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Lesbische Literatur: „Anne Lister“ & „Zeitreisen. 4 Frauen. 2 Jahrhunderte. Ein Weg“ [Angela Steidele]

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Angela Steidele:

Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg.

Matthes & Seitz; 269 Seiten; 24 Euro.

Angela Steidele schreibt Sachbücher und Romane über queere Lebenswege zu Zeiten, als Worte wie „lesbisch“, „genderqueer“, „schwul“ fehlten. Fürs großartige „Anne Lister: Eine erotische Biografie“ (2017) durchkämmte sie die verschlüsselten Tagebücher einer adligen Britin, die bis zu ihrem Tod mit 49 versuchte, reiche Gefährtinnen finanziell und sexuell an sich zu binden. Ann Walker, Listers reiche Partnerin ab 1832, blieb bloßer Kompromiss: Im Tagebuch lästert Lister über die nervöse, scheue Bettgenossin.

Zu einer Zeit, als höchstens Forschungsreisende den Kaukasus erkundeten, wollte Lister via Kutsche und Pferdeschlitten bis in den Iran – ohne, Ann Walker einzuweihen. Die psychologischen, finanziellen und sexuellen Scharmützel, die Steidele im Vorgängerbuch „Anne Lister“ zeigte, faszinieren. Nichts aber war im Vorgängerbuch langweiliger als Listers neurotische „Wie viele Meilen schaffen wir pro Tag?“-Konflikte mit Kutschern und Wanderführern. Das wärmt Steidele jetzt ein Jahr später, in „Zeitreisen“, noch pedantischer auf?

Ja. Mit Gewinn! Denn Steidele und ihre Ehefrau Susette reisen die Route von Anne und Ann fast 180 Jahre später nach – als bissige, politische, witzige Kritikerinnen. So interessant Steideles Sujets oft per se sind: die Bücher sind vor allem interessant, weil Steidele interessante Fragen findet. Zu Warteschlangen in St. Petersburg 2016 oder Schlamm auf der georgischen Heerstraße, 1839.

Ein doppelter Reisebericht, der zeigt, wie komplex alles Fremde wird – sobald man nachbohrt. Anne Lister starb 1940 in den Wäldern Georgiens. Alles und nichts an ihrem Leben ist prosaisch, hochdramatisch, vielsagend, nebensächlich. Hochinteressant!

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„Die 1791 im englischen Halifax geborenen Landadlige Anne Lister war gebildet, emanzipiert, eine homoerotisch Liebende, eine furchtlose Reisende und hinterließ 24 ordentlich gebundene Tagebuchhefte und Journale, teils in einer Geheimschrift verfasst.  […] Steidele fügt den Liebesgeschichten Beschreibungen damaliger Lebensumstände und Bedingungen an und erklärt mit unübersehbarer Freude die überlebensnotwendige Kombination von Liebe und Geld. Unverheiratete Frauen mussten Überlebensstrategien finden, auch wenn sie berechnend waren. Geschickt zu erben, oder vermögende Liebhaberinnen wie Ann Walker zu gewinnen, war ein Ersatzberuf.

[…] Steidele kombiniert geschickt Tagebücher und Briefe mit eigenen Mutmaßungen und Nachforschungen. Es entsteht das umfassende Bild einer Gesellschaft zu Beginn der industriellen Revolution. Die draufgängerische und neugierige Lister war an Kampfgeist und Mut jedem Gentleman überlegen. Ein Buch über eine wilde, liebes- und bildungshungrige Frau und vehemente Abenteuerin, deren Leben im Alter von 49 Jahren im Georgischen Kutaisi auf dem Weg zum Schwarzen Meer endete“, schreibt Verena Auffermann bei Deutschlandfunk Kultur über das Vorgängerbuch: „Anne Lister. Eine erotische Biografie“

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Steidele, geboren 1968 in Bruchsal, lebt in Köln und ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation: „Als wenn Du mein Geliebter wärest. Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850“ [2003] Seitdem erscheinen Sachbücher und ein Roman:

2004 „In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ – die Biografie der vermutlich europaweit letzten Frau, die wegen der so genannten »Unzucht mit einer anderen Frau« hingerichtet wurde.

2015 ein Briefroman über den selben Stoff – verschränkt mit der Lebensgeschichte von Ludwig dem II.: „Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II“

schon 2011 „Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“.

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Ich habe Angela Steidele 2016 interviewt, im Rahmen des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“

Im Juni 2018 moderierte ich Lesung und Gespräch zu „Anne Lister“ beim Frankfurter Literaturfestival LiteraTurm.

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„In meinem Werk arbeite ich daran, frauenliebenden Frauen der europäischen Neuzeit ihre Stimme zurückzugeben und ihre Geschichte bekannt zu machen.

[…] Eine besondere Spielart der Gewalt gegen Lesben war ca. 200 Jahre lang die Behauptung, dass es uns gar nicht gibt. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war in den deutschsprachigen Ländern Sex zwischen Frauen ebenso mit dem Tod zu bestrafen wie der zwischen Männern. Ausgerechnet mit der Aufklärung konnten sich die männlichen Philosophen, Juristen usw. unter Sex zwischen Frauen nur noch lächerliche »unzüchtige Spielereien« vorstellen. Sie hoben die Strafen für lesbischen Sex ab 1800 auf, weil es ihn ihrer Meinung nach gar nicht gibt.

Frauenliebende Frauen verschwanden in die Nicht-Existenz und tauchten in den Romanen des späten 19. und Filmen des frühen 20. Jahrhunderts allenfalls als Geister, Vampire – eben als Nichtwesen – auf. Die frühe Lesbenforschung ab den 1970er Jahren wiederholte die Negierung der lesbischen Sexualität, indem sie das kuriose Phantasma der »romantischen Frauenfreundschaft« konstruierte, die vor 1900 dezidiert kein sexuelles Begehren gekannt haben soll.

[…] Selbstverständlich hat es, seitdem es Menschen gibt, immer auch Frauen gegeben, die die Geliebte mit Haut und Haaren begehrten. Gleich die erste Stimme überhaupt, die in der Dichtung »Ich« sagte, Sappho, spricht davon.“ Angela Steidele auf 114.de

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„Anne Lister ist eine sehr ambivalente Gestalt. Sie versuchte eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung in Halifax zu bekommen, als ob sie ein Mann gewesen wäre. Sie ließ sich von ihrem Geschlecht nicht stören. Das kann man durchaus als unfreiwillig feministisch betrachten. Sie selbst stand der Frauenemanzipation allerdings eher skeptisch gegenüber und fand, dass nur Ausnahmefrauen wie sie zum Beispiel das Wahlrecht haben sollten.

Sie hat sich eigentlich in allen Bereichen ihres Lebens verhalten wie ein männliches Scheusal. Sie war in Liebesdingen ein Wüstling, ein Schuft. In Geschäftsdingen ein harter Hund. In der Politik ein schrecklicher, reaktionärer Tory. Als Mann würden wir sie heute unerträglich empfinden. Als Frau wird sie für uns wahnsinnig interessant, weil sie sich eben nicht daran gehalten hat, was sie als Frau darf oder nicht: Sie hat wirklich exzessiv ausprobiert, wie weit sie gehen kann.

Was mich wunderte: Dass die Eltern, die Verwandten, die Lehrer und die Umgebung, dass offenbar tolerierte. Woran lag das – dass jemand wie Lister ihre lesbischen Neigungen im frühen 19. Jahrhundert derart freizügig ausleben konnte?

Weil ein Mädchen mit einem Mädchen in einem Bett keine Sorge auslöste. Sexualität fand in diesen Jahrzehnten, in diesen Jahrhunderten nur statt, wenn mindestens ein Penis involviert war. […] Weibliche Sexualität wurde so nihiliert, dass zwei Mädchen und zwei Frauen in einem geteilten Bett überhaupt nicht störten. Es gibt in Anne Listers Lebensjahren 1819 einen bemerkenswerten Gerichtsprozess über zwei schottische Lehrerinnen, die der Unzucht miteinander angeklagt waren, die nach zehn Jahren Prozessdauer vom House of Lords höchstrichterlich freigesprochen wurden. Die Richter befanden, dass einfach nichts dabei ist, wenn zwei Frauen „nach den üblichen Gewohnheiten dieses Landes ein Bett miteinander teilen.“

[…] Lister befand selbst, dass ihr Herz so groß sei, dass da viele Lieben nebeneinander Platz haben, ohne sich gegenseitig zu inkommodieren. Ich musste bei der Recherche ihres Liebeslebens ein – ich formuliere es mal so – „Sextagebuch“ führen, um überhaupt auseinanderhalten zu können, mit wem sie gerade wann zugange war. Beziehungsweise: Wie vielen Frauen sie gleichzeitig die ewige Liebe schwor. Das war teilweise so verwickelt, dass ich mir wirklich Jahr für Jahr oder Monat für Monat darüber klar werden musste, wer eigentlich gerade als Geliebte aktuell war bei ihr. Und ein Verdacht, warum sie so ausführlich Tagebuch geführt hat, war bei mir auch immer: Weil sie selber verschriftlichen musste, welchen Grad der Wahrheit sie welcher Geliebten eigentlich gerade zugemutet hatte, um ihre verschiedenen Fassungen der Wahrheit auseinander halten zu können.

Sie verstand es meisterhaft, jeder ihrer Geliebten das Gefühl zu geben: Du, nur du allein, bist für mich der wichtigste Mensch! […] Viele ihrer Geliebten haben später geheiratet und führten dann ein Leben, das wir heute als heterosexuell bezeichnen würden. Anne Lister liebte die Pose der Verliebten. Aber die eigentliche große Liebe ihres Lebens ist sie selbst. Und man kann ihr Tagebuch auch als einen unendlichen Liebesbrief an sich selbst verstehen. Das haben auch ihre Geliebten verstanden: Ausnahmslos alle waren auf dieses Tagebuch eifersüchtig.

Im Tagebuch hat sie ihre zahlreichen Affären mit anderen Frauen in einer pornografischen Deutlichkeit beschrieben, die einer gefühlten Pfarrerstochter wie mir die Ohren heiß werden lassen.“ Angela Steidele im Gespräch mit Gisa Funck, Deutschlandfunk.de

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Ludwig II von Bayern und Anastasius Rosenstengel haben, was die Lebensdaten und die Geographie angeht, auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Wie sind sie auf die Idee gekommen, diese beiden Geschichten zu verbinden?

Als ich die Biographie Catharina Lincks alias Anastasius Rosenstengel schrieb, wollte ich auch wissen, wer eigentlich dieser F. C. Müller war, der 1891 Teile ihres Gerichtsprozesses veröffentlichte. Als ich herausgefunden hatte, dass er die Leiche des abgesetzten Ludwigs II. aus dem Starnberger See [gezogen hatte], war die Idee zu diesem Roman geboren. Müller verbindet zwei historische Persönlichkeiten, die ihr Leben als Bühne betrachtet haben. Catharina Linck erschuf sich selbst als Mann, als Prophet, als Soldat, als Handwerker und nicht zuletzt als Liebhaber „schöner Weibesmenschen“. Ludwig II. erfand sich als Schwanenritter, Theaterkönig und Bauherr phantastischer Schlösser nicht weniger radikal als Linck. Durch ihr Leben stellen beide die Annahme in Frage, man könne zwischen wahr und erfunden unterscheiden. […] Zu Wort kommen ausschließlich historische Persönlichkeiten, deren Briefe von mir teils erfunden, teils aus Tausenden Originalzitaten zusammengesetzt wurden. Diese Briefe geben sich als Quellen aus, sind jedoch nie so geschrieben worden, und erzählen doch über weite Strecken authentische Geschichte.

Dass Ludwig II zusammen mit dem Arzt Prof. Gudden tot im Starnberger See aufgefunden wurde, ist sicher, wie es dazu kam, jedoch nicht. In Ihrem Buch liefern Sie am Ende mehrere mögliche Erklärungen. Welche halten Sie persönlich für die wahrscheinlichste?

Die Wahrheit interessiert mich weniger als der Mythos. Mir geht es um die Untrennbarkeit von Fakten und Fiktionen und daher endet der Roman mit gleich vier Varianten zu Ludwigs Tod. Und alle vier könnten wahr sein.“

[Angela Steidele im Gespräch mit Birgit Borloni, Histo-Couch.de

„Ich schreibe, wie andere Leute ins Büro gehen: früh, regelmäßig, von montags bis freitags, in einem stetigen Strom des Nachdenkens. Höhepunkte sind Reisen auf den Spuren meiner Heldinnen und Helden.“

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wichtig: Das hier ist kein „echter“ Blogpost, sondern

a) meine Kurzvorstellung von „Zeitreisen“, die ich ursprünglich für diesen Spiegel-Online-Artikel schrieb, doch die entfiel, als die Redaktion sich auf elf Titel statt zwölf beschränkte.

b) die „Oha: DAS ist interessant!“-Textstellen, die ich mir in einem .doc speicherte, als ich im Juni 2018 meine Moderation vorbereitete und alles las, was ich online über Angela Steidele finden konnte. Ich habe noch nie derart lange Textstellen auf meinem Blog collagiert: Histo-Couch? Deutschlandfunk? Falls das hier zu… kannibalistisch ist, entferne ich die langen Zitate wieder.

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Pressereise nach Norwegen: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 | Hurtigruten

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Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm19.

Ende Oktober 2018 war ich auf einer sechstägigen Pressereise von den Lofoten (200 km über dem Polarkreis) bis nach Bergen.

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Heute: die Norwegen-Pressereise – erzählt in Fotos und kurzen Texten.

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Vier Journalistinnen sind mit mir eingeladen: Andrea Gerk (Deutschlandfunk), Saskia Trebing (Monopol Magazin), Anke von Heyl (Kulturvermittlungs-Expertin „Kulturtussi“; Teil der „Herbergsmütter“), Claudia Schumacher (Ex-Weltwoche; Welt). Rechts im Bild: Margit Walsø von NORLA – Norwegian Literature Abroad. Foto: NORLA.

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Ich mag Johan Harstad, Ingvild H. Rishoi, Cartoonist Jason. Auch die recht simplen Romane von Per Petterson und Erlend Loe verschenke ich gern. Zuletzt rezensierte ich Linn Ullmanns „Die Unruhigen“. Doch ich bin kein Skandinavist, Norwegen-Experte, -Liebhaber. Pressereisen reißen mich mit. Ich liebe, mir ein Land und seine Literatur zu erarbeiten und bis Oktober 2019…

a) …Bücher vorzustellen.

b) …Lesungen zu moderieren.

c) …Interviews zu führen.

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Auf betreuten, kurzen Reisen sehen kleine Gruppen maximal viel Kultur – straff, fokussiert. Auch bei den Mahlzeiten geht es um Networking. Ich mag Dichte, Tempo solcher Tage. Doch erlebe sie als Arbeit: Ich reagiere auf 100+ neue Menschen. Würde oft gern kurz pausieren, googeln. Wir rasen durch ein Land. Daheim lesen wir nach, WAS wir da sehen, WEN wir da trafen. Konzentrierte, geballte Tage!

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Bis Oktober 2019 lädt Norwegen immer wieder Gruppen aus Journalist*innen, Buchhändler*innen ein:

_ Juni 2018: Literaturtoget [Zug] mit Kronprinzessin Mette-Marit
_ Juni 2018: Teil 2 und sehenswertes Video [BuchGeschichten]
_ September 2018: Reise nach Oslo [Masuko13]

Besonders an meiner Reise: Kunst war viel präsenter als Literatur – denn von Montag bis Donnerstag fuhren wir auf einem Hurtigruten-Postschiff, als Teil der Kunst- und Networking-Konferenz „Coast Contemporary“, nach Bergen.

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Lectures, Performances, Artist Talks, kleine Ausstellungen, Film und Installationen: Ca. 80 Teilnehmer*innen waren an Bord. Davor (So/Mo) gab es Atelierbesuche auf den Lofoten; danach (Do/Fr) eine Buchpremiere und Kulturprogramm in Bergen. „Coast Contemporary“ fand 2017 zum ersten Mal statt [Link: langer Artikel]. 2018 kuratierte Charles Aubin (Paris/New York).

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Veranstalterin ist Tanja Eli Saeter. „Coast Contemporary is an artist-run and non-commercial platform for people to meet, share ideas and perhaps start working together in the future. Hierarchy and bureaucracy keep artists, curators, galleries and institutions apart – but we all depend on the artist, and the artist should be included on all levels. Coast Contemporary aims to present Norway’s art scene to the world, in collaborations with artists and some of the smallest and largest institutions in Norway.“

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Mir als Kritiker (…kein Reisejournalist, kein Kunstexperte) tat gut, von Kurator*innen z.B. des Centre Pompidou, des Portikus (Frankfurt) und des New Yorker Swiss Institute zu lernen. Oder mit Idealist*innen im Whirlpool zu sitzen, die abwägen, in welchem Flügel der PS1 sie nächstes Jahr ihre Zines und Kunstbände ausstellen.

Leider hatten kaum Teilnehmende die norwegische Literaturwelt (Betrieb, Novitäten, Institutionen) richtig auf dem Schirm – oder gar die Frankfurter Messe: Literatur war Lebensmittelpunkt von höchstens 10 Menschen auf der Reise. Es ging v.a. um Kunst. Klimawandel. Und das Dokumentieren von Ökosystemen und Landschaft.

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Nach sieben Stunden Anreise (Berlin bis Oslo, dann Bodo, dann eine kleine, laute Propellermaschine nach Svolvaer) stehen wir mit warmem Fruchtpunsch in einem stillgelegten Kühlhaus. Hanan Benammar und Espen Sommer Eide imitieren auf Instrumenten den Ruf der Dreizehenmöwe. Den Kontext – in spätestens 10 Jahren ist die Möwe ausgestorben – kann ich erst Tage später nachlesen; und weil ein Zuschauer in Ohnmacht fällt, wird die Performance abgebrochen. Fotos: Laimonas Puisys

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Bevor ich das Licht im Hotelzimmer finde, sehe ich: ein Hurtigruten-Schiff hält direkt am Kai. In allen Hotelzimmern liegt ein Fernglas bereit… und im Schrank warten Regenschirme.

Das Wetter kann sich, wie jeder Hurtigruten- und Lofotentext warnt, „stündlich, beinahe minütlich“ ändern. Für Fotos ist das toll: Alle 10, 15 Minuten herrscht eine dramatisch neue Lichtstimmung. Auch im dunkel-nassen Oktober.

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In Hotels google ich beim Aufstehen meist, wo der Frühstücksraum liegt. Zum Thon Hotel] schwärmt Tripadvisor: „The highlight was the breakfast. Simply perfect! Local products are carefully selected, such as several types of cured fish and perfect cheeses and breads. I travel a lot around the world, and this hotel by far had my best and perfect breakfast ever!“ Keine Übertreibung. Ich hatte nie ein liebevolleres, facettenreicheres Frühstück!

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In zwei Reisebussen fahren wir 50 Minuten nach Kvalnes. NICHTS auf der Reise war so packend, überraschend, beglückend wie diese bizarr schöne Fahrt durch eine Landschaft, die mich… komplett überforderte. Foto: Coast Contemporary

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Ich friere schnell. Drei Monate im warmen Georgien leben? Jederzeit! Doch hier: 200 Kilometer nördlich des Polarkreis‘? Doch. Denn ich liebe, in vier Richtungen zu blicken… und vier oft dramatisch verschiedene Aussichten zu sehen.

