Vincent Ross in „Polizeiruf 110“ – queer, nichtbinär, Ermittler*in?

Bild: rbb/Aki Pfeiffer

Am 31. Januar sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur über eine neue Figur bei „Polizeiruf 110“, Vincent Ross.

Gespräch mit mir, 6 Minuten (Audio, Link)

Zusammenfassung des Gesprächs (Link)

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Hier im Blog, als Bonus: meine Notizen zum Gespräch.

Vincent Ross ist Kommissar-Anwärter – und eine neue Figur im Brandenburger „Polizeiruf 110“.

Vincent macht Yoga, er will sein Psychologie-Studium noch beenden, und Vincent wirkt (Stichwort: queer-coding) queer: Er trägt einen Rock und schminkt sich die Augen.

Der erste „Polizeiruf“ mit Vincent Ross lief am 30. Januar 2022 im Ersten – „Hildes Erbe“ heißt die Folge: bis Ende Juli ist sie gratis in der Mediathek zu sehen.

Was erzählt die neue Figur über Geschlechterrollen – und Queerness?

1) Ermittelt wird in Frankfurt an der Oder und in Polen, in Slubice. In zwölf Folgen seit 2015 ist die Hauptfigur dort Adam Raczek – ein Pole, Motorradfahrer, geschieden, Mitte 40 und aktuell tablettensüchtig.

…und jetzt kommt sein neuer Kollege Vincent: circa zehn Jahre jünger, schlank… und vom Typ her, finde ich, wie Lotti – der nervöse, sensible schwule Friseur aus der „Lindenstraße“: Vincent zieht in eine Wohnung, und direkt am ersten Tag wird der Mieter im Stockwerk über ihm erschlagen, mit einer Porzellanfigur.

diese Folge, „Hildes Erbe“, ist kein Meilenstein: viel Ermittlungs-Blabla nach Schema F, die Auflösung fand ich drittklassig. aber: es ist sommerlich und heiter, und ein wenig schrullig, es hat viel Schwung und Tempo, und ich fand alle Figuren deutlich besser gespielt als geschrieben: alle sind charismatisch.

2) Und Vincent Ross – ist der ein Meilenstein?

ich freue mich über Vincent: der Schauspieler heißt Adam Kaczmarczyk, kommt aus Thüringen und ist queer – und Kaczmarczyk sagt, als das Drehbuch geschrieben wurde, durfte er mitreden über die Ausrichtung der neuen Figur.

mein Problem – oder meine Überraschung – ist: was ist denn „queer“ an der Figur?

irgendein Pressetext sagt, Vincent sei „genderfluid“ und „nichtbinär“, und die TV Today schreibt ganz… vielversprechend: „

„Mit dem genderfluiden Ermittler, der wie selbstverständlich zwischen den Geschlechtern wechselt.“

aber, jetzt langsam: dass jemand einen Rock trägt, dass jemand Kajal trägt, heißt für mich nicht: „oh, hier ist jemand queer! hier ist jemand trans!“. wir können Geschlecht nicht erkennen – weder an einem Körper und an dem, was wir bisher „Geschlechtsmerkmale“ nannten. noch an der Mode. wir können jede Person nur fragen:

„soll ich „er“ zu dir sagen? soll ich „sie“ zu dir sagen? sag mir, wer du bist.“

und bisher ist Vincent einfach: ein Kommissar, der sich mit „Herr“ und „Mann“ anreden lässt – und halt nen Rock trägt manchmal.

wir wissen noch nicht, wie Vincents Gender funktioniert. und – Achtung, das hat mit Gender jetzt auch erstmal nichts zu tun – wir wissen auch noch nicht, auf welche Geschlechter Vincent steht: keine Ahnung, ob das ein schwuler Mann ist. er sieht nur bisher so aus, wie sich TV-Serien oft schwule, etwas feminine Männer stereotyp vorstellen.

was mit dem Rest ist, das zeigt dann irgendwann die nächste Folge, hoffentlich.

