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„Heartstopper“ [LGBTQ-Comic, Alice Oseman]

Am 18. Januar 2021 sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur über Alice Osemans Jugend-Comic „Heartstopper“:

Gespräch mit mir im Link: Audio, 6 Minuten

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Als Bonus im Blog: eine Kurz-Rezension – und meine Notizen zum Radio-Gespräch.

Ein schwules Traumpaar – für Frauen?
„Heartstopper“ ist der erfolgreichste queere Comic. Ein Erfolg für Schwule?

Als die Autorin Alice Oseman 16 war, boten Verlage sechsstellige Summen auf ihre Roman-Projekte. 2014 erschien das Jugendbuch „Solitaire“: Osemans Debüt mit 19. Drei weitere Romane und viele Novellen wurden Bestseller – doch der größte Erfolg der Britin ist ein Comic-Projekt, das sie seit fast sechs Jahren schreibt, zeichnet und gratis im Netz veröffentlicht: „Heartstopper“, die Liebesgeschichte zwischen den Schülern Nick und Charlie, ist der erfolgreichste und bekannteste Comic mit queeren Hauptfiguren weltweit.

Auf Englisch ist die Geschichte online zu lesen oder in bisher vier von fünf geplanten Sammelbänden. Weil 2021 auch eine Netflix-Serie produziert wurde, die bald erscheinen soll, liegt Band 1 jetzt in deutscher Übersetzung vor: „Heartstopper: Boy trifft Boy“. Ein softer, sehnsuchtsvoller, freundlicher Comic für Menschen ab 12, über die erste große Liebe und zunehmend auch die Frage, wie man in einer Partnerschaft respektvoll, gewaltfrei und stärkend miteinander spricht.

Die Hintergründe der Schwarzweiß-Zeichnungen sind oft lieblos rudimentär: Besonders Busse und Autos wirken hingeschludert, unfreiwillig komisch. Erst ab ca. Band 3 ist „Heartstopper“ zeichnerisch über Amateur-Niveau. Ob das Erzählte, die Figuren und der Plot gelungen sind, hängt von eigenen Präferenzen ab, von Vorurteilen und der Sozialisation:

Wer Romance-Romane und ihre Formeln und Strickmuster mag. Wer japanische Boys-Love-Mangas unterstützt, in denen Grenzen zwischen „Verliebtheit“ und Stalking verschwimmen. Wem Fan-Fiction mag, in der ein Schul-Sportler, den man für heterosexuell hält, die Hand des schwulen Außenseiters streift, ihn tröstet, ihm durchs Haar wuschelt, ihn vor Freude durch die Luft wirbelt und nach 280 Seiten sagt: „Ah, ich bin wohl bisexuell. Auch schön“. Pauschal: Wer Genres toleriert, in denen oft Autorinnen schwules Leben für ein vorwiegend weibliches Publikum stilisieren und verkürzen. Und wer versteht, hinter wie vielen Angriffen auf diese Genres trotzdem vor allem Sexismus und Frauenfeindlichkeit stehen:

Band 1 von „Heartstopper“ ist wie ein Kessel, in dem alte Klischees noch einmal lauwarm und wässrig blubbern. Charlie ist 14, nervös, scheu, still, und wurde vor einem Jahr unfreiwillig an der Schule als schwul geoutet. Nick ist 16, Rugbyspieler, treu und gutmütig wie ein Klischee-Hund. In Osemans Roman „Solitaire“ sind die zwei seit einem Jahr zusammen und spielen Nebenrollen. Der Comic „Heartstopper“ will auf ca. 1.500 Seiten das Vorjahr erzählen, im gemütlichen, herzerwärmenden Tonfall wohlig-kuscheliger „Cozy“- und „Cottagecore“-Romantik.

Ein recht ähnliches Jugendbuch über das Coming-Out eines soften und angepassten Schülers, „Love, Simon“ (2015, verfilmt 2018) stand vereinzelt in der Kritik, weil hier keine „Own Voices“-Stimme authentisch Literatur schöpfte aus der eigenen, gelebten Queerness, sondern – warf man Autorin Becky Albertalli vor – wohl eine Hetero-Autorin für ein Hetero-Publikum unpolitische Wohlfühl-Schwule in einem Wohlfühl-Tonfall inszenierte. Erst Jahre später sprach Albertalli darüber, dass sie beim Schreiben ihrer queeren Romane die eigene Queerness entdeckte.

Alice Oseman ist genderqueer: „Sie“ und „Autorin“ ist treffend, doch auch das englische Pronomen „they“. Osemans Roman „Loveless“ (im Februar 2022 auf Deutsch) über Georgia, die asexuell und aromantisch ist, hat autobiografische Momente. Auch Nebenfiguren in „Heartstopper“ sind queer, trans – und alle Gruppen- und Freundeskreis-Szenen machen überdeutlich, wie respektvoll und bemüht hier Vielfalt gefeiert, aber auch erklärt und didaktisch vermittelt werden soll.

Trotzdem bleibt eine Grundstimmung wie in z.B. Hanya Yanagiharas Kitsch- und Trauma-Bestseller „Ein wenig Leben“. Ein Buch, das platt herzensgute queere Männer ins unverdiente Unglück stieß. Charlie entschuldigt sich reflexhaft und zunehmend verzweifelt, und was sich in Band 3 von „Heartstopper“ noch liest wie ein Lern-Comic („Wie respektiert man die Grenzen eines scheuen, introvertierten Teenagers?“) wird bald konkreter, psychologischer: Alice Oseman erklärt Therapieformen und selbstverletzendes Verhalten, und will ein junges Publikum ermutigen, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen.

Das macht den Comic trotz der Klischees, Flachheiten und des schludrigen Starts zunehmend lesenswerter, dringlicher. Gesehen, empowert, gestärkt aber fühle ich mich als bisexueller Leser nicht: Ein Bubi wie ein scheues Kätzchen. Ein Sportler wie ein treuer Hund. Zwei queere Jugendliche, an denen politisch und weltanschaulich fast gar nichts queer, provokant oder wütend ist. „Heartstopper“ ist eine muffige Flickendecke, die mich nicht wärmt – und die ich mit 14 nur hätte fortstoßen und zerreißen wollen. Wie brav, wie weich darf etwas sein – bevor es automatisch reaktionär wird?