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Tanja Saeter: „Before the Hurtigruten route was established, it took three weeks to send a letter from Trondheim to Hammerfest in the summer, and up to five months in the winter. Hurtigruten took only seven days to make the trip, a development forging much stronger ties between north and south. Since launching in 1893, Hurtigruten has become one of the most important identity markers for coastal Norway.“

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Moos. Bizarr windschiefe Birken. Fels und Findlinge. Heidekraut. Flechten. Viele (Sommer-)Häuser in Kvalnes stehen ab Herbst leer.

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„Aslaug Vaa“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „hat aus dem winzigen Fischerdörfchen Kvalnes tatsächlich einen Kulturort gemacht. Eine ehemalige Fabrik für Dorschlebertran ist nun von außen ein schickes Holzhaus und von innen ein skandinavischer Designtraum mit Glasfußboden, durch den man in der Küche einem kleinen Bächlein beim Fließen zusehen kann. In die Villa Lofoten werden mehrmals pro Jahr Künstler eingeladen, die im Nirgendwo des Nordens zumindest nicht über Ablenkung klagen können.“

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Die Renovierung der Fassaden ist staatlich gefördert – weil die Gebäude den historischen Charakter behalten. Innen ist alles großzügiger. Übernachtungen kann man hier (Link) buchen.

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„Seit 2004 wurden dank NORLA mehr als 4.500 Bücher in wenigstens 65 Sprachen übersetzt. Für 2018/19 sind besonders viele Übersetzungen aus dem Norwegischen ins Deutsche geplant. Zwei Mal pro Jahr erstellt NORLA eine Auswahl von 10 Fokustiteln (ein Mix aus Debütanten und bekannten Autoren Norwegens).

Um den deutschen Markt zur Buchmesse nicht zu überfluten, ist für das gesamte Jahr 2019 der Fokus auf etwa 200 Titel gesetzt (auch wenn das jetzt viel klingt – es sind alle Genres vertreten von Belletristik, Krimi, Kinderbuch und Sachbuch bis Fantasy)“ …schreibt Jacqueline Masuck.

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„Although Finland has been named The Land of a Thousand Lakes, Norway’s lakes do in fact far outnumber Finland’s. About 450,000 lakes in Norway are identified, compared to the 188,000 lakes in Finland.“ [Quelle]

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Noch weiß ich nicht, wie norwegische Dörfer funktionierten: Fischer hatten auch Schafe, bauten Kartoffeln an, lagerten Heu; bewirtschafteten mehrere kleine Parzellen. Land kaufen in Kvalnes ist schwer – weil Erbgemeinschaften wollen, dass alle verstreuten Grundstücke in der Familie bleiben.

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„In Kvalnes, das ganze neun ständige Einwohner aufweisen kann“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „sind Künstler deutlich in der Überzahl. Kjetil Berge hat aus einer Scheune den Veranstaltungsort Midnight Sun Barn gemacht, die Maaretta Jaukkeri Foundation lädt Gäste aus verschiedenen Disziplinen zum Forschen ein, und auch die Künstlerin A K Dolven hat sich ein Studio mit endlosem Meerblick gebaut.“

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Kjetil Berge kaufte z.B. 2013 einen Eiswagen, um a) in Nord-Norwegen Eiscreme anzubieten und b) in der Sahara Sand. Seine Midnight Sun Barn ist ein Community- und Sehnsuchtsort – im Sommer. Doch mit fast 90 Menschen in der feuchten Kälte zu drängen, Eintopf zu löffeln, fest zu sitzen war für mich der witzloseste und deprimierendste Moment der Reise. Besonders, als… [Foto: Norla].

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…Berge – trotz Beamer und Mikro eh schlecht zu sehen, zu hören – uns einlud, einen „Heute ist es wolkig, doch bald lacht die Sonne wieder“-Kanon zu üben und zu singen. Wenn du die Zeit und Aufmerksamkeit von 90 Menschen hast, die STUNDENLANG flogen, um hier zu sein: Mach was draus! Ich wäre schreiend raus gerannt – hätten bis zur Tür nicht ca. 60 frierende Leute gekauert. Link: Drohnen-Video von Berges Haus/Atelier und der Scheune.

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Selbst das Künstlerhaus der Maaretta Jaukkuri Foundation wird eng – sobald dort 90 Menschen stehen. Hätte ich gefroren: Ich klänge so ungnädig wie in der Scheune. Doch hier war’s hell, warm… und vom Idealismus einer 74jährigen Kuratorin und Professorin, der Kunst, Dialog und Klimaschutz so wichtig sind, dass sie sagt: „Every person who comes here should leave an imprint that will generate the tools for deep thinking that can ripple out, over time, through both private and public channels“, lasse ich mich gern anstecken. Respekt!

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Nach der Scheune drängte sich die Gruppe durch Kjetil Barnes (warmes, charmantes) Atelier/Haus. Auch hier dachte ich leider v.a. an die Spielshow „Get the Fuck out of my House“. Absurd viel Warten. Wozu?

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Eine Mitreisende liebte das Kanon-Singen in der Scheune: „Die wissen schon, wie sie tolle, kollektive Momente inszenieren können!“

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Künstlerin A K Dolven hätte ich gern ewig zugehört. „Geboren 1953 in Oslo, Norwegens bekannteste Multimediakünstlerin, aufgewachsen nördlich des Polarkreises. Ihre Skulpturen, Malerei, Foto- und Videokunst werden weltweit ausgestellt. Vor 1989 wohnte sie mehrere Jahre im Westteil von Berlin direkt an der Mauer. Heute lebt sie auf den Lofoten und in London.“ [Deutschlandfunk]

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Wenn Menschen für ihre Arbeit brennen, überträgt sich ihre Begeisterung schnell auf mich. 17-Minuten-Video, in dem Dolven viel über Materialität, Arbeitsrhythmen etc. spricht. [Link, Empfehlung!]

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Die Fenster zeigen das Meer. Der verspiegelte Eckpfeiler, von Sessel und Bett aus zu sehen, zeigt zugleich die Häuser an Hauptstraße und Berg.

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Ich mag, wie selbstverständlich Dolven betonte, dass sie MIT Menschen arbeitet – ohne, sich dabei als Künstlerin klein zu machen. Kurzer, passend programmatischer Text auf ihrer Website: „A K Dolven’s work is based on collaborations with many people. Thanks to family, friends, neighbours, contributors, publishers, printers, curators, designers, helpers, transporters, gallerists, museums, proofreaders , boyfriends, assistants, photographers, engineers, entrepreneurs, crane companies, architects, writers, thinkers, technicians, translators, editors, repro, students, colleagues, daughter, driver.“ Foto: Aslak Hoyersten.

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Gucklöcher in renovierten Steinwänden; ein Dielenboden mit einer Glasfläche etc.

Kvalnes lud überall zum Rausschauen ein – und damit auch: zum Reinschauen. Ich will genauer wissen, wie wichtig Zäune, Wachhunde, Grenzen, Vorhänge etc. fürs norwegische Sicherheitsempfinden sind.

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TV Tropes über Norwegen in Kunst & Popkultur: „In Douglas Adams‘ The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, Norway was the particular point of pride of a planet sculptor.“Lovely crinkly bits down the edge! I won an award for that, you know.“

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Landschaft, vom fahrenden Bus aus fotografiert.

Das 2018er-Motto von „Coast Contemporary“ ist „rugged, weathered, above the Sea“. Ich dachte noch nie so lange über Landschaft nach (auch: als Konstrukt und Projektionsfläche – ähnlich wie der deutsche Sehnsuchtsort „deutscher Wald“)..

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.zehn norwegische Romane, auf die ich mich freue:

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.englische Worte aus dem Norwegischen:

  • ski – a cleft piece of wood
  • bag – a flexible container
  • slalom – a track (låm) on a slope (sla)
  • ombudsmann – a trusted intermediary or representative
  • equipment

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Die wichtigsten Literaturpreise:

  • Bragepris
  • Kritikerpris
  • Sultpris (für junge Autor*innen)
  • Bastianpris (für Übersetzungen)
  • Rivertonpris (für Kriminalliteratur)
  • Tarjei Vesaas’ Debutantpris.

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Die Teenager-Dramedy „Skam“ (2015 bis 2017) wird mir oft empfohlen.

Ich bin gespannt auf die Serien:

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Zeitschriften, die mir auffielen: ein sexistisches True-Crime-Magazin  [„Blutige Begierde“]; teure und stereotype Design-Zeitschriften [„Bo Nordisk“] und, wie in Deutschland: viel Zweiter-Weltkrieg-Romantisierung und Militärkitsch. Von Vidkun Quisling kenne ich bisher nur Popkultur-Parodien.

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Sagte ich „norwegisches Postschiff“, riefen deutsche Freund*innen: „Hurtigruten, klar! Kenne ich doch!“ Mein Partner mag Ausflugsfahrten auf dem Wannsee. Doch teure Kreuzfahrten gibt es in meiner Welt / Familie nicht. 12 Tage Hurtigruten kosten ca. 1.600 EUR.

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Die MS Trollfjord fährt seit 2002 von Bergen (im Süden) bis Kirkenes (Norden, an der Grenze zu Russland) – und zurück. Das Schiff hat Platz für 45 Autos; hält an ca. drei Häfen pro Tag, oft für ca. 2 Stunden. Besatzung: 170. Passagiere: 822.

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Norweger*innen nutzen die Schiffe oft eher wie ein Shuttle oder einen Fernbus: ohne Vollpension und ohne Kabine. In jedem Hafen kommen wenige Teenager oder Backpacker an Bord, Paare mit Kinderwägen etc. und halten sich in den Gemeinschaftsbereichen auf: Bar, Bistro, Aussichtsdeck, Bibliothek; eine kleine Spielecke für Kinder.

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„Oh. I thought you were Norwegian. You look Norwegian.“ Männer, die mich an Wikinger erinnern, sehe ich in Berlin so oft wie in Norwegen. Viele Frauen sind auffällig blond – doch eine Menge haben dunkle Haare, Augen. Markant war für mich nur, dass am Flughafen jeder ca. fünfte Mann aussah wie Christian Kracht.

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2011 übertrug der öffentlich-rechtliche Sender NRK eine sechstägige Hurtigruten-Fahrt als „Hurtigruten: Minute by Minute“. Der „Slow TV“-Trend kommt aus Norwegen und begann schon 2009, mit Übertragung einer sechsstündigen Zugfahrt.

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Obwohl man Tagesausflüge buchen kann, verbringen die meisten Gäste Stunden auf dem (zweigeschossigen) Aussichtsdeck, starren auf die Landschaft wie auf einen Bildschirmschoner. Viele lesen; fast alle schweigen. Die Stimmung? Altenheim-Lobby trifft Meditationsraum trifft Zehn Vorne. Viele sind sehr still; wirken… eingelullt.

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Durch die vielen Schären und Fjorde gibt es oft back- und steuerbords Felsen zu sehen, fast immer bebaut. Frontal nach vorn zu schauen scheint mir reizlos. Viele Passagiere drehen ihre Sessel nach links oder rechts.

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Die Kabinen (drückend dunkles Holz; Meergrün; Teppich mit Seepferdchen) wirken gestrig – doch sind groß. Ich fand die Fußbodenheizung im Bad, doch keine Heizung für die Kabine; und dachte jeden Morgen kurz, ich sei erkältet.

Der Rest des Schiffs ist warm, plüschig: Teppichboden, seltener Parkett. Als mein Schuh in Trondheim durchweichte, verbrachte ich einen Tag in Strümpfen – ohne, dass sich jemand störte.

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„Gastland“ klingt, als würde Deutschland die Kosten tragen.

Oder die Frankfurter Messe?

Tatsächlich wird ALLES von Norwegen bezahlt. Das macht besonders auch die Gastfreundschaft Georgiens – ein viel ärmeres Land, das auf den EU- und Nato-Beitritt hofft und sich als Gastland sehr engagierte – nochmal beeindruckender!

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Island war 2011 Gastland – und begeisterte damals viele. „Das lag auch an den großformatigen Natur- und Landschaftsfotos“, erklärt NORLA: „They had a really strong visual identity.“

Das #norwegen2019-Design (dunkelblau, simple Piktogramme, gereiht wie auf einem Norwegerpulli oder in einem Bücherregal) lässt mich recht kalt.

Ich überlege seit Wochen, ob die Symbole für Buchstaben stehen: N? O?

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Zwei deprimierende Gespräche, die ich mit Autoren führte:

„Als Isländer wurde mein Buch in Frankreich zum riesigen Bestseller. In Deutschland wurden 600 Exemplare verkauft – weil im Island-als-Gastland-Jahr 2011 alles übersättigt war.“

und: „Wie viel gibt Norwegen aus, für diesen Auftritt? 100 Millionenen Kronen [9.6 Millionen EUR]? Dafür, dass ca. 15 norwegische Autor*innen danach Bestsellerautor*innen in Deutschland sind? Was ist mit uns anderen: Wie viel mehr wäre uns geholfen durch z.B. Stipendien?“

Ich liebe Übersetzungsförderung und weiß, dass ohne NORLA kaum aktuelle Bücher nach Deutschland kämen. Ich weiß auch, für wie viele deutschsprachige Leser*innen ein Gastland zum Sehnsuchtsort wird und, wie wichtig solche Auftritte diplomatisch sind.

Was kleinere norwegische Autor*innen davon haben, entscheidet u.a. hoffentlich MEINE Arbeit im nächsten Jahr. Über Stars wie Jon Fosse oder Jostein Gaarder werde ich selbst keine Artikel schreiben. #longtail

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Lichtröhren im Speisesaal, über dem Buffet.

„Star Trek: Voyager“ begann 1995. Ich dachte an Bord dauernd an die 90er-Ästhetik des Schiffs… und seine Größe: Captain Picards Enterprise hat eine Besatzung von 1014; auf der MS Trollfjord sind ebenfalls maximal ca. 1000 Menschen. Die Voyager hat 150 Crewmitglieder, ist 116 Meter breit und 343 Meter lang, hat 15 Decks. Die MS Trollfjord: 10 Decks, 135 Meter lang, 21 Meter breit.

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Frühstück, Lunch, Abendessen; dazu oft Gebäck und Gratis-Kaffee zwischen den „Coast Contemporary“-Vorträgen im Auditorium/Kino. Es gab zu jeder Tageszeit Buffet, nur einmal ein recht fades, schonkostartiges Dinner in mehreren Gängen.

Den Coast-Contemporary-Gästen wurde ein Cluster aus Tischen mit freier Platzwahl zugewiesen – und ich aß jedes Mal in anderen Konstellationen (viel gehört, sehr genossen!). Gratis-Wasser stand am Tisch; und bei Zwischendurch-Durst füllte ich eine Wasserflasche mit Leitungswasser auf. Alkohol trinke ich eh nicht.

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Tiefpunkt auf dem Boot: Weil die reiche Zielgruppe hofiert werden will und viele in Trondheim aussteigen, bedanken sich Kapitän und Besatzung beim Dinner am Vorabend persönlich… mit einem LIED, in dem sie singen, wie unglaublich dankbar sie sind.

Alte, reiche Menschen, die im Takt klatschen. Ein peinlich serviler Songtext. Und eine „Der Kunde ist König“-Vorstellung, die viele Menschen meiner Generation und Schicht anwidert. Dass eine Frau aus der Crew (auf dem Foto: zweite von hinten) eine Tracht trug, macht alles noch… patriarchaler, reaktionärer. „Singt und tanzt, Äffchen!“

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Getrockneter Wal. Rentier. Muscheln. Brauner Käse (beliebtes Mitbringsel, ließ mich kalt). Blau- und Preiselbeerbutter: Ich esse seit 2016 keinen Zucker, keine Kohlenhydrate – doch auf der Reise wollte ich kulinarisch alles mitnehmen. In Georgien begeisterte das (helle, leichte) Weißbrot. In Norwegen hätte ich gut auch weiter Keto essen können: Ich aß zum Frühstück viel Melone – doch sonst dreimal am Tag Fisch, Krabbensalat, Käse. [Das Brot, grau, schwer, mochte ich nicht.]

„Have you tried the Cod Tongue?“

Habe ich: panierte Kabeljau-Stücke, „Tongue“ hier wahrscheinlich gemeint wie bei „Schlemmerzunge“: einfach ein längliches Stück Filet.

„No. Stefan? They’re actual tongues!“ Wow.

[Die Illustration zeigt… einen Lachs? Kabeljau ist kleiner.]

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Trotz seiner Größe schwankt das Schiff bei hohem Seegang sehr. In Fjorden bleibt es oft ruhig, doch besonders nachts, auf offener See, bäumt sich alles. Mein Magen war robust – doch ich war überrascht, wie sehr sich Wellengang anfühlt wie Trunkenheit. Ich wurde mehrmals wach… und kann die Reise keinem empfehlen, den Wellen nervös machen.

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Puppen of Color in der Kinderspiel-Ecke. Beim Dinner sprechen wir über eine norwegische CGI-Serie über ein freundliches Seenotrettungs-Boot, „Elias“ (ab 2005; auch in Deutschland bekannt).

Stefan: „Ah, wie Thomas die Lokomotive?“

X: „Ja. Bei Thomas gibt es jetzt einen afrikanischen Zug.“

Stefan: „Ich weiß. Ein Zug of Color.“

X: „Ich bin gespannt, wann sie sagen: Der Helikopter ist trans.“

Als jemand, der (ernsthaft) dauernd schaut, ob es z.B. queere Maschinen bei „Transformers“ gibt, fände ich einen trans Helikopter im Kinderprogramm zwei Sekunden lang absurd.

Und dann: jahrzehntelang großartig!

Update: Tatsächlich gibt es seit Jahren ein transfeindliches „Du bist eine Frau? Na dann bin ICH jetzt ein Kampfhelikopter!“-Meme, das ich nicht kannte.

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Auf den ersten Blick wirkt die Auswahl der Bibliothek (Englisch, Norwegisch, Deutsch) banal & zu klein: Gäste ließen gängige Bestseller, Paperbacks an Bord zurück. Doch der Bestand wird gepflegt; und eine Frau aus der Crew gibt engagiert Buchtipps.

Sigrid Undset, Autorin von „Kristin Lavranstochter“, gewann den Nobelpreis: Aktuell ist ihr Roman nicht im deutschen Buchhandel.

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Alle Durchsagen an Bord wurden auf Norwegisch, dann Englisch, dann Deutsch verlesen. Alle Deutsche, die ich erkannte, waren als (Hetero-) Rentnerpaar unterwegs; recht leise und für sich.

Ich mochte, wie viele Durchsagen ans Leid und die Verfolgung der Sami erinnerten… bis ich verstand: Das ist keine offizielle Hurtigruten-Tonspur. Sondern eine Kunstaktion im Rahmen von „Coast Contemporary“, von Sissel M. Bergh.

