Rassismus, Klischees und „Die Simpsons“: Hari Kondabolus Doku „The Problem with Apu“

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Am Dienstag, den 12. Dezember 2017, ab 14.30 Uhr spreche ich bei Deutschlandfunk Kultur über…

  • Apu Nahasapeemapetilon aus den „Simpsons“
  • die Doku „The Problem with Apu“ von Hari Kondabolu

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„Seeing an Indian character in a lead role [in 1988] had a powerful effect on me, but it was only as I got older that I realized what an anomaly it was. I rarely saw any Indians on TV or film, except for brief appearances as a cabdriver or a convenience store worker literally servicing white characters who were off to more interesting adventures. […]

Even though I’ve sold out Madison Square Garden as a standup comedian and have appeared in several films and a TV series, when my phone rings, the roles I’m offered are often defined by ethnicity and often require accents.“

Aziz Ansari in der New York Times, 2015 – über Fisher Stevens‘ Brownface-Rolle in „Nummer 5 gibt nicht auf“

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„Die Simpsons“ laufen seit 1989.

Nebenfigur Apu Nahasapeemapetilon [mehr zur Figur bei TV Tropes: Link], geboren in Indien, doch ab Staffel 7 US-Bürger, ist Franchise-Nehmer eines Quick-E-Marts (…und, in neueren Episoden, via arrangierter Ehe mit einer Inderin verheiratet und Vater von Achtlingen).

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wichtige Apu-Episoden:

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In LA (und den USA allgemein) werden 7-11-Stores meist von Indern geführt. Indische 7-11-Verkäufer sind ein altes Erzähl-Klischee. Wer schon in fünf Filmen, Serien Inder*innen am Verkaufstresen stehen sah, sollte für sich als Autor*in den Anspruch haben, beim Schreiben der sechsten Figur zu überlegen: Was mache ich anders? Vielschichtiger, überraschender, nuanciert? Will ich wirklich nur das Klischee reproduzieren?

Apu wird von einem Weißen synchronisiert, Hank Azaria.

Apus Rolle war nicht als Inder angelegt: Azaria improvisierte einen indischen Akzent, als er „Storekeeper“ im Drehbuch las. Die Produzenten sagten daraufhin: „How offensive can you make the accent?“ Hari Kondabolu sagt, Azaria spreche so übertrieben und stereotyp, dass er nicht klingt wie ein Weißer, der den Akzent von Kondabolus Vater imitiert, sondern wie ein Weißer, der einen Weißen imitiert, der Kondabolus Vater imitiert.

Dass ein Weißer eine Figur of Color synchronisiert, ist für Expert*innen wie [in Kondabolus Film zitiert] Whoopi Goldberg ein Minstrel-Klischee. Hollywood reproduziert und verstärkt hier Vorurteile, Stereotype. Eine schlechte Imitation durch einen Weißen scheint bequemer und „witziger“, als Rollen mit Menschen of Color zu besetzen. Blackface und Whitewashing sind bis heute in vielen Filmen Normalität:

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„Es geht um Repräsentation. Es geht darum, dass wir kaum Menschen auf der Bühne, auf Bildern oder im Film zu sehen, die nicht weiß sind, und dass diese Figuren dann auch als echte Menschen dargestellt werden, die Abenteuer erleben und nicht nur Stichwortgeber oder Freaks sind. Am besten spielt ihre Hautfarbe oder Herkunft dabei keine Rolle. So sind die Figuren nicht stereotyp und man kann z.B. Schwarze Menschen auf der Leinwand sehen, die nicht nur über ihre Rassismuserfahrungen definiert werden oder gar mit rassistischen Klischees dargestellt werden. Solche Figuren sind selten. Auch in der Kinderliteratur. Das bedeutet, dass Schwarze Kinder sich niemals „selbst“ sehen. Sie lernen, dass es weiße Kinder sind, die Abenteuer erleben, die Träume haben, die einfach handelnde Personen sind. Sie selbst sind weniger wert. Und weiße Kinder sehen das genauso. Diese Bilder und Geschichten schreiben sich ein. Das gilt nicht nur für Kinderfilme. Es lässt sich auch aufs Erwachsenenkino übertragen. Und es gilt nicht nur für „race“, sondern auch für Gender.