Alice Oseman: „Heartstopper. Band 1: Boy trifft Boy“

aus dem Englischen von Vanessa Walder

Loewe, 288 Seiten, 15 EUR.

Das „Heartstopper“-Paar ist ganz rechts. In der Mitte: die schwulen „Young Avengers“-Figuren Hulkling und Wiccan; links: Mikey aus „Disneys Große Pause“ und Supermans Sohn Jonathan Kent

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1) Nick und Charlie – das sind zwei Jugendliche auf einer Oberschule bei London.

Ja – das sind Allerwelts-Figuren; weiß, Mittelschicht, ganz freundliche, angepasste, normative Boys next Door. Auch ganz vereinfacht gezeichnet, in Schwarzweiß. Charlie ist 14 und Schlagzeuger. Vor einem Jahr hat er einem Kumpel anvertraut, dass er schwul ist – der Kumpel wiederholt das etwas zu laut auf dem Schulflur, und für ne Weile wird Charlie gemobbt. Nick ist 16, ein Rugby-Spieler, die zwei sind in der selben Lerngruppe, und weil Nick so gern Zeit mit Charlie verbringt, kapiert Nick: Auch gut – dann bin ich bisexuell. „Heartstopper“ zeigt dann auf 1200 Seiten bisher ein Jahr der Beziehung. Erzählt nach… allen klischeehaften 08/15-Regeln.

2) Das klingt jetzt nicht besonders.

Na ja: Geschichten über Liebe gibt es viele. Doch die Romanzen aus dem Genre „Romance“ – also: die kommerziellen Love Stories – haben oft klare Formeln. in „Heartstopper“ kommt GANZ viel zusammen, das immens erfolgreich, erprobt und erwartbar ist: wir haben zwei angepasste, freundliche Bubis. Charlie wie ein nervöses Kätzchen. Nick ist der Ruhepol – treu wie ein Golden Retriever. in ganz kurzen Kapiteln ist die Pointe, der Effekt IMMER, dass wir rufen: „Hach. Die zwei. Wie lieb die wieder sind!“ Spaziergänge, Herbstlaub, Kuschelpullis, Nick hat zwei putzige Hunde. ich denke an „Gilmore Girls“, Wohlfühl-Tage in der Provinz, „Cottagecore“ ist der Name dafür. das ist die Atmosphäre.

und der Aufbau, den kenne ich aus Fanfiction – dein Schwarm streift deinen Handrücken, und du zitterst dreieinhalb Kapitel vor Wonne. japanische „Boys love“-Mangas lieben das: Geschichten über Schul-Jungs, die zelebrieren, wie du vor Begehren zerfressen wirst, und DANN zelebrieren, wie sich dieses Begehren erfüllt. oft ist das schmierig. und obwohl das Strickmuster meist von Frauen ist und von Frauen gekauft und gehypt wird, finde ich es oft frauenfeindlich.

3) Frauenfeindlich, weil solche schwulen Geschichten auf Frauen verzichten?

So halb: Mit 14 oder 16 rauszufinden „Wie bin ich ein Mann, wie bin ich maskulin?“, das ist schwer – und wir BRAUCHEN mehr Kunst, in der Figuren damit hadern. doch ich glaube, „Weiblichkeit“ ist nochmal was, bei dem man VIEL schneller irritieren kann: es gibt KEINE Art, eine junge Frau zu sein – also: Weiblichkeit zu zeigen, zu leben, zu performen – bei der Leute nicht sagen: „Das ist eine Tussi.“ oder „Jetzt ist sie aber zu stark“ und dann gleich wieder „JETZT ist sie schwach. Stell dich nicht so an!“

männliche Normalo-Figuren in schwulen Liebesgeschichten, diese Allerwelts-Leute: DIE dürfen sich „anstellen“, 1000 Seiten lang, denn wir sind SO frauenfeindlich als Gesellschaft – mit diesen Jungs haben wir viel mehr Geduld. die nerven uns nicht so schnell. die dürfen auch weinen und klammern; und wenn die verletzt sind, werden sie oft bemuttert und fetischiert: schwule Bestseller-Romanzen sind zu oft wie ein Spielplatz, eine Projektionsfläche für Leute, die keine Frauen mögen. und darum war ich bei „Heartstopper“, auf diesen ersten 280 Seiten, Band 1, fast NUR wütend.

4) Alice Oseman ist kein schwuler Mann – ist das Ihr Problem oder Ihr Vorwurf an den Comic?

Alice Oseman ist genderqueer… und sie ist aromantisch und asexuell: im Februar kommt auf Deutsch ihr Roman „Loveless“, über Georgia, der Sex und Romantik nichts geben. ich sage niemanden: du, sind deine Hauptfiguren queer, dann musst DU auf genau die selbe Art und Weise authentisch queer sein, sonst glaube ich dir deine Geschichte nicht. aber: ich war nie groß von Armut betroffen: vielleicht kann ich ne Teenie-Liebesgeschichte über arme Figuren schreiben. an manchen Stellen sagen meine Figuren dann: „DAS passiert mir, weil ich arm bin“ und an anderen „HIER spielt mein Armsein keine Rolle“ – doch ich weiß: ich läge da SO OFT daneben. und Alice Oseman liegt, finde ich als bisexueller Mann – für mich grotesk daneben: Wut, Abgrenzung, die Politisierung queerer Leute? das Bewusstsein mit 12, 14, 16: „HIER gehöre ich nicht dazu – und was bedeutet das, diese gesellschaftliche Abwertung, für den Rest meines Lebens in dieser Gesellschaft?“ dazu hat „Heartstopper“ nichts, finde ich, zu sagen. außer halt: seid alle nett zueinander. jeder ist gleich viel wert.

5) Trotzdem sagen Sie, der Comic sei „pädagogisch“.

ja – weil nach diesem lustlosen, anfängerigem Band 1 wird der Fokus enger, seichter – aber: didaktischer. man lernt rücksichtsvolle Kommunikation. es wird ein plakativer – aber recht guter! – sehr schematischer Lern-Comic: Nick und Charlie müssen in vielen kurzen Kapiteln immer neu ausloten, WAS man jetzt am besten sagt. sie geben sich Raum. lassen sich Zeit. respektieren Grenzen. es geht um Einvernehmen, Nachfragen – und die Zeichnungen werden besser: so ab Band 3 finde ich, ist das ein professioneller Comic.

