Gab es eine Hochzeitsreise?

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46_Wofür würdest du gern gelobt oder bewundert werden?

47_In welchem Alter mochtest du dich selbst am meisten?

48_Welchem Menschen bist du am meisten schuldig?

49_Was war deine beste Entscheidung?

50_Wer oder was hat dir das Leben am schwersten gemacht?

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51_Was macht einen guten Vater aus?

52_Was macht eine gute Mutter aus: etwas anderes als einen guten Vater?

53_Kamen Mama und du aus verschiedenen Schichten, Kreisen? Hättest du gern ihre Kindheit gehabt?

54_Hättest du gern meine Kindheit gehabt?

55_Was wolltest du als Erzieher unbedingt anders machen als deine Mutter?

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56_Warum arbeiten deine Schwestern so viel und wirken so gequält?

57_Warum hast du ein besseres Verhältnis zu Mamas Bruder als sie selbst?

58_Hatten Mama und du gemeinsame Freunde als junges Paar? Was wurde aus euren Freundschaften?

59_Es gibt Familienmitglieder, mit denen ich dich nie sprechen hörte – Lutz, Ede, Mamas Mutter.

60_Die Kinder deiner Schwester machten früh Ausbildungen, haben geheiratet – und scheinen dich viel toller, witziger zu finden als wir: Hättest du gern bodenständigere Kinder?

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61_Warum vier Kinder? Warum das erste mit 26? Warum nicht mehr? Weniger?

62_Hattest du noch nie Spaß an Familienaktivitäten, gemeinsamem Abendessen, Gesprächen – oder hast du ihn mit der Zeit verloren?

63_Du hast Söhne und Töchter. Eine gute Mischung, Balance?

64_Mit Kindern in welchem Alter fühlst du dich am wohlsten? (Mein Eindruck: mit vier oder fünf.)

65_Was unternimmst du mit deinen Enkeln? Was magst du an ihnen?

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66_Inwiefern waren Mama und du „Eltern der 80er, 90er“: Wie hat euch der Zeitgeist, das Familien- und Elternbild beeinflusst?

67_Was würdest du heute anders machen?

68_Ich habe selten das Gefühl, du seist von uns Kindern enttäuscht – doch denke dauernd, dass wir dich langweilen: unsere Geschichten sind uninteressant, unsere Probleme vermeidbar.

69_In welchem Alter fandest du mich am sympathischsten? Am unsympathischsten?

70_Und Mama? Und meinen Bruder? Dich selbst?

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71_Gibt es jemanden, den du stolz machen willst oder dessen Lob dir wichtig ist?

72_Ist Kochen und Putzen Frauenarbeit?

73_Hast viel gearbeitet, weil eine Familie Geld braucht… oder, weil du den Beruf spannender findest als ein Familienleben?

74_Jeden Abend hast du an der Dorftankstelle ein Feierabendbier getrunken. Wann hörte das auf? Warum? Was gaben dir diese Männer/Gespräche – und habt ihr heute noch Kontakt?

75_Als Kind hatte ich den Eindruck, deftiges Mittags- und Sonntagsessen wären für euch unverzichtbar. Heute isst Mama ganz andere Gerichte, zu anderen Zeiten. Du selbst auch. Mein Bruder scheint der einzige zu sein, der solche Mahlzeiten mag. Warum die ganze Mühe mit Hausmannskost, damals?

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76_Was dachtest du in meiner Kindheit, was aus mir wird?

77_Was dachtest du als Kind, was aus dir selbst wird?

78_Was nervt oder ängstigt dich an Familien an meisten?

79_Haben wir Geschwister mehr Unterschiede oder mehr Gemeinsamkeiten? Musst du auf vier sehr verschiedene Arten Vater sein?

80_Was hat dich am Vatersein überrascht? Worauf warst du nicht vorbereitet oder eingestellt?

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81_Wer ist dir ebenbürtig und kann dich gut verstehen?

82_Was ist dir peinlich? Vor wem?

83_Was war das Mutigste, das du je getan hast?

84_Was war das Feigste, das du je getan hast?

85_Viele Freunde von mir fühlten von ihren Eltern als Kind unter Druck gesetzt und hörten immer wieder: „Was sollen nur die Verwandten denken?“ Mama und dir schienen die Verwandten, Nachbarn usw. recht egal.

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86_Fiat ist ein italienischer Konzern. Wie zeigte sich das bei deiner Arbeit?

87_Wenn Fiat-Händler ein Problem nicht diagnostizieren oder beheben konnten, wurden die Autos in deine Abteilung geschickt, oder? Was war das interessanteste Problem, die überraschendste Diagnose?

88_Was hast du im Auto auf dem Weg zur Arbeit gemacht: Musik gehört? Nachgedacht? Hast du heute noch ähnliche ruhige, passive Momente im Alltag?

89_Du warst etwa 15 Jahre bei Fiat: Ab wann wolltest du dich selbstständig machen? Dachtest du als Berufsanfänger, du bleibst dein ganzes Leben im selben Konzern?

90_Was machten die Monate in Turin und das Italienischlernen aus dir? Mama sagt oft, sie wurde selbstbewusster, mutiger. Hast du Turin als ähnlichen Kulturschock und ähnliche Befreiung erlebt?

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91_Worauf hast du verzichtet – und später gedacht: Es war ein Fehler, darauf zu verzichten?

92_Warum mögen dich Leute? Was gefällt ihnen an dir?

93_Was magst du selbst an dir?

94_Schon immer – oder musstest du erst lernen, dich zu mögen und an deinen Stärken/Schwächen zu arbeiten?

95_Was war dein bestes, schönstes Jahr?

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96_Du sprichst gern mit Kellnern, Verkäuferinnen, machst Witze mit Polizisten und Briefträgern. Hast du mehr Spaß mit Fremden als mit Freunden?

97_Warum ist D. dein bester Freund? Wie überlebte diese Freundschaft so lange?

98_Du spielst gern Streiche. Dein bester Streich, deine beste Lüge?

99_Oft weichst du Fragen aus: Du magst du es, Menschen zu überrumpeln oder sie zu dominieren, indem du Fakten vorenthältst. Und du erzählst nur, wenn es unbedingt nötig ist oder jemand explizit nach etwas ganz Konkretem fragt: Woher die Lust, Dinge möglichst lange für dich zu behalten?

100_Du stellst kaum eigene Fragen und weißt nicht viel über das Innenleben deiner Familie. Warum?

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101_Mama spricht oft nostalgisch über „die Ursprungsfamilie“. Verstehst du das? Ist alles, was ab ca. 40 kam, für euch ein Nachklapp?

102_Hattest du gute Karten? Bist du privilegiert?

103_Welchen Menschen schuldest du etwas? Was?

104_Schuldest du dem Staat etwas? War Deutschland gut zu dir?

105_Haben dich Leute in Schubladen gesteckt… wegen deines Geschlechts, deines Gewichts, deiner Kleidung, Bildung etc.?

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106_Wärst du gern etwas früher oder später geboren? Bei Mama denke ich oft, dass sie 20 Jahre älter oder jünger weniger aus dem Rahmen fallen würde.

107_Gibt es einen Politiker, den du gern gewählt hast und von dem du viel hältst?

108_Hast du als Kind oder Teenager jemanden bewundert?

109_Fandest du dich mal hübsch? War dir dein Aussehen wichtig; war es wichtig, was du anhast?

110_Bist du „normal“? Bist du Teil der Mehrheit?

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111_Warst du ein „armes“ Kind? Bist du ein „reicher“ Mann? Hast du die soziale Schicht gewechselt, im Lauf deines Lebens?

112_Wo zeigt es sich, dass deine Mutter ärmer ist als du, dass deine Kinder gebildeter sind usw.?

113_Sprichst du am liebsten mit Männern in deinem Alter, aus deiner Schicht? Oder mit Jüngeren, die weniger Macht und Wissen haben?

114_Ist es einfacher für dich, mit deinen Angstellten zu sprechen als mit deiner Familie?

115_Du furzt oft und findest es lustig, wenn sich Menschen fürs Furzen, Rülpsen usw. schämen oder genieren. Hast du schon einmal gefurzt… und es kam fürchterlich an?

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116_Drei Dinge, die dich unzufrieden machen?

117_Drei Dinge, die dich zufrieden machen?

118_Die beste Erfindung, Neuerung, Verbesserung im Lauf deines Lebens?

119_Du liebst Geschäftstelefonate – doch das Internet macht dich wütend, vor allem Social Media. Warum?

120_Eine Theorie zu Fortschritt und Alltag: Technik, die man schon als Kind kannte, hält man für selbstverständlich. Technik, die während der Jugend erfunden wird, nutzt man oft aufgeschlossen. Doch bei Technik, die ab dem ca. 30. Lebensjahr massentauglich wird, ruft man: „Wozu soll das gut sein? Das braucht doch keiner!“ Welche Innovationen seit… 1986 machen dich sehr glücklich?

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121_Hattest du Tiere als Kind? Wolltest du welche?

122_Mit ca. 30 hast du viel Zeit mit einer Modelleisenbahn verbracht. Gibt es Dinge, die du als Kind entbehren musstest und als Erwachsener nachholst?

123_Hatte mein Bruder als Kind die Möglichkeiten, die du gern selbst gehabt hättest, als Kind? Hat der Sohn meines Bruders heute als Kind die Möglichkeiten, die mein Bruder gern selbst gehabt hätte, als Kind?

124_Wann haben Menschen an dich geglaubt: Mentoren, Förderer, Experten, deren Meinung dir etwas bedeutet? Gab es väterliche Figuren in deinem Leben?

125_Ist dir beruflich je ein großer Patzer, Fehler unterlaufen? Hast du immer alles richtig gemacht?

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126_Hattest du je Affären mit Frauen in Italien?

127_Welche Gemeinsamkeiten hast du mit dem erstem Mann deiner heutigen Frau?

128_Was bedeuten dir die beiden Kinder der Frau, mit der du von 1998 bis 2004 (?) zusammengelebt hast, R. und C.? Habt ihr Kontakt?

129_Du hast mehrere Häuser/Gebäude entworfen und gebaut. Woher nahmst du die Selbstsicherheit und Kompetenz?

130_Du baust Häuser für die Ewigkeit – doch hattest in den letzten 20 Jahren vier verschiedene Adressen. Warum kann man in deinen Grundrissen so schlecht Möbel neu umstellen? Und: Hast du je ein Zimmer, Möbelstück etc. zurückgelassen, das dir noch heute fehlt?

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131_Wie oft warst du verliebt?

132_Was ist der Unterschied zwischen Angestellten und Kindern?

133_Warum freut es dich, wenn deine Kinder, deine Schwiegertochter usw. zu deinen Angestellten werden?

134_Deine Frau arbeitet in deiner Firma – und abends, sagt sie, unterhaltet ihr euch stundenlang über den Tag. In meiner Kindheit bist du Gesprächen oft aus dem Weg gegangen. Was ist heute anders?

135_Früher schienen dir Hunde egal. Dann holte C. einen Hund. Du wolltest nie eine Katze – jetzt hast du zwei, mit deiner Frau. Was sind deine größten Sinneswandel… und überraschen sie dich selbst?

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136_Du sagst, du hast noch nie einen Roman komplett gelesen. Hast du als Kind schlechte Erfahrungen mit Büchern gemacht?

137_Hast du je interessante Bücher (Bildbände? Sachbücher?) bekommen oder selbst verschenkt?

138_Welche Filme kennst du: 1989 waren wir, glaube ich, als Familie in Disneys „Oliver & Co.“ Warst du seitdem im Kino?

139_Gibt es eine erfundene Geschichte, die du spannend; eine Figur, die du sympathisch findest?

140_In der dritten oder vierten Klasse waren wir beide abends mal allein: Ich schrieb am nächsten Tag eine Heimat-und-Sachkunde-Arbeit. Trotzdem sahen wir zusammen „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, im Fernsehen. Mir blieb das – auch deshab – in Erinnerung, weil der Film von Vätern und Söhnen handelt: Kannst du dich erinnern… an diesen Film oder an etwas anderes, das ich als Kind mit dir zusammen sah?

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141_Manchmal bekommst du Konzertkarten für Bands deiner Jugend geschenkt (Pink Floyd?). Erzähl von den Konzerten: Hast du Spaß?

142_Du lässt so wenig Kultur in dein Leben, hältst so vieles für Schrott… warum hörst du (schrottiges) Radio, abends?

143_Ich weiß kaum etwas über die Stones, die Beatles, Bands der 60er und 70er – weil es bei uns kaum Platten und CDs gab. War Mama und dir Musik egaler als euren Altersgenossen? Schon immer – oder erst, als ihr Kinder hattet?

144_Sind die USA das Land, das du am meisten hasst? Jede US-Serie, jedes US-Videospiel, jede Amerikanisierung in den 80ern schien dich wütend zu machen: Liegt das am zweiten Weltkrieg und der Besatzung?

145_Ist Deutschland das Land, das am besten zu dir passt? Wolltest du je woanders leben?

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146_Was willst du abschaffen? Wen willst du an die Wand stellen?

147_Du gibst Leuten oft die Schuld, dass sie Geld verschwenden, etwas kaputt machen oder verlieren. Was sind die größten Schäden oder Fehler, die dir selbst unterliefen?

148_Haben Menschen, die nicht arbeiten, Respekt verdient?

149_Haben Menschen einen guten Kern – oder sind sie eher schlecht?

150_Findest du die meisten Menschen dumm, aufgeblasen, lächerlich?

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151_Nenn mir drei Frauen, die besser, klüger, stärker sind als du.

152_Über welche Themen streitest du dich?

153_Hast du dich je geprügelt? Gibt es Leute, vor denen du kuschen musst oder die nicht wissen, dass du nichts von ihnen hältst? Hast du Gegner, Rivalen, geschäftliche Konkurrenten?

154_Wann hast du zuletzt jemanden beschimpft, blamiert, zurechtgewiesen oder ihm vor Augen geführt, dass du besser bist?

155_Was magst du an dir selbst am wenigsten? Was ist deine schlechteste Eigenschaft?

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156_Gibt es jemanden, auf den du eifersüchtig warst oder den du beneidest?

157_Wurdest du als Kind geschlagen oder verletzt?

158_Was würdest du tun, falls du beobachtest, dass ich mein Kind schlage?

159_Habe ich dich mal verletzt?

160_Wer soll zuerst sterben: deine Frau oder du?

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161_Wie lange willst du leben? Hast du Angst vor dem Älterwerden? Fühlst du dich alt?

162_Moderne Sechzigjährige sind viel aktiver und lebendiger als die Opas, die ich aus meiner Kindheit kenne: Wann und wo bist du älteren Menschen begegnet, die dir Lust aufs Alter machen?

163_Wird alles schlechter? Geht alles den Bach runter?

164_In welchem Jahr passte das allgemeine Zeitgefühl, die Stimmung usw. am besten zu dir selbst: In welchem Jahr hast du dich in der Gegenwart am meisten daheim gefühlt?

165_In meiner Kindheit hattest du oft Magenschmerzen und Angstgefühle: „Luft im Bauch“. Wann hörte das auf?

