Lesbische Literatur: „Anne Lister“ & „Zeitreisen. 4 Frauen. 2 Jahrhunderte. Ein Weg“ [Angela Steidele]

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Angela Steidele:

Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg.

Matthes & Seitz; 269 Seiten; 24 Euro.

Angela Steidele schreibt Sachbücher und Romane über queere Lebenswege zu Zeiten, als Worte wie „lesbisch“, „genderqueer“, „schwul“ fehlten. Fürs großartige „Anne Lister: Eine erotische Biografie“ (2017) durchkämmte sie die verschlüsselten Tagebücher einer adligen Britin, die bis zu ihrem Tod mit 49 versuchte, reiche Gefährtinnen finanziell und sexuell an sich zu binden. Ann Walker, Listers reiche Partnerin ab 1832, blieb bloßer Kompromiss: Im Tagebuch lästert Lister über die nervöse, scheue Bettgenossin.

Zu einer Zeit, als höchstens Forschungsreisende den Kaukasus erkundeten, wollte Lister via Kutsche und Pferdeschlitten bis in den Iran – ohne, Ann Walker einzuweihen. Die psychologischen, finanziellen und sexuellen Scharmützel, die Steidele im Vorgängerbuch „Anne Lister“ zeigte, faszinieren. Nichts aber war im Vorgängerbuch langweiliger als Listers neurotische „Wie viele Meilen schaffen wir pro Tag?“-Konflikte mit Kutschern und Wanderführern. Das wärmt Steidele jetzt ein Jahr später, in „Zeitreisen“, noch pedantischer auf?

Ja. Mit Gewinn! Denn Steidele und ihre Ehefrau Susette reisen die Route von Anne und Ann fast 180 Jahre später nach – als bissige, politische, witzige Kritikerinnen. So interessant Steideles Sujets oft per se sind: die Bücher sind vor allem interessant, weil Steidele interessante Fragen findet. Zu Warteschlangen in St. Petersburg 2016 oder Schlamm auf der georgischen Heerstraße, 1839.

Ein doppelter Reisebericht, der zeigt, wie komplex alles Fremde wird – sobald man nachbohrt. Anne Lister starb 1940 in den Wäldern Georgiens. Alles und nichts an ihrem Leben ist prosaisch, hochdramatisch, vielsagend, nebensächlich. Hochinteressant!

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„Die 1791 im englischen Halifax geborenen Landadlige Anne Lister war gebildet, emanzipiert, eine homoerotisch Liebende, eine furchtlose Reisende und hinterließ 24 ordentlich gebundene Tagebuchhefte und Journale, teils in einer Geheimschrift verfasst.  […] Steidele fügt den Liebesgeschichten Beschreibungen damaliger Lebensumstände und Bedingungen an und erklärt mit unübersehbarer Freude die überlebensnotwendige Kombination von Liebe und Geld. Unverheiratete Frauen mussten Überlebensstrategien finden, auch wenn sie berechnend waren. Geschickt zu erben, oder vermögende Liebhaberinnen wie Ann Walker zu gewinnen, war ein Ersatzberuf.

[…] Steidele kombiniert geschickt Tagebücher und Briefe mit eigenen Mutmaßungen und Nachforschungen. Es entsteht das umfassende Bild einer Gesellschaft zu Beginn der industriellen Revolution. Die draufgängerische und neugierige Lister war an Kampfgeist und Mut jedem Gentleman überlegen. Ein Buch über eine wilde, liebes- und bildungshungrige Frau und vehemente Abenteuerin, deren Leben im Alter von 49 Jahren im Georgischen Kutaisi auf dem Weg zum Schwarzen Meer endete“, schreibt Verena Auffermann bei Deutschlandfunk Kultur über das Vorgängerbuch: „Anne Lister. Eine erotische Biografie“

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Steidele, geboren 1968 in Bruchsal, lebt in Köln und ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation: „Als wenn Du mein Geliebter wärest. Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850“ [2003] Seitdem erscheinen Sachbücher und ein Roman:

2004 „In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“ – die Biografie der vermutlich europaweit letzten Frau, die wegen der so genannten »Unzucht mit einer anderen Frau« hingerichtet wurde.

2015 ein Briefroman über den selben Stoff – verschränkt mit der Lebensgeschichte von Ludwig dem II.: „Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II“

schon 2011 „Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“.

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Ich habe Angela Steidele 2016 interviewt, im Rahmen des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“

Im Juni 2018 moderierte ich Lesung und Gespräch zu „Anne Lister“ beim Frankfurter Literaturfestival LiteraTurm.