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„Ganz untypisch in Zeiten des overtourism ist Norwegen ein Land, das sich tatsächlich mehr Kulturtourismus wünscht“, schreibt Saskia Trebing im „Monopol Magazin“: „‚Hier ist noch Platz‘, sagt Annika Winström, Direktorin der Maaretta Jaukkeri Foundation, und zeigt schmunzelnd über die weite Fjordlandschaft.“

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„Die Reedereien“, schreibt Saskia Trebing, „feiern Norwegen als zerklüftetes Paradies, doch auch hier ist die Idylle gefährdet – oder hat vielleicht nie existiert. In ihren Vorträgen erinnern Künstler an den Klimawandel, der die Arktis schon jetzt dramatisch verändert, die Debatten um mögliche Ölplattformen im Norden und die Unterdrückung der Sami in ihren angestammten Gebieten.“

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„Norway’s artist-run scene is strong and at times as untouched as (some of) its nature“, schreibt Tanja Saeter im Programmheft (nicht online). „Because of The Relief Fund for Visual Artists, 5% of all sold art, from the first and second-hand markets, is given back to the artists in form of working grants.

Combined with the important working grants from the government (Statens Arbeidsstipend) artists are able to work in peace and develop their practice. It is important for all art-workers to protect this remarkable model established by Ulrik Hendriksen (1891-1960), and even better, share the model with the world. [Also,] Norway has a long tradition of artist organisations that function as unions combined with a gallery space.“

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„The TV show ‚Hurtigruten minutt for minutt‘ appealed to a national trait: the country’s passion for its own landscape“, schreibt Kurator Charles Aubin. „[That’s] also a quite effective tool to build a shared sense of nationhood. Romantics of the 19th century throughout Europe
turned to celebrations of nature at its most dramatic to invigorate patriotism. Here in Norway, literary and pictorial depictions such as Johan Christian Dahl’s spectacular paintings of mountain scenery, have served to build a national belief of an untouched and limitless territory — often largely oblivious of the Sámi people — at the hand of the adventurous mind.

Today the natural tourism agency still relies on such formulations: “Norway, Powered by Nature”, goes the slogan, even though what really powers Norway these days is the petroleum industry that has dramatically changed the course of the country’s economy since the 1960s.“

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„I was eager to examine these contradictory images of nationhood, landscape, ecology, and tourism“, schreibt Aubin weiter:

„Drawing its title from the first strophe of Norway’s national anthem Ja, vi elsker dette landet (Yes, We Love This Country) written in 1859 by Bjørnstjerne Bjørnson (“Yes, we love this country / as it rises forth / rugged, weathered, above the sea”), this programme seeks to address the complex relationship Norwegians entertain with the wilderness. How has it been “naturalized” as a national mythology? What particular worldviews and agendas does it imply?“

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Hurtigruten-Schiffe haben zwar WLAN – doch Zugang kostet gut 5 EUR pro Tag; und ich hatte eh kaum Zeit, zu googeln, online nachzulesen, tiefer zu recherchieren: Während der Reise bearbeitete ich Fotos und stellte sie tagesaktuell bei Facebook online. Alles, das mehr Energie und Zeit brauchte, las ich im Nachklapp.

Dass Anke von Heyl souverän, originell und mit präzisem Blick schon live während der Reise Twitter & Instagram bespielte, beruhigte mich: #Arbeitsteilung #Fokus

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„Über welche Autor*innen willst du vor der Buchmesse schreiben?“

„Über alle, die kleiner sind als die superbekannten Dudes: Karl-Ove Knausgaard, Tomas Espedal…“

Espedal schreibt kurze, persönliche Bücher (im Stil von z.B. Andreas Maier: Autofiktion) mit vielen Naturbeobachtungen. Keine Stimme, die ich fördern kann, entdecken darf: Er ist seit Jahren etabliert, auch in Deutschland. Erst einen Tag vor meinem Flug wird endlich das Programm an uns Deutsche verschickt. Tomas Espedal führt uns durch Bergen!

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Ich liebe vergriffene, vergessene Bücher, und lese in den nächsten Wochen u.a. die queeren Autor*innen Jens Bjoernboe, Gudmund Vindland und Gerd Brantenberg – deren feministische Satire „Die Töchter Egalias“ so präsent sein könnte wie Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“.

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Norwegisch ist recht leicht zu lernen – doch die Betonung ist schwer.

„Understanding basic Norwegian words is fairly easy for English, German or Dutch speakers. But perfect pronunciation is notoriously difficult to learn because Norwegian is a pitch accent / tonal language.“

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Zufallsfund am Flughafen: Michael Booths „The almost nearly perfect People“ (2014; der Goodreads-Score ist mau für ein Sachbuch) stellt alle skandinavischen Länder vor – und hat deshalb, unterm Strich, zu wenig Norwegen-Content. Beim Blättern fand ich trotzdem dauernd Stellen, die ich anstreichen wollte. #vielgelernt

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Anke von Heyl schreibt: „Jeder, dem ich davon erzählt habe, dass ich einen Teil der Hurtigruten (es heißt tatsächlich “schnelle Route” – hach, hurtig ist so ein schönes altes Wort) fahre, bekam glänzende Augen. Für viele ist das der Inbegriff von Entschleunigung und Landschaft pur.“

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Wer zum Speisesaal will, muss am Shop vorbei. Teure Funktionskleidung, Souvenirs. Keine Romane; doch Bildbände und Fotobroschüren mit Titeln wie „Hurtigruten: Die schönste Seereise der Welt“. Der Kapitän bietet an, die Bücher persönlich zu signieren. #buchkultur

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Mein Lieblings-Lecture: Hanne Beate Ueland stellt Landschaftsmalerin  Kitty Kielland vor und zeigt, wie sie sich gegen die Männer der Düsseldorfer Schule positionierte: Johan Christian Dahl; Hans Gude, Peter Balke, Lars Hervgeig. Ab 30 [ca. 1873] lebte Kielland in Karlsruhe, durfte nicht an der Kunstakademie studieren und stürmte als Intervention in einen Aktzeichnungs-Kurs, der Männern vorbehalten war.

Als jemand, der 50 Minuten von Karlsruhe entfernt aufwuchs, finde ich es absurd, dass Norweger nach Nordbaden zogen, um Landschaftsmalerei zu üben.

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Expert*innen sehen bei Kiellands Landschaftsmalerei: „The skies are meterologically correct. The rocks are geologically corrrect.“

Grundfrage damals war: „Is this area interesting as something to describe in paint, in art? What’s emphasized: the sky? The water? The landscape?“ Es gab kaum Eisenbahn. Landschaft wurde zu Pferd oder Kutsche erkundet. Sümpfe, flat landscapes etc. galten als „female landscapes“, in Kontrast zu den „more dramatic mountains: male landscapes“.

Kittys Bruder Alexander Lange Kielland schrieb Romane.

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Norwegen hat die höchste Lebensqualität, Bildungsgerechtigkeit, Class Mobility und die geringste Lohn-Schere. Doch mich erschreckt, wie laut sich eine Norwegerin jeden Vergleich mit den USA (für mich: vielfältiger, künstlerisch oft interessanter) verbat.

„Das ist ein failed State, in dem Leute oft über Generationen keine Ausbildung, keine Jobs kriegen!“

Ich mag Nationen, die fragen, wie sie besser werden können. Statt sich selbst auf die Schulter zu klopfen.

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In Georgien schnappte ich viel auf – und verstand Zusammenhänge erst Monate später, als ich ein Dutzend georgische Romane las. Auf den Hurtigruten hörte ich Sätze wie „Bergen ist reich. Das Fischereimonopol!“ …ohne zu wissen, was das politisch und sozial bedeutet – und wie es das Land bis heute prägt.

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Anke von Heyl schreibt: „Hannah Ryggen ist eine Künstlerin, die in den 20er und 30er Jahren große Anerkennung erfuhr und die es heute wieder zu entdecken gilt. Eine ihrer Arbeiten, ein Wandteppich, wurde 2012 auf der Documenta gezeigt. Er erlangte traurige Berühmtheit, weil er 2011 beim Anschlag aufs Parlament in Oslo in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ryggen selbst engagierte sich in ihren Arbeiten gegen Faschismus.“

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Ryggen, geboren 1894 in Malmo, sollte Grundschullehrerin werden und webte ab den ca. 20er Jahren große Wandteppiche an einem Webstuhl. Das Garn ist eingefärbt mit Farbstoffen, die sie in der Natur sammelte.

20 Jahre lebte Ryggen mit Mann und Kind in einem Bauernhaus ohne Strom: Sie brauchte zehn Jahre, um die Technik zu meistern, und verdiente binnen 14 Jahren mit ihrer Kunst 3000 Kronen.

Durchschnittseinkommen pro Jahr damals: 2500 Kronen.

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Kunsthistorikerin und Kuratorin Marit Paasche schrieb ein Buch über Ryggen: „Hannah Ryggen. A Free One“.

In einem „extremely male-dominated account of modernism where women were marginalized and overlooked in their own time“ ist Ryggen die Ausnahme: „Her genius was recognized. She wasn’t misunderstood. But in the 1980s and 1990s, she received little place.“

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Anke von Heyl: „Der Landgang mit Besuch im Nordenfjeldske Art Museum in Trondheim war zwar kurz, aber ich habe die Begegnung mit den Hannah Ryggens Original-Textilien sehr genossen. Umso gespannter bin ich auf die Ausstellung in der Schirn, die nächstes Jahr im Herbst und parallel zur Buchmesse zu sehen sein wird.“

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Motive der Ryggen-Wandteppiche sind u.a. die Arbeitslosigkeit der Fischer während der Wirtschaftskrise; oder, in „Death of Dreams“, dass Carl von Ossietzky erst 1936 den Nobelpreis erhielt, und 1938 von den Nazis zum Tod verurteilt wurde. Politik, Antifaschismus.

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Ryggen lernte in Dresden. Wandteppiche und Webarbeiten zeigten oft dekorative Muster. Auch Natur war wichtig: Als „diversion, vitalism, romanticism and, in Norway: nationalism“.

Ryggens Teppiche sind anders. Illustrativ wie politische Zeitungs-Cartoons. Es geht um klare Aussagen und Positionierungen, z.B. gegen Italiens Einmarsch in Äthopien. Der Arbeitsaufwand? Immens!

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Ryggen schlug alle Angebote privater Käufer*innen aus: „She saw the tapestries as public statements that have to hang in public spaces and could be seen by all.“

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Ich machte ein Selfie in meiner Kabine – und merkte erst, als ich die Bilder des Tages auf Facebook postete, wie ähnlich ich dem Ryggen-Teppich (oben) bin.

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Das Schiff hielt in Trondheim nur von 8 bis 10 Uhr morgens: Wir stapften 40 Minuten durch den Regen und ließen uns von Direktorin Åshild Adsen ca. 10 Teppiche zeigen.

Wie wichtig Textile Art in einem Land ist, das viel Wolle verarbeitet und, wie sehr das Medium noch immer als „Handarbeit“, „Frauenkunst“, „Kunsthandwerk“ abgetan wird, erklärte Karianne Sand von „Norwegian Textile Artists“ / „SOFT galleri“.

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Der einzige Ryggen-Wandteppich, der mich besonders ansprach: „We live among the stars“ (1956).

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Teekannen-Design. Dazu eine kleine Ausstellung japanischer Keramik: Wir sahen nur ein Stockwerk des Museums, hatten keine Zeit für die Kunsthalle Trondheim (nebenan); kriegten die Stadt kaum mit.

Schön und unerwartet: Es gibt Stolpersteine. Details: Link

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Schon in Svolvaer aßen wir bei „Peppe’s Pizza“ [Foto: Filiale in Trondheim], einer Pizza-Hut-artigen norwegischen Kette, in der Kinder gern Geburtstag feiern. Nichts wirkt italienisch (oder skandinavisch). Die American-Style-Pizzen schmecken; die Thin-Crust-Pizzen sind ölig-labbrig.

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Hafen-Terminal; dahinter Berge. „Star Wars: The Empire Strikes Back was partly filmed at Finse, near the Oslo-Bergen railway, in March 1979. The Finse area appears in the movie as Hoth, the snow & ice planet.“

Sobald ich das las, sah ich’s an jeder (schneebestäubten) Ecke.

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Autos, Frachtgut, Post: Hurtigruten-Schiffe werden dauernd be- und entladen, auch mitten in der Nacht. Ich schlief mit Ohrstöpseln und hörte nichts. Der Check-in in Svolvaer ging schnell; doch als in Bergen fast ALLE Passagiere ausstiegen, brauchten wir über eine Stunde.

Ein Kreuzfahrtschiff ist wie ein schwimmender Rollstuhl. Ich hatte mit vielen Menschen mit Behinderung an Bord gerechnet. „Sehr viele Behinderte“, sagt eine Mitreisende – und ich stutze: Klar sehe ich drei, vier Rolllatoren. An der Rezeption warten Klapprollstühle. Tatsächlich aber nutzt, glaube ich, nicht einmal jeder hundertste Gast hier einen Rollstuhl.

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Ende 2017 las ich „NYX“ – eine dystopische Satire des deutschen Autors Dirk van Versendaal. Ein Kreuzfahrtschiff als schwimmendes Altenheim wird so vernachlässigt, dass an Bord Seuchen, Chaos ausbrechen.

Im August 2018 moderierte ich eine Lesung in der Hanse-Residenz Lübeck und musste dauernd ans Buch denken („Altenheim?! Herr Mesch: Wir sind eine Seniorenresidenz!“). Auch hier an Bord erkenne ich viel wieder. „NYX“ hat Längen – doch MUSS in jede Hurtigruten-Bibliothek!

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„Everyone living in Norway has three figures from their annual tax return published: their annual income, income tax paid, and wealth. Prior to 2013, this data was completely open and searchable, but now a person can see who has looked up their data.“ [Quelle]

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„US actress Renee Zellweger is the daughter of a Norwegian woman of Sami descent (Kirkenes, Finnmark county) and a Swiss man. Her parents met onboard the Hurtigruten in the 1960s.“ Details: Link

Auch Matt Groenigs Eltern – Vorbilder der „Simpsons“ – stammen aus Norwegen.

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Mit WLAN hätte ich zu allen Teilnehmenden recherchiert. Doch weil das .pdf mit allen Reise-Details erst am Vorabend des Flugs kam, blieb es bei „Witzig: Der nette New Yorker hat das… norgewischste Outfit an Bord!“

Dass ich gemeinsame Freunde mit Kunstkritiker Brian Droitcour habe und schon Artikel von ihm las, fiel mir auf der Reise selbst nicht auf / ein.

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„There are about 30 stave churches, medieval Scandinavian wooden churches using the post and lintel technique, surviving to this day, in Norway. The only other one is in Sweden.“ [Fotos]

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Für NORLA an Bord: Ellen Trautmann Olerud (Project Coordinator #Norwegen2019) und Sunniva Adam (PR Officer #Norwegen2019).

Direkt, schwungvoll, kompetent: Menschen, die Bücher verkaufen, verlegen, vermitteln glauben oft, nach außen hin ALLES gut finden zu müssen. Ellen und Sunniva werten, gewichten viel offener. Ich freue mich auf weitere Gespräche über Lektüren… und Flops.

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Tomas Espedal: „In Bergen regnet es so viel, dass Leute sagten: Die Einwohner hier sind dumm. Sie müssen dauernd Regenschirme halten. Das Blut fließt in den Arm statt ins Gehirn!“

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Die kurze Lecture-Performance von Daisuke Kosugi war mein Highlight der „Cabin Series“: Kunst, jeweils in einer Kabine für ca. 20 Zuschauer*innen.

Kosugi spricht (oder liest ab: Er trägt ein Oculus Rift-Headset). Ein außen aufmontiertes Tablet zeigt kurze Clips, die seinen Vortrag illustieren.

Sakkaden sind kurze, unwillkürliche Pupillenbewegungen.

Im japanischen Butoh-Tanz geht es – anders als im Ballett – nicht um Muskelbeherrschung. Sondern um Nachgeben, Los-, Lockerlassen.

Kosugis Vater half, das Tokyo Disneyland zu erweitern: Eine beliebtes Upgrade von Disney-Parks sind Filmstudio-Themenwelten. Tokyo Disneyland wollte lieber eine „Sea World“-Expansion. Kosugis Vater ist Ingenieur und wollte, dass ein Vulkan gebaut wird – weil Disneyfilme populär wurden, indem sie immer auch ein Stück Kindheitslandschaft und Kindheitswelt nachzeichneten:

Welt so zeigten, wie wir sie aus unserer Kindheit nostalgisch erinnern. Japan hat Vulkane. Der Sea-World-Vulkan soll kollektive Kindheitsbilder wachrufen.

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Wird Kosugi vor Publikum nervös, stellt er sich vor, dass keine Menschen auf ihn blicken, sondern gesichtslose Kartoffeln. Sein Vater ist heute Amateur-Bodybuilder, lässt sich vom Publikum anstarren – doch brach ab, als sein Sohn ihn filmen wollte. „I’m not a potato for my father.“

Sakkaden helfen, etwas zu erfassen und zu erinnern. Szenen einzubrennen. Wer ein Trauma vergessen will, soll es nacherzählen… und dabei den Blick möglichst ruhig zwischen Nah und Fern hin- und herschalten.

Wie dieses EMDR Treatment, virtuelle Welten bei Oculus Rift, Sakkaden und der Kindheits-Blick zusammenhängen, wird Kosugi in längeren Arbeiten erforschen.

Ich mag die Mischung aus Trivia, Kulturwissenschaft, persönlichen Anekdoten und Neurologie. Bitte bald mehr!

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„I’m a potato“, stellt sich Künstlerin Siri Borgé vor. Sie meint: Sie ist vielseitig. Eine feste Metapher in Norwegen: „Versatile? Potato!“

In ihrer Kabine parodiert sie Privatisierung, die Bildsprache von Kreuzfahrten, Corporatism, Firmenlogos. Ein Seefahrer-Maskottchen für norwegische Fischkonserven („Sieger. In Deutschland beliebt!“) trägt hier, als Montage, des Gesicht von Anders Breivik.

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In Kunst und Vorträgen sind Klimawandel, Ökologie (…und Sexismus) omnipräsent: Borgé zeigt in der Duschkabine einen Video-Loop zu Plastikmüll im Meer.

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Stoff-Kunstwerk „Index for a place of no importance“, Anne Karin Jortveit.

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Saskia erzählt: „Ich sah in der Kabine fern. Es ging um eine Debatte im Parlament. 10 Expertinnen kamen zu Wort. 10 Frauen. Keine Männer.“

X, zynischer: „Vielleicht zeigt das vor allem, wie schlecht Jobs in der Politik bezahlt sind.“ Auch im Journalismus kriegten Frauen erst dann immer mehr Raum, Macht, Respekt, als der Beruf selbst immer weniger Lohn und Prestige versprach.

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Fotograf Christian Tunge brachte einen Kartenständer und seinen Foto-Drucker an Bord, bat alle Passagiere um Dateien: In drei Tagen füllte sich der – oft öffentlich im Schiff aufgestellte – Ständer. Ich hatte am Vortag einen Lachs fotografiert: ausgeweidet und mit traurigem Blick, am Büffet.

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Mein Lieblingsfoto aus Tunges Sammlung. Weil fast alle jüngeren Leute, die ich an Bord sah, Teil unserer Gruppe waren, kann ich nicht sagen, ob es solche… legeren Szenen auf jedem Hurtigruten-Schiff gibt: Whirlpool und Sauna z.B. wurden ebenfalls fast nur von uns genutzt.