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166_Woran merkst du, dass du nicht aus Süddeutschland kommst? Woran merkst du, dass du aus Niedersachsen kommst?

167_Hast du je gedacht, du würdet in deinem Heimatstädtchen alt werden?

168_Du kennst Ostdeutschland recht gut, Österreich, viele deutsche Rennstrecken und Kartbahnen: In welcher Region fühlst du dich am wohlsten – und welche Unterschiede fallen dir auf?

169_Wer war dein Nachfolger bei Fiat? Habt ihr Kontakt? Wärst du vor 20 Jahren dort geblieben – wer wärst du heute?

170_Hattest du je andere Berufswünsche?

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171_Welche Rolle spielst du heute, am Telefon deiner Firma: Verkäufer? Berater, Experte? Taktiker? Magst du diese Rollen?

172_Ist es noch wichtig, dass deine Firma mit Autos, Motorsport zu tun hat – oder musst du so viel organisieren, dass du genausogut Regenrinnen oder Sicherheitsglas verkaufen könntest?

173_Du sagst oft, Motorsport sei Luxus: Findest du, dass deine Kunden ihr Hobby (und sich selbst) zu wichtig nehmen?

174_Wenn du auf Rennstrecken arbeitest: Fieberst du noch mit? Welche Fahrer, Sportler, Teams bewunderst du?

175_Autodesign ist dir nicht wichtig, oder? In den 50ern, 60ern waren Autos ein Faszinosum. Hat dich das je interessiert – und stört es dich, dass Sportwagen, Automarken, das „richtige“ Auto usw. heute keine große Rolle mehr spielen?

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176_Du bist oft umgezogen. Gibt es Gegenstände, Kleidung, Schmuck etc., die du vermisst?

177_Gibt es Geschenke, die dir viel bedeuten? Gibt es Lob, das dir viel bedeutet?

178_Lobst du Leute genug: deien Frau? Mama? Meine Geschwister?

179_Du magst Ordnung, Archive, Lagerschränke. Was wirfst du weg?

180_Hast du Persönliches aufgeschrieben? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest?

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182_War während der vielen Familienfeiern in den 80ern nicht veilleicht eh schon absehbar, dass es zu wenige Überschneidungen zu diesen Verwandten gibt: Wozu all diese Treffen? Heute gibt es kaum noch Kontakt.

183_Bei dir, bei Mama und bei meinem Bruder denke ich oft, ihr habt genaue Vorstellungen, was eine Familie ausmacht, braucht… auch, wenn ihr viele dieser Rituale, Ausflüge, Regeln usw. persönlich gar nicht mögt. Woher kommen diese Ideen, was sich für eine Familie gehört?

183_Was war dein schönster oder wichtigster Geburtstag?

184_Was ist das Beste, das du anderen Leuten geschenkt oder ermöglicht hast?

185_Du gewöhnst dir das Rauchen ab. Sagst, es war keine große Anstrengung… und fängst doch wieder an. Du trinkst nichts… und dann doch wieder. Warum diese Rückfälle?

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186_Sind die Frauen in den richtigen Lebensphasen bei dir? Hättest du mit Mama, C., und deiner heutigen Frau auch in anderen Reihenfolgen, anderen Lebensphasen glücklich werden können?

187_Was hast du aus deiner ersten Ehe für die zweite gelernt?

188_Was genießt du an deinem Leben gerade am meisten: dass du dein eigener Chef bist? Dass du Erfolg hast? Dass du kaum noch familiäre Pflichten hast? Dass du am Wochenende auf Rennstrecken bist?

189_Hast du Geld in den Sand gesetzt oder unnötig ausgegeben – oder haben sich alle Investitionen immer gelohnt?

190_Wenn ich anderen von dir erzähle, merke ich oft: In einer Serie wärst du die Lieblingsfigur vieler Zuschauer. Du hast die besten Sprüche. Nimmst die Aufregung anderer Leute nie besonders ernst – aber sorgst selbst für Aufregung. Würdest du gern Zeit mit einem Menschen wie dir verbringen?

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191_Hast du deiner Mutter alles gesagt, was du ihr sagen wolltest?

192_Hast du deine Schwester je in Australien besucht?

193_Gibt es etwas, das du schon lange tun wolltest? Warum hast du es noch nicht getan?

194_Gibt es etwas, das du nicht kannst – aber noch lernen willst?

195_Was hast du erst sehr spät gelernt, ausprobiert, erlebt, verstanden?

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196_Was hättest du gern früher gewusst?

197_Bist du deiner Familie dankbar… oder sollte deine Familie dir dankbar sein? Gibst oder nimmst du mehr?

198_Liest du diese Fragen gern? Hättest du Lust, sie zu beantworten – oder bist du froh, dass du nicht antworten musst?

199_Was ist die größte Gemeinsamkeit zwischen uns beiden?

200_Was wäre der größte Gefallen, den ich dir gerade tun könnte?

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weitere Fragebögen, Gespräche und Interviews von mir, u.a.:

100 Fragen an Stephan Porombka

Cory Doctorow | Jagoda Marinic | Anne Köhler | Ayelet Waldman | Sandra Gugic | Monika Maron | Barbara HonigmannBrewster Kahle | Sally Pascale | Hans Hütt

“First Black Woman in Space” von Simone Dede Ayivi (Mousonturm Frankfurt/FAZ)

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Theatermacherin Simone Dede Ayivi. Foto von Juliane Kremberg

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Durch das Raue, hoch zu den Sternen

Vorbilder, Kämpferinnen, der Traum von einer besseren Welt: Simone Dede Ayivi schreibt und inszeniert. Ihr neues Stück entsteht am Mousonturm für das Festival der „afropäischen Künste“

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von Stefan Mesch

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„First Black Woman in Space“ feiert die Durchbrüche und Pionierleistungen Schwarzer Frauen. Ein Abend über Aktivistinnen, Astronautinnen, erste und gemeinsame Schritte Richtung Zukunft.

Die erste Schwarze Frau im All war Mae Jemison, 1992. Astronautin zu werden – das wurde für sie denkbar, weil sie über 20 Jahre zuvor eine andere Schwarze Frau auf der Brücke eines Raumschiffs sah: Lieutenant Uhura in „Star Trek“. Aus solchen Schrittfolgen und Vorbildern wächst Zukunft, Utopien machen Mut. Science-Fiction kann Beschränkungen der Gegenwart in Frage stellen.

Simone Dede Ayivi stammt aus Hanau und lebt in Berlin. In ihren Shows und theatralen Performances steht sie oft selbst auf der Bühne – umgeben von Videos, Soundcollagen, Expertinnenstimmen und Statements. In „First Black Woman in Space“ zeigen Frauen of Color, wer sie inspirierte und in welcher Hinsicht sie selbst zur ersten Frau im Raum wurden. Doch es gibt immer mehr als eine Pionierin, eine Vorkämpferin.„Es geht um Schwesternschaft, Empowerment, die Kraft utopischer Orte. Es reicht nicht, nur auf einzelne Biografien zu blicken. Ich will fragen: Was wird möglich, sobald wir Zukunft ohne Rassismus und Sexismus denken?“

Ayivi und ihr Produktionsteam – neun Frauen – entwickeln das Stück während einer Residenz am Mousonturm. Sie machen die Bühne zur Kontrollstation, zum Raumschiff. Und zur utopischen Gedenkstätte. In „Performing Back“, mit dem sie Ende 2015 am Mousonturm gastierte, fragte Ayivi nach deutschen Kolonialverbrechen in Afrika, öffentlichem Vergessen, Verschweigen und Protest. Es gibt eine westafrikanische AdinkraDenkfigur: Sankofa. Lerne aus der Vergangenheit – um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft gestalten zu können.

„First Black Woman in Space“ blickt auf dieselben Fragen. Aber aus der Gegenrichtung: Welche Rollen spielen Schwarze Frauen in Utopien? Wie wirken Zukunftsbilder zurück aufs Heute? Ab wann verändern Vorstellungen davon, was möglich ist, persönliche und politische Gegenwart, Berufe und Normen?

Ayivis Shows sind vielstimmig, humorvoll, kritisch, verspielt  – und entspannt geistreich. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Bücher zu Zeitreisen, schwarzem Empowerment, Physik und Afrofuturismus. US-Utopien drängen meist ins All – The Final Frontier. Afrikanische Science-Fiction dagegen spielt viel öfter auf der Erde. Science-Fiction sucht griffig mehrdeutige Bilder: „Aliens tauchen auf und transportieren dich auf Schiffen in eine neue Welt, gegen deinen Willen. Die Geschichte der Versklavung – eine Entführung durch Fremde.“

Oft meldet sich Ayivi auch in Essays zu Wort, in Theater- und politischen Debatten. Ihre Sachtexte sind leidenschaftlich, klar, couragiert – eine Aktivistin, die Probleme und Lösungen deutlich benennt. Ihre Arbeiten fürs Theater haben noch andere Stärken: Hier wird gespielt, verknüpft, assoziiert. Geistreich, respektvoll. Überraschend und witzig.

„Falls du aus einer marginalisierten Position heraus etwas erreichst, muss dir klar sein: Dass du diese Möglichkeiten hattest, ist nicht nur deine Leistung. Heute stehe ich auf der Bühne. Nicht, weil ich eine bessere Künstlerin bin als Schwarze Frauen vor mir. Sondern, weil Menschen feministische und antirassistische Arbeit machten. So lange kämpften, bis Barrieren mürbe wurden und aufbrachen.“

Die erste Person, die solche Barrieren überwindet und einen neuen Raum betritt, ist oft einsam. Nichelle Nichols, Uhuras Darstellerin, wollte „Star Trek“ nach einem Jahr verlassen. Doch Martin Luther King bat sie, zu bleiben. Damit Uhura sichtbar bliebe, für ein Millionenpublikum. Ayivis Stücke zeigen: Sich eine Bühne zu erobern, öffentlich gehört, gesehen, respektiert zu werden, verändert alles. Für die Frau auf der Bühne. Und für die Menschen im Publikum.

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“First Black Woman in Space”:

  • offene Probe: 17. September 2016, 18 Uhr, Mousonturm Frankfurt
  • Vorstellungen: Herbst 2016, in u.a. Berlin (Sophiensaele), Hannover (Freies Theater) und Frankfurt
  • 26. November 2016: Vorstellung am Mousonturm Frankfurt

Die besten Krimis 2016: Empfehlungen

Krimis 2016, Stefanmesch

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2014 empfahl ich meine Lieblings-Krimiblogs (Link).

Heute: neue Krimis, Thriller, Spannungsromane – erschienen 2016, auf Deutsch oder Englisch.

Romane, Anfang 2016  |  Romane 2016, Ende 2016  |  Jugendbücher 2016  |  Serien 2016

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10 Lieblingsbücher, Krimi & Spannung: Empfehlungen!

Kaltblütig  Der talentierte Mr. Ripley  Queen and Country: The Definitive Edition, Vol. 1  Waterland  Citrus County
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The Boy Detective Fails  Die Stunden vor Morgengrauen  Die Speed Queen  Southern Bastards, Vol. 1: Here Was a Man  Blacksad
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23 Neuerscheinungen auf meiner “bald lesen”-Liste:

aktuelle Titel, die ich vorgemerkt habe, angelesen und gemocht.

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krimis 2016, Charlotte Otter, Christine Lehmann, Schünemann Volic

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01: Charlotte Otter, “Karkloof Blue”

  • Band 2 der Maggie-Cloete-Reihe: Südafrika-Thriller einer in Deutschland lebenden südafrikanischen Autorin; viel Gesellschaftskritik und Politik. (Der Klappentext wirkt eher plump.)
  • 288 Seiten, Ariadne/Argument Verlag, schon im September 2015; eBook bei Culturbooks
  • Deutsch von Katrin Kremmler und Else Laudan. Goodreads: kaum Wertungen

“KwaZulu-Natal, Südafrika: Ein Job als stellvertretende Nachrichtenredakteurin der Tageszeitung Gazette bringt Maggie Cloete zurück in ihre Heimatstadt Pietermaritzburg. Der Papierkonzern Sentinel stellt sich als Wohltäter der Region dar. Daran ändern auch die Proteste einer Truppe von Umweltschützern nichts, zu denen Maggies Bruder gehört. Die Konzernleitung will den Sektor Karkloof 7 roden, ein unberührtes Waldstück. Eigentlich war es Stammesland, doch mit den ursprünglichen Eigentümern hat man sich längst arrangiert. Maggie argwöhnt, dass der Tod des Ökologen David Bloom nicht einfach der Selbstmord eines frustrierten Idealisten war, der eine bedrohte Schmetterlingsart retten wollte. Aber ihre Vorgesetzte pfeift sie energisch zurück: Sie will in der Gazette keine schlechte PR für Sentinel sehen. Dann machen die Forstarbeiter im Sektor Karkloof 7 einen grausigen Fund.” (Klappentext, gekürzt)

Karkloof Blue. Kriminalroman (Ariadne Kriminalroman)

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02: Christine Lehmann, “Allesfresser”

“Ein berühmter Koch ist verschwunden. Lisa Nerz begibt sich zuerst online auf Spurensuche: Sie soll die Identität der Person herausbekommen, die im Netz ein anonymes Veganblog verfasst. In den sozialen Medien tobt der reinste Glaubenskrieg um die Frage, was wir essen sollten, vielstimmig, aggressiv und giftig. Doch um das weite Feld der Spielarten zwischen veganer Lebensweise und politischem Veganismus kennenzulernen, muss Lisa Nerz die Lederjacke ausziehen, den Computer ausschalten und sich in die Schlacht zwischen Omnivoren und Veganern begeben. Und wieder zeigt sich: Es ist alles ganz anders als gedacht.” (Klappentext, gekürzt)

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03: Jelena Volic, Christian Schünemann: “Pfingstrosenrot”

  • Band 2 einer soliden neuen Krimireihe: Ich mag, dass es um Serben geht – statt, wie viel öfter, um Kroaten oder Bosnier.
  • 368 Seiten, Diogenes, Februar 2016
  • Goodreads: 4.12 von 5 (Band 1 hatte schlechte Kritiken)

“Ein serbisches Ehepaar ließ sich von falschen Versprechungen und einem verheißungsvollen Rückkehrprogramm in die alte Heimat, das Kosovo, zurücklocken. Die Belgrader Kriminologin Milena Lukin kommt skandalösen Machenschaften auf die Spur, die bis in hohe Kreise der serbischen und europäischen Politik reichen. Wieder ein atmosphärischer, packender Krimi, der ins Herz des Balkans führt.” (Klappentext, leicht gekürzt)

Pfingstrosenrot: Ein Fall für Milena Lukin

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krimis 2016, Sven Koch, Ulrich Ritzel, M.C. Poets

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04: Sven Koch, “Dünenfeuer”

“Truck Robbery und Polizistenmorde an der winterlichen Nordseeküste – und ein Showdown auf dem überfrorenen Wattenmeer, zwischen mannshohen Eisblöcken bei einsetzender Flut. Die SOK um Femke Folkmer und Tjark Wolf folgt scheinbar unzusammenhängenden Spuren in ein Dickicht aus Korruption, Verrat und Mord.” (Klappentext, gekürzt)

Dünenfeuer

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05: Ulrich Ritzel, “Nadjas Katze”

  • Band 10 der “Berndorf ermittelt”-Reihe: langsamer, literarischer, undramatischer und historischer als viele konventionelle Krimireihen. Mir gefiel die Erzählung-in-der-Erzählung – auch, wenn Hauptfigur und Dorfgeschichte sehr verbraucht/konventionell wirken.
  • 448 Seiten, btb, April 2016
  • Goodreads: kaum Wertungen; gute Kritiken im Feuilleton

“Auf der Suche nach vergessenen Autoren entdeckt die pensionierte Lehrerin Nadja Schwertfeger in einem Antiquariat ein Heft mit einer Erzählung über das Kriegsende 1945. Stunden vor dem Einmarsch der US-Army hören in einem kleinen Dorf Einheimische, Flüchtlinge und versprengte Soldaten gemeinsam die Rundfunkübertragung zu Hitlers bevorstehendem 56. Geburtstag. Doch als der Strom ausfällt, läuft die Zusammenkunft aus dem Ruder. Nadja stolpert über ein seltsames Detail: die Beschreibung einer schwarzen Stoffkatze mit rosa Tatzen. Sie selbst besitzt eine solche Stoffkatze – es ist die einzige Verbindung zu ihrer Mutter, die ihr dieses Kuscheltier mitgegeben hat, als sie sie nach Kriegsende einer anderen Frau überließ. Nadja recherchiert: Hat es ein Dorf wie in der Erzählung beschrieben wirklich gegeben? Bald scheint sie tatsächlich fündig zu werden. Doch niemand im Dorf will mit ihr reden. Schließlich wird sie auf jemanden verwiesen, der hier ebenfalls aufgewachsen ist und später Polizist wurde: Es ist der ehemalige Kriminalkommissar Hans Berndorf.” (Klappentext, gekürzt)

Nadjas Katze: Ein Berndorf-Roman (Berndorf ermittelt 10)

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06: M.C. Poets, “Traum. Wald. Tod.”