Wenn Schwarze Kinder lernen sollen, dass sie ein vollwertiger Teil dieser Gesellschaft sind, dann müssen sie sich repräsentiert sehen. Wenn weiße Kinder lernen sollen, dass es auch Schwarze Deutsche gibt, dann müssen sie auch in den Geschichten vorkommen, die sie lesen oder sich anschauen (dann kommen sie auch als Erwachsene nicht auf die Idee, zu ihrer Schwarzen Nachbarin zu sagen: „Und? Wo kommst du wirklich her?“). Mangel an Repräsentation festigt Rassismus.“

…kommentiert Theatermacherin und Kulturwissenschaftlerin Simone Dede Ayivi zur Repräsentation Schwarzer Figuren in Deutschland.

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Hari Kondabolu, geboren 1982, machte ein Filmessay / einen 50-Minuten-Film, in dem er indische Freund*innen und Schauspieler*innen, seine Eltern, Ex-Simpsons-Autor Dana Gould, Whoopi Goldberg etc. interviewt und mit ihnen darüber spricht, ob die Figur Apu Schaden anrichtet. Für wen? Warum?

Der Film läuft auf dem Portal des Kabelsenders TruTV, ist aber in Deutschland nur als illegaler Stream zu sehen.

Es gibt bereits deutschsprachige Artikel zum Thema – oft aber mit törichten Sätzen wie „Viele Fans wollen sich den vertrauten Verkäufermeister nicht nehmen lassen.“

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Das Problem mit Apu ist:

…dass es 1989 noch weniger indischstämmige Figuren im US-TV gab. (Übersicht 2015, Link: Es wird nur langsam besser.)

…dass indischstämmige US-Kinder seit 28 Jahren dauernd „Thank you, come again“ hören müssen, Apus (nur achtmal benutzte) Catch-Phrase in der Serie.

…dass 2007, zum Start des „Simpsons“-Kinofilms, echte 7/11-Stores in Kwik-E-Marts verwandelt wurden: The 7/11 company rebranded a number of stores as Kwik E Marts and made Indian workers wear shirts with Apu nametags to promote The Simpsons Movie: Accepting our portrayal of Apu is nothing less of accepting the images portrayed years ago in the US of black people with very black faces, big lips and white teeth… that image is considered racist so [is] Apu to me. [Link]

…dass Synchronsprecher Hank Azaria nicht am Film teilnehmen wollte (Dana Gould: „It’s not in his self-interest“) und nach dem Film defensiv antwortete („I’m sorry that my performance was hurtful or offensive.“) Kondabolu, auf Twitter: „Apu doesn’t “offend” me, he “insults” me… and my community. I’m an adult with bigger things to deal with. My film was meant to tell you to go fuck yourself & discuss why I want you to go fuck yourself & how we can prevent future incidents of people wishing others “self-fuckery.”“

…dass die Figur Apu zwar recht vernünftig ist [„Only Sane Man“], doch sonst nur Klischees bestätigt und nicht besonders wächst. Apus Neffe Jamshed / Jay beschimpft Apu in einer Episode von 2016 als Klischee. Eine typische Antwort auf solche Einwände: „Die Simpsons“ sind eine Parodie. Jeder wird als Klischee gezeigt. Für mich greift das Argument schlecht, weil…

a) EIN fauler Homer nicht gleich das kollektive Bild von Familienvätern prägt. Weil es im TV Hunderte differenziert gezeigter weißer Familienväter gibt. EIN Apu aber oft die einzige indischstämmige Figur ist, die wir regelmäßig sehen und halbwegs kennen lernen.

b) Satire (sagt auch Kondabolu), die nach oben tritt und sich an Mächtigen abarbeitet, größere Risiken auf sich nimmt und mehr Mut beweist als Satire, die Klischees und Rassismen aufgreift und sie reproduziert.

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eine Idee / ein Lösungsvorschlag von Hari Kondabolu:

Kondabolu würde sich freuen, wenn die Figur „upwardly mobile“ wird, z.B. die Quick-E-Mart-Kette besitzt und ein Konkurrent zu Mr. Burns wird. Oder, wenn die Figur sagt, dass ihr Akzent seit einiger Zeit nur aufgesetzt war, der Kundschaft zuliebe. Apu zu töten ist keine Lösung:

Vanity Fair, Link „Kondabolu suggested a few ways the Fox comedy could tweak Apu’s character in order to make him less offensive, saying the “lazy thing to do” would be to kill him off entirely or use some kind of “it was all a dream” trick. A more nuanced option, Kondabolu said, would be to give Apu “some upward mobility,” perhaps by creating a character of South Asian descent who can oppose the show’s evil billionaire character, Mr. Burns. Or perhaps The Simpsons could give Apu’s children a voice in the show: “Have them represent us. Have writers who can write to that voice.”