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Ein Coast-Contemporary-Teilnehmer erzählt mir in der Sauna von seiner Zeit in Svalbard.

Mir ist nicht klar, dass einfach „Spitzbergen“ gemeint ist, und ich weiß nichts über die verlassene russische Siedlung dort: Pyramiden. Oder über die Regelung, dass möglichst niemand entbinden soll. Oder über die Gefahr von Eisbären. Ich bin gesichtsblind – und merke nicht, dass ich mit Christian Tunge spreche: beim Postkarten-Entwickeln trug er eine Brille, in der Sauna nicht.

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„We were 48 people and 4 polar bear guards“, erzählt später jemand über die Zeit in Spitzbergen. „Everyone carries a flare gun.“

Vom Archiv für Saatgut hörte ich – alles andere ist mir neu.

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Anfang November zeigt die Bergen Art Book Fair Kunstbücher und Zines… in Bergen. An Bord stellte die Messe aus – und drei Verlage: Heavy Books, Lodret Vandret und Mondo Books, ca. 100 Bücher. Im Bild: Johan Rosenmunthe. Foto: Laimonas Puisys

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Ich blätterte durch jedes Buch der Ausstellung. Die meisten sind Norwegisch, Dänisch und/oder Textwüsten. Ich mag „Too familiar to ignore, too different to tolerate“: sonnige Fotos von Bienen, Honig und Waben an Orten, an denen keiner mit Bienen, Honig, Waben rechnet.

Dass der Fotograf, Christian Tunge, der Kartenständer-Künstler und der Mann in der Saune EINE Person sind, merkte ich nach ca. drei Tagen Reise.

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Die Ausstellung in der Schiffsbibliothek stand allen Gästen offen – doch nur ein, zwei Muggel-Passagiere blätterten länger in den Büchern. Auch bei den Lectures im Auditorium und bei der Cabin Series sah ich keine Außenstehenden.

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Sympathisches, doch etwas monotones illustriertes Buch von Kay Arne Kirkebo: „All is lost“.

Sehenswert: seine ‚Isometric Structures‘ / Bleistift-Stadtansichten.

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Toll & naheliegend: Modellieren mit gestreifter Zahnpasta!

Ästhetisch dachte ich leider zu oft: Solche Motive hätte ich auch 2008 schon sehen können.

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Aslak Hoyersten (rechts) hilft Künstler*innen bei der Selbstorganisation: VISP berät bei Förderanträgen, Steuern etc. (…und heißt „Schneebesen“!). Von links: Flemming Ove Bech, Alexandra Jegerstedt und Ann-Kristin Stolan.

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Ich kenne jetzt EINEN jüngeren queeren norwegischen Autor, Erik Eikehaug.

Ich kenne kaum Stimmen of Color. Ich freue mich über Empfehlungen, Vernetzungen – gern auch via Twitter oder Facebook.

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Ein Sami-Begräbnis? Sissel M. Bergh schreibt: „[Before,] the Saami people (of the mountains) were regarded wealthy and of a different league: They were free to play hide and seek with the King’s tax officers and police. And they were wearing their wealth on their bodies, in silver and fur. In the aftermath of the 1814 Constitution, Saami rights were rewritten as Saami privileges, and thereby legitimate and fair to deprive.“

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Fast zehn Institutionen haben je zehn Minuten, sich vorzustellen.

u.a. VISP, Norwegian Textile Artists [gegründet 1927!], Screen City Biennal, Performance Art Bergen, OCA und, im Bild, das Sami Center for Contemporary Art. [Stickerei: Britta Marakatt-Labba, geb. 1951]

Marianne Kwann vom Norwegian Ministry of Foregin Affairs erklärt, dass Kulturvermittlung im Ausland anders funktioniert als für z.B. Deutschland, Frankreich. „We don’t have the Goethe Institute or the Institute Francais; the embassies play these roles.“

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Dass deutsche Kinder oft Mützen, Winterkleidung tragen, die den Sami-Trachten nachempfunden sind, war mir neu: Ich weiß noch nichts über die Kultur, ihre Kämpfe und Diskriminierungen.

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Ich habe den Eindruck, dass der Kampf der Sami um gleiche Rechte und Mitbestimmung in Norwegen von allen skandinavischen Ländern am heftigsten war“, kommentiert eine Freundin auf Facebook. „Vielleicht, weil es dort weniger Land gibt und Norwegen deshalb eher und heftiger in die Gebiete der Sami eingegriffen hat (zum Beispiel mit Staudämmen usw.). Sami-Diskussionen sind auch immer Diskussionen um Landrechte.“

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Karl-Ove Knausgaard schrieb sechs autobiografische Bücher. In Norwegen hieß die Reihe „Min kamp“ [nach Hitlers Buch], in den USA „My Struggle“, in Deutschland „Das autobiografische Projekt“. Warum auch Sami-Künstlerin Kristin Tarnesvik auf Hitler verweist, weiß ich nicht.

Tomas Espedal, der ebenfalls autobiografisch schreibt, erklärt, warum Ich-Sagen als Anmaßung galt: „We’re a protestant country. Why do you think you’re interesting? What gives you the right to talk about yourself? Who do you think you are?“

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Norwegische Trolle erkenne ich als Vorväter von..

a) den [dänischen] „Hugo“-Computerspielen der 90er

b) den [zuerst: dänischen] Zaubertrollen ab den 60ern

c) absurd vielen Amateur-Kinder- und Bilderbüchern im Selbstverlag zu pumucklartigen Kobolden, Wichteln, die ich dauernd versehentlich bei Amazon finde: Hobbyautor*innen der älteren Generation LIEBEN diesen Look. [Links: 1, 2, 3, 4]

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Noch weiß ich fast nichts über Norwegens Regionalismus: Leute im Süden sind religiös. Leute in der Telemark aufbrausend… oder Axtmörder? Tipp: der Webcomic „Scandinavia and the World“

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Ich hörte noch nie so oft „Landscape Artist“.

Aber: Wie könnte man nicht, hier oben?

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Tolles Projekt, kluges Anliegen, faktensatter Vortrag:

Alon Schwabe und Daniel F. Pascual sind „Cooking Sections“. In Bergen, zum Abschluss von „Coast Contemporary“, hatte ihre Anthologie / ihr Reader „The Empire remains Shop“ Premiere. Texte über Lebensmittel, Exotisierung und Widerstand im Postkolonialismus. An Bord fragten sie, ob Austern eine Alternative zu Lachs aus Fischfarmen / Aquakultur sein könnte.

Ein Vortrag, aus dem ich viel mitnahm und lernte – doch den ich kaum ertrug. Weil v.a. Schwabe überlaut, mit blecherner Stimme unbequeme Fakten maximal unbequem deklamiert: Es tut weh, zuzuhören.

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„Norway introduced the Salmon Sushi to the Japanese during the 80s. Incidentally, Norway is also the largest exporter of salmon in the world.“ Cooking Sections arbeiten in London, und nahmen schottische Lachsfarmen ins Gericht: „A creature bred to be hungry, its job is to pick up weight.“

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Riesige Netze, in denen Lachse wimmeln, geplagt von Sea Lice und anderen Parasiten. Lachsfleisch ist rosa, weil Lachse Krill essen. In Fischfarmen färben Pellets mit Farbstoff den Lachs. Spatzen, die die Pellets versehentlich essen, werden pink.

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Hurtigruten: „Bei 34 Häfen, die es zu erkunden gilt, und einer Auswahl von über 60 Landausflügen wird Ihre Arktikreise definitiv nicht von Langeweile geprägt sein.“ Man kann Ausflüge auf Fischfarmen und in ein Marmor-Bergwerk buchen, viel Sport, Wikinger-Reenactments… und dreimal im Katalog lachen Funktionskleidungs-Leute mit Fisch und Krustentier.

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Ich nenne den Namen nicht – weil es mir nicht darum geht, persönlich anzugreifen. Schon Kurator Charles Aubin strengte mich oft an, weil er gesucht leise, kultiviert, übervorsichtig sprach.

Ein Vortrag über Nature Writing steckte – in meinen Augen – voll peinlicher, unpräziser, poetisierender Floskeln: „The presence of materialities and the presence or absence of us watching it“, „We were to respect the silence of the bird sanctuary and listen deeply to the seagulls“, „It was just divine, the fjord was just silky blue and velvety and there were no winds“.

Ein verzärtelt-aufgesetzter Ton, mit dem ich nicht klar komme: „It was magnificent; the silent spectacle. How do the materialities of the arctic work on me?“

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„Is it possible to let it rest? To let this place lie in its own time, not being photographed, not being insta-shared?“ fragte eine Person, die Fotos machte, uns Fotos präsentiert, sich über ihr Hinreisen, Hinsehen, Foto-Machen, Dokumentieren definiert… und mich zum Augenrollen bringt, sobald sie fordert, dass alle anderen bitte daheim bleiben:

Ich ging an Deck. Sah einen Regenbogen.

Und share ihn hiermit, mit Freude!

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Deutsche Comedians machen mir Angst: die erfolgreichsten sind aggressiv gestrig, reaktionär, treten v.a. nach unten.

Comedian Are Kalvo macht auf fast allen Fotos ein maskenhaftes Stefan-Raab-trifft-den-Joker-Gesicht.

Dass NORLA uns EINEN Autoren aufs Schiff holt und sagt: „Are? Das wird toll!“ irritierte mich. Auch, weil ich mir z.B. die Rassismen dieses Buchcovers von 1996 nicht erklären kann.

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Auf Deutsch erscheint Aro Kalvos „The Cabin Book from Hell“ 2019 im DuMont Reiseverlag: „A comedian’s reluctant attempt to learn to love nature. Kalvø grew up in the middle of a postcard, surrounded by fjords and mountains. Yet he’s never been much of an outdoorsman. Once he moved to the city, he never looked back.

This has never been a problem. Until a few years ago, Kalvø began losing friends to the mountains. One day, Kalvø realized that he did not have a single Facebook friend who had not posted a photo of themselves on a mountain. He heads out to the mountains himself: to find out what is actually happening.“ Foto: NORLA.

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Die gute Nachricht: Kalvo grinst nur auf Fotos – sein Stand-up-Set (in exzellentem Englisch) hatte Schwung, Timing und trifft, im besten Sinn, Hauptsendezeit- und US-Niveau.

Ich LIEBTE, dass Charles Aubin zur Begrüßung schwurbelte: „He writes about nature and questions of the sublime“… und Kalvo sofort sagte: „I didn’t know that I wrote about questions of the sublime.“

Inhaltlich war’s mir zu dünn. Was Wanderleidenschaft und Outdoor-Wahn in Norwegen mit Midlife-Crisis, Klassismus, Distinktion, Romantisierung zu tun hat, wurde in 30, 45 Minuten null klar: Falls Kalvo Subversion, Gesellschaftskritik wichtig sind, kam nichts davon rüber. Ich dachte an Harald Martenstein – der über Lastenfahrräder und Jutebeutel spöttelt… und schnell bei „Gesinnungsterror“ und „Anpassungsmoralismus“ landet.

Dass Kalvo so lange reden kann, ohne, dass klar wird, ob er Ressentiments bedient oder entlarvt, macht mir keine Lust aufs Buch. Foto: NORLA.

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Richard Alexanderrsons 12-Minuten-Animationsfilm „Pod“ erinnerte mich an die 90er Jahre: tolles Sounddesign; doch verbauchte CGI-Bilder und eine „Ecco the Dolphin“-Meer-trifft-Weltall-Ästhetik. In den 90ern war das Öko-Kitsch. Dann kann es 2018 bitte nicht Avantgarde sein!

Besser: Anne Marthe Dyvis Doku-Essay „Oilers“ über Gewerkschaften und Ölförderung (30 Minuten).

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Filmemacherin Sissel M. Bergh vor dem Torghatten-Felsen. Saskia Trebing schreibt: „Ein Hurtigrutenschiff ist in all seiner erzwungenen Fröhlichkeit ein merkwürdiger Ort, um über [Sami, Klimaschutz, Landschaft] nachzudenken. Aber in all seinen Widersprüchen zwischen Bewegung und Festsitzen vielleicht genau der richtige.

Für die Passagiere ist die Natur gleichzeitig ganz nah und unerreichbar weit weg. Auf der MS Trollfjord ist überall von Sauberkeit die Rede und auf jedem Deck stehen Spender zur Hände-Desinfektion. Gleichzeitig ist das Schiff eine CO2-Schleuder und auf dem Buffet liegt der Lachs aus den Fischfarmen, die das Künstlerduo Cooking Sections gerade noch als Umweltkiller gegeißelt hat.“

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„Big Ship, Small Town“: Luis Callejas und Charlotte Hansson, die auch die Halle zum Gastlandauftritt Norwegens 2019 gestalten, warfen Dreiecke aus Licht durch den Hafen von Molde, „using the ship’s powerful searchlight system“.

Es ging um Triangulation, Navigaton, Entfernungen, das Sichtbarmachen von Distanz. Ich bin kein Freund verschwurbelter, abstrakter Artist Statements – doch hier gab mir der kluge Begleittext mehr als die (unterwältigenden) Lichtsäulen.

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Ein paar der wachsten, sympathischsten „Coast Contemporary“-Teilnehmer*innen sind Studierende von Calllejas und Hansson. Schade, dass sie keinen eigenen Programmpunkt hatten: Wie norwegische Architektur sich zu Landschaft verhält, war kein Thema.

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Anke von Heyl schreibt: „“The Wild Living Marine Resources Belong to Society as a Whole” bündelt Gedichte, Manifeste, Kunstwerke, Essays, die sich mit der Verbindung von Mensch und Natur beschäftigen. Ein unglaublich dichtes Buch, hinter dem die Künstlerin Randi Nygård steckt.“ Die Fragen stellte Kulturwissenschaftler Timotheus Vermeulen.

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Ich wünsche mir nochmal einen längeren Essay von Charles Aubin. Seine Fragen bereicherten mich tagelang. Hat er Antworten?

„Landscape as a construct: What do we want this landscape to say, to hold? Oil extraction, fish farming…. Landscape as an effective tool to build a sense of community in the Norwegian nation. Romanticism in the 19th century took part in the process of nationbuilding. What’s the agenda behind depicting the landscape?“

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„2015 reisten im Zuge der Flüchtlingskrise über 4000 Flüchtlinge über die russisch-norwegische Grenze in Norwegen ein. Die Regierung Solberg verschärfte die Politik. Norwegens Nachbarland Schweden war bis 2015 als das Land mit der großzügigsten Asylpolitik bekannt; als die Regierung Löfven diese revidierte, versuchten mehr Flüchtlinge nach Norwegen zu gelangen.“ [Wikipedia: Immigration to Norway]

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Wikipedia über Folgen des zweiten Weltkriegs: „Kinder mit norwegischer Mutter und deutschen Besatzer als Vater wurden als genetisch gefährdend für die Friedlichkeit der norwegischen Bevölkerung erachtet. Nach Schätzungen wurden 10.000 bis 12.000 solcher Kinder in Norwegen geboren. Die Mütter – abwertend als tyskertøser (etwa: „Deutschenflittchen“) bezeichnet – wurden 1945 bis 1946 teilweise in Internierungslagern gefangen gehalten. Den Kindern wurde der Schulbesuch verboten; sie wurden in Heime gesteckt, mit Neuroleptika behandelt oder lobotomiert; im besten Falle wurden sie nach Schweden zur Adoption freigegeben, so zum Beispiel Anni-Frid Lyngstad, Sängerin bei ABBA.“

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Spirituosen darf man in Norwegen (wie in Kanada) nur in wenigen, staatlich lizensierten Stores kaufen.

„Drunk driving is a serious offence, where being caught automatically results in 30 days of jail, a year without a driver’s license, and fines of up to 10% of your annual income.“

Und/aber: „Norway has a minimum security island-prison where inmates are almost free to do as they wish. The criminals prisoned there are among Norway’s worst, but it has the lowest rate of re-offending in Europe.“

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„Eine gute Möglichkeit, auf einem Kreuzfahrtschiff die Kunstreisegruppe von den anderen Gästen zu unterscheiden, ist eine Nacktperformance“, schreibt Saskia Trebing:

„Als sich die Künstlerin Marthe Ramm Fortun im Check-In-Bereich des norwegischen Hurtigenrutenschiffs MS Trollfjord  plötzlich den schwarzen Regenponcho vom Leib reißt, schauen ihre Kunstkollegen teilnahmslos bis mild amüsiert. Ein paar knipsen symbolträchtige Fotos, als sich die Performerin nackt unter den Porträts des norwegischen Königspaares räkelt und über den weiblichen Körper in der Kunst skandiert.

Die anderen Passagiere sind weniger gelassen. Immer wieder huschen kichernde ältere Damen in Funktionskleidung vorbei, ein paar ergraute Herren schwanken zwischen ungläubigem Starren und demonstrativem Desinteresse. Eine freundliche Mitarbeiterin in Uniform sagt der Künstlerin, dass sie sich für den Rest der Performance etwas überziehen muss – ein Hinweis, den Marte Fortun auf dem nächsten Deck schon wieder über Bord wirft.“

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Marthe Ramm Fortun liest ein sehr fragmentiertes, oft sarkastisches Essay vom Blatt ab. Leitmotivisch kommen alle fünf, zehn Minuten die Sätze: „I am not naked. That would be too romantic.“

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Am Abend nach der Performance wird Fortun von der Polizei befragt. Ich weiß nicht, ob das Schiff eine Anzeige stellte oder Passagiere.

Am nächsten Tag liest Fortun in anderer Reihenfolge aus den selben Texten, angezogen, im Auditorium. Ich liebe die Verweise. Fortuns Biss und Souveränität. Doch mich stört, dass im Vorlesen jeder Satz vor Sarkasmus trieft. Distanziert wirkt, gekünstelt. Ein Manifest – dringlich, earnest – geht mir näher als Textfetzen, die durch den Vortrags-Ton in Gänsefüßchen verstanden werden müssen.

Befreiend: Nachdem mir im Vorfeld der Reise ca. acht Leute sagten „Du willst über eine Kreuzfahrt schreiben? DAS hat doch David Foster Wallace schon perfektioniert„, rollt hier plötzlich eine smarte, müde Frau die Augen – darüber, dass alle erstmal IMMER auf David Foster Wallace „und andere tote Männer“ blicken.

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Als ein Handy klingelt, unterbricht Fortun und erzählt, wie sie ihr Handy während einer Nackt-Performance mal bei ihrer Mutter ablegte, ein Steuereintreiber anrief, die Mutter während der Performance ans Telefon ging und dann nicht wusste, was sie ärgerlicher fand: Den Eintreiber oder die Nacktheit.

Ich a) schreibe über Nacktheit, b) habe eine Mutter, die Anrufe annehmen, sich nicht zurückhalten würde, c) bin GENAU die Person, die eine Performance unterbrechen würde, um eine absurde Anekdote über eine andere Performance zu erzählen. ❤

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Es gibt zwei Whirlpools für je ca. 6 Personen an Deck – die kaum je voll besetzt waren.

Ich mag Literaturfestivals (doch finde Autor*innen oft defensiv und stofflig), ich liebe Uni-Tagungen (doch finde Postgrads oft steif und neurotisch), ich nehme von Künstler*innen viel Input mit (nur sind deren Texte, Vorträge sprachlich oft mau.)