“In der endlosen Weite Norwegens [uff. Klischeesprache.] lebt der Eigenbrötler Morten. Seit er denken kann, träumt er davon, eine Frau zu fesseln und echte, tiefe Angst in ihrem Blick zu sehen. Als er heimlich ein Touristenpaar auf einer Kanutour beobachtet, erwacht sein alter Traum zu neuem Leben. Am nächsten Morgen liegt der Mann tot am Fuß eines Felsens, und die Frau muss auf sich allein gestellt ihren Weg durch die unwirtliche Natur finden. Morten sieht seine Chance gekommen und bietet der Frau seine Hilfe an. Zusammen machen sie sich auf den Weg, und Morten glaubt, ein leichtes Spiel mit seinem ahnungslosen Opfer zu haben. Doch Sina van Megen, eine gefragte Künstlerin, ist nicht die verweichlichte Städterin, für die er sie hält.” (Klappentext, leicht gekürzt)

Traum. Wald. Tod.

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historische krimis 2016, Susanne Goga, Joseph Kanon, Rosa Ribas.png

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07: Susanne Goga, “Es geschah in Schöneberg”

“Berlin 1927. Bei einer Modenschau im ›Romanischen Café‹ werden zwei Vorführdamen verletzt: Ihre Kleider wurden mit einem Kontaktgift präpariert. Offenbar ein gezielter Anschlag gegen den Modesalon ›Morgenstern & Fink‹, den aufsteigenden Stern am Berliner Modehimmel. Steckt ein Konkurrent dahinter? Kurz darauf wird in Schöneberg ein Toter gefunden. In seiner Wohnung entdeckt man einen Prospekt des Modesalons. Leo Wechsler, inzwischen Oberkommissar bei der Berliner Kripo, nimmt die Ermittlungen auf.” (Klappentext, gekürzt)

Es geschah in Schöneberg

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08: Joseph Kanon, “Leaving Berlin”

“Berlin 1949: Die Stadt liegt immer noch in Trümmern. Der Kalte Krieg hat begonnen, der Westteil der Stadt kann nur noch durch eine Luftbrücke versorgt werden. Schwarzmarkt und Spionage sind an der Tagesordnung. Schriftsteller Alex Meier floh 1933 vor den Nazis in die USA. Doch das McCarthy-Regime hat seine politische Vergangenheit durchleuchtet und ihn ausgewiesen. Er geht nach Ostberlin, wo sich auch Bertold Brecht, Helene Weigel und Ruth Berlau niedergelassen haben. Die CIA bietet ihm die Chance auf eine Rückkehr in die USA, wenn er seine Schriftstellerkollegen ausspioniert. Doch die Sache läuft aus dem Ruder.” (Klappentext, gekürzt)

Leaving Berlin: Thriller

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09: Rosa Ribas, “Die große Kälte”

  • historischer Kriminalroman:
  • Bergdorf und viel Gerede über katholischen Wunderglauben stoßen mich ab; Band 1 hatte schlechte Kritiken.
  • 336 Seiten, Rowohlt/Kindler, März 2016. (Original: Spanien 2014)
  • Deutsch von Sabine Hofmann, Goodreads: 4.00 von 5

“Barcelona, 1956: Im kältesten Winter seit Jahrzehnten wird die junge Journalistin Ana Martí in ein entlegenes Bergdorf in Aragonien geschickt, um über ein Mädchen mit Stigmata an Händen und Füßen zu berichten. Von den Dorfbewohnern wird die kleine Isabel wie eine Heilige verehrt, Ana hingegen ist skeptisch. Aber noch ehe sie dem Geheimnis der Wundmale auf die Spur kommt, wird auf dem schneebedeckten Waldboden eine Leiche gefunden.” (Klappentext, gekürzt).

Die große Kälte

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krimis 2016, Robert Crais, Ryan Gattis, William Gibson.png

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10: Robert Crais, “Stunde der Rache”

  • Band 8 der Elvis-Cole-Reihe: 17 Jahre alter Mainstream-Thriller mit einigen Klischees.
  • 592 Seiten, Heyne, Januar 2016 (Original von 1999)
  • Deutsch von Helmut Splinter, Goodreads: 4.25 von 5

“Für Privatermittler Joe Pike wird L.A. nie mehr so sein wie zuvor. In den Hollywood Hills wird die Leiche seiner Ex-Geliebten gefunden: Sie wurde durch einen Kopfschuss ermordet. Ihr Vater, ein spanischer Geschäftsmann mit politischen Beziehungen, traut der Polizei nicht und bittet Joe und dessen Partner Elvis Cole, den Mörder zu suchen. Offensichtlich ist Karen Opfer eines Serienkillers geworden. Doch dann wird Pike hereingelegt und selbst zum Hauptverdächtigen.” (trashiger Klappentext, gekürzt)

L.A. Requiem (Elvis Cole, #8)

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11: Ryan Gattis, “In den Straßen die Wut”

“Sechs Tage, 1992: Polizisten misshandeln einen schwarzen Bürger [Rodney King] und Los Angeles explodiert. Plünderungen, Feuer; ein Bürgerkrieg im Herzen der westlichen Welt. Was passiert, wenn die Polizei eine Stadt den Armeen der Gangs überlässt? Skrupellose und weniger skrupellose Gangster, rassistische Polizisten, Krankenschwestern, Junkies, jugendliche Mitläufer kommen zu Wort.” (furchtbar unbeholfener, altmodischer Klappentext, gekürzt)

In den Straßen die Wut

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12: William Gibson, “Peripherie”

  • Zeitreise- und Virtual-Reality-Thriller des kanadischen Autors, der in 80ern Cyberpunk erfand und den Begriff “Cyberspace”.
  • 624 Seiten, Klett-Cotta, August 2016 (Original von 2014)
  • Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann, Goodreads: 3.95 von 5

“Flynne verdient ihr Geld in einem 3D-Kopierladen. Ihr Bruder Burton testet heimlich Computerspiele, um seine spärliche Veteranenrente aufzubessern. Als Flynne für ihn einspringt, findet sie sich in einer virtuellen, dunkelfremden Welt wieder, die an London erinnert. Sie ahnt nicht, dass diese Welt die Zukunft ist, in der Wilf lebt, ein PR-Mann, der Promis betreut. Als eine von Wilfs Kundinnen ermordet wird, ist Flynne die einzige Zeugin des Verbrechens.” (Klappentext, gekürzt)

The Peripheral

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true crime 2016, Chloe Hooper, Helen Garner, Sue Klebold

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13: Chloe Hooper, “Der große Mann. Leben und Sterben auf Palm Island”

  • australische True-Crime-Reportage
  • 368 Seiten, Liebeskind Verlag, Februar 2016 (Original von 2009)
  • Deutsch von Michael Kleeberg, Goodreads: 4.15 von 5

“Am 19. November 2004 wird der Aborigine Cameron Doomadgee festgenommen, weil er angeblich einen Polizisten beschimpfte. Vierzig Minuten später liegt er tot in seiner Zelle. Laut Polizeiangaben war er über eine Stufe gestolpert – doch sein Leichnam weist schwere innere Verletzungen auf. Als Hauptverdächtiger gilt der groß gewachsene, charismatische Polizeibeamte Christopher Hurley. Seit Jahren schon arbeitet er auf Palm Island, einem der gefährlichsten Orte Australiens, und auch die Aborigines schätzen ihn. Nun aber muss er sich als erster Polizist des Landes für einen Todesfall in Polizeigewahrsam vor Gericht verantworten. Chloe Hoopers Tatsachenroman schildert einen unbarmherzigen Kampf um Macht und Gerechtigkeit. Und damit auch das brutale Aufeinanderprallen zweier Kulturen.” (Klappentext, gekürzt)

The Tall Man

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14: Helen Garner, “Drei Söhne. Ein Mordprozess.”

  • [wie Chloe Hooper, oben:] australische True-Crime-Reportage. Helen Garner ist eine sehr kompetente, wichtige australische Prosa-Autorin.
  • 352 Seiten, Berlin Verlag, September 2016 (Original von 2014)
  • Deutsch von Lina Falkner, Goodreads: 4.02 von 5

“Robert Farquharson bekommt sein Leben nicht auf die Reihe. 2005, am Abend des Vatertags, fährt er die drei Söhne zurück zu seiner Exfrau Cindy, als sein Wagen von der Straße abkommt und in einen See stürzt. Nur er kann sich aus dem Auto befreien. Tragischer Unfall oder Racheakt – diese Frage wird die australische Justiz und Öffentlichkeit in den folgenden Jahren beschäftigen. Für Helen Garner wird sie geradezu zur Obsession: Sie verfolgt den Prozess durch alle Instanzen.” (Klappentext, gekürzt)

This House of Grief

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15: Sue Klebold, “Liebe ist nicht genug. Ich bin die Mutter eines Amokläufers”

“On April 20, 1999, Eric Harris and Dylan Klebold walked into Columbine High School in Littleton, Colorado. They killed twelve students and a teacher and wound twenty-four others before taking their own lives. Sue Klebold, Dylan’s mother, has lived with the grief and shame of that day. How, as his mother, had she not known something was wrong? In A Mother’s Reckoning, she chronicles with unflinching honesty her journey as a mother trying to come to terms with the incomprehensible.” (Klappentext, gekürzt)

A Mother's Reckoning: Living in the Aftermath of Tragedy

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krimis 2016, David Kushner, Justine van der Leun, S.E. Lynes.png

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16: David Kushner, “Alligator Candy”

  • schon vorgestellt: 2016 – Nonfiction Books (Link)
  • ein Journalist schreibt über das Verschwinden seines älteren Bruders: halb True-Crime-Reportage, halb Personal Memoir (…und wahrscheinlich: mit offenem Ende/ohne Auflösung).
  • 243 Seiten, Simon & Schuster, März 2016
  • nicht auf Deutsch. Goodreads: 3.90 von 5

“David Kushner grew up in the early 1970s in the Florida suburbs. One morning in 1973, David’s older brother Jon biked through the forest to the convenience store for candy, and never returned. Decades later, Kushner found himself unsatisfied with his own memories and decided to revisit the episode a different way: through the eyes of a reporter. His investigation brought him back to the places and people he once knew and slowly made him realize just how much his past had affected his present. After sifting through hundreds of documents and reports, conducting dozens of interviews, and poring over numerous firsthand accounts, he has produced a powerful and inspiring story of loss, perseverance, and memory.” (Klappentext, gekürzt)

Alligator Candy

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17: Justine van der Leun, “We are not such Things: The Murder of a young American, a South African Township, and the Search for Truth and Reconcilation”

  • True Crime, Südafrika: Reportage über einen Mord vor 23 Jahren – und seine politischen/sozialen Folgen.
  • 448 Seiten, Spiegel & Grau, Juni 2016
  • nicht auf Deutsch, Goodreads: 4.08 von 5

The story of Amy Biehl is well known in South Africa: After the twenty-six-year-old white American Fulbright scholar was brutally murdered on August 25, 1993, during the final, fiery days of apartheid by a mob of young black men in a township outside Cape Town, her parents’ forgiveness of two of her killers became a symbol of the Truth and Reconciliation process in South Africa. Inspired by the story, Justine van der Leun, an American writer living in South Africa, decided to introduce it to an American audience. But as she delved into the case, the prevailing narrative started to unravel. Why didn’t the eyewitness reports agree on who killed Amy Biehl? Were the men convicted of the murder actually responsible for her death? And then van der Leun stumbled on another brutal crime committed on the same day, in the very same area. The story of Amy Biehl’s death, it turned out, was not the story hailed in the press as a powerful symbol of forgiveness, but was in fact more reflective of the complicated history of a troubled country.” (Klappentext, gekürzt)

We Are Not Such Things: The Murder of a Young American, a South African Township, and the Search for Truth and Reconciliation

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18: S.E. Lynes, “Valentina”

“Glasgow journalist Shona McGilvery moves to an idyllic cottage in rural Scotland with her partner Mikey and their baby. But with Mikey working offshore, the isolation of the Aberdeenshire countryside begins to drive her insane. Until she is rescued by a new friendship with the enchanting Valentina. Shona has the perfect home, the perfect man, and a charismatic new best friend – or does she? A hauntingly intelligent, addictive psychological thriller from debut author S. E. Lynes. “(Klappentext, gekürzt)

Valentina

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krimis 2016, Abby Geni, Emma Kavanagh, Kwei Quartey.png

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19: Abby Geni, “The Lightkeepers”

  • langsamer Natur- und Vogelkundler-Roman mit Mordfall: könnte tantig oder kitschig sein.
  • 340 Seiten, Counterpoint, Januar 2016
  • nicht auf Deutsch, Goodreads: 3.81 von 5 (für einen Krimi: recht schlecht.)

