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Schullektüren: gelesen im Unterricht [Empfehlungen & Debatte]

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“Ich hatte immer das Gefühl, dass es zwar einen Schullektürekanon gibt, die Lehrer aber einigermaßen freie Hand hatten, was die konkrete Auswahl des zu lesenden Buches anging. Es musste halt je nach Stufe und Lehrplan eine bestimmte Epoche oder eine bestimmte Gattung sein, aber darüber hinaus schien es keine zwingenden Vorgaben zu geben.

Wie ich jetzt weiß, ist das nicht komplett richtig. Mindestens mit der Einführung des Zentralabiturs gibt es zum Beispiel für NRW Pflichtlektüren für die Oberstufe, in den letzten Jahren war das immer der Faust und irgendwas von Kafka.”

…bloggt Anne Schüßler über Schullektüren (Link):

“Dementsprechend vermute ich immer noch, dass es sowas wie „Pflichtlektüre“ nur in sehr geringem Maße gibt und das meiste in der Hand des einzelnen Lehrers liegt. Davon auszugehen, dass ein Buch allgemein bekannt ist, nur weil man selber es in der Schule gelesen hat, kann also ein Irrweg sein.

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Meine eigenen Schullektüren?

Seit 2008 nutze ich die Buch-Sortier-Website Goodreads (Erklärtext von mir, Link). Ich habe die meisten Bücher meiner Kindheit und Jugend auf virtuelle Bücherregale sortiert und dort bewertet.

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1989 wurde ich eingeschult. Ab Klasse 5 hatte ich Englisch, ab Klasse 7 Latein, in Klasse 9 bis 11 Französisch. Meine Leistungskurse waren Deutsch und Englisch, Wahlkurse Psychologie und Philosophie; ich war in der Theater-AG. Einen Literaturkurs oder Lesekreise gab es nicht. Die Unter- und die Oberstufenbibliothek standen uns offen, wurden aber kaum benutzt: Einmal lieh/stahl ich eine englische Ausgabe von Thomas Wolfes “You can’t go home again” – bis heute einer meiner Lieblingsschriftsteller.

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Facebook-Freundin Selna postete im Juni: “Auf Facebook fragt heute ein Freund, ob wir uns an Schullektüre erinnern, die nicht von weißen Männern geschrieben wurde… und ich denke und denke, aber mir will partout nicht ein einziges Buch aus dem Deutsch- oder Englischunterricht einfallen.”

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rot markierte Bücher fand ich furchtbar, blau markierte großartig.

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(vor-)gelesen, in der Grundschule:

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Unter- und Mittelstufe:

  • Otfried Preußler: “Krabat” [stand für Klasse 6 zur Diskussion, las ich dann aber doch nur privat.]
  • Ralf Isau: “Die Träume des Jonathan Jabbok” [keine Lektüre: nur eine Lesung, in Stuttgart.]
  • Sally Perel: “Ich war Hitlerjunge Salmonon” [keine Lektüre; nur Lesung an der Schule.]
  • Tamora Pierce: “Alanna” [alle 4 Bände; keine Lektüre: ein Klassenkamerad hielt ein Referat in Deutsch.]
  • Stanislaw Lem: “Solaris” [keine Lektüre; lieh mir mein Deutschlehrer in Klasse 9, weil ich SciFi mochte.]
  • Morton Rhue: “Die Welle” [keine Lektüre; Freund F. las es in seiner Klasse und ich lieh es aus.]

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Theater-AG:

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Oberstufe & Abitur:

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Englisch-LK:

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Freundinnen aus meiner Schulzeit sind heute selbst Lehrerinnen. Lektüren, die ich mochte und die sie unterrichten:

neu entdeckt: warmherzig, klug, sehr schultauglich:

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J.G. Ballard: “High-Rise” [Science-Fiction, Dystopie bei WDR 3, Gutenbergs Welt]

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Ein britischer Roman, 42 Jahre alt – der klingt, als sei er frisch geschrieben: „High Rise“ von James Graham Ballard erzählt von drei Männern, gebildet, kultiviert und liberal. Drei Besserbürger, denen Selbstverwirklichung und eigener Stil so wichtig sind, dass sie bei jedem Einkauf und jedem Stück Kultur, mit dem sie sich umgeben, erst fragen: Was sagt das über mich? Wie wohnt der Mensch, zu dem ich werden möchte? Was soll ich essen? Wie muss ich sprechen? Und welche Gesten und Ideen, welche Ängste oder Träume sind unter meinem Niveau – weil ich aufsteigen will?

Die Männer arbeiten als Arzt, Filmemacher und Architekt. Und sie sind Nachbarn, in einem Luxus-Wohnkomplex, 40 Etagen hoch. Der Architekt wohnt auf dem Dach – und blickt herab:

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„Das Gebäude war ein Zeugnis des guten Geschmacks. Der gut gestalteten Küche, formschöner Haushaltsgegenstände, des eleganten und nie protzigen Mobiliars. Doch wenn er die Apartments seiner Nachbarn aufsuchte, fühlte er sich physisch abgestoßen von den Konturen einer preisgekrönten Kaffeekanne und den gut aufeinander abgestimmten Farbgebungen. Er hätte sonstwas für eine vulgäre Nippesfigur auf dem Kaminsims gegeben, für ein weniger als schneeweißes Toilettenbecken, für einen Schimmer der Hoffnung.“

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Alle 2000 Bewohner stammen aus dem selben Milieu. Doch ihre Eigentumswohnungen sind nach Preis gestaffelt: Junge und Kreative wohnen in WGs, ganz unten. Apartments bis zur 30. Etage können sich nur höhere Angestellte leisten: das Bürgertum, das schuftet, um sich und der Familie „die zweitbesten“ Produkte im Leben zu sichern. Ganz oben gibt es kaum noch Kinder: Superreiche und Promis verwöhnen ihre Hunde, und geben dekadente Partys.

„High Rise“ handelt von der Macht der „feinen Unterschiede“. 1975 galt vieles davon noch als dunkle, absurde Satire: Kaum sind die Wohnungen belegt, beginnt ein Klassenkampf. Mehr noch – ein echter Bürgerkrieg!

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„Tatsächlich hatte sich das Hochhaus bereits in die drei klassischen sozialen Gruppen – in Unter-, Mittel- und Oberschicht – aufgeteilt. Die meisten Beschwerden richteten sich jetzt mehr gegen die anderen Bewohner als gegen das Gebäude. Das Versagen der Fahrstühle wurde Leuten aus den oberen und unteren Etagen zur Last gelegt, nicht den Architekten.“

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Luxus, Angst, Kontrollverlust – in den 70er Jahren waren es vor allem Katastrophenfilme wie „Flammendes Inferno“ oder „Westworld“, die in drastischen Bildern zeigten: Alles kann schief gehen. Jede Maschine hat Fehler, jedes System hat Schwachstellen und Spannungen. Moderne Bürger haben so viele Lebenslügen, Wut, Komplexe… daran kann jede Gesellschaft über Nacht zerbrechen.

Heute werden solche Geschichten vor allem als Psycho-Thriller erzählt: Das Unbehagen wächst nur langsam. Aktuelle Bücher, Filme, Serien zeigen zwar gern, wie alles eskaliert. Doch vorher nehmen sie sich viel Zeit, die Bruchstellen, Ursachen, Zusammenhänge zu zeigen. Der Karren fährt zwar gegen die Wand – aber meist in Zeitlupe.

„High-Rise“ dagegen hat das Tempo der 70er Jahre: Erst fallen ein paar Fahrstühle aus. Dann wird ein Hund im Pool ertränkt. Und sofort beginnt ein Häuserkampf mit Kannibalismus und Vergewaltigung, Ritualmorden und sämtlichen Horror- und Barbarei-Klischees. So wird der Roman schon nach dem ersten Drittel… zu freudlosem Trash:

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„Die fünf Obergeschossfahrstühle waren entweder außer Betrieb oder in die oberen Etagen gebracht worden und wurden dort mit blockierten Türen festgehalten. Der Eingang zur Halle im zehnten Stock war mit Tischen und Stühlen versperrt, die man aus der Grundschule geholt und die Treppe hinuntergeworfen hatte.“

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250 Seiten lang steigen drei Männer rauf und runter: anfangs mühelos. Dann tage- und wochenlang. Sie essen Hunde. Sie vergewaltigen und hassen. Auf Englisch klingt das monoton und lapidar. Auf Deutsch dagegen auch sprachlich oft absurd: Denn Übersetzer Michael Koseler baut Schachtelsätze voller Stilblüten. Eine „middle-aged woman“, eine Frau mittleren Alters, wird als „mittelalterliche“ Frau übersetzt. Durch solche Marotten klingen banale Sätze auf Deutsch plötzlich unnötig kompliziert.

„High Rise“ will zeigen, wie leicht ein Miteinander zerbricht, weil jede Schicht die Schuld bei „denen da oben“ oder „denen da unten“ sucht – zu selten aber im System selbst. 1975 – ganz kurz, bevor der Punk London erobert, schwelgt ein zynischer, systemkritischer Roman in… punkiger Zerstörungslust.

Psychologisch aber bleibt das lieblos, seicht und dumm – denn alles eskaliert so schnell, so grell, so langweilig-erwartbar… das Buch misslingt: als Lifestyle-Kritik. Es misslingt als Dystopie. Es misslingt als Psychogramm einer snobistischen Gesellschaft. Und es misslingt als Parabel über Bürgerkriege und abgeschottete Länder, in denen jede Ordnung zerfällt.

Der Autor hat sich einen tollen Handlungsort geschaffen. Und beißend narzisstische, verwöhnte Figuren – die einen Nerv treffen. Heute noch deutlich mehr als damals. „High Rise“ beschreibt ein Unbehagen, Risse und Symptome, die aktuell ständig Thema sind: Abstiegsangst, Elitenhass, Kultursnobismus, Aufstieg um jeden Preis und das Abschotten nach unten.

Deshalb ist „High Rise“ ein wichtiges, an vielen Stellen visionäres Buch. Nur leider: kein gutes, kein kluges, kein lesenswertes. Ein Arzt kann Krankheiten erkennen – und erklären. J.G. Ballard dagegen sieht nur Symptome. Er kann diese Symptome imitieren. Und baut daraus ein grelles, giftiges Horror-Märchen. Doch er versteht nicht viel. Und sagt: fast nichts.

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J.G. Ballard: “High-Rise”. Aus dem britischen Englisch von Michael Koseler. 256 Seiten. Diaphanes, Juni 2016. Original von 1975.

Text: Rezension von mir, für Christian Möllers Literatursendung “Gutenbergs Welt” auf WDR 3.

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Nicholson Baker: “Der Anthologist”, “Das Regenmobil”, “Menschenrauch”

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2005 las ich Nicholson Bakers – eitlen, pompösen, enttäuschend flachen – Holocaust-Roman “Pfeil der Zeit”: Das Leben eines NS-Täters, rückwärts erzählt, beginnend mit seinem Tod in den USA. Ein Buch wie eine Schreibübung: sehr selbstbewusst, gesucht originell… aber mir fehlten Tiefgang und historische Genauigkeit.

Zehn Jahre später las ich drei weitere Bücher von Baker – alle lesenswerter:

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NICHOLSON BAKER, “Das Regenmobil”

“Paul ist Dichter (mäßig erfolgreich) und vermisst seine Exfreundin Roz, die ihn verlassen hat. Um seinem Leben wieder Sinn zu geben und seinen drohenden Fünfdundfünfzigsten zu vergessen, besorgt er sich eine akustische Gitarre und sattelt auf Pop- und, vor allem, Protestsongs um. Er weiß nicht, was ihm mehr zuwider ist: Amerikas Drohnenkrieg oder Roz’ neuer Freund. Während er auf seinem alten Bauernhof in Maine darüber nachdenkt, erheitern allerlei tröstliche Alltagsvergnügen sein schwankendes Gemüt: sein Traum-Rasensprenger, die Saiten seines Eierschneiders, die einen fast perfekten Mollakkord ergeben, einige Experimente mit Tabak…” [Klappentext, gekürzt]

Das Regenmobil

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ein kurzes Essay von mir – zum Buch und seinem Vorgänger “Der Anthologist” (2009):

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Vergiss Amerika!

Literarische Fehlschläge aus den USA – in Deutschland gefeiert und bestaunt: Nicholson Bakers „Das Regenmobil“ ist überflüssig. Und wunderbar.

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Für je eine Stunde halten Quäker eine öffentliche, stille Andacht. Zum Ende darf dann jeder Gast, Besucher laut sprechen und persönliche Erlebnisse teilen. Keine Predigt. Sondern scheinbar nebensächliche Anekdoten und Ideen.

Paul Chowder ist der König solcher Nebensächlichkeiten: ein Phrasendrescher, Wirrkopf und Privatgelehrter über 50. In Nicholson Bakers „Das Regenmobil“ will er unter Quäkern zur Ruhe finden. Doch stattdessen kommt er immer weiter ins Quatschen, Fabulieren, Assoziieren. Der literarische Monolog eines Mannes, der Ruhe sucht – und alles niederquasselt. Als Ich-Erzähler und Podcaster stolpert Paul (Single, Lyriker, Hobbymusiker) fast 300 Seiten lang durch faszinierend flexible Gedanken- und Erinnerungspaläste. Oder verirrt sich im schlimmsten, banalsten Stuss.

„Das Regenmobil“ ist ein Zeitroman, so richtungslos verlabert, träge amorph, dass Kritiker Jörg Magenau darin gar nichts Literarisches mehr finden konnte. Noch 2010 wurde Baker in Deutschland für diesen Erzählstil fast durchgängig gelobt. Damals erschien „Der Anthologist“, Bakers erstes Paul-Chowder-Quasselbuch. Einen Sommer lang saß Paul im Vorgängerroman in der Scheune seines Elternhauses. Er hatte eine Sammlung Lieblingsgedichte kuratiert und sollte ein etwa 40 Seiten langes Vorwort nachliefern – über Sinn und Unsinn von Reimen. Weil er keinen roten Faden fand, sich drückte, zog seine Lebensgefährtin Roz aus. „Der Anthologist“ war sperrig, intelligent. Und wurde aus den falschen Gründen gelobt.

„Ich hab dich tanzen sehen / mehr soll mir nicht geschehn / ich musste gleich ‘n Gummi erstehn’“, reimt Paul im neuen Roman. Die fertige Lyrik-Anthologie bringt ihm genug Tantiemen, um jahrelang zu träumen, E-Gitarre zu lernen und in Quäker-Andachten, Liedtexten, Songwriting zu dilettieren. „Eine Liebeserklärung an die Poesie“ schwärmten deutsche Kritiker und Lyrikfans bei Buch 1 – obwohl Paul erkennbar wirr, Nicholson Baker klar satirisch erzählt. Buch 2, „Das Regenmobil“, steht prima für sich allein: Es ist weniger Fortsetzung als Variation. Derselbe Schwätzer im selben irrwitzig-doof-originellen Stream-of-Halbdurchdachtem. Nur weniger Spannung, Plot, roter Faden.

Seit 25 Jahren spielt Baker in Romanen und Collagen mit Sinn und Unsinn widersprüchlicher Statements – und immer wieder nehmen ihn Kritiker in Sippenhaft für Aussagen seiner Figuren. „Menschenrauch“, das vielleicht beste Baker-Buch, ordnet Statements von Politikern und Autoren von den 20er Jahren bis 1941. In brillant montierten, widersprüchlichen Zitaten zeigte Pazifist Baker, wie es zu Holocaust, Bombenkrieg, Kampf gegen Zivilbevölkerungen kommen konnte. Quer durchs Buch mahnt Pazifist Gandhi zum Frieden, schickt selbstgerechte Briefe an Churchill und Hitler – so tragisch weltfremd, dass man heulen mag. Gandhi ist in Bakers journalistischer Textcollage, für die er kein Wort erfand oder änderte, die fadenscheinigste Stimme, mit den wackligsten Argumenten.

Weil Patrick Bateman in „American Psycho“ Frauen hasst, wurde Autor Bret Easton Ellis als Frauenhasser boykottiert. Weil der Erzähler in Christian Krachts „Imperium“ den Rassentheorien des Kaiserreichs vertraut, wollte Kritiker Georg Diez in Kracht einen Nazi erkennen. Gilt „Der Anthologist“ unter deutschen Kritikern als lesenswert, weil Baker seinen Paul Chowder dort seitenlang für Lyrik schwärmen lässt? Misslingt Teil 2, „Das Regenmobil“, weil Paul dieses Mal lieber seichte Balladen assoziiert? Verdarben, wie deutsche Kritiker schimpfen, weltfremde Gandhi-Zitate „Menschenrauch“?

Statt Ängste und Gefühle klar auszusprechen, strotzt US-Prosa seit ca. „Der Fänger im Roggen“ vor ambivalenten, vage poetischen Erinnerungsbildern und Anekdoten: Viele Szenen enden mit Figuren, die einen kurzen Natur- oder Straßenmoment aus der Erinnerung beschreiben; statt ihre Probleme anzugehen, erinnern Ich-Erzähler, was sie vor fünf, zehn Jahren träumten, aufschnappten, zufällig sahen. Irgendein Tier, das sich seltsam verhielt. Passanten, deren Geschichte sie rätseln ließ.

Solche scheinbar nebensächlichen Anekdoten brauchen keine feste Aussage, klare Bedeutung. Oft stehen sie vage suggestiv im Raum – wie nach der Quäker-Andacht. „Das Regenmobil“ fädelt fast nur solch unbestimmtes, fast beliebiges Gedankenmaterial aneinander. Ob sich das lohnt, entscheidet die persönliche Toleranz für Abschweifungen: Lieber sieben Stunden durch Wikipedia klicken?

„Man kann es nicht alles einbeziehen“, klagt Paul über seine Lust nach Abschweifung. „Man könnte meinen, ich schreibe ein Gedicht, und es wird alles Gute enthalten und auch alles Schlechte und alles dazwischen – es wird Henry Cabot Lodge, Wolken, Auberginen, Chuck Berry und die neue Geschmacksrichtung der Zahnpasta von Tom’s of Maine, Bantamhähne, Tankstellen, aquamaringrüne Vespas und die Übersalzung von Landstraßen enthalten – aber das funktioniert nicht. Ich hab’s versucht.“

Lange dachte ich, „Das Regenmobil“ sei schlampig übersetzt. Doch auch im Original sind Pauls Sätze frustrierend unsauber: Baker rührt hier absichtlich schwammiges Palaver. Zu allem Überfluss erscheinen Nicht-US- Lesern auch noch jene Bausteine poetisch aufgeladen, latent geheimnisvoll, die für US-Bürger Alltag sind: ein Bantamhahn? Quäker? Tom’s of Maine?

Das Fachwort für krankhaftes Alles-zueinander- in-Beziehung-Setzen ist Apophänie. Mit einem ähnlich übereifrigen Alles-hängt-wohl-irgendwie- zusammen-Konzept gewann Frank Witzel 2015 den deutschen Buchpreis. Figuren und vage Bedeutungskonstrukte, die ans Internet erinnern, persönliche Timelines, nicht-lineare Räume, in denen unterschiedlichste Gedanken, Splitter nebeneinander stehen und sich mit neuen Zweit- und Drittbedeutungen aufladen.

Bitte aber hört auf, Baker jedes Mal als „lesenswert!“ zu umjubeln, wenn er jemanden sagen lässt „Lyrik ist lesenswert!“, aber für einen weltfremden Trottel, wenn er ein weltfremdes oder unsympathisches Zitat zitiert. An dummen Aussagen von Bakers Figuren entlarvt sich kein schlechter Schriftsteller.

An der Kritik an “dummen” Baker-Sätzen entlarven sich schlechte Kritiker.

Nicholson Baker: Das Regenmobil. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. 298 Seiten, Rowohlt 2015.

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“Menschenrauch” las und emfahl ich 2015, zusammen mit einer anderen Textmontage über den zweiten Weltkrieg:

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HANS MAGNUS ENZENSBERGER (Hg.), “Europa in Trümmern” (Taschenbuch-Titel: “Europa in Ruinen”), Augenzeugenberichte 1944-1948. Reportage-Reader, Deutschland 1990.

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Europa in Ruinen: Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944 bis 1948Für die Andere Bibliothek sammelte Hans Magnus Enzensberger Reportagen über das Leben in den Städten Europas in der Endphase des zweiten Weltkriegs bis 1948. Literaten, Reporter, Diplomaten berichten (meist aus Ländern, in denen sie nur Besucher sind) über Zerstörung, Wiederaufbau, Unmenschlichkeit und nationale Wunden und Neurosen.

Eine langsame, packende, abwechslungsreiche Textcollage mit Stig Dagerman, Alfred Döblin, Janet Flanner, Max Frisch, Martha Gellhorn, John Gunther, Norman Lewis, A.J. Liebling, Robert Thompson Pell und Edmund Wilson. [Gellhorn, Dagerman und Janet Flanner sind am besten/eindringlichsten.]

Ausführlicher journalistischer Reader – tolle Auswahl, viel gelernt. Aber: ein paar Beiträge sind eitel, effekthascherisch.

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NICHOLSON BAKER, “Human Smoke. The Beginnings of World War II, the End of Civilization”, Textcollage (20er Jahre bis 1941), USA 2008.

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Human Smoke: The Beginnings of World War II, the End of Civilization“Europa in Trümmern” ist literarischer: längere Texte, mehr Raum, um Atmosphären, Stimmung festzuhalten. Doch “Human Smoke” riss mich mit: flüssig, kühn und oft überraschend sammelt Baker Textschnipsel, diplomatische und kulturgeschichtliche Anekdoten, Zitate über die politischen, weltanschaulichen und demagogischen Weichen, die in Deutschland, England, den USA, Japan, Italien, Frankreich etc. zwischen den 20er Jahren und 1941 gestellt wurden: ein Mosaik aus Tagebuch- und Presseschnipseln über den Verfall der Zivilsation, totalen Krieg und Holocaust, Waffenhandel, Brandbomen und nationalen Hass. Ich habe unglaublich viel gelernt – und hätte das 500-Seiten-Buch noch genossen, wäre es dreimal so lang.

Walter Kempowskis WW2-Textcollage “Das Echolot” steht noch ungelesen im Regal: Ich glaube, mir geht es dort zu viel um hilflose kleine Leute und ihre schlichten, kaum politischen Kartoffel-, Tornister- und Bombenkeller-Sorgen. Ich liebe die postmodernen Collageromane von David Markson – doch die Schnipsel sind meist zu kurz, und man braucht zu viele Bildungsbürger-Vorkenntnisse, um Marksons schnelle, oft arrogante Pointen zu verstehen. Bakers Riesen-Textcollage ist die bisher beste Lösung, Mentalitätsgeschichte in Schnipseln zu erzählen: ein Kulturtagebuch der Entmenschlichung. Bittere, faszinierende, oft zynische Häppchen Zeitgeschichte, ideal pointiert, ideal gehaltvoll.

Viele Zusammenhänge, viele Konflikte, die ich zum ersten Mal verstehe. Großer Gewinn, großes, trauriges Lesevergnügen.

Queere Literatur: “Lutra Lutra” (Matthias Hirth, 2016)

Portraitfoto Matthias Hirth: Nemetschek-Stiftung

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Schund und Sühne

Brillant – und pornografisch? Matthias Hirth seziert Begehren und Exzess der 90er Jahre.

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Geld verdirbt den Charakter. Wer konsumiert, verbraucht dabei auch Menschen. Was wird aus Nähe, Sex, Intimität, wenn eitle Player Marktzwänge und -logik ins Private tragen? Vor 20, 25 Jahren, in Satiren wie „American Psycho“, wurden solche Verrohungen klug auserzählt. Heute überrascht Matthias Hirth, geboren 1958, mit einem Nachzüglerroman, wie aus der Zeit gefallen: „Lutra lutra“, das sind 736 ironiefreie Seiten über einen Münchner Schnösel, „Fleck“ Fleckensteiner, Anfang 30, und die skrupellosesten Wochen seines Lebens – den Jahreswechsel 1999/2000.

Ein Buch über Ängste der 80er, den Hedonismus der 90er und einen weltmüden Nichtstuer, der so viel Geld erbt, dass er alle Tage, Nächte einer einzigen Frage widmen kann: „Was würdest du tun, wenn du etwas Böses tun wolltest?“

Flecks Freundin macht Schluss, treibt das gemeinsame Kind ab. Und aus gekränktem Stolz, Langeweile, Abenteuerlust probiert Fleck viele Männer, einige Frauen durch. Flirtet. Quält. Beobachtet sich selbst als Spieler, Kinkster, Lustobjekt. 

„Sein Dasein kommt ihm vor wie eine leere Fläche, in die er nach Belieben Dinge stellen kann, ein Ozean, in dem jeder Weg möglich ist. Ich bin frei, denkt er. Der jetzige Moment hat mit dem vorigen keinerlei Verbindung.“ Ein haltloser, reicher Mann sucht Wege, alles aufzusprengen: Privilegien, sexuelle Rollen, jede materielle oder moralische Abhängigkeit. Ein New-Economy-Klischee?

Drei Jahre lang erforschte Matthias Hirth in einem Think Tank Zukunftsmodelle und Science-Fiction-Utopien, für einen Autohersteller. Flecks Oberstufen-Existenzialismus wirkt dagegen kaum visionär: Warum die vielen Referenzen zu Dostojewskis „Schuld und Sühne“? Der lange Blick zurück ins Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), 1999? Mit ein paar Szenegängern, Strichern schlafen – über viele erste Seiten hinweg scheint weder Autor Hirth noch seiner Figur Fleck Klügeres, Wilderes, Drastischeres einzufallen.

Originell, markant und klug wird „Lutra lutra“ erst durch den Umfang: Hirth gönnt Fleck ein Ensemble zunehmend komplexer Gegner, Reibeflächen. Was ist mit HIV? Wo treffen sich Wegwerf-Sexpartner plötzlich wieder? Wurde Fleck „über Nacht“ schwul – wie ärgerlich viele schlecht geschriebene Figuren: Ignoriert das Buch Bisexualität? Nein. Fleck darf sich lustvoll, klug verrennen. Er findet eine Haltung. Zeit vergeht. Die Stimmung kippt. Er findet eine bessere Haltung. Doch wieder stellt ein wenig Zeit alles in Frage.

Autoren ordnen solche Haltungswechsel oft als Reife- und Lernprozess: In vielen Büchern münden Schlingerpartien in einer großen, finalen Erkenntnis. „Lutra lutra“ dagegen bleibt eine schmerzhaft offene, zunehmend raffinierte Langzeitbelichtung: Hirth nutzt jede Seite, um die romantischen und weltanschaulichen Wenden eines Mannes, der keinen Sinn mehr darin sieht, sich selbst am Marktwert seiner Partner zu messen, klug, rührend, emotional erwachsen immer grundsätzlicher zu hinterfragen.

Die Sprache bleibt schlicht und süffig. Sex darf hier sexy, Liebe lieblich, Verkopftes unglaublich verkopft, alles Obszöne krass obszön klingen. Ein bisschen kunstlos – manchmal auch nur: bollernd pornografisch. Das Psychogramm einer Figur, in Zeiten des Börsen-Booms so relevant wie heute. Überraschend weit gedacht. Und, in vielen Sexszenen: überraschend erregend.

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MATTHIAS HIRTH, “Lutra Lutra” 736 Seiten, Voland & Quist 2016.

“Worin besteht wirkliche Stärke? Wie erreicht Fleck, 32, die Ausstrahlung, die ihn für jede Frau und jeden Mann unwiderstehlich macht? Er kommt zu dem Schluss, dass es für ihn nur einen Weg zu vollkommener Selbstbestimmtheit gibt: mit sämtlichen Regeln der Gesellschaft zu brechen. Hirths Roman zeigt die Verbindung von Sex und Gewalt, Coolness und Terrorismus. Heimlicher Held ist das Jahr 1999, das Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), das Jahr vor dem Zusammenbruch der New Economy und der großen Arbeitslosigkeit – das letzte Jahr der guten alten Zeit.” [Klappentext, gekürzt]

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Lutra lutra

in English: Frank Witzel’s “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969” (German Book Prize 2015, Translation)

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

[“One Manic-Depressive Teenager’s Invention Of The Red Army Fraction [terror group] In The Summer Of 1969”]

Frank Witzel [Link to Wikipedia.org]

Matthes & Seitz, 2015. No English editon yet.

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There are two main ways to access and describe Frank Witzel’s daunting-but-enjoyable, ambitious-but-not-too-complex, autobiographical-but-wildly-freewheeling, conventional-but-INSANE tragicomical 800-page novel about a 13-year old Beatles-loving upper-middle-class Catholic boy stuck in a suburb of provincial Wiesbaden in 1969:

It’s a normal book, to the point of being a little bland: Since publication in early spring of 2015, there has been a steady trickle of benevolent reviews and reader reactions – and most of them praise the book for being a charming coming-of-age novel trying hard to capture typical feelings of alienation and awkwardness. It’s a book about norms. About being normal. About feeling not quite normal. It’s a rather conventional story/theme/autobiographical approach – and it will speak to baby boomers or anyone older than 13. Darker than David Mitchell’s “Black Swan Green”. Lighter than John McGahern’s “The Dark”. Less saccharine than the nostalgic US dramedy “The Wonder Years”; but equally obsessed with name-dropping 1960s topics and pop-culture references. Witzel’s novel treads very familiar, well-covered ground – but that’s not a bad thing: It’s approachable, it’s incredibly well-researched/authentic. The main character resonates.

Over the course of 800 pages, though, all of this will get subverted, parodied, deconstructed through increasingly outlandish tone shifts, perspective shifts, literary experiments and improv. It’s like Frank Witzel took a simple, not-too-complex ditty… and, like a Jazz musician, started one crazy 800-page jam session – until he ran out of steam. After increasingly tedious narrative wheel-spinning, the novel just stops, with little resolution. So: It’s not a normal book. At all.

I will talk about the merits and problems of this later.

Let’s start with the surface – all the ways the book wants to be normal, typical and capture “normal and typical” German middle-class life in the 1960s: The unnamed narrator – in some chapters, it is suggested that his name might be Frank Witzel – is a book-smart, but rather clueless, coddled, devout and daydreaming son of a detached and bourgeois factory owner. He’s in 7th grade, his mother is suffering from a (little-discussed) nervous condition that paralises her legs and so, the Caritas social services send a live-in caretaker – only referred to as die Frau von der Caritas – who might or might not be having an affair with the father, and who might or might not be a GDR spy or GDR defector.

All characters remain blurry like that – because the narrator is making up stories and daydreams, and in 98 chapters, there are 30 to 50 different styles/tones. Many elements that seem outlandish daydreams get a more realistic re-telling in later chapters – and vice versa. Is the father the owner of a small factory… or a mighty industrialist? Is die Frau von der Caritas a spooky seductress…. or just some lonely social worker who has to deal with being antagonized and sexualized to Bond-villainess proportions by a pubescent, creepily misogynist narrator?

It’s not a matter of “truth” versus “daydream” or “delusion”, but a matter of tone and style: In more down-to-earth chapters, the characters are overly typical small-town clichès from the 60s, with typical, mildly comedic struggles and neuroses. In more outlandish chapters, they play biblical, literary or emblematic 1960s roles – crass supervillains and rock stars, terrorists and vixens. These tone shifts aren’t whimsical – they’re disorienting, disturbing and hint at larger psychological problems of the main character: Is he a daydreaming kid and underachiever with mood swings? Or is he full-on delusional?

In chapter 1, the narrator and two classmates – dopey, Ron-like Bernd and competent, Hermione-like Claudia – leave behind a NSU (car) they stole (from whom?) to form a “terror group”/secretive youth club named “Rote Armee Fraktion”. They manage to outrun the police (a dream-like and absurd sequence: a fantasy?), but accidentally leave several novelty gifts/sweets/childish gimmicks in the car’s glove compartment that could get them identified. Through much of the novel, the narrator fears that a) die Frau von der Caritas will rat him out to the police, b) his grades will slip and he’ll be forced into a strict Catholic boarding school (this does actually come to pass in one chapter, after 400 pages – but it’s unclear whether it’s a fantasy sequence or reality), c) that he’ll suffer God’s wrath or that the universe is somehow conspiring against him and he’s deeply broken or ruined.

There is, of course, the real-life terror group “Rote Armee Fraktion” that’s been active in the same year, and in various chapters, it’s very much in flux whether the narrator’s own childish pipe dream of a youth gang, coincidentally named “Rote Armee Fraktion”, predates that group or copies it. There’s also a string of questioning/session transcript chapters throughout the book (all flash-forwards into the 21st century) where an investigator and/or a taunting psychologist wants the main character, now middle-aged, to confess to various RAF crimes and/or confess that his own RAF is imaginary and he himself has delusions of grandeur.

Both religion and music play a huge part in the narrator’s “private mythology”: You don’t have to know much about Catholicism, specific saints and/or the Beatles, Cream and late-60s pop music, though… because most of the references explain themselves through context… but you might remember the overlong, satirical music chapters in “American Psycho”, where Patrick Bateman starts dissecting bands like Genesis or Huey Lewis and the News? Witzel’s main character does the same, and it’s equally satirical/disorienting/weird: Instead of plot development, you can find yourself in some semi-funny, semi-serious 20-page-long side note about hidden meanings in The White Album or pseudotheological essays on whether Jesus and the Beatles have the same attitude towards guilt, sin and redemption. These chapters are very well researched and specific, but they also have a show-off quality that reminds me of the weirder logorrhoeic passages of David Foster Wallace’s “Infinite Jest”. It’s brilliant, it’s joyful, it’s very, very skilful – but it’s going on for 800 pages, and it gets pointless and show-offy too quickly.

This is what most people say about the book, and this is why the reviews are solid, but there are not a lot of huge fans: It’s a charming, playful and, despite some surrealist clutter, authentic coming-of-age novel that rings very true. But why is it 800 pages long? Why does the plot just peter out – very much like “Infinite Jest”?

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There’s a psychological fallacy called Apophenia: the idea that people are too eager to see patterns, connect dots, find meaning in random occurrences. Witzel could have written a more conventional 200-page novel that would have been more entertaining, inviting, engaging. But – and this is why I said that this is not a normal book, at all – he needs 800 pages to make a bigger, more abstract point:

Most biographies or coming-of-age books find some leitmotifs, establish them and see them through. It would have been easy to say “In 1969, 13-year-old boys were both repelled and intrigued by counter-culture. When the RAF terror group turned into pop stars, Germany’s collective fears and adulation resembled that of a coddled, overwhelmed 13-year old boy.” Witzel shows a main character whose main frame of reference has been Catholicism, sins and saints and who uses that lens to make sense of the Beatles, pop music, terrorists, counter-culture. It’s one big, neurotic mishmash with many surreal and intriguing and outrageous connections: the Beatles are saints! Bullies are satanists! I’m a martyr, and God tests me, and I’m also an Indian, and you are a Bond girl! etc.

But through 98 chapters and 800 pages, Witzel remixes and shifts these connections and pseudo-leitmotifs until they appear random, haphazard, absurd. SO random, haphazard and absurd that you’ll start thinking “Wait: Autobiography is such a construct!” or “Wow: Leitmotifs are sorta shoddy, cheap and random!” A 13-year old has a limited understanding of the world, a limited set of phrases and images, and it’s disturbing (and cruelly fun!) to see how someone with a provincial, outdated and limited set of 1950s words/tools/lenses/concepts tries to make sense of terrorism, growing up, sin, the 60s etc.

It’s a brilliant way to show the limitations of speech and the problems of private and collective “mythologies” – and it’s not a very German thing: there are tons of references to German brands or 60s TV shows etc., but they were as foreign and distant to me as they’d be for UK or North American readers – and you don’t have to know anything about the RAF or specific German history to follow the plot. Many chapters use lenses like detective fiction or bad 1960s chapter books, archaic fairy tales, theological essays, semi-serious music reviews, lists and footnotes etc., and much of the fun comes from these pastiches/misappropriated, outdated speech styles and mash-ups. A translation into English would have to be VERY good to reflect both the humour, absurdity AND accuracy of the language. I loved these shoddy-but-skilful pastiches!

But should Witzel be translated? I’m not sure: I had a lovely reading experience and I’m incredulous that such an unwieldy, frilly, overwhelming book was awarded the German Book Prize… but many chapters were dragging on, and I often thought things like “You could scrap page 200 to page 300 completely – and the book would be better for it”. There are about four German people that I’d tell “Read this: It’s great!”, but I can see a lot of “The Wonder Years” fans or baby boomers flocking to this book only to abandon it angrily because of all the “pointless” pastiches/apophenia moments/the unsatisfying “Infinite Jest” atmosphere: post-Book Prize Amazon reviews tend to be harsh. Many recreational readers are disappointed and rated the book 1 star. I can see their point.

I wish there was a shorter version, and as a UK publisher, I’d definitely approach Frank Witzel and ask him if he’d be interested in excerpts/personal essays/a book about the Beatles etc. – he’s an Anglophile, and there are parts of tremendous interest for UK readers.

Also, strangely enough, there’s a US author who did a very similar satirical book about the RAF and German neuroses, Walter Abish [“How German is it”

I don’t know if Witzel and Abish know each other, but if there’s an audience for Abish, there’s an audience for Witzel (and vice versa). Abish’s novel was successful – so it would not be completely out of line to consider a translation of Witzel. But: it’s the most avant-garde title I’ve read in 2015, and while I’ve had fun, I’m not sure if his 98 satirical improvisations were worth 3 full days of my life. Wouldn’t 400 pages have been enough?

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“Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”, Frank Witzel, Matthes & Seitz

“Ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden: Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst; das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die 1989 Geschichte wurde. Ein mitreißender Roman, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt.” [Klappentext, gekürzt.]

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

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Für “der Freitag” las ich alle sechs Romane auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015:

“Und was, falls dann doch Frank Witzel gewinnt? Für seinen brillant verquasten, übervollen, herrlich sperrigen Jugend- und Provinzroman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969? 800 Seiten Jugendängste, Wahn, 60er-Jahre-Jargon, Katholizismus und Neurosen, in 98 grellen Kapiteln immer neu gekreuzt, verschränkt. Literarische Apophänie: Was, wenn die Beatles Märtyrer wären? Mein Leben ein Schneider-Jugendbuch? Die RAF unser Kinderclub? Was, wenn dieses eigensinnige, wagemutige, bekloppte, brillante Buch Bestseller wird? Und Tagesgespräch?”