6) Wenn dieser Comic so seicht beginnt… woher kommt dann die Tiefe, später?

Ich verrate eine Wendung, Achtung: Charlie hat eine Essstörung und verletzt sich selbst – in Band 4 wird plakativ, aber hilfreich gezeigt: was ist eine stationäre Therapie? was kannst du tun, als Freund? was müssen Profis übernehmen? ich sage nicht: „Ah, es wird tiefgründig, denn der Schwule hat ein Trauma“ – ich finde, der Bestseller „Ein wenig Leben“ ist so: Kitsch und Trauma und leidende, perfekte Schwule. oft geht sowas ins Auge. am Comic ist toll, wie sehr er später auf simple, primitive Lern-Kapitel setzt: „Was hilft nervösen und verunsicherten Leuten?“ ich finde das lieb und wichtig. jeder ab 12 nimmt da was mit!

nur keiner sollte „Heartstopper“ kaufen und sagen: „Jetzt verstehe ich queere Teenager ein Stück besser.“ ich verstehe da nur besser, was man, wenn man VIEL Geld verdienen will, für Romantik- und für Schnulzen-Fans hinwerfen muss, damit diese Fans rufen: „Oh, meine allerliebsten kleinen harmlosen kostbaren Normalo-Mäuse-Jungs.“ und ich hoffe sehr, es gibt keinen einzigen queeren 14jährigen, der glaubt, DIESE Rolle erfüllen zu müssen, um Wertschätzung und Applaus zu kriegen. denn: wie bedrohlich findest du queere Menschen – wenn dir SO wichtig ist, zu loben und zu feiern, wie HARMLOS manche queere Menschen sein können? Kuck mal, wie lieb die sind. Kuck mal, wie gut die rein passen!

die Moral hier ist: „Schwule, die ALLES tun, um niemanden zu stören, die sollten echt: niemanden mehr stören.“ das macht mir keinen Mut.

Till Lukat: „Kondensstreifen im Kopf“ (Coming-of-Age-Comic)

Am 23. August 2021 durfte ich bei Deutschlandfunk Kultur Till Lukats Comic „Kondenssteifen im Kopf“ vorstellen:

Gespräch mit mir: 5 Minuten, Audio (Link)

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Hulk Hogan klaut mir meine Freundin!

Till Lukats süß-bitterer Erinnerungs-Comic „Kondensstreifen im Kopf“

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Peter fällt mehrmals durch die Fahrprüfung. Zuletzt, weil er für einen Waschbären bremst, der auf die Fahrspur tapst. Der Fahrlehrer und die Prüferin wollen nichts gesehen haben: Sind Waschbären nicht nachtaktiv? Aus Wut schlägt Peter die Türscheibe eines Wohnblocks ein. „Kondensstreifen im Kopf“ ist das Gefühl, dass jede Tat und jeder Erklärungsversuch die Lage oft nur schlimmer machen. Achtzehn zu sein, doch noch fast nichts am eigenen Leben ändern zu können, ist schwer.

Autor und Zeichner/Illustrator Till Lukat studierte in Berlin und lebt auf einem Boot in Bristol. Er hat, wie seine Figur Peter, rotblondes langes Haar und war 2008, im Handlungsjahr des Comics, selbst um die 18. Auf Instagram und einer sehenswerten Website zeigt Lukat viele oft farbenfrohe, schwungvolle Kurz-Comics und Arbeitsproben. „Kondensstreifen im Kopf“ dagegen startet zerquält. Und, optisch: überraschend hässlich!

Der Fahrlehrer – manchmal fast Mentor, fast Verbündeter – blickt auf fast jedem Bild, als säße er gerade auf dem Klo und presst. Peters Mutter wirkt humorlos, streng, redet ins Leere, und Peters Vater bezahlt das Aktmodell Frau Machiewsky – für erfolglose abstrakte Gemälde? Oder doch nur, um sie fotografieren und anstarren zu dürfen? Kiana, Peters Klassenkameradin, nutzt einen Rollstuhl – und ihr Gesicht, während sie den Flugzeugen beim Abheben zusieht, scheint zu sagen: „Warum lebe ich in einer freudlosen Stadt? Und… in einem freudlosen, tristen Comic?!“

Durch den ruppigen Zeichenstil, Lukats Mut zur Hässlichkeit, ist lange nicht klar, ob „Kondensstreifen im Kopf“ sich über Teenager-Pleiten und Unbeholfenheit lustig machen will. Ob alles auf eine große Katastrophe zusteuert. Oder, ob hier wärmer, psychologisch erzählt wird – Empathie für gehemmte, frustrierte Pennäler im Jahr 2008, bei denen sogar die Sex-Tagträume so schief laufen, dass plötzlich Wrestler Hulk Hogan auftaucht, die Freundin fesselt und prahlt: „Du bist mir direkt in die Falle getappt!“ 

„Kondensstreifen im Kopf“ zeigt bekannte Stimmungen, Milieus und Archetypen in bekannten (und eben: hässlichen!) Bildern – und hält den Ball recht flach. Lukats Blick- oder „Kameraführung“ von Panel zu Panel ist elegant und klug, doch die Gesichter, Fratzen erinnern an 90er-Satiren wie „Beavis & Butt-Head“ oder „King of the Hill“, und aus blassen Jungs, die seitenlang tatenlos in Autos sitzen, holten zuletzt z.B. Martin Panchauds Comic-Groteske „Die Farbe der Dinge“ oder Joff Winterharts grandiose Comic-Dramedy „Driving Short Distances“ viel mehr heraus: „Kondensstreifen im Kopf“ versucht, genau wie Hauptfigur Peter selbst, keine großen, ambitionierten Würfe.

Ein großes Plus aber hat Lukats Comic im Vergleich: Mit 14, 16, vielleicht 18 noch hätte mich die überraschend menschliche, fein austarierte Geschichte – ganz ohne schnelle Lösungen, falsche Nostalgie oder Knalleffekte – lange beschäftigt: „Kondensstreifen im Kopf“ nimmt introvertierte Figuren und die Zwickmühlen, in die sie sich drucksen und hineinstammeln, wunderbar ernst. So hämisch die Gesichter der Figuren auch gezeichnet sind: Lukats hat keinen hämischen Blick. Sondern, zeigt sich gegen Ende der kurzen Geschichte, vor allem Wärme und Empathie. Gern mehr von diesen kleinen, großen Momenten!

