Autor: stefanmesch

Writer. Book Critic. Journalist.

„Heartstopper“ [LGBTQ-Comic, Alice Oseman]

Am 18. Januar 2021 sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur über Alice Osemans Jugend-Comic „Heartstopper“:

Gespräch mit mir im Link: Audio, 6 Minuten

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Als Bonus im Blog: eine Kurz-Rezension – und meine Notizen zum Radio-Gespräch.

Ein schwules Traumpaar – für Frauen?
„Heartstopper“ ist der erfolgreichste queere Comic. Ein Erfolg für Schwule?

Als die Autorin Alice Oseman 16 war, boten Verlage sechsstellige Summen auf ihre Roman-Projekte. 2014 erschien das Jugendbuch „Solitaire“: Osemans Debüt mit 19. Drei weitere Romane und viele Novellen wurden Bestseller – doch der größte Erfolg der Britin ist ein Comic-Projekt, das sie seit fast sechs Jahren schreibt, zeichnet und gratis im Netz veröffentlicht: „Heartstopper“, die Liebesgeschichte zwischen den Schülern Nick und Charlie, ist der erfolgreichste und bekannteste Comic mit queeren Hauptfiguren weltweit.

Auf Englisch ist die Geschichte online zu lesen oder in bisher vier von fünf geplanten Sammelbänden. Weil 2021 auch eine Netflix-Serie produziert wurde, die bald erscheinen soll, liegt Band 1 jetzt in deutscher Übersetzung vor: „Heartstopper: Boy trifft Boy“. Ein softer, sehnsuchtsvoller, freundlicher Comic für Menschen ab 12, über die erste große Liebe und zunehmend auch die Frage, wie man in einer Partnerschaft respektvoll, gewaltfrei und stärkend miteinander spricht.

Die Hintergründe der Schwarzweiß-Zeichnungen sind oft lieblos rudimentär: Besonders Busse und Autos wirken hingeschludert, unfreiwillig komisch. Erst ab ca. Band 3 ist „Heartstopper“ zeichnerisch über Amateur-Niveau. Ob das Erzählte, die Figuren und der Plot gelungen sind, hängt von eigenen Präferenzen ab, von Vorurteilen und der Sozialisation:

Wer Romance-Romane und ihre Formeln und Strickmuster mag. Wer japanische Boys-Love-Mangas unterstützt, in denen Grenzen zwischen „Verliebtheit“ und Stalking verschwimmen. Wem Fan-Fiction mag, in der ein Schul-Sportler, den man für heterosexuell hält, die Hand des schwulen Außenseiters streift, ihn tröstet, ihm durchs Haar wuschelt, ihn vor Freude durch die Luft wirbelt und nach 280 Seiten sagt: „Ah, ich bin wohl bisexuell. Auch schön“. Pauschal: Wer Genres toleriert, in denen oft Autorinnen schwules Leben für ein vorwiegend weibliches Publikum stilisieren und verkürzen. Und wer versteht, hinter wie vielen Angriffen auf diese Genres trotzdem vor allem Sexismus und Frauenfeindlichkeit stehen:

Band 1 von „Heartstopper“ ist wie ein Kessel, in dem alte Klischees noch einmal lauwarm und wässrig blubbern. Charlie ist 14, nervös, scheu, still, und wurde vor einem Jahr unfreiwillig an der Schule als schwul geoutet. Nick ist 16, Rugbyspieler, treu und gutmütig wie ein Klischee-Hund. In Osemans Roman „Solitaire“ sind die zwei seit einem Jahr zusammen und spielen Nebenrollen. Der Comic „Heartstopper“ will auf ca. 1.500 Seiten das Vorjahr erzählen, im gemütlichen, herzerwärmenden Tonfall wohlig-kuscheliger „Cozy“- und „Cottagecore“-Romantik.

Ein recht ähnliches Jugendbuch über das Coming-Out eines soften und angepassten Schülers, „Love, Simon“ (2015, verfilmt 2018) stand vereinzelt in der Kritik, weil hier keine „Own Voices“-Stimme authentisch Literatur schöpfte aus der eigenen, gelebten Queerness, sondern – warf man Autorin Becky Albertalli vor – wohl eine Hetero-Autorin für ein Hetero-Publikum unpolitische Wohlfühl-Schwule in einem Wohlfühl-Tonfall inszenierte. Erst Jahre später sprach Albertalli darüber, dass sie beim Schreiben ihrer queeren Romane die eigene Queerness entdeckte.

Alice Oseman ist genderqueer: „Sie“ und „Autorin“ ist treffend, doch auch das englische Pronomen „they“. Osemans Roman „Loveless“ (im Februar 2022 auf Deutsch) über Georgia, die asexuell und aromantisch ist, hat autobiografische Momente. Auch Nebenfiguren in „Heartstopper“ sind queer, trans – und alle Gruppen- und Freundeskreis-Szenen machen überdeutlich, wie respektvoll und bemüht hier Vielfalt gefeiert, aber auch erklärt und didaktisch vermittelt werden soll.

