Autor: stefanmesch

Writer. Book Critic. Journalist.

„Five Days at Memorial“ / „Memorial Hospital“ (Kritik)

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Für Deutschlandfunk Kultur sah ich die achtteilige Mini-Serie „Memorial Hospital“ (2022)

Gespräch mit mir im Link (Audio, 6 Minuten)

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Hurrikan-Serie „Memorial Hospital“

Behandlungsziel: Tod

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Ende August 2005 traf der Hurricane Katrina auf New Orleans. Dass fast 2000 Menschen starben, war oft erst eine Spät- und indirekte Folge des Sturms: Durch Dammbrüche wurden besonders die ärmsten Stadtviertel überflutet. Die Evakuierung verlief schleppend. Ab 2007 arbeitete Sheri Fink, Journalistin und Ärztin in Krisengebieten, an Reportagen und Artikeln zur Frage, warum im Memorial-Krankenhaus binnen fünf Tagen 45 Personen starben. Ihr Sachbuch „Five Days at Memorial“ (nicht auf Deutsch) erschien 2013. Schon 2010 erhielt sie den Pulitzer-Preis. „Memorial Hospital“, eine Miniserie auf Apple TV+, setzt das Sachbuch in acht Folgen als Katastrophen- und Justiz-Drama um.

An Apple-Serien fällt immer wieder auf, dass Optik, Kulissen, Produktionsdesign besonders hochwertig wirken sollen: gediegene Premium-Serien für ein (meist weißes, älteres) Publikum, das für Design viel Geld ausgeben kann und will. Auch an „Memorial Hospital“ wirkt nichts frisch oder jugendlich: Ärztinnen und Klinikchefs, meist zwischen 40 und 70 Jahren, regeln, planen und reagieren wie in einer besonders teuren, aber gesucht gestrigen Episode von „Emergency Room“. Ein Premium-Drama über studiertes Fachpersonal und den Jargon nüchterner Vollprofis. Vera Farmiga („Bates Motel“) spielt Chirurgin Anna Pou: fromm und stets um Barmherzigkeit bemüht. Cornelius Smith Jr. („Scandal“) ist einer der wenigen schwarzen Ärzte – und als im mehr als brusthohen Wasser rund um die Klinik Geschäfte geplündert werden und Schüsse fallen, merkt er, dass er sich draußen trotzdem zunehmend sicherer fühlen könnte als im Gebäude, wo weiße Kollegen mit Pistolen patrouillieren.

Ab 2017 wollte Ryan Murphy („Glee“, „Pose“) in seiner True-Crime-Serie „America Crime Story“ eine ganze Staffel lang von Dr. Anna Pou erzählen. Ein Glück, dass Regie und Drehbuch der Apple-Produktion dagegen bei John Ridley liegen, Drehbuchautor von „Twelve Years a Slave“ und Autor der großartigen „The other History of the DC Universe“-Comics: Ridley konzentriert sich nicht (wie viele True-Crime-Serien) auf Pous Familiengeschichte oder ihre Psyche. Sondern auf die größeren System-Missstände. Denn so routiniert und schnittig alle mächtigen Figuren entscheiden, so fragwürdig bis menscheinfeindlich wirkt bald, was sie als „alternativlos“ behaupten: Wer wird zuerst evakuiert? Für wen ist Geld da, Hilfe, Sonderwege und Hintertüren? Wer soll warten oder würde in einem Helikopter oder Boot vermutlich sterben – und sollen darum die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten gar nicht mehr bewegt werden, nicht behandelt und kaum noch versorgt? Fünf erste Episoden der Serie zeigen Tag 1 bis 5. Drei viel langsamere, verkopft-analytische Nachklapp-Episoden fragen nach Ursachen und nach der Verhältnismäßigkeit aller juristischen Folgen.

„Memorial Hospital“ ist ein Meisterwerk: Schon Finks Buchvorlage ist faktensatt, dringlich und zeigt Rassismus, Behinderten-, Armen- und Dickenfeindlichkeit und deren tödliche Wirkungen überzeugend auf. Doch erst die Serie schafft konkrete Bilder und Stimmungen: Wem wird im Katastrophenfall geholfen? Wer hat eine Stimme im Kapitalismus? Wer soll warten, oder gleich verstummen und sterben? Welche Barrieren verhindern schnelle Hilfe? Fast alle Kritiken loben „Memorial Hospital“ dafür, dass „schwere moralische Fragen diskutiert werden“. Dabei sind viele Entscheidungen hier indiskutabel, ein moralischer Bankrott. „Wir werden keine lebende Person im Gebäude zurücklassen“, verspricht die Klinikleitung. Drei Tage ohne Strom und fließendes Wasser reichen, um daraus eine Drohung werden zu lassen. Das anzusehen ist unerträglich. Doch das anzuprangern ist unerlässlich: Entscheidungsträger*innen halten sich für Profis und Elite – und tun bald alles, um die Schwächsten zu übersehen.

„Memorial Hospital – die Tage nach Hurrikan Katrina“. 8 Episoden. Die ersten drei am 12. August 2022 – dann jeden Freitag eine weitere auf Apple TV+

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Die Serie beginnt wie ein typischer Katastrophenfilm. Gezeigt werden vor allem Ärzt*innen und Pflegekräfte.

…und sehr viel Krankenhaus-Verwaltung. Das ist wichtig, weil die Klink einem Konzern gehört – doch ein Bereich im siebten Stock gehört einem anderen Konzern: LifeCare. Immer, wenn die Klinik etwas entscheidet, rollt wer die Augen und sagt: „Ah stimmt, die 50 Betten da oben bei LifeCare. Na ja. Die müssen halt selbst kucken.“ In der Lobby und der Notaufnahme sind viele Leute aus der Nachbarschaft: Man bringt seine Haustiere mit und bleibt, bis der Sturm abklingt und das Wasser abfließt. Doch dann bricht ein Deich und bald ist klar: Gut 2000 Leute sind gestrandet – darunter 500 Patient*innen. Der Notstrom fällt aus. Es kommen keine Boote. Es gibt null staatliche Hilfe. Im Konzern-Büro in Texas sitzt EIN Bubi und telefoniert rum: Ob man noch irgendwo Rettungshelikopter mieten kann.