Till Lukat: „Kondensstreifen im Kopf“
avant-verlag, Berlin
August 2021
152 Seiten, 25 Euro

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meine Notizen vor der Sendung:

Peter ist 18, geht noch zur Schule – und fällt immer wieder durch die Fahrprüfung. Zum Beispiel, weil ein Waschbär auf die Straße huscht – und Peter eine Vollbremsung macht. Doch Waschbären sind nachtaktiv – also denken alle, Peter sucht nur eine Ausrede.

Von solchem Alltags- und Coming-of-Age-Frust handelt „Kondensstreifen im Kopf“ – der erste längere Comic von Autor Till Lukat.

„Kondensstreifen im Kopf“ – das klingt wie „Honig im Kopf“, der Film über Alzheimer. Hat Peter ein besonderes psychologisches oder neurologisches Problem?

Nein – „Kondensstreifen im Kopf“ ist eine Alltagsgeschichte, schnell weg-gelesen. Es geht drum, eine Stimmung festzuhalten – die, glaube ich, auch jeder in dem Alter gut kennt: Soll man sich erklären? Soll man laut werden? Soll man dem Mädchen, mit dem man knutscht, durch die halbe Stadt hinterherrennen und rufen „Hey – gehst du mir grade aus dem Weg?“ Peter Hartmann hat längeres Haar, wie ein etwas ranziger Vorhang. Schlechte Haltung. Er kriegt den Mund nicht auf – und sagt er doch mal was, wird alles immer nur schlimmer. Also liegt er daheim rum, raucht, trinkt Eistee aus dem Tetra-Pak und kuckt Wrestling-Sendungen. Außerdem gibts einen Flughafen in seiner Stadt, und zusammen mit einer Schulkameradin, Kiana, schaut er gern wehmütig den Fliegern nach.

Was sticht hervor – die Zeichnungen oder die Erzählung?

Ich fand die Zeichnungen erstmal superhässlich: schwarzweiß mit rötlichen Schattierungen, Häuser und Tristesse in einem klaren, doch ziemlich langweiligen 08/15-Stil – und mittendrin Figuren, ganz oft mit verkniffenen Gesichtern, oder nem Mund, der sich beim Schimpfen oder Knutschen oder… beim Fressen, muss man sagen, besonders hässlich verzieht: ich denke an Figuren wie Beavis & Butt-Head manchmal, „King of the Hill“, diese… „dreckigen“ 90er-Jahre-Grunge-Fratzen. Der Comic spielt 2008 – doch könnte auch zehn Jahre vorher spielen, vielleicht 20 sogar: eine muffige, enge Welt, erzählt in sehr konventionellen Bildern. Till Lukat hat eine tolle Website mit vielen Arbeitsproben, einen Instagram-Kanal, er *kann* auch viel freundlicher, bunter, illustrativer. „Kondensstreifen im Kopf“, das SOLL so hässlich und beklemmend sein, und was er drauf hat – beim Erzählen in Bildern – sehe ich im Comic an der Bildführung, den „Kamerafahrten“ von Bild zu Bild: das ist schon sehr gekonnt. Nur halt: trist. Bewusst trist!

Ist das für Jugendliche heute – oder doch vor allem für nostalgische Jungs, die 2008 schon 18 waren?

Till Lukat war, glaube ich, 2008 selbst um die 18, und hat ne ganz ähnliche Frisur wie sein Held. Doch so „old school“ und gestrig ich die Figuren und den Ton und die Bilder erstmal finde – als Erwachsener oder mit einer Nostalgie-Brille kann ich dem Comic gar nicht so viel abgewinnen: Man kennt solchen Blick auf solche Figuren (z.B. aus dem 90er-Film „Willkommen im Tollhaus): Das ist kein innovativer Comic. Doch mit 14, 16 kommt einem Peter, glaube ich, sehr nah. Weil dieser Comic halt doch, unter all seiner Gestrigkeit, was Neues macht: Sehr genau eigentlich immer wieder die genau selbe Situation erzählen.

Die Situation: Die Figur ist passiv, und nichts geht voran?

Ich finde hier präzise und packend, wie schnell man versteht: Wenn Peter jetzt was MACHT, sich erklärt, laut wird, handelt… wirds vielleicht nur schlimmer. Und wenn er nichts tut… vielleicht auch. Ich glaube, viele Coming-of-Age-Geschichten zeigen dieses Problem: „Soll ich mich öffnen, soll ich was sagen, soll ich lauter werden? Oder ziehe ich mich raus, muss ich mich schützen?“ …doch sie haben oft eine klare Seite: „Sag was, sonst geht alles kaputt“ oder „Du hast dich überschätzt, und jetzt bricht alles zusammen“… und… ich las „Kondensstreifen im Kopf“ in der Erwartung, dass es auf eine große Befreiung hinausläuft… oder auf irgend eine läppische, tragikomische Katastrophe. Beides wäre typisch, und typisch seicht: Peters gesammelte Katastrophen. Doch am Ende – ich verrate keine Details – war ich einfach sehr glücklich, wie ernst der Comic die… Unlösbarkeit solcher Pubertätsprobleme nimmt. Die Figuren sehen aus wie Witzfiguren – doch sie sinds nicht. Mit 14 hätte ich es geliebt.

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„FutureLovers“: erstes queeres Festival am Schauspiel Dortmund

für Deutschlandfunk Kultur besuchte ich das (digitale) „FutureLovers“-Festival am Schauspiel Dortmund.

Gespräch mit mir, im DLF-Magazin „Kompressor“, 29. Juni 2021:

Link (Audio, 8 Minuten)

Queer-Festival „FutureLovers“
Mehr Bühnen, Geld, Respekt für LGBT+

Vier Tage und gut 20 Programmpunkte – noch mindestens vier Wochen als Video gratis abrufbar: „FutureLovers“, das erste queere Festival am Schauspiel Dortmund, fand fürs Publikum vor allem online statt: im Theater-Blog.