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Das „Problem mit Apu“, sagt Hari Kondabolu in einem Interview (Link), ist, dass diese… lausige, dürftige, gedankenlos geschriebene Figur ihn daran erinnert, WER erzählen darf, WER Figuren ins TV bringt, bei WEM Macht und Deutungshoheit liegen:

„Who gets to control their story? And who gets cast in what? The power of Hollywood: Who gets to control what in Hollywood?“

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Sinthujan Varatharajah, Politische*r Geograph*in und Essayist*in, über Apu in Deutschland:

„Braune Menschen in Deutschland, Menschen die aus dem durch Kolonialgeographien geschaffenen Raum Südasien stammen, waren erst sehr spät und weniger systematisch von den rassistischen Bilder der Simpsons betroffen. Stattdessen sind z.B. Tamil*innen hier in Deutschland aufgrund ihrer Hautfarbe vielmehr von anti-schwarzem Rassismus betroffen. Die kulturelle Gewichtung der Simpsons war in Deutschland weniger tiefgreifend wie in den USA, doch lieferte auch die deutsche Fassung mit ähnlich rassistischer Synchronsprechung wie in der Originalfassung neue rassistische Referenzen, die braune Menschen hier fassbarer machte. Sie sind dementsprechend noch immer eine Realität für braune Menschen, auch wenn nicht so allgegenwärtig wie in den USA.

Hierzulande herrscht eine ungemeine Ignoranz gegenüber braunen Menschen, so sehr dass Künstler*innen wie Xavier Naidoo oder Sabrina Setlur eher als schwarz als braun gelesen werden. Die Simpsons haben wenig Veränderung gebracht. Vor allem aber keine positive Auswirkungen auf die Leben von Menschen aus Südasien in Deutschland. Repräsentation ist klar wichtig, doch muss sie auch sinnvoll sein. Bloße Repräsentation der Repräsentation wegen kommt eher einer kosmetischen Veränderung gleich als einem tatsächlichem inhaltlichen Wandel.

Die Frage ist nicht nur wer spricht, wer gesehen wird, wem zugehört wird, sondern eben auch was gesagt wird. Das muss öfters beachtet werden. Es hilft uns relativ wenig, mehr rassifizierte Menschen zu sehen, wenn diese den Mehrheitstenor tragen und deshalb einfacher integrierbar sind als z.B. Stimmen, die gesellschaftliche Normen kritisch in Frage stellen. Hier obliegt die Verantwortung darin, keine Token zu schaffen bzw. sich nicht mit Token zufrieden zu geben. Wir können es uns nicht leisten, nur gesehen zu werden, aber nicht an inhaltlichen Entscheidungen maßgeblich teilzunehmen.“

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…und auf Facebook erinnert mich eine Userin an die Sat.1-Comedy von Kaya Yanar, Anfang der Nullerjahre:

„Du könntest auch über Kaya Yanar berichten, der mit seiner Ranjid-Darstellung dafür gesorgt hat, dass ich in der Schule genervt wurde.“

Ich labelte die Userin in einer früheren Version des Blogposts leichthin „indischstämmig“ – ohne zu fragen, und völlig falsch: „Das ist doch das Ding von Rassismus: Wir werden ständig in eine Schublade gestopft. Apu ist nicht einfach ein Stereotyp für Menschen mit Bezug zu Indien, sondern für ganz Südasien und braune Menschen, die dem einfach zugeordnet werden.“

noch 2012 war das ein deutscher Kinofilm:

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GLAAD zeigt, dass sich die Zahl der asiatischen und asiatischstämmigen Hauptfiguren (Asian & Pacific Islanders, API) im US-TV seit 2007 nur langsam erhöht:

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Mithu Melanie Sanyal, Autorin und Kulturwissenschaftlerin, schreibt:

In England und Amerika haben sie inzwischen verstanden, dass sie mehr schwarze Schauspieler*innen im Fernsehen brauchen. Und das ist super. Nur bräuchten sie auch deutlich mehr indische und pakistanische – oder wie sie sie nennen: Asians – da sind die Medien aber leider noch nicht.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie aufgeregt wir waren, wenn wir mal ein braunes Gesicht im Fernsehen gesehen haben, das nur vage aus der selben Region kam. Denn das Problem ist ja, wenn du dich selbst nie in der Welt gespiegelt siehst, fällt es dir auch schwer, dich im Spiegel zu erkennen. In den 80er Jahren habe ich ja nicht in den Spiegel geschaut und ein braunes Mädchen gesehen, sondern eine Weiße, die irgendwie komisch aussah.

