Monat: Januar 2017

Superman: Rebirth – Dan Jurgens, Peter Tomasi, neu bei Panini

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am 10. Januar sprach ich über die neuesten „Superman“-Comics in Deutschland, als Studiogast bei Deutschlandradio Kultur:

Text von mir und Link zur Audio-Datei, Deutschlandradio Kultur

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Wer Comics auf Englisch kauft und liest:

Seit Juni 2016 sind die „Superman“-Reihen besser als seit Jahrzehnten.

Mein Tipp:

Erst „Lois & Clark“ lesen (10 Hefte, ein US-Sammelband), dann die beiden parallelen Reihen „Action Comics“ und „Superman“ (erscheinen je zweimal im Monat). Auch „Trinity“ und „Superwoman“ (einmal im Monat) machen Spaß. Im Februar beginnt zudem „Super-Sons“.

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Wer Comics auf Deutsch lesen will:

„Lois & Clark“ erscheint in zwei Bänden bei Panini Comics: Band 1 (Link), Band 2 (Link, 7. Februar).

Dann – 18. April 2017 – „Superman: Sonderband 1“.

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Immer wieder landen langjährige Heldencomics in erzählerischen Sackgassen – und räumen auf, indem ein komplizierter Zwischenfall (Zeitschleifen, Dimensionslöcher, parallele Welten) neue, simplere Zustände schaffen soll. 2011 hieß das: Superman und seine große Liebe Lois Lane werden ersetzt, durch jüngere Versionen, in einer neuen Welt. Jene Doppelgänger waren nie verheiratet, sind schroffer und pragmatischer; ein neuer Lex Luthor ist eher Antiheld als Schurke. 2015 strandete der vorige, ursprünglichere Superman in dieser neuen Gegenwart – in Dan Jurgens Reihe „Lois & Clark“: Er hat jetzt einen Sohn im Grundschulalter und lebt mit seiner Lois heimlich auf einer Farm.

2016, im nicht lesenswerten „The Final Days of Superman“ starb der jüngere Superman. Seitdem übernimmt die ältere Version die Hauptrolle. In vier verknüpften, oft exzellenten Heftreihen – „Action Comics“, „Superman“, „Superwoman“ und „Trinity“ – wird dieses Durcheinander durchdacht, von allen Seiten. Es gibt zwei Lois Lanes. Kann man Lex Luthor trauen? Ein Fremder ohne Kräfte behauptet, Clark Kent zu sein. Supermans Sohn will selbst Held werden. Zu viele ermüdende Kämpfe, mittelmäßige Zeichnungen. Doch tolle Figurenarbeit, Rätsel, Ensembles und Intrigen.

Wirres Chaos? Nein: Ein Helden-Mosaik, so stimmig, herzlich, menschlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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gut gezeichnet, aber keine Empfehlung: die Vorgeschichte "Die letzten Tage von Superman", ab 21. Februar 2017 bei Panini

gut gezeichnet, aber keine Empfehlung: die Vorgeschichte „Die letzten Tage von Superman“, ab 21. Februar 2017 bei Panini

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für die Deutschlandradio-Redaktion und meine Moderatorin fasste ich alles in folgenden Stichpunkten zusammen:

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Es geht um das Comic „Superman: Lois & Clark“, das am 3. Januar auf Deutsch bei Panini erschien.

…und es geht darum, wie der Verlag „DC Comics“ seit 2011 mit der Figur Superman umging.

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Die Figur Superman hatte in den Comics drei große Phasen:

1) 1986 bis 2011
2) 2011 bis 2016
3) heute

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1) grundsätzlich (ab 1986):

– Es gibt zwei große Superhelden-Verlage in den USA: Marvel Comics und DC Comics. Beide veröffentlichen ca. 50 monatliche (oder, neu: zweiwöchentliche) ca. 20seitige Heftreihen über verschiedene Heldinnen und Helden. Fast alle Marvel-Heftreihen spielen im „Marvel-Universum“, fast alle DC-Heftreihen im „DC-Universum“.