Besonders die drei großen künstlerischen Beiträge überzeugen: Im Spielfilm „Futur Drei“ lernt Parvis, dessen iranische Eltern einen Edeka-Markt in Hildesheim führen, bei Sozialstunden mit Geflüchteten ein Geschwisterpaar aus dem Iran kennen. Im autofiktionalen Ein-Personen-Musical „Mwinda“ erzählt und singt Belendwja Peter bombastisch orchestriert und mit viel Witz, Trotz, Pathos von einer nicht-binären Schwarzen Person aus London, die wegen Armut und Behinderung obdachlos wird, Sexarbeit macht und später auch im Ruhrgebiet auf Ausgrenzung und Rassismen trifft.

Die Ballroom-Kultur, in der sich queere Menschen (oft: trans Frauen) of Color bei Laufsteg-, Tanz-, Posier-, Kostüm-Wettbewerben feiern und bestärken, kennen mittlerweile auch viele Deutsche durch die Netflix-Serie „Pose“ oder die Doku „Paris is burning“. Ein „Mini-Ballroom“ ohne Publikum auf der Hinterbühne des Schauspiel Dortmund zeigt zehn Kandidat*innen, drei Jury-Mitglieder, eine Ansage- und eine moderierende Person und wirkt anfangs etwas luftleer, nervös und simuliert. Doch in der zweiten Hälfte (und im tollen Begleit-Gespräch, das die Ballroom-Kultur ein wenig erklärt und kontextualisiert) wird viel klarer, wie widerständig, respektvoll, bitter nötig solche Shows und Rituale ums Vorzeigen, Gesehenwerden und Feiern von Körpern sind, die sich Geschlechts-Klischees und Zuschreibungen entziehen.

Georgina Leo Saint Laurent nennt sich „die Pionierin von Ballroom in Deutschland“ – doch macht erfrischend deutlich, dass man als Zaungast und Beobachter der Ballroom-Szene in New York vor allem lernt, noch mehr zu lernen, zuzuhören, sich über Traditionen und antirassistische Arbeit zu bilden. „Teil davon ist, dass der Lernprozess unangenehm ist. Ich habe nur gelernt, weil ich in super-vielen unangenehmen Situationen war und erkannte: Wow – du bist einfach nur ignorant gerade. Step up your game!“

„Ich finde, Ballroom ist eine Kultur, die beschützt werden muss – und sie ist nunmal nicht für jeden Menschen“, sagt Ria Saint Laurent, Tänzerin und trans Frau: „Man muss hinter dieser Kultur stehen. Man kann sich aus dieser Kultur nicht Dinge aussuchen – dies mag ich, das mag ich nicht. Du nimmst alles daran. Das heißt: auch den Aktivismus! Hinter trans Menschen zu stehen. In Medien trans Menschen Platz zu geben. Schwule cis Männer sind nicht die einzige Repräsentanz. Die LGBT+-Bewegung repräsentieren? Ballroom repräsentieren? Trans Menschen fingen diese Bewegungen an, und es wird jetzt langsam Zeit, dass sie im Fokus stehen!“

Als recht zugängliches, inklusives und barrierearmes Festival sammelt und zeigt „FutureLovers“ queere Stimmen – doch fragt sie überraschend wenig nach Queerness und Erfahrungen. Es geht kaum um Personen, die Dinge erlebten (etwa als queere und/oder behinderte und/oder rassifizierte Person) und jetzt das Anliegen haben Schmerz, Trauma, Verletzungen (oder Triumphe!) an ein Publikum zu tragen: in Kunst oder im persönlichen Bericht.

Stattdessen sprechen viele Eingeladene über Macht und Machtlosigkeit in ihren Rollen als Schnittpunkt oder Vermittelnde: Wer eine queere Literaturzeitschrift führt oder ein queeres Jugendprojekt, wer sich für Inklusion am Theater einsetzt, Workshops gibt oder mit Kunst einen recht normativen, feindlichen Raum betritt, berichtet bei „FutureLovers“ weniger vom eigenen Queersein und queeren Lebenswelten, als vor allem von Hürden, Vermittlung und Institutionen. Allen fehlt Wertschätzung, Respekt, Geld und nachhaltige Strukturen.

Eine sehenswerte Paneldiskussion, „Kunst als Praxis der Selbstermächtigung“, kippt überraschend in ein sehr feinteiliges Gespräch über die Unterschiede zwischen brasilianischen und deutschen Kunsthochschulen. Tänzer:in Black Pearl hört an deutschen Instituten viel „Beherrsche die Technik, bevor du dich auf Bühnen ausdrückst!“, während in Südamerika klar scheint: Alle haben etwas zu sagen und dürfen sich künstlerisch ausdrücken – Handwerk und Technik sind Mittel zum Zweck, an denen man unterwegs arbeitet. Keine Grund-Hürde oder -Bedingung!

Markant ist auch der künstlerische Monolog, mit dem  Shivā Āmiri das Panel „Theater als (Verun-)Möglichkeitsraum“ beschließt: „Ich komme rein und stelle aus: meine Kunst, meinen Schweiß, mein Ich, mich. Ich komme rein und falle auf: schräge Blicke, Fragezeichen, weiße Finger auf meinen Sachen. Alle starren. Kein Hallo. […] Es wird geredet und gewertet, verallgemeinert, diskutiert – nur unreflektiert. […] Weißsein füllt den Raum. Ich zitiere, argumentiere, diskutiere. Ich benenne. Unerhört!“

Fast alle Veranstaltungen des „FutureLovers“ sind noch bis mindestens Ende Juli im Blog des Schauspiel Dortmund zu sehen, als Video, meist mit Übersetzung in deutsche Gebärdensprache:

https://blog.schauspieldortmund.de/queer-festival/queer-festival/


„Das Schauspiel Dortmund“, sagt Intendantin Julia Wissert, „begreift sich als Ort, der unsichtbar gemachte Geschichten sichtbar und hörbar macht.“ Vier Tage – bis gestern – geschah das online: beim ersten queeren Festival am Schauspiel Dotmund, unter dem Motto „FutureLovers. The future is queer“.

1) „Unsichtbar gemachte Geschichten“ – wessen Geschichten sind sichtbar, im/auf dem digitalen Festival?

Es gibt drei große künstlerische Beiträge. Einen gabs nur per Voranmeldung, den kann man nicht nachholen: Den sehenswerten Spielfilm „Futur Drei“ über einen jungen queeren Deutsch-Iraner in Hildesheim. (kann man sich aber überall für 4 Euro ausleihen, digital).