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Der 800-Seiten-Roman spielt 1968 in einem Vorort von Wiesbaden und folgt einem 13jährigen, in 98 Kapiteln – von denen fast jedes anders klingt und viele einen parodistischen Quatsch-Tonfall haben, z.B. die Floskeln eines Jugendbuchs oder den Panik-Tonfall der RAF-Berichterstattung.

Es geht um Sprachmüll, BRD-Muff und die Armut, mit den falschen Worten etwas festhalten, ausdrücken, auf den Punkt bringen zu müssen – ein Gefühl, das 13jährige gut kennen. Der Roman ist sehr verspielt – jedes Kapitel ist eine literarische Versuchsanordnung, in dem Jargon (z.B. aus einer Musikzeitschrift) auf ein anderes Themenfeld (z.B. auf die Schule) getragen wird. So entsteht viel… wilder, windschiefer… Quatsch. abgegriffene Worte, in neuen, überraschenden Zusammenhängen.

Literarisch/psychologisch mach das viel Spaß: ein Junge, der als Messdiener jahrelang Gewäsch über Heilige und Märtyrer aufgesaugt hat und jetzt in Musikzeitschriften über die Beatles und in den Nachrichten über die RAF hört, spricht über die Beatles… wie über Märtyrer. Über die RAF… wie Popstars. Nicht als witziges Spiel – sondern aus Unvermögen: seltsame Welten werden durch die jeweils falschen Sprach- und Wahrnehmungsbrillen betrachtet. Die einzigen Brillen/Wortschätze eben, die der 13jährige bisher hat.

Warum ist das literarisch toll – und warum dauert es 800 Seiten? Weil Witzel noch etwas Größeres probiert/durchspielt/erzählt, das mich sehr überzeugt: Apophänie ist die Störung, Zusammenhänge und Leitmotive zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Apoph%C3%A4nie

…und die meisten Romane nehmen eine Figur, ein Stück Gegenwart oder Zeitgeschichte und ein paar Motive und sagen: “Schaut. Winnetou und die RAF – da sind schon Parallelen” oder z.B. “Dawson Leery und Stephen Spielberg: Das wird immer wieder interessant gegeneinander gestellt und hinterfragt – dieser All-American Idealismus.” Wir erzählen uns unsere Leben selbst in solchen Mustern, finden uns in Popkultur, ziehen Parallelen.

Witzel zieht 800 Seiten lang Parallelen, die IMMER beliebiger und absurder und wahnhafter werden und dabei zeigen: Solche Netze sind sehr schnell gesponnen. Aber dabei eben oft: spinnert. “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968” setzt, versuchsweise, ALLES in Zusammenhang – auch, um dabei zu zeigen, wie leichtfertig und hilflos Menschen solche Zusammenhänge suchen, um sich ihr Leben zu erklären, und – Meta, Meta! – wie schnell Autor*innen solche Zusammenhänge zimmern können.

Wie gesagt: Ich finde es schwierig, ein Buch zu empfehlen, bei dem ich z.B. von Seite 200 bis 300 dachte “Hm. Das hätte man jetzt alles einfach streichen können.” Der Roman ist sehr lang, und ich weiß nicht, ob er Gelegenheits- und Hobbylesern genug gibt, über diese 800 Seiten hinweg. Versteht man erstmal, worum es geht – Lebenswelten in jeweils “falschen” Sprachwelten durchzunudeln, in immer anderen Kombinationen – passiert nicht mehr viel: es nudelt halt 99 Kapitel lang durch. sprachlich toll. aber einen packenden Plot oder besondere Auflösungen zum Schluss gibt es nicht.

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Im Freitag (Link) schreibe ich:

“”Wer 2015 nur ein einziges Buch lesen kann, dem empfehle ich gestrost Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen. Kosten: 19 Euro 99, Umfang: 352 Seiten. In kaum zehn Stunden Lesezeit bewältigt und verstanden. Simple Sprache. Viel Wissenswertes zu Asylrecht und Geflüchteten. Der Alltag afrikanischer Männer in einer Berliner Unterkunft, beäugt von einem skeptischen deutschen Professor in Rente. Altern, Heimatlosigkeit, DDR-Vergleiche. Kulturen im Dialog. Fünf von fünf Sternen. Lesenswert! Besonders auch für Schulklassen. Aber zählt dieser simple, muntere, gut gemeinte Asylroman zu den größten literarischen Leistungen 2015? Ist er buchpreiswürdig? […]

Egal, wer 2015 gewinnt: Favoritin Erpenbeck, Meister Witzel oder einer der holprigeren vier Titel: Keines dieser sechs angreifbaren, erstaunlich windschiefen Bücher im Finale passt gut zum Preis. Alle haben Angriffsflächen, große Schwächen. Peltzer, Witzel sind zu träge, Schwitter, Lappert zu seicht, Mahlke, Erpenbeck keine augenfällig „große“ Literatur. Ich will kein Buchhändler sein, der den Gewinner durchs Weihnachtsgeschäft bringt.”

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Schlecht wie Joy Fielding: “Say Nothing”, Brad Parks (US-Thriller, 2017)

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„Say Nothing“, Brad Parks

475 Seiten, Dutton / Penguin, März 2017

konventioneller Thriller / Domestic Supense

trotz Richter als Ich-Erzähler kein Legal-/Justiz-Thriller wie z.B. John Grisham

Rezensionen auf Goodreads (Link)

…vergleichbar mit u.a. Harlan Coben, Autor von “Tell No One” 

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Mit 14 war ich in Angela verliebt. Sie las gerade Thriller von Joy Fielding. Also lieh ich mir Joy Fieldings „Lauf, Jane, lauf“… und hatte bis heute, mit Parks’ „Say Nothing“, nie wieder eine Thriller-Lektüre, während der ich mich so schlecht fühlte. Mit so wenig Genuss durch Kapitel hetzte:

Die Hauptfigur aus „Lauf, Jane, Lauf“ verliert ihr Gedächtnis, wird von einem Unbekannten bedroht und verbringt 400 Seiten, allen Menschen im Umfeld zu misstrauen: Ist ihr Mann, ihr Schwager, ihr Boss usw. der Stalker? Fielding schafft Spannung durch offene Fragen, die über Hunderte von Seiten nicht beantwortet werden – doch erzählerisch und stilistisch machen die Bücher keine Freude. Eine hypernervöse, meist untätige Erzählerin, die JEDEN verdächtigt. Umgeben von Figuren, so schwammig/widersprüchlich gezeichnet, dass alle der Schuldige/Stalker sein könnten.

Brad Parks’ „Say Nothing“ weckt die gleiche freudlose Stimmung: eine Trottel-Figur, akut bedroht. Umringt von Red Herrings/falschen Fährten. „Besser schnell zum Ende kommen: Dann ist das zähe Rätselraten wenigstens um.“ Auch viele Goodreads-Kritiken zu Harlan Cobens „Tell No One“ klingen so: Menschen, die das Buch nicht weglegen wollten – doch beim Lesen kaum Freude hatten.

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Handlung:

Scott Sampson ist Mitte 40, Bundesrichter im (realen) Gloucester County, Virginia und seit über 20 Jahren mit seiner Collegeliebe Alison verheiratet. Die Zwillinge Sam und Emma sind sechs. Scott bekommt eine SMS von Alisons Nummer: Er muss die Kinder heute nicht aus der Kita holen. Er fährt direkt ins abgelegene Familienhaus am Wald – und wird von Alison gefragt, wo die Kinder sind. Jemand hat die Zwillinge entführt.

Via SMS erteilen die Kidnapper Scott Anweisungen, am nächsten Tag einen jungen Drogendealer freizusprechen: ein Text, nachdem sie wissen, dass sie Scott auch beruflich, als Richter, kontrollieren können. Das Buch schildert ca. 24 Tage aus der Sicht von Ich-Erzähler Scott, unterbrochen von kurzen, bewusst vagen, bedrohlichen auktorialen Kapiteln über zwei Handlanger (…zwei Brüder mit Bärten und diffus ausländischem Akzent) die Scotts Kinder bewachen und die Eltern auf verschiedenen Wegen einschüchtern und im Auge behalten sollen.

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Brad Parks…

…geboren 1974, studierte in Dartsmouth, arbeitete als Journalist (vor allem Sport- und Crime-Artikel) und schrieb bisher sechs Romane über einen Reporter/Ermittler in New Jersey: einige Genre-Preise, doch schlechte Leserwertungen, kein deutscher Verlag:

Parks ist verheiratet, lebt selbst in Virginia und hat, wie Richter Scanlon, zwei junge Kinder: https://en.wikipedia.org/wiki/Brad_Parks

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plausibler Ich-Erzähler:

Parks wirkt auf seiner Facebookseite und in Interviews recht goofy: nett, aber kein harter Knochen. Das gilt auch für Ich-Erzähler Scott: Der Federal Judge ist nicht mehr jung, nicht sehr attraktiv, die Haare fallen ihm aus. Er ist zwar klug und hat ein gesundes Selbstbewusstsein und eine gewisse Überheblichkeit (z.B. Arbeitern, Sekretärinnen, Angeklagten gegenüber), die mir für einen US-Richter plausibel scheint – doch er ist nicht eitel. Diese Erzählstimme ist das Beste am Buch: Ich hörte Scott gern zu – auch, wenn es seitenlang um Strafprozessordnung, Exposition/Backstory oder nervöse Spekulationen ging, und obwohl Scott keinen Glamour, keinen Humor, kein besonderes Charisma hat. Brad Parks wirkt wie ein kluger, netter Kerl, schlau, aber uncool und konventionell. Seine Hauptfigur übernimmt das. Und es klappt VIEL besser, klingt VIEL plausibler, sympathischer, angenehmer als in Thrillern mit psychologisch abgründigeren, exzentrischeren Ausnahme-Erzählern.

Bei „Say Nothing“ lese ich fast 500 Seiten tadellose, sympathische Erzählprosa, leicht verständlich, nicht literarisch, doch auch nicht niveaulos/zu flach, aus dem Mund einer angenehmen, plausiblen Figur. Das ist schon viel, in diesem Genre.

Nur fehlt „Say Nothing“ jede Kunstfertigkeit: ein Suspense-Thriller von der Stange, ohne größere Ambition.

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Plot und Probleme:

Scott spricht ein Urteil im Sinn der Kidnapper und lässt den Kleindealer frei. Tritt damit aber eine Untersuchung/ein Impeachmentverfahren gegen sich los. Weil Scott gehorchte, wird Sohn Sam von den Kidnappern vor dem Gerichtsgebäude ausgesetzt.

Die folgenden zwei Wochen/350 Seiten ist nur noch Tochter Emma entführt – und Scott bereitet sich auf ein zweites, größeres Verfahren vor, zu dem die anonymen Entführer ihm ein Urteil vorgeben werden: Noch weiß Scott nicht, ob er für oder gegen den Kläger entscheiden soll. Entsprechend verdächtigt er sowohl den Kläger – einen Wissenschaftler/Tüftler/Biologen, der ein Enzym patentiert hat – als auch die Beklagten – einen Pharmakonzern, der ein Mittel zur Infarktprophylaxe auf den Markt bringen will, doch dabei wohl das Patentrecht verletzt.

[Diese Gerichts-Details sind interessant, plausibel, detailliert-aber-kurzweilig. Der Gerichtsfall selbst ist eher langweilig und endet in einem großen Antiklimax: Das Enzym des Biologen und das Enzym im Medikament unterscheiden sich in einem Detail, die Klage ist grundlos/hinfällig.]

Scott verdächtigt u.a.

  • den Anwalt des Biologen, und lässt ihn durch einen Privatdetektiv beschatten.
  • seine Mitarbeiter im Büro (die nichts von der Entführung wissen: schöne Konflikte/Spannungen).
  • seinen alten Mentor/Chef: einen Senator, der mit dem Pharmakonzern verbandelt ist.
  • die Nanny der Kinder: eine junge türkische Studentin, die sich vielleicht via Perücke als Alison verkleidet hat? Sam behauptet, er wurde am fraglichen Tag von seiner Mutter abgeholt.
  • Ehefrau Alison: hat sie ihre eigenen Kinder entführt? Ihr Ex-Freund arbeitet für den Pharmakonzern, und Scott hat Angst, dass sie mit ihm durchbrennen will. […eine begründete Angst für Genre-Leser: „Gone Girl“, der wichtigste Bestseller des Genres der letzten Jahre, hatte einen ähnlichen Plot.]

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All diese Spannungsfelder/Ängste werden – recht holprig – als offene/rhetorische Fragen formuliert: „Kann ich Alison vertrauen? Sie verschwieg irgendwas. Ich fuhr ins Büro. Aber konnte ich dort noch jemandem trauen?“, seitenlang und immer wieder. Die 76 Kapitel sind recht kurz und monoton: einfach, szenisch und mit einem oft recht trashigen Cliffhanger, Dinge wie „Ich schlief und hatte Alpträume. Doch der schlimmste Alptraum sollte am nächsten Morgen beginnen, als der Wecker klingelte“ etc.

Es gibt zu viele Verdächtige, zu viele beliebige Konflikte, die zu lange immer weiter ohne Auflösung durchs Buch gezerrt werden (…wie durch eine TV-Serie, die zu viele Episoden hat und Wasser tritt). Die meisten Auflösungen kommen zu spät und sind hanebüchen/unterwältigend. Besonders, dass Alison so lange als Verdächtige gilt, schadet dem Buch: Scott zweifelt an seiner Ehefrau – und setzt einen Privatdetektiv auf eine sehr beliebige, nicht-sehr-verdächtige Randfigur an, statt auf Alison, die ihm viel größere Sorgen macht? Parks’ Jeder-ist-verdächtig-Erzählstruktur ist schon per se oft freudlos/frustrierend. Dass die „Say Nothing“-Hauptfigur aber dazu noch IMMER WIEDER viel zu träge handelt oder offensichtliche Spuren nicht verfolgt, frustriert viel mehr.

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Tiefpunkt/Krux des Romans:

Zwei Kinder werden entführt. Die Entführer kommunizieren per Handy mit Scott – scheinen aber auch das Haus im Blick zu halten (Auflösung: mit kleinen Kameras, im nahen Wald in Bäume montiert). Scott vermutet, dass sein Handy überwacht wird. Scott vermutet, dass seine Frau in die Verschwörung verwickelt ist. Scott weiß, dass die Entführer Emma verstümmeln werden, wenn er sich an die Behörden wendet. Und: Als Sohn Sam wieder bei der Familie ist, muss er bewacht werden – denn wer kann verhindern, dass Sam sonst einfach wieder entführt wird?

Das waren für mich als Leser die größten Fragen und Spannungsfelder: Probleme, die Scott drei Wochen lang im Blick behalten muss, während er jeden Tag zur Arbeit geht und Normalität vorspielen muss. Scott geht nicht zur Polizei, aber…

  • weil seine Frau ihren beiden Schwestern sehr nahe steht, werden am Abend nach Sams Rückkehr erstmal neun Verwandte eingeladen, zum Weintrinken und Reden vor dem Haus?
  • Sam spielt alleine im Garten, Scott geht ins Haus und unterhält sich ausgiebig mit Alison, niemand hat jemals Angst, entführt, überwältigt zu werden.
  • Alison und Sam machen viele Ausflüge.
  • Scott googelt, telefoniert (mit dem möglicherweise überwachten Handy), heuert einen Detektiv an und bewegt sich sehr arglos durch die Stadt.
  • immer, wenn Scott seltsame Entscheidungen trifft, die z.B. Alison hinterfragen könnte/müsste, beschreibt Brad Parks lieber, dass einer der Eheleute ins Bett geht, eine Dusche nimmt etc.

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Der Grundkonflikt des Romans ist so simpel – ich bin schockiert, dass Parks diesen „Familie, überwacht von Erpressern“-Plot an keiner Stelle plausibel zu Ende denkt: Wir alle kennen so viele Filme („Gegen die Zeit“) und Serien („24“), die das IMMER WIEDER neu auf die Spitze treiben. Bei Parks ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen lustlosen Entführern und lethargischen, kaum taktisch denkenden Eltern SO träge… Man will die ganze Zeit nur schimpfen, schreien – oder halt: schnell zum Ende kommen, endlich die Auflösung lesen.

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Die Auflösung:

Weder Kläger noch Beklagter gaben die Entführung in Auftrag – sondern ein Star-Spekulant, der mit Termingeschäften und Hedge Funds Geld verdient (hanebüchen, langweilig, ein Antiklimax). Der Spekulant ist der Arbeitgeber von Scotts Schwager: Alisons Schwester und ihr Mann waren an der Entführung beteiligt und sind Maulwürfe. Scott und Alison gelingt es, Schwager und Star-Spekulant am Tag der Verhandlung mit einer Waffe zu bedrohen. Dann wollen sie den Spekulanten als Geisel gegen ihre Tochter tauschen.

Weil Alison Soldatentochter/Army Brat ist, kann sie mit Pistolen umgehen. Die Kidnapper sollen Emma freilassen (nebenbei: sie sind keine Türken, wie vermutet – sondern Deutsche. Spielt im Buch keine besondere Rolle. Doch ich fand es recht sympathisch und originell, dass die „strange men with beards and strange accents“ keine Araber o.ä. waren, sondern einfach bärtige Westler).

Alison wird bei einem Feuergefecht getötet. Das ist nicht SO tragisch, weil sie eh 80 Prozent des Buches nur geweint oder geschwiegen hat und zwielichtig/fadenscheinig wirkte. Mit der Entführung indes hatte sie nichts zu tun: Sie hat kurz DANACH erfahren, dass sie an Brustkrebs leidet und Scott alles verschwiegen. Als ihre Ärztin ihr sagt, dass sie bald sterben wird, opfert sie sich spontan für ihre Tochter. Schnarchiges Frauenbild, langweilige und überflüssige Wendung/Komplikation.

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Fazit:

Hin und wieder gibt es handwerklich misslungene, mittelprächtige Thriller, die zu Bestsellern werden. Zuletzt z.B. „Girl on a Train“. Die Leser waren unzufrieden, die Kritiken waren schlecht – doch für ein paar Monate machte das Buch Geld. Ich bin sicher, man kann mit genug Werbung auch „Say Nothing“ zu einem solchen nicht-nachhaltigen, die-Leser-frustrierenden kurzfristigen Knallerbsen-Erfolg pushen: „Say Nothing“ ist ein Buch, mit dem z.B. Heyne gut Geld verdienen könnte.

Es gibt kein besonderes Lokalkolorit und keine literarischeren, atmosphärischen Passagen, keinen Lese-Anreiz für Menschen, die sonst keine Thriller lesen. Es gibt keine plausible Psychologie. Überall sind Logiklöcher. Das Buch ist flüssig und stellt Fragen. Doch Lesefreude hatte ich nach ca. 100 Seiten nicht mehr. Nur noch Ungeduld und Wut auf die Figuren und ihre undurchdachten Entscheidungen.

Zoran Drvenkar schreibt ähnliche Bücher in Deutschland. Drvenkars Romane sind viel blutiger und zynischer – politikverdrossen, voller Klischees, vage rechts. Es war schön, mal einen… hanebüchenen Thriller von der Stange zu lesen, bei dem ich nicht dachte: „Wow. Thriller werden von zynischen Menschenhassern geschrieben, für zynische Wutbürger.“ Also: Das alles könnte so viel schlimmer sein (Fitzeck usw.).

Brad Parks ist ein netter Kerl. Hauptfigur Scott hörte ich gerne zu.

Sinn machte das nicht. Spaß auch nicht. Aber vielleicht ist es in drei Jahren ein Kinofilm. Mit pointierterem, verbessertem Plot.

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Harte Science-Fiction: mein Lieblingsautor Dietmar Dath

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“Deutschlandfunk Kultur hat in der Woche ab 31.07. ein Special über „Ferne Welten“, also Leben außerhalb der Erde. Wir würden gern ein Gespräch über literarische Visionen/Utopien etc. führen”, schrieb mein Redakteur.

Literarische Utopien und Gesellschaftsentwürfe, die auf anderen Planeten spielen?

Ich machte mehrere Vorschläge: Ursula K. LeGuin, aktuelle “Star Wars”-Expanded-Universe-Romane, “A Wrinkle in Time”, Andreas Brandhorst.

Und, zwei Favoriten: Dietmar Dath – mein deutschsprachiger Lieblingsautor – sowie die wunderbare Comicreihe “Invisible Republic”.

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Ich bin begeistert, dass ich beides vorstellen darf – am 31. Juli, um kurz nach 10, im Literaturmagazin Lesart.

Heute, hier im Blog: ein paar grundsätzliche Notizen, Empfehlungen, Gedanken zum Thema:

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grundsätzlich:

Die erste “Star Trek”-Serie ab 1966 zeigte oft einen neuen, fremden Planeten pro Episode. Eine Welt, in der alle Erwachsenen tot sind; eine Welt, die aussieht wie das Chicago der 30er Jahre etc. Das ist oft dümmlich: weil Gesellschaften und ganze Planeten nicht DERART homogen sind. Statt eine Welt zu entwerfen mit verschiedenen Kulturen, Schichten, Kontinenten, Werten, Schwerpunkten, stehen Kirk und Spock in… simplen, sehr einseitigen “Monokulturen”. TV Tropes nennt das “Planet of Hats”: Welten, auf denen alle Bewohner*innen den selben “Hut” zu tragen scheinen und sich über die selben ein, zwei Werte und Eigenschaften definieren.

Eine Ursache: Besonders ab den ca. 50er Jahren orientierte sich erfolgreiche Sci-Fi oft an Western. “Star Trek” z.B. wurde als “Wagon Train to the Stars” gepitcht: Planwagen, allein in der Prärie, umgeben von Indianerstämmen. Sheriff und Ordnungshüter, die hübsche Tochter des Häuptlings, Wilde, die es zu befrieden galt etc. Ich denke an “Avatar” und “Der mit dem Wolf tanzt”, oder viele Kinderserien der 80er, mit denen ich aufwuchs: “Saber Rider”, “Brave-Starr”, “Galaxy Rangers”.

“Star Wars” begann als Märchen und Samurai-Geschichte. Auch hier spielte Politik in fremden Zivilisationen, feinere Gesellschaftsentwürfe auf einzelnen Planeten etc. bis ca. “Angriff der Klonkrieger” (2002) keine besonders große Rolle. Es gab Ritter und Cowboys, Aliens und Prinzessinnen – doch wenig Versuche, tatsächlich zu beantworten: “Wie organisiert sich eine Menschheit mit neuen technischen Mitteln, und im kulturellen Mit- und Gegeneinander mit anderen Lebensformen?” [Das ist heute, in den Comics und Romanen des Expanded Universe, VIEL besser: “Star Wars” ist seit 2015 so politisch und komplex wie nie zuvor.]

Ich sage nicht: Sci-Fi war damals unpolitisch oder interessierte sich nicht genug für Aliens in ihren Rollen als “das Andere”. Doch diese Rollen blieben oft SO allegorisch oder märchenhaft oder allgemein, dass ich, als Kulturwissenschaftler, bis in die 90er Jahre selten sagen kann: “Yeah! Hier hat jemand eine Alien-Zivilisation oder verschiedene Gesellschaftsentwürfe der Erde mit großem Respekt und besonderer Tiefe… ziseliert.” Zu oft blieben es einfach [der kolonialistische Blick auf] Indianer etc. im Weltall: Kulturen, so eingleisig und eindimensional präsentiert, dass ich als Zuschauer fast IMMER denken sollte: Menschen sind bunter, Menschen haben eine größere Bandbreite, ihr Aliens könnt von Menschen viel lernen.

Ein Stichwort, eine Genre-Bezeichnung, die hilft, Autor*innen zu finden, die soziologischer und komplexer denken: “Hard Sci-Fi“.

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Ich dachte lange, das meint: Romane, die besonders weit in der Zukunft spielen oder dabei besonders technisch-futuristisch sind.

Stimmt nicht:

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Es geht nicht um besondere Fortschrittlichkeit. Sondern darum, so wissenschaftlich wie möglich zu bleiben. Auch z.B. “Gravity”, “The Martian”, “Gattaca”, “Westworld” [Kritik von mir], “Contact” (alle: nicht besonders weit in der Zukunft) gehören ins Genre. Wichtiges Kriterium: Autor*innen versuchen, möglichst nah an bestehenden Theorien zu… extrapolieren.

Simple Kriterien sind z.B. “Kann man hier Explosionen im All hören?” (im Vakuum hört man nichts) oder “Wie kommunizieren Planeten/Schiffe, die Lichtjahre voneinander entfernt sind?” (bitte nicht: in Skype-Optik, ohne Zeitverzögerung).

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Ich möchte vorstellen:

1) die Comicreihe “Invisible Republic” von Corinna Bechko und Gabriel Hardman (erscheint seit 2015)

2) drei besonders futuristische Romane von Dietmar Dath: “Feldeváye” (2014), “Venus siegt” (2015) und “Der Schnitt durch die Sonne” (2017)

Sowohl Dath als auch Bechko/Hardman schreiben “Hard Sci-Fi”: Sie recherchieren viel, und zeigen die Recherche im Erzählen: Dath fügt Zitate, Diagramme, Wissenschaftstheorien, kleine Essays ein, macht sehr viel naturwissenschaftliches Namedropping; Corinna Bechko schreibt für jede Ausgabe “Invisible Republic” kurze Essays mit Zusatzinformationen über z.B. die Tierwelt ihrer Planeten.

Wichtige Vorläufer: Isaac Asimov (der viel über Roboter und deren Ethik schrieb), der Suhrkamp-Klassiker “Picknick am Wegesrand” oder Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie.

Heute wichtig: Neal Stephenson, Greg Egan, die politische TV-Serie (und deren Romanvorlagen) “The Expanse”, die Dystopien der TV-Serie “Black Mirror”, die Comicreihen “Trees” und “Injection” von Warren Ellis (beides nicht besonders wissenschaftlich, doch sehr soziologisch: Was macht Technologie mit Menschen?); und, in Deutschland, Heyne-Autor Andreas Brandhorst.

Ein Nebenaspekt, eine Besonderheit in Deutschland: “Perry Rhodan” würde ich nicht “Hard Sci-Fi” nennen – doch die Sprache dort ist sehr komplex und bildreich, und es geht oft um möglichst originelle oder paradoxe Ideen in Sachen Transport, Kosmos, Zusammenleben. Literarisch bleibt mir das zu flach (und: beamtenhaft, trocken). Trotzdem gibt es bei Rhodan IRRSINNIG schöne Worte. Sowohl Dath als auch Andreas Brandhorst sehen den Reiz solcher Worte – und probieren, diese spezifisch deutschen “Perry Rhodan”-Funkel-Neologien auf ein höheres erzählerisches Level zu hieven. Bücher also, in denen Worte wie “Schattenspiegel” und “schwarzes Eis” fallen, in denen sich Menschen auf “Tafeln” abspeichern können. In einem Dath-Roman sprechen Menschen nur von der “Wiege”, wenn sie das Sonnensystem meinen – weil die Menschheit längst weiter ist. Das ist sprachlich/klanglich oft sehr suggestiv und schön. Mich freut jedes Mal, wenn jemand diese Stärke von “Rhodan” aufgreift und ausbaut.

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1) zu “Invisible Republic”:

– US-Comics erscheinen meist monatlich, als 20seitige Hefte. Fünf bis sechs Hefte erzählen einen Akt einer größeren Geschichte und werden fast immer als Sammelband noch einmal neu veröffentlicht. Von “Invisible Republic” erschienen seit 2015 15 Hefte, zusammengefasst in drei Sammelbänden. Die Reihe ist auf 30 Hefte/sechs Sammelbände angelegt und macht gerade einige Monate Pause. Gabriel Hardman und Corinna Bechko sind verheiratet. Sie schreiben zusammen, Hardman selbst zeichnet dann allein, die Farben der Zeichnungen sind von Jordan Boyd.

– Der Comic spielt auf Avalon, einem Mond, von Menschen besiedelt. Eine sehr industrielle Welt, deren Städte an Osteuropa erinnern und an die 70er und 80er Jahre. Die letzten 40 Jahre herrschte dort ein Diktator, Arthur McBride. Das Regime wurde zerschlagen – doch ähnlich wie im postsowjetischen Russland gibt es trotz Aufbruchsstimmung viel Misstrauen, Zynismus, Korruption. Hauptfigur ist ein recht feiger, überforderter und glanzloser Redakteur und Whistleblower, Croger Babbs. Er findet das Tagebuch der (in den Geschichtsbüchern nie erwähnten) Cousine von Arthur McBride, Maia – und wägt ab, es zu veröffentlichen.

– Auf einer zweiten Zeitebene, über 40 Jahre zuvor, lesen wir in Maias eigener Sprache, als unzuverlässige Erzählerin, wie Maia und Arthur als… linksextreme junge Revolutionäre gegen einen Polizeistaat arbeiten. Maia ist pazifistisch, romantisch-jugendlich. Arthur voller Ideale, aber grausam. Auch die heutige Maia taucht auf: als Realpolitikerin, zynische Rebellin, Terroristin? Ist sie gewachsen – oder heute ebenso brutal und korrumpiert wie ihr Bruder?

– Die große Stärke von “Invisible Republic”: Man hätte eine solche Geschichte über den Prager Frühling erzählen können, über die kubanische Revolution, vielleicht sogar über die RAF. Durch das fiktive Setting aber fehlt alle Romantik, die sonst bei solchen Biografien mitschwingt: Die Gegenwart auf Avalon wirkt trostlos (doch ohne, dass ich dabei sagen müsste “Oha – wie dümmlich und fortschrittsverdrossen: Glauben die Autoren, der Prager Frühling war SCHÖNER als die Gegenwart?”), und die Missstände der Vergangenheit kann ich beim Lesen nicht wegerklären mit “Na ja: Es war eben eine andere, einfachere Ära. Es gab nicht einmal Internet.”

– In fast allen Ausgaben fügt Corinna Bechko kurze Essays an über z.B. Space Elevators, kolonialistisches Essen oder künstliche Schwerkraft. Im Design, Jargon und vielen kleinen Momenten gibt sich die Serie immer wieder Mühe, zu zeigen: “Das hier spielt Hunderte Jahre in der Zukunft, in einer fremden Kultur.” Doch statt… Fortschritts- oder Technikeuphorie dreht sich “Invisible Republic” um all die Mechanismen, mit den Politik immer wieder neue Ungerechtigkeit produziert oder in Kauf nimmt – oft trotz der besten Absichten. Man kann die Misstände der Gegenwart erst verstehen, wenn man nachsieht, was der Ursprungs-Plan der Entscheider*innen war… und, was dann unterwegs schief ging.

– Erzählt man solche zynische Geschichten über z.B. die DDR, wird es schnell bitter oder ideologisch. Autor*innen schlagen sich auf eine Seite: Sie feiern das Früher oder das Heute. Deshalb: sehr gut, auf einen Mond auszuweichen! Und: charmant, dass dieser Mond an vielen Stellen europäisch wirkt, und sich Hardman z.B. von Architektur auf Malta inspirieren ließ.

Sehr gute Zusammenfassung des politischen Settings (Kenia Santos, Word of the Nerd):

“2843: Dictator Arthur McBride’s Mallory regime ruled Avalon (one of Asan’s moons once called Maidstone) for years. His fall threw the world into chaos. Discredited reporter Croger Babb finds a journal written by Arthur’s cousin Maia Reveron, which details a dark, untold story. Invisible Republic is the title given to Maia’s journal, written during her time as a political prisoner in Newgate Prison. Maia’s narrative goes all the way back to when Arthur and her worked in an algae farm as indentured servants, their escape, an incident at Rock Beach that changed the course of their lives forever, the years spent with the rebels and it’s likely to cover the events that led her cousin to imprison her.

Avalon and Kent orbit planet Asan. Avalon was colonized by a generation ship and built from the ground up. The moon was a colony for Asan and a source of crops that couldn’t grow there, such as almonds, honey, and greens.  But then the colonial government was relocated to sister moon Kent and its geographical distance led to the Civil War on Asan. Avalon’s children were sent to Asan to fight as soldiers, and Arthur’s proposal was that of fighting for freedom under the flag of a unified Avalon to be no longer ruled by the elite of Kent.”

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2) zu Dietmar Dath:

– Dath ist mein deutschsprachiger Lieblingsautor. Ich mag seine Leidenschaft, seine Neugier, seine Experimentierfreude und die Lust daran, immer wieder sehr disparate Kultur und Theorien zusammen zu bringen und neu zusammen zu denken.

– Ich las etwa zehn Bücher von ihm (von über 20) und empfehle “Dirac”, “Waffenwetter”, “Für immer in Honig” und ein Langessay über “Buffy – im Bann der Dämonen”: “Sie ist wach. Über ein Mädchen, das hilft, schützt und rettet”.

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Dath schrieb ca. fünf größere Sci-Fi-Romane:

  • 2008: “Abschaffung der Arten” (ist am bekanntesten und beliebtesten, Shortlist zum deutschen Buchpreis 2009. Ich las es nicht: Es spielt in naher Zukunft auf der Erde und passt, glaube ich, nicht hier ins Thema)
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  • 2012: “Pulsarnacht” (passt ins Thema, doch hat die schlechtesten Kritiken und Leserwertungen aller Dath-Romane. Es erschien bei Heyne, nicht wie sonst bei Suhrkamp. Nicht gelesen. ZEIT-Rezension von Dennis Senzel)
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  • 2014: “Feldevaýe” (ein 800-Seiten-Suhrkamp-Taschenbuch mit durchwachsenen Kritiken, gelesen)
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  • 2015: “Venus siegt” (im Kleinverlag Hablizel, 150 Seiten längere Neuausgabe bei Fischer TOR; gelesen und 2015 von mir für Der Freitag besprochen: https://www.freitag.de/autoren/smesch/erzaehlen-meister)
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  • 2017: “Der Schnitt durch die Sonne” (S. Fischer, gelesen; erscheint erst Ende August)

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a) DER SCHNITT DURCH DIE SONNE

…trägt enttäuschend wenig zum Thema bei: Hier gibt’s eine hochentwickelte, 2017 noch unentdeckte Zivilisation auf der Sonne, die erst seit ca. 1945 das Leben auf der Erde für halbwegs relevant, beobachtenswert hält. Als eine Art Bürgerkrieg/Konflikt auf der Sonne ausbricht, wird das Bewusstsein von fünf (nicht, wie im Klappentext: sechs) Menschen vom Sonnenwesen Teiresias in die Sonne übertragen. Dort sollen sie verschiedene Aufgaben lösen und an Projekten arbeiten.

– Das Buch erscheint am 24. August 2017. Deshalb noch keine Kritik/Besprechung von mir hier im Blog. Nur kurz, in Sachen “andere Zivilisationen”:

Über die Sonnenzivilisation und ihre Absichten erfährt man arg wenig. Die Wesen auf der Sonne sind so weit entwickelt, dass die menschlichen Hauptfiguren die ganze Zeit in Sinnbildern, Simulationen, künstlichen Metaphern-Environments bleiben: eine mysteriöse Insel mit Strand, Urwald und Monster wie in der Serie “Lost”, kleine Häuser, Küchen und Labors. TV Tropes nennt das “a form you are comfortable with”. Menschen als Versuchskaninchen höherer Mächte – etwas, für das wirklich jede dritte “Star Trek”-Episode seit 1966 GENAU DIESE Bilder und Metaphern findet.

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b) FELDEVÁYE

…spielt Jahrhunderte (-tausende?) in der Zukunft und ist lose verknüpft mit u.a. “Abschaffung der Arten”, “Venus siegt” und der übersinnlichen Dath-Figur Cordula Späth, die schon seit seinem Debüt 1995, “Cordula killt dich”, in vielen seiner Bücher mysteriöse Gastauftritte hat. Im Großen steht das Buch aber für sich.

– Die Menschheit hat das Sonnensystem, ihre “Wiege”, vor langer Zeit aus eigener Kraft überwunden und die komplette Milchstraße besiedelt. Sie kann das eigene Bewusstsein in digitalen Backups (“Tafeln”) speichern, die Geldwirtschaft ist abgeschafft, es gibt Kontakt zu ca. sechs verschiedenen Alien-Zivilisationen. Besonders Kunst gilt als “überwunden”: Es scheint niemandem mehr ein Bedürfnis, Kulturgüter zu produzieren. Auf dem abgelegenen Planeten Feldeváye erscheinen immer wieder Kunstwerke der Menschheit – in grünes Licht verpackt, “Flammen” genannt – die von menschlichen “Flammenjägern” gesammelt und dann in der “Auswertung” katalogisiert und ausgestellt werden. Diese Kunstwerke werden von Aliens, den Menneskern, über die Welt verteilt – ein hochentwickeltes Volk, dem die Menschheit viel Fortschritt und neue Technologien verdankt.

– Der Roman folgt Flammenjägerin Kathrin Ristau, die sich fragt, was die Mennesker die Menschen lehren wollen, indem sie alte Kunst auf den Planeten streuen. Ristau schreibt vielbeachtete Essays und inspiriert damit andere Bürger*innen, neue Kunst zu schaffen: Sie lebt in einer utopischen Kommune in einem fröhlichen Baumhaus, doch im Lauf der Jahre zahlen ihre Partnerinnen und ihr Kind einen hohen Preis, weil Ristau von den Machteliten immer neu gejagt, manipuliert und abgedrängt wird. Ein befreundeter Genetiker bringt Schlangen bei, sich nach quantenmechanischen Gesetzen durch Raum und Zeit zu bewegen: Die Schlangen werden hochintelligent, lernen Fliegen, überflügeln die Menschheit und sind – falls ich das richtig verstand – die Mennesker. In einer Nebenhandlung holt eine Partisanin sich selbst aus dem Zeitstrom, um mit Hunderten Kopien die Geschichte neu zu schreiben.