– Fünf bis sechs monatliche Hefte werden danach meist als Sammelband veröffentlicht. Auf Deutsch erscheinen diese Sammelbände bei Panini Comics. „Superman: Lois & Clark“ sammelt Hefte, die in den USA von Dezember 2015 bis Sommer 2016 veröffentlicht wurden.

– Die Figur Superman ist nicht nur Hauptfigur in einem alle zwei Wochen erscheinenden Comic namens „Superman“, sondern auch in einer parallelen Reihe namens „Action Comics“, in „Justice League“, in „Trinity“ etc., und hat Gastauftritte in weiteren Reihen wie „Supergirl“, „Super-Sons“ usw.: Wer will, kann monatlich fast 200 Seiten lesen über das Leben dieser Figur – verfasst von mehreren Autoren/Zeichnern, aber alle zusammenhängend/verknüpft.

– Von 1986 bis 2011 erzählten fast alle DC-Heftreihen eine große, zusammenhängende Geschichte: Batman und Superman wurden Freunde, Batman wurde Vater, The Flash hat geheiratet usw.: Figuren sind in ca. 25 Jahren ca. 10 Jahre gealtert. Einige haben Kinder bekommen, alle wurden etwas reifer, besonnener, bürgerlicher. Superman enttarnte sich vor Lois Lane und heiratete sie. Viele dieser Comics sind recht gut, die Figur ist überzeugend gewachsen.

– Bis 2011 aber wurden solche Hintergrund- und Vorgeschichten so lang und kompliziert, dass DC Comics sagte: „Niemand sollte ein Comic von 1986 kennen müssen, um ein Comic von 2011 verstehen zu können. Wir machen einen Neustart.“ Dieser Neustart betraf alle Reihen: In einer Zeitreise-Geschichte verursachte der Superheld The Flash versehentlich ein Paradox… und plötzlich begann vieles von vorne, in 50 Heftreihen, in einem neuen Universum.

[dieser Reboot hieß „The New 52“. ich habe 2011 u.a. hier darüber geschrieben.]

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Superman Batman DC Helden

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2) Superman ab 2011: „The New 52“

– Seit 2011 erzählen alle DC-Heldencomics neue Geschichten… in einem neuen Erzähluniversum… mit den alten Heldinnen und Helden… die aber jetzt verjüngt sind und denen Teile ihrer Vorgeschichte fehlen:

– Superman und Lois Lane sind Redaktionskollegen beim „Daily Planet“, aber waren nie ein Paar. Superman ist jünger, ungestüm, fühlt sich missverstanden und macht viele Fehler. Er verliebt sich in Wonder Woman. Alles ist jugendlicher, frischer, weniger bürgerlich.

– Aber: viele Ehen wurden nie geschlossen, viele Kinder nie gezeugt, vielen Figuren fehlen Tiefe, Vorgeschichte, Erfahrung, Format: Statt den bekannten Helden, Mitte 30, liest man jetzt die Abenteuer von Figuren, die genau so aussehen – doch kaum Mitte 20 sind. Sie sind jünger, naiver, feindseliger, aggressiver. Viele Helden stehen am Anfang und sind einander sehr fremd. Misstrauen, Anfängerfehler, Aggression.

– Dieser 2011er-Neustart war umstritten. Heftreihen wie „Batman“ und „Green Lantern“ kamen gut zurecht. Doch der neue Superman wirkte wie ein traurig naiver Abklatsch der alten Figur: Kritiken, Auflage und Fan-Reaktionen waren schlecht.

– Von 2011 bis 2016 erschien fast kein „Superman“-Comic oder -Sammelband, den ich empfehlen würde. Mir persönlich fehlt auch die Liebesgeschichte mit Lois Lane sehr: Ich lernte Superman in den 90er Jahren kennen, durch die TV-Serie „Superman: Die Abenteuer von Lois & Clark“. Dort spielt der Redaktionsalltag im Daily Planet eine große Rolle, und Lois ist gleichwertige Hauptfigur. Dass sie in den Comics, besonders ab 2011, oft nur eine Randfigur mit Mini-Auftritten bleibt, missfällt mir.

