Queer Eye Germany: Staffel 1, Kritik

Auf Deutschlandfunk durfte ich Staffel 1 von „Queer Eye Germany“ vorstellen.

Gespräch mit mir: Link (Audio, 6 Minuten)

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Lebenshilfe bei „Queer Eye Germany“:

Zu fröhlich für Deutschland

Ein US-Erfolgsrezept, eins zu eins nach Deutschland kopiert und in Hagen, Kiel und an der Nordsee neu und lokal nachgespielt: „Queer Eye Germany“ startet mit fünf Folgen auf Netflix und kann in 190 Ländern gesehen werden. Passt das Format nach Deutschland? Und ist diese deutsche Variante für internationale Fans von Wellness, Selbsthilfe und Life-Coaching spannend?

Die Ur-Version von „Queer Eye“ lief 2003 bis 2007 im US-Spartensender Bravo, der seit 1980 Kunst- und Kulturformate zeigte, doch durch den „Queer Eye“-Erfolg zur Marke für schwule Männer und eitles, bissiges Reality-TV wie „Real Housewives“ wurde. Bis 2005 hieß das Format „Queer Eye for the Straight Guy“ und zeigte fünf queere Experten als sarkastische, gepflegte und kultivierte Elite-Helferlein, die überforderten Hetero-Männern Stil-Tipps gaben und gern auch Schmutz im Badezimmer oder Spermaflecken im Bettlaken kommentierten. Ein wegweisendes, doch gestriges und stereotypes Format.

Seit 2018 will eine erfolgreiche Neuauflage auf Netflix viel softer und herziger erzählen: In bisher 52 Folgen sollen Stilfragen um Deko, Mode und Kosmetik immer auch als maximal entscheidend fürs innere Wohl verstanden werden. Ein Haarschnitt ist Selbstverwirklichung. Triste Tapeten bedrücken das ganze Leben. Wer zweifelt, dem Alltag gewachsen zu sein, schuldet sich selbst auch ordentliche Schuhe und eine Handtasche! Verstörend wird „Queer Eye“, weil Trauma, Leid und Tränen komplett überforderter Alltags-„Heroes“ oft fast hämisch gekontert und attackiert werden – von fünf jubelnden, strahlenden, theatral-ironisch selbstbewussten Lifestyle-Stars, aggressiv fröhlich, aggressiv gerührt, aggressiv wertschätzend, aggressiv (Klischee-)amerikanisch.

Und das jetzt nochmal auf Deutsch nach-gestrickt, mit deutschen Coaches, doch im selben US-Ton? Tatsächlich funktioniert fast alles an der deutschen Variante: Erzähltempo, Bilder, Humor und ehrlich rührende Lektionen und Selbsterkenntnisse heben „Queer Eye Germany“ weit über „Frauentausch“ oder „Shopping Queen“. Besonders David Jakobs (Haar und Beauty) und Leni Bolt (Life Coaching), die beiden nicht-binären Expert*innen im Fünfer-Team, haben Charisma und viel zu sagen. Folge 1, über den nervösen Friedhofsangestellten und alleinerziehenden Vater Björn, ist so nervös wie Björn selbst: Helfen fünf demonstrativ extrovertierte Stimmen, ihre dauernden „Group Hugs“, ihr Jubeln und Anfeuern, das oft völlig übertriebene Cheerleading, Gerührtsein, Zugewandtheit einem schüchternen Mann, der vor Kameras gern immer leiser, kleiner wird?

Bäcker Nils (22) wohnt noch bei den Eltern und ist Fußball-Jugendtrainer: Soll er ausziehen und sich als schwul outen, auch im Verein? Marleen (18) verlor Eltern und alle Geschwister durch einen seltenen Gen-Defekt. Sie hat ein Spenderherz und in vielen Wortwechseln sichtbar mehr Wissen und Erfahrung als die fünf Coaches, die sie u.a. ermutigen, Makeup zu nutzen ohne Angst, automatisch „girly“ zu wirken. Viele Alltagstipps sind kurzweilig und haben Mehrwert: Ayan Yuruk renoviert und will ein Vorbild für queere Menschen of Color sein. Aljosha Muttardi ist Arzt und Experte für vegane Ernährung. „Fünf queere Personen, die so, wie sie sich hier kleiden und geben, auf deutschen Straßen jederzeit mit Hass und Gewalt rechnen müssen, verbreiten Wohlwollen statt Bitterkeit“, lobt Peter Weissenburger in der taz. Hilfe, Tiefgang, Expertise, konkrete Tipps sind alle immer grade: gut genug. Alles könnte deutlich tiefer sein. Doch „Queer Eye Germany“ als „oberflächlich“ anzugreifen, wäre hämisch: Fast alles passt.