Das Tagesprogramm dauerte vom Frühstück (ca. 7.30 Uhr) bis zur Nacht (ca. 22 Uhr), danach war ich oft noch zwei Stunden in Sauna und Whirlpool – auch bei Schneeregen oder kurzem Hagel. Schade, dass ich kein Nordlicht sah.

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Um 22 Uhr war kaum jemand in der Bar. Gegen Mitternacht, als ich vom Duschen kam, war auch nichts los. „Vielleicht gibt’s geheime Lower Decks: Da tanzen alle zu irischer Musik, malen Aktportraits und haben Sex in Autos.“

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Panoramafenster in der Sauna: Männer und Frauen sind getrennt, alle tragen Badekleidung. Tagsüber war keine Zeit – bis zum Auscheck-Tag: als ich gepackt hatte, war ich noch einmal eine Stunde allein.

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Leitungswasser schmeckt metallischer als in Süddeutschland oder Berlin. Auch Milch (7 Prozent Fett) soll völlig anders schmecken – doch auf dem Schiff und in Bergen fand ich nur fettarme Milch. In solchen Momenten denke ich erst „Dann halt nächstes Mal!“, dann „Nimm alles mit! Such sofort Milch! Wer weiß, ob es ein nächstes Mal gibt?!“ und dann „Es muss ein nächstes Mal geben!“

Ein Mitschüler arbeitet seit einigen Wochen als Biologe in Molde. Uns fehlte Zeit für ein Treffen. Dann halt… nächstes Mal!

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Organisatorin Tanja Saeter: „A few years ago I initiated an international visitors programme for an art festival with open studios, with about 30 curators visiting studios in Oslo every year – but the results weren’t quite what I expected. Most of the people that started to work together later were the international visitors, and not necessarily the artists whose work they had seen.

I realised that the curators and writers had been in the same hotel, eating meals together, driving in the same car, and sharing this whole experience—and the artists hadn’t really been a part of it because meeting for an hour in a studio is not enough time to make a real connection. So I wanted to find a place where time was expansive, where people would have time to get to know one another. The ship was the perfect location.“ #druckkammer #inkubator

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Funktionskleidung heißt nicht: Das müssen Deutsche sein.

Der Guide „Explore Lofoten“ zeigt auf JEDER Seite berauschende Landschaft… und bizarr lächelnde, gestählte Menschen in Yoga-Pants, Sonnenbrille und Neon-Oberteilen.

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Ich bin gespannt, ob es deutschsprachige Popkultur gibt, die in Norwegen überraschend bekannt, beliebt ist – wie David Hasselhoff in Deutschland.

„Klar: Derrick und Bayern München.“ Ich vermute, es gibt viel mehr!

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Ein Logistik-Problem: Die Bucht von Bergen hat die idyllischsten, teuersten Villen, Sommerhäuser und Anlege-Stege.

Doch ich wollte in der Sauna bleiben – und machte nur ein paar blaustichige Fotos durch die getönten Scheiben.

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Saskia Trebing schreibt: „Die Frage, warum das relativ beschauliche Küstenstädtchen Bergen so viel gute Kunst und Literatur hervorbringt, beantwortet Espedal mit dem Wetter. „Hier regnet es so viel, dass den Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als drin zu bleiben und zu arbeiten.““

Norweger gründeten Dublin (Irland): Dass Espedals aktuelles Buch „Bergeners“ auf James Joyces „Dubliners“ verweist, liegt auch am Bezug der Städte zueinander.

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Ich las zwei autobiografische, kurze Espedal-Bücher – die sich gut ergänzen: „Wider die Kunst“ (2009) erzählt sanft, vorsichtig, gemütvoll von der Zeit, in der Espedals Frau und Espedals Mutter starben… und, wie sich Espedal als alleinerziehender Vater neu erfand.

Dazu: viele Rückblenden in recht unbeholfene Jugendjahre. Ein Buch, viel frischer, jünger, offener, tastender, als ich erwartete. Empfehlung!

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 „Wider die Natur“ (2011) erzählt vom Glück, mit einer halb so alten Frau, 23, zu leben – doch wird dieser Frau nicht gerecht: Sie bleibt Phantom, Projektionsfläche; Espedals Blick wirkt hier VIEL biederer, altmännerhafter.

Ich las beide Titel mit Gewinn (…und werde, wie bei Andreas Maier, alle weiteren schmalen, klugen Bände sammeln, lesen). Nur: Hätte ich mit „Wider die Natur“ begonnen – ich hätte wenig Neugier auf mehr.

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Thomas Lang in Volltext: „In ‚Wider die Natur‘ schreibt er, ihm sei früh klar gewesen, dass er nicht arbeiten wollte. Er stilisiert seine Familien-Rolle in einem Interview sogar zu einer Hanno Buddenbrook ähnlichen: Er durchbricht die Linie einer langen, in Espedals Fall Arbeiter-Tradition. Er ist ein typischer Aufsteiger aus einem kleinbürgerlichen Milieu (der Vater ist bereits Verwaltungsangestellter, dessen Vater noch Werftarbeiter) ins akademisch-künstlerische. Ein Emporkömmling, so heißt es im Buch.“

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Anke von Heyl schreibt: „Die Sicht auf die Stadt aus Espedals Perspektive war unglaublich inspirierend. Und als Stefan ihn danach fragte, ob er dort oben, in den Häusern der reichen Hansekaufleute denn heute als erfolgreicher Autor willkommen sei, erzählte er uns noch einmal von der unglücklichen Liebe zu dem Mädchen aus dem Stadtteil Kalfaret.“

Ich las das Buch – und erinnere mich, wie unwohl sich der 19jährige Espedal fühlte. Tatsächlich aber würde ich gern wissen, ob und wie Espedal HEUTE von dieser reichen (und versnobten?) Stadt vereinnahmt wird.

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Sympathisch an der kurzen Führung: Wie überwach, nervös, flattrig, lebendig Espedal auf jeden Stimulus reagiert.

Die Bücher erinnerten mich an den abwartenden, oft sehr gefestigten Hanns-Josef Ortheil. In persona wirkt Espedal… quecksilbrig.

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„Was können Sie nicht mehr hören – über Norwegen und Norwegens Bild im Ausland?“

Espedal: „Wir sind ein reiches Land. Doch wir sind reich seit den 60er, 70er Jahren. Vorher war alles anders.“

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Unterwegs gelesen: „Winternovellen“ von Ingvild H. Rishoi. Drei kurze, sprachlich simple klassische Short Stories im US-Stil… über Eltern, die unter Druck stehen und schlechte Entscheidungen treffen, ihre Kinder gefährden.

Jede „Novelle“ (echt: nein. Short Story!) für sich ist warmherzig, geradlinig – doch als Trias wird, glaube ich, noch einmal viel mehr erzählt über den Sozialstaat Norwegen. Empathie. Und Gnade. Empfehlung!

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Anke von Heyl schreibt: „Mich berührt, wie sehr Espedal mit seiner Stadt verbunden ist. Mit Orten wie dem Huset Pub, einer Kneipe, die direkt gegenüber seinem Geburtshaus liegt. Wir verbrachten dort später noch einen anregenden Abend mit Bergsveinn Birgisson, Cecilie Løveid und weiteren Autoren.“ Foto: NORLA.

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Streichkäse aus der Tube: Ost.

Zum Frühstück sind auch Fischrogen/Kaviar beliebt.

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Erwachsene trinken zu Weihnachten „Christmas Ale“. „Julebrus“ ist die alkoholfreie Limo-Alternative.

Und: „Norway boasts of a very famous hot chocolate factory, Freia, immortalized in Norwegian-American author Roald Dahl’s book Charlie and the Chocolate Factory. Freia chocolate was one of the main sources of sustenance for Roald Amundsen on his journey to the South Pole.“

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Norwegische Süßigkeiten? Tolle Liste hier, auf Englisch:

  • viel Lakritz
  • Gummitiere (nicht von Haribo; in Supermärkten stehen Plastikboxen, aus denen man sich bunte Tüten zusammen stellt)
  • Daim (schwedisch)
  • Kvikk Lunsj (wie KitKat, wird als Wander-Proviant vermarktet; auf der Packung stehen Skitour-Tipps)
  • Bamsemums (Marshmallow-Bären mit Schokoladenüberzug; kommen aus Frankreich).

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„The popular 90’s energy drink ‘SURGE’ can still be bought in Norway under the name ‘URGE’“ [ich kenne das Getränk nicht und hatte kein Bargeld mehr.]

Das Fanta-Äquivalent Norwegens heißt „Solo“; doch weil das „o“ (oft? immer?) als „u“ ausgesprochen wird, dachte ich die Reise über, es hieße „Sulu“.

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„IKEA names sofas, coffee tables, bookshelves, media storage and doorknobs after places in Sweden; beds, wardrobes and hall furniture after places in Norway; carpets after places in Denmark and dining tables and chairs after places in Finland.“ [Quelle]

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Eine zu kurze Begegnung am Freitag – bevor ich allein den Bus zum Flughafen nahm. Gunnhild Øyehaug and Olaug Nilssen, Autorinnen aus Bergen.

Ich höre den kurzen Interviews zu, die Claudia und Andrea führen – doch verpasse Lesung & Gespräch. Saskia empfiehlt Øyehaugs Debüt, „Ich wär gern wie ich bin“; Nilssens Memoir über das Leben mit einem autistischen Sohn macht mich neugierig, weil ich den Pädagogik-Manga „With the Light: Raising an autistic Child“ liebe.

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„Norwegians read more than any other population in the world, spending an average of 500 kroner (~ US$76) a year per capita on books.“ [Quelle]

Die drei Buchhandels-Ketten, die ich oft sah: Norli, ARK und, am Flughafen, Tanum. Ein norwegisches Literatur-Portal, auf das mich Google dauernd stößt: Bok365.no

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„Alternativ Livsstil“ = Esoterik.

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Twitter-Accounts, durch die ich mehr über Norwegen lerne:

Nordicnovellas  |  NORLA  |  Northern Stories  |  Nordlandblog  |  Norrona  |  Constanze Matthes  |  Norwegian Arts  |  Elusive Moose  |  Erlend Loe

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Sympathischer Coming-of-Age-Comic: „Hysj“ von Magnhild Winsnes.

Ich liebe Mariko Tamakis „Ein Sommer am See“ und glaube, das hier hat ähnliches Potenzial. #mädchenfreundschaft #middlegrade #kindheitssommer

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Kopfsteinpflaster, Blick auf den Fjord: Ich war nur 18 Stunden in Bergen; sah die Altstadt kurz im Regen, auf dem Weg vom Schiff zum Hotel.

Anja Dahle Overbyes 140-Seiten-Comic „Bergen“ über eine unglücklich verliebte Studentin hat kaum Fans. Aber: dochdoch! SO sieht’s in Bergen aus!

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Im Bild: Inga H. Saetres „Det Finnes en dod etter livet“.

Am Flughafen Oslo, am größten Comic-Regal, suchte ich nach Mainstream-US-Comics. „Thor“, seit ca. 2014 der durchgängig beste Marvel-Comic, ist trotz Norwegen-Bezug kaum präsent (Aslag Hoyersten, halbernst: „It’s a bad case of cultural appropriation!“); nur wenige DC- und Marvel-Titel sind übersetzt.

Besonders erfolgreich sind, wie in Deutschland, Deadpool, Spider-Man, Batman. Heldinnen (außer Harley Quinn): sporadisch Wonder Woman, Captain Marvel, Miss Marvel. Doch es gibt überraschend viele Indie-Serien wie Brian Woods tolles „Briggs Land“! Vielleicht, weil Wood wiederholt über Norwegen schrieb? „The Massive“ (Empfehlung!), „Black Road“ (keine Empfehlung.)

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Toll, dass Bergen (280.000 Menschen) einen zentralen, großen, familien- und kinderfreundlichen Comic-Shop tragen kann. Fotos drinnen machte ich keine – weil Sortiment und Interieur auch in Frankfurt exakt so aussähen. Link: Outland Bergen.

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„Ein freiwilliger Tod“: Steffen Kvernelands autobiografische Graphic Novel über den Selbstmord seines Vaters. Ton & Thema interessieren mich; Zeichnungen und die dokumentarischen Foto- und Bildmontagen wirken etwas gestrig. Überall, wo mehr als drei Comics zu kaufen waren, stand das Buch stapelweise. Auf Deutsch erschienen: Kvernelands „Munch“.

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Frage ich „Hat’s dir gefallen?“ höre ich von Reisenden fast immer: „Ja!“

Frage ich „Willst du ein zweites Mal hin?“, verrät die Antwort mehr:

Ich sehe keinen Grund, eine zweite Kreuzfahrt zu machen. Selbst mit eng getakteten Performances, Lectures und vielen Gesprächen deprimierte mich die viel zu passive Zeit an Bord – trotz markanter und abwechslungsreicher Landschaft. Oslo würde ich gern vor der Messe noch sehen; und Norwegens queere, gegenkulturelle Räume.

Und ich würde jederzeit, bei jedem Wetter fünf, sechs Wochen auf den Lofoten schreiben und arbeiten! #residency

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Jeder von uns Deutschen nahm andere Flüge: Wir verlassen Bergen im Lauf des 26. Oktober; ich fliege nach Oslo, drei Stunden später nach Stockholm… und finde dort, am Gate nach Berlin, Kollegin Andrea.

Unser kurzer letzter Flug kann nicht mehr starten – weil Tegel schließt, bevor wir ankämen. Wir schlafen am Flughafen und fliegen morgens via Helsinki nach Berlin. In Finnland wird unser Gepäck beim Umladen vergessen; in Berlin wird das Flughafen-Café wegen einem Koffer geräumt; nach fast 30 Stunden Reise (…Hausschlüssel ist im Koffer, ich muss meinen Partner auf der Arbeit stören) bin ich zurück.

Menschlich machte die Irrfahrt überraschend viel Spaß. „Amazing Race“? Gern mit Andrea!

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Schon im März 2019 ist Tschechien Gastland der Leipziger Buchmesse. Bald mehr!

Am Wichtigsten ist mir die #fbm20: Fünf Jahre lang lebte ich drei Monate pro Jahr in Toronto. 2020 ist Kanada Ehrengast. Ausflüge in die Natur brauche ich keine. Doch in den Gastland-Auftritt eingebunden wäre ich sehr gern – ich will vor 2020 auf jeden Fall einige Wochen in Toronto verbringen.

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Georgien als Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm18: Events, Lesungen, Tipps

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Lesungen, Diskussionen, Vorträge, Kulinarik, Theater, Performance, Konzerte:

Alle Veranstaltungen aus und über Georgien während der Frankfurter Buchmesse…

…sind hier im .pdf / Programm nachzulesen (Link).

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Auf der Messe selbst gibt es zwei zentrale Orte:

  • den Georgischen Pavillon (Forum 1: neben Hof/Agora, direkt gegenüber von Halle 4)
  • der National Stand (Halle 5, Erdgeschoss/Level 0, B100)

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Ich…

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Die Buchmesse besuche ich 2018 v.a. als Moderator: ich reise am 10. (Mi) an, werde am 11. drei Lesungen im Frankfurter Kunstverein moderieren und habe am 12. und 13. dann Zeit fürs Messegelände. Trotzdem sah ich für alle fünf Messetage das Ehrengast-Programm.

Hier im Eintrag, subjektiv und persönlich: Events, bei denen ich Autor*innen und Speaker mag, Bücher las und empfehlen kann und/oder glaube, das wird sehenswert:

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Abendprogramm. Lesungen in Frankfurt:

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2017/2018: LIEBLINGSSONGS / PERSÖNLICHER SOUNDTRACK (JAHR 21)

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I started keeping a diary on October 26th, 1997. I was 14 and in 9th grade. I kept up until 2004, and every year, I made a ‚personal soundtrack‘ with songs that reflected last years‘ themes and storylines.

Here are 20 songs for ‚Season 21‘, October 2017 to October 2018.

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  • Craig Finn – Rescue Blues
  • The Decemberists – Ben Franklin’s Song
  • Holly Miranda – Midnight Oil
  • Imaginary Future – Don’t stop believing
  • Hundreds – Ten Headed Beast

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  • Andrea Gibson – Your Life
  • Bill Fay – Jesus etc.
  • Leathan Milne – Closer to June (live at the Whitehouse)
  • Michael Logen – Goodbye Goodbye
  • Sergi Gvarjaladze – Artificial Love

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  • Gordon Downie – Cancellor
  • Ane Brun – I would hurt a Fly
  • Stu Larsen – Till the Sun comes back (Live from Omeara)
  • Dean Owens – Louisville Lip
  • Shovels & Rope – Cleanup Hitter
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  • David Ramirez – Time (Paste Studios)
  • Gregory Alan Isakov – Caves
  • Ae Dil Hai Mushkil OST: Channa Mereya
  • Arth – the Desination OST: Sanwar Dey Khudaya
  • Greg Laswell: Watch you burn

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Some of these songs are on Youtube. Let’s see how long it takes before they are taken down. Here are the videos: Watch them while the links still work!

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  • Craig Finn – Rescue Blues

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  • The Decemberists – Ben Franklin’s Song

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  • Holly Miranda – Midnight Oil

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  • Imaginary Future – Don’t stop believing

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  • Hundreds – Ten Headed Beast

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  • Andrea Gibson – Your Life

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  • Bill Fay – Jesus etc.

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  • Leathan Milne – Closer to June (live at the Whitehouse)

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  • Michael Logen – Goodbye Goodbye

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  • Sergi Gvarjaladze – Artificial Love

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  • Gordon Downie – Cancellor

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  • Ane Brun – I would hurt a Fly

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  • Stu Larsen – Till the Sun comes back (Live from Omeara)

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  • Dean Owens – Louisville Lip

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  • Shovels & Rope – Cleanup Hitter

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  • David Ramirez – Time (Paste Studios)

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  • Gregory Alan Isakov – Caves

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  • Ae Dil Hai Mushkil OST: Channa Mereya

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  • Arth – the Desination OST: Sanwar Dey Khudaya

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  • Greg Laswell: Watch you burn

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related Links;

Reading Women, 2018: Summer Books, Summer Reading

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GENEVIEVE GRAHAM: „Come from Away“

„In 1939, Grace Baker’s three brothers board Canadian ships headed for a faraway war. Grace stays behind, tending to the homefront and the general store that helps keep her small Nova Scotian community running. Three years later, rumours swirl about “wolf packs” of German U-Boats lurking in the waters along the shores of East Jeddore, a stone’s throw from Grace’s window.“

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MIRA T. LEE: „Everything here is beautiful“

„Miranda, the responsible one: always her younger sister’s protector; Lucia, the headstrong, unconventional one. When their mother dies and Lucia starts to hear voices, it’s Miranda who must fight for the help her sister needs — even as Lucia refuses to be defined by any doctor’s diagnosis. Miranda must decide whether or not to step in. Told from alternating perspectives. A family drama about tough choices.“

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[2017] CAITLIN HAMILTON SUMMIE: „To lay to Rest our Ghosts“

„WWII Kansas City. A poor, drug-ridden NYC neighborhood. Woodsy Wisconsin and the quiet of rural Minnesota: Ten elegantly written short stories navigating the geographical boundaries that shape our lives.“

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MICHELE LENT HIRSCH: „Invisible. How young Women with serious Health Issues navigate Work, Relationships and the Pressure to seem just fine“

„Miriam’s doctor didn’t believe she had breast cancer. She did. Sophie navigates being the only black scientist in her lab while studying the very disease, HIV, that she hides from her coworkers. For Victoria, coming out as a transgender woman was less difficult than coming out as bipolar.