Auf der einen Seite funktionieren Medien nicht linear: Menschen sind schon in der Lage, sich Dinge herauszufiltern – und manchmal ist es ganz heilsam, einfach ein braunes Gesicht im Fernsehen zu sehen.

Apu ist eine Katastrophe. Erstmal ist der Name ja eine Referenz auf die Apu-Trilogie des größten indischen Regisseurs Satyajit Ray: heiliges indisches Filmgut 😉

Doch Apu ist ein solches Konglomerat ein Klischees (was ja alle Simpsons sind, nur macht ihn das nicht angenehmer): die arrangierte Ehe… die sich dann doch als das Beste für ihn herausstellt. Und, dass er Homer anbietet, als Diener für ihn zu arbeiten (nachdem er ihm eine Lebensmittelvergiftung durch verdorbenes Fleisch bescherte) war ziemlich unerträglich.

Oder die Szene, in der die Affen sich über Apu totlachen… Wie gesagt: Ich verstehe, dass das Ziel der „Simpsons“ ist, so vielen Leuten wie möglich auf die Füße zu treten und sich über alle und alles lustig zu machen. Außer Lisa gibt es ja auch eigentlich keine „sympatischen“ Charaktere. Und das wäre fein so. Auch die Tatsache, dass Apu von einem weißen Schauspieler mit einem echt schlechten indischen Akzent gesprochen wird, geschenkt.

WENN es den genügend andere Rollen für indische Schauspieler gäbe. Und wenn es genügend indische Repräsentationen gäbe.“

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Ich selbst schaue aktuell keine Serien mit indisch-stämmigen Figuren, empfehle aber…

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mein Kurztext für die Deutschlandfunk-Website:

Der einzige Mann aus Indien, gut sichtbar

28 Jahre „Die Simpsons“: Hari Kondabolus TV-Doku „The Problem with Apu“ fragt, wie Verkäufer Apu zu Rassismus und Schubladendenken einlädt.
„Wir waren aufgeregt, wenn wir mal ein braunes Gesicht im Fernsehen sahen, das nur vage aus der selben Region kam. Denn das Problem ist ja: Wenn du dich selbst nie in der Welt gespiegelt siehst, fällt dir auch schwer, dich im Spiegel zu erkennen. In den 80ern sah ich im Spiegel kein braunes Mädchen, sondern eine Weiße, die irgendwie komisch aussah“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal.
Welche Inderinnen und Inder kennen wir aus Filmen, Serien? Warum sind Frauen, Menschen mit Behinderung, queere und nicht-weiße Menschen immer noch unterrepräsentiert, in Deutschland und den USA? Und falls sie vorkommen: Warum meist in Nebenrollen? Mit Sätzen, die ihnen fast immer nur weiße Autorinnen, Autoren in den Mund legten?
Comedian Hari Kondabolu hasst Apu, den servilen, oft nüchtern-sympathischen Ladenbesitzer aus den „Simpsons“. Denn seit 1989 ist Apu die sichtbarste Figur: Der einzige Mann aus Indien, den alle kennen. Deutsche Kinder mit Eltern aus Südasien wurden ab 2001 oft im Singsang von Ranjid verspottet – der Comedy-Figur des türkischstämmigen Kaya Yanar. US-Kindern wie Kondabolu hörten Apus Lieblingssatz: „Thank you, come again.“
„Ich verstehe, dass das Ziel der ‚Simpsons‘ ist, so vielen Leuten wie möglich auf die Füße zu treten und sich über alle und alles lustig zu machen. Außer Lisa gibt es ja auch eigentlich keine ’sympatischen‘ Charaktere. Und das wäre fein so. Auch die Tatsache, dass Apu von einem weißen Schauspieler mit einem echt schlechten indischen Akzent gesprochen wird, geschenkt“, sagt Sanyal: „WENN es denn genügend andere Rollen für indische Schauspieler gäbe. Und wenn es genügend indische Repräsentationen gäbe.“
Wir sehr diese Rollen fehlen, und wie sehr Kinder, Kunstschaffende und Schauspieler*innen of Color darunter leiden, zeigt Kondabolus 50-Minuten-Film: Das große „Problem mit Apu“, sagt der 35jährige, ist, dass eine dürftige, lausige, gedankenlos geschriebene Figur deutlich zeigt, wer erzählen darf. Wer Figuren ins TV bringt. Bei wem Macht und Deutungshoheit liegen: „Who gets to control their story? And who gets cast in what? The power of Hollywood.“
„Hierzulande herrscht eine ungemeine Ignoranz gegenüber braunen Menschen. So sehr, dass Künstler*innen wie Xavier Naidoo oder Sabrina Setlur eher als schwarz als braun gelesen werden. Die Simpsons brachten wenig Veränderung. Vor allem aber keine positive Auswirkungen auf die Leben von Menschen aus Südasien in Deutschland“, sagt Sinthujan Varatarajah:
„Repräsentation ist klar wichtig, doch muss sie auch sinnvoll sein. Die Frage ist nicht nur wer spricht, wer gesehen wird, wem zugehört wird, sondern eben auch was gesagt wird. Es hilft uns relativ wenig, mehr rassifizierte Menschen zu sehen, wenn diese den Mehrheitstenor tragen und deshalb einfacher integrierbar sind als z.B. Stimmen, die gesellschaftliche Normen kritisch in Frage stellen.“
Niemand fordert, Apu zu verbieten. Doch Hank Azaria, Apus Synchronstimme, macht es sich einfach, wenn er sagt: „Ich entschuldige mich bei jedem, der sich von meiner Darstellung verletzt oder angegriffen fühlt.“ Kondabolu antwortet: „Apu greift mich nicht an. Er beleidigt mich und meine Community.“ Durch die Lieb- und Gedankenlosigkeit der Figur, ihre Eindimensionalität.
Gute Comedy, sagt Kondabolu, tritt nach oben. Legt sich mit Mächtigen an. Stellt Regeln und Klischees in Frage. Vielleicht, schlägt er vor, könnte Apu in Staffel 30 aufsteigen, den Kwik-E-Mart-Konzern leiten? Ein Rivale des reichen, weißen Mr. Burns werden?
Ein fauler, tumber Homer Simpson bringt niemandem bei: alle weißen Männer sind faul und tumb. Es gibt genügend Gegengewichte, Differenzierungen. Deutsche ärgern sich, weil sie im US-TV fast nur als Nazis auftauchen. Das Problem mit Apu? Er zeigt, wie viel noch fehlt. Eine verschenkte Chance, mit jedem Jahr gestriger. „Mindy Kaling. Aziz Ansari. Danny Pudi. Der Typ aus ‚Lost’“, zählt Hari Kondabolu auf: „Mittlerweile gibt es ungefähr 14 von uns!“ Wie viel Schaden richtet dieser Mangel, dieses Missverhältnis an? Wie viele Figuren und Geschichten entgehen uns?
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Update, 10. April 2018:

  • Episode 15 der 29. Staffel greift die Kontroverse auf.
  • In einem kurzen Dialog verteidigen Marge und Lisa, dass 30+ Jahre alte Figuren flache Stereotype bleiben…
  • …und verkünden: „Some things will be dealt with at a later time. If at all.“
  • Kritiker*innen und Presse reagierten in ausführlichen, oft klugen Artikeln
  • die Episode, 633, heißt „No Good Read goes unpunished“ [Plot: hier]

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„Jetzt hat die Fernsehserie auf diesen Vorwurf reagiert. In der Folge, die in den USA am Sonntag ausgestrahlt wurde, liest Marge ihrer Tochter Lisa aus ihrem früheren Lieblingsbuch vor. Während des Lesens merkt sie, dass es rassistische Stereotype enthält und ändert diese Textstellen während des Vorlesens.

Lisa beschwert sich bei Marge und sagt, dass die Geschichte darunter leiden würde. Marge sagt, dass sie ratlos sei. „Was soll ich tun?”, fragt sie. Lisa antwortet: „Das ist schwer zu sagen” und wendet sich direkt an die Zuschauer*innen. Auf dem Nachttisch sieht man ein gerahmten Bild von Apu. Lisa sagt: „Etwas, was vor Jahrzehnten begonnen hat und alle lustig und unproblematisch fanden, ist auf einmal politisch inkorrekt. Was soll man da machen?”

Marge legt Lisa den Arm auf die Schulter und sagt: „Mit manchen Dingern beschäftigt man sich erst später.” Lisa antwortet daraufhin: „Wenn überhaupt.”“ [solider Artikel auf ze.tt – Philipp Kienzl, Manuel Bogner]

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„Marge Simpson kauft [in einem Antiquariat] ihr Lieblingsbuch aus Kindertagen. Titel: „Die Prinzessin im Garten“. Als sie ihrer Tochter Lisa laut aus dem Buch vorliest, kommt ihr das Buch beleidigend und rassistisch vor. Deshalb beginnt sie, die Zeilen umzuformulieren, damit sie besser ins Jahr 2018 passen.