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„In meinem Werk arbeite ich daran, frauenliebenden Frauen der europäischen Neuzeit ihre Stimme zurückzugeben und ihre Geschichte bekannt zu machen.

[…] Eine besondere Spielart der Gewalt gegen Lesben war ca. 200 Jahre lang die Behauptung, dass es uns gar nicht gibt. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war in den deutschsprachigen Ländern Sex zwischen Frauen ebenso mit dem Tod zu bestrafen wie der zwischen Männern. Ausgerechnet mit der Aufklärung konnten sich die männlichen Philosophen, Juristen usw. unter Sex zwischen Frauen nur noch lächerliche »unzüchtige Spielereien« vorstellen. Sie hoben die Strafen für lesbischen Sex ab 1800 auf, weil es ihn ihrer Meinung nach gar nicht gibt.

Frauenliebende Frauen verschwanden in die Nicht-Existenz und tauchten in den Romanen des späten 19. und Filmen des frühen 20. Jahrhunderts allenfalls als Geister, Vampire – eben als Nichtwesen – auf. Die frühe Lesbenforschung ab den 1970er Jahren wiederholte die Negierung der lesbischen Sexualität, indem sie das kuriose Phantasma der »romantischen Frauenfreundschaft« konstruierte, die vor 1900 dezidiert kein sexuelles Begehren gekannt haben soll.

[…] Selbstverständlich hat es, seitdem es Menschen gibt, immer auch Frauen gegeben, die die Geliebte mit Haut und Haaren begehrten. Gleich die erste Stimme überhaupt, die in der Dichtung »Ich« sagte, Sappho, spricht davon.“ Angela Steidele auf 114.de

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„Anne Lister ist eine sehr ambivalente Gestalt. Sie versuchte eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung in Halifax zu bekommen, als ob sie ein Mann gewesen wäre. Sie ließ sich von ihrem Geschlecht nicht stören. Das kann man durchaus als unfreiwillig feministisch betrachten. Sie selbst stand der Frauenemanzipation allerdings eher skeptisch gegenüber und fand, dass nur Ausnahmefrauen wie sie zum Beispiel das Wahlrecht haben sollten.

Sie hat sich eigentlich in allen Bereichen ihres Lebens verhalten wie ein männliches Scheusal. Sie war in Liebesdingen ein Wüstling, ein Schuft. In Geschäftsdingen ein harter Hund. In der Politik ein schrecklicher, reaktionärer Tory. Als Mann würden wir sie heute unerträglich empfinden. Als Frau wird sie für uns wahnsinnig interessant, weil sie sich eben nicht daran gehalten hat, was sie als Frau darf oder nicht: Sie hat wirklich exzessiv ausprobiert, wie weit sie gehen kann.

Was mich wunderte: Dass die Eltern, die Verwandten, die Lehrer und die Umgebung, dass offenbar tolerierte. Woran lag das – dass jemand wie Lister ihre lesbischen Neigungen im frühen 19. Jahrhundert derart freizügig ausleben konnte?

Weil ein Mädchen mit einem Mädchen in einem Bett keine Sorge auslöste. Sexualität fand in diesen Jahrzehnten, in diesen Jahrhunderten nur statt, wenn mindestens ein Penis involviert war. […] Weibliche Sexualität wurde so nihiliert, dass zwei Mädchen und zwei Frauen in einem geteilten Bett überhaupt nicht störten. Es gibt in Anne Listers Lebensjahren 1819 einen bemerkenswerten Gerichtsprozess über zwei schottische Lehrerinnen, die der Unzucht miteinander angeklagt waren, die nach zehn Jahren Prozessdauer vom House of Lords höchstrichterlich freigesprochen wurden. Die Richter befanden, dass einfach nichts dabei ist, wenn zwei Frauen „nach den üblichen Gewohnheiten dieses Landes ein Bett miteinander teilen.“

[…] Lister befand selbst, dass ihr Herz so groß sei, dass da viele Lieben nebeneinander Platz haben, ohne sich gegenseitig zu inkommodieren. Ich musste bei der Recherche ihres Liebeslebens ein – ich formuliere es mal so – „Sextagebuch“ führen, um überhaupt auseinanderhalten zu können, mit wem sie gerade wann zugange war. Beziehungsweise: Wie vielen Frauen sie gleichzeitig die ewige Liebe schwor. Das war teilweise so verwickelt, dass ich mir wirklich Jahr für Jahr oder Monat für Monat darüber klar werden musste, wer eigentlich gerade als Geliebte aktuell war bei ihr. Und ein Verdacht, warum sie so ausführlich Tagebuch geführt hat, war bei mir auch immer: Weil sie selber verschriftlichen musste, welchen Grad der Wahrheit sie welcher Geliebten eigentlich gerade zugemutet hatte, um ihre verschiedenen Fassungen der Wahrheit auseinander halten zu können.