– “Feldeváye” hat großartige Ideen, eine tolle Grundfrage (Wie hängen Kunst und Zivilisation zusammen?), markante Figuren und Settings. Doch der Roman springt in jedem Kapitel zu einer anderen Figur, und oft weiß man erst nach 20, 30 Seiten vage, wie das ins große Ganze passt: ALLES Wichtige aus Kathrins Geschichte spielt zwischen den Zeilen, wird in Nebensätzen angerissen. Kriege brechen aus und enden, ohne, dass ich als Leser den Handelnden nah genug komme: Ein Buch, das mich auf drei Armlängen Abstand hält, die größten Wendungen lapidar runtererzählt und eine eh schon komplizierte Welt durch das Hin und Her der Perspektiven viel zu kompliziert macht. Ich denke an David Foster Wallace, der zwischendurch 70 Seiten Fußnoten einstreut: In “Feldeváye” fühlt man sich wie in den Apokryphen oder Wikipedia-Einträgen der eigentlichen Geschichte: immer zu spät, zu weit weg, unnütz am Rand.

– Ich brauchte drei Tage für 800 Seiten, doch kann viele der grundsätzlichsten Fragen nicht beantworten: Warum schaffte sich Kunst ab, und warum kehrt sie durch Kathrins Engagement zurück? Warum funktionieren Tafeln nicht richtig (….und dann aber etwas VIEL Komplexeres: eine Nebenfigur, die sich aus drei Tafel-Bruchstücken fügt)? Wie hat die Partisanin die Zeitlinie verändert, und wie die Schlangen? Und: obwohl hier wirklich ganze Galaxien miteinander interagieren, geht alles Wichtige von Kathrin, ihrem Vater und einem Freund der Familie, Klemens, aus. Figuren, die 800 Seiten lang Nebenrolle und Randfigur ihres eigenen Epos’ bleiben. Ich kenne kein Buch, das solchen Aufwand betreibt, sich SOLCHE Mühe gibt, Lesern immer wieder die Tür ins Gesicht zu schlagen.

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c) VENUS SIEGT

…spielt in derselben Erzählwelt wie “Feldeváye”, aber wesentlich früher: Hier kam die Menschheit noch nicht übers Sonnensystem hinaus, machte nur durch Terraforming u.a. Mars und Venus bewohnbar. Nick Helander, Sohn eines Funktionärs, hadert mit der Venus-Regentin und weiteren Politikern und rutscht in einen kalten Krieg zwischen Menschen, Robotern und körperlosen künstlichen Intelligenzen.

– Ich bin etwas enttäuscht, weil “Venus siegt” 2015 eine sehr markante Lektüre für mich war, ich aber auf jeder Seite dachte “DAS kann Dath noch besser!”. Jetzt, noch “Feldeváye” und “Der Schnitt durch die Sonne”, fürchte ich: Nein – fürs Erste ist “Venus siegt” das lesens- und empfehlenswerteste Buch aus dieser Reihe. Es krankt an den selben Problemen wie die zwei anderen Titel: In fast jeder Szene erklären sich zwei Figuren die Welt, in sokratischen, künstlich-gewollt-leblosen Dialogen. Ich habe das Gefühl, wesentliche Szenen zu verpassen oder mich mit den falschen Fragen aufhalten zu müssen. Und Jargon, Begriffe etc. werden mir entweder viel zu spät erklärt oder (nur bei “Venus siegt”): durch ein Glossar SO hingeknallt, dass ich mir den Roman verderbe, falls ich das vorher durcharbeite.

– Wikipedia sagt: Die Figuren sind eindeutig Stalin, Lenin, Trotzki und Hitler nachempfunden. Ich sah beim Lesen Parallelen – doch glaube nicht, dass man dem originellen, atmosphärischen, sehr eigenen Roman einen Gefallen tut, wenn man ihn auf “Politik des 20. Jahrhunderts, in fancy Sci-Fi-Verkleidung” reduziert.

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mein Grundproblem bei Dath:

Ich empfehle und verschenke die Bücher oft – doch bisher gab es nur zwei Freunde, die sagten “Doch, danke. Gern gelesen!”

Der Rest quälte sich und kann meine Begeisterung nicht nachvollziehen.

(Eine Ausnahme, viel zugänglicher: “Alles fragen, nichts fürchten”, ein Interview mit Dath auf Buchlänge von 2011. Das las auch meine Mutter, und fand es herrlich. Wer Dath kennen lernen will: am besten so.)

Jedes Mal aber, wenn ich sage “Das ist unnötig sperrig”, “Das hat zu viel Jargon”, “Das WILL Hollywood-Breitbild-Spannung, doch baut Szenen oft viel zu hölzern”, schimpft jemand “Du hast es nur nicht verstanden!” oder “Du willst es kindisch mundgerecht!”

2015, nach meiner “Feldeváye”-Rezension im Freitag, schrieb Dath selbst in der FAZ, an meiner Hildesheimer Schreibschule hätte man uns wohl verboten, so zu schreiben: Offenbar fände ich sein Erzählen regelwidrig/nicht konform genug. Uff. Nein. Ich finds nur unnötig verblasen, hermetisch.

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Hör mir auf mit Dietmar Dath! „So einer hockt in jedem Dorf – an jeder Bushaltestelle: der Junge, der Science-Fiction liest. Comics, Groschenhefte. Die Nachbarn schwärmen ‚Wie talentiert!‘, die Lehrer ‚Allerhand!‘, die Eltern ‚Ein Unikat!‘. Doch zum Abitur dann trotzdem nur ein Notenschnitt von 1,7. Eigenbrötler. Verblasener Autodidakt. Selbstbewusst – aber immer nur halb fertig!“

Hanns-Josef Ortheil schimpfte so, 2007: Wir beide gaben ein Seminar über junge Literatur. Ich schwärmte von Dath – bis heute ein Lieblingsautor. Doch Ortheil, Institutsleiter meiner Hildesheimer Schreibschule, schien entnervt wie nie: Seit 1995 schreibt Dath Romane, Essays, Kritiken, Graphic Novels und Lyrik über Buffy und Death Metal, die KPD und Lost, den Südschwarzwald und Quantenmechanik. Ein Mathe-, Physik-, Pop-, Hermeneutik- und Polit-Liebhaber, der wilder, weiter denken, spinnen, kreuzen, belehren und überraschen will als die viel schnittigeren eingleisigen Experten.

Seit 2001, als Dath von der Musikzeitschrift Spex ins Feuilleton der FAZ wechselte; seit 2005, als er unter anderem bei Suhrkamp verlegt wurde, erklären Germanisten-Seriösis gern: „Hier kritisiert einer den konservativen Backlash im grün-alternativen Bürgertum. Und Zombies packt er gleich dazu. Als Bonus. Starke Metapher!“ Oder: „Es geht um Schöpfung und Kontrolle: Künstler als politische Subjekte. Aber trashig-farbenprächtig illustriert und ausgeschmückt. Bittere Pillen, hochbrisant! Genre, Entertainment, Subkultur, das ist Daths Zuckerglasur. Drunter ist Furor!“

In Venus siegt, Daths 18. Roman, hakt diese Teilung: Zwar trifft, wie meist, Phantastik auf Politik und Aufklärung. Es geht um Roboter, Terraforming, Transhumanismus und Verteilungskriege zwischen den Planeten des Sonnensystems nah am 30. Jahrhundert. Es geht, noch stärker, um Planwirtschaft, politikverdrossene Eliten, mathematische Kategorien- und Topostheorie und um den Machterhalt der stursten, zähsten, trockensten Regentin seit Angela Merkel.

Leona Christensen herrscht über die Venus – den einzigen Planeten, auf dem Roboter, Menschen und freie, körperlose Computerintelligenzen gleichberechtigt im kollektiven „Bundwerk“ rechnen, schuften und dämmern. Ich-Erzähler Nick Helander, Sohn von Leonas rechter Hand, trifft als Attaché Bauern und Kolchose-Robos, Forscher und Aussteiger, Künstler, Funktionäre und unfassbar komplizierte Programme. Er disputiert mit jedem Dialogpartner in seitenlangem Hin und Her und steht schnell vor der Frage: Ist das noch Fortschritt oder schon Regression? Leben wir in einer freien, gerechten Welt? Oder schafft Übermutter „Lily“ eine Diktatur?

Ich las noch keinen Dath-Roman, der sich mehr vorgenommen hat – und selten je ein Buch, für das ich mir weniger Leser vorstellen kann: Ein Kind des Regimes bemerkt, dass plötzlich alles raucht und glüht. Lady Oscar auf der Venus. Great! Doch 100 erste Seiten lang wird nur doziert. 100 letzte Seiten lang brennt die Welt, lapidar und lustlos weggequatscht, literarisch, psychologisch, dramaturgisch hohl. Dazwischen liegt ein leidlich interessanter, atmosphärischer Mittelteil von 90 Seiten. Ein Bruchstück, das provokante Fragen stellt – vorausgesetzt, man überspringt das übergenaue Personenregister, die Klappentexte und Inhaltsangaben.

Bert Brecht schrieb Stücke, die immer wieder klemmten, stoppten, die Gesellschaft aus dem Takt reißen wollten. Ayn Rand schrieb vulgärliberale Traktate, getarnt als Romane: Figurenpsychologie? Egal. Alles nur politisches Gleichnis, Illustration! Thesen werden ausgewalzt in Rede und Gegenrede. Venus siegt steht in dieser didaktischen, freudlosen Tradition: künstliche Sonnen? Fliegende Städte? Trotzdem null sense of wonder: Nichts begeistert. Niemand staunt. Kaum Charme, kein Tempo. Tief im System trifft der wohl langweiligste Mensch der Venus, Nick Helander, wechselnde Stimmen. Alle klingen gleich und reden seitenlang im Stil und Tonfall von Dietmar Dath. Redner statt Rechner. Planet der Laffen: ein Dathoversum voller IT-Kommunisten, in dem trotz aller Zahleneuphorie nur die dathigsten Ansprachen der allerdathigsten Großrhetoriker den Lauf der Welt entscheiden.

Cory Doctorow, ein ähnlich brechtianischer Sci-Fi-Autor und Gesellschaftskritiker, fragte sich, wie sehr das Netz seine Texte verändert. Seit man jedes Stichwort, jeden Namen googeln kann, sieht er sich nicht mehr in der Pflicht, alles Material, auf das sein Schreiben baut, im Text selbst zu erklären. Wer Fragen hat, soll googeln. Dietmar Dath geht eine Potenz weiter: Vielleicht ist Venus siegt ein solides Buch – sobald man fünf Semester Informatik studiert hat.

„Verblasener Autodidakt!“ Hanns-Josef Ortheils Dath-Wut traf bei mir einen Nerv. Ich wuchs als Comic-Eigenbrötler auf, im Dorf. Mein Abi-Schnitt ist 1,7. Mit Texten versuche ich selten, den Hauptpreis zu gewinnen. Besser: erst mal Kategorien sprengen. Erwartungen überrumpeln! So überraschend denken, kreuzen, spinnen, dass mir ein Sonderpreis eingerichtet wird. Venus siegtaber ist der erste Dath-Roman, bei dem ich fürchte: Was, wenn sich Dath jetzt immer einsamer, tiefer verschrullt? Für eine Handvoll Dorf-Nerds schreibt? Schiefe, kunstlose Ideologietraktate? „Erzählt“ wird hier kaum besser als bei Ayn Rand.

„Kannst du noch mal erklären, was dich an Dath stört?“, frage ich Ortheil; denn acht Jahre alte Zitate aus dem Gedächtnis sind nicht fair. „Mir fehlt da Gründlichkeit: Themen werden aufgetan und zu schnell abgehakt. Wenn jemand sagt: ‚Nicaragua. Da müsste man mal recherchieren, lernen, verstehen!‘, hebt Dath den Finger, als hätte er schon 2005 alles Wichtige gesagt, über Nicaragua. Oder über Genetik. Oder über jedes andere Thema, das gerade aufkommt.“

Im Genre der Hard-Sci-Fi – naturwissenschaftlich, nüchtern, theoretisch – wird oft eine „Singularität“ verhandelt: Der Punkt, an dem Computer die Rechenleistung menschlicher Hirne überholen. Kann dann Bewusstsein abgebildet werden, digital? Können Erinnerungen gespeichert werden, geteilt, getauscht? Körper gewechselt? Venus siegt zeigt künstliche Intelligenz auf entsprechendem Niveau. Doch typische Auswirkungen auf Konzepte wie „Menschlichkeit“ und „Bewusstsein“ fehlen hier. Das Buch sollte klügere Fragen stellen über Seelen, Körper, Kollektive. Ich fühle mich wie in einem Politroman über 2015, in dem zwar Dampfmaschinen laufen, doch die Dampflok sich nie recht durchsetzen konnte. Eine ungefähre Welt. Selbstbewusst – aber nur halb fertig. Kein Sonderpreis. Kein Hauptpreis. Und: Was Lady Oscar ist, erkläre ich jetzt nicht. Kann jeder googeln.

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große, grundsätzliche Fragen, die Hard Sci-Fi immer wieder durchspielt:

– Die Menschen schicken Raumschiffe an Ziele, mehrere Lichtjahre entfernt: An Bord leben und sterben oft ganze Generationen. DANN wird Reisen in Überlichtgeschwindigkeit erfunden: die neuen Schiffe überholen die alten und sind vor ihnen am Ziel. Ein Konflikt in u.a. “Feldeváye” und “Invisible Republic”: Menschen aus Generationenschiffen als Abgehängte, Gestrige, Modernisierungsverlierer. Dazu die Zeitparadoxa: Leute in Kältekammern, die Jahrzehnte verschlafen. Familien oder Liebespaare, deren biologische “Eigenzeit” plötzlich weit auseinander klafft.

– Die “Singularität”: Sobald Computer komplexer werden als menschliche Gehirne, könnten Gehirne eingescannt und abgespeichert werden. Sind Menschen damit unsterblich? Kann man den Körper wechseln, Bewusstsein kopieren, mehrere Körper zugleich steuern etc.? Und: schulden die überlegenen Maschinen den Menschen dann noch etwas – oder sind sie der logische nächste Schritt, evolutionär?

– Körper, Gender, Roboterrechte, Transhumanismus: In “Feldeváye” wechseln viele Hauptfiguren mehrmals das Geschlecht, die meisten sind bisexuell. Welche Rolle spielt es in einer solchen Gesellschaft, ob jemand ein Roboter ist, eine künstliche Intelligenz, ein Mann, eine Frau?

– Mangel: Mit starken Energiequellen kann fast jeder Mangel überwunden werden. Wer arbeitet dann noch, und für wen? Dath – ein Marxist – spielt in vielen Büchern mit der Frage, ob Krieg, Macht, Ausbeutung verschwinden können, sobald alle Grundbedürfnisse gedeckt sind.

– Die Pädagogik von Aliens: Filme wie “Arrival” (noch nicht gesehen) erinnern, wie fremdartig Aliens denken, kommunizieren. In Hard Sci-Fi heißt das oft, dass Menschen vor einem Artefakt, einer Weisung, einer Technologie stehen (z.B. dem Monolith aus “2001 – Odyssee ins Weltall”) und sich fragen: “Ist das eine Botschaft an uns? Ein Werkzeug? Was sollen wir damit? Ist das Pädagogik – oder nur der Abfall, den eine höhere Zivilisation nach dem Picknick auf der Wiese liegen ließ – und wir sind die Ameisen?”

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zum Abschluss: ein schönes Poetik- und Sci-Fi-Zitat aus “Der Schnitt durch die Sonne”

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hier noch mein kurzer Fazit-Text, geschrieben für die Website von Deutschlandfunk Kultur:

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Traumwelten, hochpolitisch
Literatur auf fremden Planeten – gesellschaftskritisch und kitschfrei: Dietmar Dath und “Invisible Republic”

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Maia Reveron sitzt im Gefängnis, als politische Gefangene: Ihr Cousin Arthur ließ sie verschwinden – nachdem er Staatschef wurde, alle Gegner in Säuberungen attackierte. In ihrer Jugend schufteten Maia und Arthur auf einer Farm, träumten vom besseren Leben, liefen fort. Dann erschlug Arthur einen Soldaten, wurde politisch aktiv. Maia wollte Texte schreiben gegen das Regime. Arthur legte lieber Bomben.

Der Comic, der Maias Politisierung erzählt, spielt in Städten, die aussehen wie auf Malta oder in Bulgarien: viele europäisch anmutende Marktplätze, viele Betonbauten wie aus den 80er Jahren. Ort der Handlung ist ein ganzer Mond: Maidstone. Im Jahr 2843 versorgen dort Arbeiter die Nachbarmonde und -Planeten mit Industriegütern und Obst. Arthur McBride kämpft für die Unabhängigkeit, benennt sein Reich in “Avalon” um. Erst 40 Jahre später stürzt das Regime, und Maias Geschichte kommt ans Licht.

Seit 2015 erscheint “Invisible Republic” im US-Verlag Image Comics: bislang 15 Kapitel, gesammelt in drei Bänden. 15 weitere sollen folgen. Die Zeichnungen stammen von Gabriel Hardman, Mit-Autorin der Texte ist seine Ehefrau Corinna Bechko. Der klügste, differenzierteste, literarischste Plot über Ideale, Radikalisierung, Terror, Macht und Korruption, den ich seit Jahren las.

Aber warum unbedingt ein anderer Planet – statt diese Geschichte in Prag zu erzählen oder auf Kuba? In Irland oder der DDR? Ich glaube, um Retro-, Kitsch- und “Früher war alles anders”-Fallen zu entkommen! Science Fiction hat Raum für alle denkbaren Grautöne, Differenzierungen – ohne, dass sich Autorinnen und Autoren in falscher Nostalgie verlieren. Wer über Arbeitslager, Genozid, Militärdiktaturen nachdenkt, kann über Deutschland im zweiten Weltkrieg schreiben. Über Japan im Krieg gegen China. Oder über Cardassianer und Bajoraner in “Star Trek: Deep Space Nine”. Nicht als Verhamlosung, Verfremdung. Sondern, um Muster zu zeigen – statt im Partikulären, im Historisch-Spezifschen hängen zu bleiben. In Zeiten, von denen man zu schnell sagt: “Das ist vorbei, überwunden. Das ist bei uns nicht möglich.”

J.R.R. Tolkien wird für das “Worldbuilding” von Mittelerde bewundert. Doch viel kluge, politische, originelle Welten werden heute auch im Genre der “Hard Science Fiction” entworfen: Zukunftsromane über Machtstrukturen, Soziologie und die Grenzen von Bewusstsein, Körpern, Gesellschaft. Die Klassiker? Arthur C. Clarkes Mars-Trilogie, “Picknick am Wegesrand” der Strugatzki-Brüder, Isaac Asimovs Roboter-Gesetze. Im Fernsehen mühen sich “Battlestar Galactica” und “The Expanse” um möglichst viele Abgründe, Realpolitik. In Deutschland sticht Andreas Brandhorst hervor. Und, besonders: Dietmar Dath.

Bisher wollten fünf Romane des Freiburger Kritikers und Autors Zukunft möglichst originell und gesellschaftskritisch neu denken: das Genetik-Märchen “Abschaffung der Arten” (2008), der aktuelle “fünf Menschen reisen zu einer unbekannten Zivilisation auf der Sonne”-Roman “Der Schnitt durch die Sonne” (24. August 2017) und die Planeten-Romane “Pulsarnacht” (2012), “Feldeváye” (2014) und “Venus siegt” (2015).

Was geschieht, sobald man das Bewusstsein eines Menschen digitalisieren und in Maschinen speichern kann: Lassen sich Seelen kopieren? Können sie die Körper wechseln? Oder werden Menschen dann sofort von Maschinen überflügelt, bedroht?

Was passiert, wenn ein Generationen-Raumschiff nach Hunderten von Jahren einen Planeten erreicht und besiedelt – doch der Menschheit in der Zwischenzeit Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit gelingen? Und das Schiff unterwegs überholt wird? In Daths “Feldeváye” werden die Zu-Spät-Gekommenen, “Lacs”, zur verhassten Unterschicht. In “Invisible Republic” bricht die Wirtschaft zusammen, als die Erde plötzlich durch schnelle Schiffe neuen Einfluss gewinnt.

Der einzige Dath-Planetenroman, den ich deutlich empfehlen kann, ist “Venus siegt”: ein Buch über einen Funktionärssohn, der mit den Machtcliquen seiner Heimatwelt, der Venus, hadert. Und mit dem sozial-ethischen Experiment, Menschen, Robotern und entkörperlichten künstlichen Intelligenzen gleiche Rechte zu geben. Wikipedia sagt: Eh alles nur eine Metapher auf Lenin, Trotski, Hitler. Und klar: Solche Parallelen entstehen schnell. Doch statt zu rufen “Verlagert das nicht ins All! Ihr kostümiert und verharmlost damit Menschheitsgeschichte!”, lohnt es sich, bei “Invisible Republic”, bei Marxist Dath, oder bei Cardassianern und Bajoranern noch einmal in die andere Richtung zu fragen: Was wird hier erzählt, gezeigt, schattiert, hinterfragt, das in einem Türkei- oder Nazi- oder US-Roman undenkbar wäre?

Worldbuilding heißt: neu anfangen. Dinge grundsätzlich denken, von sehr weit vorne, und dann sehr weit in alle Auswüchse hinein. In Westeros, in Gotham City, in Panem oder auf Minbar lässt sich oft schneller, grundsätzlicher neu fragen: Wie sähe eine gerechte Gesellschaft aus? Worunter leiden wir? Was tun wir dagegen? “Niemandsland”, sagt Dietmar Dath, “besiedelt man am schnellsten.”

“Junge Freiheit”, “Achse des Guten”, “Tichys Einblick”, AfD: Sprache & Vokabeln

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Ich würde niemandem, der schreibt, er seit Minimalstaatler oder Freilerner, er liebe seine Heimat oder er sei gegen Zensur, vorwerfen:

Dann bist du rechts – keine Frage.

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Auf Twitter aber sehe ich immer wieder eine Blase, einen politischen Kosmos, der mich abstößt und der mir Angst macht.

Hier kurz gesammelt: die Phrasen, Codes, Signalworte, Floskeln und Stichworte, die dort IMMER wieder auftauchen.

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abmerkeln | Altparteien | Anarchokapitalist | Antiantifa | Armenimport | Asylindustrie | aufrecht | besorgte Bürger | betreutes Denken, Erziehungsmedien | bin im Shadowban | Blockwart | braver Steuerzahler | ceterum censeo | das Volk wird ausgetauscht | demografischer Terror | Demokratur | Denkverbot | denkende Bevölkerung, (klar) denkender Teil der Bevölkerung | deutscher Michel, deutsche Lemminge | direkte Demokratie | eigentümlich frei | einer, der schon länger hier lebt | Einzelfall | Einzeltäter | entbrüsseln | Erhalt der Heimat | EUdssr | Festung Europa | Flintenuschi | Flüchtlingsproblematik | frei sozial national | Freilerner | Freiwilligkeit | Frühsexualisierung | für Meinungsfreiheit und direkte Demokratie | gab.ai, #gabfam, #deutschfam | Gedankenpolizei | Gefährder | (der Islam u.a.) gehört nicht zu Deutschland | Geldsystemkritiker | Gendergaga | Genderismus | Gender-Mainstreaming | Genderterror | Genosse | Germany first | Gesinnungsterror | gesundes Volksempfinden | gleichgeschaltet, Gleichschaltung | Gutmensch | “Heerlager der Heiligen” | Heimat verteidigen! | heimatbewusst, Heimatschutz | herrschaftsfrei | Herz am rechten Fleck | heterophob | Homolobby | Ich bin kein Rassist, aber | Ich bin Patriot | Ich liebe mein Land | identitär | illegale Migranten | Immigrationskritik | Invasorenwelle | ISlam | Islamisierung | Kartellparteien | kartoffeldeutsch | Kekistan | Kinderfickersekte | Klartext, Tacheles, unbequem, Querdenker, Mund verbieten, gegen Zensur | Klimalüge | konservativ-freiheitlich | Koppverlag | Köterrasse | Kulturbereicherer | Kuscheljustiz | Landeshochverrat | lieber stehend sterben als kniend leben | linke Hetze | linke Zecke | Linksextremismus | Linksfaschismus | Linksmaden | Linksnicker | Lügenpresse | Machtelite | Machtwechsel | Männerrechtler, Männerbeauftragter, Maskulist, MRA | Maulkorb, mundtot, Stasi | mehr Freiheit – weniger Staat! Freiheit statt Sozialismus! | Meinungsdiktat, Meinungsdiktatur, Mediendiktatur | Merkel wählen, Leichen zählen | Merkelei | Merkelregime | Minimalstaat | Mut zur Wahrheit! | Nafri | nationalkonservativ | national-liberal | Nationalstolz | Neger, Bimbo | neokonservativ, alt-right | Neusprech | Opferindustrie | Pack, Deplorable, #ichbinpack | Pizzagate | politisch inkorrekt | Propagandaschau | Realitätsverweigerer | rechte Ecke | Redpill | Remigration, Rückführungshelfer | Scheinasylant | schweigende Mehrheit | sozial-libertär | Sozialparadies | Sozialschmarotzer | Sozialtourist | Steuerstaat, Superstaat | Steuern sind Raub | Stiftung der Schande | systemkonform, Bevormundung | systemkritisch | Systempresse | Teuro | think blue, blaues Wunder | Trigger-Warning, Safe Space, Snowflake | Tugendterror | Tugendwächter | Überfremdung | Umerziehung | Umvolkung | unkontrollierte Einwanderung, Zuwanderung, Masseneinwanderung | unsere Heimat | Untergang, zugrunde richten, schafft sich ab | Unterwerfung | vaterländisch, Vaterland | Verabschiedungskultur | Verfassungspatriot, “Ich liebe das Grundgesetz” | Verschwulung | völkisch | Volksverräter | Voluntarismus | “wer halb Kalkutta aufnimmt” | wertkonservativ | wertvoller als Gold | Wirtschaftsflüchtling | Zensurland, Verbotspartei, Verbotskultur, Tabu, Klartext | zuwanderungskritisch | Zwangsgebühren | zwei (volks-)deutsche Eltern, vier (volks-)deutsche Großeltern

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#traudichdeutschland

Sexismus im Studium, Sexismus an Schreibschulen: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim

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Seit Ende Juni 2016 erscheinen im Blog von “Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken” Texte über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen und -Instituten in Deutschland und der Schweiz – gesammelt, redaktionell betreut und wunderbar lektoriert von Lena Vöcklinghaus und Alina Herbig. Bisher sind diese Essay ins drei großen Dossiers gesammelt und nachzulesen:

[Update:

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Heute erscheint das vierte Dossier, mit u.a. einem Text von mir:

ein persönliches Essay über Microaggressions – alles, was Menschen sagen, um sich zu zeigen “Achtung: Wir sind nicht gleich. Hier verläuft eine Grenze: Ich bin auf der besseren Seite. Dein Pech!” Kurze Szenen, Momente, die mich im Studium verunsicherten oder bremsten.

Und viel von dem, was ich anderen Leuten antat – aus Geltungsdrang, Arroganz, aus Ungeduld oder Wut.

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Am 8. Juli las ich eine 12-Minuten-Version des Textes am Literarischen Colloquium Berlin. Für den Merkur-Blog habe ich diese Kurzversion ausgeweitet, umgestellt: Wer 15 Minuten Zeit hat – drüben auf Merkur-Zeitschrift.de steht alles, was ich dringend zur Debatte beitragen will. Wie in allen Beiträgen dort sind die Namen aller Lehrenden anonymisiert (“der Professor”, “die Professorin”): Es geht um strukturelle Zustände, Grundsätzliches. Nicht um einzelne Personen.

Hier im Blog, in einer längeren Version, wird es präziser, persönlicher, anekdotischer, ausführlicher: ein langer Text, der möglichst konkret, detailliert erzählt, was in fünf Jahren holperte und glückte, schief lief oder mich überraschte. Hier benutze ich Klarnamen; in einigen Fällen Kürzel wie A, Ö, X.

Der Text sammelt die Schwierigkeiten und Probleme. Ein anderer Text, als Gegengewicht: “Stephan Porombka: 100 Fragen”

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Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken.

Fünf Jahre als Schreibschüler

von Stefan Mesch

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Du schreibst.

Du willst vom Schreiben leben.

Du bist 14, 15, 16 und führst Tagebuch, stellst Filmkritiken ins Netz, gehst zur Schüler-, dann zur Lokalzeitung. Du gründest ein Fan-Magazin zu „Sailor Moon“.

Du liest Videospiel-Testberichte, Comics, Science Fiction, Stephen King; du liest jedes Wort der Fernsehzeitung und suchst Filme mit möglichst vielen Sternchen, Punkten in den Kategorien „Kultfaktor“ und „Anspruch“.

Du machst Abitur und hast – dank Tipps in Magazinen, dank Zufallsfunden in der Fußgängerzone, ab 16 dank dem Internet – jetzt Lieblingsautoren, Lieblingsdrehbuchautoren, Lieblingskritiker, Lieblingsjournalisten. Du hast ein Dutzend Lieblingsserienschöpfer und liest Hunderte Interviews über ihre Arbeit.

Du machst Zivildienst, du wirst 20 und weißt, wie Thomas Wolfe zum Autor wurde – in Harvard, kurz nach dem ersten Weltkrieg. Wie Janet Frame oder Simone de Beauvoir ihre literarische Arbeit organisierten – in Intellektuellenzirkeln der 60er, 70er. Wie Kevin Williamson Drehbücher umsetzen konnte – Mitte der 90er. Doch du weißt nicht, wie man in Deutschland schreiben kann: 2003, in einem Dorf zwischen Heidelberg, Karlsruhe und Heilbronn.

Du kennst keine Schriftsteller*innen, Kritiker*innen persönlich. Keiner, der mit dir spricht, geht in die Oper, sammelt Kunst, studierte Geisteswissenschaften, arbeitet beim Film.

Du hast keine Lieblings-Serienschöpferin – weil Serien fast nur von Männern geschrieben werden. Du hast keine Lieblingskritikerin, -Journalistin, weil fast keine Frauen für die Filmzeitschriften, die es im Supermarkt gibt, schreiben. In 13 Schuljahren hast du keine 30 Bücher von Autorinnen gelesen, und keine fünf davon im Unterricht.

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zwei:

Du bist normal. Deine Eltern sind getrennt – doch dein Vater hilft dir beim Umzug. Er verdient so viel, dass du nicht BaFög-berechtigt bist. Deine Schulfreunde werden Grundschullehrerin, Pädagogin, Pädagogin, Realschullehrerin, Bankberater, Programmierer. Einer macht eine Ausbildung zum Fotografen in der Kreisstadt: Er tut dir Leid. Eine studiert Medizin, 600 Kilometer nördlich: Sie macht dich stolz. Doch dich enttäuscht, keine künftigen Architekten, Rechtsanwälte, Kulturarbeiterinnen, Politikerinnen zu kennen.

Du kennst keine Punks, keine Aktivisten, keine Lesben und nur einen Schwulen, das Abitur machst du ohne Muslime oder Menschen mit Behinderung. Kein Mensch aus deinem Freundeskreis lebte als Teenager je in Miete: Alle Eltern haben Häuser, Garagen, sichere Jobs.

Du bist normal gebildet. Das heißt, du kennst die Kiwi-Taschenbücher – doch „Kiepenheuer & Witsch“ hast du noch nie gehört. Du weißt, dass auf der Seite der Rhein-Neckar-Zeitung, die mit „Feuilleton“ betitelt ist, Konzert- und Opernkritiken erscheinen. Du liest 30 Bücher im Jahr und gehst fünf, sechsmal in Theater – doch Ingeborg Bachmann, Adorno, Klopstock, Thomas Bernhard, Christian Kracht, Rainald Goetz? Niemand, den du kennst, erwähnt solche Namen. Im vierten Semester lernst du das Wort „Poetik“.

Dein Vater ist KfZ-Meister und prahlt damit, im ganzen Leben kein Buch gelesen zu haben. Deine Mutter ist Arzthelferin, seit der Ausbildung im Bertelsmann-Club – und in vier heiklen Schwangerschaften las sie wochenlang im Bett: Johannes Mario Simmel, Utta Danella, Konsalik. Suhrkamp ist dir ein Begriff – denn 15, 20 Suhrkamp-Paperbacks stehen in der Wohnwand. Alle von Hermann Hesse und Isabel Allende.

In der Lokalredaktion der Zeitung schreiben keine Frauen. Es gab den Pfarrer mit Büchern im Büro, und in der Kreisstadt zwei, drei Gymnasiallehrer und Buchhändler. Im Jahr, als du dein Abitur bestehst, schafft Joey aus „Dawson’s Creek“ den Sprung auf eine Elite-Uni: Sie studiert Kreatives Schreiben. Dawson aus „Dawson’s Creek“ arbeitet an Drehbüchern: Er schafft es auf die Filmhochschule. Du googelst „Kreatives Schreiben“ und „Filmhochschule“ – und, zur Sicherheit, „Medienwissenschaften“ und „Psychologie“.

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drei:

Ein Professor sagt, es bräuchte eigentlich ein ganzes erstes Semester – nur, um allen beizubringen, wie man lebt, schläft, kocht und sich ernährt. Du weißt bis heute nicht, ob er damit Grundlagen, Routinen, erstes Ankommen im Studium meint. Oder Lebenskunst und Bildungsbürger-Basics wie „Welchen Wein trinke ich zu Austern?“. Im ersten Semester empfiehlt er, Bachs Kunst der Fuge zu hören – um ein Gefühl für Timing in Texten zu entwickeln. Im fünften Semester empfiehlt er einen Monblanc-Füller für 500 Euro.

Dein Psychologie-Lehrbuch sagt im Kapitel zu Belastungen: 150 Punkte áuf der Stress-Skala werfen Menschen meist aus der Bahn. Der Tod eines Bruders, einer Schwester hat 80 Punkte. Ein Studienbeginn für sich allein schon über 100.

Die Filmhochschule Ludwigsburg verlangt den Nachweis eines Praktikums in der Branche: Du kennst niemanden beim Film – und bewirbst dich nicht. Die HFF Potsdam lädt dich zum Auswahlgespräch ein – doch das Komitee findet deine Urteile über Filme, Bücher gernegroß. Du triffst den Ton nicht. Aber weißt nicht, wen du hättest fragen können, um ihn zu treffen.

Das Literaturinstitut Leipzig lädt dich ein – doch das Studium dauert nur drei Jahre. Wer dort studiert, ist oft schon Mitte 20: Du sagst in der Prüfung, dass du mit Älteren, die Abschlüsse in Europarecht und Kirchenmusik haben oder gelernter Steinmetz sind, nicht mithalten kannst.

Deine Mutter fährt dich an alle drei Unis. Ihr übernachtet in Pensionen. Nichts an Hildesheim macht dir Angst, schüchtert dich ein. Zum Studienbeginn gibt dir dein Vater ein gebrauchtes Auto. Deine Mutter hilft oft bei der Miete.

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vier:

Wie viele bewarben sich: 400? Neun Frauen, fünf Männer kommen durch: Julia hat ein Kind, Nora wird schwanger. Lucias Eltern kommen aus Rumänien und China. Jan wuchs in Marseille auf. Martin macht Live-Rollenspiele. Xs Mutter lebt mit einer Frau zusammen. Y war auf einem Jesuiten-Internat.

Noch nie nahmen dich so verschiedene, erfahrene Frauen ernst: A ist gelernte Kosmetikerin, B jobbte im Kino, C schreibt für Focus Online, D verkaufte ein Jahr lang Brötchen. Alles beeindruckt dich – denn du hast keine älteren Geschwister oder Freunde, und bist noch heute unsicher bei Menschen, vier, fünf Jahre älter: Thomas Klupp, Wiebke Porombka, Paul Brodowsky… Wer dir zwei Schritte voraus ist, macht dir Angst. Du hältst Abstand – damit niemand denkt, du willst dich ranschmeißen.

Der Frauenanteil liegt bei 80, 85 Prozent – unter den Studierenden. Fast alle Kurse am Literaturinstitut leiten Männer. 2008, du bist fast fertig, bewerben sich ein Mann und eine Frau auf eine Professur. Beide langweilen dich. Der Mann erhält den Job. „Warum hörst du die Vorträge?“, fragt Sabrina. „Das ist wie ‘CSI’. Ich weiß, wie Hanns-Josef Ortheil spricht. Wie Stephan Porombka spricht. Die Fälle aller CSI-Versionen sind austauschbar. Die Ermittler nicht!“ Du hättest gern noch einen anderen Sound gehört. Verschiedene Arbeitsweisen, Zugriffe, Gemüter.

Dein Hauptfach: Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Dein Nebenfach: Film, Theater, Medien. Dazu Musik oder Kunst. Und Politik, oder Psychologie, oder Pädagogik, oder Philosophie.

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fünf:

Über Jahre wirst du ermuntert, über euch, die Stadt, dein Lernen und Scheitern zu sprechen: 2005 führen Erstsemester Tagebuch. Als Tutor liest und kürzt du alle Texte und montierst daraus ein 400-Seiten-Projekt, „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“. Ortheil spornt dich in jeder Phase an. Du fühlst dich in keinem Wort als Nestbeschmutzer.

2008 veröffentlichst du einen 20-Seiten-Text über die Tiefschläge und privaten Konflikte deines ersten Semesters. 2012 schreibst du das Vorwort der jährlichen „Landpartie“-Anthologie. 2014, für „Irgendwas mit Schreiben: Diplomschriftsteller im Beruf“ listet du deine Ziele als Autor auf. Hildesheim bringt dir bei, kritisch auf Orte und dich selbst zu blicken. Ambivalenzen für ein Publikum greif- und sichtbar zu machen.

2004 bittet Stephan Porombka, je 100 Digitalfotos zu sammeln, in denen sich die Stadt zeigt und erklärt. 2005 sollt ihr eine Hildesheimer Bushaltestelle beobachten, 2007 ein Semester lang eine Kneipe eurer Wahl besuchen, mit Gästen sprechen, ethnografisch über das Milieu schreiben. Ihr lernt, die Stadt zu öffnen. Eure Positionen zu hinterfragen. Euch selbst beim Beobachten zu beobachten.

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sechs:

Du bist enttäuscht, dass ein Student den Grundkurs Kreatives Schreiben leitet – statt Ortheil selbst. Dich ärgert, dass es kein Seminar für euch 14 Auserwählte gibt – sondern alle Kurse auch dem größeren Fachbereich offen stehen: Kulturwissenschafts-Student*innen, „KuWis“.