Author Michele Lent Hirsch knew she couldn’t be the only woman who’s faced serious health issues at a young age, as well as the resulting effects on her career, her relationships, and her sense of self. Young female patients are in fact the primary demographic for many illnesses. Not only do they feel pressured to seem perfect and youthful, they also find themselves amid labyrinthine obstacles in a culture that has one narrow idea of womanhood.

Lent Hirsch weaves her own harrowing experiences together with stories from other women, perspectives from sociologists on structural inequality, and insights from neuroscientists on misogyny in health research. She shows how health issues and disabilities amplify what women in general already confront: warped beauty standards, workplace sexism, worries about romantic partners, and mistrust of their own bodies.“

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SHANNON HITCHCOCK: „One True Way“

„Two girls who discover their friendship is something more. Daniel Boone Middle School in the 1970s, where teachers and coaches must hide who they are, and girls who like girls are forced to question their own choices. Set against the backdrop of history and politics that surrounded gay rights in the 1970s South, this novel is a thoughtful look at tolerance, acceptance, and change.“

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MICHELLE KIM: „Running through Sprinklers“

„Surrey, British Columbia, Canada, in the early 1990s: Nadine has suddenly skipped a grade and gone to high school without Sara. Sara can feel their friendship slipping away.“

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ILYASAH SHABAZZ: „Betty before X“

„A powerful middle-grade novel about the childhood activism of Betty Shabazz, Malcolm X’s wife, written by their daughter. In Detroit, 1945, eleven-year-old Betty’s house doesn’t quite feel like home. Betty quickly finds confidence and purpose in volunteering for the Housewives League, an organization that supports black-owned businesses. Ilyasah Shabazz illuminates four poignant years in her mother’s childhood.“

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VEERA HIRANANDANI: „The Night Diary“

„It’s 1947, and India, newly independent of British rule, has been separated into two countries: Pakistan and India. The divide has created much tension between Hindus and Muslims, and hundreds of thousands are killed crossing borders. Half-Muslim, half-Hindu twelve-year-old Nisha doesn’t know where she belongs. When Papa decides it’s too dangerous to stay in what is now Pakistan, Nisha and her family become refugees and embark first by train but later on foot to reach her new home.“

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KHERYN CALLENDER: „Hurricane Child“

„Twelve-year-old Caroline is a Hurricane Child, born on Water Island during a storm. She’s hated by everyone in her small school, she can see things that no one else can see, and — worst of all — her mother left home one day and never came back. Kalinda, a solemn girl from Barbados, seems to see the things Caroline sees, too. Joined by their common gift, Kalinda agrees to help Caroline look for her mother. A cadenced work of magical realism.“

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CLARE STRAHAN: „The Learning Curves of Vanessa Partridge“

„Vanessa (Van) Partridge is curious about the idea of having sex. At first, summer feels like delicious freedom as she explores her independence, practising her favourite cello pieces, reconnecting with her long-time summer friend Kelsey and exploring her attraction to environmental activist Bodhi. But when her sense of self is shaken, Van wrestles with issues of desire and consent: Can someone with sensible plaits and an interest in philosophy really be a raving sex-o-maniac? And if they are, is there anything wrong with that?“

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ADRIENNE KISNER: „Dear Rachel Maddow“

„A high school girl deals with school politics and life after her brother’s death by drafting emails to MSNBC host Rachel Maddow: After writing to Rachel for a school project–and actually getting a response–Brynn starts drafting e-mails. She tells Rachel about breaking up with her first serious girlfriend, about her brother Nick’s death, about her passive mother and even worse stepfather, about how she’s stuck in remedial courses at school.

Then Brynn is confronted with a moral dilemma. One student representative will be allowed to have a voice among the administration in the selection of a new school superintendent. Brynn’s archnemesis, Adam, and ex-girlfriend, Sarah, believe only Honors students are worthy of the selection committee seat. Brynn feels all students deserve a voice. When she runs for the position, the knives are out. So she begins to ask herself: What Would Rachel Maddow Do?“

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WHITNEY GARDNER: „Chaotic Good“

„When Cameron wins a major cosplay competition, she inadvertently sets off a firestorm of angry comments from male fans. She hopes to complete her costume portfolio in peace and quiet away from the abuse. Unfortunately, the only comic shop in town–her main destination for character reference–is staffed by a dudebro owner who challenges every woman who comes into the shop.

At her twin brother’s suggestion, Cameron borrows a set of his clothes and uses her costuming expertise to waltz into the shop as Boy Cameron, where she’s shocked at how easily she’s accepted into the nerd inner sanctum. Soon, Cameron finds herself drafted into a D&D campaign alongside the jerky shop-owner Brody, friendly (almost flirtatiously so) clerk Wyatt and handsome Lincoln. But as her „secret identity“ gets more and more entrenched, Cameron’s feelings for Lincoln threaten to make a complicated situation even more precarious.“

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AUSTIN CHANNING BROWN: „I’m still here. Black Dignity in a World made for Whiteness“

„An eye-opening account of growing up Black, Christian, and female in middle-class white America. Austin Channing Brown’s first encounter with a racialized America came at age 7, when she discovered her parents named her Austin to deceive future employers into thinking she was a white man. Growing up in majority-white schools, organizations, and churches, Austin writes, „I had to learn what it means to love blackness“.

I’m Still Here is an illuminating look at how white, middle-class, Evangelicalism has participated in an era of rising racial hostility, inviting the reader to confront apathy, recognize God’s ongoing work in the world, and discover how blackness–if we let it–can save us all.“

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AFUA HIRSCH: „Brit(ish). On Race, Identity and Belonging“

„Where are you really from? You’re British. Your parents are British. You were raised in Britain. Your partner, your children and most of your friends are British. So why do people keep asking you where you are from?

Brit(ish) is about the everyday racism that plagues British society. It is about our awkward, troubled relationship with our history. It is about why liberal attempts to be ‘colour-blind’ have caused more problems than they have solved. It is about why we continue to avoid talking about race.

In this personal and provocative investigation, Afua Hirsch explores a very British crisis of identity. We are a nation in denial about our past and our present. We are convinced that fairness is one of our values, but that immigration is one of our problems. Brit(ish) is the story of how and why this came to be, and an urgent call for change.“

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IJEOMA OLUO: „So you want to Talk about Race“

„Issues as privilege, police brutality, intersectionality, micro-aggressions, the Black Lives Matter movement, and the „N“ word. Oluo answers the questions readers don’t dare ask.“

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[male authors:] T. CHRISTIAN MILLER, KEN ARMSTRONG: „A False Report: A True Story of Rape in America“

„On August 11, 2008, eighteen-year-old Marie truthfully reported that a masked man broke into her apartment near Seattle, Washington, and raped her, but within days police and even those closest to Marie became suspicious of her story. The police swiftly began investigating her. Confronted with inconsistencies in her story and the doubts of others, Marie broke down and said her story was a lie. Police charged her with false reporting. One of her best friends created a web page branding her a liar.

More than two years later, Colorado detective Stacy Galbraith was assigned to investigate a case of sexual assault. Describing the crime to her husband that night–the attacker’s calm and practiced demeanor, which led the victim to surmise „he’s done this before“–Galbraith learned that the case bore an eerie resemblance to a rape that had taken place months earlier in a nearby town. She joined forces with the detective on that case, Edna Hendershot, and the two soon realized they were dealing with a serial rapist: a man who photographed his victims, threatening to release the images online, and whose calculated steps to erase all physical evidence suggested he might be a soldier or a cop.

An Unbelievable Story unveils the disturbing reality of how sexual assault is investigated today–and the long history of skepticism toward rape victims.“

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BARBARA J. RISMAN: „Where the Millennials will take us. A new Generation wrestles with the Gender Structure“

„Are today’s young adults gender rebels or returning to tradition? Risman reveals the diverse strategies youth use to negotiate the ongoing gender revolution. Some are true believers that men and women are essentially different and should be so. Others are innovators, defying stereotypes and rejecting sexist ideologies and organizational practices. Perhaps new to this generation are gender rebels who reject sex categories, often refusing to present their bodies within them and sometimes claiming genderqueer identities. Risman reminds us that gender is much more than an identity; it also shapes expectations in everyday life, and structures the organization of workplaces, politics, and, ideology.“

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SAFIYA UMOJA NOBLE: „Algorithms of Oppression. How Search Engines reinforce Racism“

„A revealing look at how negative biases against women of color are embedded in search engine results and algorithms. Run a Google search for „black girls“–what will you find? „Big Booty“ and other sexually explicit terms are likely to come up as top search terms. But, if you type in „white girls,“ the results are radically different. Safiya Umoja Noble challenges the idea that search engines like Google offer an equal playing field for all forms of ideas, identities, and activities. Data discrimination is a real social problem. Through an analysis of textual and media searches as well as extensive research on paid online advertising, Noble exposes a culture of racism and sexism in the way discoverability is created online. Algorithms of Oppression contributes to our understanding of how racism is created, maintained, and disseminated in the 21st century.“

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LUCY JONES: „The Big Ones. How Natural Disastes have shaped us“

„By a veteran seismologist of the U.S. Geological Survey, a lively and revealing history of the world’s most disruptive natural disasters, their impact on our culture, and new ways of thinking about the ones to come. The Big Ones is a look at some of the most devastating disasters in human history. It considers Pompeii, and how a volcanic eruption in the first century AD challenged and reinforced prevailing views of religion for centuries to come. It explores the California floods of 1862, examining the failures of our collective memory. And it shows what Hurricane Katrina and the 2004 Indian Ocean tsunami can tell us about governance and globalization. Natural disasters are inevitable; human catastrophes are not.“

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ELIZABETH CATTE: „What you are getting wrong about Appalachia“

„In 2016, headlines declared Appalachia ground zero for America’s “forgotten tribe” of white working class voters. Journalists flocked to the region to extract sympathetic profiles of families devastated by poverty, abandoned by establishment politics, and eager to consume cheap campaign promises. What You Are Getting Wrong About Appalachia analyzes trends in contemporary writing on Appalachia, presents a brief history of Appalachia with an eye toward unpacking Appalachian stereotypes, and provides examples of writing, art, and policy created by Appalachians as opposed to for Appalachians.“

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KAREN AUVINEN: „Rough Beauty. Forty Seasons of Mountain Living“

„An inspirational memoir from an award-winning poet who ventures into the wilderness to seek answers to life’s big questions and finds her way back after losing everything she thought she needed. During a difficult time, Karen Auvinen flees to a primitive cabin in the Rockies to live in solitude as a writer and to embrace all the beauty and brutality nature has to offer. When a fire incinerates every word she has ever written and all of her possessions—except for her beloved dog Elvis, her truck, and a few singed artifacts—Karen embarks on a heroic journey to reconcile her desire to be alone with her need for community.

In the evocative spirit of works by Annie Dillard, Gretel Ehrlich, and Mary Oliver, Rough Beauty is a lyric exploration of forty seasons in the mountains.“

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FRANCHESCA RAMSEY: „Well, that escalated quickly“

Franchesca Ramsey didn’t set out to be an activist. Or a comedian. Or a commentator on identity, race, and culture. But then her YouTube video „What White Girls Say. . . to Black Girls“ went viral. Faced with an avalanche of media requests, fan letters, and hate mail, she had two choices: Jump in and make her voice heard or step back and let others frame the conversation.

In her first book, Ramsey uses her own experiences as an accidental activist to explore the many ways we communicate with each other–from the highs of bridging gaps and making connections to the many pitfalls that accompany talking about race, power, sexuality, and gender in an unpredictable public space…the internet. WELL, THAT ESCALATED QUICKLY includes Ramsey’s advice on dealing with internet trolls and low-key racists, confessions about being a former online hater herself, and her personal hits and misses in activist debates with everyone from bigoted Facebook friends and misguided relatives to mainstream celebrities and YouTube influencers.“

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ELIZABETH W. GARBER: „Implosion. A Memoir of an Architect’s Daughter“

Visionary architect Woodie Garber had already built his masterwork—the family’s glass-walled house—when he received the commission to create Sanders Hall, a glass tower dormitory at The University of Cincinnati. At the time, Elizabeth was still impressed with her brilliant father and his taste for modernism, jazz, art, and race cars. But as she grew up, her adoration faded. Woodie became more controlling. Belittling. Inappropriate.

As the late 1960’s and early 1970s culture wars and race riots reached Cincinnati, and when Elizabeth started dating an African-American student at her high school, Woodie’s racism emerged. His abuse splintered the family, and unexpected problems with the design of Sanders Hall precipitated a financial crisis that was exacerbated by a sinking economy. Elizabeth Garber describes Woodie’s deepening mental illness, the destruction of her family, and her own slow healing from his abuse.“

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NELL SCOVELL: „Just the funny Parts… and a few hard Truths about Sneaking into the Hollywood Boys‘ Club“

„For more than thirty years, writer, producer and director Nell Scovell worked behind the scenes of iconic TV shows, including The Simpsons, Late Night with David Letterman, Murphy Brown, NCIS, The Muppets, and Sabrina, the Teenage Witch, which she created and executive produced. In 2009, Scovell gave up her behind-the-scenes status when the David Letterman sex scandal broke. Scovell used the moment to publicly call out the lack of gender diversity in late-night TV writers’ rooms. Her criticisms fueled a cultural debate.

Through her eyes, you’ll sit in the Simpson writers’ room… stand on the Oscar red carpet… pin a tail on Miss Piggy…bond with Star Trek’s Leonard Nimoy… and experience a Stephen King-like encounter with Stephen King. A fast-paced account of a nerdy girl from New England who fought her way to the top of the highly-competitive, male-dominated entertainment field.“

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FERN RIDDELL: „Death in Ten Minutes. Kitty Marion. Activist. Arsonist. Suffragette“

„The story of radical suffragette Kitty Marion, told through Kitty’s never before seen personal diaries. Kitty Marion was sent across the country by the Pankhurst family to carry out a nationwide campaign of bombings and arson attacks, as women fought for the vote using any means necessary. But in the aftermath of World War One, the dangerous and revolutionary actions of Kitty and other militant suffragettes were quickly hushed up and disowned by the previously proud movement.“

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JANE ROBINSON: „Hearts and Minds. The untold Story of the Great Pilgrimage and how Women won the Vote“

„The suffragists‘ march on London. 1913: the last long summer before the war. The country is gripped by suffragette fever. Hundreds of women are stepping out on to the streets of Britain. They are the suffragists: non-militant campaigners for the vote, on an astonishing six-week protest march they call the Great Pilgrimage. Rich and poor, young and old, they defy convention, risking jobs, family relationships and even their lives to persuade the country to listen to them. This is a story of ordinary people effecting extraordinary change. Jane Robinson has drawn from diaries, letters and unpublished accounts to tell the inside story of the march.“

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LYUDMILA PAVLICHENKO: „Lady Death. The Memoirs of Stalin’s Sniper“

„The wartime memoir of Lyudmila Pavlichenko, World War II’s best scoring sniper. In June 1941, when Hitler launched Operation Barbarossa, she left her university studies to become one of Soviet Russia’s 2000 female snipers. Less than a year later she had 309 recorded kills. She spoke at rallies in Canada and the US and the folk singer Woody Guthrie wrote a song, ‚Killed By A Gun‘ about her exploits. Her US trip included a tour of the White House. In November 1942 she visited Coventry. She never returned to combat but trained other snipers. After the war, she finished her education at Kiev University and began a career as a historian. She died on October 10, 1974 at age 58.“

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PENG SHEPHERD: „The Book of M“

„One afternoon at an outdoor market in India, a man’s shadow disappears—an occurrence science cannot explain. The phenomenon spreads like a plague, and while those afflicted gain a strange new power, it comes at a horrible price: the loss of all their memories. Ory and his wife Max have escaped the Forgetting so far by hiding in an abandoned hotel deep in the woods. Until one day Max’s shadow disappears too.

Knowing that the more she forgets, the more dangerous she will become to Ory, Max runs away. But Ory refuses to give up the time they have left together. Desperate to find Max before her memory disappears completely, he follows her trail across a perilous, unrecognizable world.“

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BETHANY C. MORROW: „MEM“

„Set in the glittering art deco world of Montreal a century ago, MEM makes one slight alteration to history: a scientist discovers a method allowing people to have their memories extracted from their minds, whole and complete. The Mems exist as mirror-images of their source ― zombie-like creatures destined to experience that singular memory over and over, until they expire in the cavernous Vault where they are kept. And then there is Dolores Extract #1, the first Mem capable of creating her own memories. She is allowed to live on her own, and create her own existence, until one day she is summoned back to the Vault.“

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KATARINA BOUDREAUX: „Platform Dwellers“

„On the remnants of oil platforms in the Gulf of Mexico, Joe is a typical Nob Platform teenager, except that her Mom left a year ago for a more social Platform, and her Dad sometimes forgets she exists. Her high school senior project “See-Saw” focuses on long-distance underwater connections. Then, Joe’s best friend discovers lights moving on Land at the same time Joe picks up SOS signals with her See-Saw – though Land has been silent since technology was destroyed during the Moralist Revolution. Joe enlists the help of Flox, a debunked scientist, to take them to Land to investigate the remnants of human Land society.“

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KATIE O’NEILL: „The Tea Dragon Society“ [2017]

„A charming [and queer] all-ages graphic novel. Greta is a blacksmith apprentice. After discovering a lost tea dragon in the marketplace, she learns about the dying art form of tea dragon care-taking from the kind tea shop owners, Hesekiel and Erik and befriends their shy ward, Minette.“

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MICHELLE PEREZ, REMY BOYDELL: „The Pervert“

[Graphic Novel] „A surprisingly honest and touching account of a trans girl surviving through sex work in Seattle: a collection of vignettes about a girl in transition, training to be a nurse, who supports herself through sex work.“

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PAMELA RIBON, CAT FARRIS: „My Boyfriend is a Bear“

[Graphic Novel] „Nora has bad luck with men. When she meets an (actual) bear on a hike in the Los Angeles hills, he turns out to be the best romantic partner she’s ever had! But he’s a bear, and winning over her friends and family is difficult. Not to mention he has to hibernate all winter. Can true love conquer all?“

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male writers:

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DONAL RYAN: „From a low and quiet Sea“

„Farouk’s country has been torn apart by war. Lampy’s heart has been laid waste by Chloe. John’s past torments him as he nears his end. From war-torn Syria to small-town Ireland, three men are drawn towards a powerful reckoning.“

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TOMMY ORANGE: „There There“

„A multigenerational story of twelve characters, each of whom have private reasons for traveling to the Big Oakland Powwow. Jacquie Red Feather is newly sober and trying to make it back to the family she left behind in shame. Dene Oxendene is pulling his life back together after his uncle’s death. Opal Viola Victoria Bear Shield has come to watch her nephew Orvil, who has taught himself traditional Indian dance through YouTube.