Triage heißt: Wenn die Mittel begrenzt sind, wem soll dann zuerst geholfen werden?

Zuerst wird Frühgeburten geholfen: die müssen in Brutkästen Treppen runter getragen werden, dann durch ein Parkhaus und hoch auf die Hubschrauber-Plattform. Aber: Geht das auch bei sehr alten Leuten? Bei Leuten im Rollstuhl? Bei sehr dicken Menschen? Nachts könnte wer von der Plattform stolpern. Also sagt die Klinik der Luftrettung: „Wir schlafen jetzt und machen erst bei Sonnenaufgang weiter.“ Weiße Ärzte laufen mit Waffen durchs Gebäude, weil sie Angst vor Schwarzen Gangs haben. Schwarze Familien, die zur Notaufnahme schwimmen, werden weggeschickt – und dann wird beschlossen: Wer getragen werden muss und in der Patientenverfügung angab „Nicht wiederbeleben“, soll warten bis zuletzt.

…weil alle, die „Nicht wiederbeleben“ angeben, im Endstadium einer tödlichen Krankheit sind?

Nein – das hat nichts miteinander zu tun. Ärzt*innen glauben, wer sowas angibt, hat wenig Lebenswille, und man will irgendeine saubere Hierarchie: „Wenn uns das Wasser ausgeht: Wer darf trinken?“ Dabei reicht das Wasser noch. „Für Haustiere ist kein Platz bei der Evakuierung: Wir schläfern die ein!“ Und dann ist doch Platz für Tiere – doch die meisten sind längst vorauseilend getötet. Menschen brauchen Hilfe und Pflege – und Ärzt*innen stellen zur Diskussion, ob sich diese Pflege lohnt und hören auf, zu behandeln. Sehr schnell wird klar: Wer Schwarz ist, wer dick ist, wer alt ist, wer behindert ist, wer keine Familie hat, die Druck macht, steht ganz hinten. Und dann sagen meist weiße Ärzt*innen: „Wir können jetzt nur noch eins für diese Leute tun.“ Einen Gift-Cocktail. Wer sagt: Das ist ne Serie über schwierige Fragen? Nein. das ist ne Serie über Behindertenfeindlichkeit, über Rassismus und über Konzerne. Alle sparen sich, den Schwächsten zu helfen – ich fands herzzerreißend, und ein Meisterwerk.

Es gibt eine Buchvorlage von Sheri Fink, „Five Days at Memorial“ (2013). Schon 2010 gewann Fink für eine Reportage über das Krankenhaus den Pulitzerpreis.

Die Serie ist besser, weil Apple wie immer sehr auf Oberfläche setzt und auf Ausstattung. Dieser Premium-Look hilft, das Krankenhaus wirklich zu sehen: Im Buch hatte ich beim Lesen kaum was vor Augen. Doch ich wollte es für mich unbedingt lesen, weil ich nach der Serie dachte „So viel offene Entmenschlichung: Was wurde da filmisch zugespitzt?“ Doch man hat nichts zugespitzt: Die Serie ist traurig akribisch. Nur kommt im Buch z.B. besser raus, dass die Ärztin, die glaubt, jetzt „helfen“ nur noch tödliche Mengen Morphium, so eine… christlich-katholische Erhabenheit hat, „Ich werde Mörderin genannt? Betet für mich!“, „Und was wir jetzt brauchen, sind Gesetze, dass Leute wie ich nie wieder polizeilich verfolgt und verklagt werden können. Ich wollte es doch allen nur erleichtern.“

Diese Aufarbeitung wird in drei von acht Folgen recht kleinteilig gezeigt.

Das kann man spröde finden – doch ich glaube, man muss das alles sehen: intensiv gefilmt und gespielt, eindringlich erklärt. Bei jeder Bedrohung stellen wir als Gesellschaft vorschnell zur Debatte, wie viel Extra-Schutz jetzt Behinderte brauchen, oder Arme, und ob wir uns diesen Schutz leisten wollen. Die Serie ist überhaupt kein Psychogramm EINER Ärztin vor fast 20 Jahren. Sondern zeigt Strukturen und Entsolidarisierung, die ich jeden Tag in der Pandemie sehe, in der Klimakatastrophe, in der Überflutung des Ahrtals. Behinderte werden dauernd als Ballast gesehen. Und die Barrieren, die im Katastrophenfall dann tödlich sind, die müssen JETZT abgetragen werden – nicht, wenn eh alle nur noch an sich selbst denken. Oder wenn ein Soldat schreit „Um fünf muss die ganze Klinik menschenfrei sein“ und eine Ärztin lieber denkt „Dann helfe ich den Leuten, zu sterben“ statt „Dann helfe ich den Leuten zum Ausgang.“ und niemand schreitet ein.

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„Paper Girls“ (Staffel 1, Kritik)

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Für Deutschlandfunk Kultur sah ich Staffel 1 von „Paper Girls“ (2022)

Gespräch mit mir im Link (Audio, 6 Minuten)

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Ein typisches USA-Motiv, noch in den 80er Jahren, sind die „Paper-Boys“: Zeitungs-Zusteller, die mit dem Rad durch die Vorstadt ziehen und jede Zeitung beim Fahren an die Tür oder in den Vorgarten werfen.

„Paper Girls“ ist eine neue Science-Fition-Serie auf Amazon Prime:

Sie zeigt vier zwölfjährige Mädchen, die 1988 zweifeln, ob der Job für sie zu gefährlich ist. Dann lernen sie, wie viel sie schaffen können, als Team – auf einer Zeitreise.