Fast alle KuWis, mit denen du sprichst, wollten auf Musik-, Kunst-, Schauspielschulen – und scheiterten an der Eignungsprüfung. Dich ärgert, wie viele Leute, die „nur mal testen wollen“ statt beruflich zu schreiben, in allen Seminaren hängen, und dort vor allem über Unlust, Zweifel sprechen.

Als du studentische Anthologien betreust, Texte lektorierst, hörst du fast nur „Ich schreibe eigentlich nie“ und „Für mich ist das ganz neu“. In endlosen gemeinsamen Überarbeitungen – in Absprache mit KuWis, die nie vorhatten und sich nie zutrauten, druckreife Texte zu liefern – macht ihr Texte stärker. Du lernst, respektvoll, konstruktiv zu lektorieren; doch ärgerst dich, dass du so viele unwillige Jüngere anfeuerst, mentorierst – statt selbst gecoacht zu werden.

In deinen Kunst- und Psychologie-Kursen sind KuWis. Vor allem aber Leute aus der Region, die auf Lehramt studieren: Viele haben keinen Mut oder keine Mittel, fürs Studium den Landkreis zu verlassen. Die Kunstseminare sind schleppend und verschult. Die Psychologie-Professorin tut dir Leid, weil alle drei Minuten jemand kräht „Hä? Kommt das in der Klausur?“ oder „Sie – ich raff es einfach nicht!“

Statt mit Ortheil im kleinen, elitären Kreis an eigenen Texten zu arbeiten, stehst du in tausend kalten Wassern. Brauchst deine Zeit, Energie für interdisziplänere Versuche, Projekte, Pflichtaufgaben, bei denen ein Fünftel professionell schreiben will – der Rest nur fragt, warum ihr aggressiven Schnösel alles ändern, lektorieren, verwerten müsst: fürs Radio, auf Lesungen, in Anthologien, im Netz.

Du hältst viele KuWis für Störfaktoren, Ballast – und hast Angst, selbst nur Ballast zu sein: Jo Lendle gibt eine Textwerkstatt, geht zwar auf jeden Text respektvoll ein… doch sagt am Ende, er habe ein höheres Niveau, weniger Anfänger erwartet.

Porombka und Ortheil bieten erst nach fünf Monaten Feedback zu je einem Text eurer Wahl. Porombka nennt deine Erzählung „Trash“. Ortheil findet dich sprachlich unpräzise – und empfiehlt Hemingways Kurzsätze als Gegenmittel.

In den Semesterferien liest du zwölf Bücher von Hemingway.

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sieben:

Du willst, dass alle gut sind. Wäre jemand schlecht, hieße das: Auch du bist vielleicht schlecht. Die Eignungsprüfung irrte. Dir fehlt das Zeug zum Autor.

K bricht das Studium ab. Weil K Kulturjournalismus wichtiger ist als Literatur, fragt Ä: Was, wenn ich falsch bin hier – mit meinem Journalismus-Schwerpunkt? War K unerwünscht? Fühlte sie sich unwillkommen?

Ö ist Filmexpertin und schreibt eine Rezension zu Philip K. Dick und „Blade Runner“. Porombka will, dass sie den Text überarbeitet. Sie ist nervös, verunsichert – und auch nach mehreren Mails bleibt ihr Text unveröffentlicht. Ö fragt sich, ob Porombka sie für nervig, talentlos hält. Sie schreibt nie wieder für die Uni Rezensionen.

Ü schreibt eine Comedy-Kurzgeschichte für die Jahrgangsanthologie. Mit Comedy kann keiner der Lehrenden viel anfangen. Er bewirbt sich für ein Sat.1-Förderprogramm, macht im zweiten Semester einen Workshop in Berlin, tritt im Studium kürzer – und hat bald eine Karriere als TV-Autor. Ä fragt sich jahrelang: Freut sich das Institut über den Erfolg? Oder tat Ü gut daran, zu gehen?

Du besuchst jede Ortheil-Veranstaltung, die dir offen steht. Du hörst irrsinnig gern zu – vor allem, weil dir sein Ton, seine Helden, sein Blick meist neu und fremd sind. Du kaufst, liest Ortheil-Bücher und weißt: Du wirst, kannst, willst niemals über seine Themen schreiben, in seiner Sprache.

Du magst „Sailor Moon“ – weil dort keine fähige, heroische Ausnahme-Frau für sich allein steht. Sondern zehn verschiedene Frauen mit eigenen Wesenszügen aneinander wachsen – ohne, dass die Serie sie gegeneinander stellt: Es gibt dort keine korrekte, einzig gültige Art, Heldin zu sein.

Ortheils Wissen ist dir ein Gewinn. Als Role Model macht er dir Angst: Was Ortheils Texte auszeichnet, kannst du dir nicht erarbeiten. Und was von dem, was du sagen, geben kannst, wird jemand suchen, kaufen, hören, feiern, der sonst Hanns-Josef Ortheil sucht, kauft, einlädt, feiert?

Bei vier Romanciers, zehn Professor*innen, fünf CSI-Ermittler*innen, zehn Kriegerinnen… lastet viel weniger Druck auf jedem möglichen Vorbild, Beispiel.

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acht:

Ä fragt sich, ob die Professoren Poetry Slams verachten. Ä fragt sich, ob die Professoren Sozialkritik verachten. Ä fragt sich so lange, was die Professoren interessiert, bis sie sicher ist, dass IHRE Texte die Professoren nie interessieren werden. Sie schreibt immer weniger. Ihr streitet viel: Du hältst ihre Ängste für selbsterfüllende Prophezeiungen.

Die Professoren helfen zwei Männern aus dem Jahrgang, einen Verlag zu gründen, der zukünftig alle Studiengangsprojekte verlegt. Ä fragt sich, warum sie nicht gefragt wurde, und diese Gespräche geheim blieben.

Ortheil mag die Kurzgeschichten von B, lässt sie in einem eigenen Buch des neuen Verlags drucken: als Teaser, um B an Publikumsverlage zu vermitteln. Ihr fragt euch, ob ihr schreiben solltet wie B, was er an B besonders mag und, ob ihr keine Chance auf seine Hilfe habt, wenn ihr anders schreibt.

Porombka beschäftigt zwei männliche HiWis. Ä fürchtet, Porombka kann nur mit Männern.

Du brauchst viel Zeit, Ä zuzuhören – während sie fragt, welche Professoren oder älteren Studenten wann, wie, mit wem sprechen: Wer wird eingeladen, eingebunden, wer wird gelobt – wer nicht? Ä fragt: „Denkst du, der findet mich langweilig?“, „Denkst du, der findet mich hässlich?“, „Denkst du, wenn ich femininer, zustimmender wäre, hätte ich andere Jobs und Positionen hier?“

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neun:

Du kennst ein Journalisten-Liebespaar, bis heute Inbegriff deiner liebsten Beziehungsdynamik: Clark Kent und Lois Lane. In Hildesheim suchst du eine Partnerin oder einen Partner, die oder der selbst schreibt.

Du fühlst dich nur ambitioniert-verbissenen Schreiber*innen nah: KuWis fehlt oft Schreiblust, Selbstbewusstsein, die Legitimitation durch Ortheil und Porombka. Lehrämtler*innen sind für dich Hufflepuffs: Du hasst, so oft als einziger Schreiber eines Psychologie- und Kunstkurses Schreib-Zeit zu verlieren.

Ä schlägt vor, im benachbarten Hannover zu daten. „Wen finde ich da? Da gibt es keine Schreibschule!“ Du ignorierst Hannover fünf Jahre lang.

Hildesheim ist recht arm, schroff, fromm – es gibt kaum Lesungspublikum: Student*innen bleiben in einer Blase. Du fühlst dich reicher, verdienstvoller, gebildeter als fast jeder, den du auf der Straße siehst.

In einem Filmseminar zur Nouvelle Vague sollen alle kurz sagen, was sie mit Nouvelle Vague verbinden. Von 60 Studierenden sind 55 Frauen, und gut ein Drittel sagt „Mein Vater hatte diese Filme archiviert, führte mich sehr früh an sie heran. Ich wurde mit ihnen erwachsen.“ Dein Vater weiß nicht, was Nouvelle Vague ist. Du gehst – weil du nicht hören willst, wie 20 höhere Töchter jede Woche von ihrer Bildungsbürger-Kindheit schwärmen.

Du ignorierst KuWi-Theaterstücke – verpasst Performerinnen, Regisseurinnen. Du ignorierst KuWi-Konzerte – merkst viel zu spät, wie ambitioniert viele Musik-KuWis studieren. Dich langweilt Hochschulpolitik – du lernst keine aktivistischen Stimmen kennen. Nur KuWi-Filmstudenten hörst du dauernd. In allen Kursen, mit selbstverliebten Kommentaren.

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zehn:

Ihr sprecht kaum über Geld. Du weißt nicht, wie arm oder reich eure Eltern sind. Oft wirken Männer abgerissen, ungesund, asketisch – doch haben ganz andere finanzielle Polster.

Du hältst dich für normal. Das heißt: Du wohnst allein, in einer großen Dachwohnung – doch hast kein Geld, sie richtig zu beheizen. Du frierst fünf Monate im Jahr, fünf Jahre lang. Du hast ein Auto und musst nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni – aber kein Geld für Urlaub, Restaurants. Dein Kontostand ist oft bei 20 Euro – doch nie im Minus.

Kommiliton*innen arbeiten u.a. bei Schlecker. Du machst keinen einzigen Job fürs Geld – und darfst fünf Jahre lang nur lesen, schreiben, lernen. Du verachtest jeden, der den Pizzaservice ruft, sich Cocktails oder Häagen-Dasz-Eis leistet – doch rauchst jeden Tag 30 Zigaretten. Deine Mutter zahlt gebrauchte Bücher: Du lässt dir nie eine Bibliothekskarte ausstellen – weil du nur kaufst, oder Karten von Freund*innen benutzt.

Zwei Jahre lebst du ohne Internet, recherchierst nachts im Rechenzentrum. Als dein Vater einen Anschluss legen lässt – du denkst: eine Flatrate –, du Downloads startest und 400 Euro nachzahlen sollst, hilft er dir aus, ohne Klage. Du bist 400 Kilometer weit weg, fast ohne Verpflichtungen. Aber weißt: Du kannst fast immer um Hilfe rufen – und wirst von deiner Familie aufgefangen.

Deine Mutter macht sich Sorgen, weil deine große Wohnung hinter dem Bahnhof liegt, in der Nordstadt. Du bist sicher, der belesenste Mensch der Straße zu sein. #gentrifizierung

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elf:

Egal, was du sagst oder schreibst – du siehst dich im direkten Vergleich mit den vier Männern des Jahrgangs. Neun Frauen haben es schwerer – noch mehr, sobald sie aus der Masse weiblicher KuWis stechen müssen: Jede Frau hier kennt fünf andere, die ihr ähnlich sehen, und jeder Mann und fast jede Frau debattieren, sortieren, werten, ranken diese Frauen ständig gegeneinander – ihr Aussehen, ihre Kompetenz, ihre Stellung an der Uni.

Alex macht eine Performance: Sie zieht sich aus, vor einem leeren Ladenlokal, will dort eine Woche lang nur mit Objekten leben, die ihr Fremde schenken oder leihen. „So will sie auffallen?“, fragen Männer aus dem Studiengang. „Ein alter Mann gab ihr seinen Pulli, damit sie nicht mehr nackt auf der Straße steht.“

Jede Party rekrutiert sich aus kaum 500 potenziellen, immer gleichen Gästen. V kommt enttäuscht nach Hause: „Heute war es eine Wasserloch-Party.“ Du stellst dir eine Savanne vor: Räuber, Beutetiere. „Nein“, sagt sie: „So nennt man Mädchen, die es nötig haben. Wegen dem Männermangel. Sie werden feucht, wenn auch nur EIN Mann kommt: Wasserlöcher.“

2007 bist du mit Q auf Hs Kostümfest. Du weißt nicht, ob du H gefällst. Zwei Frauen, X und Y, bleiben bis zum Schluss. X hat einen Freund, aber flirtet mit dir. Als du nicht darauf eingehst, tauscht sie Küsse mit Y. Q sagt: „Am Ende hätten all drei Frauen mit dir rum gemacht – aus Verzweiflung.“

Kurz darauf sagt Q, sie habe oft Angstzustände und sei einsam. „Ich will nichts von dir. Aber ich würde gern bei dir liegen können, wenn ich Attacken habe. Als Dank können wir auch Sex haben.“

V sagt, bei einer KuWi-Performance lud eine nackte, mit Schokolade beschmierte Studentin alle ein, an ihr zu lecken. V sagt, bei einer Theater-Semesterabschluss-Performance zum Thema Gender hätten sich mit Seifenlauge beschmierte nackte KuWis mit Sekt betrunken, bis es zu Gruppensex auf der Bühne kam. „Prüfer kuckten zu. Und wieder alles nur aus Frustration.“

Anne Köhler schreibt, sie fuhr für Dates mit einem Kommilitonen übers Wochenende nach Hamburg: In Hildesheim wären sie alle drei Meter erkannt, beurteilt worden.

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zwölf:

Eine KuWi ist lange in dich verliebt. Du denkst nur: „Nein – das liegt daran, dass hier kaum Männer sind.“ Zum ersten Mal fühlst du dich wahrgenommen, begehrt, sexuell relevant. Alle Frauen fühlen sich ungeliebt, auswechselbar wie nie.

Viele KuWis tragen Rock über Hose, bunte Tücher im Haar. Frauen, die sich strenger oder femininer kleiden, stehen schnell unter Tussi-Verdacht. Der KuWi-Look ist so eingängig, uniform, dass deine Mutter bis heute, wenn sie Autorinnen, Moderatorinnen beschreibt, oft sagt „Das war keine richtige Frau. Das war halt so ein KuWi-Mädchen.“

Deine Exfreundin hat Besuch von Kommilitonin Simone. „Na? Bist du auch so ein KuWi-Mädchen?“ – „Ich bin Simone. Ich bin eine Frau. Und ich studiere Kulturwissenschaften.“ Simone wird deine beste Freundin. Du sagst nie wieder „KuWi-Mädchen“.

Eine KuWi mit leiernder Stimme stellt verwirrte Fragen. Sie wirkt androgyn und abgemagert: Hat sie eine Essstörung? Du und eine Freundin nennt sie „Gender Bender“.

Ein KuWi trägt einen Nasenring, schwarze Fingernägel und das Glitzerlogo einer Glam-Metal-Band, Cinderella. Du und eine Freundin nennt ihn „Cinderella“.

Es gibt zwei schwarze Frauen im Fachbereich, einen Mann. Bei lesbischen und bisexuellen Frauen spekuliert ihr, ob sie nicht nur „verzweifelt“ sind. Mit der Zeit lernt ihr drei, vier KuWis kennen, die aus einfachen Elternhäusern stammen. Oft gingen sie schon in Hildesheim zur Schule.

Sina finanziert ihr Studium mit Auftritten in Gerichts-Shows auf RTL. Als sie in einem Seminar zu Literaturkritik ihre Mailadresse angibt, rollen alle die Augen und finden sie „absurd“ und „prollig“: 156-cm-purer-sex@web.de

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dreizehn:

Alle haben Angst, verwechselt, übersehen, ersetzt oder übergangen zu werden – in Freundschaften, Beziehungen, Projekten. Wer zögert oder Pflichten nicht übernehmen will, weiß: Es gibt genug genügsamen, motivierten Ersatz. Und weil sich alle ähneln, braucht es wenig, um zu irritieren:

Matthias Karow mag Gedichte von Bastian Winkler. Er gründet einen Verlag, um sie bekannter zu machen. „Nur einem Freund zuliebe?“, fragt ein Gastdozent: Matthias soll sagen, ob er schwul sei. Tatsächlich kennst du in den ersten drei Jahren keinen schwulen Schreiber oder KuWi. („DAS ist jetzt anders!“, lacht eine Freundin, seit 2016 in Hildesheim.)

Alex’ WG feiert eine Party unter dem Motto „Spießer“. Um aufzufallen, herauszustechen, trägst du eine Lederjacke und Kajal. „Warum?“, fragt Cinderella. „Warum nicht: Jetzt sehe ich EINMAL metrosexueller aus als du!“ Er lässt dich stehen, doch nimmt deine Entschuldigung bald an. Du schämst dich bis heute.

Eine Frau schreibt über Sex mit einem älteren, dominanten Mann. Eine andere über eine Schülerin, die auf der Feier einer Freundin beim Tanzen von deren Vater angefasst wird. „Sexueller Missbrauch, autobiografisch?“ – „Stefan: So was passiert jeder von uns mal. Ich wollte das einfach aufschreiben.“ Du selbst schreibst eine plakative, vulgäre, absurde Geschichte über Pädophilie – um zu beweisen, dass du jedes Genre bedienen kannst.

In Woche 2 liest ein Kommilitone einen Text aus Sicht eines unglücklichen Bisexuellen. Du verliebst dich in ihn. Drängst, ob der Text autobiografisch ist. Er weist dich zurück – und für zwei Jahre gehst du auf keine Party.

Jule leitet das Erstsemester-Tutorium, trifft die 10, 15 neuen Schreiber*innen als erste. „Tolle Leute dabei?“, fragst du jedes Jahr. 2004 gibt es nur sieben Neue. 2005 passt keine*r zu dir. In Jahr 3 kommt eine Frau, von der Jule glaubt, du wirst sie mögen. Du stürzt ins nächste Seminar, bist hingerissen… und merkst: Sie stellt wirre Fragen. Wieder nichts! Ein weiteres Jahr Warten – auf Lois-Lane-artige Neue.

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vierzehn:

Du lernst Menschen kennen, hast sie satt – doch weißt: Du siehst sie jetzt noch neun Semester lang in jedem Seminar, Projekt, musst alles mit ihnen abstimmen.

Du hasst, wie viele Texte, Vorschläge von dir Redaktionen und Lektorate passieren müssen, geführt von Leuten, die du seit Monaten oder Jahren meiden willst.

Du weißt: Jedes Jahr kommen etwa 100 neue KuWis, 15 Schreiber*innen. Das ist der Pool. Sonst gibt es niemanden.

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fünfzehn:

Deine Vermieterin ruft an: „Beseitigen Sie das mit Ihrem Auto!“ Jemand türmte 30, 40 gelbe Säcke auf den Polo, über Nacht. Dir fallen 50 Menschen ein, die dich steif, unangenehm genug finden, um darüber zu lachen. Doch kein einziger, der dich so wenig mag, um sich diese Mühe zu machen. Ein Scherz? Berechtigte Aggressionen?

Jule will für Frauenzeitschriften schreiben, und machte ein Praktikum beim Stadtmagzin Prinz. „Na, wenn das kein Kulturjournalismus ist!“, sagt Porombka. Jule hört das als Kompliment. Du denkst, er spottet.

„Es gibt verschiedene Sorten Literaturkritik. Das Feuilleton. Und dann mehr das, was Stefan macht: Brigitte-Journalismus.“ Jule denkt, Porombka scherzt. Du traust dich nicht, zu fragen.

Direkt danach fragt er, wer Radiofeatures zum Thema „Literatur und das Bett“ recherchieren will. „Proust schrieb im Bett.“ Du willst alles lesen, über Pfingsten. Porombka nickt. „Nur heißt der Pruuust, Stefan. Nicht Brauwst.“

Um zu beweisen, dass du keinen „Trash“, „Brigitte-Journalismus“ schreibst, liest du in zehn Tagen 4.200 Seiten Pruuust; und bis zum Herbst 50 Romane für ein Essay über Provinz. „Gut getrickst: Klingt fast, als hättest du das echt gelesen“, sagt Porombka und zwinkert.

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sechzehn:

Du bist stolz, nie mit „strategisch wichtigen“ Menschen gefeiert zu haben. 2005 bietet Ortheil ein Seminar zum Schreiben in Venedig. Du scheiterst nicht am Geld: Du hast keine Lust, Energie, tagelang freundlich-professionell-interessierte Distanz auszustrahlen.

2008 fährt Ortheil mit allen 40 Helfer*innen des Literaturfestivals PROSANOVA auf Sylt. Als einziges Mitglied der Leitung bleibst du in Hildesheim: Du willst, dass Leute mit dir arbeiten, weil sie deinen Ton, deine Texte mögen. Du willst kein Klima, bei dem dein Verhalten auf einer Reise oder an einer Bar entscheiden kann, welche Kompetenzen, Posten dir übertragen werden.

2006 bietet dir Porombka eine Stelle als Hilfskraft an. Du brauchst die Zeit zum Lesen, Schreiben und sagst ab. „Dir ist deine Selbstverwirklichung also wichtiger?“ mailt er – und du hast Angst, ihn vor den Kopf gestoßen zu haben. „Mach sowas nicht!“, klagt deine Mutter. „Du bist von diesen Männern abhängig!“ Das sagte sie schon über alle Lehrer deiner Schulzeit.

Du fürchtest ein paar Monate, dass dich Porombka schneidet oder hängen lässt. Dann merkst du: Nein. Er meint es ernst. Schreiben und Selbstverwirklichung sind wichtiger!

Du leitest ein Tutorium, vergütet als halbe Hiwi-Stelle – doch findest deine Steuernummer nicht und kümmerst dich nicht weiter um die 200 Euro Lohn. Eine Mitarbeiterin schreibt, sie streicht das Geld und sagt Ortheil, dass du ihre Briefe ignorierst. Du denkst: Wer Zeit für Steuernummern nimmt, hat weniger Zeit, der beste Tutor zu sein, der er sein könnte. Ortheil wird das verstehen.

Du glaubst, wer sich ums Geld kümmert, wirkt unfein, gierig. Noch 2010 prahlst du damit, nie nach Stipendien gefragt zu haben – weil du befürchtest, dass dich Kritiker als saturierten Schreibschul-Streber verlachen, der Steuergelder verbraucht. Erst Armutsexperte (und KuWi) Christian Huberts macht dir deine Privilegien klar: 200 Euro in den Wind schießen – das geht, weil deine Eltern halfen. Es ist keine Leistung oder Charakterstärke.

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siebzehn:

Martin schreibt Rezensionen im Netz, bei der „Berliner Literaturkritik“. Um nachzuziehen, aber Martin Raum zu lassen, bewirbst du dich bei „Literaturkritik.de“. Nach zwei Jahren Studium hast du endlich externe Autoritäten, die deine Arbeit schätzen, verbessern.

Davor aber haben 14 Menschen meist die selben wenigen Ziele, wollen auf die gleichen Posten: Wer darf den Grundkurs Kreatives Schreiben leiten? Muss man dafür erst Hiwi werden? Wer wird Tutor*in für neue Jahrgänge? Redakteur*in beim Webmagazin Lit04? Lektor*in der Landpartie-Anthologie? Betreuer*in neuer Buchprojekte?

Du schickst Kurzgeschichten an BELLA triste – eine Zeitschrift für junge Literatur, gegründet von Studierenden, mit denen du nicht zu sprechen wagst, weil sie zwei, drei Jahre länger in Hildesheim sind. 2005 wird Prosa von dir gedruckt. 2006 wirst du Redakteur – doch weil die erste Generation das Ruder an Jüngere übergab, fehlen dir Prestige und Anerkennung: Du glaubst, dass dich „die Älteren“ peinlich finden.

Für Lit04 liest du alle Bücher Vladimir Nabokovs. Porombka sieht die Ausschreibung für eine Konferenz an der Cornell University – und fragt, ob du den Call for Papers beantworten willst. Du weißt nicht, was ein Call for Papers ist. Doch dein Vater zahlt dir das Ticket nach New York, eine Germanistin bietet dir einen Schlafplatz an, der Vortrag glückt: Du sprichst an Nabokovs alter Uni… und merkst, wie viel entspannender, sachlicher du dich außerhalb Hildesheims verhandeln kannst.

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achtzehn:

„Drei von euch können später von Romanen leben“, warnt Ortheil 2003, beim ersten Treffen. Zu lange glaubst du, das heißt: Drei sind gut genug. Tatsächlich haben von 14 mittlerweile erst drei Romane veröffentlicht – doch fast alle sonst Sachbücher oder große Reportagen, Hörspiele, Kinderbücher, Kurzgeschichten, eine eigene TV-Serie.

Wer heute, 14 Jahre später, noch Romane schreiben will, schreibt und veröffentlicht sie: Einige Türen stehen offen. Viele aber nehmen andere Türen – weil sie rentabler sind oder mehr Spaß machen. Du dachtest, Ortheil sagt: 11 Menschen scheitern an Romanen. Doch wer keine Romane schreibt, schreibt mittlerweile fast immer in Formaten, die ihr oder ihm besser liegen.

Im Studium hörst du das „drei von euch“ als „drei sind es wert“, „drei sind vielleicht interessant“, „für drei werde ich mich einsetzen“, „drei interessieren mich“.

Du liebst eine Ortheil-Porombka-Vorlesung im ersten Jahr, „Jetztzeit“. Zwei Stunden im Audimax, schnell wie eine Samstagabendshow, mit Filmszenen, Livemusik und kurzen Präsentationen älterer Studierender. Dein ganzes Studium überlegst du: Was an meiner Arbeit, meinem Ton, meinen Texten ließen beide auf diese Bühne? Was kann ich bieten, das Porombka interessiert? Ortheil?

Porombka, erst 36, verhandelt sich mit euch. Ihr spürt: Euer Feedback hat Gewicht. Er will gehört, verstanden werden. Ortheil spricht im Fernsehen, kennt Politiker, in Lesungen sitzt ein viel älteres Publikum. Welchen Stellenwert hat euer Blick, eure Meinung für ihn?

Du horchst auf, sobald die beiden jemanden bewundern. Porombka mag Flaneure, Spieler, kleine Formen, Ironie. Auch Ortheil legt euch nahe, klein anzufangen – mit Skizzen und Notaten. Weil er Skizzen bewundert? Oder weil er glaubt, für Größeres seid ihr zu kleine Geister?

Du willst ein Seminar zur Popliteratur geben. Ortheil hält es gemeinsam mit dir, 2007. Du bist begeistert über die Freiräume, die er dir lässt – doch hast dauernd Angst, ihn zu langweilen. Du sprichst mit ihm wie mit deinem Vater: Betonst, wie hart du arbeitest. Merkst dir jede Wertung, jedes Urteil. Doch gehst, so schnell du kannst. Du fürchtest bis heute bei vielen Männern dieser Generation: Je besser sie deine Werte, Prioritäten kennen… desto läppischer, alberner finden sie dich.

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neunzehn:

Wie viele Seminare waren von Männern? Wie viele von Frauen?

Alle fünf Psychologiekurse machst du bei der selben ungewürdigten, von Lehrämtler*innen angeblafften Professorin. In Kunst unterrichten dich fünf Männer, eine Frau. Du brauchst keine Mühe, um aufzufallen. Träge Pflichtkurse, die Zeit und Kraft verschlingen.

In Film-Theater-Medien doziert eine grandiose Frau of Color, Mohini Krischke-Ramaswamy, schon 2003 über Fanfiction und lesbische Liebe in „Xena“. Patricia Feise zeigt Grundlagen der Gender Studies am Blick auf „Akte X“ und Seven of Nine. In einem Filmseminar von Corinna Antelmann lernst du an zwei Wochenenden mehr über Spannungsführung als in vier Jahren.

Hans-Otto Hügel ist Professor für Popkultur. In deiner zweiten Woche fragst du nach Pop- und… „…echter Kultur? Wissen Sie, was ich meine?“ – „Kann jemand dem Kommilitonen erklären, dass es ‘E-Kultur’ heißt?“

Erst ärgert dich, wie viel Jargon vorausgesetzt wird: von Lehrkräften, angeheuert, um euch einzuführen. Schnell aber siehst du Seminare scheitern – weil im Poetik-Seminar fast jeder denkt, es ginge um Gedichte. In Film-Seminaren dauernd Leute fragen, ob Filme überhaupt Kultur seien. Immer neue Anfänger*innen alles ausbremsen, mit Grundsatzdiskussionen.

Noch einmal „Sailor Moon“: Weil Klaus Siblewski der einzige Lektor bleibt, der in drei Jahren Kurse gibt, glaubst du, als Lektor müsse man sein wie Klaus Siblewski. Ist Felix Huby der einzige TV-Autor, glaubst du, man müsse sein wie Felix Huby. Beide sind 35 Jahre älter und – in Habitus, Ton, Naturell – entmutigend weit weg von jeder Rolle, die du beruflich füllen könntest.

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zwanzig:

An welchen Stellen entlarvst, disqualifizierst du dich – weil du feine Unterschiede nicht kennst?

2013 sagt S: „Ach, die erste BELLA-Redaktion mit ihrem Tocotronic-Look“ und dir wird klar, dass die Frisuren, Trainingsjacken, Schuhe, Zitate für jeden, der deutschsprachige Musik hört, augenfällig sind. Mit 21 macht dich irre, woher alle Adam Green, David Foster Wallace, n+1 kennen – doch kein Mensch Elke Heidenreich zuhört oder die SZ-Bibliothek liest. Weshalb lieben diese älteren Studierenden Tannenzäpfle-Bier aus dem Schwarzwald – und verachten Energy-Drinks? Menschen in deinem Dorf feiern Senseo-Kaffeepad-Maschinen. Hier zählen Espressokannen auf Gasherden in Altbau-WGs – und jede dritte Kurzgeschichte enthält das Wort „Holunderblütensirup“.

2006 willst du deine Rezensionen auf Amazon zweitveröffentlichen. Porombka glaubt, du verkaufst dich unter Wert. Alle sind geschockt, dass du auf die Idee kamst. 2012, beim Literaturwettbewerb Open Mike, liest du aus deinem Roman – und brennst Daten-CDs mit den ersten 100 Seiten, falls Zuhörer*innen mehr wollen. „Du demontierst dich!“, warnt Vea Kaiser. Sie findet, du machst dich und dein Buch lächerlich.

Über TV-Serien spricht niemand am Institut. Dann zeigt Porombka eine Szene aus „Der Bachelor“: Reality-TV ist diskutabel? Im zweiten Semester siehst du einen „Spider-Man“-Sammelband in seinem Regal. Du achtest genau, wer was erwähnt oder lobt: Sind also auch Comics hier erlaubt, salonfähig?

2017 fotografiert sich Porombka in Stützstrümpfen, Unterwäsche – als Bildwitz für die ZEIT. Du merkst, dass du bis heute mental Buch führst: Was er tut, zeigt, was Journalist*innen gerade tun dürfen – ohne, dass Verlage, Redaktionen Achtung verlieren. Je sorgloser, spielerischer Porombka im Netz agiert, desto sicherer darfst du sein, dass dich der Betrieb nicht plötzlich ausspuckt.

2004 kommt die Schriftstellerin, Journalistin Annett Gröschner ans Institut, lehrt über Literatur und Arbeitswelt. Sie ist kompetent, humorvoll – doch trumpft irritierend wenig auf. Gegen Abend ihres ersten Blockseminars (zu Sachbüchern) fragt sie in die Runde, ob jemand Buletten will. „Ortheil, Porombka würden kein Essen anbieten. Oder nur extravagante Snacks. Auf keinen Fall selbst gemachte Buletten: Annett versteht nicht, was hier läuft“, denkst du.

Ab 2009 postet KuWi Merlin verbitterte Links zur Hochschulpolitik: Dir ist nicht klar, wer Carsten Maschmeyer ist. Warum Dozierende nach Jahren gehen müssen – obwohl sie dringend bleiben wollen. Merlin sieht die Uni als fragwürdigen, drittklassigen Sumpf, voll schlecht versteckter Klüngelei.

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einundzwanzig:

Fast alle Männer, mit denen du studiert hast, arbeiten heute im Kulturbetrieb oder sichereren, lukrativen Branchen: Bildung, Werbung. Viele Frauen brachen das Studium ab.

Den längsten Atem haben oft Männer, die durch die Schreiber-Prüfung fielen, als KuWi ein Jahr alle Seminare besuchen, im zweiten Versuch bestehen. 2005, in einer Rauchpause, sagt KuWi Leif Randt, er schaut oft „Samt & Seide“ mit seiner Mutter: eine ZDF-Soap, mit der niemand kulturell punkten kann. Du fragst dich ernsthaft, ob er wegen solcher arglosen Sätze abgelehnt wird.

2008 planst du PROSANOVA, Tag und Nacht – doch eine Stunde pro Woche triffst du deine echten Freund*innen. Ihr schaut „Desperate Housewives“. Je läppischer, alberner die anderen Festivalleiter*innen das finden, desto trotziger, glücklicher sitzt du in der WG, vor dieser Soap.

In einem öffentlichen Poetiktext nennt Lyrikerin Ann Cotten die PROSANOVA-Leitung „Hildesheimer Bubi-Mafia“. Ihr seid vier Männer, zwei Frauen – und dich freut, dass sie den Player-, Poser-, Mauscheltonfall deiner Kollegen nicht ernst nehmen will.

Martin Kordic mag Milena Bodrozic und Sasa Stanisic. Als du Jagoda Marinic zu PROSANOVA holen willst, ist er auf deiner Seite. Dir scheint das etwas billig: Frauen unterstützen demonstrativ Frauen? Ostdeutsche fragen nach Ostdeutschen? Herr -ic will Texte von -ic-Autor*innen? Seilschaften oder Bonuspunkte für biografische Gemeinsamkeiten?

Später lernst du, umgekehrt zu fragen: Warum sucht niemand außer Martin Kordic südeuropäische Stimmen? Warum kennen Heterofrauen im Literaturbetrieb kaum aktuelle lesbische Autorinnen? Welche Journalisten auf Twitter empfehlen Texte von Menschen mit anderem Geschlecht, anderer Hautfarbe? Lobt ein Autor, der selbst vor allem von älteren Frauen bewundert, gekauft, gehört wird, vor allem andere Männer? Du hast den größten Respekt vor Multiplikator*innen, die sich für Menschen außerhalb ihrer In-Group interessieren und stark machen.

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zweiundzwanzig:

Jule liebt Praktika. Sie kann sich eine größere Bandbreite an Jobs vorstellen als alle anderen. Auch Ortheil ist beeindruckt. Er schreibt schon 2005, Jule wird „irgendwann mühelos über den Fluss gehüpft“ sein und ihm „von der anderen Seite aus zuwinken“.

Im Studium hast du Angst vor diesem Fluss: Hast du die Kraft, zu hüpfen? Brauchst du Ortheils Hilfe, um Redaktionen und Jobs zu finden? Dich macht stolz, ihn in fünf Jahren nur einmal direkt um eine Gefälligkeit gebeten zu haben: ein Empfehlungsschreiben für ein Praktikum am Goethe-Institut. Du hast zu kurzfristig gefragt. Er hatte keine Zeit. Das Institut will dich trotzdem.

Herausgeberschaften, Redaktionen, HiWi-Stellen, Tutorien, Lehraufträge, später Promotionen: Einige von euch werden ermutigt, eingeladen, angefragt. Andere suchen Nischen: Sie machen Radio, finden Anschluss bei Theater-, Film-, Medien-KuWis, profilieren sich außerhalb des Instituts, geben das Wettrennen auf.

Vielen Menschen im Studiengang, die sich in Porombka oder Ortheil kaum erkennen, zeigt Annett Gröschner einen dritten Weg: Sie wird Role Model. Dir selbst liegt Porombkas Witz, Schwung, Netz-Euphorie. Wie toll Annett ist, merkst du, als du ihre Texte liest. In persona bleiben die Männer im Mittelpunkt.

2017 erscheint „Es ist Liebe“ – ein Traktat, in dem Porombka Ton, Formen, Arbeitsweisen der Romantik mit neuen Formen von Dialog und Intimität im Netz vergleicht: Tinder, Snapchat, Instagram. „Er schreibt jetzt nicht mehr so extrem“, lobt deine Mutter. „In Hildesheim wolltet ihr immer aus dem Rahmen fallen, schockieren. Jetzt höre ich euch lieber.“ Sie liest das Buch zweimal.

Alle Freundschaften werden leichter, seit ihr nicht dauernd neben-, gegeneinander schreiben, sprechen, wirken müsst. Du hast keinen Spaß an deinem Text über eine Hildesheimer Bushaltestelle – erdrückt, überstrahlt, verwechselbar mit 40 ähnlichen Texten ähnlicher, verwechselbarer Menschen, alle begraben im selben Buch.

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dreiundzwanzig:

Ortheil hat keinen Blog und nutzt kein Twitter, Facebook. Auch Vea Kaiser, 28, sagt 2016 ihren Followern, dass sie jetzt online kürzer tritt. All deine Jobs, Einladungen, Engagements, Kontakte ergaben sich, weil Literaturvermittler*innen dich im Netz lasen, hörten. Dass Kaiser und Ortheil es sich leisten können, diese Kanäle zu ignorieren, zeigt dir: Es gibt noch einen zweiten, analogen Literaturbetrieb – in dem man dich nicht kennt? Wie kommst du rein?

2014 schreibt Florian Kessler, aus Hildesheim und Leipzig schaffen vor allem „Absolventen mit den hochrangigsten bundesrepublikanischen Eltern“ den Sprung in Buchhandlungen, Redaktionen, Professuren: Arztsöhne, Professorentöchter, „ein Managersohn wie Leif Randt“.

„Aber Leif schaut ‘Samt und Seide’! Er läuft rum wie ein Skater“, protestierst du: „Sein Habitus war so… Suhrkamp-fremd, dass er es auf der Uni schwerer hatte als viele!“ 2003 beschworen alle das literarische „Fräuleinwunder“: Hast du das falsche Geschlecht? Dann starb die Popliteratur: Bist du zu jung? Dann warf man Schreibschulen vor, Texte seien weltfremd, klinisch: Stellt dich deine Studienwahl ins Aus? Und jetzt watscht Florian Leute ab, weil sie reiche Eltern haben? Eure Eltern kamen im Studium nie zur Sprache!

Du brauchst lange, um zu verstehen, auf wen Florians Text befreiend wirkt. Welche Debatten er anstößt – und, dass es nie darum ging, Menschen für ihre Eltern zu strafen. „Leider stimmt in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas“, schreibt Ortheil in einem Text zu PROSANOVA 2014 – ohne weiter ins Detail zu gehen.