Trotzdem bleibt eine Grundstimmung wie in z.B. Hanya Yanagiharas Kitsch- und Trauma-Bestseller „Ein wenig Leben“. Ein Buch, das platt herzensgute queere Männer ins unverdiente Unglück stieß. Charlie entschuldigt sich reflexhaft und zunehmend verzweifelt, und was sich in Band 3 von „Heartstopper“ noch liest wie ein Lern-Comic („Wie respektiert man die Grenzen eines scheuen, introvertierten Teenagers?“) wird bald konkreter, psychologischer: Alice Oseman erklärt Therapieformen und selbstverletzendes Verhalten, und will ein junges Publikum ermutigen, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen.

Das macht den Comic trotz der Klischees, Flachheiten und des schludrigen Starts zunehmend lesenswerter, dringlicher. Gesehen, empowert, gestärkt aber fühle ich mich als bisexueller Leser nicht: Ein Bubi wie ein scheues Kätzchen. Ein Sportler wie ein treuer Hund. Zwei queere Jugendliche, an denen politisch und weltanschaulich fast gar nichts queer, provokant oder wütend ist. „Heartstopper“ ist eine muffige Flickendecke, die mich nicht wärmt – und die ich mit 14 nur hätte fortstoßen und zerreißen wollen. Wie brav, wie weich darf etwas sein – bevor es automatisch reaktionär wird?

Alice Oseman: „Heartstopper. Band 1: Boy trifft Boy“

aus dem Englischen von Vanessa Walder

Loewe, 288 Seiten, 15 EUR.

Das „Heartstopper“-Paar ist ganz rechts. In der Mitte: die schwulen „Young Avengers“-Figuren Hulkling und Wiccan; links: Mikey aus „Disneys Große Pause“ und Supermans Sohn Jonathan Kent

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1) Nick und Charlie – das sind zwei Jugendliche auf einer Oberschule bei London.

Ja – das sind Allerwelts-Figuren; weiß, Mittelschicht, ganz freundliche, angepasste, normative Boys next Door. Auch ganz vereinfacht gezeichnet, in Schwarzweiß. Charlie ist 14 und Schlagzeuger. Vor einem Jahr hat er einem Kumpel anvertraut, dass er schwul ist – der Kumpel wiederholt das etwas zu laut auf dem Schulflur, und für ne Weile wird Charlie gemobbt. Nick ist 16, ein Rugby-Spieler, die zwei sind in der selben Lerngruppe, und weil Nick so gern Zeit mit Charlie verbringt, kapiert Nick: Auch gut – dann bin ich bisexuell. „Heartstopper“ zeigt dann auf 1200 Seiten bisher ein Jahr der Beziehung. Erzählt nach… allen klischeehaften 08/15-Regeln.

2) Das klingt jetzt nicht besonders.

Na ja: Geschichten über Liebe gibt es viele. Doch die Romanzen aus dem Genre „Romance“ – also: die kommerziellen Love Stories – haben oft klare Formeln. in „Heartstopper“ kommt GANZ viel zusammen, das immens erfolgreich, erprobt und erwartbar ist: wir haben zwei angepasste, freundliche Bubis. Charlie wie ein nervöses Kätzchen. Nick ist der Ruhepol – treu wie ein Golden Retriever. in ganz kurzen Kapiteln ist die Pointe, der Effekt IMMER, dass wir rufen: „Hach. Die zwei. Wie lieb die wieder sind!“ Spaziergänge, Herbstlaub, Kuschelpullis, Nick hat zwei putzige Hunde. ich denke an „Gilmore Girls“, Wohlfühl-Tage in der Provinz, „Cottagecore“ ist der Name dafür. das ist die Atmosphäre.

und der Aufbau, den kenne ich aus Fanfiction – dein Schwarm streift deinen Handrücken, und du zitterst dreieinhalb Kapitel vor Wonne. japanische „Boys love“-Mangas lieben das: Geschichten über Schul-Jungs, die zelebrieren, wie du vor Begehren zerfressen wirst, und DANN zelebrieren, wie sich dieses Begehren erfüllt. oft ist das schmierig. und obwohl das Strickmuster meist von Frauen ist und von Frauen gekauft und gehypt wird, finde ich es oft frauenfeindlich.

3) Frauenfeindlich, weil solche schwulen Geschichten auf Frauen verzichten?