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Der Soundtrack und die Mode erinnern an die erfolgreichste US-Serie auf Netflix, „Stranger Things“

Und wie! Doch „Stranger Things“ ist Horror – und viele Hauptfiguren dort sind Jungs. „Paper Girls“ hat eine ganz andere Stimmung, andere Bilder, ist anders erzählt als diese Nostalgie-Phantastik-Bildwelten der 80er Jahre: „Paper Girls“ ist heller, sehr herzlich, einladend, auch für Zwölfjährige toll.

Folge 1 kam mir noch 08/15 vor – doch es wird schnell richtig gut. Das liegt allein an den Figuren und der Nähe, Intimität, Sorgfalt – denn wir verbringen meist über-lange, ganz ruhige, tiefe Szenen mit diesen vier Mädchen. Tiffany ist Schwarz, liebt Wissenschaft, und als die vier von einem Zeitreise-Modul ins Jahr 2019 gerissen werden, wird sie euphorisch: „Zeitreisen sind möglich? Dann höchste Zeit, dass ich Forscherin werde und sie entdecke!“

Erins Familie kommt aus China. Erin will US-Präsidentin werden und vier Kinder kriegen – und dann steht sie 2019 in ihrem Elternhaus und sieht ihr älteres Ich: mit Mitte 40 hat Erin Depressionen. Sie hat viel Sorge-Arbeit geleistet – doch für die junge Erin heißt das: „Ich habe keine Kinder und keinen Traumjob? Ich habe ja gar nichts erreicht im Leben!“

Die Serie handelt also von Mädchen – die ansehen müssen, was aus ihnen wird.

Das ist der Reiz. Dazu kommen zwei Fraktionen aus der Zukunft: Der „Underground“ will ein totalitäres Regime verhindern, durch Zeitreisen. Die „Old Watch“ sagt: Reisen zerstören das Zeitgefüge – wir töten alle, die sich in der falschen Zeit aufhalten. Die Mädchen aus 1988 sehen ihre Vorstadt bei Cleveland auch 2019 und 1999: Welchen Erwachsenen können sie trauen? Wer wird getötet, weil sie ihn reinziehen? Wessen Erinnerung wird gelöscht? KJ ist Jüdin, aus einer reichen Familie – und ist schockiert, als ihr älteres Ich eine Frau küsst. Mac denkt, sie sei „White Trash“. Sie raucht mit 12 und fragt sich: Welche Zukunft haben Mädchen wie ich?

Der Comic „Paper Girls“ erschien ab 2015 in 30 Heften. Am 10. August erscheint auch eine Gesamtausgabe mit 800 Seiten auf Deutsch bei Cross Cult.

Der Zeichner, Cliff Chiang, liebt Mode, Neonfarben – darum ist „Paper Girls“ ein super-stilsicherer Comic. Der Autor, Brian K. Vaughan, schreibt die beste Comicreihe die ich aktuell kenne: „Saga“ (unbedingt lesen!). Doch „Paper Girls“ ist für ein Publikum, das Schocks mag, Cliffhanger, flapsige und gewitzte Figuren – alles rauscht so durch, rauscht an mir vorbei, sehr effizient und mechanisch. Mir war das zu reißbrettartig und streberhaft: Der Comic erzählt nicht viel übers Mädchen-Sein 1988 oder über Freundschaft oder darüber, wie Frauen zu verschiedenen Zeiten auf sich blicken. Das macht jetzt die Serie – die wird immer langsamer, charakterzentrierter und herzlicher!

Ein guter Grund-Stoff also, der jetzt als Serie verbessert wird?

Ich glaube, wer wasserdichte Zeitreise-Spannung sucht und Figuren, die meist schnurstracks das taktisch Beste tun: Lest den Comic. Die Serie hat sehr billige Effekte – und viel mehr Logik-Lücken. Dazu dauert immer alles riskant lange: Die Figuren klauen zum Beispiel Geld bei einer Hausparty, auf die sie gar nicht eingeladen sind. Sie plündern im Garderoben-Zimmer die Handtaschen – und unterhalten sich dabei ewig. Schlimmer taktischer Fehler! Oder sie verstecken sich vor 10, 12 Soldat*innen: Ihr „Versteck“ ist ein Baucontainer, in dem alle Lichter brennen. Da stehen sie dann zu viert im hellen Fenster und unterhalten sich. Ich kenne so viele Leute, die sagen: „Ab so einem Moment ist eine Serie für mich kaputt. Jetzt ist mir auch egal, ob die Figuren gleich von einem Dino gefressen werden!“

Doch der Serie „Paper Girls“ verzeiht man das – weil sie auch Zwölfjähige anspricht?

Die Serie nimmt Zwölfjährige toll ernst: Romantik zum Beispiel kommt vor (…und Menstruation), doch ihr Körper wird nie sexualisiert. Der Comic belohnt jede Figur, die schnell und taktisch ist. Die Serie aber belohnt Figuren, die emotionale Arbeit machen – in sich reinhören. Empathie zeigen! Eine zweite Staffel wird gerade gedreht. „Paper Girls“ wirkt so billig, das kann drei oder vier Jahre laufen: Ich glaube nicht, dass es viel kostete.

Und es gibt gerade zwar auch andere gute Serien übers Mädchen-Sein. Aber „Cruel Summer“ zum Beispiel, ein intensiver Thriller, fragt: Wieso fühlst du dich mit deinem Körper unwohl? Und in deiner Familie? Und bei deinen Freund*innen? Immer: Unwohlsein. „Paper Girls“ ist viel konstruktiver: „Fühl dich wohl. Gib dir Zeit!“ In jedem Jahrzehnt bisher, in jedem Umfeld und bei jede*r Gegner*in kamen diese Mädchen an, am Ende. Der Comic? Eskaliert. Doch die Serie de-eskaliert. Mir tat sehr gut, dieses konstruktive Miteinander zu sehen. So viele Figuren – die meisten: Frauen und Mädchen – die aufeinander zugehen und sich unterstützen.