Statt dir Verbündete, Mentor*innen, Plattformen, Publikum zu suchen, glaubst du von 2003 bis 2008, vor allem abwägen zu müssen, was du zwei einzelnen Professoren zeigen, bieten kannst. Und, wie du auffällst – ohne, dich lächerlich zu machen. Kommuniziert hast du dabei möglichst wenig: Meist war Ortheils Hilfskraft Kai für dich Botschafter, Mittler, Orakel.

Heute – mit Facebook, Blogs, digitalen Orten für Erstkontakt und Dialog – sprichst du viel freier, bringst dich schneller ein: Du kannst alle Texte jeder denkbaren Redaktion anbieten. Hast neue, diversere Kontakte, die notfalls gern vermitteln. Porombka und Ortheil waren gute Professoren. Doch sie waren auch – strukturell – ein Nadelöhr, ein Hegemon, der einzige Fokus. Die Stadt war viel zu klein. Dein Blick zu eng.

Bei PROSANOVA 2017 öffnest du Planetromeo und Grindr. Wie viele queere Männer sitzen mittlerweile hier, in Lesungen? Der Studiengang wirkt bunter, selbstbewusster. Doch die Apps zeigen einen einzigen queeren User: Leif-Randt-Käppi, weit über 30. Nach zwei Tagen wird dir klar: Das war kein Hildesheimer. Sondern der Regisseur eines feministischen Theaterstücks – fürs Festival aus Berlin angereist.

Unnötig wenige Stimmen. Gesichter. Optionen. Hildesheim, das war für dich zu lange: Mangel.

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Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt. Was in Hildesheim funktioniert, ist sich für einen überschaubaren, also erträglichen Zeitraum Zuständen auszusetzen, modellmäßig und auf Probe, die so ein zukünftiges Autorenleben fingieren, und eine Ahnung dazu zu entwickeln, ob man das aushält“, schreibt Maren Kames.

„Ich weiß, man hört es nicht gern, aber auch an der wunderschönen Uni Hildesheim im superkuscheligen Fachbereich Kulturwissenschaften habe ich Rassismus-Erfahrungen gemacht. Ansonsten hatte ich genau die gleichen Probleme, die wir alle hatten: zu viele Fächer, zu wenig Zeit, zu viel Bürokratie“, schreibt Simone Dede Ayivi.

„Immer wieder klagt jemand, KuWi Hildesheim müsste eigentlich an eine Fachhochschule: Wissenschaftlich nicht auf dem Niveau einer Universität, künstlerisch nicht auf dem einer Kunsthochschule“, schreibt T. – der in Hildesheim promovierte.

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George R.R. Martin, J.K. Rowling, Stephen King – Autor*innen streiten und antworten, online

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Für Deutschlandfunk Kultur las ich den Blog / das Livejournal von George R.R. Martin – alle Einträge seit 2005:

  • ich notierte mir alle Buch- und Filmtipps, die Martin in den letzten 13 Jahren gab
  • ich notierte alles über seine Schreibweisen, Arbeitsweisen und Poetik
  • (wahrscheinlich werde ich beides später nochmal irgendwo sammeln/bloggen, als Linkliste)

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Morgen, 13. Juli, gegen 10.20 Uhr, bin ich Studiogast bei Deutschlandunk Kultur und spreche über Martin… und andere Autor*innen, die bloggen, an Debatten teilnehmen, über ihren Schreibprozess berichten, sich gesellschaftlich einmischen oder ihre Werke durch Tweets etc. erklären.

Vor jeder Deutschlandfunk-Sendung schicke ich meine Stichpunkte und Thesen an die Redaktion: Hintergrund-Infos und Links, aus denen Moderator*innen dann ihre Fragen fürs Livegespräch erarbeiten. Hier kurz gebloggt: meine Fundstücke und Links zur morgigen Sendung.

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  • Es gab schon immer Sekundärliteratur zu Büchern (und Serien).
  • Besonders seit dem Internet sind diese Texte, Wortmeldungen zweiter Ordnung immer öffentlicher, leichter zu finden.
  • George R.R. Martin scheint, besonders seit 2014, oft mehr zu bloggen, als an neuen Romanen zu arbeiten.
  • Ich selbst bin Fan seines Blogs und den Artikeln ÜBER seine Bücher (…und die TV-Verfilmung).
  • Wichtig: die Serie selbst und die Romane habe ich nicht durch: Ich liebe es, die Sekundärtexte, Kritiken, Debatten drumherum zu lesen.

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zu Martin selbst:

  • Er ist fast 70 (geboren 1948 in New Jersey) und lebt in Santa Fe, New Mexico. Zum zweiten Mal verheiratet, keine Kinder.
  • Er schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, Novellen und Romane; manchmal Horror, und seit 1987 eine Surperhelden-Reihe namens “Wild Cards” (fast 30 Sammelbände aus mehreren Perspektiven, verfasst von mehreren Autor*innen, Martin ist auch Herausgeber/Editor der Reihe).
  • Sein Hauptwerk, “Das Lied von Eis und Feuer”, läuft seit 1996.
  • Es sollte ursprünglich eine Trilogie werden, ist jetzt aber auf sieben Bände angelegt.
  • Bisher erschienen fünf Bände, alle auch in Deutsch (dort meist zweigeteilt): 96, 99, 2000, 2005, 2011.
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  • Seit 2011 läuft eine Verfilmung auf HBO, “Game of Thrones”. Sie ist auf acht Staffeln angelegt, Staffel 7 startet am 16. Juli (auf Englisch) und am 17. Juli (auf Deutsch).
  • Letztes Jahr hat die Serie die Bücher überholt: Die Geschichte wird ERST als TV-Verfilmung zu Ende erzählt. Martin selbst gibt viel Input. Die Serie endet 2018. Doch Roman 6 von 7, “The Winds of Winter”, erscheint frühestens 2018.das ist für alle Beteiligten etwas unglücklich, und Martin selbst wird oft belächelt: Warum schreibt er so langsam? Warum macht er so viele andere Projekte? [Ich selbst schreibe seit 2009 an meinem Roman, und einmal pro Woche will jemand mit mir über Martin reden, den anderen “zu langsamen” und “immer abgelenkten” Autor, den alle kennen.]

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Autor*innen reden mit?

  • 1992 starte die Science-Fiction-Serie “Babylon 5”. Verträge für Schauspieler*innen dürfen maximal sechs Jahre gelten. Deshalb wissen Serienmacher*innen: Alles läuft etwa sechs Jahre lang, dann wird es teuer und kompliziert, wegen neuer Vertragsverhandlungen. “Babylon 5” war eine der allerersten Serien mit einem im Vorfeld über alle Staffeln geplanten Spannungsbogen: Beeinflusst von u.a. “Herr der Ringe” erzählt die Serie von einer Raumstation, die in einen großen Krieg verwickelt wird.
  • Der Macher, J. Michael Straczynski, plante 5 Staffeln, schrieb fast alle Drehbücher zur Serie selbst und konnte trotz ein paar Schauspielerwechseln und Produktionsproblemen EINE große Geschichte erzählen. Zuvor erzählte TV meist episodisch: Jede Folge ist möglichst einsteigerfreundlich, wenig verändert sich, notfalls kann man Folgen auch in falscher Reihenfolge sehen. “Babylon 5” hat eine Fünf-Akt-Struktur und erzählt wie ein Roman: Ständig wird betont, dass jetzt ALLES anders ist und sich Dinge grundlegend verändert haben. Das ist ein starker Kontrast zu “Star Trek”, wo sich jahrzehntelang möglichst wenig ändern sollte.
  • Straczynski benutzte Fan-Foren im Internet, um jede Woche Fragen zu beantworten über seine Vision, seine Pläne und seinen Arbeitsprozess. Diese Chats sind online gesammelt, und für viele Menschen ist es normal, erst eine Folge der Serie zu sehen… und dann die gesammelten “JMS speaks”-Zitate zu lesen.

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  • Websites wie “Television without Pity” wurden irrsinnig erfolgreich, indem sie – zu einer Zeit, als Episoden noch nicht direkt als Raubkopie online zu sehen waren – jede Folge vieler laufender Serien ausführlich nacherzählten.
  • In Deutschland erzählen vor allem Welt.de/Axel Springer jeden “Tatort” und jeden größeren Polit-Talk (Anne Will etc.) nach: Diese Texte sind sehr erfolgreich.
  • Nach Footballspielen gibt es “Post-Game”-Rederunden. immer mehr Menschen wünschen sich solche Nachbesprechungen, nachdem sie eine Episode einer Serie gesehen zu haben.
  • Serien wie “The Walking Dead” gingen darauf ein und senden tatsächlich nach jeder neuen Folge eine Talkshow/Gesprächsrunde, “The Talking Dead”. “Game of Thrones” hat seit 2016 “After the Thrones”; ich mag auch die kurzen “Rebels: Recon”-Making-of-Videos zu “Star Wars: Rebels”

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  • 2012 startete “Girls”, eine Serie über vier widersprüchliche junge Frauen in New York.
  • Die New York Times schrieb ca. 40 Artikel über “Girls”, in sechs Jahren; weil viele Themen der Serie relevant für NYT-Leser*innen sind: Gentrifizierung, Gender, Lokalpolitik, Generationenfragen (Hipster, Millennials)
  • Solche Texte, die immer MIT der Serie einstiegen, aber dann oft sehr persönlich werden und über strittige gesellschaftliche Themen sprechen, heißen “Think Pieces”. Seit “Girls” gibt es nach provokanten Momenten in Serien dauernd neue “Think Pieces”.

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bei Martin und “Game of Thrones” kommt all das zusammen:

  • “Game of Thrones” zeigt viel sexuelle Gewalt und “starke” Frauen, denen Furchtbares passiert. Dreimal im Jahr erscheinen 20 Artikel über eine besonders brutale oder ambivalente “Game of Thrones”-Szene: War das “schlechter Sex” – oder Vergewaltigung? Wird eine Frau erniedrigt, und agiert fünf Folgen später als besonders kalte oder starke Kämpferin: Heißt das, der Missbrauch und das Trauma machten die Frau “stärker”?
  • Oft variieren solche Szenen im Buch und in der Serie: War es in Martins Text ruppiger Sex – oder Vergewaltigung? Ist die Serie brutaler? Ist sie, durch diese Brutalität, autormatisch frauenfeindlicher?
  • Geht es “Game of Thrones” darum, Gewalt gegen Frauen, Sexismus, Zwänge im Feudalismus, Intoleranz etc. möglichst drastisch auszustellen, zu verurteilen? Oder ist da immer ein gewisser Sexploitation-Kitzel? etc.
  • Nicht nur bei Sex- und Gender-Fragen öffnet “Game of Thrones” oft Debatten, die WEIT über die Serie selbst hinaus gehen.
  • Allergrößte Zeitungen schreiben nach Einzelepisoden lange Texte darüber, was “Game of Thrones” z.B. über den Klimawandel, das Bankenwesen oder Kolonialismus im nahen Osten erzählt.
  • (schade dagegen: Auch in großen deutschen Zeitungen erzählen manchmal nur Fanboys nach, was sie an der jeweiligen Folge “krass” oder “witzig” fanden. Das bleibt oft unreflektiertes, dünnes Clickbait-Gerede, und dem Feuilleton nicht würdig.)

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für Wortmeldungen von Autor*innen selbst gibt es den Ausdruck “Word of God”:

  • Fragen, die das Werk selbst nicht eindeutig beantwortet, werden manchmal vom Autor beantwortet.
  • Eins der bekanntesten Beispiele: J.K. Rowling, die nach dem Ende von “Harry Potter” sagt, Zauber-Rektor Dumbledore sei schwul sei. In den Büchern selbst kommt das nicht vor.
  • Rowling hat seit 2007 – vor allem auf Twitter, in Interviews und in sehr, sehr langen und detaillierten Fußnoten auf der Website “Pottermore” immer wieder offene Fragen beantwortet, Ambivalenzen ausgemerzt, Ideen konkretisiert. Oft ging das Fans auf die Nerven.
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  • Martin ist recht zurückhaltend mit solchen “Words of God”; und lügt auch immer wieder, um Wendungen/Geheimnisse nicht im Voraus zu verderben.
  • Trotzdem ist all das mittlerweile ein großer, zweiter Raum, der sich um jedes Buch und jede Serien-Episode öffnet: Fans legen Wikis an, um “Words of God” zu sammeln, TV-Schöpfer*innen livetweeten während der Erstausstrahlung wichtiger Episoden, die New York Times macht oft Interviews mit Darsteller*innen von Serien, am Morgen, nachdem ihre Figuren überraschend ausstiegen oder starben: “Wie geht es Ihnen jetzt? Und warum wurde Ihre Rolle vergewaltigt?” etc.

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John Fiske, mein Lieblings-Popkulturforscher, sagt, Dinge werden populär, wenn sie widersprüchlich bleiben, verschiedene Lesarten zulassen, nicht alle Fragen beantworten.

  • Der Witz an all den Sekundärtexten, Wortmeldungen ist, dass es immer SCHEINT, als gäbe es gleich große, gültige Antworten: Ist Figur X “böse”? Ist Y eine Metapher für Donald Trump? etc. Doch obwohl Autor*innen und Serienmacher*innen heute viel MEHR reden, verstärken ihre Drumherumtexte eher noch die Fragen und Widersprüche: Fans reiben sich produktiv an offenen Fragen. Größte Zeitungen debattieren z.B. ob die Ehefrau aus “Breaking Bad” nervt – oder als Sympathieträgerin verstanden werden soll.
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  • In Deutschland gibt es den Geniemythos: Als Autor über die eigenen Intentionen und das Handwerk zu sprechen, gilt oft als unnötig, verpönt. Martin kommt aus der Science-Fiction-Ecke, und war als Kind Fan von Sci-Fi-Groschenheften und Superheldencomics. Die Szene organisiert sich in Conventions: Fans treffen auf Macher*innen, alle bleiben in Dialog. Martin selbst schrieb Leserbriefe, die in Marvel-Comics gedruckt wurden, und fand Freunde/Anschluss, als andere Fans auf seine Briefe antworteten. Die Treffen/Conventions sind bis heute wichtig für die – gut vernetzte – Phantastik-Szene, und Martin besucht immer noch mehrere Cons im Jahr. Er schrieb als Teenager Amateurtexte – aber mit eigenen Figuren. Heute wünscht er sich, dass Fans ihre eigenen Erzählwelten bauen, statt mit vorhandenen Figuren (z.B. “Harry Potter”) neue Fanfiction-Texte zu schreiben.
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  • Es gibt einige sehr aktive, gut vernetzte Bestseller-Autor*innen in der Phantastik, bei denen die Grenze zwischen Star und Fan verwischt (weil sie selbst Fans sind und über ihr Fan-Sein sprechen)… und die in Blogs oder auf Twitter sehr viel über ihre Arbeit und ihre Begeisterung für andere Autor*innen sprechen:
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  • Neil Gaiman
  • Patrick Rothfuss
  • Cory Doctorow
  • Stephen King (der SEHR viel liest und oft großartige Buch-, Film-, Serientipps gibt)
  • manchmal JK Rowling (poltisch, besonders auf Twitter)
  • die Comic-Autorin Gail Simone
  • … und eben Martin (der nichts auf Twitter und Facebook schreibt, aber seinen Blog pflegt)
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  • Lyriker*innen können oft kluge Dinge über ihre Kolleg*innen sagen – weil Gedichte so kurz sind, dass jeder alle Gesamtwerke der anderen kennt. Deutsche Autor*innen sagen oft nichts Kluges über ihre Kolleg*innen – weil niemand sich die Zeit nimmt, viel zu lesen. Obwohl Fantasy-Bücher sehr dick sind, merkt man: Martin u.a. nehmen sich extrem viel Zeit, nach rechts und links zu schauen: Eine Szene, die sich für sich selbst interessiert, und relativ offen/einladend ist.

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mein Fazit?

  • In den 90ern warteten alle auf Hypertexte, interaktive Literatur, nicht-lineares Erzählen.
  • Das Tolle an “Words of God” und den vielen neuen Debatten-Texten ist, dass es dem nahe kommt. Es gibt die Haupterzählung, die alle Fans verfolgen: das Buch, die Serie. Und es gibt die Ausläufer, das Bonusmaterial, die Debatten drumherum: Alle können so viel oder wenig davon lesen, wie sie wollen. Man kann Dinge entdecken, und selbst mitreden.
  • Die TV-Autorin Shonda Rhimes (“Grey’s Anatomy”, “Scandal”, “How to get away with Murder”) bloggt viel über ihre Arbeit… und gesellschaftliche, politische Fragen: Ich sehe ihre Serien nicht. Aber ich bin süchtig danach, über ihren Arbeitsprozess und ihre politischen Anliegen zu lesen: Manchmal ist die Geschichte, wie und warum etwas von der Autorin gemacht wird, viel interessanter, als das, WAS gemacht wird.
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  • Die Romane von Martin machen wir wenig Spaß – er hält sich zu viel Heraldik/Wappen/höfischen Ritualen auf.
  • Die Serie sehe ich nicht gerne, weil sie oft fast nur “wie gewonnen, so zerronnen”- und “so schnell kanns gehen!”-Momente aneinander reiht: Figuren geben sich Mühe… und sterben/scheitern dann sang- und klanglos. Das soll tiefgründig, existenziell, nihilistisch wirken… doch oft kommt es mir einfach trost- und pointenlos vor.

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10 Gründe für – und gegen! – Goodreads

beim Literaturfestival Sprachsalz, Mai 2016. Foto: Denis Mörgenthaler

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Am 21. Juni bin ich Studiogast bei Deutschlandfunk Kultur – und erkläre, wie ich auf Leseplattformen neue und vergessene Bücher finde.

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Mir hilft “Social Cataloging”: Websites, auf denen ich eingebe, was ich las, sah, hörte… oder bald lesen, sehen, hören will.

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Mein Essay “Futter für die Bestie: 528 Wege zum nächsten guten Buch” (BELLA triste, Link hier) gewann 2012 den Friedrich-Oppenberg-Förderpreis der Stiftung Lesen.  Auf ZEIT Online schrieb ich über Goodreads, zuletzt 2013 (Link). Im Techniktagebuch: ein kurzer Text übers Liken und Herzchen-Vergeben in solchen Netzwerken.

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Als Literaturkritiker ist Goodreads mein wichtigstes Werkzeug.

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zehn Gründe für  – und gegen – die Plattform:

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10. Mein Leben als Leser – öffentlich sichtbar?

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Ich fand Goodreads im Juni 2008; bei einem Praktikum im Lektorat von Klett-Cotta: Ich las aktuelle britische und US-Titel und prüfte, ob sie in den Verlag passen. Oft war Goodreads die einzige Site, auf der über diese Bücher klug gesprochen wurde:kurze Kritiken – und der User-Score zwischen einem und fünf Sternen.

Knapp eine Woche überlegte ich: Was habe ich bisher gelesen? Will ich meine Lektüren mit Sternen bewerten? Ich legte ein Profil – und damit: eine öffentliche “Bibliothek” – an, ich verschlagwortete Bücher als “Deutsch, modern”, “Deutsch, Klassiker”, “international modern”, “international Klassiker”, “Genre oder Sachbuch”, “Graphic Novel” und fand ca. 2000 Lektüren, an die ich mich erinnern konnte, in der Datenbank: meine Lese-Biografie, öffentlich im Netz.

Ich bin froh, dass ich das 2008 tat: mit 25. Viele Details hätte ich mittlerweile vergessen.

  • Entscheidet, wer eure Buchsammlung sehen sollte. Alle? Nur Goodreads-Freund*innen?
  • Entscheidet, ob ihr knapp zeigen wollt, was ihr aktuell lest… oder eure komplette Lesebiografie einpflegt.
  • Entscheidet, wie ihr Bücher auf ein oder mehrere virtuelle “Regale” sortiert: “abgebrochen”? “will ich lesen”? “Lieblingsbuch”? etc.

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ein Problem: Vieles fand ich mit 8, 12, 15 umwerfend. Soll das gleichberechtigt neben aktuellen Büchern stehen? Vergebe ich 5 Sterne, weil das GUT war? Oder nur, weil es mich damals glücklich machte?

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09. Meinung – auf eine Zahl von 1 bis 5 reduziert:

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Freund*innen sind oft verwirrt und müde, wenn ich sie bitte, komplexe Meinungen zu einem Buch auf eine Skala von 1 bis 5 zu reduzieren. Doch das ist Übungssache – und macht oft Spaß. Meine Vermutung: Wer online über Bücher ins Gespräch kommen will, sucht im Jahr 2017 gar keine Leseplattformen mehr – sondern kennt fast alle. Je nach Interesse, Zeit, Stimmung, Zielgruppe, Charakter kann ich…

  • Blogs führen (und meine Rezensionen auf Amazon, Goodreads, Lovelybooks etc. kopieren).
  • Lektüren für Instagram fotografieren, Hashtags vergeben, in Hashtags wie “Essay” Neues entdecken.
  • Amazon-Wunschzettel anlegen.
  • auf Plattformen wie Literaturschock, Lovelybooks in “Leserunden” gemeinsam mit Fans & Autoren über ein Buch diskutieren.
  • auf Facebook, Twitter, Tumblr Diskussionen eröffnen, mit Freunden oder Fremden.

Bücher auf einer 5-Sterne-Skala zu werten… das ersetzt keine Literaturkritik oder Dialog. Doch es hilft, sich Vorlieben bewusst zu machen. Lese ich zu viele 3-/2-Sterne-Titel in Folge, denke ich z.B. schnell, Lesen per se mache mir gerade keinen Spaß mehr. Goodreads macht die eigenen Gewohnheiten, Ansprüche, Mechanismen sichtbar(er).

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ein Problem: Goodreads will helfen, indem jedem Stern eine Phrase zugeschrieben wird. “I did not like it” (1), “It was okay” (2), “I liked it” (3), “I really liked it” (4), “It was amazing” (5 Sterne). Meine eigene Skala: “unfähig oder böse: Ich wünschte, niemand läse dieses Buch” (1), “misslungen: Ich rate ab” (2), “nicht misslungen – doch mit größeren Problemen/Schwächen” (3), “gern gelesen, viele Stärken” (4), “umwerfend, besonders, aufregend!” (5 Sterne).

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08. der User-Score: 401 Abstufungen

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Fünf Sterne? Das klingt undifferenziert. Doch zu jedem Buch wird der Durchschnittswert öffentlich gezeigt, bis zur zweiten Kommastelle. Nur die schlechtesten oder umstrittensten Bücher haben einen Score unter 3.00 (“Feuchtgebiete”: 2.80, “Deutschland schafft sich ab”: 3.35), und nur Bücher mit besonders euphorischen Fans (z.B. Kinder und Jugendliche) kommen über 4.5 (“Harry Potter”, Band 1: 4.44).

Lovelybooks, der deutschsprachige Konkurrent zu Goodreads, zeigt den Score nur als Grafik: Fast jedes Buch hat rund 4 Sterne. Damit ist die Plattform für mich nutzlos – denn ich brauche die genaue Zahl. Und etwas Erfahrung, wie ich sie lesen/verstehen kann:

  • Romane: ab 3.75 lesenswert; ab 4.00 auffällig beliebt
  • Superheldencomics: ab 3.75 lesenswert; ab 4.00 auffällig beliebt
  • Fantasy und Science Fiction: erst ab 4.00 einen Blick wert, oft seltsame Hypes
  • Jugendbücher: ab 3.90 einen Blick wert; ab 4.20 oft krasser Mainstream/Romance.
  • Theaterstücke, Essays, Kurzgeschichtensammlungen: ab 3.90 einen Blick wert

Schullektüren werden schlechter bewertet – weil viele sie unfreiwillig lesen, und sich darüber ärgern. Bildbände haben hohe Wertungen: Weil viele Geld ausgeben? Stolz sind? Sich den Kauf schön reden? Je schwerer, trockener, anspruchsvoller, desto höher der Score: Vielleicht sind die meisten Leser*innen stolz, sich durch ein Buch gekämpft zu haben. Wichtig: Je größer das Fandom, die Nische, je leidenschaftlicher die Subkultur – desto größer die Hype-Gefahr; Bücher von/für Mormonen sowie Liebes-Groschenromane und Erotik haben oft unkritisch hohe Wertungen. Bücher aus den Niederlanden werden dagegen meist absurd schlecht bewertet: Das niederländische Heimatpublikum fühlt sich von ihren Literat*innen genervter als wir Deutschen von unseren.

ein Problem: Der “Ikea”-Effekt zeigt: Wer viel Arbeit investiert, ist stolzer als jemand, der es leichter hat. Vielleicht werden deshalb zähe, mühsame, trockene Bücher oft höher bewertet. Je mehr man denken, mitarbeiten, die Zähne zusammenbeißen muss, desto höher oft der Score. Eine gute Nachricht, eigentlich: Ein breites Publikum bereut die meisten “schwierigen” Lektüren nicht. Im Gegenteil!

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07. Anlesen, bald lesen, für später merken:

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Bücher können als “gelesen”, “lese ich gerade”, “will ich lesen” markiert werden. Meine Routine, seit Jahren: Sobald jemand ein Buch erwähnt oder empfiehlt, öffne ich Goodreads, markiere es. Gibt es eine deutsche oder englische Leseprobe, lese ich rein. Ich entscheide, ob ich das Buch interessant finde, selbst lesen würde. Um dieses Anlesen und Bald-Lesen zu organisieren, habe ich einen Zweit-Account:

  • Bei 6.600 Büchern suche ich eine Leseprobe, warte auf die Übersetzung oder die Buchpremiere.
  • 13.000 Bücher wurden von mir angelesen
  • 2.7000 Bücher von mir als “angelesen und gemocht” markiert: Ich lege sie auf meine Amazon-/Medimops-/Rebuy-Wunschzettel, blogge über sie, habe sie oft billig gebraucht gekauft und noch ungelesen im Regal stehen.
  • Hier, im Zweit-Account, nutze ich präzisere Verschlagwortungen und sortiere auf mehr Regale: “zweiter Weltkrieg”, “Bücher mit Illustrationen”, “Bücher für Neun- bis Vierzehnjährige”, “in Deutschland erschienen, doch gerade nicht im Buchhandel erhältlich” etc.
  • Sucht jemand Bücher für Teenager, die von Essen handeln, internationale Comics, die in Japan spielen etc., kann ich in zehn Minuten erste Listen erstellen.
  • Ich bin oft stundenlang in Bibliotheken, Buchhandlungen, Antiquariaten oder vor Regalen von Freund*innen. Ich blättere durch Bücher und markiere, was mich packt/interessiert – und was mich kalt lässt.

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ein Problem: Um schnell zu sehen, welchen Eindruck solche angelesen Bücher auf mich machten, gebe ich den vielversprechenden 4 Sterne, den abstoßenden 2, und allem, das ich nicht unbedingt lesen will, 3. Weil alle Sterne öffentlich sind, beeinflusse ich damit Scores – ohne, das Buch zu Ende gelesen zu haben. Verboten ist das nicht. Doch besonders bei aktuellen deutschen Titeln, die noch kaum bewertet wurden, gebe ich manchmal keine Wertung ab: Statt – anonym, und ohne, komplett gelesen zu haben – durch eine 2-Sterne-Wertung Menschen Lust aufs Buch zu nehmen.

ein größeres Problem: Bei Amazon-Kritiken werden Rezensionen von Menschen, die das Produkt nachweislich bestellten, bevorzugt. Bei Goodreads aber kann man durch Kampagnen und anonyme Sockpuppet-Accounts Scores leicht ändern. Deshalb nehme ich Scores erst ab ca. 30, 40 Einzelwertungen ernst. Viele deutschsprachige Titel aus kleinen Verlagen haben aber nur sechs, sieben Stimmen: Ihre Scores werden nie repräsentativ.

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06. “Lesezwillinge”, Vertrauenspersonen:

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Unter jedem Goodreads-Profil: die Option “Compare Books”. Eine Extra-Seite zeigt alle Titel, die man gemeinsam hat – und stellt die Wertungen gegeneinander. Eine Funktion, die ich auch gern bei Kritiker*innen hätte, die im Feuilleton rezensieren; denn sie lässt überraschend tief blicken: Ich werte Haruki Murakami und viele feministische Memoirs überdurchschnittlich hoch. Meine 3 Sterne für “Tschick” und “Der Fänger im Roggen” fallen aus dem Rahmen. Viele Deutsche geben Christian Kracht und Bret Easton Ellis einen Stern – oder fünf.

  • Die Rezensionen unter jedem Buch sind nach Beliebtheit sortiert: Unter den ersten fünf sind oft schon ein, zwei interessante Stimmen.
  • Ich sehe oft nach, wer meine Lieblings- oder Hass-Bücher ähnlich euphorisch oder negativ wertete wie ich.
  • Öffne ich die Profile, klicke ich auf “Compare Books” und sehe nach, ob ich die Wertungen plausibel/hilfreich finde.
  • Lovelybooks wurde als Bestseller- und Unterhaltungs-Plattform vermarktet. Goodreads lockt auch Expert*innen, Akademiker*innen, Nerds: Ich folge Menschen, die z.B. italienische Hochliteratur lieben, Rrriot Girls oder Mangas mit Schwulen und Lesben.

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ein Problem: In David Lodges “Changing Places” gibt ein Literaturprofessor auf einer Party zu, nie “Hamlet” gelesen zu haben – mit Folgen für seine Karriere. Ich fragte einen Germanisten-Freund, ob er zu Goodreads will. Er zierte sich lange: “Zeige ich, welche Bücher ich las, dann zeige ich damit auch, welche Bücher ich NICHT las. Ein peinlicher Offenbarungseid!” Jeder sieht, dass ich “Krieg und Frieden” nie las, “Die Blechtrommel” abbrach, nichts von Heinrich Böll kenne.

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05. Rankings und Listen.

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Spotify kennt meinen Musikgeschmack gut genug, um mir zweimal pro Woche (“Mix der Woche”, “Release Radar”) je 30 Songs vorzuschlagen – von denen viele gut passen. Auch Netflix hat eine beliebte “Recommendation Engine”. Die Empfehlungen bei Goodreads sind flau: Sobald ich deutsche Bücher bewerte, greift das System auf deutsche Bücher zurück – von denen die meisten in den USA erschienen. Weil dort noch immer Bücher über den zweiten Weltkrieg gefragt sind, heißt das: Statt Gegenwartsliteratur empfiehlt mir Goodreads – seit die persönlichen Empfehlungen eingeführt wurden (2011) – fast NUR Holocaust-Memoirs.

Unpersönlich dagegen – doch spezifisch und hilfreich: “Listopia”. Der Bereich, in dem jede*r öffentliche Listen erstellen und Titel auf bestehenden Listen nach oben voten oder neu einfügen kann.

Wer promoviert, an einem längeren Text arbeitet oder eine Nische erforschen will: Erstellt eine Liste – und schaut, ob sie wächst!

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ein Problem: Auf den ersten Blick wirkt Goodreads zu US-fixiert. Es hilft, Listen auf Deutsch anzulegen – sonst werden sie bald von englischsprachigen Vorschlägen, Favoriten dominiert.

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04. In Deutschland: lieber Lovelybooks?

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Vorgestern las ich die Verlags-Programmvorschauen für Herbst 2017: Immer wieder wurde versprochen, dass der Verlag Geld an Lovelybooks zahlt, um als dort Werbung für den neuen (meist: Unterhaltungs- oder Liebesroman) Verlosungen und -Leserunden einzurichten. Als PR-Plattform scheint Lovelybooks immer wichtiger zu werden. Auf Goodreads dagegen pflegen Verlage oft nicht einmal das deutsche Cover, den deutschen Klappentext ein (…bis Fans/deutsche User*innen das übernehmen).

Goodreads wird “deutscher”/”deutschsprachiger”, indem man…

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ein Problem: Der US-Markt sowie US-Klassiker werden durch viele, recht diverse US-Leser*innen in aller Vielfalt abgebildet – auch die Hochliteratur und akademische Diskurse. Ich finde dauernd rezensierende US-Bibiothekar*innen, Pädagog*innen. Mit etwas Mühe kann ich (immerhin) auch nach philippinischen, rumänischen, portugiesischen Bestsellern suchen. Doch die Vielfalt deutscher Verlage zeigt sich leider immer noch eher, indem man erst eine Stunde im “Perlentaucher”/Feuilleton liest, dann eine Stunde im Bahnhofsbuchhandel blättert.

“I already know how people like me, people who read books professionally and with a particular set of aesthetic values, respond to a text. I go to reader reviews to see how the other half reads” …begründet Literaturkritikerin Laura Miller – recht klassistisch / von oben herab – warum sie sich freut, dass Laienkritik, Fan-Meinungen und die Stimmen der Menschen, die meist nur zum Vergnügen lesen, durch Plattformen wie Goodreads sichtbarer werden.

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03. …und meine Daten?

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2013 wurde Goodreads von Amazon gekauft.

Auf Goodreads selbst änderte sich nichts: Ein Button namens Get a Copy leitet mich (schon seit zehn Jahren) an einen Online-Bookstore meiner Wahl; ich selbst stellte dort “Amazon.de” ein – nicht, um die Bücher dort zu kaufen, sondern, weil sich dann mit ein, zwei Klicks gleich eine Online-Leseprobe öffnet.

Die Übernahme ist problematisch, weil…

  • Amazon auf Goodreads noch schneller sehen kann, welche Bücher einen Hype/Sog entwickeln – besonders auch bei Fans und gebildeteren Käufer*innen.
  • Buch-Scores leicht zu manipulieren sind.
  • Bücher via Newsletter, Anzeigen etc. auf der Seite beworben (oder unsichtbarer gemacht) werden können.
  • Kindle-Daten dem Konzern zeigen, WIE wir lesen, wo wir abbrechen und pausieren…
  • …und Goodreads-Daten jetzt zusätzlich genau zeigen, was wir lesen WOLLEN.

Als User sind Goodreads und Amazon für mich nicht vergleichbar: Auf Goodreads kann ich Bücher markieren, sortieren, sichtbar machen oder wegklicken, in einer Optionen-Fülle, die mir Online-Stores oder Datenbanken nie gaben. Mir kommt das vor, als könne ich mit Leuchtstiften, Stickern, Handwagen etc. durch eine Buchhandlung laufen – und alles wegwerfen, umsortieren, anstreichen, nach meinen Vorstellungen stapeln. Die Amazon-Website gibt mir kaum Optionen, mich als Leser zu organisieren: Hier geht es um Angebote, Überflutung, Werbung, Kaufanreize. Goodreads dagegen ist – bislang – weiterhin ein Ort, an dem ICH entscheiden kann, was ich mir speichere und sichtbar halte.

Trotzdem glaube ich, dass Amazon durch die Goodreads-Daten noch aggressiver planen kann. (Gut, immerhin: Dass die meisten dieser Daten auf Goodreads offen sind und ich selbst – z.B. als Journalist – von außen ebenfalls viele Schlüsse aus all den Scores und Rankings etc. ziehen kann: Die Seite hat mir VIEL mehr gegeben und gezeigt, als ich bisher, durch meine Daten, dort “einzahlte”.)

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02. Abseitiges, Serien, Direktvergleiche:

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“Was macht gute Literatur aus?”, “Was macht Buch X besser als Y?”, das sind Irrsinns-Fragen: Sie müssen immer neu gestellt, verhandelt werden – und Goodreads hat auf sie keine besonders klugen oder neuen Antworten. Eine Frage aber, die die Plattform HERVORRAGEND beantwortet: “Welche Bücher lasen Menschen gern – und: lieber als andere?”

Ich bin besonders oft bei Goodreads, wenn ich mich nicht über EIN konkretes Buch informieren oder austauschen will – sondern frage:

Ich liebe die Website GraphTV: Sie zeigt, wie IMDB-User*innen alle Episoden von Serien bewerten – und liefert damit klare Tendenzen: Welche Serien laufen sich tot? Wo lohnt sich erst die zweite Staffel? Was wird besser und besser? [Beispiele: “The Americans”, “Friends”, “Game of Thrones”, “The Walking Dead”).

Goodreads ist kein Werkzeug, das mir objektiv zeigen kann: Die folgenden Bücher sind gut.

Doch Goodreads kann mir überraschend präzise Tendenzen, Entwicklungen, Abstufungen zeigen.

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ein Problem, das ich oft fürchte, aber nicht besätigen kann: “Unbequeme” Bücher, Zumutungen, Herausforderungen, Irritationen, Kurswechsel, Experimente – werden sie auf Goodreads abgestraft? Werden nur Wohlfühl-Titel hoch bewertet oder Autor*innen gelobt, die keine Wagnisse eingehen, nur eine feste Formel bedienen? Nein. Die Scores zeigen: Auch das aller-breiteste Publikum ist VIEL kritischer, experimentierfreudiger meist.

schade aber: Wer Band 1 einer Serie, Reihe nicht mag, steigt aus. Wer Band 17 liest, liebt die Reihe meist. Deshalb haben Reihen oft immer höhere Wertungen – vielleicht auch solche, die den Hype nicht verdienen?

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01. nie wieder die Angst: “Nichts macht mir Spaß!”

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Wenn ich krank bin, müde, deprimiert, frage ich nicht mehr: Was soll ich lesen, sehen, hören? Die vielen Watch- und to-Read-Lists helfen mir, Titel präsent zu halten, auf die ich mich freue. Ich öffne Goodreads in Antiquariaten, Bibliotheken, als Wunschzettel, Merk- und Einkaufsliste. Ich war nie suizidal – doch ein Blick auf die Listen macht mir wie NICHTS ANDERES klar, wie viel ich noch nicht kenne… und unbedingt kennen will. Kultur, auf die ich mich freue. Geschichten, Figuren, Stimmen, für die ich mir Zeit nehmen will.

Mein Leben fühlt sich weiter, offener an – seit ich solche Listen pflege. #Vorfreude!

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ein Problem: Für mich ist das Routine:

  • Bücher im Gespräch mit Freund*innen, im Feuilleton oder in Buchläden entdecken.
  • Sie auf Goodreads finden, Kritiken und den Score nachlesen.
  • Die Leseprobe anlesen.
  • …und DANN entscheiden: Will ich das kaufen und komplett lesen?

Viele Freund*innen brauchen das nicht: Sie lassen sich Bücher leihen oder schenken, kaufen nach Cover und Gefühl, sparen sich langes Überlegen. Ich bin Literaturkritiker: Mir ist wichtig, dass ich in alle bekannteren Bücher wenigstens kurze Blicke warf, mir einen ersten Überblick verschaffte, nicht zu viel Zeit mit Dutzendware verbringe. Doch ich verstehe alle, die sagen: “Eine Datenbank pflegen – über die eigenen Lese-Absichten? Wozu?”