A voice full of poetry and rage. Orange writes of the plight of the urban Native American. An unforgettable debut, destined to become required reading in schools and universities across the country.“

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DAVID DUCHOVNY: „Miss Subways“

„Emer is just a woman living in New York City who takes the subway, has writerly aspirations, and lives with her boyfriend, Con. But is this life she lives the only path she’s on? Taking inspiration from the myth of Emer and Cuchulain and featuring an all-star cast of mythical figures from all around the world, David Duchovny’s darkly funny fantasy novel Miss Subways is one woman’s trippy, mystical journey down parallel tracks of time and love.“

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JOSIAH BANCROFT: „Senlin Ascends“

„The Tower of Babel is the greatest marvel in the world. The ancient Tower holds unnumbered ringdoms, warring and peaceful, stacked one on the other like the layers of a cake. It is a world of geniuses and tyrants, of airships and steam engines, of unusual animals and mysterious machines. Soon after arriving for his honeymoon at the Tower, the mild-mannered headmaster of a small village school, Thomas Senlin, gets separated from his wife, Marya.

Senlin is determined to find Marya, but to do so he’ll have to navigate madhouses, ballrooms, and burlesque theaters. This quiet man of letters must become a man of action.“

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DAVID CAY JOHNSTON: „It’s even worse than you think. What the Trump Administration is doing to America“

„David Cay Johnston has been following Trump since 1988.“

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HANS ROSLING: „Factfulness“ (…auf Deutsch bei Ullstein)

„The stress-reducing habit of only carrying opinions for which you have strong supporting facts. When asked simple questions about global trends—what percentage of the world’s population live in poverty; why the world’s population is increasing; how many girls finish school—we systematically get the answers wrong. So wrong that a chimpanzee choosing answers at random will consistently outguess teachers, journalists, Nobel laureates, and investment bankers. Factfulness reveals the ten instincts that distort our perspective—from our tendency to divide the world into two camps (usually some version of us and them) to the way we consume media (where fear rules) to how we perceive progress (believing that most things are getting worse). Our problem is that we don’t know what we don’t know, and even our guesses are informed by unconscious and predictable biases. It turns out that the world, for all its imperfections, is in a much better state than we might think. An urgent and essential book that will change the way you see the world and empower you to respond to the crises and opportunities of the future.“

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For the sake of search engines, I didn’t start this blog post with my usual German disclaimers: I sampled about 500 books, published in 2018, to make my selection. I haven’t read these titles yet. But this is the list of titles with the most appealing sample chapters (…and reviews).

Ich habe die Titel angelesen: eine Vorauswahl von Büchern, deren Leseproben mich überzeugte. Lieblingsbücher des Jahres blogge ich u.a. hier (Link)

neue Science Fiction: 11 Trends

 

lazarus apple

Die Apple-Zentrale… und ein Firmensitz in Greg Ruckas dystopischen Comic „Lazarus“, Jahre vorher entworfen / gezeichnet.

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Im Juni bin ich Gast bei einem SciFi-Podcast von VICE Motherboard, zusammen mit Andrea Wöger von Moviepilot.

Moderator Dennis Kogel bat mich, aktuelle Trends, Tendenzen, Ideen zu sammeln:

Welche SciFi mag, verfolge, empfehle ich? Welche Trends zeichnen sich ab?

Heute: elf schnelle Thesen zu aktuellen Trends.

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01_Indie-Comics als Testlabor:

Die beste SciFi finde ich gerade meist als monatliches US-Comic: TV-Serien brauchen tausend Köche. Filme brauchen Budget und Zeit. In Comics aber können EIN Autor und EIN Zeichner (-*in) Ideen ausprobieren und im Alleingang bildgewaltig umsetzen. Die Stoffe, die heute im TV und Kino überraschen, waren oft schon vor zehn Jahren kleine, schrullige Comic-Geheimtipps; und immer öfter scheinen Comics die Verfilm-, Adaptierbarkeit von Anfang an mitzudenken: Sie erzählen Geschichten, von denen ich nach Seite 20 denke „Das wäre eine großartige TV-Serie!“

Empfehlungen: „Saga“ (Brian K. Vaughan, Fiona Staples), „Invisible Republic“ (Gabriel Hardman), „Lazarus“ (Greg Rucka, Michael Lark), „Shade, the Chaning Girl“ ( Cecil Castellucci, Marley Zarcone), Dept. H (Matt Kindt), „Injection“ (Warren Ellis, Declan Shalvey) und der wunderbare Mainstream-Manga „Twin Spica“ (Kou Yagunima)

mehr? Sci-Fi-Comics mit Frauen. Buchtipps von mir (Link)

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02_größer Denken – Hard Sci-Fi, Space Operas, Mainstream-Epen!

2011 nannte ich die „Green Lantern“-Comics von u.a. Geoff Johns und Peter Tomasi „Das vielleicht letzte große triviale Epos“. Ich lag falsch: Auch Jason Aarons „Thor“-Comics sind eine barocke, blutig-packend-operettenhafte Saga, die sich in tausend Richtungen ausprobiert. Pulp-Epen wie „Perry Rhodan“. Space Operas wie „Star Wars“. Und epische Hard Sci-Fi – auch von deutschen Autoren wie Dietmar Dath, Andreas Brandhorst: SciFi bleibt aktuell oft nah an einer Figur. Wird intim, persönlich. Doch ich bin dankbar, wie weit trotz solcher Intimität oft gedacht wird: in fernste Zukunft – auch sprachlich, sozial, formal.

Empfehlungen: „Green Lantern Corps“ (Peter Tomasi), „Thor“ (Jason Aaron), „Venus siegt“ (Dietmar Dath); angelesen und gemocht: Neal Stephensons „Seveneves“. Gespannt auf: Marvels „Captain Marvel“-Kinofilm und DCs „New Gods“.

mehr? Rezension von mir zu Dietmar Daths „Venus siegt“

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03_“Game of Thrones“… in Space?

Mit vielen Figuren erzählen? Komplexe politische, soziale Domino-Ketten bauen… und sie dann kippen lassen? George R.R. Martins ehemaliger Sekretär/Assistent ist heute mit der SciFi-Buchreihe „The Expanse“ erfolgreich: Amazon gab gerade eine vierte Staffel der TV-Version in Auftrag. Dazu:  Mangas wie „Legend of Galactic Heroes“ und „Attack on Titan“. Tad Williams‘ Fantasy-Buchreihen. Das „Warhammer“-Universum. Oder auch das kleinteilige Marvel Cinematic Universe, mit vielen Nischen und Verknüpfungen: Ich liebe SciFi mit 20, 30 Figuren, Stoßrichtungen, Perspektiven, Zahnrädern. Geschichten, die von Zusammenhängen, Wechselwirkungen erzählen – statt naiv einen einzelnen Helden zum Dreh- und Angelpunkt zu machen.

Empfehlungen: „Babylon 5“, noch immer. Das teils exzellente „Star Wars Expanded Universe“. Angelesen und gemocht: Die „Transformers“-Comics. Gespannt auf: „Gundam“, „Macross“, neue „Ghost in the Shell“-Serien.

mehr? Ich las George R.R. Martins kompletten Blog – und lernte viel!

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04_Helden-TV differenziert sich aus:

„Black Lightning“ fragt nach Schwarzer Politik, sozialer Gerechtigkeit, Polizeigewalt, Aktivismus. „The Flash“ setzt auf „Heart, Humor and Spectacle“. Die X-Men-Serie „Legion“ findet eigene, surreale Töne. „Krypton“ will episches Fantasy-Königsdrama sein: Superhelden-TV sucht Alleinstellung, neue Nischen.

Ich bin gespannt auf neue Serien wie „Cloak & Dagger“ (Urban Romantasy), „The Wicked & the Divine“ (Mythologie & Queerness), „The Umbrella Academy“ (Gothic Horror)

Komplette Liste neuer Comic- und Heldenserien hier: https://www.newsarama.com/30432-the-full-comic-book-television-release-schedule.html

mehr: meine Lieblings-Graphic-Novels 2017 und 2016

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05_kluger Transhumanismus:

Ich bin kein Fan von Pinocchio-Plots – harmlos naive Roboter, die endlich echte Menschen werden wollen. Zum Glück werden Geschichten über die fließenden Grenzen zwischen Mensch und Maschine aktuell feiner, differenzierter: Wann lassen sich Körper und Bewusstsein trennen? Und – besonders bei weiblichen Robotern: Welche Rolle spielen Objektifizierung, Sex, Machtgefälle?

Empfehlungen: „Westworld“; der schlichte, aber packende Comic „Alex + Ada“. Überschätzt: Ann Leckies Romane über eine KI, die mehrere Körper lenkt und befehligt.

Vorgemerkt: Die TV-Serien „Kiss me First“, „Real Humans“, „Stitchers“ und „Counterpart“ und, ab Ende 2018, „Reverie“. Auch auf die Kinofilme „Alita: Battle Angel“, „Andover“, „Love Thy Keepers“, „Diminuendo“ bin ich gespannt.

mehr: lange Kritik zu Staffel 1 von „Westworld“

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invisible republic, dietmar dath, hard sci-fi

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06_Gemeinschaftskunde:

„Black Mirror“ ödet mich oft an: zynische, didaktische, plakative Cautionary Tales über Welten und Gesellschaften, in denen fast alle Menschen sehr, sehr dumm oder sehr, sehr böse sind: Eine Serie, die man 15jährigen im Gemeinschaftskunde-Unterricht zeigen kann. Doch bei der mir oft Grautöne fehlen. Optimistischer, aber vergleichbar: „Philip K. Dicks Electric Dreams“. Mir zu platt, aber sympathisch: „The Orville“. Gefeiert, aber trostlos: „The Handmaid’s Tale“. Und ein Roman-Erfolg, der mich kalt ließ: Naomi Aldermans „Die Gabe“.

Ich bin gespannt auf „Captive State“ (…und enttäuscht über die vielen schlechten Kritiken zur Neuverfilmung von „Fahrenheit 451“). Didaktische Dystopien, die uns aufrütteln sollen, Lehrstücke, Schauermärchen… sind nicht mein Ding. Aber: Cool, wie viele Menschen sich gerade begeistert aufrütteln lassen – und Lust haben auf solche Lektionen.

mehr: Radio-Gespräch mit mir, zu Naomi Aldermans „Die Gabe“, SWR2

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07_Japanische Weirdness: Wir kapieren’s endlich!

Als Fan von Animes wie „Neon Genesis Evangelion“ und „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ freut mich, dass japanische Motive, Tropen, Themen, Eigenheiten in westlichen Mainstream-Blockbustern immer selbstverständlicher werden: Die Miayazaki-Elemente in „Steven Universe“ . „Inception“ – das sich bei u.a. Satoshi Kons (besserem!) „Paprika“ bedient. Mechas und Kaijus in „Pacific Rim“. Auch Videospiel-Welten und -Narrative werden immer öfter in anderen Medien erzählt, z.B. in „Sword Art Online“, Cory Doctorows „For the Win“ oder „Ready Player One“.

Empfehlungen: Ich bin gespannt, ob der Manga „Berserk“ adaptiert wird oder, mit besseren CGI-Effekten, solche Wesen und Bildwelten irgendwo sonst bald eine große Bühne kriegen. Ich mag, dass sich „Rick & Morty“ und „Dr. Who“ immer mehr Weirdness trauen. Und bin gespannt auf Charlie Kaufmans „Chaos Walking“.

mehr: Die besten Mangas – 50 Empfehlungen

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08_Qualität für alle Altersgruppen: das „Star Wars Expanded Universe“

Seit 2015 gibt sich Disney große Mühe mit „Star Wars“-Romanen, -Serien, -Comics: ein neues „Expanded Universe“, für das viele meiner Lieblings-(Jugendbuch-)Autor*innen und Comic-Künstler*innen arbeiten. Statt schnellen Nebenbei- und ferner-liefen-Geschichten bedeutet das „Star Wars“-Logo für mich im Buchhandel mittlerweile: kluge, zugängliche Geschichten über Widerstand, totalitäre Systeme und Politik.

Empfehlungen: Ich mag Claudia Grays „Lost Stars“, die „Darth Vader“-Comics von Kieron Gillen, die TV-Serie „Rebels“ und Jason Frys Jugendbuchreihe „Rebels: Servants of the Empire“; und bin gespannt auf Timothy Zahns „Thrawn“, Claudia Grays weitere Romane, die neue Animationsserie „Star Wars Resistance“, die neue TV-Real-Serie und (immer noch nicht gesehen) „Rogue One“. Auch der „Poe Dameron“-Comic macht Spaß.

mehr: „Star Wars: Das Expanded Universe“ (Deutschlandfunk Kultur)

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09_Afrofuturismus & Diversity

„Star Trek: Discovery“ habe ich sehr genossen. Auch „Black Panther“ macht Spaß. In Deutschland wird die Schwarze Autorin James Tiptree neu entdeckt; Nigerianerin Nnedi Okorafor hat Mainstream-Erfolg, Octavia Butler findet weiterhin neue Fans… Ich wünsche mir noch mehr SciFi von und über Menschen of Color, und freue mich über Autor*innen wie G. Willow Wilson und Saladhin Ahmed. Bitte auch mehr chinesische Stoffe: „The Three-Body Problem“ kann noch nicht alles gewesen sein!

vorgemerkt: „Sense8“ will ich endlich sehen; viele Romane aus dieser Goodreads-Liste (Link)

mehr: SciFi von Frauen; feministische SciFi

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10_Young Adult entschuldigt sich nicht für sich selbst.

Die TV-Serie „Reign“ zeigte Maria Stewart – im Look von „Eiskalte Engel“, Anfang 20, mit Folk-Balladen. Auch „The 100“ denkt, trotz aller Nähe zu „Kampfstern Galactica“ etc., die Teenager-Zielgruppe immer mit: Statt allen gefallen zu wollen, sich möglichst erwachsen zu geben, stecken viele Young-Adult-Romane und -Serien selbstbewusst einen viel engeren Claim ab: Love Triangles, Stil und Mode, junge starke Heldinnen, Romance und Rebellion.

Die Kehrseite: Auch nationalistischer und chauvinistischer Kram, Military SF, libertäre Welten usw. sind so prononciert, laut und plakativ wie selten zuvor: Sad Puppies, Rabid Puppies.

angelesen, gemocht: Anne Tibbets‘ „Carrier“Monica Teslers „Bounders“, Polly Ho-Yens „Boy in the Tower“

mehr: Diversity & Minderheiten im Jugendbuch

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11_E-Literatur statt Nische.

Dystopien? Werden immer geschrieben, verlegt, gefunden. Fantasy? Auch. Doch eine gewisse Sorte anspruchsvoller Phantastik erscheint erst, wenn es a) dem Land gut geht und / oder b) literarische Autor*innen einfach selbstbewusst erzählen – ohne Angst, in eine Nische sortiert zu werden. Mich freut, dass SciFi-Fans Margaret Atwood ernst nehmen, oder Haruki Murakami – und niemand sagt, das sei ja „nur“ Genre-Kost; und ich freue mich über Menschen wie P.D. James („Children of Men“), die zwischendurch mal Phantastik schreiben – ohne, dass ihnen jemand daraus Vorwürfe macht.

gelesen und gemocht: „Tentakel“ (Rita Indiana). „Lovecraft Country“ (Matt Ruff); angelesen und gemocht: Nick Harkaways Romane, zuletzt „Gnomon“. Und: „The Leftovers“ war als Serie viel anspruchsvoller, ambitionierter, „literarischer“ als die platte Buchvorlage von Tom Perrotta.

mehr: Empfehlung / Rezension zu „Tentakel“, Rita Indiana

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feministische-science-fiction-scifi-von-frauen

Blogs, Bücher, Plattformen in Deutschland: Wem folgen? [Vortrag am LCB Berlin]

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Am 13. März spreche ich am LCB Berlin: ein 90-Minuten-Vortrag über das Entdecken von Büchern, online.

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  • Welche Plattformen stellen Neuerscheinungen vor?
  • Wo finden sich Geheimtipps, Entdeckungen?
  • Welche Blogs, Multiplikator*innen, Twitter-, Instagram-, Facebook-Accounts vernetzen und informieren?
  • Wie behalte ich, durch Listen und Tools wie Goodreads, den Überblick?

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Noch zwei Tage lang, bis Dienstag, bleibt dieser Blog-Eintrag Work-in-Progress:

Habt ihr Ideen, Anregungen, Adressen? Für alle, die sich für deutschsprachige Gegenwartsliteratur interessieren? 

Vor allem aber: Für Übersetzer*innen aus dem Ausland, die online über die deutschsprachige Literaturszene informiert bleiben wollen?

Kommentiert – oder mailt mir eure Tipps! das.ensemble@gmail.com & drüben bei Facebook: facebook.com/smesch

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Am internationalen Übersetzertreffen des Literarischen Colloquiums Berlin nehmen in diesem Jahr 34 Übersetzerinnen und Übersetzer aus 29 Ländern teil, die die deutschsprachige Literatur in 27 verschiedene Sprachen übertragen. Nach einem mehrtägigen Seminarprogramm im LCB besuchen wir die Leipziger Buchmesse, wo am Donnerstag, 15. März um 11 Uhr im Übersetzerzentrum (Halle 4, Stand C500) eine Podiumsdiskussion mit ausgewählten Teilnehmern stattfindet.

Mit dabei sein werden Zofia Sucharska (Polen), Anna Kukes (Russland), Nelia Vakhovska (Ukraine), Chrytsyna Nazarkevich (Ukraine), Katalin Rácz (Ungarn), Jaugen Bialasin (Belarus), Katarina Széherova (Slowakei), Marie Voslářová (Tschechien), Zdravka Evstatieva (Bulgarien), Radu Alexe (Rumänien), Meral Tarar Tutus (Serbien), Vanda Kušpilić (Kroatien), Marina Aganthangelidou (Griechenland), Natia Datuashvili (Georgien), Anne Folkertsma (Niederlande), Giulia Disanto (Italien), Margherita Carbonaro (Italien), Alexia  Valembois (Frankreich), Rebecca DeWald (Großbritannien), Mandy Wight (Großbritannien), Paula Kuffer (Spanien), Ramon Farres (Spanien), Kathleen Thorpe (Südafrika), Daniel Bowles (USA), Mariana de Ribeiro de Souza (Brasilien), Martina Fernandez Polcuch (Argentinien), Amira Amin (Ägypten), Donya Moghaddamrad (Iran), Raikhan Shalginbayeva (Kasachstan), Ma Jian (China), Subroto Saha (Indien), Jiwon Oh (Südkorea), Nihat Ülner (Türkei), Gülperi Zeytinoglu (Türkei) und Katalin Rácz (Ungarn).