Nur eins passt überhaupt nicht: Die Munterkeit und lautstarke Lebensfreude, das quirlige, tausendmal strahlendere Mitfühlen, Mitfreuen, Mitleiden, Mitfiebern fünf deutschsprachiger Leute, die tun, als sei das ihr persönliches, alltägliches Naturell – und nicht ein Gestus, der US-Ausgabe nachgepaust. Wir fahren Auto, wir erkunden fremde Wohnungen, wir tanzen und jubeln in kurzen Einspielern, wir sitzen in „unserem“ Loft und feiern jede Video-Botschaft und jeden Fortschritt „unserer“ Schützlinge: In jeder Gruppenszene der „Fab Five“ müht sich besonders Jan-Henrik Scheper-Stuke, der dandyhafte Mode-Experte, einen gelösten und euphorischen Ton zu treffen… der schon im US-Vorbild oft nicht authentisch wirkte, sondern verbissen, verzweifelt und wie eine Performance im Kapitalismus. Als sei die Kamera eine Waffe, die droht: „Für Netflix reichen nur die freudigsten, eifrigsten queeren Menschen!“

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, sitzt im Netflix-Vorstand. Der Comedian Dave Chappelle dreht immer wieder Comedy-Specials für Netflix, in denen er klagt, dass trans Menschen und übertriebenes Pochen auf queere Sichtbarkeit der Comedy und der freien Gesellschaft schaden. Nach einem großen Chappelle-Special im Oktober 2021 fühlten sich queere Netflx-Angestellte vom Unternehmen und der Unternehmenskultur so allein gelassen, dass sie streikten. Einige der wichtigsten queeren Stimmen kündigten. Im Februar 2022 versprach Netflix vier weitere große Chappelle-Auftritte. Auch darum wäre ein deutsches Netflix-Format, in dem queere Expert*innen zeigen, wie man sich gegen Hass und Gewalt wehrt, überfällig. Queere Wut ist keine „Bitterkeit“. Queere Wut braucht viel mehr Platz – auch in Wohlfühl-Formaten einer Plattform, die aktuell kein Vertrauen queerer Menschen verdient.

Queer Eye Germany. Staffel 1: fünf Episoden, je ca. 50 Minuten.

ab 9. März 2022 auf Netflix

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Lässt sich das Format gut von USA nach Deutschland übertragen und funktioniert es ähnlich?

ja – der deutsche Trailer sah noch ein wenig… billig aus und graustichig. doch die fünf Folgen haben den selben Look, das Tempo, den Tonfall wie das US-Vorbild. das Vorbild ist beliebt, weil es so fröhlich ist, mitreißend, weil es SO viele rührende Momente gibt statt der gehässigen Reality-TV-Stimmung von z.B. „Frauentausch“. „Queer Eye“ gab es auch 2003 bis 2007 schon mal in den USA – da war es oberflächlicher. doch 2018 hatte Netflix eben Riesen-Erfolg, indem gezeigt wurde: Schau mal, wie sich diese fünf queeren Expert*innen wertschätzen und feiern und mögen. DU selber darfst dich auch mögen. und: wir ALLE sollten bitte queere Leute mögen – die sind nämlich gutgelaunt und frech angezogen. Das deutsche Team sagt: „Wir bringen Farbe ins Leben. Wie der Regenbogen!“

Die Kandidat*innen sind „Heroes“. 2003 waren es allerdings nur männliche.  Wird der Regenbogen in den Alltag inzwischen diverser überbracht?

die beste US-Folge, die ich sah, zeigt zwei schwarze Schwestern mit nem Barbecue-Imbiss… und als Deutscher lernte ich da viel über Alltagskultur und soziale Unsicherheiten in den USA. DIESES Fremde fehlt in der deutschen Variante etwas: es geht um einen Friedhofsgärtner und alleinerziehenden Vater, der immer kichert und sich wenig zutraut. oder um nen schwulen Fußball-Jugendtrainer, der sich outen will und bei den Eltern ausziehen mit 22. Die Folge „Ein Tag am Meer“ fand ich bisher am besten: da geht es um Marleen, deren ganze Familie an einem Gendefekt gestorben. Marleen ist 18… und… ich hätte eigentlich lieber IHR zugehört, wie sie über Trauma und über Loslassen spricht. als zu hören, wie Marleen erklärt kriegt, welches Makeup zu ihr passt.