Ich verbringe gut vier Tage im Monat, Bücher zu finden, zu sortieren, anzulesen, Redakteur*innen vorzuschlagen, in Listen zu bloggen.

Ich verbringe oft weniger als vier Tage im Monat damit, Bücher zu lesen.

Für mich passt diese Balance meist. Passt sie für euch? Dann: Goodreads, gern.

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Romane 2017: Die besten neuen Bücher – Herbst, Frankfurter Buchmesse & Weihnachten

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angelesen, vorgemerkt, entdeckt: meine Vorauswahl der literarischen Neuerscheinungen in der zweiten Jahreshälfte 2017 – neue Bücher für die Zeit zwischen Spätsommer, Frankfurter Buchmesse und Weihnachten.

Jeden Winter suche ich Romane / Neuerscheinungen und mache eine erste Liste für die Bücher des Jahres:

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Hier meine Auswahl für Herbst und Winter 2017.

Die Klappentexte/Buchbeschreibungen wurden von mir gekürzt.

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angelesen und gemocht:

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neue Bücher 2017 Colson Whitehead, Mariana Leky, Geoffrey Household.png

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Colson Whitehead: “Underground Railroad” (Hanser, 21.8. – Deutsch von Nikolaus Stingl) “Cora ist eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Da hört sie von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk. Über eine Falltür beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit?”

Mariana Leky: “Was man von hier aus sehen kann” (Dumont, 18.7.) “Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt.”

Geoffrey Household: “Einzelgänger, männlich” (Kein & Aber, 5.9. – Deutsch von Michel Bodmer) “Europa Anfang der Dreißigerjahre: Ein Jäger schleicht sich auf das Anwesen eines gefürchteten Diktators, legt an und zielt. Ein unvorstellbar spannender Thriller, geschrieben aus der Sicht des Verfolgten.” [Klassiker von 1939]

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neue Bücher 2017 Gael Faye, Betty Smith, Tom Drury

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Gael Faye: “Kleines Land” (Piper, 2.10. – Deutsch von Brigitte Große, Andrea Alvermann) “Als Kind pflückte Gabriel in Burundi mit seinen Freunden Mangos von den Bäumen. Heute lebt er in einem Vorort von Paris. Dorthin floh er, als der Bürgerkrieg das Paradies seiner Kindheit zerstörte. Doch er muss noch einmal zurück.”

Betty Smith: “Ein Baum wächst in Brooklyn” (Suhrkamp/Insel, 23.10. – Deutsch von Eike Schönfeld) “Die elfjährige Francie Nolan ist eine unbändige Leserin – und möchte Schriftstellerin werden. Ein Traum, der im bunten, ruppigen Williamsburg von 1912 kaum zu erfüllen ist. Hier brummen die Mietshäuser vor all den Zugewanderten.” [Klassiker von 1944.]

Tom Drury: “Grouse County” (Sammelband einer Romantrilogie, ich las und mochte “Die Traumjäger”; 5.8. – Deutsch von Gerhard Falkner, Nora Matocza) “Irgendwo im Mittleren Westen: Das Leben der Menschen zerbröckelt langsam, alle jagen unrealistischen Träumen nach – und sind Dorn im Auge des örtlichen Sheriffs, Dan Norman, der die Harmonie in seinem County wahren will. Die jüngere Generation sieht dagegen nur einen Ausweg, dem ländlichen Mief zu entkommen: nie mehr zurückkehren. Der Band enthählt die drei Romane »Das Ende des Vandalismus«, »Die Traumjäger « und den bisher auf Deutsch unveröffentlichten Roman »Pazifik«.”

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neue Bücher 2017 Tim Winton, Margaret Atwood, Elena Lappin

Tim Winton: “Inselleben. Mein Australien” (Luchterhand, 24.7. – Deutsch von Klaus Berr) [Ich glaube, das ist der schwülstigste, unfreiwillig komischste Klappentext, den ich dieses Jahr las. Winton selbst schreibt zum Glück nicht halb so… pfaffenhaft.]

Margaret Atwood: “Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays [bis 2005]” (Berlin Verlag, 13.10. – Deutsch von Christiane Buchner, Claudia Max, Ina Pfitzner) ” Rezensionen zu John Updike und Toni Morrison; ein Afghanistan-Reisebericht, der zur Grundlage für den ‘Report der Magd’ wurde, leidenschaftliche Schriften zu ökologischen Themen, Nachrufe auf einige ihrer großen Freunde und Autorenkollegen…”

Elena Lappin: “In welcher Sprache träume ich?” (Kiepenheuer & Witsch, 7.9. – Deutsch von Hans Christian Oeser) “Hineingeboren ins Russische, verpflanzt erst ins Tschechische, dann ins Deutsche, eingeführt ins Hebräische und schließlich adoptiert vom Englischen – jede Sprache markiert einen neuen Lebensabschnitt in der Familiengeschichte Elena Lappins: Fragen nach Heimat, Identität, Judentum und Sprache. Sensibel geht sie den Erzählungen, Lebenslügen und Geheimnissen der Eltern und Großeltern nach und schildert, was es heißt, mit gleich mehrfach gekappten Wurzeln zu leben und auch nach dem Verlust einer Muttersprache schreiben zu wollen.”

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neue Bücher 2017 Benjamin Alire Saenz, Guy Gavriel Kay, James Corey

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Benjamin Alire Saenz: “Die unerklärliche Logik meines Lebens” (Jugendbuch, Hanser bei Thienemann, 19.8. – Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn) “Sich gegenseitig auffangen – das haben Sal und seine beste Freundin Samantha bisher immer geschafft. Doch gelingt das auch, wenn alles droht, auseinanderzubrechen? Das letzte Schuljahr stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Sam gerät an einen miesen Typen, während Sal verzweifelt versucht, nicht zu einem zu werden.”

Guy Gavriel Kay: “Am Fluss der Sterne” (Fantasy, spielt 400 Jahre nach “Im Schatten des Himmels”, Fischer TOR, 26.10. – Deutsch von Ulrike Brauns) “Einst galt Xi’an als schönste Stadt der zivilisierten Welt, der Kaiserhof als Hort des Luxus und der Kultur. Doch seit Kitai in weiten Teilen an die Barbaren aus dem Norden gefallen ist, herrscht Angst auf den Straßen, und das Heulen der Wölfe hallt durch verfallene Gemäuer.”

James Corey: “Babylons Asche” (Science Fiction, Band 6 der “The Expanse”-Reihe, Heyne, 13.6. – Deutsch von Jürgen Langowski) “Die Menschheit hat das Sonnensystem kolonisiert. Auf dem Mond, dem Mars, im Asteroidengürtel und noch darüber hinaus gibt es Stationen und werden Rohstoffe abgebaut. Doch die Sterne sind den Menschen bisher verwehrt geblieben. Als der Kapitän eines kleinen Minenschiffs ein havariertes Schiff aufbringt, ahnt er nicht, welch gefährliches Geheimnis er in Händen hält – ein Geheimnis, das die Zukunft der ganzen menschlichen Zivilisation für immer verändern wird.”

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deutschsprachige Literatur:

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Jana Hensel: “Keinland. Ein Liebesroman” (Wallstein, 31.7.) “Jana Hensel lotet in kunstvollen Zeitsprüngen und Erinnerungen an Tage in Berlin und Nächte in Tel Aviv, an tiefe Innigkeit und immer wieder scheiternde Gespräche die Grenzen zwischen zwei Liebenden aus. Martin, der als Jude in Frankfurt am Main aufgewachsen ist, Deutschland aber nach der Wiedervereinigung verlassen hat und nach Tel Aviv gezogen ist, und Journalistin Nadja.”

Theresia Enzensberger: “Blaupause” (Hanser, 24.7.) “Luise Schilling ist jung, wissbegierig und voller Zukunft. Anfang der brodelnden zwanziger Jahre kommt sie an das Weimarer Bauhaus, studiert bei Professoren wie Gropius oder Kandinsky und wirft sich hinein in die Träume und Ideen ihrer Epoche. Zwischen Technik und Kunst, Populismus und Avantgarde, den Utopien einer ganzen Gesellschaft und individueller Liebe wird Luise deutlich, dass der Kampf um die große Freiheit vor dem eigenen kleinen Leben nie Halt macht.”

Maren Wurster: “Das Fell” (Hanser Berlin, 24.7.) “Vic freut sich auf die Reise mit Karl. Doch dann fährt Karl mit seiner Ex-Freundin und der gemeinsamen Tochter an die Ostsee und reagiert nicht auf Vics Nachrichten. Vic steigt aufs Fahrrad und fährt los, immer weiter durch eine Landschaft, die immer fremder wird. Etwas verändert sich in Vic, etwas Unheimliches kommt zum Vorschein.”

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Thomas Lehr: “Schlafende Sonne” (Hanser, 21.8.) “Der Dokumentarfilmer Rudolf Zacharias will die Vernissage einer früheren Studentin besuchen. Milena zieht in der Ausstellung nicht nur eine künstlerische Lebensbilanz, sondern die ihrer Zeit. Historische Katastrophen stehen neben den privaten Verwicklungen dreier Menschen, die Spuren führen von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis ins heutige Berlin. Ein überwältigendes Fresko dieses deutschen Jahrhunderts: tragisch, komisch, grotesk, und immer wieder ganz persönlich und intim.”

Sabrina Janesch: “Die goldene Stadt” (Rowohlt Berlin, 18.8.) “Peru, 1887. Augusto Berns will die verlorene Stadt der Inka gefunden haben. Wer ist der Mann, der vielleicht El Dorado entdeckte? Erst seit kurzem weiß man, dass Machu Picchu von einem Deutschen entdeckt wurde. Ein Roman, der uns in eine exotische Welt eintauchen lässt [uff] – und zeigt, was es bedeutet, für einen Traum zu leben.”

Klaus Cäsar Zehrer: “Das Genie” (Diogenes, 23.8.) “Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wurde von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Doch als er erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird.”

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Dietmar Dath: “Der Schnitt durch die Sonne” (S. Fischer, 24.8.) “Sechs Menschen werden zusammengerufen, um zur Sonne zu reisen: eine Schülerin, ein Koch, ein Finanzberater, eine Mathematikerin, ein Gitarrist und eine Pianistin. Sie erfahren, dass es dort eine Zivilisation gibt, die anders ist als alles, was Menschen kennen. Mit neuen Körpern sollen sie drei große Aufgaben bewältigen und geraten dabei zwischen die Fronten eines gewaltigen Konflikts. »Der Schnitt durch die Sonne« steht in der Tradition von H.G. Wells, Stanisław Lem und Arno Schmidt. Ein abenteuerlicher, philosophischer und politischer Roman, der sich den drängenden Fragen unserer Gegenwart stellt.”

Marcus Braun: “Der letzte Buddha” (Hanser Berlin, 21.8.) “1995 erkannte der Dalai Lama in einem sechsjährigen Jungen den elften Panchen Lama, den zweithöchsten Würdenträger Tibets. Chinas Regierung zog den Jungen aus dem Verkehr und installierte an seiner Stelle den Sohn regimetreuer Kader. Marcus Braun lässt den echten Heiligen zwanzig Jahre später wieder auftauchen – in Los Angeles, als Surfer. Als Jonathan erfährt, wer er in Wahrheit ist, unterzieht er sich einem Lama-Coaching. Als sich der echte und der falsche Panchen Lama gegenüberstehen, geraten alle Gewissheiten ins Wanken. Der neue Roman eines der originellsten deutschsprachigen Autoren.”

Patricia Hempel: “Metrofolklore” (Klett-Cotta/Tropen, 9.9.) “Mitte 20 muss man unglücklich verliebt sein, damit man in den Dreißigern das Liebesglück noch mehr zu schätzen weiß« – das gilt auch für lesbische Archäologiestudentinnen. Wie aber damit umgehen, wenn die schöne Helene im Universitätsflur auftaucht? Eine solche Frau, ebenso makellos wie heterosexuell, kann man schließlich nicht einfach von der Seite anquatschen. Und wie besänftigt man gleichzeitig die unerwartet heftigen Kinderwünsche der eigenen Partnerin? Im Gewand eines Minneliedes verhandelt dieses unerschrockene Debüt die Grenzen der Liebe und der Lust.”

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Sasha Marianna Salzmann: “Außer sich” (Suhrkamp, 11.9.) “Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims. Noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender.”

Barbara Schibli: “Flechten” (Dörlemann, 4.9.) “Wer bin ich? Anna ist ein eineiiger Zwilling. Sie ist aus dem bündnerischen Bever nach Zürich gezogen, um Biologie zu studieren. Nun arbeitet sie in der Flechtenforschung, während ihre Schwester Leta sich der Fotografie widmet. Beide betrachten die Welt durch eine Linse: Anna durch das Mikroskop, während Leta seit der Kindheit obsessiv Anna fotografiert. Als Anna nach Treviso zur Eröffnung von Letas Fotoinstallation »Observing the Self« fährt, fühlt sie sich von ihr verraten, missbraucht und ausgelöscht. Denn Leta hat das einzige Zeichen, das sie beide unterscheidet, wegretuschiert.”

Sven Regener: “Wiener Straße” (Galiani Berlin, 7.9.) “November 1980: Frank Lehmann, neu in einer Wohnung über dem Café Einfall. Österreichische Aktionskünstler, ein ehemaliger Intimfriseurladen, eine Kettensäge, ein Kontaktbereichsbeamter, der Besuch einer Mutter und ein Schwangerschaftssimulator setzen eine Kette von Ereignissen in Gang, die alle ins Verderben reißen. Außer einen! Kreuzberg, Anfang der 80er Jahre – das war ein kreativer Urknall, eine surreale Welt aus Künstlern, Hausbesetzern, Freaks, Punks und Alles-frisch-Berlinern. Jeder kann ein Held sein. Kunst ist das Gebot der Stunde und Kunst kann alles sein. Ein Schmelztiegel der selbsterklärten Widerspenstigen.”

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Christoph Held: “Bewohner” (Dörlemann, 18.8.) “Das Nichterkennenkönnen des eigenen Zustands gehört zum Erscheinungsbild der Alzheimerkrankheit. Held hat über viele Jahre in Alters- und Pflegeheimen beobachtet: Er erzählt von Bewohnern, die es so nicht gab, doch deren Geschichten alles andere als erfunden sind.”

Dirk van Versendaal: “Nyx” (Rowohlt, 17.11.) “Ein visionärer dystopischer Thriller, düster wie ein Film von Lars von Trier. Die Nyx, erbaut 2025, ist ein schwimmendes Ungetüm, viereinhalb Kilometer lang. Der Koloss zieht als gigantisches Alters- und Pflegeheim seine Bahnen durch alle Weltmeere – das ist einfach billiger, als die Alten an Land zu versorgen. Als die junge Ärztin Polly Sutter an Bord geht, tut sich aber schon seit längerem Unheimliches. Immer mehr Alte sterben. Die Nyx durchpflügt unbeirrbar die internationalen Gewässer, während an Bord ein Pandämonium ausbricht…”

Christian Bangel: “Oder Florida” (Piper, 2.10.) “Matthias Freier, 20, sitzt 1998 in seiner Platte und blickt auf Frankfurt (Oder): Ist das der wilde Osten – oder nur eine öde Brache, die sich fest in der Hand von Neonazis befindet?”

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Frankreich – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2017:

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Annie Ernaux: “Die Jahre” (Suhrkamp, 11.9. – Deutsch von Sonja Finck) “Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, eine prekäre Ehe, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre. Sie schreibt ihr Leben – unser Leben, das Leben – in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«.”

Arthur Dreyfus: “Nach Véronique” (Albino, 1.10. – Deutsch von Christiane Landgrebe) “Bernards Frau Véronique wird während eines Urlaubs in Tunesien Opfer eines terroristischen Anschlags. Die Tochter zieht für einige Tage in das elterliche Haus in der Pariser Banlieue. Doch Bernard will Rache. In Tunesien hat der junge Student Seifeddine gute Chancen, die ärmlichen Verhältnisse, aus denen er stammt, zu überwinden. Aber der Tod seines Bruders und die Trennung von seiner Geliebten treiben ihn in die Arme islamistischer Extremisten.” (hat passable Kritiken – doch der Klappentext klingt, als wimmle das Buch von Women in Refrigerators)

Jean-Marc Ceci: “Herr Origami” (Hoffmann & Campe, 12.9. – Deutsch von Claudia Kalscheuer) “Ein junger Japaner reist auf der Suche nach seiner großen Liebe nach Italien. Als er sie nicht finden kann, widmet er sich in der Toskana ganz der Meditation und der Herstellung von Washi, traditionellem japanischem Papier. Jahrzehnte später besucht ihn ein junger Uhrmacher. Die Begegnung gibt beiden Leben eine völlig neue Richtung.”

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Négar Djavadi: “Desorientale” (C.H. Beck, 19.9. – Deutsch von Michaela Meßner) “Ein komisch-tragischer, autobiographischer Debütroman. Kimiâ Sadrs Familie stammt aus dem Iran. Ein zweiter Erzählstrang betrifft Kimiâ und ihre Schwangerschaft. Der Mann dazu ist nur geliehen – Kimiâ liebt eher Frauen. Seit zehn Jahren im Pariser Exil, hat Kimiâ stets versucht, ihr Land, ihre Kultur, ihre Familie auf Abstand zu halten.”

Joseph Andras: “Die Wunden unserer Brüder” (Hanser, 24.7. – Deutsch von Claudia Hamm) “Die wahre Geschichte des einzigen Europäers, der 1957 im algerischen Unabhängigkeitskrieg hingerichtet wurde – ein poetisches Debüt. Fernand Iveton ist dreißig, als er im November 1956 für die algerische Unabhängigkeitsbewegung in einem verlassenen Gebäude eine Bombe legt. Der Algerienfranzose will ein Zeichen setzen, ohne Opfer zu riskieren. Doch Iveton wird verraten und noch vor der Detonation verhaftet. Ein Franzose auf Seiten der Algerier ist nicht tragbar.”

Philippe Pujol: “Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille” (Sachbuch; Hanser Berlin, 21.8. – Deutsch von Till Bardoux und Oliver Ilan Schulz) “Was Savianos “Gomorrha” für Neapel und “The Wire” für Baltimore ist, gelingt Philippe Pujol für Marseille. Ein städtischer Kosmos, in dem massive soziale Gegensätze aufeinander prallen. Von den minderjährigen Straßendealern bis zur unheiligen Allianz zwischen Lokalpolitikern und Immobilienhaie.”

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internationale Literatur:

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neue Bücher 2017 Petre M. Andreevski, Peter Nadas, Attila Bartis

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Petre M. Andreevski: “Quecke” (Guggolz, 1.8. – Deutsch von Benjamin Langer) “Andreevski (1934–2006) schrieb mit »Quecke« den großen Roman über das Mazedonien zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Jon und Velika, ein Ehepaar aus einem kleinen Dorf in den Bergen, wird von den Umbrüchen der mazedonischen Geschichte erfasst. Es ist die Zeit der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs. Die beiden erzählen in wechselnden Kapiteln von ihrem Leben – und zeigen, wie sie zwischen politischen Verwerfungen, Besitzansprüchen und Auseinandersetzungen fast zerrieben werden.”

Péter Nadas: “Aufleuchtende Details” (Autobiografie, Rowohlt, 22.9. – Deutsch von Christina Viragh) “Während Nádas’ Mutter am 14. Oktober 1942 in Budapest mit der Straßenbahn zur Entbindung fährt, liquidiert ein Einsatzkommando das Getto in Mizocz.
Jedes Ereignis, so Nádas, wirkt auf alle anderen Ereignisse ein – ob in der Politik oder der privaten Lebensgeschichte. Den weitgespannten Verflechtungen folgen Nádas’ Memoiren nicht chronologisch, sondern assoziativ, wie in seinen großen Romanen. Und durch jede einzelne Episode zieht sich die geheime Frage: Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin, wenn jede persönliche Erinnerung, jede Prägung, untrennbar mit Geschichte verstrickt ist? Und so erzählt dieses Buch nicht zuletzt davon, wie Identität unter schwierigen Bedingungen wächst, während sie sich permanent im Strom der Zeit zu verlieren droht.”

Attila Bartis: “Das Ende” (Suhrkamp, 9.10. – Deutsch von Terezia Mora) “András Szabad wächst in einer ungarischen Kleinstadt auf, innig geliebt von seiner Mutter, einer Bibliothekarin. 1956 wird sein Vater wegen Teilnahme am Aufstand verhaftet. Als er nach drei Jahren völlig gebrochen nach Hause kommt, stirbt die Mutter – das Ende einer Kindheit. Mit dem Vater zieht er nach Budapest, und András entdeckt das Fotografieren. Die Kamera wird seine Leidenschaft, das Organ, mit dem er der Welt auflauert, sie sich vom Leib hält und aufs Bild bannt. Als er Jahrzehnte später vom Unfalltod Évas erfährt, einer nach Amerika emigrierten Pianistin, mit der ihn eine Amour fou verband, beginnt er sein Leben niederzuschreiben – kurze Episoden, gestochen scharfe Dialoge.”

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neue Bücher 2017 Paolo Cognetti, Elizabeth Day, Nicolas Dickner

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Paolo Cognetti: “Acht Berge” (DVA, 11.9. – Deutsch von Christiane Burghardt) “Pietro und Bruno erkunden als Kinder die verlassenen Häuser des Bergdorfs. Als Männer schlagen die Freunde verschiedene Wege ein. Der eine wird sein Dorf nie verlassen, der andere zieht als Dokumentarfilmer in die Welt. Er ringt mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben? Was zählt wirklich im Leben?”

Elizabeth Day: “Die Party” (Dumont, 19.9. – Deutsch von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel) “Martin Gilmour hat nur einen Menschen, der ihm wirklich etwas bedeutet: Ben. Wenn er es sich auch nicht eingesteht, so dreht sich in seinem Leben doch alles darum, Ben zu gefallen und ähnlich zu sein. Ben ist das genaue Gegenteil von Martin: attraktiv, beliebt, reich. Martin genießt es, dazuzugehören. Und so tut er alles für Ben – wirklich alles.”

Nicolas Dickner: “Die sechs Freiheitsgrade” (Frankfurter Verlagsanstalt, 30.8. – Deutsch von Andreas Jandl) “Ein verlorener Trailerpark im Süden Québecs: Die fünfzehnjährige hochbegabte Tüftlerin Lisa bricht aus. Éric ist der Einzige, der sie versteht. Doch wegen chronischer Platzangst hat der junge Hacker das Haus seit Jahren nicht verlassen. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, der Lisa auf die ungewöhnlichste Weltreise seit Jules Verne schickt. Die ehemalige Kreditkartenbetrügerin Jay muss Lisas Fährte aufnehmen. Ein globales Gesellschaftsspiel beginnt.”

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neue Bücher 2017 Zurab Karumidze, Ljudmila Ulitzkaja, Szczepan Twardoch

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Zurab Karumidze: “Dagny oder: ein Fest der Liebe” (Weidle, 1.9. – Deutsch von Stefan Weidle) “Ein großes postmodernes Spiel – doch die zentrale Figur, Dagny Juel, gab es wirklich: Sie wurde am 4. Juni 1901 in Tiflis von einem nicht erhörten Liebhaber erschossen. Sich selbst erschoß er dann auch. Dagny Juel war Norwegerin, lernte früh Edvard Munch kennen und wurde sein Modell (etwa für die berühmte »Madonna«). Später traf sie auf August Strindberg, der sie erst liebte und dann in einem Drama vernichtete. Schließlich aber heiratete sie den Bohemiensatanisten Stanislaw Przybyszewski.”

Ljudmila Ulitzkaja: “Jakobsleiter” (Hanser, 21.8. – Deutsch von Ganna-Maria Braungardt) “Nach der Revolution ziehen Jakow und Marussja mit ihrer kleinen Familie nach Moskau. Während Marussja der neuen Regierung vertraut, erkennt Jakow bald die Missstände. Unter Stalin wird er nach Sibirien verbannt. Seine Frau lässt sich scheiden, auch der Sohn wendet sich ab, und seine Enkelin Nora sieht er nur einmal als Kind. Sie, die ein bewegtes Leben führen wird – Bühnenbildnerin, alleinerziehend, georgische Liebschaft – lernt ihren Großvater erst aus seinen Liebesbriefen an die Großmutter kennen. Angeregt durch den Briefwechsel ihrer eigenen Großeltern hat Ljudmila Ulitzkaja einen Roman geschrieben, der die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert aus unmittelbarer Nähe erzählt.”

Szczepan Twardoch: “Der Boxer” (Rowohlt Berlin, 24.1. – Deutsch von Olaf Kühl) “Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein. Ein überragender, thrillerhafter Roman, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich erlebbar macht.”

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Sachbücher:

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Ijoma Mangold: “Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte.” (Rowohlt, 18.08.) “Ijoma hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, geht er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründet dort eine neue Familie. Erst zweiundzwanzig Jahre später meldet er sich wieder. Wie wuchs man als «Mischlingskind» und «Mulatte» in der Bundesrepublik auf? Wie geht man um mit einem abwesenden Vater? Wie verhalten sich Rasse und Klasse zueinander? Und womit fällt man in Deutschland mehr aus dem Rahmen, mit einer dunklen Haut oder mit einer Leidenschaft für Thomas Mann und Richard Wagner?”

Rebecca Solnit: “Die Mutter aller Fragen” (Tempo, 17.11. – Deutsch von Kirsten Riesselmann) “»Warum haben Sie keine Kinder?« Diese »Mutter aller Fragen« wird Rebecca Solnit hartnäckig von Journalisten gestellt, die sich mehr für ihren Bauch als für ihre Bücher interessieren. Sie erklärt in ihren Essays, warum die Geschichte des Schweigens mit der Geschichte der Frauen untrennbar verknüpft ist, warum fünfjährige Jungen auf rosa Spielzeug lieber verzichten, und nennt 80 Bücher, die keine Frau lesen sollte, schreibt über Männer, die Feministen und Männer, die Vergewaltiger sind.”

Mareike Nieberding: “Als wir das Reden vergaßen. Eine Tochter-Vater-Geschichte” (Suhrkamp, 23.10.) “Ihre ganze Kindheit und Jugend wurde Mareike Nieberding von ihrem Vater abgeholt. Egal, wo sie war, egal, wie betrunken. Um ein Uhr nachts vom Schützenfest, um sieben nach der Schicht in der Kneipe. Sitzt sie ihm heute gegenüber, fragt sie sich, wer dieser ergrauende Mann eigentlich ist, was er fühlt, ob er glücklich ist. Wenn er sie vom Bahnhof abholt, reden sie auf dem Weg nach Hause über das Leben von Nachbarn und Bekannten, bis sie schließlich wortlos vor ihrem eigenen stehen. Sie streiten nicht. Sie haben sich nur nichts zu sagen. Als wir das Reden vergaßen erzählt davon, warum die meisten Tochter-Vater-Beziehungen nach der Pubertät nicht mehr dieselben sind. Und wie man sich wieder nahekommt, wenn man sich schon fast verloren hat.”

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neue Sachbücher 2017 Konrad Paul Liessmann, Andreas Reckwitz, Martin Reichert

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Konrad Paul Liessmann: “Bildung als Provokation” (Zsolnay, 25.9.) “Bildung wurde zu einer säkularen Heilslehre für die Lösung aller Probleme – von der Bekämpfung der Armut bis zur Integration von Migranten, vom Klimawandel bis zum Kampf gegen den Terror. Während aber „Bildung“ als Schlagwort in unserer Gesellschaft omnipräsent wurde, ist der Gebildete, ja jeder ernsthafte Bildungsanspruch zur Provokation geworden. Konrad Paul begibt sich in die Niederungen der Parteienlandschaft und die Untiefen der sozialen Netzwerke und denkt darüber nach, warum es so unangenehm ist, gebildeten Menschen zu begegnen.”

Andreas Reckwitz: “Die Gesellschaft der Singularitäten” (Suhrkamp, 9.10.) “Das Besondere und Einzigartige wird prämiert, eher reizlos ist das Allgemeine, Standardisierte. Der Durchschnittsmensch mit seinem Durchschnittsleben steht unter Konformitätsverdacht. Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Interessen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre. Ausgehend von dieser Diagnose, untersucht Andreas Reckwitz den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ökonomie, Arbeitswelt, Netzkultur, Lebensstilen und Politik abspielt.”

Martin Reichert: “Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik” (Suhrkamp, 13.11.) “Gib Aids keine Chance – fast jeder Deutsche über dreißig kennt den Slogan dieser 1987 gestarteten Kampagne. »Truvada« heißt das Wundermittel, mit dem sich diese Forderung nun erfüllen soll. Die Kapsel, die HIV-Infizierten schon seit einiger Zeit zu Therapiezwecken verschrieben wird, dient mittlerweile auch der Prophylaxe. Aids hat die Art und Weise, wie wir leben und wie wir lieben, tiefgreifend verändert. Die Kapsel berichtet davon, wie die Krankheit ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand.”

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neue Sachbücher 2017 Alexander Gorkow, Ayelet Walman und Michael Chabon, Asne Seierstad

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Alexander Gorkow: “Hotel Laguna. Meine Familie am Strand.” (Kiepenheuer & Witsch, 17.8.) “In der kleinen Bucht von Canyamel auf Mallorca verbrachte Gorkow seit den späten 60ern prägende Kindheitsurlaube. Mehr als 30 Jahre später trifft er nun Freunde von damals – und findet neue. Hier sieht er klar: seine, unsere Träume und Verluste. Zugleich Familienroman und Mentalitätsgeschichte: über unsere Urlaube, unser Land und unsere Sehnsüchte.”

Ayelet Waldman (…die ich sehr mag, und mit der ich 2010 ein langes Interview führte, LINK) und Michael Chabon (Hrsg.): “Oliven und Asche. Schriftstellerinnen und Schriftsteller berichten über die israelische Besetzung in Palästina” (Kiepenheuer & Witsch, 5.10.) “Die israelische Besatzungspolitik: International gefeierte Autorinnen und Autoren machen sich vor Ort ein Bild. Breaking the Silence wurde von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet, die in den besetzten Gebieten gedient und Ungerechtigkeit direkt erlebt haben. Eva Menasse, Dave Eggers, Colum McCann und Arnon Grünberg reisten in die besetzten Gebiete. Der Leser reist z.B. mit Rachel Kushner in ein palästinensisches Flüchtlingscamp mitten in Jerusalem, lernt mit Taiye Selasi etwas über die verbotene Liebe zwischen Israelis und Palästinensern oder lässt sich von Helon Habila die verblüffende Genese der Israelischen Sperranlage erzählen.”

Asne Seierstad: “Zwei Schwestern. Im Bann des Jihad” (Kein & Aber, 4.10. – Deutsch von Nora Pröfrock; auch Freund Sebastian Christ veröffentlicht im Herbst ein Buch über einen IS-Aussteiger, “Meine falschen Brüder”) “Aufgewachsen und sozialisiert im europäischen Westen, verlassen zwei norwegisch-somalische Schwestern im Alter von 16 und 19 ihr Heimatland Norwegen. Ihr Ziel: der IS. Die Familie trifft das völlig unvorbereitet. Über soziale Medien halten sie Kontakt, versuchen herauszufinden, wo die Schwestern sich genau befinden und was die Gründe für ihre Handlungen sind. Irgendwann bricht der Kontakt ab, und der Vater begibt sich auf die lebensgefährliche Reise nach Syrien. Warum radikalisieren sich junge Frauen, die in gesicherten Verhältnissen aufwachsen? Åsne Seierstad nähert sich der Frage mit der Neugier und Genauigkeit einer der renommiertesten Journalistinnen Europas.”

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neue Sachbücher 2017 Christiane Westermann, Henry Hitchings, Joachim Kalka Peanuts

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Christiane Westermann: “Die Sache mit dem Abschied” (…ich finde sie oft gehemmt, verstockt – und bin gespannt, ob das lesenswerter wird, indem sie ein existenzielles Thema aufgreift; Kiepenheuer & Witsch, 9.11.) “»Zur letzten Sendung komme ich nicht«, sagte Christine Westermann scherzhaft schon Jahre, bevor an ein Ende der von ihr und Götz Alsmann moderierten TV-Sendung »Zimmer frei« auch nur zu denken war. So tief saß ihre Angst vor drohenden Abschieden. Wie schwer wiegt der Abschied von einem Freund, von dem man sicher war, dass er einen überleben würde? Wie leicht kann es sein, eine Stadt, einen Wohnort hinter sich zu lassen?”

Henry Hitchings (Hrsg.): “Die Welt in Seiten. Liebeserklärungen an Buchhandlungen” (Atlantik bei Hoffmann & Campe, 17.11.) “Daniel Kehlmann sinniert über den Wunsch, nicht angesprochen zu werden. Saša Stanišic’ darüber, wie man in einer neuen Stadt einen »Dealer« findet, ohne an einen Besserwisser zu geraten. Elif Shafak beschwört die Atmosphäre einer Istanbuler Buchhandlung herauf – ihr Chaos und ihre Vielfalt, den Geruch nach Tabak und Kaffee. 15 Schriftsteller aus aller Welt erörtern die soziale, kulturelle und politische Funktion von Buchhandlungen – ob in Bogotá oder Delhi, in London oder Berlin, in Kopenhagen oder Nairobi.”

Joachim Kalka: “Die Peanuts. 100 Seiten.” (Reclam, 29.9.) “Was fasziniert uns an den Kindern (und dem Hund), die doch im Grunde nichts Besonderes erleben? Joachim Kalka zeigt, welche Strömungen der amerikanischen Gesellschaft, etwa der Hype der Psychiatrie, sich in den Peanuts spiegeln.”

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Comics / Graphic Novels:

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Manu Larceret: “Brodecks Bericht” (Reprodukt, Oktober – Ulrich Pröfrock) “Ein Winter kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends ins Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet. Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll…” [ich las die Romanvorlage an: Link]

Barbara Yelin & Thomas von Steinaecker: “Der Sommer ihres Lebens” (Reprodukt, September) “Gerda steht am Fenster des Seniorenheims. Lange hat sie die Frage aufgeschoben, jetzt sucht sie eine Antwort: Hatte sie ein glückliches Leben? Während sie versucht, den Alltag im Heim zu meistern, denkt sie zurück an ihre Jugend in den 1960er Jahren; ihre Begeisterung für ein Fach, in dem sie als Frau schief angesehen wurde, die Astrophysik; die harte Wahl, die sie damals treffen musste, in jenem Sommer ihres Lebens: zwischen ihrer Liebe zu Peter und einer Karriere im Ausland… Die erste Zusammenarbeit zwischen der Zeichnerin Barbara Yelin und dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker.”

Jillian Tamaki: “Grenzenlos” (Reprodukt, September – Deutsch von Sven Scheer) “Jenny ist ganz besessen von ihrem Spiegel-Facebook-Double – einer virtuellen, idealen Version ihrer selbst.”

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danke an Ilja Regier, der – wie in den Vorjahren – sehr viele Verlagsvorschauen in seinem Blog verlinkte:

Antje Kunstmann +++ Albino +++ Atlantik +++ Aufbau +++ AvivA +++ Berenberg +++ Berlin Verlag +++ Blumenbar +++ Braumüller +++ C. Bertelsmann +++ C. H. Beck +++ Diogenes +++ Dörlemann +++ Dumont +++ DVA +++ edition.fotoTAPETA  +++ Frankfurter Verlagsanstalt +++ Galiani-Berlin +++ Guggolz +++ Hanser +++ Hanser Berlin +++ Hoffmann und Campe +++ Insel +++ Jung und Jung +++Kein & Aber +++ Kiepenheuer & Witsch +++ Kindler +++ Klett-Cotta +++ Knaus +++ Liebeskind +++ List +++ Louisoder +++ Luchterhand +++ Manesse +++ Matthes & Seitz Berlin +++ Mikrotext +++ Nagel & Kimche +++ Piper +++ Reclam +++ Reprodukt +++ Rowohlt +++ Rowohlt Berlin +++ S. Fischer +++ Schöffling & Co. +++ Suhrkamp +++ Tempo +++ Tropen +++ Ullstein +++ Ullstein Fünf +++ Verbrecher +++ Wallstein +++ Weidle +++ Zsolnay / Deuticke

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P Olfermann

Wonder Woman: die 10 besten Comics (Buchtipps, Lesereihenfolge, Empfehlungen)

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Batman und Superman haben seit 50 Jahren immer wieder neue TV-Serien und Kinofilme. Ihre Städte, Gegner, Liebes- und Vorgeschichten sind bekannt. Wonder Woman (1941) ist fast genauso alt – doch wieder und wieder wird ihr Hintergrund verändert: eine tolle Figur – der oft die tollen Autor*innen fehlen.

Hier sind meine persönlichen Empfehlungen: lesenswerte Comics – für Einsteiger und Fans.

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01 – DC Helden

Superman Batman DC Helden

[Link] …von Paul Dini, Zeichnungen (nein: Gemälde!) von Alex Ross:

Fünf großformatige, kurze, bildlastige Helden-Portraits als wunderbarer Sammelband. Je eine – recht menschliche, gefühlvolle – Begegnung mit Superman, Batman, Wonder Woman, Captain Marvel/Shazam, dazu ein Abenteuer der Justice League und eine Handvoll weiterer Helden-Kurzbiografien. Ein Bilderbuch. Ein Coffee Table Book. Ein Buch zum Kennenlernen, Verschenken – und Staunen. [Hier die US-Ausgabe.]

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02 – Trinity

superman batman trinity

[Link] …von Matt Wagner:

Eine recht kurze, etwas simple/kindische Geschichte über die ersten Begegnungen von Superman, Wonder Woman und Batman. 50er-Jahre-Atmosphäre – charmant, für Kinder und Kindsköpfe. Im Gegensatz zu Tipp 1 kein Buch, für das ich viel Geld ausgeben würde. Im selben Stil, sehr lesenswert; aber mit einer recht kleinen Rolle für Wonder Woman: “The New Frontier” von Darwyn Cooke.