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„Paper Girls“ läuft auf Amazon Prime: 8 Episoden.

Der Comic erscheint bei Cross Cult. 30 Ausgaben in einer Gesamtausgabe für EUR 60 (Softcover) oder EUR 99 (Hardcover).

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1) Die (…bis „Squid Game“ kam, im September 2021) erfolgreichste Netflix-Serie ist „Stranger Things“ (ab 2016) – eine Pastiche von Horror- und Fantasyfilmen der 80er über eine Gruppe v.a. männlicher Zwölfjähriger ab 1983. Weil ich die Filme, deren Atmosphäre „Stranger Things“ aufgreift („E.T.“, „Stand by me: Das Geheimnis eines Sommers“) schon als Kind nicht besonders mochte („Die Goonies“ habe ich nie gesehen, Stephen Kings „Es“ fand ich nur als Buch okay), schaue ich „Stranger Things“ nicht gern. Doch ich verstehe, warum Leute über „Paper Girls“ denken: dasselbe Konzept, nur vom Netflix-Konkurrenten Amazon und mit Mädchen in der Hauptrolle.

(…ist es nicht, weil „Stranger Things“ auf Horror setzt und eine Atmosphäre von damals nachbauen will, während „Paper Girls“ wie nichts aussieht oder rüberkommt, das es damals gab oder hätte geben können – und, weil „Paper Girls“ viel cleaner wirkt, weniger viszeral und körperlich, weniger verschwitzte-Kinder-reißen-in-Großaufnahme-ihre-Augen-auf-vor-Angst. Das finde ich sehr gut.)

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2) Comic-Autor Brian K. Vaughan schreibt SciFi- und Held*innencomics, die oft Jahre später verfilmt werden. Für die Verfilmung bieten sie sich immer an, weil Vaughan in großen Bildern und mit vielen Twists und Cliffhangern erzählt. Sein Comic „Saga“ ist seit ca. zehn Jahren die beste Comicreihe, die ich kenne; 2021 lief (und floppte) auch die Serien-Version seiner Reihe „Y: the Last Man“. https://de.wikipedia.org/wiki/Y:_The_Last_Man_(Fernsehserie)

Ein Problem seiner Comics ist für mich, dass die Plots, Figuren etc. immer supergenau durchgeplant sind und alles sehr mechanisch „aufgeht“ und „funktioniert“ – doch Szenen emotional oft nicht so stimmig sind, wie er sich das vorstellt. Viele Momente in Vaughans Comics, die berühren und überraschen sollen, sind einfach nicht halb so „awesome“, „epic“ und „deep“, wie er glaubt – und darum haben seine „coolen, sexy Figuren“ oft was Juveniles bis Verzweifeltes. Für den Marvel-Comic „Runaways“ schuf er z.B. interessante Figuren – doch ernst nehmen und richtig deep finden kann ich diese Figuren erst, seit der Comic nicht mehr von ihm selbst geschrieben wird, sondern von der Jugendbuchautorin Rainbow Rowell: die erzählt das einfach besser.

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3) Vaughans Comic „Paper Girls“ erschien monatlich (mit Pausen) von 2015 bis 2019, ich las die Hefte damals bei Erscheinen und habe die Reihe auch mehrmals empfohlen. Ich mag den Zeichner sehr, Cliff Chiang („Wonder Woman“), weil er viel Gefühl hat für Mode (und: Figurenzeichnung DURCH Mode und Frisuren), für (Neon-)Farbe und für super-ausdrucksstarke und intensive Gesichtsausdrücke. Die Zeitreisen, Wendungen und die Auflösung von „Paper Girls“ haben etwas traurig Mechanisches – streberhaft-effizient: Ich gab der Serie durchgängig vier von fünf Sternen, weil sie als… Action-Puzzle voll flotter Sprüche und flotter Twists gut funktioniert. Emotional aber erreichte mich hier fast nichts, und wer „starke Frauen“ o.ä. in Comics sucht, findet hier v.a. recht reißbretthafte Konstrukte davon, was sich Vaughan unter „starken Frauen“ vorstellt.

Der Comic liegt komplett auf Deutsch vor, in sechs Sammelbänden (à 5 Heften) – doch am 10. August erscheinen alle 30 Hefte nochmal als Softcover (60 Euro) und als Hardcover (99 Euro) als dt. Gesamtausgabe bei Cross Cult.

(…“Paper Girls“ entstand als Comic also vor „Stranger Things“: Weder Plot noch Optik sind eine Reaktion auf die Netflix-Serie. Dass Amazon aber erst nach „Stranger Things“ dachte: „Wir investieren in, wir pushen Paper Girls“, ist offensichtlich.)

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4) ich sah vorbereitend noch in andere gelobte Serien, die Mädchen-Sein als Hauptthema haben. „The Baby-Sitters Club“ (Netflix) ist lieb, aber *deutlich* kindlicher und mir als Erwachsenem zu schlicht.

„Cruel Summer“ spielt in den 90ern, war letztes Jahr ein großer Hit, ist fantastisch – doch viel dunkler als „Paper Girls“.