Schafft es die deutsche Queer Eye-Version denn, würdig damit umuzugehen?

so halb: mindestens eine Person ist in Therapie und einfach: klinisch depressiv. es ist ein wertschätzendes und schwungvolles Wohlfühl-Format, das ECHT mitreißt. es sieht hochwertig aus, und ich fand es nie oberflächlich. das Fünfer-Team überzeugt mich: David und Leni sind nichtbinär und am charismatischsten. aber bei Jan-Henrik, das ist der Mode-Schnösel, schaudere ich noch ein wenig: der wirkt wie so ein Dandy vor 10 Jahren und… in meinem Bekanntenkreis ruft DIESE queere Rolle, diese Dandy-Selbstinszenierung oft plötzlich die kältesten, unsolidarischsten Dinge. so: der schwule, rechte Gentleman. aber so ne Figur zu sehen, wie sie jetzt dauernd mit den anderen jubelt, aufs Bett hüpft, alle umarmen sich, finden ALLES toll, sehen IMMER Hoffnung und eine Lösung… das wirkt noch EINS ZU EINS aus dem Amerikanischen nach-gespielt und rüber-kopiert, das ist noch SO eine Performance: einem Jan-Henrik glaube ich diese Herzlichkeit noch nicht. und es ist halt auch noch keine spürbar sichtbar *queere* Sendung. 

Was absurd klingt. Haben wir nicht die ganze Zeit über queere Expert*innen gesprochen?

ich finde, NOCH sind das aus Amerika rüber-kopierte,starre und eher unpersönliche Figuren oder Rollen. so: kindlich, happy, harmlose Jubelnde. In Filmen waren Schwarze Figuren oft so: hilfreiche Randfiguren, manchmal können die zaubern, und sie zaubern das Leben der Hauptfiguren schöner. Queerness hat für mich aber VIEL mehr mit Widerstand zu tun, mit Neinsagen, Weggehen, mit Sich-Entziehen, Protest, mit Normen sprengen, auch schmerzhafte Alternativen sichtbar machen, STÖRENDE, radikale, neue Ideen. aber eine Sendung, in der die queeren Leute kaum was von SICH erzählen, und immer ausstrahlen: Es geht bergauf, wir schaffen das – da ist die Aussage über alle Leute, die es eben NICHT schaffen in der Gesellschaft halt oft: Tja, die haben sich eben nicht genug Mühe gegeben und sich nicht zu helfen gewusst.

Das heißt: Das Format ist viel unpolitischer, als es sein sollte?

die Lektion hier ist meist sowas wie: Iss gesünder und geh zum Friseur, das schuldest du dir selbst. doch wenn ich das stundenlang höre, denke ich zu sehr: „tja. ich bin auch selbst Schuld, wenn mich was überfordert: ich sollte erstmal zum Friseur, bevor ich wütend sein darf über Systeme und Verhältnisse.“ die „Lösung“ bei „Queer Eye“ klingt zu oft wie „Du kochst jetzt erstmal ordentlich, du pflegst dich, und wenn diese Self-Care ordnungsgemäß abgearbeitet ist, DANN darfst du wütend sein über Hass oder Queerfeindlichkeit.“ bei charismatischen queeren Leuten wie Leni oder David aber will ich Davids Ängste hören und Lenis KÄMPFE  – die Haarpflege-Tipps von David, da denke ich: „Wieso darf David nur in DIESER Rolle groß auf Netflix?“ warum geht dem Mainstream das Herz auf, wenn die queeren Leute tanzen, lachen, helfen und jubeln? ich will, dass queere Menschen sich WEHREN.

weil: ICH will besser lernen, wie man sich wehrt. nicht, wie man sich eincremt.

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„Marleen ist ein hübsches Mädchen mit einer top Figur, einer tollen Personality und ist ein ganz starker Mensch. und das, das kann sie auch zeigen.“ – Jan-Henrik (uff!)