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3) „Stereotyp“ klingt nicht gut.

ich finde Vincent witzig, charismatisch, zugewandt, beherzt… das ist eine Figur, die ich gern sehe, auch toll gespielt. und: solche Sichtbarkeit ist wichtig – ich finde nur erstmal dürftig, dass wir jetzt nach 90 Minuten nicht wissen oder sagen können, was „queer“ an Vincent ist.

mein Problem ist, dass auch der Darsteller sagt: klar – Vincent wurde halt als Kontrastfigur zu diesem alten Adam-Macho entwickelt: „Adam Raczek ist nämlich der Oberbulle, der mit seiner sehr mannhaften Art durch die Welt läuft und auch die zarten Pflanzen niedertrampelt.“

Adam fährt zu schnell. also fährt Vincent übervorsichtig. Adam passt nicht auf sich auf. Vincent redet über Achtsamkeit und sagt mitten im Dienst: „Stopp – wir zwei müssen jetzt erstmal Atemübungen machen!“

4) Wie war das Feedback auf die Figur?

die Kritiken sind erstmal gut – doch ich hasse, wie überall ein rechter Kampfbegriff umhergeworfen wird, nämlich „Woke“, aufgewacht, bewusst geworden – das, was Rechte früher auch „Gutmenschentum“ nannten.

2016 war klar, dass ein schwuler Tatort-Kommissar beim Sex gern unten liegt. ich fand das wichtig: Mark Waschke spielt diesen Ermittler, den Helden, und der ist nicht: der Top. der Aktive. es gibt in der queeren Welt so viel „Bottom Shame“ und so viel toxische Männlichkeit, ein Bekannter meinte mal: „Ach, Bottoms: du erkennst bei Profilen auf queeren Dating-Seiten, ob jemand passiv ist, wenn er lächelt. ein echter Top lächelt auf seinem Profilfoto nicht!“

da könnte ich schreien.

und darum will ich sehen, wie solche Ermittler Sex haben, was sie unter „Stärke“ verstehen und „Durchsetzung“, queere Sexualdynamik ist superwichtig – auch in einem Sonntags-Krimi, 20.15 Uhr in der ARD.

doch was Vincent im Lauf seiner Zeit als feste Figur erzählen wird über queere Männlichkeiten – das wissen wir noch nicht: in einer Rangelei setzt Vincent sich körperlich durch. in einer anderen Szene wird er von Adam gewürgt und bleibt stumm, hilflos und „victimized“.

er lässt eine Verdächtige bei sich schlafen, hält ihr Händchen, kümmert sich stereotyp um alle – und ich denke da an queere Soap-Figuren wie Easy aus „Unter Uns“ und Olli aus „Verbotene Liebe“: supernette, loyale, sensible Männer. nur sagen die Darsteller, die das jahrelang spielen, oft: „ich selbst bin nicht so nett wie dieser Olli. mir ist der ZU lieb.“

Vincent ist bisher auf diesem Weg.

5) Und die Folge findet noch aufregend oder kontrovers, uns zu zeigen, dass Vincent sagt „Der Täter oder die TäterIN“, dass er sehr achtsam ist…?

Vincent ist bisher so, wie… die freche Feministin in einem Krimi 1994.

oder eine rassifizierte Figur geschrieben von jemandem, der nur den Blick, die Perspektive von außen auf solche Figuren vemritteln kann oder will.

Vincent ist bisher so, wie „man“ sich stereotyp „woke“ Figuren grade vorstellt.

kann ja auch sein, dass aktuell in jeder ARD-Serie so eine Position auftaucht, weil das eben ein Thema der Zeit ist: in der Nonnen-Serie „Um Himmels Willen“ geht dann mal um „Cancel Culture“ usw.

das reicht mir aber nicht:

queere Leute, marginalisierte Leute sind oft aufmerksam, und bewusst zugewandt.

ich finde gut, wie Vincent das zeigt.

aber: wir queeren Menschen KÄMPFEN eben auch. und positonieren uns!

selbst ein Rock oder Kajal IST eine Positionierung…

und Vincent, der lieb und nett allen helfen will… das ist nicht, was in meinem queeren Freundeskreis interessant ist. sondern: wie hält man durch?

was sind die Abwehr-Strategien? die Resilienz?

wie KÄMPFT ein Vincent, und wem sagt Vincent: „gegen Leute wie euch, gegen eure Ansichten und eure Weltbilder, gegen euch kämpfe ich.“

und diesen Kampf will ich sehen. bisher kam er nicht vor.