“Miranda is a nature photographer who travels to the Farallon Islands, an exotic and dangerous archipelago off the coast of California, for a one-year residency capturing the landscape. Her only companions are the scientists studying there. Miranda is assaulted by one of the inhabitants of the islands. A few days later, her assailant is found dead, perhaps the result of an accident. As the novel unfolds, Miranda gives witness to the natural wonders of this special place. When more violence occurs, each member of this strange community falls under suspicion.”(Klappentext, gekürzt)

The Lightkeepers

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20: Emma Kavanagh, “The Missing Hours”

  • Domestic Suspense im Stil von “Gone Girl”: Lügt Selena? (Aber: viele Leser*innen finden die Auflösung/das überraschende Ende abrupt oder misslungen.)
  • 400 Seiten, Cornerstone, Februar 2016
  • nicht auf Deutsch, Goodreads: 4.03 von 5

“Selena Cole is in the playground with her children. The next moment, she has vanished without a trace. Twenty hours later, Selena is found safe and well, but with no memory of where she has been. What took place in those missing hours, and are they linked to the discovery of a nearby murder?” (Klappentext, gekürzt)

The Missing Hours

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21: KWEI QUARTEY, “Gold of our Fathers”

“Darko Dawson has just been promoted to Chief Inspector in the Ghana Police Service—the promotion even comes with a (rather modest) salary bump. His new boss is transferring him from Accra, Ghana’s capital, out to remote Obuasi in the Ashanti region, an area now notorious for the illegal exploitation of its gold mines. The office is a mess of uncatalogued evidence and cold case files, morale is low. The body of a Chinese mine owner is unearthed in his own gold quarry.”

Gold of Our Fathers (Darko Dawson #4)

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krimis 2016, Christopher Charles, A.J. Hartley, Castle Freeman jr.

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22: Christopher Charles, “The Exiled”

  • Provinz-Drogen-Thriller mit gebrochener Hauptfigur
  • 320 Seiten, Mulholland Books, April 2016
  • nicht auf Deutsch, Goodreads: 4.12 von 5

“Back in the 1980s, Wes Raney was an ambitious New York City Narcotics Detective with a growing drug habit. Working undercover on a high-risk case, he made decisions that cost his career and his family. Now, Raney is the sole homicide investigator covering a two-hundred-mile stretch of desert in New Mexico. His solitude is his salvation-but it ends when a brutal drug deal gone wrong results in a triple murder. The Exiled is at once a riveting murder mystery and a brilliant portrait of a man on the run from himself.” (Klappentext, gekürzt)

The Exiled

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23: A.J. Hartley, “Steeplejack” [Jugendbuch]

  • Band 1 einer Steampunk-Young-Adult-Trilogie
  • 336 Seiten, Tor, Juni 2016
  • nicht auf Deutsch, Goodreads: 4.00 von 5

“Anglet Sutonga is 17. She makes a living repairing the chimneys, towers, and spires of Bar-Selehm. When Ang is supposed to meet her new apprentice, Berrit, she finds him dead. That same night the Beacon, an invaluable historical icon, is stolen. No one seems to care about Berrit’s murder—except for Josiah Willinghouse, an enigmatic young politician. He offers Ang a job investigating the death. With no one to help Ang except Josiah’s haughty younger sister, a savvy newspaper girl, and a kindhearted herder, Ang must rely on her intellect and strength to resolve the mysterious link between Berrit and the missing Beacon before the city descends into chaos.” (Klappentext, gekürzt)

Steeplejack (Alternative Detective, #1)

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…ich mochte auch Castle Freemans Provinz-Thriller “Männer mit Erfahrung” (Nagel & Kimche, Februar 2016) – ein schneller, sympathischer, aber recht flacher Kurzroman. Längere Einschätzung von mir: hier (Link)
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zwei weitere Autor*innen, von denen ich bald mehr lesen will (neueste Bücher von 2015):
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zwei aktuelle Comic-Reihen, die ich komplett las und die mich begeistern:
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the fade out

ED BRUBAKER (Text), SEAN PHILLIPS (Zeichnungen):

“The Fade Out”, Noir-/Krimi-Graphic-Novel, 15 Hefte in drei Sammelbänden, USA 2014 bis 2016.

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The Fade Out, Vol. 1: Act One[mehr] Charlie Parish ist Drehbuchautor – heimlich: Er macht den Job, für den sein Alkoholiker-Kumpel Gil bezahlt wird. Bei einer Party stirbt Hauptdarstellerin Valeria Summers. Charlie verliebt sich in Maya Silver – den jungen Star, der sie ersetzen soll. Während viele Szenen neu gedreht, das Drehbuch ständig ausgebessert wird, versucht er, sich an die Mordnacht zu erinnern.

Ich liebe Ed Brubaker seit „Gotham Central“. Seit 15 Jahren erzählt er immer wieder gefeierte historische Noir-Dramen um Detektive und Killer. In Band 1 und 2 bleibt „The Fade Out“ den klassischen Farben, Motiven, Tricks des Krimi- und Noir-Genres treu: Hollywood 1948. Kaputte Stars, Auf-, Absteiger. Bittere Geheimnisse. Verrat und Sünde. Ein glänzend recherchierter, toll gezeichneter Comic zweier Profis. Band 3 hat eine überraschende Auflösung, und macht die Reihe rückblickend noch deutlich besser:

stimmig, fesselnd, smart, detailverliebt… und wunderbar traurig.

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Stadt in der es mich nicht gibt
KEI SANBE (Text und Zeichnungen):

“Die Stadt, in der es mich nicht gibt”, Krimi-Manga mit fortlaufender Handlung, 8 Bände (2013 bis 2016)

“Satoru Fujinuma wird unerwartet in die Vergangenheit geschickt – für jeweils wenige Minuten und so oft, wie es nötig ist, um Verbrechen zu verhindern. Er hat sich mit diesem Lebensstil abgefunden. Doch plötzlich erlebt Satoru eine extreme Wiederholung: Er wird in seine Zeit als Grundschüler zurückgeschickt. Damals wurden Kinder aus seiner Klasse entführt und umgebracht. Schafft er es, die Entführungen zu verhindern?” [Klappentext, gekürzt]

  • Der Zeichenstil (wenige Details, seltsame Augen, Lippen, Kopfformen) wirkt lieblos…
  • …und dem kompletten ersten Band fehlt Schwung.
  • Ab Band 2 aber gewinnen Figuren und Geschichte so viel Farbe, Tiefgang, dass ich mir sicher war: Das kann auch über 30 Bände hinweg glänzend funktionieren. Ein schlichtes, aber eindrückliches Setting, ein überzeugend eskalierender Krimi-Plot, ein Autor, der an jeder Stelle GANZ genau zu wissen scheint, was er tut. Und: fünf, zehn Figuren, die simpel wirken, doch sehr schnell liebenswürdig, schlagfertig, immer komplexer werden. Grundschülerinnen, Teenager, Mütter, die ich SO noch nie gelesen habe, in Mangas.
  • Mit anderem Zeichenstil wäre die Reihe Publikumsliebling, Crowdpleaser, ein perfektes Geschenk: Band 1 holpert. Doch der Rest begeisterte mich, monatelang.

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[schon 2014 erklärt/gepostet:] Privat lese ich gern Thriller und Krimis – habe aber große Probleme mit:

  • …deutschen TV-Produktionen (auch “Tatort”)
  • …Procedurals / Krimi-Reihen / zu viel Schema F
  • …Autoren, die ihren Detektiv oder Bösewicht als Übermensch zeichnen
  • …schrulligem und reaktionärem Wohlfühlkram wie “Monk”

ca. 30 Referenzen: Krimi-/Thriller-/Spannungszeug, das ich mag:

“Veronica Mars”  |  Greg Rucka  |  Profiler (z.B. in “Millennium” und “Profiler”)  |  “In Cold Blood” und ähnliche True Crime-Titel  |  Noir  |  Hitchcock  |  “der Feind in meinem Bett”-Thriller und Domestic Suspense  |  “24”  |  “The Americans”  |  Ed Brubaker  |  “Twin Peaks”  |  femmes fatales  |  Satiren wie “Desperate Housewives”  |  Agenten, gern schrullig (“Spooks”, “Queen & Country”, “Mit Schirm, Charme und Melone”)  |  “Wild Things”  |  Cyberpunk und Urban Fantasy  |  Patricia Briggs’ “Mercy Thompson”-Romane  |  “Gotham Central”  |  “Panic Room”  |  “Mulholland Drive”  |  “American Psycho”  |  “Blacksad”

Kritik & Fazit: Queeres Literaturfestival “Empfindlichkeiten” am Literarischen Colloquium Berlin

Masha Gessen und Ricardo Domeneck beim Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Masha Gessen und Ricardo Domeneck beim Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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Artikel in der taz (Stephan Hochgesand)
Audio-Feature bei WDR 5 (Jenni Zylka)
ausführlicher Blogpost (Englisch) von Übersetzerin/Bloggerin Katy Derbyshire
wurstig-desinteressierter Blogpost von Joachim Bessing
Fotos (Instagram)

Eröffnungsrede & Interview mit Thorsten Dönges (Künstlerische Leitung)
Interview mit Samanta Gorzelniak (Künstlerische Leitung)
Interview mit Ronny Matthes (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für „Empfindlichkeiten“

kurz vorgestellt: die literarischen Texte der Autor*innen
ausführliche Zitate: die persönlichen Statements/Texte der Autor*innen
drei Diskussionsrunden, Tag 2
drei Diskussionsrunden, Tag 3
Mainstream- oder Nischen-Veranstaltung? Blick aufs Publikum

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Vom 14. bis 16. Juli 2016 lud das Literarische Colloquium Berlin über 30 Schriftsteller*innen ein, öffentlich über Homosexualitäten in der Literatur und ihr eigenes Selbstverständnis als queere Schreibende zu sprechen: ein Literaturfestival mit Lesungen, Vorträgen, Panels, Performances und Konzerten.

„Empfindlichkeiten“!

Ich begleitete das Festival als Blogger, sammelte Stimmen, führte Interviews, schrieb Texte und bereitete Inhalte und Momente für Facebook, Twitter und Instagram auf. Katy Derbyshire schreibt: “The best place at the moment to find out what happened is the #Empfindlichkeiten tag at Stefan Mesch’s blog. Stefan was slogging away to document the panel discussions and events, posting interviews with writers and participants, and generally giving a really good impression of the festival. Great work!” Vielen Dank!

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Zum Abschluss, heute: mein Fazit als Literaturkritiker/Journalist.

Lose Notizen & Gedanken zu drei Tagen Festival – den Stärken, dem Potenzial und den Problemen.

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01_Angenehm kurze literarische Lesungen: An zwei von drei Festival-Abenden wurde Prosa/Lyrik vorgetragen, je 11 bis 15 Autor*innen, zwei Stunden und länger. Das wird hastig, fürchtete ich; zumal bei nicht-deutsch- oder nicht-englischsprachigen Autor*innen nach einer Passage im Original auch noch die englische Übersetzung nachgereicht wurde; gelesen von Katy Derbyshire oder Cameron Mathews. Tatsächlich aber hatte ich großen Spaß, in ungewohnt schneller Folge 11, 12, 15 Kurzlesungen zu hören – entschieden mehr, als 30, 50 Minuten Zuhör-Zeit mit einer einzigen Stimme/Text verbringen zu müssen: Die guten Texte waren Appetizer, machten Lust. Und was mir nichts gab, war nach zehn Minuten vorbei. Gern wieder!

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02_Marlen Pelny las holprig. Gunther Geltinger stolperte immer wieder über seine Sätze. Raziel Reid las im leiernd-melodiösen, auf mich zu affektiert wirkenden Tonfall, in dem fast alle nordamerikanischen Männer Prosa vortragen: ein schlaffer Singsang. Aber: Marlen Pelny gab danach ein Konzert. Geltinger war schlau, wach, ein Gewinn fürs Festival. Und Reid sagte im Diskussionspanel viel Kluges. Ich mag, wenn Autor*innen auf Festivals mehr als einen Auftritt haben, mehr als eine Rolle spielen. Nicht jede*r kann alles. Doch jede*r hatte bei “Empfindlichkeiten” Chancen, einen schlechten Eindruck oder ein schwächeren Text auszugleichen.

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03_Ich mochte, wie leidenschaftlich und präsent Thorsten Dönges durch die Tage führte: Er wirkte nie gehetzt oder aufgeregt – doch jede Geste machte klar, wie sehr ihm diese Begegnungen am Herzen liegen. Mit-Kuratorin Samanta Gorzelniak schien mir sehr aufmerksam, alert, eine gute Zuhörerin/Gastgeberin… ich wünschte nur, sie hätte öffentlicher gesprochen, moderiert, sich selbst mehr Raum als Expertin genommen. Und: Ich denke, die Kellner*innen und das Catering, die LCB-Belegschaft und die Technik sind zum Großteil heterosexuell. An keiner Stelle aber hatte ich den Eindruck, dass jemand amüsiert, exotisierend, von oben herab auf Autor*innen und Publikum blickt: “Huch. Heute haben wir vielleicht Leute hier bei uns im Haus… interessant!” o.ä.

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Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin

Ahmed Sami Özbudak. Foto: Tobias Bohm

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04_Es gab sechs große Diskussionsrunden – je vier bis sechs Auto*rinnen, dazu Moderation, ca. 70 bis 90 Minuten, je zweimal zum Stichwort “Körper”, “Maske”, “Schrift”. Die drei Begriffe waren zentral für Hubert Fichte, dessen “Geschichte der Empfindlichkeit” auch für den Namen des Festivals Pate stand. Doch besonders bei “Maske” führte das zu mürben Grundsatzdebatten um Begrifflichkeiten, Definitionen. Autor*innen, Akademiker*innen legen oft jedes Wort auf die Goldwaage. Fünf, sechs von ihnen einen Begriff wie “Maske” vorzusetzen, muss in Geschwafel enden. Das nächste Mal vielleicht lieber… eine offen formulierte Frage, als Motto/Leitbegriff der Runde?

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05_Meine beiden Lieblingspanels hatten nur vier Autor*innen (Freitag: “Körper” mit Perihan Magden, Roland Spahr, Antje Rávic Strubel, Michal Witkowski; Samstag: “Körper” mit Niviaq Korneliussen, Masha Gessen, Izabela Morska und Ricardo Domeneck; Zusammenfassung hier und hier). Gessen war so wortkarg, dass ich in 70 Minuten nur drei Menschen (plus Moderator) kennen lernen musste – viel schöner als die Sechser-Runden, auf denen jeder Gast zwei Sätze spuckt, dann wieder Statist*in bleibt, ohne Zeit für Wortwechsel, Dialoge, längere Gedanken. Mir gefällt, dass das Festival fast allen vorlesenden Autor*innen auch einen Platz in Diskussionspanels bot. Doch die Zusammensetzungen schienen beliebig, die Panels überfüllt, und viele Gäste gingen unter/blieben blass.

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06_Großartig, während der sechs Panels immer neu zu sehen: Abdella Taia, Angela Steidele, Saleem Haddad hören den Kolleg*innen interessiert, respektvoll zu, im Publikum und melden sich später mit kurzen Kommentaren, Fragen. [Auch Joachim Helfer, Kristof Magnusson und Hilary McCollum sah ich dauernd – sie kommentierten nur weniger.]