So halb: Mit 14 oder 16 rauszufinden „Wie bin ich ein Mann, wie bin ich maskulin?“, das ist schwer – und wir BRAUCHEN mehr Kunst, in der Figuren damit hadern. doch ich glaube, „Weiblichkeit“ ist nochmal was, bei dem man VIEL schneller irritieren kann: es gibt KEINE Art, eine junge Frau zu sein – also: Weiblichkeit zu zeigen, zu leben, zu performen – bei der Leute nicht sagen: „Das ist eine Tussi.“ oder „Jetzt ist sie aber zu stark“ und dann gleich wieder „JETZT ist sie schwach. Stell dich nicht so an!“

männliche Normalo-Figuren in schwulen Liebesgeschichten, diese Allerwelts-Leute: DIE dürfen sich „anstellen“, 1000 Seiten lang, denn wir sind SO frauenfeindlich als Gesellschaft – mit diesen Jungs haben wir viel mehr Geduld. die nerven uns nicht so schnell. die dürfen auch weinen und klammern; und wenn die verletzt sind, werden sie oft bemuttert und fetischiert: schwule Bestseller-Romanzen sind zu oft wie ein Spielplatz, eine Projektionsfläche für Leute, die keine Frauen mögen. und darum war ich bei „Heartstopper“, auf diesen ersten 280 Seiten, Band 1, fast NUR wütend.

4) Alice Oseman ist kein schwuler Mann – ist das Ihr Problem oder Ihr Vorwurf an den Comic?

Alice Oseman ist genderqueer… und sie ist aromantisch und asexuell: im Februar kommt auf Deutsch ihr Roman „Loveless“, über Georgia, der Sex und Romantik nichts geben. ich sage niemanden: du, sind deine Hauptfiguren queer, dann musst DU auf genau die selbe Art und Weise authentisch queer sein, sonst glaube ich dir deine Geschichte nicht. aber: ich war nie groß von Armut betroffen: vielleicht kann ich ne Teenie-Liebesgeschichte über arme Figuren schreiben. an manchen Stellen sagen meine Figuren dann: „DAS passiert mir, weil ich arm bin“ und an anderen „HIER spielt mein Armsein keine Rolle“ – doch ich weiß: ich läge da SO OFT daneben. und Alice Oseman liegt, finde ich als bisexueller Mann – für mich grotesk daneben: Wut, Abgrenzung, die Politisierung queerer Leute? das Bewusstsein mit 12, 14, 16: „HIER gehöre ich nicht dazu – und was bedeutet das, diese gesellschaftliche Abwertung, für den Rest meines Lebens in dieser Gesellschaft?“ dazu hat „Heartstopper“ nichts, finde ich, zu sagen. außer halt: seid alle nett zueinander. jeder ist gleich viel wert.

5) Trotzdem sagen Sie, der Comic sei „pädagogisch“.

ja – weil nach diesem lustlosen, anfängerigem Band 1 wird der Fokus enger, seichter – aber: didaktischer. man lernt rücksichtsvolle Kommunikation. es wird ein plakativer – aber recht guter! – sehr schematischer Lern-Comic: Nick und Charlie müssen in vielen kurzen Kapiteln immer neu ausloten, WAS man jetzt am besten sagt. sie geben sich Raum. lassen sich Zeit. respektieren Grenzen. es geht um Einvernehmen, Nachfragen – und die Zeichnungen werden besser: so ab Band 3 finde ich, ist das ein professioneller Comic.

6) Wenn dieser Comic so seicht beginnt… woher kommt dann die Tiefe, später?

Ich verrate eine Wendung, Achtung: Charlie hat eine Essstörung und verletzt sich selbst – in Band 4 wird plakativ, aber hilfreich gezeigt: was ist eine stationäre Therapie? was kannst du tun, als Freund? was müssen Profis übernehmen? ich sage nicht: „Ah, es wird tiefgründig, denn der Schwule hat ein Trauma“ – ich finde, der Bestseller „Ein wenig Leben“ ist so: Kitsch und Trauma und leidende, perfekte Schwule. oft geht sowas ins Auge. am Comic ist toll, wie sehr er später auf simple, primitive Lern-Kapitel setzt: „Was hilft nervösen und verunsicherten Leuten?“ ich finde das lieb und wichtig. jeder ab 12 nimmt da was mit!

nur keiner sollte „Heartstopper“ kaufen und sagen: „Jetzt verstehe ich queere Teenager ein Stück besser.“ ich verstehe da nur besser, was man, wenn man VIEL Geld verdienen will, für Romantik- und für Schnulzen-Fans hinwerfen muss, damit diese Fans rufen: „Oh, meine allerliebsten kleinen harmlosen kostbaren Normalo-Mäuse-Jungs.“ und ich hoffe sehr, es gibt keinen einzigen queeren 14jährigen, der glaubt, DIESE Rolle erfüllen zu müssen, um Wertschätzung und Applaus zu kriegen. denn: wie bedrohlich findest du queere Menschen – wenn dir SO wichtig ist, zu loben und zu feiern, wie HARMLOS manche queere Menschen sein können? Kuck mal, wie lieb die sind. Kuck mal, wie gut die rein passen!

die Moral hier ist: „Schwule, die ALLES tun, um niemanden zu stören, die sollten echt: niemanden mehr stören.“ das macht mir keinen Mut.

2020/2021: LIEBLINGSSONGS / PERSÖNLICHER SOUNDTRACK (JAHR 24)

I started keeping a diary on October 26th, 1997. I was 14 and in 9th grade. I kept up until 2004, and every year, I made a ‚personal soundtrack‘ with songs that reflected last years‘ themes and storylines.