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„Queer as Folk“ (2022: Staffel 1, Kritik)

Foto: Peacock / Alberto Rodriguez

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Für Deutschlandfunk Kultur sah ich Staffel 1 von „Queer as Folk“ (2022)

Gespräch mit mir im Link (Audio, 6 Minuten)

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„Queer as Folk“-Neustart:

Viel Sex – aus Trotz und Wut

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Brodie ist 29, Schwarz und schwul. Er klingelt mitten in der Nacht an einem Einfamilienhaus in einem ruhigen Wohnviertel von New Orleans. Ein älteres Ehepaar parkte einen Neuwagen an der Straße, und als sie die Haustür öffnen und fragen, was Brodie will, wirft er ein Streichholz und das Auto explodiert in einem Feuerball. Um sein Leben scheint Brodie dabei nicht zu fürchten: Er steigt aufs Rad und fährt weiter. Die Polizei kommt nicht sofort – und für den Rest der Serie hat die cartoonhaft dramatische Explosion im Wohnviertel keine Folgen.

„Queer as Folk“ ist eine Serie über Wut und Widerständigkeit, Trotz und „Jetzt erst recht!“. Figuren, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden, feiern und wüten, tanzen, schimpfen und stören den Ablauf und die bequemen Lügen der Mehrheitsgesellschaft. Brodie lässt das Auto explodieren, weil das Ehepaar einen schwulen Sohn verstieß – doch sich den Wagen schenken ließ, nachdem der Sohn bei einem Anschlag auf einen queeren Nachtclub, das „Babylon“, von einem Faschisten erschossen wurde.

In acht Folgen zeigt die Serie, wie aus vielen Überlebenden des Anschlags eine queere Ersatzfamilie wird. Mingus ist 17, nicht-binär und verliebt sich in Brodie (Ende 20). Brodies Ex Noah Hernandez, ein Crystal-Meth-süchtiger Anwalt, veranstaltet Hauspartys und Orgien in seiner Villa und lädt auch Brodies schwulen Bruder ein, bei sich zu wohnen: Julian hat Lähmungen und Spastiken und wird von Ryan O’Connell gespielt, dessen halb-autobiografische Netflix-Serie „Special“ recht ähnlich (aber herziger) von Schwulsein und Behinderung erzählte.

Sex-Worker, Drag Queens und Aktivist*innen wie Marvin, eine nicht-binäre behinderte Person, die einen Rollstuhl nutzt, haben wichtige Nebenrollen und eigene Storylines. Juliette Lewis („Natural Born Killers“) spielt Mingus‘ alleinerziehende Mutter, und Kim Cattrall („Sex and the City“) nimmt sich als reiche, distanzlose Mutter von Brodie und Julian immer mehr Raum – denn Brodie ist Samenspender für die Zwillinge seiner besten Freundin Ruthie, einer trans Frau, und deren nicht-binärer Partner*in Shar. Darum greift viel zu kurz, „Queer as Folk“ als Serie „über Schwule (und einige Lesben)“ zu verstehen: Die Bandbreite und Vielfalt des Ensembles schafft Raum für vielfältige Geschichten. Nur ist hier jede Figur traumatisiert, hedonistisch und im oft kaum zu ertragenden Vermeidungs- und Selbsthass-Modus.

Folge 1 misslingt, weil den verzweifelten und freudlosen Figuren nicht viel einfällt außer, recht wahl- und freudlos zu feiern. Dann sterben neun Menschen bei dem Anschlag – und als Folge wird trotzig und noch freudloser weiter gefeiert. Ab Folge 4 (über eine Sex-Party, die möglichst barrierearm sein soll) wird „Queer as Folk“ sehenswerter: weil die Figuren versuchen, konstruktiver miteinander umzugehen. Am Ende der acht Folgen aber, die zunehmend trauriger werden, ist trotzdem fast jede Freundschaft und Beziehung zerrüttet oder als Großbaustelle dramatisiert. Eine verkrachte Serie für Kopfmenschen, nervös und voller Reue.

Ob „Queer as Folk“ eine zweite Staffel erhält, ist noch offen. Das britische Original (1999) hatte nur zehn Folgen – und auch dort sprengte Hauptfigur Stuart, ein weißer Yuppie, das Auto einer queerfeindlichen Mutter in die Luft (und schlief mit 29 immer wieder mit einem Fünfzehnjährigen). Die erste US-Version (2000 bis 2005) zeigte erst in Staffel 5 einen Bombenanschlag auf den Nachtclub „Babylon“ in Pittsburgh und hatte ebenfalls fast nur weiße Figuren: vor allem Schwule und einige Lesben. Die dritte, aktuelle Serie ist eine Art Remix und versucht, alles so intensiv, leuchtend, trotzig und dramatisch zu erzählen wie möglich. Weil Tod und Sterblichkeit, Drogen, Halluzinationen, Sex und Tagträume so zentral sind, erinnert die Serie vor allem an das Bestattungs-Drama „Six Feet Under“.

Auffällig neu und mutig an „Queer als Folk“ aber ist, wie unfreundlich viele Rollen sind (und sein dürfen!) und, dass die Serie nie tut, als würde irgendwer Schwaches irgendwem Mächtigem „Nettsein“ schulden: In der Logik der Serie ist es emanzipierend und legitim, dass du jede Person, die irgendwie mehr hat als du und sich an dich ranwanzt, möglichst wie Dreck behandelst – zum eigenen Vorteil und als Lerneffekt, damit die Welt merkt, wie sehr die Mehrheitsgesellschaft Minderheiten benutzt. Das ist oft unangenehm anzusehen. Aber radikal, und vielleicht einfach eine wichtige Lektion.

„Queer as Folk“: ab 31. Juli jeden Sonntag zwei Episoden auf Starzplay – dem Premium-Bereich von Amazon Prime.