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03 – A League of One / The Hiketeia

[Link] …von Christopher Moeller

Ein charmantes Kinder- und Märchenbuch über Wonder Womans Versuch, eine unterirdische Zivilisation vor einem Drachen zu retten: kindlich, harmlos, kurz und recht naiv… aber toll zum Vorlesen oder als Gute-Nacht-Lektüre, macht Lust auf die Figur. Etwas erwachsener, aber genauso schnell gelesen: “The Hiketeia”, eine Kurzgeschichte, in der Batman und Wonder Woman in Gotham City kämpfen. “The Hiketeia” ist die Eröffnung eines viel längeren, komplexeren Wonder-Woman-Epos von Autor Greg Rucka, das ich sehr mag. Doch für sich allein funktioniert das Buch gut als… Häppchen zum Kennenlernen. [Link]

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04 – Wonder Woman: The True Amazon

[Link] …von Jill Thompson

2002 bis 2006 schrieb Greg Rucka moderne, sehr politische “Wonder Woman”-Comics. 2011 bis 2014 schuf Brian Azzarello ein blutiges, aber originelles Fantasy-Epos über Wonder Womans Krisen mit Zeus und Hera. Wer klagt, es gäbe kaum gute Geschichten über die Amazonen-Prinzessin, irrt. Was bisher aber schmerzlich fehlte: Bücher für Kinder im Grundschulalter. Jill Thompson zeigt in fast naiven Aquarellen, wie Diana als verwöhnte, hochmütige junge Thronerbin um die Bewunderung der Amazonen aus dem Hofstaat ihrer Mutter kämpft – doch an Stallmeisterin Alethea scheitert. 120 Seiten lang glauben wir, zu lesen, wie aus Diana eine Heldin, Diplomatin und “True Amazon” wird. Tatsächlich aber nimmt die Geschichte, wie in einem archaischen Märchen, eine existenzielle, überraschend kraftvolle Wendung. Als Kind hätte mich das Buch über Jahre begeistert und schockiert. Noch heute, mit 34, kann ich die Fortsetzung nicht erwarten. Harmlose Bilder. Doch die allergrößten Fragen, Themen, Konflikte.

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05 – Wonder Woman (1987)

Batman v Superman, Wonder Woman Perez

[Link] …von George Perez (Text und Zeichnungen):

Ein Klassiker – zeitlos, aber unfassbar achzigerjahrig. In vier Sammelbänden (…und Fortsetzungen, mit neuer Zeichnerin, die ich noch nicht kenne) erzählt George Perez die Anfänge, ersten Schritte von Diana jenseits ihrer Amazonen-Heimat. Alles ist überfrachtet, pomadisiert, verschnörkelt, barock. Und trotzdem so charmant, sich-selbst-und-seine-Figuren-ernst-nehmend, dass man bis heute mit Genuss lesen kann.

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06 – Sensation Comics (Sammelband 3)

[Link] …von verschiedenen Zeichner*innen und Autor*innen

Kurzgeschichten zwischen 10 und 30 Seiten, erst digital veröffentlicht, dann als Heftreihe und Sammelband. Ich mochte Sammelband 2 der “Superman”-Kurzgeschichtensammlung “Adventures of Superman”, und Sammelband 3 der folgenden “Wonder Woman”-Sammlung: sympathische Vignetten, Episoden und Experimente, leider oft recht konventionell/zweitklassig gezeichnet. Ein schöner Weg, viele Facetten der Figur kennen zu lernen und zu sehen, wie unterschiedliche Autor*innen kurze, manchmal originelle Fragestellungen an die Heldin tragen.

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07 – The Legend of Wonder Woman

Batman v Superman, Legend of Wonder Woman

[Link] …von Renae de Liz, Zeichnungen von Ray Dillon:

Manchmal sind Comics halbkompetent geschrieben, erzählt – doch laugen mich nach wenigen Seiten aus: Figuren aus “The Walking Dead” sagen zu viele Dinge dreimal. Ihre Sprechblasen sind überfüllt, die Dialoge hölzern. Auch “The Legend of Wonder Woman” krankt an solchen unpräzisen, öden Geschwätzigkeiten. Alle Frauen hier sehen aus wie Disney-Prinzessinnen. Doch kindgerecht ist die Geschichte über Dianas erste Jahre als Kriegerin und Diplomatin trotzdem nicht: Kein Kind hätte Nerven für so langatmiges Geblubber. Solide Geschichte, toll für Leser*innen ab ca. 9. Aber: uff. Kürzt diese Paraphrasen!

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08 – Wonder Woman, “Identity Crisis”, “Infinite Crisis”

Batman v Superman, Identity Crisis

[Link] …von Greg Rucka (meinem Lieblings-Comicautor), Geoff Johns und vielen anderen:

Seit 2003 war Wonder Woman vor allem Diplomatin. Trotzdem musste sie hin und wieder in den Hades steigen, oder in einem Footballstadium wie eine Gladiatorin gegen Medusa kämpfen. Eine moderne, kultivierte Frau – in archaischen Rollen, tragischen globalen und persönlichen Konflikten. Rucka schrieb zur selben Zeit auch “Superman”-Comics, und beide Reihen mündeten in einem (großartigen) Justice-League-Crossover, “Identity Crisis” und, 2006, “Infinite Crisis”. Ich habe hier [Link, Punkt: ‘Identity Crisis, 2005’] aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge diese fünf bis ca. 15 Bände am meisten Spaß machen. Lesereihenfolge am besten:

(1) Wonder Woman: Down to Earth, 160 Seiten, DC Comics 2004
(2) Wonder Woman: Bitter Rivals, 128 Seiten, DC Comics 2004
(3) Wonder Woman: Eyes of the Gorgon, 192 Seiten, DC Comics 2005
(4) Brad Meltzer: Identity Crisis, 288 Seiten, DC Comics 2005
(5) Wonder Woman: Land of the Dead, 128 Seiten, DC Comics 2006
(6) Batman: The OMAC Project, 256 Seiten, DC Comics 2005
(7) Superman: Sacrifice, 192 Seiten, DC Comics 2006
(8) Wonder Woman: Mission’s End, 208 Seiten, DC Comics 2006
(9) Geoff Johns, Phil Jimenez, George Perez: Infinite Crisis, 264 Seiten, DC Comics 2006

…und dann gern weiter zu “52” (vier Bände)

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09 – Wonder Woman (New 52, Band 1 bis 6)

Batman v Superman, Wonder Woman

[Link: 6 Bände] …von Brian Azzarello, Zeichnungen von Cliff Chiang:

Diana muss eine junge Schwangere beschützen – vor dem Zorn der Götter, sechs Sammelbände lang. Simple, aber stilsichere Zeichnungen. Kluge, schnippische Dialoge und Figuren. Nur Wendungen hat diese Odyssee durch London und die antike Unterwelt fast keine; und zwischen den pompösen griechischen Gottheiten wirkt Diana zu oft wie eine machtlose, zufällige Randfigur. Ich kenne keine zweite Mainstream-Comicreihe aus den letzten Jahren, die 30 Hefte lang auf gleichbleibend hohem Niveau eine schlüssige, anspruchsvolle Geschichte erzählte. Respekt! Doch der letzte Funke… fehlt.

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10 – Batman 66 meets Wonder Woman 77

[Link] …von Jeff Parker und Marc Andreyko, Zeichnungen von David Hahn:

Ein kindlicher, aber nie alberner Retro-Comic, der Figuren aus der “Batman”-TV-Serie von 1966 und der “Wonder Woman”-TV-Serie von 1977 zusammen bringt und zeigt, wie Diana (unsterblich) und Bruce Wayne (im zweiten Weltkrieg: ein Grundschüler) das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert erleben. Schwungvoll erzählt, toll designt/gestaltet, ein Wohlfühl-Comic, der viele Fragen übers Altern und Sich-Verändern aufwirft und mit originellen Wendungen überrascht.

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bedingt zu empfehlen: für Fans

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“Wonder Women: Earth One”

Grant Morrison (…mit dessen Comics und dessen Fans ich oft große Probleme habe) erzählt Wonder Womans Geschichte neu – und unterstreicht dabei alle Aspekte, die besonders skurril oder absurd wirken. Das Ergebnis wirkt an vielen Stellen wie plumpe Sexploitation… aber trifft durchaus den Geist der frühen Comics von 1941.

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“Wonder Woman” von Phil Jimenez

Ein schwuler Autor und Zeichner, der Fan der George-Perez-Serie von 1987 war und die Figur vergöttert, füllte mehrere Sammelbände mit feministischen und engagierten, doch oft sehr trägen, überfrachteten Geschichten: Scheitern, auf hohem Niveau. Ein lesenswertes Einzelkapitel, das alles, was gut und schlecht an Jimenez’ Zeichen- und Erzählweise ist, bündelt: Das Treffen von Wonder Woman und Lois Lane in “Wonder Woman” 170.

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“Wonder Woman” von Gail Simone

Fünf Sammelbände, in denen eine große Geschichte… erst viel zu langsam in Fahrt kommt… und dann enttäuschend verpufft. Wer langen Atem mitbringt, wird besonders Simones zweite und dritte Sammlung trotzdem mögen.

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“Wonder Woman” von Greg Rucka (2016 bis 2017)

25 Hefte, vier Sammelbände: Ein ambitionierter “Wonder Woman”-Neustart auf zwei Zeitebenen und mit zwei tollen Zeichnerinnen, Nicola Scott und Bilquis Evely, in dem sich Diana, Cheetah, Steve Trevor und Veronica Cale jahrelang quälen, den Kopf zerbrechen und gegenseitig im Weg stehen. Die Geschichte mäandert, jeder Sieg entpuppt sich als Niederlage, und ein weiterer Zeichner, Liam Sharp, bleibt viel zu düster und heavy-metal-albumhaft: Hier fehlen Erzählfreude und Schwung.

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keine Empfehlung:

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“Wonder Woman: The Greatest Stories ever told”

Eine Best-of-Sammlung, die leider zeigt, wie wenig gute Geschichten es bis ca. 2002 gab: skurril – aber langatmig, trübselig, deprimierend.

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“Who is Wonder Woman?”

Autor Allan Heinberg schrieb auch das Drehbuch zum WW-Kinofilm von 2017. Seine Comics aber sind mau. Auch die ihm folgende Autorin, Bestseller-Star Jodi Picoult, bietet wenig Lesenswertes: Massenware.

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“Amazons Attack”

Interessante Idee – mit banaler Wendung/Erklärung: Durch eine plumpe Intrige erklärt Königin Hippolyta den USA den Krieg, und verwüstet Washington. Antiklimax, undurchdacht.

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“Wonder Woman: Odyssey”

Zwei banale, schleppende Sammelbände vom (oft tollen) “Babylon 5”-Autor J. Michael Straczynski: Ein böser Zauber ließ Wonder Woman vergessen, dass sie eine Amazone ist. Gefangen in einem Paralleluniversum prügelt sie sich zurück in die Realität.

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“Wonder Woman 77”

Viel zu knappe, apolitische, harmlose und läppische Kurzgeschichten für Fans der 1977 produzierten “Wonder Woman”-TV-Serie.

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“Injustice: Gods Among Us”

Ein sehr langer, politischer/dystopischer Comic über eine Zukunft im DC-Universum, in der Superman glaubt, die Welt durch mehr Kontrolle und Überwachung sicherer machen zu können, während Batman als Widerstandskämpfer untertaucht. “Year One” und “Year Two” sind sehr lesenswert und emotional – doch Wonder Woman hat eine recht dümmliche, eindimensionale Rolle als martialische Schreckschraube an Supermans Seite: Autor Tom Taylor wird Diana nicht gerecht.

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“Odyssey of the Amazons”

Trost- und freudlose Fantasy-Saga über Amazonen aus Themyscira, die in der Vorzeit martialische/nichtssagende Begegnungen mit u.a. Wikingern haben.

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“Super Hero Girls”

Die DC-Heldinnen als junge Schülerinnen, für Leser*innen ab sechs Jahren, im Stil der “Disney Princesses”: Figuren und Zeichnungen fehlt Biss und Witz, die Geschichten bleiben arg simpel, alles wirkt püppchenhaft-sexualisiert. Besonders in Sammelband 3, “Summer Olympus”, steht Wonder Woman im Mittelpunkt. [Um Welten besser, für Leser*innen ab ca. 11: “Supergirl: Being Super”]

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“Super Powers”

Comic für Vor- und Grundschüler, das als Geschichte um Batman, Superman und Wonder Woman beginnt… doch sich zu schnell in einer (enttäuschend witzlosen) Anspielungs- und Gastauftritts-Parade verliert. Ich mochte, vom selben Zeichner-/Autoren-Team: “Tiny Titans” und, besonders, “Superman Family Adventures”.

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“Bombshells”

Was, wenn es kaum Männer mit Superkräften gäbe – sondern alle DC-Heldinnen prägend waren: schon ab den 40er Jahren, im zweiten Weltkrieg? “Bombshells” ist ein feministischer und sehr sexualisierter Remix der DC-Figuren. Viele Heldinnen sind lesbisch oder queer, und alle lassen es möglichst dramatisch krachen. Trotz vieler Fans und guter Kritiken hat mich die Reihe bisher nicht gekriegt: zu wenig Politik, zu viel Spice-Girl-haft-nichtssagende “Girl Power”.

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“Superman/Wonder Woman”

Von 2011 bis 2016 waren Superman und Wonder Woman ein Liebespaar. Der Beziehung selbst fehlt Tiefe und Charme, und der gemeinsame Comic “Superman/Wonder Woman” bietet wenig Interessantes: Klar könnte man interessant/lesenswert erzählen, was sich ändert, wenn zwei der mächtigsten und wichtigsten Figuren im DC-Universum eine Beziehung führen. Fünf Sammelbände lang erzählte diese Reihe leider… nicht viel.

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“Superman, Batman, Wonder Woman: Trinity”

längere Kritik von mir hier [Tagesspiegel, Link]: Sehr lange, schleppende Geschichte über eine Helden-Welt, aus der Batman, Superman und Wonder Woman plötzlich entfernt werden. Das heißt: Statt über die drei Titel-Figuren zu erzählen, geht es vor allem darum, wo und wie sie fehlen. Schade!

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zum aktuellen Kinofilm:

Wonder Woman ist eine interessante – weil widersprüchliche – Figur. Ich glaube, der Kinofilm ist so erfolgreich und beliebt, WEIL er die Widersprüche der Figur einem großen Publikum zeigt: spannende Frau, spannende Grundsatzfragen zu Krieg und Pazifismus.
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In den Comics – und besonders auch im Film – geht es viel um die Frage, wie man für Frieden KÄMPFT. Ob man Kriege mit Gewalt stoppen kann. Und welche Menschen “verdienen”, dass man sich für sie opfert: Nach dem Superman-Film “Man of Steel” (2013) und “Batman v. Superman” (2016) zeigt auch “Wonder Woman” (2017), wie Helden*innen scheitern – an einer komplexen Welt.
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grundsätzlich:
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  • Wonder Woman wurde 1941 erfunden. Autor William Moulton Marston war Professor, Psychologie, Feminist, Fan von Bondage und “lustvoller Unterwerfung”, in einer polyamourösen Beziehung mit zwei Frauen… und der Erfinder des Lügendetektors. All diese Aspekte prägten die Figur – sorgen aber auch dafür, dass fast alle Comics, die vor 1987 erschienen, recht hanebüchen/skurril sind.
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  • Dem Mainstream-Publikum die Figur bekannt, weil sie a) als eine der ersten weiblichen Heldinnen gegen die Nazis kämpfte, b) 1972 auf der Erstausgabe von Gloria Steinems feministischem “Ms.”-Magazin abgebildet war, c) 1977 eine bei Kindern populäre TV-Serie hatte.
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  • Seit 1986 gibt es mehrere recht gute, bis heute lesenswerte WW-Comicreihen: Wonder Woman, Batman und Superman sind die drei wichtigsten und bekanntesten Figuren des Verlags “DC Comics”; alle drei arbeiten in den Comics oft eng zusammen. Meist erscheinen Comics ein- bis zweimal im Monat als 20seitiges Heft, ca. sechs Hefte erzählen als Sammelband eine zusammenhängende Geschichte. Pro Monat gibt es meist sechs oder sieben parallele “Batman”-Reihen, doch höchstens zwei bis drei “Wonder Woman”-Reihen. Insgesamt also: weniger Material, und immer wieder Phasen, in denen jahrelang keine besonders guten Hefte/Sammelbände erscheinen.
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  • 1984 floppte der Heldinnenfilm “Supergirl” (DC). 2004 und 2005 floppten die Antiheldinnen-Comicverfilmungen “Catwoman” (DC) und “Elektra” (Marvel). Seit 2008 hat Marvel Comics großen Erfolg mit Heldenfilmen (Iron Man, The Avengers, Captain America, Thor, Guardians of the Galaxy… doch bisher kein Film über eine weibliche Figur in der Hauptrolle); und seit 2013 versucht DC eine ähnliches “Cinematic Universe” aus verknüpften Filmen (2013 “Man of Steel”, 2016 “Batman v. Superman” und “Suicide Squad”, Ende 2017 “Justice League”, später “Aquaman”, “The Flash” etc.)
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  • Der “Wonder Woman”-Kinofilm ist wichtig, weil er nach über zehn Filmen mit männlichen Hauptfiguren in den letzten Jahren der erste Versuch war, einer heroischen HeldIN einen großen Blockbuster zu widmen (…auch Regie führte eine Frau, Patty Jenkins; das Drehbuch ist von einem Mann). Es gibt eine Handvoll erfolgreicher Heldinnen-TV-Serien seit 2015: “Agent Carter” und “Jessica Jones” (beide Marvel) und “Supergirl” (DC). Doch “Wonder Woman” war der… Testballon, ob solche Figuren einen Kinofilm tragen können. Viele Fans und Kritiker mochten bereits Wonder Womans kurze Szenen in “Batman v. Superman” (2016).
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  • Tatsächlich übertraf “Wonder Woman” (2017) die Erwartungen, hat die besten Heldenfilm-Kritiken seit Jahren, wird von Feministinnen gefeiert und… darf jetzt als Beweis/Beruhigung dienen: Leute WOLLEN starke Frauen sehen. Große Erleichterung!
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“Falls du einen Asteroiden stoppen willst, rufst du Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären willst, Batman. Um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman”, sagt WW-Autorin Gail Simone.
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Wonder Woman wird in den Comics immer wieder als umsichtige und intelligente Diplomatin gezeigt, die zeigt und reflektiert, dass jeder Mensch für viele Dinge steht: Sie selbst eben als Frau mit Superkräften, die in einem Matriarchat groß wurde. Es gibt großartige Comics über die Diplomatin, Menschenrechtlerin, Spokesperson, Feministin, Staatsfrau Wonder Woman.
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Doch es gibt auch die wütende Kriegerin mit blutbespritztem Schwert und Korsage, die leichthin Gegner abschlachtet. Fast alle Comic-Autor*innen wollen Wonder Woman als “starke Frau” zeigen und an ihrem Beispiel erklären, was für sie eine “starke Frau” ausmacht – doch das Ergebnis variiert von Sammelband zu Sammelband: archaische Kriegsprinzessin? Modische, bisexuelle Pop-Feminismus-Ikone? Blutrünstiges Pin-up-Girl?
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Der Film zeigt, wie Prinzessin Diana von Themyscira ihre Insel verlässt und den ersten Weltkrieg beenden will – weil sie glaubt, dass Kriegsgott Ares den Krieg angezettelt hat und es ihre Aufgabe als Amazone sei, ihn zu stoppen, mit einem Schwert namens “Godkiller”. Die große Stärke des Films: dass er die richtigen Fragen stellt… statt vorschnell Antworten zu schustern: Man schaut mit Kopfschmerzen und schlechtem Bauchgefühl, und überlegt “Jetzt will sie Frieden bringen – indem sie einen Gott ermordet?” und “Was, wenn statt Ares einfach nur die Schlechtheit der Menschen Grund ist für den Weltkrieg?” etc.
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Faszinierende Fragen und Widersprüche, die den Film lebendig und halbwegs spannend machen – auch, wenn die Antworten am Ende des Films dann doch recht unterkomplex ausfallen.
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Ich denke bei allen DC-Held*innenfilmen seit “The Dark Knight” (2008) oft ans Sprichwort “Wenn du nichts anderes hast als einen Hammer, sieht jedes Problem für dich aus wie ein Nagel.”
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Wonder-Woman-Comics erzählten schon immer viel von Kriegen – weil Kriegsgott Ares einer der wichtigsten Antagonisten im Comic ist.
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Bisher aber wurde die (unsterbliche) Heldin noch nie im 1. Weltkrieg gezeigt: Das Setting macht Spaß, weil die Figur (jung, unerfahren, sah noch nie einen Mann und weiß nichts über die Moderne) und der Krieg (nihilistisch, diplomatisch verworren) schlecht zueinander passen. Im Superman-Film “Man of Steel” bricht der unerfahrene Superman einem Gegner das Genick, weil er sich nicht anders zu helfen weiß. Seine Adoptiveltern raten ihm den ganzen Film über, die Menschheit sich selbst zu überlassen und sich ums private Glück zu kümmern: “Du schuldest diesen Leuten nichts.”
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Auch Wonder Woman hört im ersten Weltkrieg von allen Seiten kritische bis zynische Fragen: Haben die Menschen/Männer eine Heldin und Retterin verdient?
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Ich finde die Frage harsch, unsympathisch und unheroisch (…weil ich will, das idealistische Helden wie Superman und Wonder Woman GERN helfen)… doch ich freue mich, dass sie einen Nerv trifft, weil wir uns als Gesellschaft gerade ständig fragen: Wo schauen wir weg? Wessen Sorgen nehmen wir ernst? Kann die westliche Welt Weltpolizei spielen? Und: Wird etwas besser, durch militärische Stärke/Druck?
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Der Kinofilm hat, wie gesagt, keine guten Antworten. Doch erstmal sitzt man zwei Stunden im Kino und denkt “Oha. Diese Frau… kann sich selbst einsetzen wie einen Hammer. Doch all die Probleme, vor die sie im Film gestellt wird, sind doch gar keine Nägel. Was jetzt?”
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Das ist klug/spannend. Denn es passt zu einer… allgemeinen politischen Ratlosigkeit, wenn wir aktuell über Kriege, Macht, globale Verantwortung und Gerechtigkeit sprechen. “Wonder Woman” hat Humor. Doch es ist kein Wohlfühl-Film: Weil er fast nur Probleme zeigt, die eine Kriegs-Amazone nicht ändern kann, spontan, mit einem Schwert.
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…und dann, Spoiler: 
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mein größtes Problem.
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Ich kann zwar viele “Wonder Woman”-Comics grundsätzlich empfehlen – doch es gibt zwei Elemente ihrer Geschichte, die immer wieder verändert werden: a) Hat sie einen mächtigen Vater, z.B. Zeus? und b) Ist sie moralisch stark, weil oder obwohl sie auf einer Amazonen-Insel aufwuchs?
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Die Amazonen leben auf der Insel Themyscira, abgeschottet vom Rest der Welt. Weil Amazonen-Königin Hippolyta ein Kind will, formt sie eine Figur aus Lehm/Ton. Eine Göttin hat Mitleid und haucht der Figur Leben ein: Diana/Wonder Woman ist das einzige Kind der Insel. Hippolyta ist eine weise Regentin, die Amazonen haben fortschrittliche Technologie und eine tolle Kultur – der Comic zeigt eine matriarchale, feministische Utopie (und: oft sind Hippolyta und/oder Wonder Woman selbst lesbisch oder bisexuell). So war das, schon seit 1941.
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Doch jedes Mal, wenn ein neuer Autor (fast immer sind es Männer) die Comicreihe übernimmt, ändert sich etwas:
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  • 1987 neu: die Götter schenkten den Amazonen die Insel, weil Herkules Hippolyta vergewaltigt hatte. Später aber verzeiht Hippolyta dem Vergewaltiger und verliebt sich neu in ihn. Uff.
  • 2011 neu: Die Amazonen sorgen heimlich für Nachwuchs, indem sie Matrosen auf die Insel locken, vergewaltigen, ermorden, und die männlichen Kinder verstoßen. Hippolyta wusste das und hielt es vor Wonder Woman geheim. Uff.
  • 2012 neu: Wonder Woman ist nicht aus Ton, sondern entstand beim Sex zwischen Zeus und Hippolyta. Uff.
  • 2016 neu, in “Earth One”: Wonder Woman ist die Tochter von Vergewaltiger Herkules. Uff.
  • 2016 neu, in “The Lies” / “The Truth”: Wonder Woman darf ihre Mutter und die Amazonen-Insel nie wieder sehen oder betreten. Uff.
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Auch im Kinofilm sind die Amazonen a) krass gestrig und insgesamt eher fragwürdig/eine sterbende Kultur, und b) merkt Diana, dass ihre Mutter sie belogen hat: Zeus ist ihr leiblicher Vater.
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Das klingt wie eine Kleinigkeit/ein Detail. Doch ich finde es SO bezeichnend, schlimm, traurig, dass es seit Jahren fast keine “Wonder Woman”-Geschichte/-Version mehr gab, in der a) die Amazonen eine echte Utopie verkörperten und b) Wonder Woman wegen einer starken Mutter und einer starken Kultur zur starken Heldin wurde – nicht, weil sie in Wirklichkeit von einem besonderen Gott/Mann gezeugt wurde.
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PROSANOVA 2017: Stimmen der Presse & Fotos

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Literaturfestival PROSANOVA 2017 | Foto: Mara Giese

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Alle drei Jahre findet in Hildesheim PROSANOVA statt (Website), das Festival für junge deutschsprachige Literatur.

2011, als einen der ersten Beiträge in meinem Blogs, sammelte ich die Stimmen der Presse in einem Eintrag (Link).

Auch zu PROSANOVA 2014 machte ich eine Presseschau hier im Blog (Link).

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Hier gesammelt: die wichtigsten Pressestimmen zu PROSANOVA 2017 (8. bis 11. Juni 2017, Hildesheimer Nordstadt)

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01_”Das Publikum ist sehr jung. Die Stimmung ist relaxt, aber nicht kuschelig, nur freundlich und solidarisch. Auf die Platzhirsche der deutschen Literatur hat man mit Absicht deutlicher als zuvor noch verzichtet, aber alle Stimmen, die ich höre, sind mindestens interessant. Sascha Ehlert hat in der Welt die „große, laute, wütende, böse Literatur“ auf dem Festival vermisst. Grow up. Den starken Mann zu markieren hatte auf diesem Prosanova zum Glück niemand nötig.” Ekkehard Knörer, taz, “Liebesbriefe und Shitstorms”

02_”Welchen Einfluss kann das Prosanova auf den etablierten Literaturbetrieb haben? Und welche Impulse können davon für die Gesellschaft ausgehen? Die Sachbuchautorin Mithu Sanyal ist skeptisch: “Das sind alles Stimmen, die ich hier vertreten fühle, und die ich in der deutschen Literatur auch finde, aber ob das angekommen ist, dass das ein großer, wichtiger Teil der Literatur ist, das weiß ich nicht. Das ist immer noch dieses: Das ist eine Einzelstimme. Nein, es sind ganz viele. Das sind gar nicht mehr Einzelstimmen.” Auf dem Prosanova bleibt die junge Literaturszene weitgehend unter sich. Selbst in Hildesheim wissen nur wenige um das Festival. Gegenwartsliteratur in der Blase oder Impulsgeber mit Einfluss?” Simone Schlosser, Deutschlandfunk, “Literatur zwischen Stahlträgern”

03_4-Minuten-Audio-Feature von Jule Hoffmann bei Deutschlandfunk Kultur, “Das ‘andere’ Literatur-Festival in Hildesheim” (nur bis Dezember 2017 online)

04_”Wenn man Leute auf ihre Privilegien hinweist, fühlen sie sich oft auf den Schlips getreten. Das Festival schafft aber einen Raum für Frauen, People Of Color und nicht-binäre Personen, der sonst im Betrieb nicht vorhanden ist. Und darum geht’s: über Themen sprechen zu können, ohne die Quotenfrau dabei haben zu müssen.” Interview mit Autorin Sirka Elspass (Fragen von Juli Zucker) Missy Magazine, “Ich will weniger höflich sein”

05_kurze Notate und Snapshots, gesammelt für Logbuch Suhrkamp

06_Mitschnitte, Podcasts, Features und kurze Texte bei Litradio

07_Beiträge für Fabian Thomas’ Social-Media-Spiel “Diskursbingo” bei Instagram und Twitter sowie die Hashtags pn17 (Twitter | IG) und prosanova17 (Twitter | IG)

08_”Wir haben die vitale fünfzigjährige Hundesalonbesitzerin mit dem blinden Pudel aus dem dritten Stock des Gebäudes, in dessen ersten zwei Stockwerken das Festivalzentrum liegt, im Nokia am Ohr, die uns sagt, wir sollen die Party jetzt beenden, es sei zu laut. […] wir haben nach dem Festival eine Anzeige wegen Körperverletzung am Hals, weil die vitale Frau mit dem blinden Pudel, der wir schon am ersten Abend ein Zimmer im Dorint Hotel anbieten, die aber wegen ihres Hundes nicht woanders schlafen kann, aufgrund von Schlafmangel eine Depression bekommt, am Sonntag Abend erklärt uns die Polizei, dass wir die Veranstaltung für beendet erklären müssen, andernfalls rückt die Bereitschaftspolizei aus Hannover an und räumt das Gelände, und das wird dann richtig teuer.” PROSANOVA-Mitbegründer Paul Brodowsky über PROSANOVA 2005, Prosanova im Praesens II

09_kurze Text- und Bildmontage von mir, zur Einstimmung auf PROSANOVA 2017

10_”Ein Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde, war die Autofahrt während der Commoonity. Eine wahnsinnig aufregende Performance. Wer da keinen Platz mehr ergattert hat, tut mir leid, denn ich hatte das krasse Gefühl von etwas sehr Einmaligem. Besonders schön war, dass ich meine Litaffin-Partnerin Juliane überredet habe, noch mitzukommen und diesen Moment mit ihr teilen konnte.” Fotos und kurze Statements im “Humans of New York”-Stil: Ann-Kathrin Canjé, “Humans of Prosanova”

11_kurzes Abschlussinterview mit Ole Schwabe, Mitglied der Künstlerischen Leitung, bei Radio Tonkuhle, Hildesheim: “Fazit Prosanova” (Audio)

12_”Um direkt bei Mithu M. Sanyal zu bleiben, die wirklich eine beeindruckende Frau ist, darf auch ihr Vortrag „Rape Revisited“ in meiner Highlight-Liste nicht fehlen. Ganz unprätentiös und klar hat sie über Vergewaltigung gesprochen. Welche falschen Annahmen darüber in der Gesellschaft herrschen, wie Vergewaltigungen historisch zu beleuchten sind und wie wir sie differenzierter im Verhältnis zu Sex betrachten können.” Juliane Noßack, Poesierausch, “So war das Prosanova 17”

13_”Das Programm ist gesprächslastig, diskussionsfreudig, am Debattenpuls und eben stark auf den Prozess, die Textarbeit, Unfertiges ausgerichtet. Die Auftretenden sind zum Großteil Autorinnen. Prosanova ist immer auch: Ein Wasserstandsbericht. Eine Zustandsbeschreibung der Szene. Wie wird gerade geschrieben und worüber und worüber muss jetzt mal gesprochen werden?” Fixpoetry, Andreas Thamm: “Plaudereien auf dem Prosanova: Birgit Birnbacher, Maren Kames, Yael Inokai”

…und, Teil 2: “Plauderein auf dem Prosanova II: Juan S. Guse, Alina Herbig”: “Weißt du einen Satz, eine Formulierung, irgendwas in deinem Buch, worüber du dich heute ärgerst? Alina: Ich glaube nicht, dass es Sätze sind, aber mir fallen beim Vorlesen immer wieder so Kleinigkeiten auf: Wieso hört der Satz da auf? Wieso habe ich da einen Punkt gemacht? Die Sachen streiche ich dann durch und lese ich auch anders. Ich habe auch ein paar Sachen schon für die zweite Auflage geändert. Es sind keine dramatischen Sachen. Andererseits glaube ich, dadurch, dass ich jetzt mit den Reaktionen auf diesen Roman konfrontiert werde, hätte ich wahrscheinlich, wenn ich die vorher mitgedacht hätte, einen ganz anderen Roman geschrieben. Ist aber vielleicht auch ganz gut, dass ich die vorher nicht hatte.”

14_”Ständig bilden sich Schlangen, obwohl es selten wirklich voll ist. Am Sonntag stellen sich Menschen schon in einer Schlange an, obwohl es bei der Insellesung auf dem Parkplatz ganz sicher keinen Einlassstopp geben wird, einfach aus Gewohnheit. Die Schlange, in der sich alle mehr oder weniger ordentlich einreihen.” Anke Dörsam, meermoabit, “Prosanova 2017”

15_”Die Mischung aus ungewöhnlichen Lesungen, Performances, Installationen, politischen Vorträgen, Panels und Partys ist zu hundert Prozent gelungen. Das alles wurde von Studierenden organisiert und wir staunen, zu welchen Höchstleistungen diese fähig sind. […] Ein großes Klassentreffen der jungen, hippen Literatur sozusagen. Wenn in drei Jahren mehr Menschen angelockt werden könnten, die sich (noch) nicht dem Literaturbetrieb verschrieben haben, wäre der Austausch über Literatur auf dem Festival wohl noch vielseitiger.” Litaffin, Ann-Kathrin Canjé, “Prosanova 17: Over and Out. Rückblick”

16_”Wie Sprache und Macht zusammenhängen, lerne ich außerdem noch einmal ausführlich in Hornscheidts Workshop „Exit Gender“. Gibt es etwas neben, zwischen, über oder unter „Mann“ und „Frau“? So lautet eine der Ausgangsfragen. Definitiv! Doch wie setze ich diese Varianten von Geschlecht in einem Text um, ohne dass es den Schreib- und Lesefluss stört? Indem ich beschreibe, was eine Person macht und welche Eigenschaften außer Geschlecht sie auszeichnet. Voller Eindrücke, neuer Erkenntnisse und Literaturtipps auf der persönlichen „must read“-Liste fährt Team Ullstein zurück nach Berlin und freut sich auf all das, was da zurzeit im Prozess ist und hoffentlich bald zu Büchern wird.” Marie Krutmann im Ullstein-Blog Resonanzboden, “Was ist eigentlich junge Literatur? Spurensuche auf dem Prosanova”

17_”Was auffiel war vor allem die Menge an Diskussions- und Gesprächsformaten, die es sich zum Ziel setzten nicht nur eine junge Literatur abzubilden, sondern diese in ihrem Kontext und vor dem Hintergrund eines literarischen Betriebs zu betrachten und zu hinterfragen.” Textmagazin, Milena, “Prosanova 17”

18_”Die inhaltliche Setzung wirkt weiterhin zu mutlos und unnötig insiderisch bis verkopft. Wo soll die große, laute, wütende, böse Literatur entstehen, die unsere Gegenwart auch mal nachhaltig kritisiert, wenn die talentiertesten Nachwuchsautorinnen und -autoren bei ihrem großen Jahrestreffen nur über öde-abstrakte Begriffe wie Material und Prozesse reden?” Sascha Ehlert in der Welt, “Last Exit: Hildesheim”

19_”Keine fertige »große, laute, wütende, böse Literatur« wird präsentiert, wie es Sascha Ehlert in der WELT fordert, sondern eine Literatur, die sich im Prozess versteht und mit ihrem Prozesshaften arbeitet – still –, und dafür benötigt es einen affirmativen Raum, um einen respektvollen Zugang zueinander zu finden, eine Art »erhabene Besänftigung« (PM), keine giftigen Schlagabtäusche und Konfrontationen. […] Als Abbild junger Literatur hat es allemal an verschiedensten Stellen gegen die männlichen, konservativen Kollektive der Literaturlandschaft ein Zeichen gesetzt.” Rudi Nuss im S.-Fischer-Blog hundertvierzehn, “Prosa Nova Orbis Hildesheim”

20_”*Vorlesen* gibt es nicht mehr. Aber wirklich von sich lassen möchte auch kaum ein Text. Bewegungen bleiben erstmal im Testmodus, im „Was-wäre-wenn“. Vielleicht müsste diese Literatur-Praxis sich ein Vorbild am Gelände nehmen. Wenn ich hierhin gehe und den Zaun hinter mir zuziehen lasse, komme ich nicht so schnell zurück. Bleib doch mal da, geh da doch mal weiter, verirr dich ein bisschen! Installation und Performance begegnen mir als Zitat, aber ich würde da gern weiter lesen und sehen, was passiert, wenn der Text sich von seiner Umgebung wirklich angehen lässt. Wenn er sich anstecken lässt von den Räumen und Situationen, in die er gestellt wird, statt seine eigene Atmo nochmal auszupacken. Für einen Moment.” Tilman Richter im Merkur: Zeitschrift für europäisches Denken, “Streamen, Floaten, Driften. Prosanova-Rumhängen”

21_”Damit die Autoren auf PROSANOVA | 17 nicht in der Überzahl sind, haben wir sehr viel gelesen und nicht bloß auf die Namen vertraut, die eh schon jede°r kennt. Oft lohnt es sich, die vorgetrampelten Wege zu verlassen. Wir hätten am Anfang auch nicht gedacht, dass das so einfach geht.” schöner Grundsatz-/Programmatiktext von Helene Bukowski bei Suhrkamp über zehn Grundsatzfragen der Festival- und Programmgestaltung, “Die zehn Eckpfeiler des Literaturfestivals PROSANOVA”

22_”Es geht um die noch andauernde Vorherrschaft des weißen, heterosexuellen Mannes. Um das einmal sehr deutlich zu sagen für diejenigen, die sich von der Terminologie weißer, heterosexueller Mann angegriffen fühlen – darin ist kein Vorwurf formuliert für das weiß– und heterosexuell-und männlich-geboren-sein, denn so ist man eben. Darin kann keine Schuld liegen. Es drückt bloß die Bewusstmachung aus, dass man durch diese angeborenen Merkmale mit dem größtmöglichen Privileg ausgestattet ist, dass man in unserer Gesellschaft genießen kann. Weil man maximal der Norm, dem Akzeptierten, dem Machtvollen und Gesehenem entspricht. Daraus entsteht ein Gefälle, das sich bewusst und unbewusst ausübt, das die Leute sortiert nach wichtig und weniger wichtig. Ein System der Über- und Unterordnung, das noch nicht allen geläufig zu sein scheint, und zu dem ich nie wieder die Klappe halten werde.” Tatjana van der Beek, Mitglied der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2017, im Festivalblog über die Sexismus-Debatte am Literaturinstitut Hildesheim: “Wenn Sexismus eine Neuigkeit ist”

23_”Wann verkommen politische Forderungen und Aussagen zur bloßen Attitüde? Wann sind sie großartig und klatschen genau ins Mark der Gegenwart? Und was haben Sätze aus dem Programmheft wie die Aufführung berührt politische, soziale und emotionale Themen wie Identität, Macht und Liebe mit subtiler Direktheit eigentlich mit Literatur zu tun? Beantwortet wurden diese Punkte mal schlechter und mal besser, ganz wie es sich für ein Festival gehört, das ästhetische Risiken eingeht und nicht einfach nur Großautoren-Polonaise veranstaltet. Auffälligerweise machten viele Schreibende einfach ihr Ding, hatten wenig zu tun mit dem Wording und den Ankündigungen des Festival.” etwas… schnippisch-ironisierender Text im Merkur von Florian Kessler & Lena Vöcklinghaus – der für mich stellenweise klingt (“Wording”), als sei die Diversity und Ideologiekritik, um die sich das Festival sehr bemühte, etwas, das… “der Literatur” hier unbeholfen aufgepfropft/angehaftet wird. “1000 kritische Bierbongs starren dich an”

…dazu noch einmal Ekkehard Knörer in der taz: “Maren Kames [hat] einen schönen kurzen Essay geschrieben als Vorwort fürs Institutsjahrbuch, gegen Angebertexte und ihre Verfasser. Aber dergleichen kann es für den scheidenden Studiengangsleiter Hans-Josef Ortheil in Hildesheim natürlich nicht geben, so hat er das Vorwort aus dem Jahrbuch gekickt. Außerdem hat das Institut wegen eines anonymen Studierendentexts gerade eine Sexismusdebatte am Hals – kein Wunder an einem Ort, an dem es kaum weibliche Lehrende gibt. Es wäre sehr zu wünschen, dass sich das und manches mehr unter Ortheils Nachfolger beziehungsweise doch hoffentlich: Nachfolgerin ändern wird.”