Alles andere ist noch bis mindestens Ende Juli gratis online zu sehen: Ich mochte „Mwinda“ – ein autofiktionales Ein-Personen-Musical von Belendjwa Peter. Peter kommt aus Großbritannien, ist Schwarz, nichtbinär, neurodivers und studiert Musical an der Folkwang-Uni Essen. Peter fiel auf, dass Musicals oft diese Boy-meets-Girl Geschichten erzählen für ein weißes Publikum – bei Peter geht es um ne nichtbinäre Person, die keinen Job findet wegen ner Behinderung (also: Neurodiversität), vom Vater vor die Tür gesetzt wird und obdachloch zum Sexarbeitenden wird. das als… einstündige Performance, bombastisch orchestriert, witzig, intensiv, toll gespielt.

2) …und dann gab es noch einen dritten großen Programmpunkt: eine „Mini-Ballroom-Performance“ auf der Hinterbühne des Schauspielhaus.

Man kennt das mittlerweile vielleicht aus der Netflix-Serie „Pose“ oder aus der Doku „Paris is Burning“: seit den 60er Jahren haben rassifizierte queere Menschen, oft trans Menschen, sich in „Familien“ oder „Houses“ organisiert und dann diese Tanz-, Posier- und Laufsteg-Wettbewerbe abgehalten, die Balls. Ein echtes House hier aus Deutschland, das frühere House of Melody, heute Iconic House of St. Laurent und ein zweites House… oder ein Ableger-House, das habe ich nicht ganz verstanden, das Kiki House of Solar – diese beiden Gruppen, jeweils fünf Personen, messen sich in verschiedenen Kategorien: Wer läuft wie auf einem Laufsteg? Wer setzt sein oder ihr oder einfach DAS Gesicht in Szene? Wie wird ein Körper vorgezeigt und inszeniert, alles vor einer Dreier-Jury – aber ohne die toxischen Witze oder die Frauenfeindlichkeit, die ich z.B. von schwulen Clubs oder von Drag Shows kenne: Es geht darum, Körper zu feiern, Mode zu feiern, nicht-normative Inszenierungen von Geschlecht zu feiern, von und, glaube ich, auch vor allem FÜR Menschen of Color.

3) …unter Corona-Bedingungen, auf einer Dortmunder Hinterbühne?

Das ist eine kleine Gruppe, alle sind getestet, ich glaube, die Atmosphäre hat SEHR wenig mit einem echten Ballroom-Ball zu tun. Doch Crystal – die Person die moderiert – und Cosmo – die Person, die ansagt – und die Tanzenden haben so ne Energie: in der zweiten Hälfte dachte ich echt mehrmals „Was für ein Privileg, das ansehen zu dürfen.“ was ich Futur Drei (dem Film) am Musical UND an dieser Ballroom-Performance mochte, ist, dass es digitale Nachgespräche (oder Vorgespräche, wie man will) gab und diese Gespräche klar machen: Du – der nicht in dieser Kultur ist – wirst nicht alles verstehen, KANNST gar nicht alles verstehen: aber es ist ein Zeichen von Respekt, da zuzuhören und dich zu informieren.

4) Drumherum im Programm gab es viele Gespräche: Diskussions-Panels oder Interviews…?

…die man auch alle online nachholen kann. Ich fand ein Gespräch sehr gut, „Kunst als Praxis der Selbstermächtigung“. Da hat Black Pearl, eine Schwarze trans Frau aus Brasilien, drüber geredet, dass in Brasilien klar ist: Drück dich aus, auch durch Tanz – und dann such dir nen Mentor, ne Mentorin, und lern noch die Technik. Und wie im deutschen Hochschulwesen die Grundidee immer zu sein scheint: „Du kannst die Technik noch nicht perfekt – na DANN kannst du dich auch nicht ausdrücken, künstlerisch interessant.“ Ich fand auch alle anderen Panels sehr gut besetzt – aber eher… zerquält, inhaltlich.

5) „Zerquält“ – klingt jetzt aber nicht… empowernd.

Es kommt drauf an. Ich liebe das Festival dafür, dass es wirklich versucht, möglichst viel und möglichst divers abzubilden – alles wird in deutsche Gebärdensprache gedolmetscht, Behinderung wird oft mitgedacht, bei fast jeder Person, die da sprach, dachte ich: Es ist einfach ein… Geschenk dir zuhören zu dürfen. Es fehlt trotzdem wieder viel: Asexualität und Aromantik kamen, glaube ich, überhaupt nicht vor. Über Intersex gabs… zweidrei Sätze. Ich bin keine… Diversity-Polizei, die Kompetenz hätte, das abzuklopfen. Mich stört was anderes:

Wenn gesagt wird „Wir machen Geschichten sichtbar“ denke ich als Publikum, als Konsument „Ja super, Geschichten, her damit: Ich will das alles konsumieren!“ und merke dann aber, was das für ein Machtgefälle ist, wenn ich da am Computer sitze, mir diese Schwarzen oder nicht-weißen Körper ansehen kann, zuhören kann, wie Leute von ihren Traumatisierungen erzählen – alles, damit ICH was lerne, mitnehme, damit ICH weiter komme. deshalb verstehe ich auch den Unwillen von vielen Queeren, immer wieder superpersönliche Geschichten zu erzählen über Verletzungen. Fand ich gut: Dass es davon wenig gab.

Was es aber viel gab, dass strukturell gesagt wurde: „Du bist Künstler*in oder du machst Workshops und Angebote, und du kommst an eine Institution.“ Bei ALLEN Leuten, auf die das zutraf, war klar: „Die Institution schmückt sich mit mir. Die Institution ist eigentlich noch nicht bereit für mich, oder gewillt, mir mit dem Geld und dem Respekt zu begegnen, den ich verdiene – und es passieren dann ignorante und entwürdigende Dinge. Das kostet vor allem Kraft.“

Ich finde, es ging auf diesem gesamten Festival viel weniger um Queerness als um diese Kette, diese schlimme Hierarchie. Dass jede Stufe sagt: „Wir geben uns Mühe. Doch die über uns kosten uns NUR Kraft“. Das ist ne… Realität, für marginalisierte Menschen – ich habe da null Grund, das schönzureden oder abzusprechen. Doch das ist die EINE Sache, die ich an 4 Tagen überall mitgenommen habe: Das über dir saugt dich aus – und du AHNST eigentlich: Du selbst bist eine belastende Horrorgeschichte für die Leute unter dir. Für die Leute, die weniger sichtbar sind, und weniger Gehör finden.