Doch das Resultat ergibt danach keinen Sinn mehr. [Marge beschreibt die Protagonistin in ihrer neuen, umgeschriebenen Version, als „cis-gendered“ Mädchen, das in Südamerika Pferde befreit und sich für Netzneutralität einsetzt]

[…] Die Diskussion um die Anpassung von Inhalten aus Fernsehen, Film und Literatur an die Ansprüche der Gegenwart ist nicht neu: Verständlicherweise ist eine offen rassistische Sprache einer der ersten Angriffspunkte, wenn fiktionale Inhalte überarbeitet werden. Auch manche Klassiker hatten Titel, die aus heutiger Perspektive absurd erscheinen: So war zum Beispiel Agatha Christies äußerst populärer Krimi „Und dann gabs keines mehr“ im Original mit einem britischen Blackface-Song betitelt, der eine rassistische Beleidigung enthielt.“ [guter Einstieg auf Deutsche Welle.de – Sarah Hucal, Christina Burac]

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„Marge does a rewrite and turns the story into the tale of a “cisgender girl” who is fighting for wild-horse rescue and net neutrality. “It takes a lot of work to take the spirit and character out of a book, but now it’s as inoffensive as a Sunday in Cincinnati!” she says, while Lisa notes disapprovingly that in the new version, the protagonist can’t go on an emotional journey because she’s already “evolved” from the very beginning.“ [Vulture, Jen Chaney]

Nach dem entscheidenden Dialog…

Lisa: Something that started decades ago and was applauded and inoffensive is now politically incorrect. What can you do?

Marge: Some things will be dealt with at a later date…

Lisa : …if at all.

…sehen wir, dass auf Lisas Nachttisch ein Foto von Apu steht, mit der Aufschrift „Don’t have a cow“. Das spielt auf Apus Hinduismus an. Der Spruch stammt von Bart und bedeutet „Regt euch ab!“ oder „Kriegt mal keine Zustände!“

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Apu don't have a cow Simpsons

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„It takes a lot of work to take the spirit and character out of a book, but now it’s as inoffensive as a Sunday in Cincinnati,“ Marge announces. Marge has changed everything in the book so that nothing in it can bother anyone, which involves making the central character so perfect that, as Lisa instantly announces, „there’s no point to the book.“ Marge asks what she’s supposed to do.

This comparison is utterly dishonest, of course, for a multitude of reasons. Apu is not the central character of The Simpsons, and it’s absurd to suggest that the fabric of the show will be unwound if he doesn’t continue to be the same caricature he is. His existence at the periphery — his very flatness, and his definition as a bag of signifiers meant to scream „INDIAN!“ is integral to what it means to write a racist stereotype. It’s galling that writers will force a character to exist as funny scenery and then complain that they cannot change him without upsetting the emotional arc of the series.

So Lisa, the show’s unshakable crusader for justice […] has been reduced to a mouthpiece for the lazy idea that asking for better representation is an unfair burden on creators; an unreasonable demand that things be „politically correct.“

[…] The fact that they have managed to ignore the criticism of Apu until recently doesn’t mean that Apu was inoffensive and is now offensive — or, as they prefer to say, „politically incorrect.“ It means that they were doing exactly what they’ve been accused of doing: They were stereotyping people who had very little access to opportunities to loudly object.

What is entirely missing from this response is any recognition of the effects on the people who find themselves not represented, or represented poorly — and they were at the center of Kondabolu’s documentary. He went out specifically to speak to South Asian performers about how they felt about representation in American television, and specifically about Apu. Kal Penn tells Kondabolu that he hates Apu, and for that reason, doesn’t like The Simpsons. A room full of comics says that Apu was referenced as part of their school bullying. Aziz Ansari says he was taunted about Apu while driving with his father.“ [der beste US-Artikel aktuell, NPR – Linda Holmes]

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„Putting it in the mouth of Lisa Simpson—the show’s most progressive voice, a girl who once trashed all her beloved Malibu Stacy dolls because they started giggling sexist propaganda—is doubly insulting. It suggests even she would find the controversy ridiculous; Lisa actually rolls her eyes as she’s talking.

Furthermore, Apu is not appearing in a 50-year-old book by a now-dead author. Apu is a going concern. Someone draws him, over and over again. Azaria makes money to keep imitating Peter Sellers imitating an Indian man. Scripts are still being written. What if Marge were confronted not with reading Lisa an old book, but with reading a new book in the same series that continued to embrace the same racist portrayals it did 50 years ago?“ [Sean O’Neal, AV Club]

„To hand-wave away the lived pain and racism that others have experienced in this manner is to trade a considerable portion of your legacy just to maintain an air of smug superiority that isn’t worth it. These people aren’t making this shit up, man. I’ve been called „Apu“ based solely on my appearance, and I’m not even remotely South Asian.