Here are 20 songs for ‚Season 24‘, October 2020 to October 2021.

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  • Ada Victoria – Nice Folks
  • Matt Berninger – One more Second
  • Mother Mother – Ghosting
  • Jensen McRae – Immune
  • Kristofer Aström – Another Love
  • Sunny War – Violent
  • William Fitzsimmons – Second Hand Smoke
  • Amy Speace – There used to be Horses here
  • Declan McKenna – In Blue
  • Leanne Betasamosake Simpson – Viscosity
  • Guru Randhawa – Aise na Chhodo
  • Minar Rhaman – Keno Dishehara
  • Umer Farooq & Moosa Saleem – Aaj Kal
  • Amandeep Singh – Uud Ja Kaale Kanwan (Unplugged Cover)
  • Borno Chakroborty – Bhalobasha Bhalobasha
  • Death Cab for Cutie – Flirted with you all my Life
  • Dar Williams – Little Town
  • Howie Day – Ghost (Live in Boston)
  • Greg Laswell – Royal Empress
  • Antje Duvekot – Anna

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Some of these songs are on Youtube. Let’s see how long it takes before they are taken down. Here are the videos: Watch them while the links still work!

Ada Victoria – Nice Folks

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Matt Berninger – One more Second

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Mother Mother – Ghosting

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Jensen McRae – Immune

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Kristofer Aström – Another Love

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Sunny War – Violent

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William Fitzsimmons – Second Hand Smoke

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Amy Speace – There used to be horses here

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Declan McKenna – In Blue

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Leanne Betasamosake Simpson – Viscosity

https://www.youtube.com/watch?v=0nI-m2Fl_s4

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Guru Randhawa – Aise na Chhodo

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Minar Rhaman – Keno Dishehara

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Umer Farooq & Moosa Saleem – Aaj Kal

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Amandeep Singh – Uud Ja Kaale Kanwan (Unplugged Cover)

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Borno Chakroborty – Bhalobasha Bhalobasha

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Death Cab for Cutie – Flirted with you all my Life

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Dar Williams – Little Town

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Howie Day – Ghost

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Greg Laswell – Royal Empress

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Antje Duvekot – Anna

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related Links:

Sitcom „The Drag and Us“, ZDFneo

ZDF / Walter Wehner

Am 31. August durfte ich bei Deutschlandfunk Kultur über eine neue Sitcom/Comedyserie in der ZDF-Mediathek sprechen:

Gespräch mit mir: 6 Minuten (Audio, Link)

Zusammenfassung des Gesprächs (Text nicht von mir, Link)

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Frausein als Taktik

Die ZDF-Sitcom „The Drag and Us“ findet Gender lästig

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Franziska leitet einen Schlossereibetrieb und zieht allein zwei Söhne groß: Freddy ist noch Kind und hat einen Online-Kanal für möglichst brutale Video-Streiche. Nikki ist fast erwachsen, will statt zur Klassenfahrt heimlich in ein Wellness-Hotel, und als ihm nicht gelingt, Franziska 300 Euro abzuluchsen, vermietet er sein Zimmer unter – an Christian, der sein Geld mit Auftritten als Drag Queen „Catherine“ verdient. Acht kurze Folge zeigt die ZDFneo-Comedy von u.a. Tom Gerhardt („Hausmeister Krause“, „Ballermann 6“), wie die pragmatische Mutter an einem unreifen, selbstverliebten und aggressiven schwulen Mann verzweifelt, der wahllos Perücken trägt, „sie“ genannt werden will – und sich in ihrem Leben einnistet: eine Drag Queen, die, so der Pressetext, „nicht so ganz zwischen der Bühne und dem echten Leben unterscheiden kann.“

Drag ist nicht ganz das selbe wie Travestie – bei der sich Leute „im Fummel“ als Show und Performance als beliebige Geschlechter, oft als prominente Diva oder Ikone, verkleiden. Drag Queens dagegen haben einen festen Namen (hier eben: Catherine), sind weibliche Kunstfiguren – und laden mit überspitzten Aussagen und sarkastischen Statements ein, Geschlechterrollen und Sexismus zu hinterfragen. „The Drag“, „die Drag“ wie hier in der Serie hörte ich noch nie jemanden sagen (es heißt „the Queens“), und wo Christian endet, Catherine beginnt, wirkt völlig undurchdacht, beliebig (und zu oft: transfeindlich). Figuren sagen „er, sie, es“ und „die Transe“, und als Franziskas Exmann mit Catherine schlafen will (bis er die Hoden sieht!), freuen sich die Söhne über peinliches Videomaterial und überlegen, ob Papa weiß, „dass SIE ein ER ist.“ Christian ist nicht trans, sondern performt nur eine Frauenfigur – doch so lange auch trans Menschen mit den selben Sätzen entwertet und als Täuschung, Trick, falsche Behauptung diffamiert werden sollen, ist solche „Comedy“ ein Schlag ins Gesicht.