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07_Es waren deutlich mehr Männer als Frauen geladen – und einige Autor*innen blieben lange still. Besonders von Suzana Tratnik und Sookee hörte ich auf Panels fast nichts (Sookee war später, beim Vortragen/Rappen, toll). Masha Gessen, für mich der stärkste journalistische/literarische Text im Vorfeld, wirkte lustlos. (Bei den Männern gingen für mich Ahmet Sami Özbudak und Jayrome C. Robinet etwas unter.) Falls es ein Folge-Festival geben wird: mehr Frauen – und unbedingt Bedingungen schaffen, in denen sie mehr/länger sprechen können und wollen.

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Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin. Foto: Tobias Bohm

Hilary McCollum. Foto: Tobias Bohm

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08_Unter den Besucher*innen gab es kaum Teenager. Kaum Studierende. Ich sah keine englischsprachigen (Nur-) Besucher*innen (…obwohl fast jeder Satz auf Englisch gesprochen wurde). Auch Frauen 50+ – sonst: auf Lesungen das Gros des Publikums – fehlten. Interessant, dass ich (auch abends) keine schwulen/lesbischen Zärtlichkeiten und Public Displays of Affection sah. Nur zwei (ältere) heterosexuelle Pärchen, die sich küssten und streichelten.

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09_2008 war ich Mitglied der Künstlerischen Leitung von PROSANOVA. Es gibt keine perfekten Festival-Autor*innen – man wägt beim Einladen immer ab: Wer schreibt toll? Wer ist bekannt? Wer kann über seine Arbeit gut öffentlich sprechen? Wer ist nett? Wer ist Geheimtipp/Entdeckung? Und dann: Bitte auch eine große Bandbreite, Diversity, ausgewogenes Geschlechterverhältnis, interessante Unterschiede. “Empfindlichkeiten” löste, balancierte das recht gut – alles in allem.

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10_Mein Musikgeschmack ist recht eng/einseitig – deshalb ließen mich die vier, fünf Konzerte im Lauf des Festivals recht kalt. Aber: sehr gut, dass es sie gab! Genau wie das Orakel/Puppenspiel, der Auftritt der Drag Queen und, besonders, Künstlerin Martina Minette Dreier, die wie eine Gerichtszeichnerin Gäste und Besucher*innen skizzierte, portraitierte. Ich war lange in Toronto und mag Drag-Queens, die energisch, bitchy, dramatisch performen, moderieren oder lipsynchen. Das eher pointenlose Zwischenspiel der Drag Queen Oszillar am Eröffnungsabend erschien mir schlaff/lapidar – und drittklassig. Gern wieder Drag-Acts. Doch das geht besser!

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11_Ich kenne nur Festivals, bei denen zehn bis fünfzig Mitarbeiter*innen hochnervös in einem Festivalbüro jonglieren, schwitzen, kämpfen. “Empfindlichkeiten” hatte einen entspannten Büchertisch, solides Catering, jederzeit ansprechbare Gastgeber. Sympathisch, dass LCB-Leiter Florian Höllerer am Samstag noch bis Mitternacht Equipment und Bühnenteile durch den Garten schob/trug – doch selbst dabei schien niemand zu schwitzen: Das Festival war… fast surreal professionell. Hotels, Flüge, teilweise Dolmetscher*innen… Autor*innen, tagelang betreut – und ich sah nichts stocken, missglücken. Respekt!

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Marlen Pelnys Band Zuckerclub. Foto: Tobias Bohm

Marlen Pelnys Band Zuckerclub. Foto: Tobias Bohm

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12_Hubert Fichte gehört zu meinen Lieblingsautoren: 2007 las ich fünf seiner autobiografische Romane. Trotzdem irritiert mich, dass er (nur) auf den ersten Blick absurd zentral fürs Festival wirkte: Er ist auf dem Begrüßungsbanner abgebildet, der Programmtext besteht aus einem sehr langen Zitat, der Festivalname verweist auf die “Geschichte der Empfindlichkeit”. Während des Festivals spielte Fichte dann kaum eine Rolle: Viele Autor*innen, besonders aus dem Ausland, kannten ihn nicht oder wollten nichts über ihn sagen; die Ausstellung der Leonore-Mau-Fotos wirkte recht nebensächlich (…liegt sicher auch am Internet: zehn, fünfzehn großformatige Fotos, das hat für mich seit Google, Tumblr wenig Schauwert); und ich verstehe, dass Fichte ein wichtiger Gast am LCB war, 1963 – aber dann vielleicht doch lieber: ein Expertenvortrag von Roland Spahr; ein ausführlicher Flyer zu den Fotos; eine Website mit allen LCB-relevanten Zitaten/Passagen aus Fichtes “Die zweite Schuld”. Und: Kathrin Röggla ist in meinen Top 10 der angenehmsten, menschlich tollsten Auto*rinnen – doch ihre Fichte-Rede am Eröffnungsabend hat mich (…als jemand, der Fichte halbwegs kennt, sehr mag) überfordert: Ich konnte Röggla erst folgen, als ich die Rede nochmal schriftlich vor mir hatte. Ich höre Röggla gern frei sprechen. Ihre Texte lese ich mit Leuchtstift, Textmarker. Doch wenn sie eigene Texte laut verliest, bleibt für mich nie viel hängen.

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13_Ich bin nicht sicher, ob die nicht-deutschen Autor*innen verstanden, wie das LCB funktioniert, was es auszeichnet usw., und so sehr ich mich freue, dass “Empfindlichkeiten” ein öffentliches Festival war, keine geschlossene Tagung, frage ich mich: Braucht es genauere Fragen oder Aufgabenstellungen, eine Vorbesprechung, ein Briefing? Masha Gessen z.B. hatte offenbar erwartet, mehrere Tage lang Textarbeit/-exegese mit Kolleg*innen zu machen – und schien teilnahmslos oder enttäuscht.

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14_Toll, dass es einen Reader gab mit literarischen Texten (das meiste: in englischer Übersetzung), zum Blättern und Nachlesen. Bei vielen dieser Texte hatte ich das Gefühl, Autor*innen haben ihre lesbischste/schwulste Passage eingereicht, nicht die erzählerisch beste – doch das Lesen, Entdecken machte Spaß. VIEL besser aber fand ich die persönlichen Statements/Poetiktexte, die fast alle Gäste im Vorfeld des Festivals zusammentrugen. Ich las das als digitales .doc – und glaube, öffentliche Reader oder eine Online-Version wären fürs Publikum ein großer Gewinn gewesen [eine Blog-Version ist in Planung, und auch in “Sprache im technischen Zeitalter” werden die Statements noch einmal verlegt]. Sehr gut: Der Tagesspiegel/Queerspiegel druckte einige Essays im Rahmen der Festival-Berichterstattung. Saleem Haddads Text gehört zu den klügsten und für ein breites Publikum relevantesten – und ich bin froh, dass er so prominent in einer Tageszeitung erschien.

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14b_Mich irritiert, dass Niviaq Korneliussen in Diskussionen wortgleich die selben Sätze sagte, die sie im Statement / Essay formuliert hatte. Sie wirkte sympathisch, souverän – doch ich unterschätze oft, wie ungern viele Autor*innen einfach losreden, öffentlich frei erzählen. Wie macht man schreibenden Gästen klar: Alles kann – nichts muss?

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Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin

Cameron Mathews. Foto: Tobias Bohm

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15_Gut, dass auf Facebook zu “Empfindlichkeiten” eingeladen wurde: Ich hatte das Festival online recht früh auf dem Schirm und wurde immer wieder daran erinnert, wie viele Kolleg*innen und Bekannte kommen wollen. Die Infos auf der LCB-Website aber waren mir zu knapp und leidenschaftslos: keine Autor*inneninfos und -Fotos, kein Text über Ausrichtung und Stellenwert/Größenordnung/Zielgruppe des Festivals. Gab es auf dem Festival selbst nochmal ein längeres Programmheft – oder nur die Flyer? Falls nicht: Wer erklärt mir im Vorfeld des Festivals, wer Robert Gillett oder Mario Fortunato sind – und warum ich mich auf sie freuen soll?

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16_Ich wünsche mir Expert*innen für lesbische Literatur, ich wünsche mir Buchtipps, Fundstücke, Begeisterung: Ich habe lesbische Lieblingsautorinnen (z.B. meine Lieblings-Jugendbuchautorin, A.S. King), aber bin kaum anglophil und konnte mit Virginia Woolfs “Orlando” nichts anfangen. Der schwule Kanon ist dichter: Menschen verweisen auf Wilde oder Henry James oder Walt Whitman oder Marcel Proust. Doch fünfmal auf dem Festival zu hören: “Lesbische Liebe und lesbische Literatur bleiben unsichtbar – mit Ausnahme von… nehmen wir mal… als Beispiel: ‘Orlando’.” deprimiert mich. “Orlando” als Allzweckwaffe, ewig einzige Referenz – das kann nicht alles sein!

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17_Drei Gäste, die mir Mühe machten: Izabela Morska riss die Augen panisch auf und sprach viel zu schnell – bei mir kam nichts an, akustisch/inhaltlich, nie. Als sie am Abschlussabend einen Text vorlas – langsamer, verständlich – war ich ratlos: Ich weiß nicht, warum sie zwei Tage durch Sätze und Assoziationen rast, mit ängstlichem Blick, nervös und wirr. Und: Moderator Joey Hanson schien mir sympathisch – doch er benutzt Uptalk/Upspeak. Zum Ende jedes Satzes hob die Stimme, als stellte er… eine Frage? Das ist irrsinnig… anstrengend? Denn damit wirkt er… läppisch und… unvorbereitet? Er stellte die Bücher und Autor*innen in lustlosen, kurzen Floskel-Sätzen vor, als hätte er Zusammenfassungen aus Wikipedia kopiert. Und fragte ständig auf der Bühne nach, ob er einen Namen richtig ausspricht. Bitte: Lieber vorher fragen! Denn jeder Satz wirkte unsicher, uninformiert… und super-gleichgültig den Texten und Schreibenden gegenüber.

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18_Ich will nie wieder in einem Raum mit dem Poeten sein, der für die flachsten Gedanken zehn Minuten Redezeit braucht – doch jedes Mal genervt die Augen rollt, alles Interesse verliert, wenn jemand anderes spricht. Egoman. Rücksichtslos. Selbstverliebt.

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19_Eine Freundin, die oft auf Festivals eingeladen wird, muss sich gelegentlich zwingen, interessiert, dankbar, demütig zu wirken: “Für die Veranstalter ist ihr Event das Größte. Aber manchmal muss ich direkt danach zum Bahnhof weiter – habe einfach keine Zeit, mich einzuarbeiten.” Viele Autor*innen waren sehr präsent, respektvoll, interessiert: Luisgé Martin… obwohl er ohne Übersetzerin wenig verstand. Ricardo Domeneck… der auf Facebook oft polemisch misanthrop klingt, doch das ganze Festival über herzlich und geistreich wirkte. Edouard Louis… kritisch, aber ohne Allüren. Die Moderator*innen stellten fast nur weiche, freundliche Fragen. Niemand aus dem Publikum wollte sich mit Besserwisserei oder Polemik profilieren. Ich fand EINEN Gast unerträglich. Und zwei, drei weitere Autor*innen eher saturiert, gelangweilt. Doch überraschend viele Beteiligte hatten grandios großen Respekt vor dem Festival – und voreinander.

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20_Sollte ich einen längeren Artikel schreiben über die Poetiken und Standpunkte des Festivals, der Text würde von Abdella Taia handeln, Alain Claude Sulzer, Kristof Magnusson und Raziel Reid. Ich sage oft, dass mich klassische Fantasy-Konflikte wie “Herr der Ringe” deprimieren – weil die Figuren fast nur um Leib und Leben fürchten, fast alle Probleme auf den banalsten untersten Stufen der Maslow-Pyramide bleiben: “Habe ich Essen?”, “Obdach?”, “Sind die Pferde gefüttert?”, “Reicht der Proviant?” Am Eröffnungsabend hielt Abdella Taia eine (zu) lange Rede über die Entbehrungen, Verluste, den existentiellen Mangel, den er als junger Schwuler in Marokko erleben musste. Erschütternd. Aber: in simplem, recht kunstlosen Englisch und ohne komplexere psychologische Nuancen. Ein trauriger, einfacher Erklär-Text – der mir die Augen öffnet, aber nichts mit meinen eigenen, abstrakteren Baustellen zu tun hat, die viel höher auf der Bedürfnispyramide liegen: privilegiertere Fragestellungen, Selbstverortungen von queeren Thirtysomethings, die nicht um Leib und Leben fürchten. Magnusson und Reid schienen mir am wachsten, interessiertesten an aktuellem queeren Mainstream, an den Konflikten und Bruchstellen von Wohlstandskindern, den medialen Kulturkämpfen um queere Identität: Wonach schwule Männer in Marokko hungern, will ich lesen, aufnehmen, verstehen. Doch schreiben kann ich besser, wonach in meiner Welt gehungert wird. Älteren Autoren wie Sulzer, schien mir, sind solche Nachgeborenen-Diskurse eher fremd: Identity Politics. Queere Jugendbücher. PC. Schwulsein auf Tumblr. Die Strahlkraft glücklicher schwuler Pärchen in einer Sitcom oder Seifenoper. 50 Geschlechts-Optionen bei Facebook. Klingt alles erstmal läppisch – doch ich glaube, wir brauchen Essayist*innen, Erzähler*innen, Kulturbeobachter*innen – die erklären können, warum es große Fässer öffnet.

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lcb empfindlichkeiten literaturfestival stefan mesch

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zum Blog: Hin und wieder – drei-, viermal pro Jahr – begleite ich eine Lesung, Buchmesse, ein Festival oder andere literarische Events journalistisch, als Blogger. Als-Blogger-Berichten ist eine Sonderrolle, die mir auf Live-Veranstaltungen sehr liegt: Ich spreche auch gerne auf Podien oder moderiere – doch “nur” im Publikum zu sitzen, ist mir zu passiv. Als Blogger kann ich Interviews führen, Bücher finden/vorstellen und für/mit einer größeren digitalen Öffentlichkeit über Fragen, Programmpunkte und Ideen sprechen – öffentlich, online.

Ich mochte “Empfindlichkeiten” sehr. Habe drei Tage lang dokumentiert, gesammelt, zugehört. Nach Abschluss, jetzt, will ich noch einmal kritischer Bilanz ziehen: Festivals sind viel aufwändiger, teurer als das Verlegen einzelner Bücher. Doch wenn Buch- und Literatur-Macher Festivals planen, haben sie oft das Gefühl, viel weniger zu erreichen: ein paar höfliche Besucher, dankbare Gäste, wenige Artikel und Blogposts. Ich weiß, wie sehr ich mich selbst als Veranstalter jedes Mal nach Feedback, Texten, Dokumentation sehne. Und nahm mir deshalb vor, für “Empfindlichkeiten” vor allem mit den eingeladenen Autor*innen und Gästen zu sprechen. Text zu schaffen. Dokumentation. Bleibendes.