– 2015, in einem (recht schlechten) Comic namens „Convergence“, wurde einigen neuen Helden klar, dass ihre Vorläufer (also: z.B. der Superman von 1986 bis 2011, ich nenne ihn fortan Superman86) entführt und gefangen gehalten wurden, auf einem Planeten: Zum ersten Mal seit vier Jahren sahen wir die alten Figuren wieder. Die „alte“ Lois Lane war schwanger.

– Viele dieser alten Versionen konnten sich retten und befreien… und Superman86 strandete zusammen mit Lois Lane und dem Sohn Jon in der Welt der neuen Figur.

– Der Comic „Lois & Clark“ zeigt diese beiden alten Figuren… die jetzt heimlich in der neuen Welt leben: Seit 2015 gibt es also zwei Lois Lanes, zwei Supermans. Die neuen Versionen wussten aber nichts von den alten: „Lois & Clark“ erzählt, wie sich Superman86 in Kalifornien versteckt, heimlich den Menschen hilft, aber nicht vom neuen, jüngeren Superman entdeckt werden will.

– Dann, 2016, starb der neue Superman plötzlich (…in Geschichten, die ebenfalls gerade bei Panini erscheinen, 2017: „The Final Days of Superman“… die aber nicht besonders gut oder empfehlenswert sind), und DC Comics wagte einen neuen, zweiten Neustart:

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batman vs Superman lois clark

3) 2016: die alte Figur, gestrandet in der neuen Welt: „DC Rebirth“

– Das Sonderheft „DC Rebirth“ erscheint am 28. Februar bei Panini. Es zeigt: Viele Figuren, die 2011 aus der Welt gefallen sind, kommen plötzlich zurück, auf mysteriöse Weise. Alte Geschichten (erschienen vor 2011) werden plötzlich wieder relevant. die neuen Comics, die alle ab diesem Frühling auf Deutsch erscheinen, sind optimistischer, oft besser verständlich, romantischer… Der Verlag versucht, nach dem düsteren Neustart von 2011, jetzt vieles wieder heller zu gestalten, und greift dabei auf alte Figuren und Vorgeschichten zurück.

– In Heftreihen wie „Batman“ ist das gar kein richtiges Thema: Die Geschichten gehen, mehr oder weniger, ungefähr so weiter. Um „Batman“ zu lesen, muss man nichts über diese Paralleluniversen, Zeitreisen, Paradoxien und Doppelgänger wissen. [Die Reihe „Batman“ von Autor Tom King ist nicht besonders gelungen. Aber die Reihe „Detective Comics“ von James Tynion. Empfehlung!]

– Die Superman-Heftreihen dagegen machen all das SEHR zum Thema; und bisher ist das ein großer Gewinn, erzählerisch: Es gibt zwei Lois Lanes. Die „alte“ Hauptfigur trifft neue Versionen ihrer alten Bekannten und Bezugspersonen, die sie von 1986 bis 2011 gut kannte (Batman, Lex Luthor, Wonder Woman etc.) – doch diese Bezugspersonen kannten ihrerseits nur die jüngere (und: jetzt verstorbene) Version von 2011 bis 2016: Superman86 lernt viele Figuren neu kennen, die aussehen wie seine vertrauten Freunde und Gegner… doch andere Rollen spielen. Das Mit- und Gegeneinander mit z.B. dem neuen Lex Luthor ist aktuell ein großes erzählerisches Vergnügen, weil beide Figuren nur eine jeweils andere Version von sich kannten, bisher.

– Supermans Sohn Jon ist fast zehn Jahre alt und entwickelt eigene Kräfte. Von 2011 bis 2016 erzählten die Comics das Leben eines wütenden, unbeholfenen Single-Supermans. Jetzt, seit „Lois & Clark“, geht es um eine glückliche Familie – Superman86, Lois Lane86, Sohn Jon -, die in einer neuen Welt neu durchstartet. Auch diese Lois hat eine interessantere Rolle als seit Jahren – weil Lois86 Mutter ist, aber die jüngere Lois plötzlich Superkräfte entwickelt… und nichts von Lois86 weiß.