Ralf König: „Vervirte Zeiten“ [Comic-Rezension, Deutschlandfunk Kultur]

Am Samstag, 20. Februar, sprach ich bei Deutschlandfunk über Ralf Königs „Konrad und Paul im Lockdown-Alltag“-Comicsammlung „Vervirte Zeiten“:

Audio-Gespräch im Link, 5 Minuten.

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Schwule Liebe im „Cockdown“
Ralf Königs Corona-Comics „Vervirte Zeiten“

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Konrad Stubenburg ist Mitte 60 und gibt Klavierunterricht – ab März 2020 via Webcam. Paul Niemöser, sein etwas jüngerer Partner, ist Autor der Trash- und Fetisch-Romanreihe „Barry Hoden“. Als die Pandemie die Welt des Kölner Paars auf Wohnungsgröße schrumpft, werden Telefonate und Video-Calls immer wichtiger. Und: die täglichen Besuche bei Rewe. Denn der Filialleiter dort ist so behaart und bärtig, dass Paul am liebsten schreien würde: „Setz dich auf mein Gesicht!“

Seit 1980 zeichnet Ralf König Comics – oft alltäglich, liebevoll-satirisch, meist mit schwulen Hauptfiguren, und immer mit Körpern, irgendwo zwischen bewusst lächerlicher Karikatur und genuin sexy „Bären“- und „Beefcake“-Look. Konrad und Paul sind schon seit 1990 Hauptfiguren vieler Strips und Sammelbände; und im März 2020 beschloss König, tägliche 4-Bild-Episoden über den Pandemie-Alltag der beiden zu teilen: auf Facebook und Instagram.

„Ich spitzte gerade die Griffel für den nächsten Rowohlt-Comic“, erklärt König im Vorwort, „in dem es um kontroverse Themen gehen sollte, „wie Political Correctness, gendergerechte Sprache, Querelen in der queeren Szene und verabscheuungswürdige alte weiße Männer.“ Stattdessen erscheinen jetzt fast 200 Momente Konrads und Pauls aus dem Corona-Frühling bis Wintter 2020.

„Vervirte Zeiten“ hat viel Herz und Charme, oft literarische Dialoge (viel punktgenauer, feiner, als zum Treffen der Pointen nötig wäre) und funktioniert als kurzer täglicher Bildwitz ebenso gut wie als längere Geschichte übers Zusammenbleiben eins Paars, bei dem ein Partner immer wieder über seine Lust und Impulskontrolle stolpert: eine glückliche offene Beziehung, doch viele überdrehte Momente über schlechten Webcam-Sex und Macht- und Altersgefälle beim Flirten.

Alle Frauenfiguren bleiben stereotyp – oft Schrullen oder Spielverderberinnen. Eine Figur feiert, dass durch die Corona-Vorschriften immerhin die nervige Mutter fort bleibt. Und Millie, die einzige Frau of Color, will erklären, was übergriffig, gewaltsam und völlig unromantisch daran ist, wenn sie Fotos der Penisse fremder Menschen geschickt bekommt, ungefragt. Paul sagt, ihn machen unerbetene Fotos an. Und Millie wird dann seitenlang zur Heuchlerin oder Schwätzerin, weil sie begeistert durch Pauls Fotoalben voller Dickpics und Selfies stöbert.

Nach jedem Interview, Podcast und Portrait über Ralf König denke ich: „Das ist einer von den Guten.“ (Empfehlung: Sebastian Goddemeiers Text im Berliner Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/die-vielen-coming-outs-des-zeichners-ralf-koenig-die-leute-haben-angst-vor-sex/26925134.html ). Doch seit ein Wandbild mit queeren Figuren, das er 2015 fürs „Rainbow House“ in Brüssel entwarf, 2019 kritisiert wurde (eine Schwarze Figur wirkt wie eine rassistische Karikatur; und eine saloppe Drag Queen wie die transfeindliche Karikatur einer trans Frau), lässt König oft hilflose (oder patzige?) Sätze fallen wie “ Ich nehme in Kauf, wenn sich Leute empören, weil sie etwas sehen oder sehen wollen, was ich gar nicht so gemeint habe. Darauf Rücksicht zu nehmen hieße, den Stift zur Seite zu legen.“

„Vervirte Zeiten“ wirkt spöttisch, aber liebevoll. Besonders frisch, emanzipatorisch, empowernd, feministisch wirkt es auf mich nicht. Wenn die Männer von allen Straßennamen Kölns ausgerechnet die M*hrenstraße erwähnen oder Konrad über „politisches Meinungsgezetere“ im Netz klagt, bin ich skeptisch, ob Ralf König bald Kluges, Frisches, Witziges zu sagen hat über „Political Correctness, gendergerechte Sprache, Querelen in der queeren Szene und verabscheuungswürdige alte weiße Männer.“

Aktuell arbeitet er an einem „Lucky Luke“-Band im König-Stil. In einem Radio-Interview sagte er, dass auch Native Americans vorkommen, und dass er zuckt, wenn sie im Text „Ind*aner“ genannt werden – doch nicht weiß, wie man sie halt sonst nennen soll. Dann frag! Sprich mit Aktivist*innen! Von einem Comic-Künstler, der geschätzt wird, weil er genau hinhört, hinschaut und einige schwule Subkulturen genau beschreiben kann, erwarte ich da mehr.

Ralf König: „Vervirte Zeiten“
192 Seiten, Rowohlt Verlag, Februar 2020. 24 EUR.

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Für Deutschlandfunk-Gespräche schreibe ich vorher einen Leitfaden – mit allen Infos und Vorschlägen, wie der*die Moderatorin fragen, nachhaken, das Gespräch gliedern kann. Manchmal halten wir uns sehr an dieses Skript. Manchmal fast gar nicht. Weil mein Gespräch am Samstag sehr frei war: Hier noch der Leitfaden (…doppelt sich teilweise mit dem Text oben.)

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Ralf König (*1960) wollte einen Comic-Sammelband über Political Correctness schreiben – doch fing dann im März 2020, im Lockdown, an, tägliche Comics auf Facebook und Instagram zu posten, über die Figuren Konrad und Paul, die  – wie er selbst – in Köln leben, als schwules Paar.