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„Queer as Folk“, das wird ja oft als „das schwule ‚Sex and the City'“ beschrieben…

Weil viele Serien mit vier, fünf Hauptrollen EIN Milieu zeigen wollen, ja. Bei sowas ist wichtig, welche Bandbreite die Rollen abdecken, zum Beispiel von sozialen Schichten – und das neue „Queer als Folk“ versucht da viele Querschnitte. Viele Figuren sind auch nicht „er“ oder „sie“, sondern nichtbinär, zum Beispiel Mingus. Mingus ist 17, will Drag Queen sein und geht in einen Club in New Orleans, das „Babylon“. Erst hat Mingus Sex mit einem deutlich älteren Mann, auf dem Klo. Dann steht Mingus auf der Bühne – und ein Faschist feuert um sich und tötet neun Leute. Die Serie zeigt einen Freundeskreis aus Überlebenden nach dieser Tat. Mingus will in diese Clique, obwohl dort auch z.B. Mingus‘ Lehrerin ist, die trans Frau Ruthie: eine ältere Generation. Für alle Figuren geht es dann endlos um Trauma, Drogenprobleme, Verdrängung und sehr verzweifelten Sex.

Die ersten beiden „Queer as Folk“-Serien, 1999 und 2000, waren auch Komödien. Das klingt jetzt düsterer.

Ins britische Original sah ich erst jetzt zum ersten Mal lange – damals hörte ich immer nur: „Arbeiterstadt Manchester, bissiger Humor, ganz subversiv!“ – doch die Hauptrolle ist ein Yuppie in der Werbeagentur, monströs selbstbezogen. Empowernd fanden Leute das wohl damals, weil z.B. der Autohändler sagt „Kaufen Sie bitte nicht DEN Jeep: den kaufen Schwule. Zahlen Sie lieber fürs größte Modell“ …und eine Figur nimmt den Jeep und rast damit durchs Fenster des Händlers. Na ja. Und die bekanntere US-Version kam erst 2006 ins deutsche TV – da war ich schon viel bessere Serien mit Sex und queeren Figuren gewohnt, zum Beispiel „Six Feet Under“. Der Witz beim aktuellsten „Queer as Folk“ (2022) aber ist: Es ist genau wie „Six Feet Under“.

„Six Feet Under“, das war diese schwarze Komödie über ein Bestattungsinstitut.

Weil bei „Six Feet Under“ der Tod so präsent ist, denken alle Rollen oft aus dem Nichts: „Das Leben ist kurz. Ich lasse es krachen!“ Sie haben impulsiven Sex, nehmen wahllos Drogen… und so ist jetzt das neue „Queer as Folk“. Weil sie den Anschlag überlebten, geben sie jedem Impuls nach. Statt zu reden, wird betrogen – ich brauchte super-lange, um zu merken: Welche Taten soll ich witzig finden? Ist das queere Widerstandskraft, Resilienz? Soll ich mir Sorgen um die alle machen – weil: Niemand dort zeigt emotionale Intelligenz. Die Figuren sind Chaot*innen, super-messy. Leute kennen sich seit 10 oder seit 30 Jahren und haben sich die wichtigsten Sachen nie gesagt: Folge 1 dreht sich so beklemmend um dieses queerfeindliche Gemetzel. Dann kommt… „buntes, trotziges Chaos“, das mir Kopfweh macht. Und bald ist es nur noch Chaos, und gar nicht mehr witzig. Ab Folge 4 sah ichs gern. Doch am Ende, bei Folge 8, dachte ich: Oha – das mögen außer mir doch keine… vier Leute auf Welt: wie haltlos, wie trostlos da die Stimmung kippt.

Was lernt man dabei über queere, aktuelle Lebenswelten?

Folge 4 ist toll, weil es um selbstbestimmten Sex bei Behinderten geht und eine Sex-Party von und für Behinderte. Schade nur: eine (nicht-binäre) Person fährt Rollstuhl und denkt „Der Kerl, der mit mir flirtet, meint es nicht ernst. Ich bin ja behindert!“ Und dann gibt es noch einen Schwulen mit Halbseitenlähmung. Der denkt: „Der Kerl, der sagt, er liebt mich? Dem glaube ich nicht. Ich bin ja behindert!“ Also: zwei Behinderte, genau der selbe 08/15-Komplex. Ich finde alles hier viel provokanter und ambitionierter als z.B. das aktuelle deutsche Pendant, die ARD-Serie „All You Need“. Aber interessant, dass beides eine schwarze, schwule Hauptrolle hat, die Rassismus erfährt – aber zugleich aus einer reichen Familie kommt, und damit dann Intersektionalität erklärt: „Liebe Leute, einerseits bin ich doppelt marginalisiert: Ich bin Schwarz und Schwul. Andererseits habe ich durch Mamas Geld Privilegien.“

Also doch eine Empfehlung für die Serie?

Nein. Der Erfinder des Originals schuf letztes Jahr eine Serie über HIV in den 80ern – die ist ein Meisterwerk: „It’s a Sin“. Doch „Queer as Folk“ sagt jedes Mal: „Wir zeigen queeres Leben“ und stellt dann als Love Story zentral: „Wenn jetzt ein Schulkind dich halt WIRKLICH will, hat dieser 15- oder 17jährige schon auch ne Chance verdient? Auch, wenn du 30 bist fast!“ Im Original sagt Stuart, wie sexy es war, mit 12 zum Sportlehrer in die Dusche zu steigen und sich von diesem Lehrer anfassen zu lassen. Ich will keine Serie, die dauernd fragt: „Der Minderjährige und dieser 10, 15 Jahre ältere Mann: Wär das was? Sexy und selbstbestimmt! Der Jüngling will das auch SO sehr.“ Und darum mag ich gar keine Version von „Queer as Folk“ empfehlen.

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Peacock / Alyssa Moran

The Girl from Plainville (Kritik. CN: Suizid)

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Für Deutschlandfunk sah ich „The Girl from Plainville“ (2022)

Gespräch mit mir im Link (Audio, 6 Minuten)

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True-Crime-Serie „The Girl from Plainville“

Via SMS zum Suizid überredet

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Bekannte Kriminalfälle werden immer öfter als teure, halb-fiktive Drama-Serie noch einmal neu erzählt: Aus realen Opfern und Angeklagten werden Figuren, gespielt von Stars wie Renée Zellwegger und Colin Firth. Michelle Carter war bis 2020 in Haft, weil sie einen Online-Freund wochenlang zum Suizid drängte und während der Durchführung mit ihm telefonierte. Die achtteilige Serie „The Girl from Plainville“ stützt sich auf 60.000 Facebook-Nachrichten und SMS, die Carter und der Verstorbene, Conrad Roy III, von 2012 bis 2014 wechselten. Eine langsame, traurige Serie über Einsamkeit, Dazugehören und verdrängte Wut.