– So verwirrend und barock all das klingt: Aktuell sind die Superman-Heftreihen, die alle in den nächsten Monaten neu bei Panini erscheinen, auf Deutsch, ein toller Einstieg. schöne alte Figuren, desorientiert in einer neuen Welt… doch optimistisch und einsteigerfreundlich erzählt. „Lois & Clark“ ist dabei der einfachste und süffigste Einstieg: Wir lernen Sohn Jon kennen, wir erfahren, was Superman86 heimlich/inkognito/undercover in der neuen Welt leistet, und mit dem Ende von „Lois & Clark“ (zwei Sammelbände, Band 2 erscheint am 7. Februar) starten dann mehrere weitere Erzählstränge, in denen man diesen Figuren folgen kann:

– Weil die Heftreihen in den USA schon seit Juni 2016 laufen und ich die Originalcomics las, weiß ich: die Reihen „Superman“, „Action Comics“, „Trinity“ und „Superwoman“ sind einen Blick wert. Als nächstes startet in den USA dann „Super-Sons“, über Supermans Sohn Jon und Batmans Sohn Damian.

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– Verlegerisch und erzählerisch, auf einer Meta-Ebene, geht es hier um Tonfall, Zielgruppen und Zugänglichkeit:

2011 dachte DC Comics: Wir müssen jünger werden, einfacher, härter/jugendlicher/aggressiver – und junge Leser wollen sich nicht mit alten oder verheirateten Helden identifizieren. Weg mit den Vorgeschichten!

2016 wird das korrigiert: Superman und Lois Lane sind ca. 40 Jahre alt, glückliche Eltern, und die Wärme, Besonnenheit, das Miteinander und Vertrauen machen die Comics sympathischer (und: kinderfreundlicher) als seit Jahren.

Mich persönlich freut, dass der Verlag es sich hätte einfach machen können und durch eine WEITERE Zeitreise- und Paralleluniversums-Geschichte alles viel schneller oder sauberer hätte auflösen können. Stattdessen gibt es diesen großen Doppelgänger-Kuddelmuddel… und bisher sorgt der Kuddelmuddel für lesenswerte, aufregende Comics und Konflikte. Alles etwas barock und verwirrend. Aber: sonnig, trotz allem einsteigerfreundlich – und genuin spannend.

Wer die Figuren aus Filmen und Serien ein wenig kennt, doch sich bisher nicht an die Comics traute: „Lois & Clark“ ist der ideale Einstieg.

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ebenfalls lesenswert, steht ganz für sich: „Superman: American Alien“ von Max Landis

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meine Bilanz, bisher:

„Action Comics“ wird ab Sammelband 2 besonders gut; „Superman“ ist ebenfalls ab Sammelband 2 gelungen. „Trinity“ (toll gezeichnet, aber nur ca. jede zweite Ausgabe) und „Superwoman“ (langsam erzählt, etwas träge) sind keine Meisterwerke, aber machen mir Spaß. „New Super-Man“ langweilt mich und spielt bisher keine große Rolle, auch die aktuelle „Supergirl“-Serie ist konventionell, langweilig, zweitklassig. Einen Blick wert: „Supergirl: Being Super“ (keine Verknüpfungen zu den anderen Reihen). Die „Justice League“-Reihen ab „DC Rebirth“ habe ich noch nicht angelesen. Und, wie gesagt: „Detective Comics“ ist großartig.

 

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Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der „Schreibschule“ Hildesheim

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Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in „Kultur 16!“, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

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Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

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Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

Buch bei Goodreads (Link)

Vierstromland

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Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

Buch bei Goodreads (Link)

Tango für einen Hund

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Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

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Ready

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Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

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Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

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Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

Buch bei Goodreads (Link)

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

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[Ich mochte auch Juan Guses „Lärm und Wälder“ und Leif Randts „Schimmernder Dunst über CobyCounty“]

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

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