TV über Drag-Performances holpert fast immer: RuPauls Netflix-Dramedy „AJ and the Queen“ wirkte zweitklassig. Im deutschen Format „The Diva in me“ sollten Drag Queens gestresste Alltagsmenschen (und Boulevard-Promis wie Claudia Obert) zu mehr Mode und Ego ermuntern. Der ProSieben-Drag-Wettbewerb „Queen of Drags“ setzte auf Heidi Klum und Bill Kaulitz. Auch beim international wichtigsten Drag-Format, „RuPauls Drag Race“, sind die Debatten, Essays und Grundsatzfragen drumherum oft wichtiger, progressiver als die Sendung selbst: Es gibt trans Frauen, die Drag machen. Es gibt nichtbinäre Drag-Figuren und nichtbinäre Menschen, die Drag Queens oder Drag Kings darstellen. Bei „Drag Race UK“ darf 2021 zum ersten Mal eine Frau, die nicht trans ist, als Drag Queen antreten: Victoria Scone.

Solche Fragen sind dem bieder erzählten, bieder inszenierten ZDF-Klamauk egal: Christian/Catherine hat nichts Tieferes zu sagen über Geschlecht als Performance, über Queerfeindlichkeit und über die große Hoffnung vieler Menschen, dass Weiblichkeit, Mann-Sein, Geschlecht endlich nichts mehr sind, das irgendwer von außen, institutionell, über eine anderen Menschen pfropfen und bestimmen darf: nur noch man selbst, für sich. Weil „The Drag and Us“ Familie und Kinder zeigt und so simpel, geradlinig gefilmt ist wie viele Kinder-Sitcoms auf z.B. Nickelodeon und dem Disney-Channel, weckt Folge 1 die Hoffnung: Hier können Acht- bis Zwölfjährige viel über Gender lernen. So, wie im echten Leben Drag Queens oft in Kindergärten und Bibliotheken Vorlese-Stunden halten – auch, um Kinder bei Kleidung, Schmuck und Stil zu eigenen Wegen zu ermutigen.

„The Drag and Us“ denkt Catherine, ihr Selbst und ihre Positionierung in einer meist queer- und frauenfeindlichen Welt nicht durch. Nicht einmal über Franziska, die als „burschikos“ beschrieben wird und sich an Catherine interessant reiben könnte, haben die acht Folgen viel zu sagen: Die Drag Queen ist wie ALF. Ein Fremder, der sich in einem Haushalt eingenistet hat, kaum Rücksicht nehmen kann/will und alles läppisch durcheinander bringt. Im Pressetext klagt die Autorin Gabriele M. Walther, dass Kollege Tom Gerhardt im fünften Stock wohnt und eine Drag Queen ihn bat, ihren Koffer nach oben zu tragen. „Ich habe meine schwere Tasche wieder allein hochgetragen“, erklärt sich Walther, „und dachte mir: Irgendwas mache ich falsch. Diese Begegnung hat mich nachhaltig beschäftigt.“

Nach dieser Logik zeigt „The Drag and Us“ gehässige, freudlose, gierige Figuren, die um ein Bett, ein Zimmer, schnellen Sex oder ums Prellen der Zeche streiten und jeden billigen Trick nutzen. „Ich bin eine Frau“ ist der billige Trick, den Christian nutzt: Geschlecht als Vorwand, um sich Extrawürste zu sichern, und queere Menschen als Eindringling, Last, Stolperstein (und bunter Schoßhund). Ein trostloses, un-witziges Tauziehen – etwa, wenn „Catherine“ dem Hausmeister sagt, sie sei eine Lady und kann darum auf keinen Fall die Mülltrennung einhalten: Schmutz sei zu schlecht für ihre Maniküre! Was solche Plots genderqueeren Leuten antun, trans Frauen und eigentlich allen, die gern mal ihre Fingernägel machen? Ist das ignorant – oder schon bewusst reaktionär?

„The Drag and Us“

eine Serie von Martin Duffy, Gabriele M. Walther und Tom Gerhardt

Regie: Franziska Meyer Price

8 Folgen, je ca. 25 Minuten

ab 31. August wöchentlich auf ZDFneo und in der ZDF-Mediathek

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großteils vernichtende Kritken auch bei:

queer.de (Patrick Heidmann)

DWDL.de (Timo Niemeier)

TV Digital

TV Wunschliste (Gregor Löcher)

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ZDF / Anton Volkert

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meine Notizen zum Gespräch:

Der Produzent Tom Gerhardt hatte in den 90ern eine Serie namens „Hausmeister Krause“ – und das hier hat den selben Ton; fühlt sich an wie fast 30 Jahre alt. Es gibt Gelächter vom Band. Simple Kulissen. Figuren, mit GANZ dickem Pinsel gemalt.

Das ist erstmal nicht schlimm – es gibt noch heute viele Kinder-Sitcoms (auf z.B. dem Disney Channel), die genau so aussehen und erzählen. Deshalb dachte ich in Folge 1: Das ist schlicht, simpel – vielleicht richtig gut für neun- oder zehnjährige Kinder. In dem Alter sah ich ja auch „ALF“.