Plainville liegt bei Boston – und weil „Plain“ für „Ebene“ oder „Plateau“ stehen kann, doch auch für „schlicht“ und „schmucklos“, steht sofort in Frage, ob die Serie von Allerwelts-Menschen erzählen will oder von Ausnahmen und Extremen. Ob sich Michelle, Fan der Musical-Serie „Glee“, als All-American Girl sieht, als tragische Ausnahme-Figur oder als gewöhnliches Opfer von Einsamkeit und Mobbing. Und, mit wie viel Häme die acht Folgen in Traumsequenzen und Musical-Einlagen, bösen Tagträumen und sehr viel schmerzhaftem Erwachen Michelle immer wieder spiegeln wollen: „Rede dir nichts ein, Mädchen. Du bist traurig stinknormal.“

Im Februar 2012 besucht Michelles Familie eine Großmutter in Florida. Eine Bekannte dort wird selbst gerade vom Sohn und den Enkelkindern besucht: Michelle (15) und Conrad (16) fahren auf Leih-Fahrrädern an den Strand und tauschen Handynummern aus. Bald sieht Michelle in Conrad einen „Boyfriend“ und die große Liebe – doch obwohl sie nur ca. 40 Meilen voneinander entfernt leben, sehen sie sich in zwei Jahren höchstens vier, fünf Mal. In stillen, meist quälend leeren Szenen zeigt die Serie, wie Conrad einen ersten Suizidversuch macht, mit sozialen Ängsten kämpft und für Michelle, die eine Essstörung hat und selbst in Therapie geht, zur einzigen Bezugsperson wird. Eine zweite Zeitebene zeigt, wie Michelle nach Conrads Suizid aufblüht und im Mittelpunkt steht – bis Conrads geschiedene Mutter (gespielt von Chloë Sevigny) misstrauisch wird.

Conrad (Colton Ryan, 27) leidet zu sehr im Stillen und ist oft auch zu misogyn, um Michelle eine Stütze zu sein. Michelle (Elle Fanning, 24) verliebt sich in ein Mädchen aus ihrem Softball-Team, doch wird zurückgewiesen und kann auch in der Schule keine Freundschaft knüpfen. Erst, als sie sagt, dass ihre suizidale große Liebe Conrad verschwunden ist und vermisst wird, sind Klassenkameradinnen für sie da: Doch Conrad ist zu dieser Zeit noch am Leben – erst Tage später will er sich auf dem Parkplatz eines Supermarkts im Auto mit Kohlenmonoxid vergiften. Als er das Auto verlässt und Michelle anruft, drängt sie ihn, wieder einzusteigen.

„The Girl from Plainville“ inszeniert den Archetyp und das Klischee „weiße, reiche, normschöne, unglückliche US-Teenagerin“ nicht ohne den üblichen satirischen Überdruss: Michelle singt immer wieder Songs aus „Glee“, einmal auch als geschmacklosen Musical-Tagtraum. Ein anderer Traum zeigt, wie der Chor von Michelles wütender kleiner Schwester um Michelle kreist, ihr das Lied „Teenage Dirtbag“ widmet und entgegen-schmettert. Die Serie „Glee“ wollte ab 2009 selbst irgend eine feministische, wichtige Aussage treffen über gefallsüchtige, unsichere Mädchen – doch verlor sich in Häme und Satire: Eine der Hauptfiguren, Rachel Berry, tut alles, um im Rampenlicht zu stehen. Gespielt wird Rachel von Lea Michele: einer Schauspielerin, der man immer wieder Mobbing, Gefallsucht und Egozentrik vorwirft. Cory Monteith, der Partner der Schauspielerin, starb im Juli 2013 an einer Überdosis. In „Glee“ starb darum auch seine Rolle, Quarterback Finn.

In realen, nicht in der Serie enthaltenen Interviews weist Conrads Mutter darauf hin, dass Michelle Carter kurz vor dem Jahrestag des Todes von Cory Monteith immer drängender wurde: Monteith starb am 13. Juli 2013. Conrad starb am 13. Juli 2014, und immer wieder zitiert Michelle (im echten Leben und in der Serie) in Gesprächen, Chats und Facebook-Posts die trauernde Figur Rachel und die trauernde Schauspielerin Lea. So steht „The Girl from Plainville“ als vorläufiges Ende von zwei traurigen Ketten.

Kette 1 ist eine Verwertungskette: Ein Kriminalfall schlägt Wellen. Journalist*innen wie Jesse Barron im US-Magazin Esquire berichten darüber – und kommen darum auch in einer HBO-Dokumentation zu Wort: dem sehenswerten Zweiteiler „I love you, now die“. Jetzt ist Barron Produzent der Serie „The Girl from Plainville“ und baut süffisante, fiktive Traum-Szenen um reale Menschen.

Kette 2 besteht aus jenen gefallsüchtigen, unsicheren jungen Frauen, die in den USA halb empathisch, halb „kritisch“ vorgeführt werden. Zuerst die eitle Rachel, ein misslungenes Klischee aus „Glee“. Dann Lea Michele und Michelle Carter – vor allem in Boulevardzeitungen zerpflückt und beschimpft. Und jetzt die Serien-Figur Michelle – die auch wieder kaum Empathie weckt. Sondern das alte, frauenfeindliche Bild bestärkt: „Nervige Teenager-Mädchen nerven.“ So wird „The Girl from Plainville“ nach zwei, drei soliden Episoden schnell zur Serie, die gelangweilt wirkt von ihrer Hauptfigur. Eine übergriffige Serie über echte, allein gelassene Menschen, die niemandem hilft.