You know about Mimi Pond, right? Pond was the writer of the first Simpsons episode to ever air, but has alleged she was never offered a full-time job because the showrunner wanted an all-male writer’s room. Pond’s claim is incredibly easy to believe, due to it existing at the confluence of comedy’s history of shitty men at the expense of women and people of color, and the show’s own extremely white, extremely malelist of writers stretching back twenty-nine years.“ [GQ, Joshua Rivera]

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„Thanks to The Simpsons’ floating timeline, we never get to see Lisa grow up. Her diet and technology may change, but she will always be a little eight-year-old girl wearing pearls. One show that did let their precocious child genius grow, however, was Malcolm in the Middle, which offered a glimpse into Lisa’s potential future in its series finale, through her parallel character, Malcolm. In the final moments of the show, Malcolm’s mother Lois reveals her intentions for him to become President of the United States, as “you’ll be the only person in that position who will ever give a crap about people like us”. Like Malcolm, we have been told that in one future Lisa will eventually become President of the United States (in the oddly prescient “Bart To The Future”, where in 2030 Lisa takes over the Oval Office from one Donald Trump). Much like Malcolm in the Middle, peak Simpsons knows that Lisa will take the hurt and pain she endured, and go on to do great things to make sure that no one will have to suffer like that again.

Lisa is smart, but it is her goodness that makes her unique. Like Lois says to Malcolm, her pain will break her heart – but rather than have heartbreak turn Lisa bitter like so many other people, Lisa is meant to get more empathetic. It is the ‘suffering hardship in childhood to make things better for those that come after’ archetype, rather than ‘suffer hardship and become a villain’. So when Lisa in 2018 sees the hurt and pain that the stereotype of Apu has caused and simply shrugs, this shames her, the show, and all of us.“ [Dazed, Carl Anka]

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„Political correctness is rarely a funny target. Making fun of Indian people or people of Indian descent who believe that Apu is an insensitive representation of their people isn’t funny; it’s just uncomfortable. It’s insensitive. It’s disrespectful in a way that benefits literally nobody besides the kind of people who rejoice when minorities aren’t listened to. We all know the kind of people I mean.“ [gutes Statement – aus einem polemisch-unsympathischen „früher war alles besser, setzt die Serie endlich ab!“-Text von Carl Kinsella, Joe.ie]

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„Sunday’s Simpsons doesn’t address the problem with Apu. Instead, it jabs at those who want to see better representation of marginalized groups in popular culture. It was petty and remarkably regressive.“ [Kelly Lawler, USA Today]

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„Asian Americans participate in the whole spectrum of society, far beyond the usual stereotypes. There is no shame in being a convenience store clerk or a cab driver – working people of all races are three-dimensional human beings, in all their complexity. But Apu is two-dimensional, and his presence has led Americans to see real people the same way.“ [Shuja Haider, Guardian]

und, auf Twitter: „Humor is hard to understand and hard to do. It deals with taboos and its reception is subjective. Offense is inevitable and not necessarily disqualifying. But Apu is a case where satire is subsumed by the pleasure authors and viewers let themselves take in racial contempt itself.“

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„As Kondabolu made clear in his film, the problem with Apu extends beyond a brown character voiced by a white actor; the problem was not just with The Simpsons, but with its viewers, the drunk idiots on the street who call any South-Asian person “Apu” and who repeated “Thank you, come again,” as a mocking refrain.

“They didn’t mean for it to happen,” said actor Utkarsh Ambudkar (Game Over, Man!) in The Problem with Apu. “We just were underrepresented. We didn’t have any other representation in this country. That creates a problem when the most popular show on television is showing mainstream America what an Indian is.

[…] There are plenty of portrayals of Italian Americans on screen. There are plenty of films of exclusively Italian American characters, and these are mainstream films that win Academy Awards. If a movie or a television show has more than one Indian character, it would be considered an “Indian” show, niche at best, and realistically, unlikely to get made — which is a point Aziz Ansari makes incredibly cogently in the episode of Master of None titled “Indians on TV.” But even the discussion of a show with more than one Indian actor feels like a moot point when the inclusion of even one Indian character still feels like a recent accomplishment.