Und ALF liegt hier echt nahe… weil auch hier eine fremde und „exotische“, exotisierte Figur einen ordentlichen Haushalt und eine Familie stört. Im echten Leben gibt es viele Drag Queens, die z.B. in Kindergärten oder Bibliotheken vorlesen – weil diese Künstler*innen, diese Kunstfiguren Kindern Mut machen wollen: Probiert euch mit Mode aus. Schaut, was zu euch passt. Traut euch! Deshalb hier anfangs meine… Euphorie:

Vielleicht ist das gut für Kinder!

Klingt, als wäre die Euphorie dann schnell verflogen…

Ja. Es ist krass transfeindlich.

Und das muss man erstmal hinkriegen – bei einer Serie, in der gar keine trans Figuren vorkommen:

Drag Queens – das sind Leute, die auf Bühnen, als Kunst/oder zum Geldverdienen im Club feminine Kunstfiguren darstellen (wie „Travestie“ – nur, dass eine Drag Queen immer den selben Namen hat, und Travestie oft mehr so ist: Heute bin ich als Madonna unterwegs, morgen spiele ich wen Neues.)

Gar nichts damit zu tun haben erstmal Crossdresser: Das sind Leute, die – aus allen möglichen Gründen – gern Kleidung tragen, die nicht ihrem Geschlecht entspricht („Transvestit“ ist da nicht mehr das gängige Wort).

Und trans Leute (und oft: Intersex-Leute) haben nicht das Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde („Transgender“).

All diese – oft sehr verschiedenen! – Gruppen werden oft entwertet und angegriffen in exakt der selben Sprache – und wenn eine ZDF-Serie wörtlich sagt:

– ich sage jetzt das transfeindliche Wort –

 „Tr*nse“

schmeißt sie das zusammen und trifft sie das ALLE. 

Was ist das denn genau für ne Hauptfigur, dieser Christian, bzw. Catherine?

Christian ist – anders als alle realen Drag Queens, von denen ich je hörte – nicht: Christian der schwule Mann, der aus dem Haus geht und eine Performance macht.

sondern „die Drag“, die einfach daheim oder zum Feiern usw. fast immer „im Fummel“ ist, mit „sie“ angesprochen wird und mit allen Männern flirtet. Wenn dann in der Serie ein Mann drauf einsteigt, lachen die anderen Figuren und sagen „Ha, ob unser Papa überhaupt weiß, dass SIE ein ER ist?“, und dann merkt der Papa aber: „Uff, die Catherine hat ja Hoden. Oh, da wurde ich fast böse verarscht!“

…und das ist einfach DAS typische transfeindliche Szenario:

Der Vorwurf, trans Frauen „verkleiden“ sich als Frau, um Männer zu täuschen, oder sich in Frauenhäuser, Schutzräume zu schmuggeln – und Catherine/Christian tut das als… Fetisch? Trick? Egoismus? Spaß? Man weiß es nicht.

Doch es ist ein SEHR kalter Blick auf eine SEHR rücksichtslose Figur.

Was ist denn das Anliegen hier? Was für ne Idee steckt hinter dieser Geschichte?

Die Folgen sind alle wie ein Schwank, eine Farce, eine Posse. Also: ulkige Verwechslungen. Alle verarschen sich.

Das ZDF selbst sagt dazu: Das ist „eine Drag Queen, die nicht so ganz zwischen der Bühne und dem echten Leben unterscheiden kann.“

Eine Autorin der Serie, Gabriele Walther, sah eine Drag Queen – mit einem Koffer im Flur. Tom Gerhardt trug den Koffer dann hoch in den fünften Stock.

Die Autorin sagt, sie dachte sich: Was mache ich als Frau falsch – dass DIE das getragen kriegt, ich nicht. Das ist das Weltbild dieser Serie: Theatrale queere Menschen schaffen es, dass die Mehrheitsgesellschaft ihnen Extrawürste bietet und auf sie eingeht.

Sie tun das aus Gier, Faulheit, Geltungssucht – weil sie nie erwachsen wurden und „nicht ganz unterscheiden können“.

Dabei gibt es ja mittlerweile schon einige Formate, oder? Die da bisschen genauer hinschauen und Drag eben als Kultur und Kunstform erzählen.

Ich höre Drag Queens am liebsten direkt zu, auf ihren Kanälen – schreibt z.B. Bambi Mercury einen Text, lerne da immer was.

Den wichtigsten Drag-Wettbewerb, „RuPauls Drag Race“, kann man auf TVNow kucken. ProSieben hatte nen deutschen Abklatsch, „Queen of Drags“ mit Heidi Klum – da haben alle zurecht gefragt: Warum moderiert das keine Drag Queen?

1994 gabs im Ersten eine Serie über zwei Männer, die ein Restaurant führen und ein Paar sind, „Durchgehend warme Küche“. Kam Nachmittags, sah ich mit 10, war keine große Kunst – aber eben: normal. Und so weit waren öffentlich-rechtliche Sender schon mal.