Für ein Festival bloggen, das heißt: Ich erhalte eine Aufwandsentschädigung und sehe mich, generell, “im Dienst” des Festivals. Ich halte fest, was mich interessiert, was mir gefällt und zeige in Texten, Snapshots, sozialen Netzwerken, womit/wobei ich mich wohl fühle und was ich im Programm spannend oder relevant finde. Für Kritik ist Platz. Doch ich bin Journalist, Literaturkritiker – und ein Buch bespreche ich lieber in Zeitungen, oft mit einer gewissen Härte. Und immer: Im Wissen, dass ich das Buch einschätzen kann, verstehe, überblicke. Literaturfestivals kann man schlecht überblicken, völlig verstehen, komplett einschätzen:

Jede*r Besucher*in erlebt andere Programmpunkte, hat andere Begegnungen, viel mehr Bewegungs- und Spielräume als beim Lesen eines Texts. Und: Festivals werden von Menschen gemacht, die MONATE ihres Lebens opfern. Es allen Recht machen wollen. Super-angespannt sind und tausend Bedürfnisse und Ansprüche berücksichtigen, gewichten müssen.

Ich finde es wichtig und legitim, als Privatperson in meinem privaten Blog nach Ende des Festivals öffentlich zu sagen: “Dieser EINE Gast war für mich unerträglich.”

Ich fände es legitim, denselben Satz auf den offiziellen Festivalblog zu stellen, während des Festivals – aber: lieber, wenn ich einer von mehreren Blog-Autor*innen bin, eine von mehreren Stimmen. Und ich verstehe, falls der Gast danach die Festival-Leitung fragt, warum er attackiert wird – auf einer Plattform des Festivals.

Ich finde es auch legitim, als Journalist für eine Zeitung über ein Festival zu richten. Aber: Dann wird aus “Stefan Mesch hasst den Lyriker, der nicht zum Punkt kommt” schnell “DIE ZEIT attackiert einen Lyriker und das Festival, das ihn eingeladen hat.” Alles denkbar. Aber: verschiedene Schwerpunkte, verschiedene Rollen.

Bei “Empfindsamkeiten” war ich sehr gern Blogger.

Das Festival für eine große Zeitung zu erklären und zu filtern, nach den Bedürfnissen, Interessen und dem Wissensstand eines Hetero-Mehrheitspublikums, hätte mir weniger Spaß gemacht.

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Internationales Festival "Empfindlichkeiten" 2. Festivaltag

Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin. Foto: Tobias Bohm

Queer Young Adult Literature, 2016: Raziel Reid

Raziel Reid

Raziel Reid

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Raziel Reid is a Canadian novelist and journalist living in Vancouver – and he both spoke and read at the 2016 “Empfindlichkeiten” Literature Festival in Berlin.

His young adult novel “When everything feels like the movies” (2014) was awarded the 2014 Governor General’s Literature Award for Children’s Literature. The German edition, “Movie Star” was published by Albino (2016).

Raziel’s Web Site  |  Raziel’s Twitter  |  Wikipedia  |  Instagram

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01_If someone call you „homosexual author“, you…

Show them how well I can hold a pen with my asshole.

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02_The most memorable moment of queerness in your childhood:

As a child I had an affair with a neighbour boy. The experience made its way into my novel Movie Star. He lived next door to my grandparents who were very religious. While my grandmother was upstairs in the kitchen baking pies for church charity events, he and I would be downstairs in the basement “playing”. We were nine or ten years old. There was a small fear that we might be caught, so we knew we were doing something worthy of getting in trouble for, but there was no shame. It was before society had gotten into our heads and made us self-conscious. It was instinctual and very passionate. I loved him.

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03_A queer book that influenced you (how?)…

“Faggots” by Larry Kramer was a quite stunning moment of my youth and inspired me to move to New York City. It introduced me to the queer underground world and helped me realize my life could be much more than what I’d been raised to believe it could be as a God-fearing Catholic boy. Kramer became my new God, and I’ve been a faithful disciple ever since.

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04_A different piece of queer culture (no book: something else) that influenced you (how?)…

I remember when Will & Grace started airing on TV in the ‘90s. It was the first time I’d seen gay characters. I knew I was gay but wasn’t yet comfortable with my identity. It was both a liberating and shameful experience. I grew up in a small Canadian town. My dad was so uncomfortable when Will & Grace came on he’d leave the room. My mom seemed to like Will, but was embarrassed by the more flamboyant character Jack. Early on it was in my head that it’s better to be a more “straight acting” gay guy like Will than to be effeminate like Jack, an idea which is still perpetuated today. So many gay guys on hookup apps are looking for “straight acting only” and “no fems”.

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05_In book stores, THESE are the authors/artists that you’d feel most honored to be placed next to:

Chuck Palahniuk, Ira Levin, Dennis Cooper, the Bible.

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06_A queer moment you’ve had in Berlin (or anywhere in Germany) that you’ll remember for a long time:

I spent this spring in Berlin, and during my first week here I attended the launch of Matt Lambert’s zine Vitium, which was published by my german publisher Bruno Gmünder. The launch was at Tom’s Bar which is rather infamous, and so I was introduced to the underground scene in Berlin and its artists while watching a live sex show. Quite memorable. I think I’ll have a live sex show at all my future launches!

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07_Name some experts, authors, activists, name some places, institutions and discourses/debates that formed/informed/influenced the way you see and understand queerness – and yourself:

During my youth Warhol’s factory was the first queer scene I became interested in. Warhol said, “In my movies, everyone’s in love with Joe Dallesandro” and everyone watching was too! I loved reading about all the Superstars and was emboldened by characters like Candy Darling and Holly Woodlawn. I felt like such a freak in my hometown, and they celebrated their freakiness — it’s what made them shine.

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08_Name some experts, authors, activists, places, institutions and debates/questions that deserve more recognition/need more love:

I recently read One-Man Show by Michael Schreiber which is composed of interviews with the 20th century New York artist Bernard Perlin. He was a fascinating personality and visionary, I enjoyed learning about his life very much. He was connected to many other queer figures like Paul Cadmus, Glenway Wescott, George Platt Lynes, Denham Fouts, and had interesting anecdotes to share about them all. Perlin is underrepresented. He evaved the AIDS plague while living in Greenwich Village when it first hit that community. His survival alone is heroic and worthy of investigation. I’m fascinated by tales from gay artists who lived through the epidemic. The amount of loss they’ve experienced, and the way it shaped them and their work is something which should always be honoured.

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09_Is there a queer figure/personality, a celebrity or a queer story/phenomenom that is very visible in the mainstream culture – and that makes you happy BECAUSE it is so visible?

James Franco is cool. He transcends sexual orientation which is very Hollywood, many people in the industry have fluid sexualities but they’re not all as open and willing to promote it the way he does out of fear of losing out on roles.

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10_If universities/academics talk about queer topics, you often think…

If only they had an imagination.

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11_A person (or, more general: an aspect of personality or appearance) that you find very sexy?

Gore Vidal because he stood up for what he believed in, and even when his beliefs were attacked or garnered him negative attention (as they often did), he didn’t back down. I admire his style.

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12_Are you queer? How does your queerness inform/relate to/energize your art? And, on the other hand: Has your queerness ever been in your way or be a difficulty for you?

I’m privileged to be from a progressive country, Canada – where my sexuality has helped propel my career forward. My first job as a writer was for a queer newspaper, my debut novel is an LGBT teen story and was originally published by a Canadian press known for its queer content and run by two gay men. My sexuality has served as a foundation for my literary work.

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13_There’s a video campaign that wants to prevent depressed queer teenagers from commiting suicide, „It gets better“. DOES it get better? How and for whom? When did it get better for you? What has to get better still?

“It” doesn’t get better. This world will always try to hurt you. What gets better is you. As you get older and find your footing you become wiser and more resilient.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Thorsten Dönges – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals “Empfindlichkeiten”, Literarisches Colloquium Berlin

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

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In all times men have been in love with men, women with women.

As E.M. Forster wrote: „There always have been people like me and there always will be“.

Christopher Isherwood called EM Forster the great prophet of our tribe. So have these people really aways been forming one tribe? One community? Or is it much more complicated?

I am glad that so many writers, scientists, translators, friends are joining our festival „Empfindlichkeiten“. In our times, there is maybe something many [queer] people might have in common. It is the experience of what we call Coming Out – and usually you don´t tell your Mama: “Listen, Mama, I am hetero, but don´t be sad or angry…”

Maybe these people even in our days are the people who know how it feels to look different or to walk hand in hand with another person and to be afraid of hostile reactions. There still is homophobia and there is transphobia – in Africa, Russia and Orlando. And in Europe, Germany and Berlin.

We have asked the participants of this festival, writers and scientists, to write short essays on our subject. Many of the essays we received reflect on political questions, on history and they think about which writers could be part of a kind of queer literary tradition. And there is the discussion, how integrated and normalized – or how dissident, subversive and radical queer life should be these days.

…and let me celebrate those who have made this festival possible, with their work, their enthusiasm, their help:
Thank you Samanta Gorzelniak. Christine Wagner, Laura Ott. Mandy Seidler. Samuel Matzner. Yann Stutzig. Ronny Matthes. Christian Schmidt. Thank you Florian Höllerer. Thank you, dear colleagues. Thank you Siegessäule for being our media partner! Thank you: JAK Slovenian Book Agency, Pro Helvetia. Canadian Embassy. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. S Fischer Stiftung. Kulturstiftung des Bundes

Thorsten Dönges’ opening speech – shortened version

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

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Thorsten Dönges, geboren 1974 in Gießen, studierte Germanistik und Geschichte in Bamberg. Seit 2000 ist er Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er im Programmbereich insbesondere für die neuere deutschsprachige Literatur zuständig ist.

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Ich habe das Literaturfestival “Empfindlichkeiten” als Liveblogger begleitet; und sprach kurz vor Eröffnung mit Thorsten Dönges über Vorgeschichte und Ursprünge des Programms. Samanta Gorzelniak, Thorstens Partnerin in der Künstlerischen Leitung des Festivals, hat schriftlich auf meine Fragen geantwortet (Link hier). Mit Thorsten hatte ich ein zwangloses Gespräch. Hier ein – gekürztes – Protokoll/Transkript:

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Thorsten Dönges: Vor ein paar Jahren las ein Münchner Schriftsteller, Hans Pleschinski, hier am LCB aus seinem Thomas-Mann-Roman “Ludwigshöhe”. Es geht um alles Mögliche: Düsseldorf, die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit… und eben auch: eine schwule Liebesgeschichte. Am nächsten Tag stand ich in der LCB-Küche. Und ein Kollege sagte, ganz freundlich: “Das war ja ein schwuler Abend, gestern.”

Da machte es Klack. Niemand würde nach einem Abend, bei dem ein Buch mit heterosexueller Liebesgeschichte vorgestellt wird, sagen: “Was für ein Hetero-Abend gestern. Schon spannend!” Mir wurde klar, dass die Rezeption einfach anders ist – und damit sicher auch der Schreibprozess. Autoren fragen sich: “Für wen schreibe ich das? Wer wäre vielleicht sogar dagegen, falls in meinem Roman ein Frauenpaar auftaucht?” Was macht das mit dem Text – mit der Produktion, und mit der Rezeption?

Es gab so viele Abstimmungen in den letzten Jahren: Ein Land führt die Ehe für alle ein. Andere lehnen sie ab. Schriftsteller beobachten das sehr wach. Sie nehmen daran teil – doch wie mischt man sich ein, als Autor? Dichter in Russland, deren Arbeit dann plötzlich als jugendgefährend gilt, als homosexuelle Propaganda… das sind so unterschiedliche Arbeits- und Schreib-Bedingungen…

“Autorentreffen”, das heißt: 20 oder 30 Leute sitzen um einen Tisch und sagen “Mir geht es folgendermaßen, als lesbische Autorin” – “Mir geht es anders. Ich will gar nicht so sehr als lesbische Autorin wahrgenommen werden.” – “Ich aber sehr wohl! Ich kämpfe total.” Das fand ich spannend – aber nicht spannend genug. Also sagten wir: Wir machen ein Festival. Wo dieser Austausch vorkommt. Aber eben auch: Performances, Musik, Lesungen – ein größerer Rahmen.

Hubert Fichte fragt in “Die zweite Schuld”: Gibt es einen Stil der homosexuellen Literatur? Henry James, dieses indirekte Sprechen… und das ist unser Aufhänger, als These und kleine Provokation. Klar, dass niemand antwortet „Zeig mir fünf Zeilen eines Schriftstellers und ich weiß: Sie ist lesbisch – oder eine Hetera mit acht Kindern.“ Doch als Gedankenspiel, um die Diskussion zu öffnen, fand ich Fichtes Frage interessant. Warum überhaupt Fichte? Ich weiß: Er wird selten übersetzt und hat international wenig Einfluss. Aber seine Geschichte mit dem LCB… in „Die zweite Schuld“ gibt es dieses große Interview mit Walter Höllerer. Er schreibt über die Anfänge des Hauses und die etwas niedliche Art, eine Schreibschule zu installieren.

Was mich herausforderte: Fichte liebt die Provokation – und denkt, die sind dort eigentlich alle… Fichte hatte überall diesen Homophobie-Verdacht: bei Grass und all den Lehrern hier. Er konfrontiert sie alle damit. „Wie haltet ihr es eigentlich so mit Arschfickern?“ Das wäre ein Satz, den er benutzt hätte, 1963. Und gerade das wieder hier ins Haus reinzubringen, fand ich sehr…

Ich hätte gern noch Alan Hollinghurst hier gehabt: Er schreibt an einem neuen Buch und sagte sehr britisch-freundlich ab. Genauso Ali Smith. Murathan Mungan, der wichtigste… ein enfant terrible in der Türkei. Meine Ko-Kuratorin Samanta Gorzelniak und ich haben uns gut ergänzt. Uns beiden lagen Autor*innen am Herzen, die der andere noch gar nicht kannte. Ich selbst mag Gunther Geltingers Bücher und freue mich sehr, dass er dabei ist. Antje Rávic Strubels aktuelles Buch, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, ist großartig. Aber das ist gemein: Wenn ich jetzt einzelne heraushebe.

Ich hatte noch nie vor einem Projekt so viel Respekt – denn irgendjemand fühlt sich immer ausgeschlossen. Oder alle sagen: „Kalter Kaffee: Wir haben doch schon Gleichgestellung.“ Doch die Reaktionen und die Essays und Statements der eingeladenen Autor*innen fand ich großartig – wie viel Herzblut. Und auch, 2016: wie viel Ratlosigkeit.

Wir wollten anfangs ein europäisches Festival. Asien, das wäre nochmal ein ganz anderes… das hätte mich überfordert. Aber dann weitete es sich aus: Wir wollten nach Russland schauen. So kam Masha Gessen ins Spiel – die aber in New York lebt. Dann Ricardo Domeneck – der aus Brasilien kommt, aber in Berlin lebt. Das waren finanzielle Grenzen. Am Anfang schrieben wir von “europäischen Autor*innen”. Jetzt sind wir international. Man könnte auch Michael Cunningham aus den USA einladen. Leute aus Vietnam, Thailand. Wäre sicher spannend – was Japaner zu unseren Fragestellungen sagen. Ob man überhaupt Leute findet, die gern kämen.”