[kurz von mir: Mich irritiert/stört die Annahme, kritische Texte “könne es für Hanns-Josef Ortheil natürlich nicht geben”: Ich selbst fand Marens Text nicht übertrieben streitbar. Ich weiß nicht, warum er nicht als Vorwort veröffentlicht werden konnte/durfte… doch ich selbst schrieb schon ein (Link, 2007), zwei (Link, 2012) längere und kritischere Vorworte über Probleme in Hildesheim – ohne, dass Hanns-Josef Ortheil intervenierte: Ich fühlte mich von ihm bestärkt, solche Texte zu schreiben und zu veröffentlichen – auch in studiengangseigenen Verlagen. Siehe auch: Ekkehard Knörer, unten in den Kommentaren.]

24_”Das Prosanova17 ist ein Literaturfestival, das bewusst überwiegend Frauen* einlud und feministische Themen auf der Agenda hatte. Ich sitze in Lesungen und habe Tränen in den Augen, weil es sich plötzlich nicht mehr anfühlt, als könnte ich kein Teil von dem Ganzen sein. Weil Positionen gezeigt werden, mit denen ich mich identifizieren kann. Positionen, die in großen Teilen meines Studiums in Hildesheim verborgen blieben, was dazu geführt hat, dass ich mit dem Schreiben aufgehört habe, als ich her kam. Dazu muss gesagt werden, dass ich überhaupt erst mit dem Ziel zu schreiben nach Hildesheim gekommen bin. Den Fun daran hat mir das Institut ziemlich bald genommen. Lange haben mir Worte gefehlt das zu beschreiben. Aber es liegt nicht daran, dass ich nicht schreiben kann, oder nichts zu sagen habe. Es liegt daran, dass mir aber genau das suggeriert wurde – und dass ich mich in Lehrinhalten nicht wiederfinde, spielt dabei eine ausschlaggebende Rolle.” Jana Zimmermann in Merkur: deutsche Zeitschrift für europäisches Denken: “Wir würden dann jetzt weiter machen”

25_”Politisches Bewusstsein brauchen wir heute mehr denn je. Der belanglose Hedonismus der letzten Jahre hat ausgedient. Heute wird gegen Normen und Strukturen gedacht, geschrieben, gelesen, diskutiert und getanzt. Eine Entwicklung, die das diesjährige Prosanova Festival aufgegriffen und vier Tage diskursiv und praktisch umgesetzt hat. Eine gute Möglichkeit, um den Finger in die Wunde zu legen und jede*n Besucher*in mit einem Anstoß zur Selbstreflektion nach Hause zu schicken. Zu welcher marginalisierten Gruppe gehöre ich? Welchen Machtstrukturen bin ich ausgesetzt? Welche produziere ich selbst?” Julia Tautz auf Lesflaneurs.de

26_Fotos und kurzer Text zum Festival-Samstag von Blogger Frank R. Rudkoffsky

27_”Der eine oder andere etablierte Name also, aber nicht die ganz großen Stars – klar, es geht ja um junge Literatur. Da wundert es zwar nicht, dass das klassische Lesungspublikum ab fünfzig aufwärts ausbleibt, ein bisschen mehr Durchmischung täte dem Ganzen aber dennoch gut, man hat den Eindruck, es ist fast ausschließlich der Literaturbetrieb anwesend: Nachwuchsautoren, Lektoren, Agenten. Ich selbst bin beruflich hier und fühle mich tatsächlich wie auf Klassenfahrt. […] Alle drei Jahre findet es statt, und genauso häufig wechseln die Kuratoren und mit ihnen die Veranstaltungsorte, Fragestellungen und Künstler. Auch deshalb haftet dem Prosanova vermutlich der Charme des Provisorischen an, des Unfertigen; vielleicht liegt es aber auch nur an den verlassenen Industriehallen, die dieses Jahr als Schauplatz dienen, an der Einrichtung aus Selbstgezimmertem, Sperrmüll und Omas Wohnzimmerdeko. Ein in jeglicher Hinsicht eigenwilliges und liebevoll gestaltetes Festival.” SchöneSeiten, Caterina Kirsten, “Prosanova | 17”

…auch Bloggerinnen & Freundinnen Mara Giese und Blauschrift sowie die Literatur-Vloggerin Luba Goldberg-Kusnetzova waren vor Ort – ich freue mich auf weitere Fazits, in den nächsten Tagen.

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28_17-Minuten-Film von Yannic Federer, “Kulturu First #17: PROSANOVA”

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…und Teresa Streiß auf Facebook über ein Orga-Grundsatzproblem:

“Prosanova 2017: haben Sie ein festivalbändchen? Haben Sie auch einen stempel? Nein durch diese tür darfst du nicht raus. Nein hier kannst du nicht rein. Nein du darfst das nicht essen. Nein essen gibt es hier nicht. Nein bitte die andere tür. Haben Sie einen stempel? (Aber auch: inhaltlich top. Und slushys mit vodka!)

[…] dieses wochenende fühlte sich so an, als hätte das orgateam über all die tolle politik und Literatur das organisieren vergessen und ganz am ende nachschieben müssen. Vielleicht Sachzwänge (so denke ich mir das zurecht), von wegen räume nicht zu voll werden lassen und so, aber eher uncharmant gelöst durch “bürokratie” a la du brauchst diesen Stempel und dann dieses bändchen und du musst auf dieser liste stehen und die tür führt nur rein und die andere raus, aber morgen auch schon wieder anders. Gefühlt viele Kommunikationsprobleme innerhalb des teams, so sachen wie nein du ķannst nicht für jemand anderes eine karte für commoonity kaufen und abends dann hundert stunden warteliste weil warum hast du dir denn nicht von jemand anderem heute morgen schon eine kaufen gelassen? Und statt regelflexibilität und hauptziel wohlfühlen eher so nein essen dürfen nur die Künstler und vielleicht bleibt aber ja was übrig das kannst du dann vielleicht und die Künstler dürfen aber auch nur mittags und wenn sie abends wollen, müssen sie zahlen […]. Die essenssituation überhaupt eher so mau soll heißen: mittags gibt’s nix, generell, wenn man kein blaues bändchen hat. Und zeig gefälligst jedes mal deine pfandmarke, wenn du was neues kaufst, und stempel kontrollieren wir auch noch nachts um 4. (Dafür auch nachts um 4 noch: klo putzen, und geputzte klos find ich tendentiell sehr gut ja) Vielleicht würde ich zusammenfassen: sie war sehr deutsch, die junge deutsche gegenwartsliteraturorganisation. Aber wie gesagt: inhaltlich bzw von den veranstaltungen her vielleicht sogar mein liebstes prosanova bisher.”

von mir: Zustimmung. Ich wünsche mir für PROSANOVA 2020, dass das Festivalzentrum betretbar ist, ohne, vorher ein Ticket zu lösen. Dann wären nicht nur Studierende und Betriebsmenschen auf meinen Fotos – sondern hoffentlich z.B. auch viel mehr interessierte Anwohner*innen und Kurzbesucher*innen. #hermetik #blase #abgeschottet

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Fotos von mir. Tag 1 (Donnerstag, 8. Juni):

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Tag 2: Freitag, 9. Juni

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Tag 3: Samstag, 10. Juni

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Tag 4: Sonntag, 11. Juni

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…und drei Fotos vom offiziellen Festival-Fotografen Paul Olfermann:

fast 800 – großartige! – Fotos auf der Facebook-Seite (Link)

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Ich selbst studierte von 2003 bis 2008 in Hildesheim:

Bei PROSANOVA 2005 war ich Praktikant und Autor für die Festivalzeitung, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 und 2014 Gastautor bei der Festivalzeitung & Podiumsgast.

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Vielfalt, Diversity und Minderheiten im Jugendbuch: Young-Adult-Literatur gegen Rassismus (Buchtipps)

Diversity im Jugendbuch Buchtipps

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Jugendbücher mit Hauptfiguren of Color? Queeren Figuren? Held*innen mit Behinderung? Oder Bücher, die nicht in westlichen Ländern spielen?

Nicht jedes Buch mit nicht-weißen Hauptfiguren ist gleich ein Buch “gegen Rassismus”: Antirassistische Texte kenne ich vor allem als Sachbuch.

Aber: Bücher sind einer der einfachsten Wege, neue, fremde Perspektiven, Lebenswelten, Identitäten besser zu verstehen. Darum mag ich Bücher mit Hauptfiguren, die wenig mit mir gemein haben – und kenne z.B. VIEL mehr gelungene Jugendbücher von, mit und über Frauen.

Hier sind meine Empfehlungen und “bald lesen!”-Favoriten von Titeln, deren Erzähler und Erzählerinnen aus anderen Kulturen kommen, Minderheiten angehören oder Minderheitserfahrungen machen.

andere Jugendbuch-Empfehlungslisten von mir:

Buchtipps von Jugendlichen für Jugendlichen gibt es auf Bücherkinder.de; Buchtipps mit Schwarzen Hauptfiguren hier im .pdf von Berit Pohle.

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zehn diverse Jugendbücher, die ich las und sehr empfehlen kann:

  • Sharon M. Draper: “Mit Worten kann ich fliegen” (Buch ab ca. 11; Erzählerin mit Schwerstbehinderung)
  • Susan Nussbaum: “Good Kings Bad Kings” (Ensemble-Roman über Jugendliche mit Behinderung, teils queer, und einige Betreuer*innen; viele Figuren of Color)
  • Octavia Butler: “Vom gleichen Blut” (feministischer Zeitreise-Roman über eine Schwarze Frau in den 70ern, die sich auf einer Plantage als Sklavin wiederfindet)
  • Claudia Gray: “Star Wars: Verlorene Welten” (politischer Star-Wars-Roman über Mädchen und Jungen, die gemeinsam beim Imperium anheuern, ihre Erfahrungen und Privilegien.)
  • G. Willow Wilson: “Ms. Marvel” (junge muslimische Superheldin in New Jersey, bisher 7 Bände. Band 2 ist fade, der Rest großartig!)

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Mit Worten kann ich fliegen  Good Kings Bad Kings  Vom gleichen Blut  Star Wars: Verlorene Welten (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht)  Ms. Marvel, Vol. 1: No Normal

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And the Violins Stopped Playing  Go Set a Watchman  Ask the Passengers  Stuck Rubber Baby  Girl in Translation

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Im Mai las ich durch ca. 600 Leseproben von (fast nur: englischsprachigen) Young-Adult- und Middle-Grade-Novels, und fand weitere Titel, auf die ich Lust habe.

45 Bücher, angelesen, vorgemerkt, sehr gemocht:

(alle Inhaltsangaben sind die offiziellen Klappentexte, von mir leicht gekürzt.)

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Linda Sue Park: “Der lange Weg zum Wasser” (Original: “A Long Way to Water”, 2010)

“Um für ihre Familie Wasser bei der Wasserstelle zu holen, läuft Nya täglich acht Stunden. Salva flieht aus seinem vom Krieg zerstörten Dorf. Er läuft quer durch Afrika, auf der Suche nach einem sicheren Ort und seiner verschollenen Familie. Zwei fesselnde Stimmen erzählen von Not und Vertreibung – aber auch von Hoffnung.” [der US-Klappentext ist klüger, konkreter und nennt mehr als nur “Afrika”:  “Two stories, told in alternating sections, about a girl in Sudan in 2008 and a boy in Sudan in 1985.”]

Patricia McCormick: “Der Tiger in meinem Herzen” (Original: “Never fall down”, 2012)

“Das radikale kommunistische Regime der Roten Khmer übernimmt die Macht in Kambodscha. Es folgt ein schrecklicher Völkermord, dem zwei Millionen Menschen zum Opfer fallen – ein Viertel der gesamten Bevölkerung. Arn hat überlebt. Doch der Preis dafür war hoch. Denn er ist selbst zum Täter geworden. Und es ist ihm schwer gefallen, den Tiger in seinem Herzen zu bändigen. Schonungslos und brutal erzählt Patricia McCormick von den Killing Fields. Es braucht nachhaltig beeindruckende Bücher wie dieses, um aufzuzeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind und welche Fehler sich niemals wiederholen dürfen.”

Deborah Ellis: “Die Sonne im Gesicht” (Original: “The Breadwinner”, 2001)

“Als ihr Vater verhaftet wird, nimmt die elfjährige Parvana seinen Platz auf dem Markt in Kabul ein. Hier hatte er den vielen Analphabeten ihre Post vorgelesen. Wegen der restriktiven Gesetze der Taliban kann sie sich jedoch nur als Junge verkleidet in der Öffentlichkeit zeigen. Und begibt sich so in große Gefahr.”

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Jason Reynolds: “Coole Nummer” (Original: “When I was the Greatest”, 2014)

“Eine Freundschaft in Brooklyn. Ali hat sich fast sechzehn Jahre von allem Ärger ferngehalten. Dann ergibt sich die Gelegenheit, mit seinem Freund Noodles und dessen Bruder Needles auch mit den großen Jungs zu spielen. Gefährlich, wenn der Freund nur eine Riesenklappe, aber sonst nicht viel hat, und sein Bruder durch sein Tourette-Syndrom unberechenbar ist, sobald er sein Strickzeug nicht parat hat.”

Jason Reynolds: “Nichts ist okay” (Original: “All-American Boys”, 2015)

“Rashad wollte nur eine Tüte Chips kaufen. Plötzlich wird er vor die Tür gezerrt, und ein Polizist stürzt sich auf ihn. Erst im Krankenhaus kommt Rashad wieder zu sich. Rashad ist schwarzer Hautfarbe, der Polizist ein Weißer. Beobachtet hat die Szene ein anderer Jugendlicher: Quinn Collins, weiß, Freund der Familie des Polizisten und Mitschüler von Rashad. Quinn ist schockiert. Warum wurde Rashad niedergeprügelt? Ist sein Freund, der Polizist, ein Rassist? Beide Jugendlichen erzählen ihre Geschichte. Zur selben Zeit gerät eine Stadt in Ausnahmezustand.”

Nnedi Okorafor: “Akata Witch” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

“Born in New York, but living in Aba, Nigeria, twelve-year old Sunny is a little lost: She is albino and thus, incredibly sensitive to the sun. All Sunny wants to do is be able to play football and get through another day of school without being bullied. But once she befriends Orlu and Chichi, Sunny is plunged in to the world of the Leopard People, where your worst defect becomes your greatest asset. Together, Sunny, Orlu, Chichi and Sasha form the youngest ever Oha Coven. Their mission is to track down Black Hat Otokoto, the man responsible for kidnapping and maiming children.”

Nnedi Okorafor schreibt Science-Fiction-, Fantasy- und Jugendromane, oft afrofuturistisch – die auch in Deutschland erscheinen, im Verlag Cross Cult. “Akata Witch” (und eine geplante Fortsetzung, 2017) sind noch nicht auf Deutsch erschienen.

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Johanna Reiss: “Und im Fenster der Himmel” (Original: “The upstairs Room”, 1972)

“Herbst 1941: Als die Deutschen die Niederlande besetzen, geraten die neunjährige Annie und ihre Schwester in große Gefahr – weil sie Juden sind. Hilfreiche Bauern verstecken die beiden Schwestern in einer kleinen Kammer auf dem Dachboden. Fast drei Jahre lang leben sie dort in drangvoller Enge und sehnen sich nach frischer Luft und Bewegung.”

Gloria Whelan: “Stich für Stich” (Original: “Homeless Bird”, 2000)

“Eine dreizehnjährige Inderin wird mit einem ihr unbekannten Mann verheiratet, der kurz darauf stirbt. Als Witwe hat sie in der indischen Gesellschaft jede Existenzberechtigung verloren und wird von der Schwiegermutter versklavt. Ganz unten angekommen, findet sie Hilfe und einen Ansatz zu einem weitgehend selbstbestimmten Leben.”

Cynthia Kadohata: “Kira-Kira” (Original: selber Titel, 2004)

“‘Kira-Kira’ bedeutet ‘glänzend, leuchtend’. Genau dieses Leuchten zaubert Lynn ihrer kleinen Schwester Katie jeden Tag herbei, selbst, als das Leben für sie dunkler wird: Sie ist eine Meisterin darin, immer wieder aufs Neue die glänzenden Dinge des Lebens zu zeigen. Ob das Blau des Himmels oder der Glanz in den Augen des anderen, obwohl es die aus Japan stammende Familie im Amerika der 1950er Jahre alles andere als leicht hat.”

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Nicola Yoon: “The Sun is also a Star” (Original: selber Titel, 2016)

“Schicksalsfäden einer großen Liebe. Als Daniel und Natasha in New York aufeinander treffen, verguckt er sich sofort in das jamaikanische Mädchen. Die zwei teilen einen Tag voller Gespräche über das Leben, ihren Platz darin und die Frage: Ist das zwischen uns Liebe? Doch Natasha soll noch am selben Abend abgeschoben werden.”

Holly Goldberg Sloan: “Glück ist eine Gleichung mit 7” (Original: “Counting by 7s”, 2013)

“Willow ist ein Energiebündel, denkt immer positiv und interessiert sich für alles: Sie studiert das Verhalten von Fledermäusen, züchtet Zitrusfrüchte im Garten und begeistert sich für die Schönheit der Zahl 7. Ihr größter Wunsch ist es, gleichaltrige Freunde zu finden. Dafür lernt sie sogar Vietnamesisch. Doch dann verunglücken ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall. Es ist wie ein Wunder, wie Willow mit ihrer Art zu denken – ihrer Hochbegabung – und ihrem ungebrochenen Charme ihre Welt zusammenhält.”

Lisa Williamson: “Zusammen werden wir leuchten” (Original: “The Art of being normal”, 2015)

“David ist 14 und wünscht sich, ein Mädchen zu sein. Das seinen Eltern zu beichten, steht auf seiner To-do-Liste für den Sommer gaaaanz unten. Bisher wissen nur seine Freunde Essie und Felix Bescheid, die bedingungslos zu ihm halten und mit denen er jede Peinlichkeit weglachen kann. Aber wird David je als Mädchen leben können? Und warum fasziniert ihn der geheimnisvolle Neue in der Schule so sehr?” [ich HASSE, dass dieser Klappentext Transsexualität und “beichten”/”Peinlichkeit” so nah aneinander rückt.]

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Carole Wilkinson: “Hüterin des Drachen” (Original: “Dragon Keeper”, 2003, Band 1 einer bisher sechsbändigen Reihe)

“141 v. Chr. im China der Han-Dynastie: Die elfjährige Ping, die als Sklavin beim Kaiserlichen Drachenhüter lebt, wagt gemeinsam mit dem Drachen Long Danzi die Flucht aus dem Schloss. Ziel der beiden ist das Meer, an das Long Danzi einen wertvollen und geheimnisvollen Drachenstein bringen will. Die weite Reise bringt die beiden mehr als einmal in Lebensgefahr, doch Ping wächst in ihre Rolle als Drachenhüterin hinein.”

Sharon Creech: “Salamancas Reise” (Original: “Walk two Moons”, 1994)

“Salamanca reist mit ihren Großeltern quer duch die Vereinigten Staaten. Es ist die gleiche Reise, zu der ihre Mutter vor Monaten aufgebrochen und von der sie nie mehr zurückgekehrt ist. Salamanca besucht alle Orte, die auch ihre Mutter besucht hat. Unentwegt hofft Salamanca, ihre Mutter wiederzufinden – bis die verdrängte Wahrheit ihres tödlichen Unfalls zur Gewissheit wird.”

Lynne Kelly: “Chained” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2012)

“After ten-year-old Hastin’s family borrows money to pay for his sister’s hospital bill, he leaves his village in northern India to take a job as an elephant keeper and work off the debt. He thinks it will be an adventure, but he isn’t prepared for the cruel circus owner. The crowds that come to the circus see a lively animal who plays soccer and balances on milk bottles, but Hastin sees Nandita, a sweet elephant and his best friend. Hastin knows that the only way they will both survive is if he can find a way for them to escape.”

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30 weitere Jugendbücher – bisher nur auf Englisch:

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Wendy Wan-Long Shang: “The Great Wall of Lucy Wu” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

“Lucy Wu, aspiring basketball star and interior designer, is ready to rule the school as a sixth grader. Then she finds out that Yi Po, her beloved grandmother’s sister, is coming to visit for several months – and is staying in Lucy’s room. Lucy’s vision of a perfect year begins to crumble, and in its place come an unwelcome roommate, foiled birthday plans, and Chinese school with the awful Talent Chang.”

Grace Lin: “Dumpling Days” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2012; Band 3 einer Reihe – doch der erste, der mir Lust macht)

“This summer, Pacy’s family is going to Taiwan for an entire month to visit family and prepare for their grandmother’s 60th birthday. Pacy’s parents have signed her up for a Chinese painting class, and at first she’s excited. But everything about the trip is harder than she thought it would be – she looks like everyone else but can’t speak the language, she has trouble following the art teacher’s instructions, and it’s difficult to make friends in her class. At least the dumplings are delicious. As the month passes by, Pacy eats chicken feet (by accident!), gets blessed by a fortune teller, searches for her true identity, and grows closer to those who matter most.”

Yoshiko Uchida: “A Jar of Dreams” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1981)

“Growing up in California during the depression isn’t easy for eleven-year-old Rinko. She desperately wants to fit in and be like everyone else, but instead she is ridiculed and made to feel different because she is Japanese. But when Aunt Waka comes to visit, she teaches Rinko the importance of her Japanese heritage, and the value of her own strengths and dreams.”

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Leanne Hall: “Iris and the Tiger” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 201x)

“Twelve-year-old Iris has been sent to Spain on a mission: to make sure her elderly and unusual aunt, Ursula, leaves her fortune–and her sprawling estate–to Iris’s scheming parents. But from the moment Iris arrives at Bosque de Nubes, she realises something isn’t quite right. There is an odd feeling around the house; while outside, in the wild and untamed forest, a mysterious animal moves through the shadows. When Iris discovers a painting named Iris and the Tiger, she sets out to uncover the animal’s real identity – putting her life in terrible danger.”

Natalie Dias Lorenzi: “Flying the Dragon” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 201x)

“American-born Skye knows little of her Japanese heritage. Her father taught her to speak the language, but when their estranged Japanese family, including Skye’s grandfather, suddenly move to the United States, Skye must be prepared to give up her All-Star soccer dreams to take Japanese lessons and to help her cousin, Hiroshi adapt to a new school. Hiroshi, likewise, must give up his home and his hopes of winning the rokkaku kite-fighting championship with Grandfather. Faced with language barriers, culture clashes and cousin rivalry, Skye and Hiroshi have a rocky start. But a greater shared loss brings them together. They learn to communicate, not only through language, but through a common heritage and sense of family honor. At the rokkaku contest at the annual Washington Cherry Blossom Festival, Hiroshi and Skye must work as a team in order to compete with the best.”

Lisa Travis: “Pack-n-Go-Girls Adventure: Thailand, 1 – Mystery of the Golden Temple” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

“Nong May and her family have had a lot of bad luck lately. When nine-year-old Jess arrives in Thailand and accidentally breaks a special family treasure, it seems to only get worse. Pack-n-Go Girls introduces children ages 6-9 to different countries around the world: early chapter book adventures, packed with spooky mysteries, international friendships, and lots of fun and easy multicultural learning.” [Es gibt auch drei Romane der Reihe, die in Österreich spielen.]

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Meg Medina: “Yaqui Delgado wants to kick your Ass” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2013)

“Some girl tells Piddy Sanchez that Yaqui Delgado hates her and wants to kick her ass. Piddy doesn’t even know who Yaqui is. Word is that Yaqui thinks Piddy isn’t Latin enough with her white skin, good grades, and no accent. At first Piddy is more concerned with trying to find out more about the father she’s never met and how to balance honors courses with her weekend job at the neighborhood hair salon. But as the harassment escalates, avoiding Yaqui and her gang starts to take over Piddy’s life.”

Pam Munoz Ryan: “Becoming Naomi León” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2004)

“Naomi Soledad Leon Outlaw has clothes sewn in polyester by Gram, and difficulty speaking up at school. But with Gram and her little brother, Owen, Naomi’s life at Avocado Acres Trailer Rancho in California is happy and peaceful… until their mother reappears after seven years of being gone, stirring up all sorts of questions and challenging Naomi to discover and proclaim who she really is.”

Esmeralda Santiago: “Almost a Woman” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1998)

“‘Negi’, as Santiago’s family affectionately calls her, leaves rural Macún in 1961 to live in a three-room tenement apartment with seven young siblings, an inquisitive grandmother, and a strict mother who won’t allow her to date. At thirteen, Negi yearns for her own bed, privacy, and a life with her father, who remains in Puerto Rico. Translating for Mami at the welfare office in the morning, starring as Cleopatra at New York’s prestigious Performing Arts High School in the afternoons, and dancing salsa all night, she yearns to find balance between being American and being Puerto Rican. When Negi defies her mother by going on a series of hilarious dates, she finds that independence brings its own set of challenges.”

Eine Autobiografie, kein Jugendbuch. Ein ähnlicher Titel, den ich sehr mochte: “Wie eine Feder auf dem Atem Gottes” von Sigrid Nunez.

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Renée Watson: “Piecing me together” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2017)

Jade believes she must get out of her neighborhood if she’s ever going to succeed. Her mother says she has to take every opportunity. She accepted a scholarship to a mostly-white private school and even Saturday morning test prep opportunities. But some opportunities feel more demeaning than helpful. Like an invitation to join Women to Women, a mentorship program for “at-risk” girls. Except really, it’s for black girls. From “bad” neighborhoods. But Jade doesn’t need support. And just because her mentor is black doesn’t mean she understands Jade. Friendships, race, privilege, identity—this compelling and thoughtful story explores the issues young women face.

Christopher Grant: “Teenie” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2010)

“High school freshman Martine (Teenie for short) is a good student. She’s desperate to be accepted into a prestigious study abroad program in Spain so that she can see what life is like beyond the streets of Brooklyn. But when the captain of the basketball team starts to pay attention to her and Cherise, her best friend, meets a guy online, Teenie’s mind is on anything but her schoolwork. Can Teenie get her act together in time to save her friendship with Cherise and save herself from a potentially dangerous relationship?”

Sharon G. Flake: “The Skin I’m in” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1998)

“Thirteen-year-old Maleeka, uncomfortable because her skin is extremely dark, meets a new teacher with a birthmark on her face and makes some discoveries about how to love who she is and what she looks like: Miss Saunders, whose skin is blotched with a rare skin condition, serves as a mirror to Maleeka’s struggle. Miss Saunders is tough, and through this, Maleeka learns to stand up to tough-talking Charlese.”

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Shelia P. Moses: “Joseph” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2008)

“For Joseph Flood, life is tough. Tough because of Mama’s addiction to drugs and alcohol. Tough because Daddy is away with the army fighting in Iraq. Tough because it looks like there’s no way out once you’re living in a homeless shelter in a North Carolina ghetto neighborhood. And tough because Joseph is enrolled in yet another new school where he doesn’t know anyone and has to keep what’s going on in his life a secret. Joseph struggles to keep Mama clean while trying to make new friends and join the school tennis team. Can a boy who’s only fifteen years old win his daily battle to survive?”

Matt de la Pena: “We were here” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2009)

“When it happened, Miguel was sent to Juvi. The judge gave him a year in a group home—said he had to write in a journal so some counselor could try to figure out how he thinks. The judge had no idea that he actually did Miguel a favor. Ever since it happened, his mom can’t even look at him in the face. Most of the time, running away is the quickest path right back to what you’re running from.”

J. A. McLachlan: “The occasional Diamond Thief” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

“On his deathbed, Kia’s father discloses a secret to her: a magnificent diamond he has been hiding for years. Fearing he stole it, she too keeps it secret. She learns it comes from the distant colonized planet of Malem, where her father caught the illness that eventually killed him. When she is training to be a translator, she is co-opted into travelling to Malem. Using her skill in languages and her skill of picking locks, she learns what she must do to set things right: return the diamond to its original owner. But how will she find out who that is when no one can know that she, an off-worlder, has a Malemese diamond?”

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Linda Williams Jackson: “Midnight without a Moon” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2017)

“Rose Lee Carter, a 13-year-old African-American girl, dreams of life beyond the Mississippi cotton fields during the summer of 1955. Her world is rocked when a 14-year-old African-American boy, Emmett Till, is killed for allegedly whistling at a white woman.”

Jean Alicia Elster: “The Colored Car” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2013)

“Coming of age in Depression-era Detroit. In the hot summer of 1937, twelve-year-old Patsy takes care of her three younger sisters. Times are tough, and Patsy’s mother helps neighborhood families by sharing the food that she preserves. But May’s decision to take a break from canning to take her daughters for a visit to their grandmother’s home in Clarksville, Tennessee, sets in motion a series of events that prove to be life-changing for Patsy. After boarding the first-class train car at Michigan Central Station in Detroit and riding comfortably to Cincinnati, Patsy is shocked when her family is led from their seats to change cars. In the dirty, cramped “colored car,” Patsy finds that the life she has known in Detroit is very different from life down south. As summer wears on, Patsy must find a way to understand her experience in the colored car and also deal with the more subtle injustices that her family faces in Detroit.”

April Sinclair: “Coffee will make you black” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1995)

“Set on Chicago’s Southside in the mid-to-late 60s, Coffee Will Make You Black is the moving and entertaining tale of Jean “Stevie” Stevenson, a young black woman growing up through the Civil Rights and Black Power movements. The novel opens at a time when, for black families, seeing a black person on television was an event; when expressions like “I don’t want nothing black but a Cadillac” and “Coffee will make you black” were handed down from one generation to the next without comment. Stevie is a bookworm, yet she longs to fit in with the cool crowd. Fighting her mother every step of the way, she begins to experiment with talkin’ trash, “kicking butt,” and boys. With the assassination of Dr. King she gains a new political awareness, which makes her decide to wear her hair in a ‘fro instead of straightened, to refuse to use skin bleach, and to confront the prejudice she observes in blacks as well as whites. April Sinclair writes frankly about a young black woman’s sexuality, and about the confusion Stevie faces when she realizes she’s more attracted to the school nurse — who is white — than her teenage boyfriend.”

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Ronald Kidd: “Night on Fire” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 201x)

“Thirteen-year-old Billie Simms doesn’t think her hometown of Anniston, Alabama, should be segregated. When she learns that the Freedom Riders, a group of peace activists riding interstate buses to protest segregation, will be traveling through Anniston on their way to Montgomery, she thinks that maybe change is finally coming. But what starts as a series of angry grumbles soon turns to brutality as Anniston residents show just how deep their racism runs. Billie is about to come to grips with the deep-seated prejudice of those she once thought she knew, and with her own inherent racism that she didn’t even know she had.”

Robin Talley: “Lies we tell ourselves” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

“In 1959 Virginia, the lives of two girls on opposite sides of the battle for civil rights will be changed forever. Sarah Dunbar is one of the first black students to attend the previously all-white Jefferson High School. An honors student at her old school, she is put into remedial classes, spit on and tormented daily. Linda Hairston is the daughter of one of the town’s most vocal opponents of school integration. She has been taught all her life that the races should be kept separate but equal. Forced to work together on a school project, Sarah and Linda must confront harsh truths about race, power and how they really feel about one another.”

Deborah Wiles: “Revolution” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

It’s 1964, and Sunny’s town is being invaded.  Or at least that’s what the adults of Greenwood, Mississippi, are saying. All Sunny knows is that people from up north are coming to help people register to vote.  They’re calling it Freedom Summer. Sunny has a new stepmother, a new brother, and a new sister crowding her life, giving her little room to breathe. And things get even trickier when Sunny and her brother are caught sneaking into the local swimming pool–where they bump into a mystery boy whose life is going to become tangled up in theirs.”

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Aisha Saeed: “Written in the Stars” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2015)

“Naila’s conservative immigrant parents have always said the same thing: She may choose what to study, how to wear her hair, and what to be when she grows up—but they will choose her husband. Following their cultural tradition, they will plan an arranged marriage for her. And until then, dating—even friendship with a boy—is forbidden. When Naila breaks their rule by falling in love with Saif, her parents are livid. Convinced she has forgotten who she truly is, they travel to Pakistan to visit relatives and explore their roots. But Naila’s vacation turns into a nightmare when she learns that plans have changed—her parents have found her a husband and they want her to marry him, now! Despite her greatest efforts, Naila is aghast to find herself cut off from everything and everyone she once knew. Her only hope of escape is Saif . . . if he can find her before it’s too late.”

Nancy Garden: “Annie on my Mind” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1982)

“This groundbreaking book is the story of two teenage girls whose friendship blossoms into love and who, despite pressures from family and school that threaten their relationship, promise to be true to each other and their feelings.”

Emily M. Danforth: “The Miseducation of Cameron Post” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2012)

“When Cameron Post’s parents die suddenly in a car crash, her shocking first thought is relief. Relief they’ll never know that, hours earlier, she had been kissing a girl. Cam is soon forced to move in with her conservative aunt Ruth and her well-intentioned but hopelessly old-fashioned grandmother. Survival in Miles City, Montana, means blending in. Then Coley Taylor moves to town. Beautiful, pickup-driving Coley is a perfect cowgirl with the perfect boyfriend to match. She and Cam forge an unexpected and intense friendship — one that seems to leave room for something more to emerge. But just as that starts to seem like a real possibility, ultrareligious Aunt Ruth takes drastic action to ‘fix’ her niece.”

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Shaun David Hutchinson: “At the Edge of the Universe” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2017)

“Tommy and Ozzie have been best friends since the second grade, and boyfriends since eighth. Then, Tommy vanished. More accurately, he ceased to exist, erased from the minds and memories of everyone who knew him. Everyone except Ozzie. When Ozzie is paired up with the reclusive and secretive Calvin for a physics project, it’s hard for him to deny the feelings that develop between them, even if he still loves Tommy. But Ozzie knows there isn’t much time left to find Tommy.”

Andrew Smith: “Stick” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

“Fourteen-year-old Stark McClellan (nicknamed Stick because he’s tall and thin) is bullied for being “deformed” – he was born with only one ear. His older brother Bosten is always there to defend Stick. But the boys can’t defend one another from their abusive parents. When Stick realizes Bosten is gay, he knows that to survive his father’s anger, Bosten must leave home.”

Elly Swartz: “Finding Perfect” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2016)

“Molly’s mother leaves the family to take a faraway job with the promise to return in one year. Molly knows that promises are often broken, so she hatches a plan to bring her mother home: Win the Lakeville Middle School Slam Poetry Contest. Molly’s sure her mother would never miss that. Right…? But as time goes on, writing and reciting slam poetry become harder. Actually, everything becomes harder as new habits appear, and counting, cleaning, and organizing are not enough to keep Molly’s world from spinning out of control.”

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Wendelin Van Draanen: “The Running Dream” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

“Jessica thinks her life is over when she loses a leg in a car accident. She’s not comforted by the news that she’ll be able to walk with the help of a prosthetic leg. Who cares about walking when you live to run? As she struggles to cope with crutches and a first cyborg-like prosthetic, Jessica feels oddly both in the spotlight and invisible. People who don’t know what to say, act like she’s not there.”

Sarah Miller: “Miss Spitfire. Reaching Helen Keller” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2007)

“Annie Sullivan was little more than a half-blind orphan with a fiery tongue when she arrived at Ivy Green in 1887. Desperate for work, she’d taken on a seemingly impossible job — teaching a child who was deaf, blind, and as ferocious as any wild animal. But Helen Keller needed more than a teacher. And if anyone was a match for Helen, it was the girl they used to call Miss Spitfire.”

Ginny Rorby: “Hurt go happy” (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2006)

“Thirteen-year-old Joey Willis is used to being left out of conversations. Though she’s been deaf since the age of six, Joey’s mother has never allowed her to learn sign language. Everything changes when Joey meets Dr. Charles Mansell and his baby chimpanzee, Sukari. Her new friends use sign language to communicate, and Joey secretly begins to learn to sign. But as Joey’s world blooms with possibilities, Charlie’s and Sukari’s choices begin to narrow–until Sukari’s very survival is in doubt.”