„The Drag and Us“ ist nicht in jeder Szene: unterste Schublade. Doch auf jeden Fall: unterste Schublade dafür, was ich vom ZDF erwarte.

ZDF / Walther Wehner

Till Lukat: „Kondensstreifen im Kopf“ (Coming-of-Age-Comic)

Am 23. August 2021 durfte ich bei Deutschlandfunk Kultur Till Lukats Comic „Kondenssteifen im Kopf“ vorstellen:

Gespräch mit mir: 5 Minuten, Audio (Link)

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Hulk Hogan klaut mir meine Freundin!

Till Lukats süß-bitterer Erinnerungs-Comic „Kondensstreifen im Kopf“

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Peter fällt mehrmals durch die Fahrprüfung. Zuletzt, weil er für einen Waschbären bremst, der auf die Fahrspur tapst. Der Fahrlehrer und die Prüferin wollen nichts gesehen haben: Sind Waschbären nicht nachtaktiv? Aus Wut schlägt Peter die Türscheibe eines Wohnblocks ein. „Kondensstreifen im Kopf“ ist das Gefühl, dass jede Tat und jeder Erklärungsversuch die Lage oft nur schlimmer machen. Achtzehn zu sein, doch noch fast nichts am eigenen Leben ändern zu können, ist schwer.

Autor und Zeichner/Illustrator Till Lukat studierte in Berlin und lebt auf einem Boot in Bristol. Er hat, wie seine Figur Peter, rotblondes langes Haar und war 2008, im Handlungsjahr des Comics, selbst um die 18. Auf Instagram und einer sehenswerten Website zeigt Lukat viele oft farbenfrohe, schwungvolle Kurz-Comics und Arbeitsproben. „Kondensstreifen im Kopf“ dagegen startet zerquält. Und, optisch: überraschend hässlich!

Der Fahrlehrer – manchmal fast Mentor, fast Verbündeter – blickt auf fast jedem Bild, als säße er gerade auf dem Klo und presst. Peters Mutter wirkt humorlos, streng, redet ins Leere, und Peters Vater bezahlt das Aktmodell Frau Machiewsky – für erfolglose abstrakte Gemälde? Oder doch nur, um sie fotografieren und anstarren zu dürfen? Kiana, Peters Klassenkameradin, nutzt einen Rollstuhl – und ihr Gesicht, während sie den Flugzeugen beim Abheben zusieht, scheint zu sagen: „Warum lebe ich in einer freudlosen Stadt? Und… in einem freudlosen, tristen Comic?!“

Durch den ruppigen Zeichenstil, Lukats Mut zur Hässlichkeit, ist lange nicht klar, ob „Kondensstreifen im Kopf“ sich über Teenager-Pleiten und Unbeholfenheit lustig machen will. Ob alles auf eine große Katastrophe zusteuert. Oder, ob hier wärmer, psychologisch erzählt wird – Empathie für gehemmte, frustrierte Pennäler im Jahr 2008, bei denen sogar die Sex-Tagträume so schief laufen, dass plötzlich Wrestler Hulk Hogan auftaucht, die Freundin fesselt und prahlt: „Du bist mir direkt in die Falle getappt!“ 

„Kondensstreifen im Kopf“ zeigt bekannte Stimmungen, Milieus und Archetypen in bekannten (und eben: hässlichen!) Bildern – und hält den Ball recht flach. Lukats Blick- oder „Kameraführung“ von Panel zu Panel ist elegant und klug, doch die Gesichter, Fratzen erinnern an 90er-Satiren wie „Beavis & Butt-Head“ oder „King of the Hill“, und aus blassen Jungs, die seitenlang tatenlos in Autos sitzen, holten zuletzt z.B. Martin Panchauds Comic-Groteske „Die Farbe der Dinge“ oder Joff Winterharts grandiose Comic-Dramedy „Driving Short Distances“ viel mehr heraus: „Kondensstreifen im Kopf“ versucht, genau wie Hauptfigur Peter selbst, keine großen, ambitionierten Würfe.

Ein großes Plus aber hat Lukats Comic im Vergleich: Mit 14, 16, vielleicht 18 noch hätte mich die überraschend menschliche, fein austarierte Geschichte – ganz ohne schnelle Lösungen, falsche Nostalgie oder Knalleffekte – lange beschäftigt: „Kondensstreifen im Kopf“ nimmt introvertierte Figuren und die Zwickmühlen, in die sie sich drucksen und hineinstammeln, wunderbar ernst. So hämisch die Gesichter der Figuren auch gezeichnet sind: Lukats hat keinen hämischen Blick. Sondern, zeigt sich gegen Ende der kurzen Geschichte, vor allem Wärme und Empathie. Gern mehr von diesen kleinen, großen Momenten!

Till Lukat: „Kondensstreifen im Kopf“
avant-verlag, Berlin
August 2021
152 Seiten, 25 Euro

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meine Notizen vor der Sendung:

Peter ist 18, geht noch zur Schule – und fällt immer wieder durch die Fahrprüfung. Zum Beispiel, weil ein Waschbär auf die Straße huscht – und Peter eine Vollbremsung macht. Doch Waschbären sind nachtaktiv – also denken alle, Peter sucht nur eine Ausrede.