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Übersetzer*innen, die auf Facebook & Twitter networken: 

Katy Derbyshire | Shelley Frisch | Rachel Hildebrandt | Charlotte Collins | Rebecca DeWaldWilliam Gregory | Meytal Radzinski | Ruth Martin | Jamie Searle Romanelli | Lyn Marven | Jenny Watson | Ruth Ahmedzai Kemp | Jen Calleja | Susan Bernofsky | Daniel Hahn | Lucina Schell | Paula Kirby (GDR expert) | Anne Marie Jackson | Stefan Tobler | Mandy Wight | Sarah Pybus | Jessica West | Karen Leeder | Sally-Ann Spencer | Meike Ziervogel | Charlotte Ryland | Emma Rault | Jackie Smith | Amanda Price | Vivid Meaning | Elka Sloan | Louise Lalaurie | CMC Translations | Tony Malone | Julia SanchesKatharina Bielenberg | Deborah Smith | Ruth Clarke | Melanie J. Florence | Sophie Hughes | Marta Dzuirosz | Laura Watkinson | Lillie Langtry | Steph Morris | Petra Hardt (Suhrkamp) | Emma Ramadan | Theodora Danek | Tim Gutteridge | Geraldine Brodie | Lawrence Schimel | Susan Reed | Walter Schlect | Anna Holmwood | Lissie Jacquette | Saskia Vogel | Lucy Moffatt | Alyson Coombes | Tim Mohr | Christine Moser | Nick Rosenthal | Maria Snyder | Mandy Wight

…und Bradley Schmidts Blog „Leipzig is lit“

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Twitter-Seiten:

New Books in German | Translated World | ALTA | ata | BCLT | Words Without Borders | World Literature Today | Open Letter Books | Deep Vellum | CATranslation | LitAcrossFrontiers | European Literature Network | European Prize for Literature | TranslationMonth | Women in Translation | Festival Neue Literatur | FBF New York | Transfiction | Tilted Axis | World Editions | Oneworld Publications | Darf Publishers

…und der Hashtag #translationsthurs

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Facebook-Gruppen:

Buchhandelstreff: Buchhändler*innen tauschen sich über Kunden, Alltag und die Branche aus. Wer einen Buchtipp sucht, bekommt in der Gruppe oft fachkundige oder originelle Antworten.

Empowerment durch Medien: Medienberichte, Links, Inspiration und viele Links zu Spielzeug, Serien, Büchern und Filmen von oder mit Menschen of Color. Eine rassismuskritische Gruppe, besonders fachkundig bei Kinder- und Jugendliteratur.

Comicforschung: deutschsprachige Journalist*innen und Akademiker*innen sprechen über Comics / Graphic Novels. Viele Expert*innen für den deutschsprachigen Markt.

Das blaue Sofa: aktuelle Zeitungsartikel, Links, Videos – meist zu den größten Namen der deutschsprachigen Literaturszene.

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Facebook-Seiten / Fan-Pages:

Buchbloggerinnen-Netzwerk | Stiftung Lesen | Arbeitskreis für Jugendliteratur | Übersetzercouch | VdÜ

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Facebook-Seiten von Buchblogs:

We read Indie | das Debüt | SchöneSeiten | 54Books | Literaturen | Buzzaldrins Bücher | Klappentexterin | Muromez | Zeilensprünge

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Facebook-Seiten von Verlage und Initiativen:

Indiebookday | Kurt-Wolf-Stiftung | Hotlist | Alliance internationale des éditeurs indépendants

Culturbooks | kookbooks | Mairisch | Verbrecher Verlag | Kremayr & Scheriau | MerveHablizel Verlag | Luftschacht Verlag | Matthes & Seitz | Schöffling | Männerschwarm | Kein & Aber | Verlag Antje Kunstmann | Liebeskind | Frohmann Verlag | Jung und Jung | mikrotext | Salis | Steidl | Frankfurter Verlagsanstalt | WeidleGuggolz | avant [Comics] | Reprodukt [Comics] | Edition Moderne [Comics]

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Global Literature in Libraries Initiative | McSweeney’s | The Millions | Book Riot | Literary Hub | Afrolivresque (Franz. & Englisch)

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Websites von Verlagen, die Jugendbücher veröffentlichen:

Arena | Loewe | Carlsen | Magellan | Beltz & Gelberg | Hanser | mixtvision | Ravensburger | dtv Jugendbuch | script5 | Oettinger | Egmont | cbt | Fischer FJB | Thienemann | Gerstenberg | Twitter-Account: buuu.ch

Instagram:

Die meisten Buchblogs sind auch auf Instagram. Explizit sehenswert: Literarischer Nerd | Literakt …und, Videos: Autor*innenlesungen auf Zehnseiten.de

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Rezensionsportale, Online-Magazine:

Literaturkritik.de | Litrix | litaffin | Literatur & Feuilleton | Buecherkinder (Kinderbücher) | Literaturport | Literaturcafé | Fixpoetry | Poetenladen | Lyrikline | Litprom | SWR-Bestenliste

Aggregator Perlentaucher | Perlentaucher-Newsletter „Bücherbrief“ | …und, ähnlich: der „Börsenblatt-Bestseller-Newsletter“

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Print-Magazine:

Buchkultur | BÜCHER Magazin (auch sympathische FB-Seite) | Volltext | Buchreport | Börsenblatt | Buchmarkt

Genre & Krimi:

Krimi-Bestenliste | Phantastik-Bestenliste | „die 7 besten Bücher für junge Leser“ (monatlich) | SERAPH-Preis | Krimi-Couch | Histo-Couch [weitere Sparten-Websites, jeweils couch.de] | TOR Online (Deutsch) | Heyne: die Zukunft | Darkstars Fantasy-News | Markus Mäurer (Twitter) | das Syndikat | FantasyGuide (Twitter) | Herland: Feminismus & Krimis

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Selfpublishing [in Deutschland nennen sich unabhängige Verlage gern „Indie-Verlage“; doch Selfpublishing-Autor*innen ganz ohne Verlag gern „Indie-Autor*innen“: Indie-Autor*innen veröffentlichen selten in Indie-Verlagen.]

Federwelt (auch Verlags-Autor*innen. Oft Fokus auf Handwerk und Selbstorganisation) | Selfpublisher-Bibel | Uschtrin.de | R Benke-Bursian (Twitter) | Matthias Matthing (Twitter)

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Social Reading & Blogs:

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Leseportale:

LovelyBooks | MojoReads | NetGalley | VorabLesenLiteraturschock

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Agenturen, mit denen ich gute Erfahrungen machte:

Graf & Graf | Agentur Michael Gaeb | Werner Löcher-Lawrence [auch Übersetzer] | Langenbuch & Weiss sowie Scout Jana-Maria Hartmann (Chicago)

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Goodreads: Books my friends are reading (Liste)

30 Goodreads-User*innen, die deutsche Gegenwartsliteratur mögen und oft bewerten: Agnieszka | Philipp | Yvo | Martin | Thomas | Marie | Patrick | SusanneFabian | Alexandra | Frau Zerstreuung | Wiebke | Booklunatic | Steffi | Kathrin | Antje | Silke | Dazessin | Barbara | Lese lust | Sabine | Clara | Martin | Ira | Dennis | Matthias | Georg | Rabenfrau | Thomas H. | …und ich selbst

Twitter-Accounts, die oft über deutsche Literatur-Debatten und Neuerscheinungen posten:

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Neuerscheinungen finden?

Blogger Ilja Regier [Muromez] verlinkt alle 6 Monate ca. 40 Verlagskataloge im Blog. Eintrag zu Frühling 2018 | ähnlicher Eintrag von mir

Literaturkritik.de listet öffentlich alle Titel auf, die als Rezensionsexemplar eingereicht wurden: Link

präzise Amazon-Suchen, z.B. deutschspr. Gegenwartsliteratur, nach Erscheinungstermin (absteigend)

Buchhandel.de / Verzeichnis lieferbarer Bücher (noch präzisere Suchparameter, customizable)

Neuerscheinungs-Listen bei LovelyBooks

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„Wo findest du neue Bücher? Wie stößt du auf interessante Titel?“

Frage ich das Kritiker*innen, Blogger*innen, Autor*innen, Veranstalter*innen… höre ich zu oft:

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a) „Ich lese halt durch alle Verlagsvorschauen, zweimal pro Jahr“ oder, knapper „Ich lese durch die Vorschauen meiner acht bis zwölf Lieblingsverlage. Die anderen enttäuschen mich eh fast immer, lehrte mich die Erfahrung.“

oder:

b) „Ich suche, stöbere selbst kaum noch. Ich habe Freund*innen, die meinen Geschmack gut genug kennen, dass ich weiß: Wenn X mir ein Buch empfiehlt, sollte ich es lesen!“

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Vielleicht reicht das.

Er reicht für fast alle im Literaturbetrieb (…außer Buchhändler*innen):

  • Favoriten und recht enge Parameter bestimmen.
  • vertrauenswürdige Empfehler*innen suchen.
  • sagen: „Was mich auf DIESEN Kanälen erreicht, nehme ich besonders ernst. Alles andere muss erst sehr laut, sehr sichtbar, sehr besonders sein, dass ich es irgendwann später, auf Umwegen, wahr nehme.“

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Mir reicht das nicht.

Wenn ich nicht aktiv suche, lese ich vor allem Bücher von Lieblings-Autor*innen: arrivierte Namen, die mir ein Begriff sind. Ich verlasse mich auf Klassiker, Vertrautes. Mache viel zu selten Entdeckungen – denn die Hemmschwelle bei unbekannteren Stimmen ist höher.

Immer, wenn ich 20 Bücher aussuche, sind sechs oder sieben von Frauen. Nie 10. Nie mehr als 10: Männer sind sichtbarer. Sie werden öfter besprochen, empfohlen. Beim Roman eines Manns denke ich: „Das ist ein Buch. Also: relevant für mich!“ Beim Buch einer Frau denke ich: „Ist das überhaupt Literatur? Oder doch nur: Frauen-Unterhaltung?“

Ein Buch bei Suhrkamp, Hanser, Rowohlt, S. Fischer: nehme ich ernst.

Bei Büchern aus Kleinverlagen denke ich: Das Buch wird wenig Publikum erreichen. Der Verlag kann oft kaum Geld auszahlen, nicht viel Energie in PR und Werbung stecken: Hatte der Autor, die Autor*in Geld genug, um sich viel Zeit zu nehmen, beim Schreiben? Ist das ein Buch, das ihm/ihr maximal wichtig ist? Oder doch: ein Schnellschuss, ein Kompromiss, eine Schrulle – für ein Nischen-Publikum? Etwas, hinter dem kein großer Verlag stehen will?

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EIN Buch zu finden, ist frustrierend.

Ich suche ständig, parallel:

  • ein Buch, das ich als nächstes lesen kann.
  • ein aktuelles Buch, über das „alle“ reden – und bei dem ich dabei sein will.
  • ein Buch, das in ca. sechs Wochen erscheint und das ich als Rezensent im Radio vorstellen / empfehlen kann.
  • Bücher für alle, denen ich oft Bücher schenke: Ein existenzielles, packendes Buch für meinen Partner. Ein spannendes, makellos geplottetes Buch für meinen besten Freund. Ein Buch, das meinen neunjährigen Neffen begeistert. Ein Buch, von dem ich online sagen kann „Wenn ihr dieses Jahr EIN Buch lest: Nehmt das hier!“ usw.

Das sind Standard-„Suchanfragen“, die immer gelten.

Oft aber habe ich EINE akute, konkrete Vorgabe, z.B. von meinem Radio-Redakteur. Bis Juni etwa suche ich Bücher, in denen Töchter autobiografisch über den Vater schreiben. Die Bücher müssen, idealerweise:

  • …jünger als zwei Jahre sein.
  • …in deutscher Übersetzung vorliegen.
  • …so klug und literarisch sein, dass ich sie im Radio empfehlen kann.

Jedes Mal, wenn ich einen so konkreten Suchauftrag habe, finde ich unterwegs interessante Bücher, die nicht richtig passen, zu den genauen Parametern:

  • Vater-Töchter-Bücher, nicht auf Deutsch
  • Jugendbücher, nicht autobiografisch
  • interessante Bücher eine Frau, die vor 20 Jahren über ihren Vater schrieb
  • Familien-Mangas etc.

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Diese Entdeckungen helfen mir akut bei meiner Arbeit nicht.

Doch sie zu speichern, ist wichtig und motivierend – denn oft habe ich fünf Monate später einen Schwerpunkt, einen Auftrag, ein Projekt, bei dem es plötzlich wirklich um gute Jugendbücher geht. Oder Mangas. Oder Vater-Tochter-Klassiker.

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Unter Zeitdruck EIN passendes Buch finden, z.B. für meinen besten Freund?

Stress und Frust.

Befriedigend wird das Scouten, Stöbern, Herumsuchen, sobald ich zwei Zwischenstufen einbaue:

  • Ich markiere die Bücher, die mir gerade nichts bringen – doch die mir interessant scheinen. Damit ich immer, wenn ich Zeit habe, durch Leseproben lesen kann: Meine das-will-ich-anlesen-Liste. Sie enthält 4500 Titel.
  • Später gehe ich durch diese 4.500 Titel der das-will-ich-anlesen-Liste und entscheide nach der Leseprobe, was ich tatsächlich kaufen und weiter lesen würde: Meine angelesen-und-sehr-gemocht-Liste. Sie enthält über 2000 Titel.

Bücher, deren Leseprobe mich überzeugte. Doch die ich gerade in kein Projekt einbinden kann, und deren Lektüre für mich reine Privatsache wäre.

Immer, wenn ich einen Auftrag kriege wie „Empfiehl sechs aktuelle Jugendbücher“, kann ich meine angelesen-und-sehr-gemocht-Liste öffnen und habe endlich Grund / Vorwand, Bücher, auf die ich seit Monaten Lust habe, zu lesen.

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Reicht eine Leseprobe, um zu ein gutes Buch zu erkennen?

Nein. Ich lese oft Bücher an, finde den Stil, Ton, Rhythmus, das Vokabular und die Atmosphäre auf den ersten 5 Seiten großartig. Doch Monate später, wenn ich das Buch komplett lese, merke ich: Es ist gut geschrieben – aber nicht gut erzählt.

Umgekehrt habe ich sicher viele gut erzählte Bücher angelesen und aussortiert: weil die Leseprobe nicht kunstvoll, dringlich, ambitioniert, literarisch genug war.

Für Übersetzer*innen gibt es ein Zusatz-Problem: Wie kunstvoll müssen Bücher, die übersetzt werden, formuliert sein? Reicht mittelguter Stil nicht oft – so lange der Plot stimmt? In der Übersetzung kann man vieles noch einmal aufwerten, literarischer machen, ausbalancieren, retten.

Natürlich sind Leseproben nicht genug, um ein Urteil zu fällen. Aber mich irritiert, wie schnell Leute sagen „Ach: eine Leseprobe? Das ist doch oberflächlich. Was willst du da schon sehen? Raus lesen? Fest machen? Du musst 80 Seiten lesen, mindestens!“

Diesen Menschen antworte ich: Ihr zappt. Schaut Film-Trailer. Entscheidet STÄNDIG auf Basis von 20, 30 Sekunden, ob eine Serie, ein Film, ein Youtube-Video relevant für euch ist. Ich glaube, mit Übung und Sprachgefühl kann ich als Leser aus einer Leseprobe genauso schnell Schlüsse ziehen über die „Production Values“, den Ton und die Zielgruppe eines Buches…. wie ihr als Zapper über Look, Ton, Zielgruppe eines Streams.

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Mein Anspruch: in alles, das empfohlen wird, erfolgreich ist und / oder in Verlagen erscheint, die ich respektiere, kurz rein zu lesen. Auch, weil Cover, Klappentext etc. oft falsche Bilder vermitteln. Zwei Minuten mit der Amazon-Leseprobe verrät mir fast immer mehr als die beste Rezension, der klügste Klappentext.

Das Zeitfenster, in dem ich Bücher an Redaktionen pitchen, mit Büchern Geld verdienen kann, wird schnell enger:

  • Ich habe noch keine Redaktion, die mich große Titel wie „Lincoln at the Bardo“ oder „Die Ermordung des Commendatore“ lesen lässt: Solche Bücher werden von Journalist*innen besprochen, 15 Jahre älter als ich. Bei Deutschlandfunk Kultur durfte ich Elena Ferrantes Neapel-Romane besprechen – weil ich 6 Monate vor der deutschen Veröffentlichung immer wieder sagte „Das war hyper-erfolgreich in den USA und Italien. Trust me on this: Lasst uns schon jetzt darüber berichten.“
  • Wenn Bücher von zu vielen anderen Blogger*innen und Kolleg*innen besprochen und empfohlen werden, verliere ich oft die Lust, sie selbst zu lesen. Oft sind das Zeitfenster von ca. drei Wochen, von „Online hörte ich noch kein Wort über das Buch, in meiner Blase“ zu „25 Konkurrent*innen posteten das auf Instagram.“
  • Aktuell sind TV-Serien mein größtes Problem. 2013 las ich die „Jessica Jones“-Comics. Doch kein Redakteur hätte mir eine Plattform gegeben für 10+ Jahre alte Comics, in Deutschland nie erschienen. Am 18. November 2015 schien die Figur zu interessieren. Am 20. November 2015 hatte mein halber Freundeskreis eine Meinung zu allen 13 Episoden von Staffel 1. Der Anime „Your Name“? Die Comic-Verfilmung „Lazarus“? Die Netflix-Serie „The Chilling Adventures of Sabrina“? Das Zeitfenster von „interessiert keinen“ zu „kennt eh schon jeder“ wird frustrierend klein.

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Mein Fazit?

Mir tut sehr gut, so viel wie möglich anzulesen. Listen anzulegen.

Ich werde unruhig, wenn ich in einer Buchhandlung stehe und von zu vielen aktuellen Büchern, die dort ausliegen, noch nie gehört habe.

Ich habe diese Bücher dann nicht EIN MAL verpasst, sondern wiederholt.

  • Vorschau-Listen wie „The Millions‘ Most Anticipated“ und die User-Rankings im Goodreads-Bereich „Listopia“ zeigen mir englischsprachige Neuerscheinungen, Monate vor Veröffentlichung
  • Ich markiere mir interessante US-Bücher auf Goodreads und lese in die Leseprobe, sobald sie online ist (meist: wenige Tage vor dem US-Release)
  • Am Ende jedes Jahres schaue ich noch einmal durch US-Bestenlisten und -Blogs.
  • ca. Juli und ca. Dezember durchsuche ich deutschsprachige Verlags-Vorschauen
  • Alle ca. 2 Monate schaue ich bei Amazon, welche Bücher bald erscheinen, und mache Vorschläge an meine Auftraggeber*innen.
  • …dann kommen die deutschsprachigen Bestenlisten, Preise / Longlists / Hotlists und Jahres-End-Rankings.

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Es gibt Bücher, die ich seit Jahren lesen will – und bei denen ich auf einen aktuellen Anlass warte: eine Verfilmung, eine Serie, ein neues Buch des Autors. Sobald das erste Jugendbuch von z.B. Adam Silvera in Deutschland erscheint, kann ich das Gesamtwerk vorstellen, in deutschen Medien.

Und es gibt viele Bücher, die ich gern lesen würde, die mir wiederholt empfohlen wurden, bei denen mich die Leseprobe überzeugte, z.B. Mark-Uwe Klings „Qualityland“. Ein Buch, über das so viel geschrieben wurde, dass leider einfach egal ist, was Stefan Mesch noch zu sagen hat – vier Monate nach Erscheinen.

Und ganz zuletzt gibt es überraschend viele Titel, die ich beim Lesen der Leseprobe aussortierte – doch von denen Freund*innen immer wieder sagen: „Das war toll! Schau noch mal rein!“ Jakob Nolte, Ben Lerner, Alice Munro…

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