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„The Girl from Plainville“. 8 Episoden, je ca. 45 Minuten.

Alle Episoden ab 10. Juli 2022 auf Starzplay, dem Abo-Portal von Amazon Prime.

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Die Serie handelt vom Suizid eines 18jährigen.

„The Girl from Plainville“ fragt, ob man Leute zum Tod ermuntern und überreden kann. Und, ob das strafbar ist: Conrad und Michelle leben bei Boston, so… 40 Meilen auseinander. Beide haben Omas in Florida – Michelle lernt Conrad dort im Urlaub kennen 2012. Sie schreiben zwei Jahre SMS. Beide haben Angststörungen, nehmen Medikamente, und als Conrad sterben will, wird er von Michelle dazu… gedrängt, ermutigt, überredet.

Das Überreden findet vor allem in SMS statt. Obwohl die zwei so nah beieinander wohnen, sehen sie sich kaum.

Genau – Michelle ist 17, Michelle sagt „Das ist mein Boyfriend: Conrad ist DIE Liebe meines Lebens!“, 60.000 Nachrichten schicken sie in zwei Jahren. Die Serie hat also sehr viel reales Material, das wortwörtlich ins Drehbuch fließt. Und: Ich bin dankbar, dass man einen Fehler vermeidet: „The Girl from Plainville“ ist keine Satire und nicht technik-feindlich. Wer also denkt „Die Generation Z hängt nur am Handy – das kann doch keine Liebe sein, SMS sind keine echte Nähe…“ Nein. Die Serie sagt: Wer depressiv ist, der soll bitte reden, sich öffnen, MUSS um Hilfe fragen, nur so kann es besser werden. Es geht nicht groß-skandalisierend darum, wie leichtfertig Leute oft miteinander umgehen, wenn sie sich fast nur online kennen.

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Michelle Carter wurde schuldig gesprochen und saß im Gefängnis. Ist die Serie aus Perspektive der Täterin?

Ich finde, die Serie ist aus der Perspektive von Frauen. Ich würde nicht sagen: Das ist ein feministischer Blick. Doch Conrad bleibt recht fremd, weit weg. Es geht ein wenig um seine geschiedene Mutter. Im Zentrum aber ist wirklich: „das Girl“, Michelle, intensiv gespielt von Elle Fanning. Sie hat keine Freundinnen und sie benutzt Conrads Tod für Mitleid und für Likes. Sie hat eine Essstörung.

Die Serie beginnt recht stark. Dann wird jede Folge schlaffer. Ausgefranster. Aber ich verstehe, dass man nach fünf, sechs traurigen Stunden *vielleicht* auch Michelles Wut versteht, wenn sie täglich liest: „Du, ich will sterben. Sag das keinem weiter, Michelle: Sonst sind wir fertig!“ Da kommt am Ende keine große Wendung – nur diese depressive 17jährige, die immer wütender zurück schreibt „Ja, dann geh halt. Mach. Warum lebst du weiter? Du hast gesagt, du willst gehen.“

Vor Gericht stand Michelle aber, weil Conrad sich mit Abgasen im Auto töten wollte. Er stieg dann aus, rief Michelle an und sie sagte: „Steig zurück ins Auto.“

Es gibt auf eine gute HBO-Doku über den Fall: „I love you, now die“.

Doch brauchen wir dazu noch eine Drama-Serie, die alles halb-authentisch, melodramatisch, super-zäh nacherzählt? Mir macht das Angst: Dein Kind stirbt oder deine Schwester begeht ein Verbrechen… und du bist dann eine Figur in einer Serie von Disney oder von Apple? In den 90ern galten solche Filme als Schmuddel: der große TV-Roman, „based on a true story“.

Und: Die Serie „The Staircase“ zum Beispiel zeigt einen Familienvater – die Frau stirbt, die These ist: Er tötet sie, weil sie nicht will, dass er schwule Sex-Dates hat. Michelle Carter schreibt – im echten Leben – eine SMS: Ich bin wohl bisexuell, ich mag ein Mädchen. …und jetzt wird ein Publikum eingeladen, über reale bisexuelle Leute zu spekulieren: „Wir haben die Theorie: Du tötest deinen Hetero-Partner, und in dir brodeln Homo-Gelüste.“ Für mich als Kritiker wird das zugleich aber fast… unangreifbar, weil: Es ist ja alles irgendwie real so passiert.

Die Serie wird also den Tätern und den Opfern nicht gerecht – obwohl so viel Zeit ist?

Junge Frauen sind SO ein Feindbild, auch füreinander. Und: Wir brauchen Serien über die Gewalt und Abwertung, die man mit 17 erfährt. Aber: Michelle ist Fan der Serie „Glee“ – da gibt es Rachel. Rachel hat keine Freunde und will krankhaft ins Rampenlicht. Und weil der Boyfriend von Rachel stirbt wird Conrad ein Jahr später, auf den Tag genau, zum Suizid gedrängt: Weil Michelle diese Serien-Figur liebt und liebt, dass diese Figur einen toten Boyfriend hat.

Es ist so wichtig, in immer neuen Serien zu fragen: Wie werden Teenager-Mädchen überhöht? Und warum lernen sie trotzdem so schnell, sich selbst zu hassen? Doch „The Girl from Plainville“ ist als Serie so schlapp und von oben herab, dass einfach nur wieder neue Leute sich eingeladen fühlen werden, zu sagen: „Bäh, nervige Serien über nervige Mädchen… nerven halt.“ Wirklich: Echt lieber die Doku „I love you, now die“ sehen – als diesen… übergriffigen, spekulativen Kitsch.

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