Von solchem Alltags- und Coming-of-Age-Frust handelt „Kondensstreifen im Kopf“ – der erste längere Comic von Autor Till Lukat.

„Kondensstreifen im Kopf“ – das klingt wie „Honig im Kopf“, der Film über Alzheimer. Hat Peter ein besonderes psychologisches oder neurologisches Problem?

Nein – „Kondensstreifen im Kopf“ ist eine Alltagsgeschichte, schnell weg-gelesen. Es geht drum, eine Stimmung festzuhalten – die, glaube ich, auch jeder in dem Alter gut kennt: Soll man sich erklären? Soll man laut werden? Soll man dem Mädchen, mit dem man knutscht, durch die halbe Stadt hinterherrennen und rufen „Hey – gehst du mir grade aus dem Weg?“ Peter Hartmann hat längeres Haar, wie ein etwas ranziger Vorhang. Schlechte Haltung. Er kriegt den Mund nicht auf – und sagt er doch mal was, wird alles immer nur schlimmer. Also liegt er daheim rum, raucht, trinkt Eistee aus dem Tetra-Pak und kuckt Wrestling-Sendungen. Außerdem gibts einen Flughafen in seiner Stadt, und zusammen mit einer Schulkameradin, Kiana, schaut er gern wehmütig den Fliegern nach.

Was sticht hervor – die Zeichnungen oder die Erzählung?

Ich fand die Zeichnungen erstmal superhässlich: schwarzweiß mit rötlichen Schattierungen, Häuser und Tristesse in einem klaren, doch ziemlich langweiligen 08/15-Stil – und mittendrin Figuren, ganz oft mit verkniffenen Gesichtern, oder nem Mund, der sich beim Schimpfen oder Knutschen oder… beim Fressen, muss man sagen, besonders hässlich verzieht: ich denke an Figuren wie Beavis & Butt-Head manchmal, „King of the Hill“, diese… „dreckigen“ 90er-Jahre-Grunge-Fratzen. Der Comic spielt 2008 – doch könnte auch zehn Jahre vorher spielen, vielleicht 20 sogar: eine muffige, enge Welt, erzählt in sehr konventionellen Bildern. Till Lukat hat eine tolle Website mit vielen Arbeitsproben, einen Instagram-Kanal, er *kann* auch viel freundlicher, bunter, illustrativer. „Kondensstreifen im Kopf“, das SOLL so hässlich und beklemmend sein, und was er drauf hat – beim Erzählen in Bildern – sehe ich im Comic an der Bildführung, den „Kamerafahrten“ von Bild zu Bild: das ist schon sehr gekonnt. Nur halt: trist. Bewusst trist!

Ist das für Jugendliche heute – oder doch vor allem für nostalgische Jungs, die 2008 schon 18 waren?

Till Lukat war, glaube ich, 2008 selbst um die 18, und hat ne ganz ähnliche Frisur wie sein Held. Doch so „old school“ und gestrig ich die Figuren und den Ton und die Bilder erstmal finde – als Erwachsener oder mit einer Nostalgie-Brille kann ich dem Comic gar nicht so viel abgewinnen: Man kennt solchen Blick auf solche Figuren (z.B. aus dem 90er-Film „Willkommen im Tollhaus): Das ist kein innovativer Comic. Doch mit 14, 16 kommt einem Peter, glaube ich, sehr nah. Weil dieser Comic halt doch, unter all seiner Gestrigkeit, was Neues macht: Sehr genau eigentlich immer wieder die genau selbe Situation erzählen.

Die Situation: Die Figur ist passiv, und nichts geht voran?

Ich finde hier präzise und packend, wie schnell man versteht: Wenn Peter jetzt was MACHT, sich erklärt, laut wird, handelt… wirds vielleicht nur schlimmer. Und wenn er nichts tut… vielleicht auch. Ich glaube, viele Coming-of-Age-Geschichten zeigen dieses Problem: „Soll ich mich öffnen, soll ich was sagen, soll ich lauter werden? Oder ziehe ich mich raus, muss ich mich schützen?“ …doch sie haben oft eine klare Seite: „Sag was, sonst geht alles kaputt“ oder „Du hast dich überschätzt, und jetzt bricht alles zusammen“… und… ich las „Kondensstreifen im Kopf“ in der Erwartung, dass es auf eine große Befreiung hinausläuft… oder auf irgend eine läppische, tragikomische Katastrophe. Beides wäre typisch, und typisch seicht: Peters gesammelte Katastrophen. Doch am Ende – ich verrate keine Details – war ich einfach sehr glücklich, wie ernst der Comic die… Unlösbarkeit solcher Pubertätsprobleme nimmt. Die Figuren sehen aus wie Witzfiguren – doch sie sinds nicht. Mit 14 hätte ich es geliebt.

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