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Samanta Gorzelniak – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals “Empfindlichkeiten”, Literarisches Colloquium Berlin

ein schnelles Selfie von Samanta Gorzelniak am LCB

ein schnelles Selfie von Samanta Gorzelniak am LCB

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich begleite das Festival als Liveblogger… und stelle bis Sonntag mehreren Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern kurze Fragen zu Queerness, Widerstand und dem Potenzial homosexueller Literatur.

bisher erschienen Interviews mit…

Katy Derbyshire (Link)  |  Kristof Magnusson (Link)  |  Angela Steidele (Link)  |  Hans Hütt (Link)  |  Hilary McCollum (Link)  |  Saleem Haddad (Link)  |  Luisgé Martin (Link)

…und, aus dem LCB-Team, Ronny Matthes (Link).

Samanta Gorzelniak und Thorsten Dönges sind die Künstlerische Leistung des Festivals.

Samanta Gorzelniak, geboren 1978 in Leipzig, ist promovierte Philologin. Sie übersetzt aus dem Polnischen und forscht über Autorinnen der polnischen Romantik. Samantas Website (Link)

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01_Seit wann planst du – zusammen von mit Thorsten Dönges – das Festival?

Letztes Jahr fragte Thorsten, ob ich an der Konzeption usw. beteiligt sein will. Natürlich wollte ich! Thorsten als… ich sag mal: Buchmensch hat einen etwas anderen Zugang zum Thema als ich – ich habe eine literaturwissenschaftliche Sozialisierung und bin in einer anderen queeren Szene unterwegs, in anderen, sagen wir: Zusammenhängen. Aber unsere Schnittpunkte sind die Literatur – und das Nicht-Heteronormative. Und das ist eine gute Mischung!

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02_Was war Grundidee und -Konzept?

Menschen aus möglichst verschiedenen Kontexten, die schreiben, intensiv lesen und Berührungspunkte / Erfahrungen mit queeren Themen haben, zusammenbringen – und sie miteinander reden, einander kennen lernen zu lassen. Die Gemeinsamkeiten ausloten und sich an Differenzen freuen. Vernetzung. Ich glaube, dass unsere Gäste sich verschiedene Fragen stellen und unterschiedliche Dinge für überholt, aktuell, interessant usw. erachten… das liegt ganz klar am Kontext. Und am Grad der Vernetzung, des Austausches, der Solidarisierung.

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03_Wie hat sich das im Lauf der Planung geändert? Musstet ihr irgendwas umschmeißen oder neu denken?

Als uns das Treffen von AutorInnen zu langweilig erschien und wir über Performances, Musik usw. nachdachten, wurde klar: Es wird einfach öffentlich fett eingeladen, Werbung gemacht – viel Publikum ist willkommen!!

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04_Worauf / worüber freust du dich besonders?

Mit Menschen zu sprechen, deren Texte ich seit Jahren kenne und verehre. Diese widerum miteinander in Kontakt gehen zu sehen. Über viele einander zugewandte, aneinander interessierte, liebevolle Menschen. Über Msoke habe ich mich mächtig gefreut und Hilary McCollum [Q&A hier: Link] – sie haben ihren eigenen positiven Wind in die Veranstaltungen gebracht. Aber hey: alle sind toll!

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05_Warum Hubert Fichte, immer noch? Ist er – nach 50 Jahren – noch immer der prominenteste progressiv queere deutschsprachige Autor? Ist das nicht… traurig/schade? [Das Festival ist nach Fichtes “Geschichte der Empfindlichkeit” benannt und wurde mit einer Ausstellung der Fotos von Fichtes Partnerin Leonore Mau eröffnet.]

Fichte ist für mich eine Art Aufhänger – und seine Geschichte ist mit der des LCB verwoben, das bietet sich natürlich an. Außerdem hat er kluge Fragen gestellt, die uns auch immer noch bewegen, tatsächlich. Das bedeutet nicht, dass nichts passiert im Laufe der Zeit.

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06_Ein queeres Buch, das dich beeinflusst hat?

Alma von Izabela Morska (damals hieß sie Izabela Filipiak). Es ist nicht ins Deutsche übersetzt. Aber ich bin dran 🙂

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07_Zu viele Menschen denken bei „Homosexualität“ zuerst oder fast nur an schwule Männer. Ich wünschte, stärker in den Fokus rücken…

Transmenschen!

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queere Literatur 2016: “Schrift”, “Maske”, “Körper” – drei [neue] Diskussionspanels auf dem Literaturfestival “Empfindlichkeiten” (LCB Berlin)

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich begleite das Festival als Liveblogger.

Der Freitag Vor- und Nachmittag gehörte drei großen, knapp zweistündigen Diskussions-Panels: “Maske”, “Körper” und “Schrift” [Link zu Statements, Fotos und Infos].

Am Folgetag – Samstag, 16. Juli – starten drei weitere, einstündige Diskussions-Panels: “Schrift”, “Maske”, “Körper”. Fotos vom Festival-Fotografen Tobias Bohm:

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14.00 Uhr: Schrift. Statements und Diskussion – mit: 

Alain Claude Sulzer (Basel)
Dieter Ingenschay (Berlin)
Édouard Louis (Paris)
Raziel Reid (Vancouver)
Kristof Magnusson (Berlin)

Moderation: Nina Seiler

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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I think literature is still a perfect art form to negotiate ideas of sexual identity. You don’t have to finance a movie: Writing is fairly cheap – and that’s what makes it so easy to express utopian ideas. – Kristof Magnusson

Young people are building their identities through the internet: There are infinite resources and information. The value of YA literature, now, is really to give them a sense of belonging und a sense of being less alone. – Raziel Reid

Schreiben ist für mich ein ästhetisches Verlangen. Es geht um den perfekten Satz und nichts anderes. – Alain Claude Sulzer.

When we talk about literature, we talk about privileged people: people who have time and energy to read novels. So when we talk about literature, we should always talk about the problems and the failures of literature – the people that literature can’t reach. The words don’t always BUILD us – sometimes, they completely fail. – Edouard Louis

We are never a woman, we are never gay, we are never black – we always fail, and that’s why we suffer: These institutions don’t work. There’s always the gap between us and the language that we’re using. These [labels and standards, for example: the concept/ideal of ‘masculinity’] never work. And maybe, the suffering comes from this failure, this distance. – Edouard Louis

…and, from the audience, Abdellah Taia remarked how often (supposed) “humour” is used to belittle, shame and be aggressive against queer people. Taia: “Sometimes, the best thing you can do is to get naked in front of all of them and say: ‘Now you can laugh’.”

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

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Tobias Bohms Fotos vom zweiten Panel:

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15.00 Uhr: Maske. Statements und Diskussion – mit: 

Mario Fortunato (Roma)
Dmitry Kuzmin (Riga)
Suzana Tratnik (Ljubljana)
Luisge Martín (Madrid)

Moderation: Franziska Bergmann

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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Re-reading my own texts, I notice that in my writing, I’m revealing myself to myself in some ways that I never knew about. It’s like psychotherapy. – Suzana Tratnik

I’m a writer. I am absolutely gay. But I’m not an absolutely gay writer. I have plenty of other identities. – Luisgé Martin

To me, James Baldwin’s “Giovanni’s Room” is book about heterosexist normativities inherent to both the character and the author, damaging and ruining everything. – Dmitry Kuzmin

The very act of saying “clearly” is problematic. Who is saying that? How can he say that? – Dmitry Kuzmin

We live in this stupid society: The main part is: Expose yourself, be naked, go on television, do something completely stupid so people will talk about you. And writers are forced by the industry to get more and more on stage. Yesterday, an audience member asked us if our publishers ever censored us. But no, on contrary – they say: “Go on! Use strong words and be as vulgar as possible!” I’m sorry – I’m not interested in audiences. I have never in my life written one word thinking about my audience: I write because…. because… because… I don’t know. I like it, it’s interesting and it’s making me money, so I continue: It’s much better than working! Every time a book of mine comes out, I say: No – I don’t want to do any promotion for this book. I do refuse this industry. This kind of mass market. – Mario Fortunato

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

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Tobias Bohms Fotos vom dritten Panel:

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17.00 Uhr: Körper. Statements und Diskussion – mit: 

Niviaq Korneliussen (Nuuk)
Masha Gessen (New York)
Izabela Morska (Gdańsk)
Ricardo Domeneck (São Paulo / Berlin)

Moderation: Dirk Naguschewski

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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I’m a 26-year old queer female writer from Greenland. Most other Greenlandic writers are male – and over 100. Very masculine writers who write about nature and being a proud Greenlander. Almost everyone in Greenland has read my book – and it’s not about being a proud Greenlander at all. It’s about being queer, and about finding home in countries other than Greenland. – Niviaq Korneliussen

It’s a privilege to talk about queer people openly, in the media. – Niviaq Korneliussen

People have a strange view of Brazil because women get naked there on five days a year. But it’s the biggest catholic country in the world: For women, for blacks and for homosexuals, it’s an extremely dangerous country. – Ricardo Domeneck

When I speak up and write, I often get messages that say: ‘Please don’t bring this disease of political correctness into Brazil’ – and these messages are always from white heterosexual men. – Ricardo Domeneck

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queer Literature, Queer Art: Quotes & Statements

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For three days in July 2016, the “Empfindlichkeiten” literature festival/conference at the Literarisches Colloquium Berlin invited nearly 40 international writers, scholars, artists and experts to disquss the aesthetics, challenges, politics of and differences within queer literature.

Before the conference, all guests wrote short statements – translated into English by Bradley Smith, Simon Knight, Oya Akin, Lawrence Schimel, David LeGuillermic, Pamela Selwyn, Zaia Alexander and Bill Martin.

I read these statements – a digital file of 67 pages – and compiled my favorite quotes.

It’s a personal selection, and all quotes are part of much larger contexts.

Still: to me, this is the – interesting! – tip of a – super-interesting! – iceberg:

queer literary discourse, 2016.

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

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I am certain that my writing would be completely different without my being gay. As a queer young person, you grow up with the awareness of living in a society that isn’t made for you. This influenced a particular perspective that expanded to all aspects. Things that are very important for many people don’t affect me much – but I am very touched by other things for which most people are not sensitive. – Kristof Magnusson

Just at the beginning of my career as a writer, in 1996, I was a guest at the national radio show for young writers. The editor asked me whether I planned to write a novel. He thought I couldn’t really accomplish it because my shovel wasn’t big enough. What he meant was that as »a real writer« one would need a shovel big enough to grasp all the worldly experiences, memories, histries, feelings, etc. not just the minor ones. And being a lesbian, my experiences are rather minor, particular and only autobiographical, and therefore cannot really address the big world out there.
I spent a lot of time writing and fighting against this prejudice that straight writers – being mainly »just writers« without labels – write about the world, but gay, lesbian or queer writers write only or mostly about themselves and their lives, even more, they simply write from within themselves. – Suzana Tratnik

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Joachim Helfer, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Joachim Helfer, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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To call a prick a prick is an act of self-assertion as a free man. – Joachim Helfer

To bashfully shroud it does nothing to make the vile pure, but may make the pure appear vile. De Sade is the ancestor of a more modern gay style of provocative divestiture. Jean Genet, Hubert Fichte and others (including myself) work from the assumption that even – or especially! – the most indecent exposure of man’s physical existence can but reveal his metaphysical truth: the untouchable dignity of each and every human being. It is this pure belief that permeates contemporary popular gay culture, from Tom of Finland and Ralf König to the anonymous participants in any Gay Pride Parade. – Joachim Helfer

‘Empfindlichkeiten’ – the motto of our conference hurts. In German, this is a charmingly provocative neologism in the association-rich plural form. Yes, we ARE sensitive. We lesbians, gay men and other kindred of the polymorphously perverse. Not just sensitive like artists are said to be, but over-sensitive in the pejorative sense. And we have every reason to be. Not just in all those countries in Eastern Europe or Africa where people like us are once again being, or have always been, marginalized, beaten, raped and murdered. The massacre in a gay bar in Orlando, Florida on 12 June 2016 is sad evidence that homophobic violence remains an everyday occurrence in liberal western countries too. In places like Germany, where it lies dormant alongside gay marriage, it can all too easily be reawakened (AfD, Pegida, Legida). – Angela Steidele

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Niviaq Korneliussen, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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In Greenland there is no such thing as a literary environment and therefore no literary debates, not to mention literary debates about homosexuality. Of course books in Greenlandic are published every year, but extremely few have an influence on public debates. There are no festivals, no readings, nor reviews on the local medias. That, in general, causes no development among the few Greenlandic writers. Greenlandic books exist only as decorations – students read them in school, only because it’s mandatory. Very few buy them for private use, and when they do, they finish reading them only to hide them in a shelf to collect dust – Niviaq Korneliussen

When my book, HOMO sapienne, was published, people started to use it for debates; politicians used my phrases, scientist used my criticism of the society, homosexuals cherished probably the very first book about not heterosexual people, and readers discussed the context. Schools invited me to talk about my book and I’ve been participating in many cultural events. The reason for that, I think, is because my book is contemporary and relevant and criticizes people who aren’t used to being criticized. Although my book is being discussed a lot, people in Greenland don’t seem to talk about the fact that there are no straight people in it. I don’t consider my book as being queerliteratur, but you can’t bypass that the characters are queer. – Niviaq Korneliussen

[In Spain,] the Franco Regime continued a long tradition of homophobia on the Iberian Peninsula which once had been, at the end of the Middle Ages, long before the so-called Reconquista, a multicultural society where Arabs, Jews and Christians had coexisted quite peacefully. Among the prejudices towards the ‘Moors’ the Christian Emperors liked to highlight their supposed homosexuality, a feature they later transferred to the Native Americans after the terrible Conquista of South America. The prototypical Other was gay, and vice versa… – Dieter Ingenschay

Some critics find a decline in the production of literature with homosexual subjects after 2007, annus mirabilis which brought two important elements of social change: the above-mentioned Law of Equal Rights and the Law of Historic Memory (Ley de Memoria histórica) which was supposed to help working through the crimes of Franco’s dictatorship. These achievements, as some critics say, produced a decriminalization and hence a ‘normalization’ of the life of gays and lesbians. This is partly true, no doubt, but both laws have not yet really translated into social life. Franco’s followers still have great influence, and conservativism, machismo and the secret influence of the Catholic Church (with their disastrous organizations like the Opus Dei) still force thousands of young people to hide their (sexual) identity, especially in the rural parts of the country, – Dieter Ingenschay

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Luisgé Martin, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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The paradox that all those who are oppressed sometimes feel: the belief that their oppression offers them an extraordinary tool for personal growth and creativity. In Spain, during the 1980s, it became fashionable to cynically state that “we lived better fighting against Franco” and to insist that censorship forced the great writers to hone their intelligence and imagination. The question could now be reformulated in this way: would gay literature disappear in a hypothetical egalitarian world? Would there cease to be a specifically homosexual creativity when not just legal discrimination, but also social homophobia, disappeared? I don’t think that any reasonable human being would lament that loss, in the case of its ever occurring. – Luisge Martín

Unrequited love. It is a mathematical issue: the homosexual will always be in a minority, will always love he who cannot love him in return. – Luisge Martín

Since the French Revolution at the latest, the entire concept of so-called femininity a genuine masculine, phallological construction, with philosophers, educators, gynaecologists and couturiers responsible for its stability. I consider it more interesting how this construction has more recently been turned inside out in many contexts and also how the artificiality of traditionally highly defined masculinity has been performatively emphasized by women. – Thomas Meinecke