Three years later, post-Kondabolu’s documentary, The Simpsons is still unable to acknowledge culpability in any way, dismissing Kondabolu’s nuanced argument with the straw man phrase “political correctness” (as in, “political correctness run amok!”)” [Dana Schwartz, Entertainment Weekly]

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„They should and could have done an entire episode with Apu responding to @harikondabolu’s movie. They wouldn’t have to agree with him but they missed a huge opportunity to add in more layers and be topical. Instead, they went the lazy route“ [Wajahat Ali [New York Times], auf Twitter]

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„“The ‘argument’ the episode makes is basically things used to better before political correctness when nobody cared about all these groups. It ignores the facts that ALL THESE GROUPS ALWAYS CARED ABOUT ALL THESE GROUPS. But these groups’ complaints weren’t respected/supported.” [Comedian W. Kamau Bell, auf Twitter]

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„It also betrays a fundamental misunderstanding of its characters, at least as they were originally envisioned. When Marge reads a line in The Princess in the Garden that refers to South Americans as “naturally servile,” Lisa asks, “Mom, why’d you stop reading?” instead of doing what, in my mind, she would more likely do: balk at that choice of words and force her mother to question why she liked this book in the first place. This episode would have made a lot more sense as a Simpsons episode if Lisa had been the one trying to understand who Heloise Hodgson Burwell was and making her mother see why the book was problematic, the same way she once tried, to no avail, to open the eyes of her fellow Springfieldians to the troublesome overlooked history of Jebediah Springfield.

[…] When you’ve been on the air for nearly 30 years, it’s hard to come across as the rebellious outsider sticking it to the man, especially on a show that has been largely written by white men, many of whom graduated from Harvard University. […] One could argue that The Simpsons is now the Establishment, and has been for a while. Once you become the Establishment, there is a tendency to become lazy and complacent, while also feeling fiercely defensive of one’s legacy.

[…]] What can The Simpsons do about its Apu problem? Actually, a lot of things. For starters, it could hire more South Asian writers, or at the very least consistently consult with some on matters related to Apu if its staffers haven’t started doing that already.“ [erneut Jen Chaney, Vulture]

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„For those of us with low expectations, starving for any representation, Apu was a breath of fresh air. But that doesn’t mean he, or “The Simpsons,” get a lifetime pass to perpetuate lazy stereotypes. Any piece of art, no matter how well intentioned, harmless or silly, is not above reproach or critical examination. Especially when it’s “The Simpsons,” one of the most influential TV shows of all time.

[…] Instead of engaging with the issue of representation, which would have made for a more satirical and topical show — you know, the type “The Simpsons” used to do years ago — the writers responded with the worst creative sin: laziness.“ [Wajahat Ali, Washingon Post]

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„Older desi, not just me […] but Kondabolu’s own parents (who joke about his “Apu hair”) see Apu as a minor inconvenience. But younger desi, including many comedians and actors that Kondabolu spoke to for his film, have experienced a very different reality. They grew up in a world where The Simpsons was a pervasive part of popular culture and Apu the only Indian-American character everyone knew. They were taunted and bullied in school, with Apu’s name and catch-phrase (“Thank you, come again.”) used as an insult. It’s their lived experience of growing up with Apu that shows why this minor character is so pernicious.

Apu is now a slur more than he is a character. It’s true, as Shanker argues, that other slurs existed before Apu. But those slurs didn’t carry the cultural authority of The Simpsons. When a bully calls an Indian American “Apu” or says to them, “Thank you, come again,” he isn’t just demeaning the person by himself (though that is wrong enough); he’s using The Simpsons to justify his contempt. As The Problem With Apu showed, Apu makes desi kids feel insulted not just by individuals, but by American culture at large. That’s why the film changed my mind. It featured testimony about Indian-American experiences I wasn’t aware of. I was bullied for being Indian American, as Kondabolu’s subjects were, but I wasn’t bullied with language from one of the most famous shows on TV.“ [Jeet Heer – the New Republic]

Hari Kondabolu, auf Twitter: „In “The Problem with Apu,” I used Apu & The Simpsons as an entry point into a larger conversation about the representation of marginalized groups & why this is important. […] “Politically Incorrect?” That’s the takeaway from my movie & the discussion it sparked? Man, I really loved this show. This is sad.“

…und, in einem Podcast:

„You’re not supposed to respond to me, you’re The Simpsons! You’re supposed to just keep going, pretend nothing happened. The fact that they buckled like that, to me, is also an indication of, like, white fragility.

Oh my god, so somebody on a cable network said something about your show that’s been on for 30 years, and everyone obviously loves you and they don’t really know what my critique completely is, but still, because it damaged you in some small way, all the white writers freaked out and destroyed [the character of] Lisa. What is that?

That’s white fragility.“

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