Diese täglichen Alltags-Comics (jeweils 4 Panels, mit End-Pointe und gut für sich verständlich; doch mit fortlaufender Handlung) erzählen die Zeit von März 2020 bis November (…einige Epilog-Seiten zeigen noch Weihnachten und Neujahr) und erscheinen jetzt gesammelt als „Vervirte Zeiten“ bei Rowohlt:

Seit 40 Jahren zeichnet Ralf König Comics – oft über den schwulen Alltag seiner Generation. 1994 wurde „Der bewegte Mann“ verfilmt, mit Til Schweiger, und schon seit 1990 gibt es Geschichten über Konrad und Paul, ein schwules Paar – heute in einer gemeinsamen Wohnung, aber einer offenen Beziehung.

Was Konrad und Paul seit Beginn der Pandemie erleben, zeigte Ralf König in kurzen täglichen Comics, geteilt auf Facebook und Instagram. Jetzt erscheinen diese Alltags-Cartoons als Sammelband, „Vervirte Zeiten“.

Sind das Cartoons – kurze Bildwitze – oder eine zusammenhängende Geschichte?

Beides: es sind pro Seite jeweils 4 Bilder – immer kurze Gespräche oder Begegnungen, Telefonate und Video-Calls – und immer mit Pointe und für sich genommen verständlich. ich musste – kein Witz – sehr an die „Garfield“-Cartoons denken. Zum einen, weil Garfield auch oft den beengten Alltag, den Alltagstrott, das Mit- und Gegeneinander im Haus zeigt. Zum anderen, weil Paul – ein Science-Fiction-Autor der „Perry Hoden“-Sex-Romane – so wild auf Sex ist wie… Garfield auf Lasagne. triebgesteuert, phlegmatisch, klein und rundlich… das ist ein ganz ähnlicher Humor wie in den 80ern. 

Aber es ist… sex-positiv und queer.

Es ist *sehr* sex-positiv, salopp und.. deftig, ja: Ich finde auch recht schwer, sprachlich nicht zu vulgär zu werden, weil die Figuren echt auf jeder Seite über z.B. „Schwanzfotos“ sprechen – und ich das nicht hier im Radio verdruckst umschreiben will mit „Freizügige, eindeutige Selfies… im Adamskostüm werden hier verschickt und empfangen“. Nein – es ist schon derb und direkt, und das hat immer noch was Subversives, auch nach 40 Jahren:

Auf Pointe getrimmte Alltags-Szenen über einen sehr, sehr lüsternen 56-Jährigen, der viele Potenzmittel braucht, dauernd Sexdates will, doch sich am Ende dann immer doch mit Skype-Verabredungen begnügt. In einer Szene sagt das Paar auch „Mein Penis hat Cockdown“ (statt „Lockdown“) und mein Verdacht ist, dass das auch der Arbeitstitel fürs Buch war. Sex-positiv ist es also! „Queer“ finde es nicht – sondern wirklich *eine* schwule Welt, *ein* Milieu, in dem z.B. Vielfalt keine große Rolle spielt.

Ist das nicht bei jedem Buch so – besonders, wenn es auf engem Raum spielt, mit wenigen Figuren?

Ich ging recht misstrauisch in die Lektüre, weil ich z.B. die Frauenfiguren sehr abfällig finde: eine humorlose Frau namens „Igitte“, dann Pauls Schwester mit dickem Make-Up und viel ignorantem Gerede, die meint „Ohne meine Kosmetikerin sehe ich aus wie ne Ente“ – dann sagt Paul „Tja, Enten kriegen kein Corona“… Ich musste auch die „Werner“-Comics denken, oder an Walter Moers‘ „Das kleine Arschloch.“ mit 13, 1996, kamen wir uns SO cool vor, wenn wir uns diese „erwachsenen“ Comics gegenseitig zum Geburtstag schenkten, aber…

Im Comics sagt die einzige wichtige recht sympathische Frau, Millie, sie will keine Penisfotos geschickt bekommen. Solche Fotos sind strafbar, und viele Feminist*innen erklären seit Jahren, dass es da um Einschüchterung und Machtgesten geht. das kommt im Comic aber nicht vor – dort sagt Paul nur „Ich druck die Fotos, die man mir schickt, aus und sammle sie in einem Album: willste sehen?“ und Millie sagt begeistert ja.

Aber Sie empfehlen die Lektüre?

Ja. ich fands supercharmant gezeichnet, pointiert geschrieben…

Ich fragte mich nur an vielen Stellen, ob das einfach etwas gestrig ist – oder schon bewusst reaktionär. Das wird sich zeigen, wenn Ralf Königs Sammlung über – oder gegen – Political Correctness erscheint: Er zeichnete 2015 ein Wandbild in Brüssel, mit queeren Figuren, und eine schwarze Frau sieht… aus wie ein rassistisches Klischee (Wulstlippen etc.), eine dreitagebärtige Drag Queen wirkt wie… eine transfeindliche Karikatur einer trans Frau. Ralf König ist einerseits jemand, der dann 2019, als die Kritik kam, sagt „Tja, wenn sie keine Freude an dem Wandbild haben, können sie es auch übermalen.“

Andererseits regen sich die Figuren im Comic über „politisches Meinungsgezetere“ auf, König fühlt sich „belehrt“…

Privat wäre ich, glaube ich, gerne mit ihm befreundet einfach, weil er z.B. in Radiointerviews sehr nett klingt, nie… rechts-trotzig-abfällig. Doch dann sagt er (hier, Link), er zeichnet grade einen Lucky Luke-Comic, und klar kommen dort Western-Figuren vor, die… in Wigwams wohnen. Also: Ind***er. Das Wort schreibt er dann aus, weil: Wie soll man die auch sonst nennen?

Und ich denke: ja, recherchier halt, welche Nation du meinst, und schreib „Apache“ oder „Cheyenne“!

Es kann deshalb gut sein, dass nächstes Jahr ein… Anti-Cancel-Culture- und Anti-Sprachpolizei-Comicmanifest von Ralf König erscheint und er sagt „Zeichenkunst, Comickunst darf KEIN Tabu kennen!“ usw.: Das ist, glaube ich, auch eine Generationenfrage. Queerfeministisch ist „Vervirte Zeiten“ nicht – sondern schon eher: bräsig, altersgeil… ein bisschen denkfaul.