Sie verstand es meisterhaft, jeder ihrer Geliebten das Gefühl zu geben: Du, nur du allein, bist für mich der wichtigste Mensch! […] Viele ihrer Geliebten haben später geheiratet und führten dann ein Leben, das wir heute als heterosexuell bezeichnen würden. Anne Lister liebte die Pose der Verliebten. Aber die eigentliche große Liebe ihres Lebens ist sie selbst. Und man kann ihr Tagebuch auch als einen unendlichen Liebesbrief an sich selbst verstehen. Das haben auch ihre Geliebten verstanden: Ausnahmslos alle waren auf dieses Tagebuch eifersüchtig.

Im Tagebuch hat sie ihre zahlreichen Affären mit anderen Frauen in einer pornografischen Deutlichkeit beschrieben, die einer gefühlten Pfarrerstochter wie mir die Ohren heiß werden lassen.“ Angela Steidele im Gespräch mit Gisa Funck, Deutschlandfunk.de

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Ludwig II von Bayern und Anastasius Rosenstengel haben, was die Lebensdaten und die Geographie angeht, auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Wie sind sie auf die Idee gekommen, diese beiden Geschichten zu verbinden?

Als ich die Biographie Catharina Lincks alias Anastasius Rosenstengel schrieb, wollte ich auch wissen, wer eigentlich dieser F. C. Müller war, der 1891 Teile ihres Gerichtsprozesses veröffentlichte. Als ich herausgefunden hatte, dass er die Leiche des abgesetzten Ludwigs II. aus dem Starnberger See [gezogen hatte], war die Idee zu diesem Roman geboren. Müller verbindet zwei historische Persönlichkeiten, die ihr Leben als Bühne betrachtet haben. Catharina Linck erschuf sich selbst als Mann, als Prophet, als Soldat, als Handwerker und nicht zuletzt als Liebhaber „schöner Weibesmenschen“. Ludwig II. erfand sich als Schwanenritter, Theaterkönig und Bauherr phantastischer Schlösser nicht weniger radikal als Linck. Durch ihr Leben stellen beide die Annahme in Frage, man könne zwischen wahr und erfunden unterscheiden. […] Zu Wort kommen ausschließlich historische Persönlichkeiten, deren Briefe von mir teils erfunden, teils aus Tausenden Originalzitaten zusammengesetzt wurden. Diese Briefe geben sich als Quellen aus, sind jedoch nie so geschrieben worden, und erzählen doch über weite Strecken authentische Geschichte.

Dass Ludwig II zusammen mit dem Arzt Prof. Gudden tot im Starnberger See aufgefunden wurde, ist sicher, wie es dazu kam, jedoch nicht. In Ihrem Buch liefern Sie am Ende mehrere mögliche Erklärungen. Welche halten Sie persönlich für die wahrscheinlichste?

Die Wahrheit interessiert mich weniger als der Mythos. Mir geht es um die Untrennbarkeit von Fakten und Fiktionen und daher endet der Roman mit gleich vier Varianten zu Ludwigs Tod. Und alle vier könnten wahr sein.“

[Angela Steidele im Gespräch mit Birgit Borloni, Histo-Couch.de

„Ich schreibe, wie andere Leute ins Büro gehen: früh, regelmäßig, von montags bis freitags, in einem stetigen Strom des Nachdenkens. Höhepunkte sind Reisen auf den Spuren meiner Heldinnen und Helden.“

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wichtig: Das hier ist kein „echter“ Blogpost, sondern

a) meine Kurzvorstellung von „Zeitreisen“, die ich ursprünglich für diesen Spiegel-Online-Artikel schrieb, doch die entfiel, als die Redaktion sich auf elf Titel statt zwölf beschränkte.

b) die „Oha: DAS ist interessant!“-Textstellen, die ich mir in einem .doc speicherte, als ich im Juni 2018 meine Moderation vorbereitete und alles las, was ich online über Angela Steidele finden konnte. Ich habe noch nie derart lange Textstellen auf meinem Blog collagiert: Histo-Couch? Deutschlandfunk? Falls das hier zu… kannibalistisch ist, entferne ich die langen Zitate wieder.

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