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Hilary McCollum, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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[…] sexual and romantic relationships between women have been close to invisible. They are largely absent from both the historical record and the literary canon. This absence damages our sense of ourselves, our sexuality and our place in the world. It is as if our lives have been outside the range of human experience until the last fifty or sixty years. We need a lesbian history. But finding it is a bit like searching for buried treasure without a map. There are, however, clues; hints of the past left in diaries, letters and newspaper reports. Novelists are using these glimpses of our lesbian/queer ancestors to rescue the hidden history of relationships between women. For literary historian and novelist Emma Donoghue, writers are “digging up – or rather, creating – a history for lesbians.” – Hilary McCollum

[In Turkey,] there is a predominant attitude along the lines of “Kill me if you like, but DON’T admit that you’re gay.” It’s for this reason that lots of homosexuals get married, and to save face they even have children. […] In other words, homosexuality is still an “issue” which needs to greatly be kept secret, suppressed within the Turkish society. It is a state of faultiness/defectiveness, guilt and an absolute tool of otherization. Especially in Anatolia. I wrote “Ali and Ramazan” to come out against this entire heavily hypocritical, oppressive attitude. – Perihan Mağden

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Raziel Reid. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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In Canada, where same-sex marriage was legalized in 2005, it can often seem on the surface to be a utopia of acceptance. But as the outrage and protest against my debut Young Adult novel When Everything Feels like the Movies revealed, it’s okay to be gay — as long as being gay means being like everyone else. There was a backlash against the perceived vulgarity and explicitness of the language represented in my novel — language which was often ripped directly from the mouths of the gay youth who composed my inner circle of friends and acquaintances. It appears that in achieving equality in the civilized world, gay culture is being sacrificed. Unity and equality should not have to mean homogenization. The traditions of gay culture for better and worse — the underground camp, irreverence, and brash sexuality cumulative of decades of having been ostracized by mainstream society — is no longer relevant or understood in our modern, equal times. It is therefore the responsibility of LGBT writers to document and immortalize our traditions as our culture shifts so that we don’t lose what makes us unique in order to gain acceptance. Marketing our stories to young readers is paramount to this effort. – Raziel Reid

To be an object of hate speech, to witness floods of hate speech exuded daily by politicians, newspersons, sport coaches, university professors, and clergymen resembles a bad dream. When reading Kafka at thirteen, I experienced a suffocating feeling of immense revulsion and pity. Why was this happening to Gregor? The story didn’t say. But it communicated clearly how vulnerable life becomes as soon as one is transformed into an object of disgust to others. – Izabela Morska

The gay life in Istanbul, as is the case with many others, changed dimension after the occurrences of the GeziPark protests, we can safely say that it has adopted a more organized and daring attitude. The Gay Pride which took place in the summer of 2013, during the GeziPark, was tremendously effusive, and was supported and claimed not only by the gay community, but the heterosexual community also. This great power most probably disturbed the present Turkish administration, for the Gay Pride which took place the following year was met with police raids, and the groups were attacked with gas bombs and the parade suffered a drastic blow. – Ahmet Sami Özbudak

For in an Islamic country, living a free and open homosexual life is unacceptable. If the prevalent Islamic atmosphere increases its intensity and Turkey becomes an even more fanatic Islamic country, the fight for existence for the gay community will become even more difficult. – Ahmet Sami Özbudak

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Sookee. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Tobias Bohm.

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I am so glad to see that there are several young queer rappers and djs who can rely on and collaborate with a scene and multiple protagonists who are much like them. These people like me refuse to use discriminatory, hateful language. They empower themselves by combining the personal with the political and build a language that makes them unique as rappers and outspoken as queer fighters, lovers and dreamers. The rap mainstream has slowly come to the point that we can’t be ignored anymore. There is still separation, but no more negation. – Sookee

I have come to the straightforward conclusion that the homosexuality of the author is not necessarily reflected in the content of his or her work, but rather in the way in which he or she looks out on the world. I am thinking, for example, of writers such as Henry James, E.M. Forster or William Somerset Maugham: in their novels and short stories, you hardly ever come across homosexual content, but it is impossible not to sense their homosexual identity. – Mario Fortunato

The notion of a ‘gay literature’ is a product of precisely these discourses of power. It was invented to cement the idea that real literature is straight. In this scenario, gay literature is a niche product that only those directly affected need to bother about. – Robert Gillett

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Angela Steidele. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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For some 200 years, a particular variant of violence against lesbians was the assertion that we didn’t exist. Until the mid-eighteenth century, sex between women carried a death penalty just as it did between men. It was in the Enlightenment, oddly enough, that male philosophers, jurists and theorists of femininity became persuaded that sex between women could be nothing more than preposterous ‘indecent trifling’. Trapped in their phallocentric worldview, they abolished the penalties for lesbian sex beginning around 1800, because in their opinion there was no such thing (the English and French penal codes had never even mentioned it in the first place). Women-loving women disappeared into non-existence, reappearing in late nineteenth- and early twentieth-century novels as ghosts and vampires at best, in any case as imaginary beings. […] My work is dedicated to giving the women-loving women of (early) modern Europe back their voices and making their stories known. – Angela Steidele

We have lived through times in which heterosexuals went to great lengths, partially with violence, to separate themselves from homosexuals. As a result, homosexuals began to separate themselves from heterosexuals, a liberation movement that aspired to a life as a supplement to the majority. – Gunther Geltinger

Writing in a homosexual way means not only acknowledging my origin, education, and traditions, but also permanently questioning them. – Gunther Geltinger

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Saleem Haddad. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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From the word ‘liwat/looti’ (used to refer to male homosexuals and which suggests the act of sodomy), to the female ‘sihaqah’ (which can be roughly translated to ‘grinder’), as well as the word ‘khanith/mukhannath’ (popular in the Gulf and drawing on memories of eunuchs), and finally the word ‘shaath’ (which means queer or deviant), there is no shortage of words to describe homosexual acts in Arabic, though none are positive. – Saleem Haddad

In fact, for many queer Arabs, frank discussions of sex often happen in English or French. Perhaps those languages offer a more comfortable distance, a protective barrier between an individual and their sexual practices. Arabic: serious, complex, and closely associated with the Quran, can sometimes appear too heavy, too loaded with social and cultural baggage. Perhaps this reason may explain why many Arab writers choose to write about their homosexuality in English or French, myself included. English provides us with a safe distance: from our communities, and perhaps in some way from ourselves. – Saleem Haddad

Over the last twenty years of LGBTQ activism in the Arab world, some activists have made a concerted, and somewhat successful, effort to re-appropriate and re-shape the language around queer identities. The word ‘mithli’, for example, which is derived from the translation of the phrase ‘homo’, and which reframes the language from a focus on same-sex practices towards describing same-sex identities, is now seen as a more respectful way to refer to gay and lesbian individuals. However, while the word mithli has caught on in media and intellectual circles, the word for ‘hetero’, ghayiriyi, remains unused—thereby rendering the heterosexual identity invisible, signifying it’s ordinariness, while in turn differentiating the ‘homosexual’ with their own unique word: mithli. Perhaps in recognition of this, some movements, in turn, have sought to move beyond the hetero/homo binaries altogether, by Arab-izing the word ‘queer’ into ‘kweerieh’. – Saleem Haddad

Reclaiming words and finding spaces for our identities in them allows us to take ownership over language. After all, what purpose does language serve if we are unable to modernise it, to mould it, shape it, and, ultimately, find a space for ourselves in its words? – Saleem Haddad

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Foto: Mandy Seidler, LCB

Foto: Mandy Seidler, LCB

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queeres Literaturfestival “Empfindlichkeiten”: das Publikum

 

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Einlass-Stempel beim “Empfindlichkeiten”-Festival

 

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ohne, nachgezählt zu haben… rein nach Gefühl…

merke ich, im Literaturbetrieb:

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  • In Verlagen arbeiten UNGLAUBLICH viele junge Frauen.
  • In Presseabteilungen arbeiten fast NUR (unglaublich nette!) Frauen.
  • Verleger sind fast immer männlich.
  • Im Netz (besonder Twitter & Tumblr) sprechen queere Nordamerikaner*innen über ALLES.
  • Deutlich weniger queere Deutsche machen sich online sichtbar/angreifbar/verletzlich.
  • Deutsche lesbische Bekannte äußern sich online super-selten und sind oft super-zurückhaltend…
  • …und damit leider: super-unsichtbar.
  • Populäre Belletristik wird (fast nur) für Frauen vermarktet, gestaltet.
  • Meine belesensten Netz- und Blog-Freunde sind (fast nur) Frauen.
  • Die Menschen aber, die am lautesten kommentieren, auf ihrem Expertenstatus beharren, auf Facebook laut zetern, sich mit Verrissen profilieren… sind meist (eine Handvoll immergleiche) lesende Männer.
  • Je kleiner die Stadt, desto mehr Enthusiasmus für/Interesse an Lesungen.
  • Aber: Je kleiner die Stadt, desto grauer/älter das Publikum.

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Vieles ist nur ein vages Gefühl:

Ich mag, wenn Menschen nachzählen – und dabei Vorurteile bestätigen oder umwerfen, z.B. über (anspruchsvolle? anspruchslose?) Buchblogs oder Frauen auf Experten-Panels oder das Geschlechterverhältnis im Feuilleton oder LGBTQI-Figuren im Fernsehen.

Mein flüchtiger Eindruck, nach einigen Besuchen am Literarischen Colloquium Berlin: Dafür, dass das LCB *sehr* schick, bürgerlich, herrschaftlich am Wannsee thront, ist das Publikum (immer) recht jung, gemischt, urban. Aber: Dafür, dass “Empfindlichkeiten” ein explizit queeres Festival ist, sind die Besucher*innen… eigentlich die selben, die ich z.B. auch beim LCB-Sommerfest der kleinen Verlage sehe.

Oder?

Mandy Seiler vom LCB macht “Empfindlichkeiten”-Fotos – und gibt mir Kopien, für den Blog.

Ich sehe DIESES “Empfindlichkeiten”-Foto:

IMG_1679

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…und merke auf den ersten Blick:

Etwas stimmt nicht. SO sah das Publikum aus? Wirklich?

Erst, als ich weiterscrolle, wird klar: Das Foto stammt vom Vortag – und einer Lesung von Judith Hermann. Das Publikum bei “Empfindlichkeiten” sieht anders aus. Nicht SO anders, dass ich sofort denke “Wow: Alle hier sind garantiert queer!” Aber eben doch: männlicher, punkiger, less gender-conforming.

Mich freut, dass das auffällt.

Doch mich freut auch, dass es mir zuerst eben nicht auffällt.

Ich sehe das “Empfindlichkeiten”-Publikum – und denke: ein schöner Querschnitt.

Nicht: Nische. Abseits. Schutzraum. Exoten. Minderheit. Sondern: Menschen, wie ich sie auf jeder Sorte Lesung sehen will. Oder in der Schlange im Supermarkt. #diversity #zwanglos

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

Queer Literature, 2016: Luisgé Martin

Luisge Martin. Foto: lizenzfrei, von hier

Luisge Martin. Foto: lizenzfrei

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Luisgé Martin is a Spanish novelist and essayist, born in Madrid, 1962 – and he’s both speaking and reading at the 2016 “Empfindlichkeiten” Literature Festival in Berlin.

Wikipedia (Spanish)  |  Goodreads  |  portrait/profile (Enquirer.net)

“He received a degree in Hispanic Studies from the Universidad Complutense in Madrid and a Master in Business Management from Instituto de Empresa. His first novel “La muerte de Tadzio” (“The Death of Tadzio,” Alfaguara, 2000) was awarded the Premio Ramón Gómez de la Serna. […] He occasionally works as a columnist in various periodicals such as El Viajero, Babelia, El País and Shangay Express.” [source: Link]

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01_Is there a text that introduces you / gives a good introduction to the topics and issues that you care about?

Alexis ou le traité du vain combat” by Marguerite Yourcenar

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02_If someone call you „homosexual author“, you…

I say yes, but not only that.

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03_A queer book that influenced you (how?)…

Luis Cernuda‘s poetry. It helped me to make from pain.

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04_A different piece of queer culture that influenced you…

Many films: L’homme blessé by Patrice Chéreau, Torch Song Trilogy by Paul Bogart, etc.

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05_Something about homosexuality that you wish you had learned/understood/known earlier……

Everything. When I was fifteen I didn’t know anything about homosexuality.

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06_If your work is placed in book stores, THESE are the authors you’d feel most honored to be placed next to:

Marguerite Yourcenar, Thomas Mann, Oscar Wilde, Manuel Puig…

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07_A queer moment you’ve had in Berlin (or anywhere in Germany) that you’ll remember for a long time:

The kitsch decoration in the first gay bar I got in in Berlin.

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08_Is there a heterosexual ally that you like/value and who you’ve grateful for?

Former Spain’s Prime Minister, José Luis Rodríguez Zapatero, who approved gay marriage in Spain.

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09_Is there another guest/author at „Empfindlichkeiten“ you’re particularly looking forward to? (why?)

Abdelah Taia and Edouard Louis because of their books.

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10_Is there a queer phenomenom that is very visible in the mainstream culture – and that makes you happy BECAUSE it is so visible?

Gay Pride in Madrid.

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11_Is there a particular prejudice, misconception or line of thought about queerness that you wish would just go away/not be discussed again and again?

The importance or self-censorship of effeminacy.

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12_Is Hubert Fichte important to you? How?

No. I haven’t read him yet.

13_What’s your history with the Literarisches Colloquium Berlin? Have you been here?

I haven’t heard about it before being invited to participate in this festival.

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14_Is there a queer literary event that you miss/envision/would like to see?

I can’t think of any. But I would like that there were many more queer literary events all over the world.

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15_Queer texts are often about sexuality, identity/coming to terms with yourself and/or discrimination. Are there other topics/issues that you’d like to see featured in queer books more often?

Family relationships in a specific way.

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16_What country, what culture energizes you, teaches you new things about queerness?

USA due to the amount of contradictions that exist in the queer fight and recognition.

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17_In mainstream culture, queerness increasingly gets some space. But then: does qeer culture embrace mainstream, too? Does it embrace mainstream TOO MUCH – when it comes to questions of gender norms, family planning, „presentable“ people, consumerism, politics? Where do queerness and „normality“ crash? Do they crash/collide hard enough?

Marginal cultures always fight for recognition and recognition comes when they conquer spaces. We cannot regret and feel ashamed of such conquests.

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18_If universities/academics talk about queer topics, you often think…

Temporarily, that is great news.

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19_A person (or, more general: an aspect of personality or appearance) that you find very sexy:

Youth.

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20_There’s a video campaign that wants to prevent depressed queer teenagers from commiting suicide, „It gets better“. DOES it get better? How and for whom? When did it get better for you? What has to get better still?

Yes, it gets better, much better. The Empfindlichkeiten festival is an example because it has assembled a bunch of writers who have told their tragic stories in their books, but their lives now are better and they can talk and write about those past hard days with perspective.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016: