Month: December 2016

gelesen 2016: meine 20 besten Bücher des Jahres

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Die 20 Bücher, die ich möglichst vielen Menschen empfehlen kann:

meine Entdeckungen 2016.

2015 empfahl ich Bücher etwas ausführlicher.

Favoriten 2014 | Favoriten 2013 | Favoriten 2012 | Favoriten 2011

Lieblingscomics 2016 hier (Link).

Und: Songs 2016 (Link)!

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20: THOMAS VON STEINAECKER, “Die Verteidigung des Paradieses”

19: KEI SANBE, “Die Stadt, in der es mich nicht gibt”

18: DANIEL SCHREIBER: “Zuhause” / SACHA BATTHYANY: “Und was hat das mit mir zu tun?”

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17: SYLVIE SCHENK, “Schnell, dein Leben”

16: MATTHIAS HIRTH, “Lutra lutra”

15: A.S. KING, “Still Life with Tornado”

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14: RAYMOND BRIGGS, “Ethel and Ernest”

13: DELPHINE DE VIGAN: “Nach einer wahren Geschichte”

12: EMMANUEL GUIBERT: “How the World was. A California Childhood”

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11: KIERON GILLEN, “Darth Vader”

10: GABRIEL HARDMAN, CORINNA BECHKO, “Invisible Republic”

09: CLEMENS J. SETZ: “Glücklich wie Blei im Getreide”

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08: HARUKI MURAKAMI, “Von Beruf Schriftsteller”

07: DAVID EAGLEMAN, “Sum: 40 Tales from the Afterlives”

06: NIS-MOMME STOCKMANN, “Der Fuchs”

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05: ANDREAS MAIER, “Die Straße” (und der Vorläufer “Das Zimmer”)

04: ANNA KATHARINA HAHN, “Am schwarzen Berg”

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03: RANDY INGERMANSON, “Writing Fiction for Dummies”

02: SOPHIE DAULL, “Adieu, mein Kind”

01: BRECHT EVENS, “Panter”

…auch die Manga-Reihen “Billy Bat”, “Gute Nacht, Punpun” und “I am a Hero” waren/blieben großartig; und das Finale von Ed Brubakers dreiteiliger Graphic Novel “The Fade Out” überzeugte mich.

Weihnachten bei den Eltern: Warum ich die Provinz beschimpfe. (“Zuhause”, Daniel Schreiber)

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Weihnachten. Die Zeit, in der man in die Heimatorte fährt, wo man auf die Schultern geklopft bekommt.

– Schön, dich auch mal wieder zu sehen
– Kommst ja gar nicht mehr vobei.
– Und den Heimatdialekt kannst du auch nicht mehr.

Und dann, nach einer gewissen Zeit, Vorwürfe. Immer unversteckter, immer expliziter.

– Also, für mich wäre das nichts, in der Großstadt.
– Die ganze Kriminalität, die ganzen Ausländer.
– Ja, das ist ja schön, dass ihr euch Theater leistet. Zahlen wir gern, im Länderfinanzausgleich. Aber irgendjemand muss das Geld halt auch verdienen.
– (Hinter vorgehaltener Hand) Er ist jetzt was Besseres. Er weiß nicht mehr, wo er eigentlich herkommt.

Und dann die Erinnerungen, weswegen man da unbedingt fort wollte.

Die Demütigungen, der Hass. Schwule Sau!, Kommunistendrecksack!

Keine Angst, ich weiß noch, wo ich herkomme. Das vergesse ich euch nicht.

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…schrieb Netzfreund F. neun Tage vor Heiligabend.

“Sehr starke, sehr traurige Zeilen”, kommentierten seine Leser*innen, “Kommt mir bekannt vor” oder einfach “Oha” und “Sorry”.

Ich weiß nicht, ob es mir bekannt vorkommen darf oder sollte:

Als Teenager habe ich mehr Mitschüler mit Worten verletzt, als mich verletzten. Ich wurde nie ernsthaft homophob beschimpft oder gemobbt – und mir hat nie jemand gespiegelt, dass ich auf meiner Schule, in meinem Dorf keinen Platz habe. Man fand mich seltsam, affig, abgehoben, arrogant. Manchmal auch einfach langweilig. Ich wusste: So richtig passt das alles nicht, fast immer.

Doch ich sagte viel öfter, lauter, aggressiver “Ich will weg”, “Das reicht nicht”, “Ich fühle mich hier nicht wohl”…

…als dass man mir sagte “Hau ab!” oder “Du reichst uns nicht!”

Ich dürfte keinen Text posten, wie F. ihn schrieb.

Doch ich überlege fast jeden Tag, sobald mich der Gedanke an mein Dorf, das Leben in der angrenzenden Kleinstadt und das Leben in Heilbronn (…wo drei meiner engsten Freundinnen mittlerweile leben, glücklich) beklemmen oder deprimieren: Darf ich das eng, beklemmend finden – oder bin ich einfach zu stur oder zu blöd, um dort glücklich zu sein? 

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“Je weiter ich von dort, wo ich aufgewachsen war, weg kam, desto freier fühlte ich mich, desto mehr kam ich zu mir selbst, desto besser ging es mir.”

…schreibt Daniel Schreiber in “Zuhause”, einem 120 Seiten langen Essay über Sehnsucht, Geborgenheit, Identität und die Frage, wie man sich alte, bekannte und ganz neue Orte persönlich erschließen, erkämpfen, erarbeiten kann – und, wo solche Arbeit vergebens ist. Schreibers Buch erscheint erst am 20. Februar 2017; Hanser Berlin schickte mir ungefragt ein Leseexemplar. Ausführlich darüber sprechen, als Literaturkritiker, darf ich noch nicht.

Doch eine Stelle geht mir nicht aus dem Kopf:

“Es ist ein Irrtum, die Welt, aus der wir kommen, zu verklären […]. Für viele von uns ist es der schwierigste Ort, den wir in unserem Leben kennen, der Ort, an dem wir die meisten Konflikte austragen, der Ort, an dem wir uns im Leben am meisten reiben – der Ort, in anderen Worten, an dem wir uns am allerfremdesten fühlen.”

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Meine Eltern sind seit fast 20 Jahren geschieden – doch feiern immer noch gemeinsam Heiligabend: Ich bin stolz darauf, wie respektvoll die beiden miteinander umgehen und ich bin recht froh, meinen Vater in diesem Rahmen zu sehen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, jedes Jahr seit 2001, treffen sich meine Schulfreund*innen zum Raclette-Essen: Ich freue mich schon Monate vorher, alle wieder zu sehen, in einem festlichen Rahmen, Buchgeschenke zu verteilen, die neuen Wohnungen zu bewundern und viele Fragen zu stellen, die ich per Mail oder am Telefon nicht stellen kann.

Heiligabend in der Familie und das Freundeskreis-Raclette sind Traditionen, die mir wichtig sind – und Abende, auf die ich auf keinen Fall verzichten will: Einige meiner stärksten oder wertvollsten Erinnerungen stammen aus diesen Abenden, ich liebe die Kontinuität – und weiß, dass ich willkommen bin, erwünscht, und sich fast alle immer sehr freuen, mich zu sehen.

Trotzdem kosten beide Abende – und ihre Vorbereitung, meine Anreise, und die Versuche, Enttäuschungen, Missverständnisse, sehr private, kurze Momente vor, auf und nach diesen Treffen zu verarbeiten – Kraft: Ich bin ab dem 27. Dezember oft tagelang müde. Ich habe nie Lust, Geld, Energie, schon für Silvester neue große Pläne zu machen.

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“Freund G. feiert Weihnachten in einer Großfamilie, tagelang. Das kostet Kraft, aber: “Hinter allem [steht] die Lektion, dass am Ende das große Ganze zählt, nicht jede einzelne Stimmung, nicht jedes einzelne Wort.” Das Anstrengende daran, in Berlin zu leben und die Zuhause-Freund*innen in Süddeutschland (die meisten: ohne Facebook) nur ca. alle zehn Wochen zu sehen, ist, dass ich solche Treffen oft behandle wie ein… Drive-by-ShootingAllen SCHNELL sagen, wie sehr ich sie mag. Alle Fragen zwischen Tür und Angel stellen. “Ihr seid mir wichtig!”-Signalraketen und -Beteuerungen senden. Und dann wieder, wochenlang: kein Kontakt”

…schrieb ich auf Facebook über diese Raclette-Abende.

Doch es gibt ein zweites, größeres Problem:

Beide Abende sind wichtig. Doch sie sind nicht besonders schön, für mich.

Immer wieder schütteln mich Dinge durch – viel länger und stärker, als sie sollten:

Seit ich zuletzt daheim bei meiner Mutter war, Anfang November, hängte sie zwei große gerahmte Fotos zurück in den Flur. Beide zeigen unsere Familie, wie sie in den 80er Jahren war: Mein Vater stolz, meine Mutter unsicher, abgekämpft, mein Bruder und ich in einem Alter, von dem ich glaube, dass meine Mutter es bei Kindern am schönsten findet: Ich konnte nicht lesen. Familie war mein Lebensmittelpunkt. Ich war noch nicht so… seltsam, affig, abgehoben, arrogant wie später mit 9, mit 15, mit 19.

Vor ein paar Wochen kam mein Partner zu Besuch – hier in Süddeutschland. Das Dorf feierte gerade Kirchweih, und meine Mutter erzählte uns, man könne das schwer vergleichen: eine Handvoll Süßigkeiten- und Verkaufsstände, ein Karussell… in ihrer Kindheit in den 60er Jahren war das unbeschreiblich. “Und Bürsten wurden da verkauft! Wo hätte man die kaufen sollen, den Rest des Jahres? Da haben sich alle drauf gefreut.”

Bürsten, Mama? Der Händler auf der Kirchweih war eure einzige Möglichkeit, Bürsten zu kaufen?

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Mit 17 fuhr meine Mutter täglich nach Heidelberg, auf eine Haushaltungsschule. Ich hing noch in der Kreisstadt. Mit 19 fuhr sie nach Wien und Ungarn, allein. Mit Mitte 20 baute sie ein Haus, mit Ende 20 hatte sie Kinder, ihr Leben hat sich in einer Geschwindigkeit (und: Selbstverständlichkeit) geweitet, beschleunigt, entwickelt… mit der mein Leben nicht mithalten kann.

Ich bin nicht sicher, warum sie mir vor allem die rustikalen und fast… vormodernen Geschichten erzählt: Dass sie als Kind bei jedem Gewitter aufgeweckt wurde und in der Küche kauern sollte, falls ein Blitz einschlägt. Dass sie in den Sommerferien Tabakblätter auf Schnüre fädelte, die dann in Scheunen getrocknet wurden. Das Klo war außerhalb des Wohnhauses, die Wände waren mit Zeitungspapier tapeziert, und eine Meldung betraf Picasso und seine Geliebte. “Wie hätte ich sonst je wissen können, wer Picasso war? Das war etwas ganz Besonderes!”

Mit 18 sah sie mit ihrem Vater “Der letzte Tango in Paris”: Mein Opa wollte mitreden können oder ihr die Gelegenheit geben, danach einen Gesprächspartner zu haben – falls der Film zu viel für sie gewesen wäre. Das sind die Geschichten, die ich gern hören würde. Die Stellen, an denen meine Mutter ihrer Zeit voraus war. Mutiger. Hungriger. Oft aber klingt sie, als hätte ihr gar nichts gefehlt zum großen Glück – als still, duldsam, passiv monatelang auf die Kirchweih zu warten. Und den Bürstenverkäufer.

Neulich drückte sie “gefällt mir” auf der Facebook-Seite von “Manufactum”.

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Sobald ich in Berlin Berliner treffe, erkläre ich ihnen viel zu schnell, warum ich nicht viel Lebensqualität aus Berlin ziehen kann: zu grau, zu karg, zu wenig Urban Density, keine wintertauglichen Third Spaces, die ich zu Fuß bequem erreichen kann.

Sobald jemand Hildesheim erwähnt – die Stadt, in der ich fünf Jahre lang studierte – will ich erklären, warum ich dort nicht glücklich war: zu wenig queere Menschen und Diversity, die immer gleichen wenigen Studierenden in allen Seminaren, das städtische Leben fast ohne Akademiker, Buchhandlungen, progressive Kultur.

Fünf Jahre lang war ich jeden Winter in Toronto, den Rest der Zeit zurück im Dorf, im leeren Haus meiner toten Großeltern. Ich glaube, im Vergleich zu vielen Leuten, die fort zogen, kann ich meiner Heimatregion (und, sowieso: meinen alten Freunden und meiner Familie) sehr viel abgewinnen: “Du bist noch so oft daheim? Du drehst nicht durch, nach zwei Tagen?” Ich poste Fotos. Ich lade Leute ein, mich hier im Dorf zu besuchen. Ich schreibe einen Roman über mein elftes Schuljahr – das nirgendwo anders so dicht und wichtig hätte werden können.

Die Menschen hier geben mir sehr viel – sie wohnen nur meist viel zu lange, zermürbende Autofahrten weit weg von meinem eigenen Dorf: Egal, wen ich sehen will – ich sitze dafür 90 Minuten lang allein im Auto; das ich mir vorher von meiner Mutter leihen muss. Das Licht, die viele Natur, die Freude meiner Mutter, sobald ich zu Besuch komme oder länger hier schreibe, arbeite… ich kann hier auftanken.

Ich habe nur zu schnell das Gefühl, dass alle Menschen von hier, sobald sie mich ansehen und sagen “Schön – oder?” meinen “Eigentlich fehlt hier nichts” – und deshalb antworte ich ungefragt auf jedes “Schön – oder?” mit einem “Mir fehlt DAS. Und DAS hat mich als Teenager schon genervt. Und DAS reicht nicht. Und DAS ist in Städten auch viel besser.”

Von 60 Tagen verbringe ich etwa zehn im Dorf. Das sind sieben oder acht Wochen im Jahr.

Es nicht SO schlimm, 50 Tage lang keinen Bahnhof vor der Tür zu haben. Keine S-Bahn. Keine Restaurants, die ich bequem erreichen kann. Keine Buchhandlungen. Keine sichtbaren queeren Menschen, keine postmigrantischen Theaterstücke, keine Cafés voller Laptops.

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Mein Fehler – jedes Jahr, zu Weihnachten:

Dass ich immer genau den Leuten, die freiwillig und gern hier leben, sobald wir uns kurz sehen, zeigen will, warum ich in Toronto und New York glücklicher war. Warum ist mir wichtig, dass ausgerechnet jene Freund*innen, denen das Leben in einer Stadt wie Heilbronn genügt, die nie im Ausland leben wollten, die eine Familie gründen, statt sich immer wieder auf neue Begegnungen und neue Bekanntschaften an neuen Orten zu stürzen, mir sagen: “Ja. Du hast mich überzeugt. Stefan? Ich verstehe, dass du das Leben in Städten schneller, reicher, dynamischer, stimulierender empfindest”?

Ich behandle – ausgerechnet – die Leute, die gern hier leben, wie eine Jury, die mir immer wieder bestätigen soll, dass meine Langeweile, mein Überdruss, mein Augenrollen oft gerechtfertigt sind. Meine städtischen, meine queeren, meine Akademikerfreunde fragen sich, warum ich so oft zurück komme, so viel Zeit im Dorf verbringe: “Was gibt dir das? Mir gäbe das nichts.” (Denen müsste ich meinen Überdruss gar nicht erklären.)

Meine Provinzfreunde aber fragen: “Was hast du denn dagegen?” (und: “Nenn uns doch bitte nicht ‘Provinzfreunde’! Das klingt ja schlimm.”).

Die “Jury” fühlt sich dann als Angeklagte.

Ich treffe Menschen, auf die ich mich seit Wochen freue – und sage: “Der Fernbus war teuer und schwer zu erreichen. Die Fahrt in Mamas Auto dauerte ewig. Heilbronn gibt mir nichts. All dieses Hin-und-Herfahren zermürbt mich. Meine Facebook-Freunde wissen mehr von mir als ihr, mittlerweile. Das Raclette kostet Kraft. Mir fällt hier kein Café ein, in dem ich gern sitzen würde. Ach… und kommt mich gern in Berlin besuchen. Aber da ist es trostlos, grau, kalt und alles liegt zu weit auseinander.”

Waren für meine Mutter wirklich die biederen 80er Jahre in der Kleinfamilie die schönste Zeit des Lebens? War noch früher die Kirchweih einer der schönsten Tage ihres Jahres? Und wenn: Ist das so schlimm für mich? Warum werde ich wütend, sobald jemand sagt: Struktur ist gut. Nachbarn sind gut. Das Dorf ist groß genug. Alles, was wichtig ist, ist um uns herum ausreichend vorhanden. Eigentlich ist alles da. Das passt schon, im Großen und Ganzen.

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Ich glaube, Weihnachten wird leichter, sobald ich diese Großstadt-Plädoyers, Wegzieh-Rechtfertigungen verschiebe: Fast alle Menschen, mit denen ich regelmäßig spreche, schreibe, befreundet bin, verstehen sofort, dass ich in einem Dorf nicht sonderlich gut aufgehoben bin. Aber die Leute, von denen ich mir am dringendsten wünsche, zu hören “Klar. Geh! Ich glaube nicht, dass du hier glücklich werden könntest”, sind die Leute, die hier glücklich wurden. Oder daran arbeiten. Und sagen: “Hör auf, zu jammern, dass hier alles fehlt. Hier ist so viel. Du müsstest dir nur mehr Mühe geben.”

Der Tag, an dem ich richtig gern hier bin, ist nicht der beste Tag, um allen dauernd ungefragt und wütend zu erklären, warum ich grundsätzlich lieber woanders bin.

Die besten Comics 2016: meine Empfehlungen bei Deutschlandradio Kultur

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bei Deutschlandradio Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

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schon 2015 stellte ich 20 aktuelle Reihen vor, hier (Link).

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heute kurz im Blog, ergänzend: “Leseproben”, kurze Ausschnitte aus allen 20 Titeln.

Texte zu den 20 Titeln, wie gesagt: drüben bei Deutschlandradio Kultur.

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20. Black Magick
Autor: Greg Rucka, Zeichnerin: Nicola Scott
Image Comics, Oktober 2015 bis Februar 2016.
5+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird Mitte 2017 fortgesetzt.

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19. Arcadia
Autor: Alex Paknadel, Zeichner: Eric Scott Pfeiffer
Boom! Studios, Mai 2015 bis Februar 2016.
8 Hefte in einem Sammelband, abgeschlossen.

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18. The Violent
Autor: Ed Brisson, Zeichner: Adam Gorham
Image Comics, Dezember 2015 bis Juli 2016.
5 Hefte in einem Sammelband, in sich geschlossen – aber könnte fortgesetzt werden.

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17. Monstress
Autorin: Marjorie Liu, Zeichnerin: Sana Takeda
Image Comics, seit November 2015.
8+ Hefte, bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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16. Prez
Autor: Mark Russell, Zeichner: Ben Caldwell
DC Comics, Juni bis Dezember 2015.
Als zwölfteilige Heftreihe geplant, doch nach sechs Heften (in einem Sammelband) abgesetzt; sehr gute Kritiken, deshalb steht die Möglichkeit einer Fortsetzung im Raum.

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15. Action Comics
Autor: Dan Jurgens; wechselnde Zeichner, v.a. Patrick Zircher und Tyler Kirkham
DC Comics, erscheint seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt “Action Comics 957”.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt. Parallel lesen: die Reihen “Superman”, “Trinity” und “Superwoman”.

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14. Harrow County
Autor: Cullen Bunn, Zeichner: meist Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
18+ Hefte in 4+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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13. Detective Comics
Autor: James Tynion IV, Zeichner: meist Eddie Barrows oder Alvaro Martinez
DC Comics, seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt “Detective Comics 934”.
13+ Hefte in 2+ Sammelbänden (und einem Crossover-Band namens “Night of the Monster Men”, der übersprungen werden kann), wird fortgesetzt.

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12. The Fix
Autor: Nick Spencer, Zeichner: Steve Lieber
Image Comics, seit April 2016.
6+ Hefte in mindestens 2 Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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11. Nailbiter
Autor: Joshua Williamson, Zeichner: Mike Henderson
Image Comics, seit Mai 2014.
27+ Hefte in 5+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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10. Gute Nacht, Punpun
Autor und Zeichner: Inio Asano.
Shogagukan, 2007 bis 2013.
147 monatliche Kapitel, gesammelt in 13 Sammelbänden, abgeschlossen (2016 auf Deutsch).

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9. Wonder Woman: The True Amazon
Autorin und Zeichnerin: Jill Thompson
DC Comics, September 2016
als Buch erschienene Graphic Novel, 128 Seiten; hat ein recht offenes Ende: Fortsetzung sehr wahrscheinlich.

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8. The Vision
Autor: Tom King, Zeichner: Gabriel Hernandez Walta
Marvel Comics, November 2015 bis November 2016.
12 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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7. Billy Bat
Autor und Zeichner: Naoki Urazawa
Kodansha, Oktober 2008 bis August 2016.
165 monatliche Kapitel, gesammelt in 20 Sammelbänden, abgeschlossen (auch auf Deutsch fast vollständig).

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6. Injection
Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey
Image Comics, seit Mai 2015, nach jeweils 5 Heften längere Pause.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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5. Die Stadt, in der es mich nicht gibt
Text und Zeichnungen: Kei Sanbe
Kadokawa, Juni 2012 bis März 2016.
44 monatliche Kapitel, gesammelt in 8 Sammelbänden, abgeschlossen (auch bald auf Deutsch). Fünfteiliger Epilog im Dezember 2016 abgeschlossen.

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4. Darth Vader
Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larroca
Marvel Comics, Februar 2014 bis Oktober 2016.
26 Hefte (und das gelungene Crossover “Vader Down”), gesammelt in 4 (+1) Sammelbänden, wird mit der Spin-Off-Reihe “Doctor Aphra” fortgesetzt.

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3. The Fade Out
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, August 2014 bis Januar 2016.
12 Hefte, gesammelt in 3 Sammelbänden, abgeschlossen.

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2. Invisible Republic
Text: Corinna Bechko und Gabriel Hardman, Zeichnungen: Gabriel Hardman
Image Comics, seit März 2015.
13+ monatliche Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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1. Panter
Autor und Zeichner: Brecht Evens.
Deutsch bei Reprodukt.
120 Seiten, abgeschlossen.

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und:

Gefeierte US-Reihen wie “Saga”, “Lazarus”, “Ms. Marvel” und “Southern Bastards” veröffentlichten auch 2016 neue Hefte und Sammelbände, auf gewohnt hohem Niveau. Auch der Manga “I am Hero” überzeugt seit Jahren.

Die besten Bücher 2017: erste Favoriten und Empfehlungen

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angelesen und gemocht: [Update – 12 Bücher ab Sommer 2017, mehr hier]

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Colson Whitehead: “Underground Railroad” (Hanser, 21.8. – Deutsch von Nikolaus Stingl) “Cora ist eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Da hört sie von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk. Über eine Falltür beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit?”

Mariana Leky: “Was man von hier aus sehen kann” (Dumont, 18.7.) “Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt.”

Geoffrey Household: “Einzelgänger, männlich” (Kein & Aber, 5.9. – Deutsch von Michel Bodmer) “Europa Anfang der Dreißigerjahre: Ein Jäger schleicht sich auf das Anwesen eines gefürchteten Diktators, legt an und zielt. Ein unvorstellbar spannender Thriller, geschrieben aus der Sicht des Verfolgten.” [Klassiker von 1939]

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neue Bücher 2017 Gael Faye, Betty Smith, Tom Drury

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Gael Faye: “Kleines Land” (Piper, 2.10. – Deutsch von Brigitte Große, Andrea Alvermann) “Als Kind pflückte Gabriel in Burundi mit seinen Freunden Mangos von den Bäumen. Heute lebt er in einem Vorort von Paris. Dorthin floh er, als der Bürgerkrieg das Paradies seiner Kindheit zerstörte. Doch er muss noch einmal zurück.”

Betty Smith: “Ein Baum wächst in Brooklyn” (Suhrkamp/Insel, 23.10. – Deutsch von Eike Schönfeld) “Die elfjährige Francie Nolan ist eine unbändige Leserin – und möchte Schriftstellerin werden. Ein Traum, der im bunten, ruppigen Williamsburg von 1912 kaum zu erfüllen ist. Hier brummen die Mietshäuser vor all den Zugewanderten.” [Klassiker von 1944.]

Tom Drury: “Grouse County” (Sammelband einer Romantrilogie, ich las und mochte “Die Traumjäger”; 5.8. – Deutsch von Gerhard Falkner, Nora Matocza) “Irgendwo im Mittleren Westen: Das Leben der Menschen zerbröckelt langsam, alle jagen unrealistischen Träumen nach – und sind Dorn im Auge des örtlichen Sheriffs, Dan Norman, der die Harmonie in seinem County wahren will. Die jüngere Generation sieht dagegen nur einen Ausweg, dem ländlichen Mief zu entkommen: nie mehr zurückkehren. Der Band enthählt die drei Romane »Das Ende des Vandalismus«, »Die Traumjäger « und den bisher auf Deutsch unveröffentlichten Roman »Pazifik«.”

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neue Bücher 2017 Tim Winton, Margaret Atwood, Elena Lappin

Tim Winton: “Inselleben. Mein Australien” (Luchterhand, 24.7. – Deutsch von Klaus Berr) [Ich glaube, das ist der schwülstigste, unfreiwillig komischste Klappentext, den ich dieses Jahr las. Winton selbst schreibt zum Glück nicht halb so… pfaffenhaft.]

Margaret Atwood: “Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays [bis 2005]” (Berlin Verlag, 13.10. – Deutsch von Christiane Buchner, Claudia Max, Ina Pfitzner) ” Rezensionen zu John Updike und Toni Morrison; ein Afghanistan-Reisebericht, der zur Grundlage für den ‘Report der Magd’ wurde, leidenschaftliche Schriften zu ökologischen Themen, Nachrufe auf einige ihrer großen Freunde und Autorenkollegen…”

Elena Lappin: “In welcher Sprache träume ich?” (Kiepenheuer & Witsch, 7.9. – Deutsch von Hans Christian Oeser) “Hineingeboren ins Russische, verpflanzt erst ins Tschechische, dann ins Deutsche, eingeführt ins Hebräische und schließlich adoptiert vom Englischen – jede Sprache markiert einen neuen Lebensabschnitt in der Familiengeschichte Elena Lappins: Fragen nach Heimat, Identität, Judentum und Sprache. Sensibel geht sie den Erzählungen, Lebenslügen und Geheimnissen der Eltern und Großeltern nach und schildert, was es heißt, mit gleich mehrfach gekappten Wurzeln zu leben und auch nach dem Verlust einer Muttersprache schreiben zu wollen.”

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neue Bücher 2017 Benjamin Alire Saenz, Guy Gavriel Kay, James Corey

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Benjamin Alire Saenz: “Die unerklärliche Logik meines Lebens” (Jugendbuch, Hanser bei Thienemann, 19.8. – Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn) “Sich gegenseitig auffangen – das haben Sal und seine beste Freundin Samantha bisher immer geschafft. Doch gelingt das auch, wenn alles droht, auseinanderzubrechen? Das letzte Schuljahr stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Sam gerät an einen miesen Typen, während Sal verzweifelt versucht, nicht zu einem zu werden.”

Guy Gavriel Kay: “Am Fluss der Sterne” (Fantasy, spielt 400 Jahre nach “Im Schatten des Himmels”, Fischer TOR, 26.10. – Deutsch von Ulrike Brauns) “Einst galt Xi’an als schönste Stadt der zivilisierten Welt, der Kaiserhof als Hort des Luxus und der Kultur. Doch seit Kitai in weiten Teilen an die Barbaren aus dem Norden gefallen ist, herrscht Angst auf den Straßen, und das Heulen der Wölfe hallt durch verfallene Gemäuer.”

James Corey: “Babylons Asche” (Science Fiction, Band 6 der “The Expanse”-Reihe, Heyne, 13.6. – Deutsch von Jürgen Langowski) “Die Menschheit hat das Sonnensystem kolonisiert. Auf dem Mond, dem Mars, im Asteroidengürtel und noch darüber hinaus gibt es Stationen und werden Rohstoffe abgebaut. Doch die Sterne sind den Menschen bisher verwehrt geblieben. Als der Kapitän eines kleinen Minenschiffs ein havariertes Schiff aufbringt, ahnt er nicht, welch gefährliches Geheimnis er in Händen hält – ein Geheimnis, das die Zukunft der ganzen menschlichen Zivilisation für immer verändern wird.”

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CHRIS KRAUS, “I love Dick” (Matthes & Seitz, 30. Januar. Deutsch von Kevin Vennemann.)

FLURIN JECKER, “Lanz” (Nagel & Kimche, 20. Februar)

DON CARPENTER, “Freitags bei Enrico’s” (Klett-Cotta, 8. April. Deutsch von Bernhard Robben.)

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TREVOR NOAH, “Farbenblind” (Blessing, 6. März. Deutsch von Heike Schlatterer.)

ROBERT GERWARTH, “Die Besiegten. Das blutige Ende des ersten Weltkriegs” (Siedler, 23. Januar. Deutsch von Alexander Weber.)

MURRAY SHANAHAN, “The Technological Singularity” (Matthes & Seitz, 27. Februar. Deutsch von Nadine Miller.)

SIDDHARTHA MUKHERJEE, “Die Gene. Eine sehr persönliche Geschichte” (S. Fischer, 24. Mai. Deutsch von Ulrike Bischoff.)

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deutschsprachige Literatur:

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ANNA KIM, “Die große Heimkehr” (Suhrkamp, 16. Januar)

KRISTINA PFISTER, “Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten” (Klett-Cotta, 11. Februar)

NATASCHA WODIN, “Sie kam aus Mariupol” (Rowohlt, 17. Februar)

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GERHARD HENSCHEL, “Arbeiterroman” (Hoffmann & Campe, 17. Februar)

LUISE MAIER, “Dass wir uns haben” (Wallstein, 27. Februar)

ANKE STELLING, “Fürsorge” (Verbrecher Verlag, 28. Februar)

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KERSTIN PREIWUSS, “Nach Onkalo” (Berlin Verlag, 1. März)

MASCHA DABIC, “Reibungsverluste” (Edition Atelier, 1. März)

STEPHAN LOHSE, “Ein fauler Gott” (Suhrkamp, 6. März)

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NIAH FINNIK, “Fuchsteufelsstill” (Ullstein, 7. April)

ENNO STAHL, “Spätkirmes” (Verbrecher Verlag, 18. April)

CHRISTOPH SCHULTE-RICHTERING, “32 Tage Juli” (Rowohlt Berlin, 22. April)

SVENJA GRÄFEN, “Das Rauschen in unseren Köpfen” (Ullstein, 12. Mai)

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internationale Literatur, neu auf Deutsch:

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HANYA YANAGIHARA, “Ein wenig Leben” (Hanser Berlin, 30. Januar. Deutsch von Stephan Kleiner.)

GUSEL JACHINA, “Suleika öffnet die Augen” (Aufbau, 17. Februar, Deutsch von Helmut Ettinger.)

MAURIZIO TORCHIO, “Das angehaltene Leben” (Zsolnay, 20. Februar, Deutsch von Annette Kopetzki.)

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GONZALO TORNÉ, “Meine Geschichte ohne dich” (DVA, 6. März. Deutsch von Petra Strien-Bourmer.)

MILJENKO JERGOVIC, “Die unerhörte Geschichte meiner Familie” (Schöffling, 8. März. Deutsch von Brigitte Döbert.)

KIM THUY, “Die vielen Namen der Liebe” (Kunstmann, 8. März. Deutsch von Andrea Alvermann, Brigitte Große.)

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CARSTEN JENSEN, “Der erste Stein” (Knaus, 13. März, Deutsch von Ulrich Sonnenberg.)

LUKE KENNARD, “Transition: Das Programm” (Droemer, 3. April. Deutsch von Karl-Heinz Ebnet.)

OLIVIA SUDJIC, “Sympathie” (Kein & Aber, 7. April, Deutsch von Ann-Christin Kramer.)

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VAL EMMICH, “Die Unvergesslichen” (Droemer, 2. Mai. Deutsch von Eva Bonné.)

FRANCESCA SEGAL, “Ein sonderbares Alter” (Kein & Aber, 5. Mai, Deutsch von Anna-Nina Kroll.)

AE-RAN KIM, “Mein pochendes Leben” (Cass, Deutsch von Sebastian Bring.)

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Comics:

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HAMID SULAIMAN, “Freedom Hospital” (Hanser Berlin, Kai Pfeiffer.)

GUY DELISLE, “Geisel” (Reprodukt, 1. März. Deutsch von Heike Drescher.)

DANIEL CLOWES, “Patience” (Reprodukt, 1. März. Deutsch von Jan Dinter.)

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Sachbuch: 

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ILIJA TROJANOW, “Nach der Flucht” (S. Fischer)

BETTINA STANGNETH, “Lügen lesen” (Rowohlt, 23. Juni)

TALI SHAROT, “Die Meinung der anderen” (Siedler, 9. Mai. Deutsch von Susanne Kuhlmann-Krieg.)

JOACHIM RADKAU, “Geschichte der Zukunft” (Hanser, 30. Januar)

MOHAMED AMJAHID, “Unter Weißen”

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gelesen:

RACHEL KUSHNER, “Telex aus Kuba” (Rowohlt, 22. April. Deutsch von Bettina Abarbanell.)

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Links zu den (v.a. Belletristik-) Vorschaukatalogen für Frühling/Frühjahr/erstes Halbjahr 2017…

…der meisten größeren deutschsprachigen Verlage.

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Albino | Antje Kunstmann | Atlantik | Aufbau | Berenberg | Berlin Verlag | Blessing | Blumenbar | Braumüller | btb | C.H. BeckDiogenes | Dörlemann | Droemer Knaur | Dumont | dtvDVA | Edition Atelier | Edition Büchergilde | Edition fotoTAPETA | Edition Nautilus | Galiani | Goldmann | Guggolz | Hanser | Hanser Berlin | Hoffmann und Campe (und das neue Imprint Tempo) | Insel | Jung und Jung | Kein & Aber | Kiepenheuer & Witsch | Klaus Wagenbach (n/a) | Klett-Cotta (und Imprint Tropen) | KnausKremayr & Scheriau | Liebeskind | List | Louisoder |  Luchterhand | LuftschachtManesse | Matthes & Seitz | Mikrotext | Nagel & KimchePenguin | PiperPolar Verlag | Reclam | Reprodukt (Comics) | Rowohlt; und Rowohlt BerlinS. Fischer | SchöfflingSiedlerSuhrkamp | Ullstein (und das neue Imprint Ullstein Fünf) | Verbrecher Verlag | Voland & Quist | WallsteinWeidleZsolnay/Deuticke

Danke an Ilja Regier, der Mitte 2016 eine ähnliche Liste erstellte, für die Herbst-Novitäten.

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Verlags-Vorschauen Frühjahr 2017 – verlinkt

neue Bücher 2016

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nur kurz, gesammelt:

Links zu den (v.a. Belletristik-) Vorschaukatalogen für Frühling/Frühjahr/erstes Halbjahr 2017…

…der meisten größeren deutschsprachigen Verlage.

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Albino | Antje Kunstmann | Atlantik | Aufbau | Berenberg | Berlin Verlag | Blessing | Blumenbar | Braumüller | btb | C.H. BeckDiogenes | Dörlemann | Droemer Knaur | Dumont | DVA | Edition Atelier | Edition Büchergilde | Edition fotoTAPETA | Edition Nautilus | Galiani | Goldmann | Guggolz | Hanser | Hanser Berlin | Hoffmann und Campe (und das neue Imprint Tempo) | Insel | Jung und Jung | Kein & Aber | Kiepenheuer & Witsch | Klaus Wagenbach (n/a) | Klett-Cotta (und Imprint Tropen) | KnausKremayr & Scheriau | Liebeskind | List | Louisoder |  Luchterhand | Manesse | Matthes & Seitz | Mikrotext | Nagel & KimchePenguin | PiperPolar Verlag | Reclam | Reprodukt (Comics) | Rowohlt; und Rowohlt BerlinS. Fischer | SchöfflingSiedlerSuhrkamp | Ullstein (und das neue Imprint Ullstein Fünf) | Verbrecher Verlag | Voland & Quist | WallsteinWeidleZsolnay/Deuticke

Danke an Ilja Regier, der Mitte 2016 eine ähnliche Liste erstellte, für die Herbst-Novitäten.

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“Westworld”: Empfehlung & Kritik

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Vom 7. bis 12. Dezember 2016 sehe ich die erste Staffel von “Westworld”…

…und werde zu jeder Episode kurze Ideen, Anmerkungen, Fragen bloggen. Ich bin Kulturjournalist und schreibe meist über Literatur. Doch ich liebe gute Serien (Favoriten: “Six Feet Under”, “Willkommen im Leben”, “Mad Men”, “Girls”, “Neon Genesis Evangelion”) und blogge hin und wieder ausführlich über Serien und Filme, z.B.

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Über “Westworld” – Michael Crichtons Drehbuch/Grundidee, den Film von 1973 und Staffel 1 der HBO-Serie von 2016 – spreche ich auch am 15. Dezember auf Deutschlandradio Kultur, im Magazin “Lesart”.

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Links zur Serie:

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1_01: Solide Kulissen, tolle Landschaften, ruhige und übersichtliche Kamerafahrten, grandiose Lichtstimmung! Ich fühle mich in dieser Erzählwelt wohl. Nur der “Kampfstern Galactica”-Look hinter den Kulissen stört: Seit über 20 Jahren sehen futuristische Anlagen fast immer gleich aus. Wollen (oft kreative) Mitarbeiter*innen so arbeiten – in dunklen, sterilen, monotonen Labors? Und müssen die Lagerräume und Sublevels immer aussehen wie in “The Pretender” oder Michael Crichtons “Coma”: super-creepy?

1_02: Die Hosts sind mir bisher, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sympathisch. Doch Tonfall und Stimmung in der Zentrale machen mich kirre: Zu viele fluchende, paranoide, grundlos gehässige Kollegenschweine, die aufeinander einhacken. Ich denke a) an “unReal”, eine Soap über gnadenlose, bitchy Produzent*innen eines Reality-Formats, aber b) auch an die vielen Berichte über den Stolz, Perfektionismus und die übertrieben gute Stimmung der Menschen, die Disney-Parks betreiben: “Imagineers”. Im “Westworld”-Team wird mir der Conflict Ball zu hart, hämisch geworfen. Jeder sägt am Ast von jedem anderen? Das wird schnell unfreiwillig komisch.

1_03: Mich freut, dass der einzige Mensch, bei dem Libido, Begehren, Sexualität wichtig sind, queer oder lesbisch sein könnte: Elsie (Shannon Woodward). Und ich mag, wie gemütvoll und versponnen Bernard denkt, arbeitet, reagiert. Ich kann mir vorstellen, dass er der größte Sympathieträger wird. Oder, interessanter: für immer mehr Schwierigkeiten sorgt, Menschen in Gefahr bringt.

1_04: Shakespeare-Zitate? Uff. Immerhin: Mal sehen, ob Gertrude Stein zitiert wird/wichtig bleibt, und, ob “Westworld”-Fans deren Bücher durchsuchen. Trotzdem ist mir das drei Nummern zu… gravitätisch. Bei “Lost” nervte mich schnell, wie sicher sich vor allem die beiden alten Männer Locke und Ben sind, Hauptfiguren in einem großen, metaphysischen Spiel zu sein. Anthony Hopkins (als Robert Ford) und Ed Harris (als Gunslinger) raunen, schmunzeln, spielen, monologisieren im selben Stil… und gehen mir schon im Pilotfilm auf die Nerven: Ich weiß nicht, wieso Harris glaubt, es gäbe ein tieferes Level, eine versteckte Spielebene. Ich weiß nicht, wieso Hopkins nur darauf wartet, dass die Hosts ihre Schöpfer überflügeln. Doch ich fände schöner, klüger, subversiver, falls die beiden Männer nicht Recht hätten, und ihr metaphysisches Gewäsch… Gewäsch bleibt. (Schön an Harris: In echten Bezahl-Spielen sind reiche Geldgeber, “Walfische”, sehr wichtig – und ich glaube, über das Entitlement und die Illusionen von alten Männern, die viel Geld ausgeben, um in einem Spiel zu Göttern zu werden, kann man interessante(re) Geschichten erzählen. Toller Text z.B. über den Spiele- “Walfisch” Stephen Barnes.)

1_05: Mir scheint, das Hinter-den-Kulissen-Team hat bisher ein, zwei Figuren mehr als nötig. Muss jemand sterben oder gehen? Wer sind die Cylons, Maulwürfe, Betrüger? #balance

1_06: Wie lange dauert ein Narrative Loop, ein Erzähl-Durchgang im Park? Im Pilotfilm sah es aus wie ein Tag – doch die meisten Besucher*innen sind, denke ich, viel länger zu Besuch, und gute Storylines brauchen viel mehr Zeit. Wer räumt auf, wäscht die Kostüme, repariert die Kulissen? Und: Wann? Müssen Besucher*innen z.B. nachts für ein paar Stunden bestimmte Sets verlassen? Oder wird immer nur am Ende jedes Loops geputzt?

1_07: Wer genug Geld hat, um sich von anderen tagelang bedienen zu lassen, ist oft grausam, distanziert oder überraschend ordinär. Mir gefällt, dass das Produktionsteam Westworld als einen Ort beschreibt, in dem reiche Menschen Indianer töten wollen – weil das viel über Feindbilder sagt, Klassenkampf, Rassismen, Klischees. Ich wünsche mir viel mehr Szenen mit Besuchern: Was wollen sie kompensieren? Funktioniert die Illusion, für sie? Sobald im echten Leben Leute erzählen, warum sie MMORPGs spielen, in Disney-Parks reisen, Kreuzfahrten buchen, lassen ihre Gründe tief blicken. Mehr davon hier, bitte: Wie banal, wie rassistisch, wie plump muss der Park sein, damit Menschen dort gern ihr Geld lassen? Bisher z.B. scheinen mir die Gangster/bösen Hosts flach, schlecht geschrieben – was aber zu meiner Befürchtung passt: Ich halte Lee Sizemore (der Brite, der einfallslos flucht und die Storyline der Hosts entwarf) für einen Stümper. Und ich glaube, die Zielgruppe des Parks will eine eher flache Geschichte.

1_08: Dolores ist programmiert, um keiner Fliege etwas zuleide zu tun. Sie tötet die Fliege – und der Pilotfilm endet. Freund M.: “Das hätte nebenher gezeigt werden müssen, in einer beiläufigen Geste. Nicht als finaler Schock. Die Serie erzählt zu langsam, plump.”

1_09: Ich denke an Liverollenspiele – in denen sich Spieler*innen treffen und gemeinsam verabreden, eine Illusion aufrecht zu halten – und wünsche mir, dass a) mehr Besucher*innen die Illusion des Parks als Herausforderung verstehen, daran rütteln, die Roboter und Erzählmechaniken bewusst trollen, sich verhalten wie in einem Luzidtraum; und b) die Serie selbst zeigt, wo die Park-Illusion an ihre Grenzen gerät und, ob extreme Nähe zur Wirklichkeit gut für den Spielspaß ist… oder eben: gerade nicht. Dass im Saloon “Paint it black” von den Rolling Stones läuft, halte ich für ein gutes Zeichen: Den Machern des Parks ging es offenbar nicht darum, Geschichte (History) nachzubauen… sondern um eine möglichst mitreißende Oberfläche, Spielmechanik. Grundsätzlich also: Alles, was bisher zu schmuddelig, düster, hart war, um in den Holodeck-Episoden von “Star Trek” thematisiert zu werden? Hier ist Platz! Bitte erzählen, bitte hinterfragen!

1_10: Der Vorspann langweilt mich schon beim ersten Ansehen. Es gibt kaum HBO-Intros, die ich gern mehrmals sehe (vielleicht “Game of Thrones”, weil je nach Episode neue, andere Locations gezeigt werden; vielleicht “True Blood”, wegen Sound/Tempo/Dynamik). Doch bei “Westworld” denke ich an “Six Feet Under”, 2001: Wenn man bei HBO lange Intros noch heute wichtig/sinnvoll findet… will ich bitte etwas sehen, das ich nicht bereits 2001 sah. (Aber: Das sind 3D-Drucker, oder? Ich bin gespannt, ob die Serie noch etwas Interessantes/mir Neues zeigen wird, über z.B. das Drucken von Fleisch und Fasern.)

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2_01: Zu viele Serien starten mit einem Neuankömmling und seinen ersten Schritten durch ein ihm fremdes System. Im Pilotfilm erschien Teddy kurz als diese Sorte Figur – ein Gast, unterwegs zu einem weiteren Urlaub mit Dolores? Mich freut, dass Folge 1 dann anders verlief; doch Folge 2 trotzdem zeigt, wie neue Besucher – William und Logan – den Park erleben. Auch Maeve (Thandie Newton) hatte im Pilotfilm kaum Raum. Gut, dass offenbar nicht jede Folge vor allem um Dolores, Ford, Bernard kreisen wird.

2_02: Ich bin gesichtsblind – aber kann die “Westworld”-Rollen recht gut unterscheiden, durch Kostüme und die Trennung Park/Zentrale. Ein kleineres Problem sind Stimmen: Spricht Bernard mit Dolores – oder hört sie auch Fragen von Ford? Ich brauche noch Zeit, um das treffsicher zu hören. Den nackten Teddy im Säuberungs-Glaskasten erkannte ich nicht. Die Köpfe in Fords Büro sagen mir so wenig wie die Halle der Gesichter bei “Game of Thrones”. Und ein Problem für mich als Deutscher: “Fackeln im Sturm” ist lange her. Jedes US-Kind erkennt eine Konföderierten-Uniform; weiß wohl bereits, welches Jahrzehnt der Park nachbildet, wie Mexikaner, Schwarze, Nord-, Südstaatler und Native Americans hier zu- und gegeneinander stehen. Ich weiß es nicht.

2_03: Weniger Panorama- und Luftaufnahmen: In Folge 2 wirkt alles enger, etwas billiger inszeniert. Doch ich bin froh um den modernen Shuttle-Bahnhof, und habe hoffentlich bald ein wenig Überblick, wie die (grundlos düstere) Zentrale aufgebaut ist. [Trotzdem erinnerte mich der Bahnhof an z.B. das tiefste Level des Berliner Hauptbahnhofs. Ich denke oft: Hätte Deutschland noch mehr Geld – alles sähe bald so aus. Nur: mit mehr gebürstetem Stahl.]

2_04: Ich mag, wie viele Handlungsstränge parallel ablaufen. Aber wünschte, alles würde sich schneller, interessanter überschneiden. Meist haben Serien drei Stränge pro Episode. Ab vier parallelen Storylines wird es oft etwas träge. “Westworld” bleibt langsam, einfach, eher schlicht erzählt – doch durch die sechs, sieben Stränge hatte ich angenehm viel zu denken. Mein Partner hätte Park und Zentrale dagegen lieber kennen gelernt, indem pro Folge nur eine Figur genau verfolgt wird: ein Host, ein Gast, eine Mitarbeiterin wie Elsie, dann Bernard oder Ford… doch mir gefallen die schnellen Brüche, Abwechslungen, Kontraste. Aber: Serien mit vielen Strängen haben oft besondere Episoden, in denen von Anfang an oder plötzlich, mittendrin nur noch eine einzelne Figur ins Zentrum tritt. Deshalb: Bleibt die Struktur? Wirklich in jeder Folge?

2_05: Bei Maeves Flucht durch die Zentrale dachte ich erneut an Michael Crichtons “Coma”. Body Horror (Körper, mit denen etwas *überhaupt* nicht stimmt) und Rape Culture (Frauen als Objekt, Sex als Machtspiel) sind in fast jeder Szene Thema (wie in vielen HBO-Serien, durchgängig) – doch bisher sehe ich nicht, dass “Westworld” daraus interessante Fragen zieht: Stumpfe ich ab, wenn alle 15 Minuten eine Frau/Maschine/Puppe vergewaltigt wird? Der ganze Park scheint auf Mord, sexuelle Gewalt, “Hier darfst du mit Unterlegenen, die sich nicht wehren können, ohne Angst vor Strafe alles tun”-Versprechen zu setzen: ein recht simples Menschen-, Kunden-, Spieler-Bild. Gibt es NUR Gäste, die Westworld als Western-GTA-Sandbox genießen – und keinen, der das sinn- oder trostlos findet? Und: Werden jetzt zehn Folgen lang einfach nur Tabus verletzt, Verkommenheit gezeigt? Gibt es z.B. Kinder-Roboter, die für Sex bereit stehen? (Nebenbei: Trotz so vieler geschundener, manipulierter Körper wird bisher nichts über Behinderung erzählt.)

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3_01: Online-Freund Gabriel Yoran las meine Fragen zu Folge 1 – und stutzte, warum ich nicht auch z.B. nach dem narrativen Raum frage: “Wo ist da eigentlich was?” Jetzt, während Folge 3, überlegte ich tatsächlich dauernd: Wie werden die Hosts – z.B. Dolores für ihre vielen Verhöre – hinter die Kulissen transportiert? Warum brauchen Elsie und Stubbs Stunden, um den verirrten Host zu finden? Ist die Zentrale so schlecht überwacht, dass Maeve minutenlang flüchten kann – ohne, dass Sensoren Alarm schlagen? Sobald sich alles weiter zuspitzt, werden wir bestimmt auch Hubschrauber, Hovercrafts, absurde Technik mitten im Park sehen – dramatische Anachronismen. Und was liegt außerhalb der Anlage? Wann spielt das? Bernard führt einen simplen Video-Chat mit seiner (Ex-)Frau – doch sagt (lügt? witzelt?): “You know how hard it is to get an open line out here.” Wir wissen nichts über die Welt jenseits des Parks – und solche Auslassungen sollen, denke ich, späte Überraschungen, Schockeffekte, möglich machen. Doch ich würde lieber jetzt schon sehen, wie sich Park, Zentrale und Außenwelt/politische Gegenwart gegenseitig bedingen.

3_02: Dolores’ Kleid, Frisur, Haarfarbe: Alice im Wunderland. Ford lässt sie holen – und sie ist nackt. Bernard lässt sie holen – und sie bleibt angezogen. Ich mag diese Verhöre/Diskussionen (und bin meist überrascht, wie lange solche Szenen dauern, ohne, langweilig zu werden), doch ich habe Angst, dass eine menschliche Figur unsterblich werden wollte/sollte, und jetzt als Virus in den Hosts steckt: Arnold? Oder Charlie, Bernards toter Sohn?

3_03: Schön, wie schnell “Westworld” Leitmotive, Arc Words, Grundfragen und Gegensatzpaare etabliert. Sprechende Ortsnamen – Escalanto, Pariah, Sweetwater, die “Ghost Nation”. Wiederkehrende Sätze wie “There’s a path for everyone” oder “Not much of a rind on you” (Body Horror!). Ich mag, dass übers Träumen gesprochen wird, doch überraschend selten übers Spielen oder über Schuld/Unschuld, oder über Kunst/Künstlichkeit – als Gegenteil zu Natur/Natürlichkeit. Ich mag, dass Ford eine Pyramide entwirft und die Spitze nicht kennt. Ich mag, dass das Labyrinth eine besonders interessante Mitte hat, doch der Park selbst nach außen hin komplexer, attraktiver, reicher wird… und, dass die Serie gern mit Kreisen arbeitet statt mit simpleren Modellen wie “oben vs. unten”, “innen vs. außen”, “hinten vs. vorne”. Beginnt jede einzelne Folge mit Dolores? [Spoiler: nö.] Und wiederholen sich bedeutungsschwangere Sätze nur, weil Menschen/Künstler den Hosts Skripte schrieben – oder gibt es (wie z.B. in “Lost”) auch Wiederholungen, die suggerieren: Das ganze Universum hat hier eine gewisse Symmetrie, Sinnhaftigkeit, höhere Ordnung – nicht bloß der künstliche Park? Mich würde freuen, wenn der Park voll literarischer Motivketten steckt – doch die Zentrale, die echte Welt gar nicht. #realismus #zufall

3_04: Zu viele Szenen im Park sind nur spannend, weil wir nicht wissen, wer Host ist, wer Besucher. Auch Dolores’ Pistole ist für mich v.a. interessant, weil unklar bleibt, ob sie auch Menschen verletzt. Ich dachte erst, Besucher lassen sich erkennen, weil Leute im 19. Jahrhundert anders fluchten – doch für mich klingen fast alle Figuren gleich (…albern): Der Ton in der Zentrale bleibt zickig, lächerlich überspannt. Und auch im Park wird ständig “Fuck” gesagt. Will “Westworld” zeigen: Reiche Menschen sind triebgesteuert, vulgär? Die Technik wird sophisticated – aber der Mensch bleibt plump? Ein fauler Gast mault: “We should have done the Riverboat thing” – und dieses “Riverboat Thing” klingt wie eines der fadesten, abgeschmacktesten Angebote im Park: Ich bin gespannt, ob wir die Flussfahrt später noch sehen. Überhaupt wünsche ich mir mehr Besucher, die alles behindern, aus der Rolle fallen, scheitern. Mehr Theme-Park-Kritik und -Parodie-Momente!

3_05: Ist “Buffy” eine gut geschriebene Serie? Um das zu wissen, achte ich lieber darauf, wie sorgfältig ein secondary character wie Cordelia gearbeitet ist – nicht Heldin Buffy selbst. Ich bin besonders glücklich, wenn selbst tertiary characters wie Anya sorgfältige, liebevolle, intelligente Charakter-Momente haben. In “Westworld” schaue ich deshalb gern und genau auf kleine Rollen wie Elsie, Stubbs, Clementine, vielleicht auch Teddy: dass Anthony Hopkins und Evan Rachel Wood hundert kluge Sätze sagen dürfen bis Folge 10, ist keine so große Autoren-Leistung. Bitte zeigt mir, dass auch die Randfiguren keine Pappkameraden, Klischees sind! Ich mochte die Meta-Gespräche über Nebenrollen, hier in Folge 3, und warte ab, ob es sich “Westworld” als Serie so leicht macht wie Sizemore als Autor und a) viele tragische doomed Sidekicks einbaut und b) Frauenfiguren wie Maeve stärker und attraktiver machen will, indem die Autoren beschließen: “So. Aggression und Bitchiness um 20 Punkte erhöhen.”

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4_01: “You think the grief will make you smaller inside, like your heart will collapse in on itself, but it doesn’t. I feel spaces opening up inside of me like a building with rooms I’ve never explored.” Schönes Bild – und sympathisch, wie schnell Bernard fragt, wer solche Sätze für Dolores geschrieben hat, mit welcher Absicht. Trotzdem: Bisher hat “Westworld” nichts besonders Kluges über Schmerz, Verlust, Trauma erzählt. Da muss mehr kommen! (Bitte auch zum Begriff “Freiheit”.)

4_02: Gehören alle Native Americans im Park zur “Ghost Nation”? Sind alle in Decken gehüllte Bankräuber, die Hector Escaton (Rodrigo Santoro) begleiten, Hosts? Hat Wyatt die Kontrolle über die als Büffel-Monster verkleideten Schlächter; oder treten auch Besucher seinem Todes-Kult bei? Was tat Lawrence, um am Galgen zu enden? Noch immer sind mir alle “bösen” Hosts zu eindimensional – und ich wünschte, es gäbe mehr Native Americans und mehr Gäste, die bei ihnen leben. (…was aber vielleicht daran liegt, dass in Deutschland Indianer fetischisiert werden. Ich glaube, vor allem Ostdeutsche würden tausendmal lieber einen “Der mit dem Wolf tanzt”-Freizeitpark besuchen als einen Cowboy-Park.)

4_03: Folge 4 [Update: und 5, und alles aus 6 bis auf die lange Szene mit Maeve und Radioheads “Motion Picture Soundtrack”] ist für mich der trägste, schleppendste Teil der Staffel; vor allem der Western-Stränge wegen: teuer inszeniert, doch mit seichten Hosts in simplen Abenteuer-Szenen, ohne besondere Dringlichkeit, Spannung. Die Erlebnisse von William/Logan und von Ed Harris’ Gunslinger wirken auf mich wie Sidequests, Holodeck-Lappalien. Für Folge 4 schrieb Ed Brubaker, einer meiner Lieblings-Comicautoren (große Empfehlung: “The Fade Out”, 3 Bände), am Drehbuch mit. Doch für mich kippt die Serie hier von “sehen!” zu “weniger frustrierend als ‘Lost’, ‘Galactica’, ’24’ – doch oft genauso halb-durchdacht und schleppend.” Oder, um Logan zu zitieren: “I don’t have time for this color-by-numbers bullshit.”

4_04: Arnolds Schnitzeljagd zum/durchs Labyrinth wirkt recht… konventionell, bisher. Mich verwirrt, dass Ford und die Parkleitung nichts über das Symbol zu wissen scheinen, obwohl es an mehreren Stellen offen auftaucht; und, dass Ed Harris erst nach 30 Jahren Urlaub im Park diesen Indizien folgt. Schade, dass Armistice – die Frau mit dem Schlangen-Tattoo, gespielt von Ingrid Bolso Berdal – ein Host zu sein scheint: Bisher haben wir keine Besucherin länger im Park erlebt. [Edit: Doch. Ich dachte, Armistice und Marti seien die selbe Rolle.]

4_05: Theresa wirkt steif, etwas humorlos (eine Sorte Frau, die Zuschauer meist ablehnen), und, in fast allen Gesprächen, überrumpelt (eine Sorte Figur, von der Zuschauer schnell sagen: “Wie sinnlos. Sie stört nur!”). Romantisch, dass Bernard ihr riet, die Arme nicht zu verschränken – doch etwas patronizing. Dramatisch, dass Ford sie auf der Hazienda bedrohte und einschüchterte – doch: super-patronizing. Ford wirkt cartoonhaft böse: Entweder, er ist übermächtig, kann alles kontrollieren, wissen (…bis runter zur Klapperschlange). Oder, er überschätzt sich, und die Figur ist – genau wie Sizemore – eine Kritik an Hochmut/Hybris. So oder so: Die Menschen der Zentrale werden greller, plumper, langweiliger, mit der Zeit. Nicht: interessanter.

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5_01: “Your mind is a walled garden.” Bisher überzeugen mich die Metaphern für Bewusstsein und Erinnerung, die Ford und Bernard so lieben, nicht – und auch die Umsetzung solcher Bewusstseins-Prozesse und -Glitches in filmische Bilder könnte mutiger, origineller sein. Beide Männer sprechen viel über Eleganz – doch betreiben eine Kunstwelt, in der “Eleganz” oft nur die plumpsten Ventile/Angebote für Gewalt und Sex maskieren, rechtfertigen, aufhübschen soll. Wie “elegant” ist “Westworld” als TV-Serie… und sollen wir “Eleganz” hier als echten Wert, Leistung verstehen (Kunst! Zivilisation!) oder als Kosmetik, Oberfläche, dekadente (Selbst-)Täuschung: eine Rechtfertigung/Ausrede, um Gewalt auszuüben…?

5_02: Sind Lawrence und El Lazo die selbe Figur, in zwei verschiedenen Loops? Oder nur der selbe Roboter, aber mit einem neu aufgesetzten/eingespielten Rollenprofil? Falls Host-Körper nur noch “Trägermedien” für ein digitales Bewusstsein sind: Könnte jemand (Arnold? Dolores?) durch andere Hosts huschen, in sie überspringen? Oder sie fernsteuern? Gibt es Hosts, die zeitgleich mehrere Körper kontrollieren? Kann man Bewusstsein kopieren, auf separate Roboter aufspielen, kann sich eine Host-Persönlichkeit zeitgleich in zwei Körpern entwickeln, spalten: digitale Zwillinge? Oder gibt es umgekehrt – wie bei den Borg – ein Hive-Mind, einen Schwarm?

5_03: Bei “Lost” nervten mich mysteriöse Tiere – weil dort jedes Wesen, das sich seltsam verhielt, sofort die Frage nach einer höheren Instanz (“Ist die Erzählwelt von ‘Lost’ übernatürlich?”) aufwarf, oder nach einem tieferen Sinn (“Sind den Autoren von ‘Lost’ Motivketten so wichtig, dass sie den Realismus der Erzählwelt opfern – um durch seltsame Tiere ein paar literarische Effekte zu setzen?”). “Westworld” dagegen darf das – denn wenn sich ein Tier im Park seltsam verhält, denke ich: “Was verrät das über das Design des Parks, die Agenda von Ford oder Arnold?”, nicht: “Zeigt sich in dieser Anomalie ein Gott innerhalb (Mystik!) oder außerhalb (Autoren!) der Erzählwelt?” Trotzdem: Fords Klapperschlange, Fords Windhund, Felix’ Vogel? Bisher wirken diese Tier-Spielereien beliebig. [Update nach Folge 7: Hat Ford gelogen – und die Katze und/oder den Hund als Kind selbst getötet?] #intelligentdesign

5_04: Ich mag, wie genussvoll sarkastisch Elsie den “necro-perv” Dustin in die Ecke treibt, und denke an Veronica Mars‘ Schwung (und Hass). Schlimm nur, dass fast alle Menschen (größte Ausnahmen: die zwei ungesunden Sentimentalos William und Bernard) die schmierigsten “Männer sind Schweine”-Klischees bedienen. Sieht jeder hier die Hosts als “Dolls” und “Fuck Puppets”? Will “Westworld” Sympathie für Hosts schaffen, indem die Menschen immer tiefer sinken? Und: Als Arnold vor 30 Jahren fast den Park zerstörte – war das ein Akt der Gewalt gegen Hosts? Oder gegen die Besucher und das Management? #roboterrechte #hostsalsbesseremenschen

5_05: “William doesn’t want to sexually engage with the hosts. How much of that is him being moral and how much of it is him being scared of his own desires?” Eine wichtige Frage, aus einem sympathischen Interview mit Darsteller Jimmy Simpson: Jede “Westworld”-Figur, die glaubt, das “Gute”, “Richtige” zu tun, wirkt dabei etwas… platt. Absichtlich? Sollen wir Dolores feiern, wenn sie sagt “People come here to change the story of their lives. I imagined a story where I didn’t have to be the damsel”? Ist es so leicht, sogar fürs Hosts – sich aus der Unmündigkeit zu befreien? Dass Dolores jetzt Hemd und Hose trägt, gibt mir noch kein “Yeah! Strong Female Characters!”-Hochgefühl. Als Zuschauer aber freut mich, wie unklar, ambivalent das bleibt. Ich will das mögen. Doch mag noch mehr, dass mich die Serie immer wieder daran erinnert, was genau ich da mögen will/soll: eine Kette von inszenierten, sentimentalen Erzähl-Effekten. 

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6_01: Es gibt zwei… Komplexitäts-Regler, an denen die Serie beliebig drehen kann. Die Autoren können psychologisch fragen: “Wozu ist jede Figur fähig? Wie tief, weit kann sie sich entwickeln, wie klug können Gegner ihr widersprechen, welche geheimen Absichten, Widersprüche lauern in ihr?” (Ford, Theresa, Logan – sogar Sizemore?) Oder die Autoren fragen nur technisch: “Welche Backdoors, Rätsel, Programme, Bewusstwerdungsprozesse schlummern in den Hosts?” (Dolores, Teddy, Maeve – sogar Clementine?) In beiden Fällen geht es um Figuren und ihr Potenzial. Doch Variante 1 braucht Psychologie, Debatten. Variante 2 vor allem Schocks, Science-Fiction-Bla, drastische Twists. Ich fürchte, das ist der Serie wichtiger. Statt “Huch: diese Figur hat viel mehr Tiefe als gedacht!” setzt jede Folge auf “Whoa: In diesem Host laufen noch drei, vier weitere geheime, unbewusste Sub-Routinen!” Buh!

6_02: Das für mich größte Problem der Serie: Wie wenig die Zentrale sieht, bemerkt. Ich verstehe, dass der Park weitläufig ist. Ich verstehe nicht, warum die Hosts keine Kamera im Auge haben. Warum Felix und Sylvester nicht überwacht werden. Warum keine Karte in der Zentrale live Alarm schlägt, sobald jeder Mensch und jeder Host in Park oder Zentrale atypische Bewegungen macht. Logan und der Gunslinger waren mehrmals in Gefahr, in Außenbereichen des Parks. Wie viel Gewalt Hosts ausüben dürfen und, wie schnell und effektiv jemand in der Zentrale darauf reagieren kann, scheinen die “Westworld”-Autoren von Fall zu Fall zu entscheiden – oder selbst nicht genau zu wissen. Buh!

6_03: Ich kann nicht fassen, dass ich noch immer sehnsüchtig an die Soap/Satire “unReal” denke, sobald in der Zentrale gestritten wird: Das ständige “Shit! What the fuck?” geht mir (besonders bei Elsie) auf die Nerven. Szenen wie zwischen Sizemore, Theresa und Charlotte Hale sah ich vor 20 Jahren in “Verbotene Liebe”. (Nochmal: Warum erfinden die eitlen, von sich selbst überzeugten “Westworld”-Schreiber einen so platten, eindimensional satirischen Autor?) Schwitzende Büromenschen, die erschreckt auf Bildschirme starren und in alle Richtungen lügen, sah ich vier Staffeln lang in “24” (…dann hatte ich genug). Das “gruselige” Theater und das “gruselige” Sublevel wirkten albern. Und ich verstehe Elsie, wenn sie zischt: “It’s like everybody around here has got some kind of fucking agenda except for me.” Statt Tiefgang: Gifteleien, Wassertreten, künstliches Drama, Scheinkomplexität. Shenanigans, unwürdig für eine scheinbar raffinierte, “elegante” Serie über raffinierte, hochintelligente Profis. Buh!

6_04: Ich schrieb im Tagesspiegel, wie viel Respekt ich vor Nacktszenen, öffentlicher Entblößung habe. Dolores sollen wir als Zuschauer, glaube ich, schwierig oder tragisch finden. Thandie Newton dagegen hat eine heroische, gewollt sympathische, schlichtere Rolle. Einfacher geschrieben – doch großartig gespielt: verletzlich-aber-bedrohlich, schnippisch-aber-ratlos, zynisch-aber-empathisch. Maeve als Heldin der Serie. Wow.

6_05: Vor knapp zehn Jahren wollte Autor Dwayne McDuffie mehrere schwarze Held*innen ins Ensemble des “Justice League”-Comics aufnehmen – doch wurde von seinen Vorgesetzten bei DC Comics an die “Rule of Three” erinnert: Zeigt ein Plakat, Heftcover o.ä. drei schwarze Figuren, glaubt das Mainstream-Publikum “Nichts für mich: Das ist ein Nischen-Produkt für Schwarze.” Mich freut, dass – trotz des Western-Settings – in fast jeder “Westworld”-Szene Figuren of Color wichtige Rollen spielen. Und, dass bisher kein Gegner ihre Hautfarbe als Vorwand nutzte, um sie herabzusetzen (…bis auf Arschloch Sylvester, als er seinen Kollegen Felix “Ding Dong” nennt).

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7_01: Für fast jede Szene in Folge 7 spricht eine Figur über ihre Vorgeschichte und/oder Sehnsüchte. Theresa fehlen leider solche Szenen. Und Dr. Ford wirkt eher noch eindimensionaler, mit der Zeit. Ich denke an Robert Loggia in einer meiner Lieblingsserien, “Wild Palms” (5 Folgen, 1992). An Dennis Hopper als Bowser im “Super Mario”-Kinofilm (1993). Und an mehrere – besser geschriebene – Walt-Disney-artige Theme-Park-Leiter in Naoki Urasawas Manga “Billy Bat”: Hopkins ist keine Katastrophe. Doch seine Mimik nervt, und Fords philosophische Fragen, Ideen scheinen mir immer zwei Levels weniger klug/verstörend, als sich die “Westworld”-Autoren das wohl vorstellten. #knappvorbei

7_02: Mir geht zwar nahe, wie Maeve oder Dolores mit ihren Sinnkrisen, ontologischen Brüchen, Bewusstseins-Problemen umgehen. Welche Haltung sie zur Welt, ihren Rollen und den anderen Figuren finden, in einer verwirrenden Gegenwart, nach einer traumatischen Vergangenheit (oder mehreren traumatischen Vergangenheiten!), als meist machtlose Frauen. Die recht flachen, schematischen Vorgeschichten von z.B. Ford (real), Bernard (erfunden) oder Teddy (erst idealistisch-aber-seicht, dann, mit seiner neuen Rolle in Wyatts Massaker, geändert zu zynisch-aber-seicht) sind mir dagegen zu Schema F, sentimental. Das ist wohl Absicht: Dass “Westworld” beim Effekte-Setzen immer auch zeigen will, wie leicht es sich viele Serien, Geschichten darin machen, Effekte zu setzen und Freudian Excuses für ihre Figuren zu bauen. Aber: Zugleich die Idee “Serien sind voller Kitsch, weil Menschen Kitsch brauchen!” zu behandeln UND fünfmal pro Folge Kitsch zu liefern, in der Hoffnung, dass wir Zuschauer rufen “Hach. Wie traurig und bewegend!”… ist eine Gratwanderung, die, finde ich, hier oft misslingt.

7_03: Delos will 30 Jahre Nutzer- und Besucherdaten aus dem Park schmuggeln. Ich bin gespannt, was solche Daten wichtig macht, wem Westworld heimlich nützt (oder nutzen sollte, gegen Fords Willen). Als Facebook-Nutzer denke ich, klar, erstmal an Persönlichkeitsprofile, Targeting. Als jemand, der sich bei Sci-Fi oft langweilt, an Supersoldaten oder “Matrix”-artige “Wie lässt sich Wahrnehmung manipulieren, um Menschen ruhig zu stellen?”-Pläne. Im Großen aber bin ich positiv überrascht, dass “Westworld” bisher niemals metaphysisch wurde: kein Roboter-Pinocchio, der endlich echter Junge werden will, kein toter Charlie als Geist in der Maschine, keine Replacement Goldfishes und – trotz Maeves Storyline – auch keine KI, die sich als besserer, reinerer Mensch versteht, oder nächste Stufe der Evolution. Alles, was bisher metaphysisch, religiös hätte wirken können – Dolores’ “Erwachen”, Arnolds Spiel, Bernards Reveries – passierte nur, weil Programmierer es absichtlich so programmierten. Kein Twist der Serie wollte bisher zeigen: Maschinen überflügeln uns durch spontanes, unerklärliches Eigenleben; Menschen waren Götter/Schöpfer, doch jetzt sind ihre Schöpfungen plötzlich bessere Schöpfer. Sondern nur: Niemand weiß genau, was Ford und Arnold diesen Maschinen erlauben, möglich machen. #keingottkitsch

7_04: Schön, dass Bernard am Krankenbett das selbe Outfit trägt wie in der Zentrale. Schnellere Menschen denken wohl gleich: “Eine gebaute Erinnerung. Bernard ist ein Cylon!” – doch ich sah es nicht kommen. Auch Theresas Tod überraschte, schüttelte mich – gute Arbeit! Nur, dass [Spoiler:] William und der Gunslinger/Man in Black identisch sind, weiß ich leider schon seit Folge 2 – weil ich Williams Namen googelte und sofort Schlagzeilen zum “Westworld”-Finale gezeigt bekam]. Ich bin träger, langsamer als viele Netz-Nerds und freue mich, wenn mich eine Serie austrickst, überrumpelt: Williams… Situation hätte ich aber frühestens hier, in Folge 7, in Betracht gezogen, während des Gesprächs im Zug: “[Logan] wanted to see what was at the end of all this. And yet, here you are. Your friend didn’t make it this far. Maybe you’ve got more of an appetite for this than you think.” (Wichtig nur, weiterhin: an den äußeren Rand zu gehen ist Roberts Vorstellung vom Ende der Westworld-Erfahrung. Arnolds Vorstellung sieht vor, in die Mitte zu gehen, ins Zentrum des Labyrinths. Das sind zwei verschiedene Ideen davon, was eine Geschichte und ein sinnerfülltes Leben ausmachen, und ich hoffe, beide werden von der Serie noch gut zu Ende gedacht und kontrastiert.)

7_05: Ist die große Lektion von “Westworld”: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Bedeutung zu schaffen (wie Robert, als Schöpfer), lohnt sich…? (Falls ja: Warum ist Robert dann so fürchterlich, in jeder Hinsicht?) Wohl eher nicht: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Geschichten durchaus, und sie bis zum Ende zu lesen, durchzuarbeiten (wie Ed Harris), lohnt sich…? Wohl leider auch nicht (obwohl ich das persönlich glaube): Das Leben hat keine Bedeutung – doch selbst mit läppischen “Spielfiguren” sollte man ordentlich umgehen (wie William – wobei ich mich frage, ob er Dolores noch als Figur sieht, oder wir als Zuschauer vor allem denken sollen: “Mist! Er projiziert. Was für ein Träumer, was für ein Tölpel”…?) Nachtrag, nach Folge 10: Die tatsächliche Lektion [Erst Leid macht uns zur vollständigen Persönlichkeit] war mir zu seicht – doch mich freut, wie klug und deutlich das “Westworld”-Finale alle Lektionen, die ich hier aufliste, als Fehlschlüsse/zu-kurz-gedacht zeigt.

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8_01: Theresas Geschichte scheint vorbei – und ich bin unzufrieden. Eine ältere, markante, vermeintlich kompetente Frau, die sieben Folgen lang nur reagieren konnte… doch kaum Kontrolle, keine Chance hatte, zu zeigen, wofür sie steht und, warum sie ein Gewinn ist, in ihrer Rolle/Position. Das ist für mich Captain-Janeway-Feminismus: Wer diese Sorte ältere, autoritäre, ‘kalte’ Frau respektiert, freut sich kurz. Doch wer solche Frauen nervig findet, hat keinen Grund, nach sieben Folgen zu sagen: “Doch – interessante Figur. Und gut, dass sie so nüchtern blieb und viel Verantwortung trug!” (Ich denke an Chefin Erin Driscoll in Staffel 4 von “24”: auf den ersten Blick stark – doch dramaturgisch ein Witz.)

8_02: Erst jetzt verstanden: Das schwarze Gebälk des Kirchturms in der Wüste ist der Turm, den Ford in Folge 2 “White Church” nannte; die Kirche war außen nur weiß verkleidet. Ich weiß nicht, ob “Westworld” hier clever mit Schwarz-gegen-Weiß- und Unter-Weiß-ist-Schwarz- und Weiß-und-Schwarz-nehmen-sich-nichts-Kontrasten spielt? [Und: Ist Arnold in diesem “Die Hosts lernen tanzen”-Dorf gestorben, damals?] Könnte man Figuren sogar paarweise anordnen, je zwei Rollen, die auf den selben Konflikt “hell” (idealistisches Menschenbild) oder “dunkel” (zynisches Menschenbild) reagieren? William und Logan, Arnold und Ford, Bernard und Theresa, Dolores und Maeve, Sylvester und Felix? Ist Stubbs ein Gegenpart zu Elsie? Wer vertritt die gegenteilige Weltanschauung von Charlotte? […erst später verstanden: Das Dorf mit der weißen Kirche war nicht nur ein namenloses “Testdorf”/Beta Village für den Park – sondern Escalante, aus Teddys/Wyatts Backstory.]

8_03: Ich hoffe, Williams’ und Dolores’ Reise an den Rand des Parks ist trotz Logans Rückkehr noch nicht um – und, dieses “Ende” des Park-Erlebnisses wird uns zeigen, wie Ford als Erzähler denkt: Wie er sich die Spitze, das Fazit, die schwerste Stufe, Quintessenz eines Parkbesuchs vorstellt. Glaubt auch Ford, der Park soll den Besuchern zeigen, “wer sie wirklich sind”? Ich mag den Rand der “Truman Show” und hoffe auf eine visuell interessante Lösung.

8_04: Schön auch Dolores’ Kohlezeichnung des Tals – die nur funktioniert, so lange das Leintuch NICHT glatt und gerade hängt. Ich weiß nicht, ob das als Metapher gedacht war und für welches Sinnbild das stünde – doch der Effekt wird mir lange im Gedächtnis bleiben: ein einfaches Gemälde, ‘schief’ auf eine völlig unebene Oberfläche aufgetragen, die irgendwelche unwichtigen (?) Gegenstände überdeckt, deren Form/Kanten trotzdem jeden Strich bestimmen. The past is never dead – it’s not even past? Man kann nur ‘gerade’ zeichnen, indem man völlig schief zeichnet und all das verdeckte Zeug untendrunter mitdenkt?

8_05: Ein großes Fass – vielleicht das größte der Serie – ist die Frage nach Gewalt als Agency. Ich schrieb schon weiter oben, dass ich als Besucher/Spieler im Park am liebsten gar keine Gewalt ausüben würde. Weil das ein Spiel, in dem ich selbst nicht sterben kann, interessanter, raffinierter macht. Und, weil ich – wie William, anfangs – glauben will, dass es sich lohnt, als Mensch das Richtige zu tun statt das Einfache/Bequeme. Mein Partner mag “Westworld”, doch ist angewidert, wie viele Messerwunden, zerschossene Köpfe, Gewaltorgien in jeder Folge gezeigt werden. “Das ist eben HBO. In fünf Jahren sehen wir Serien, in denen Frauen nur noch nackt durch Blut waten, 60 Minuten lang”, witzelte ich. Aber im Ernst: “Westworld” ist eine Serie, in der es dauernd Gewalt gibt – doch bisher habe ich (anders als in z.B. “24”, in vielen “Batman”-Filmen und -Comics, in den meisten Krimis) noch keine einzige “Westworld”-Szene gesehen, die mir zu vermitteln schien: “Gut so. Manchmal ist Gewalt nötig.” Ich bin gespannt, was mit Maeve und ihrer Armee passiert, und ob die Serie uns dazu verführen soll, sie als feministischen, kick-ass Terminator zu feiern, sobald sie zurück schlägt. Sylvesters Kehle durchzuschneiden kam mir nicht wie ein “Hurra! Die unterdrückte Frau hat Agency! SO sieht Stärke aus!”-Triumph-Moment vor. Niemand, der bisher irgendwen erschoss, erschlug, kalt stellte, schien von der Serie dafür als Held gelobt zu werden. #pazifismus #idealismus

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Bei Romanen weiß ich oft schon nach der Hälfte, ob sie funktionieren.

Bei Serien aber ist oft das (Staffel-)Finale entscheidend: Manchmal zeigt erst die letzte Folge, ob die Autor*innen wussten, was sie tun – oder einfach vor sich hin erzählten. Gleich sehe ich Folgen 9 und 10. Vorher noch: Fragen – an deren Antworten sich zeigen wird, ob “Westworld” eine Zwischendurch-Serie ist… oder ein (kleines) Must-See:

  • Gibt es “Geister” im Code der Hosts?
  • Machte sich Arnold unsterblich – lebt er in z.B. Dolores weiter?
  • Ist der heutige Arnold, die Stimme in z.B. Dolores’ Kopf, ein “echter” Mensch, der sein Bewusstsein digitalisieren konnte und jetzt als Programm lebt – oder nur der digitale Abdruck eines Menschen, angefertigt von ihm selbst, zu Lebzeiten?
  • Wie sehr werden Maeve und Dolores für ihre “Menschwerdung” gefeiert: Ist das Ziel, möglichst menschlich zu werden – oder sind Hosts die besseren Menschen?
  • Wie menschlich können Hosts, wie unsterblich können Menschen in “Westworld” werden?
  • Beneiden Hosts die Menschen… doch beneidet kein sterblicher Mensch stattdessen die Hosts – und wünscht/kauft sich digitale Upgrades?
  • Will die Serie (kitschig) zeigen: Geist, Herz, Liebe, Menschenwürde können aus einem biologischem oder aus einem künstlichen Bewusstsein entspringen – sie haben den selben Wert, sind gleich “echt”, gleich “tief”?
  • Die ersten Folgen zeigten viel Milch. Kommt da noch was?
  • Teddys Rolle blieb recht sinnlos: Wertet das Ende die Figur noch etwas auf?
  • War Sizemore nur eine harmlose Witzfigur?
  • Lebt Elsie noch? [Spoiler]
  • Und Stubbs?
  • Wo ist Maeves Tochter?
  • Und Lawrences’ Tochter – die das Labyrinth in den Staub zeichnete: Gehört sie, wie Dolores, zu einer Sorte Hosts, die von Arnold “erweckt” wurde?
  • Gibt es Hosts mit mehreren Körpern?
  • Wozu braucht Charlotte die Daten?
  • Sehen wir die Außenwelt – und wird diese Welt besser oder schlechter, falls es Charlotte gelingt, die Daten dort zu benutzen?
  • Sehen wir Fords neues Narrativ, und erzählt es (…auch: auf einer Meta-Ebene) davon, was am alten Narrativ nicht klappte?
  • Wird Staffel 2 grundsätzlich anders erzählen? Wird Staffel 2 so erzählen, wie sich Ford ein besseres Park-Narrativ vorstellt? (…oder, meta: Wird Ford erklären, was an der Erzählweise von Staffel 1 problematisch war?)
  • Wie spiegelt das Finale den Pilotfilm? Haben sich viele Storylines und Machtverhältnisse in der Zentrale am Ende nur im Kreis gedreht – will “Westworld” zeigen, dass auch echte Menschen oft in einem Loop leben, oder einem “Pfad” folgen müssen?
  • Gibt es eine Möglichkeit, den Park als Besucher besser, ganz anders durchzuspielen als William und der Gunslinger? Fragt Staffel 2 (und/oder: Fords neues Narrativ) nach anderen, positiveren Spielweisen anderer Besucher – oder sind Park und/oder Narrativ und/oder Hosts bis dahin eh kaputt, unspielbar?
  • am Wichtigsten:Sehen wir das Zentrum des Labyrinths, und hat es damit zu tun, wie Arnold starb? Teddy erklärte in Folge 5: “The maze is an old native myth. […] at the center, there’s a legendary man who had been killed over and over again countless times, but always clawed his way back to life. The man returned for the last time and vanquished all his oppressors in a tireless fury. He built a house. Around that house he built a maze so complicated, only he could navigate through it. I reckon he’d seen enough of fighting.”
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    Ich muss an Fords creepy Roboter-Familie denken und frage mich, ob wir im Zentrum des Labyrinths ein vergleichbares Haus von Arnold sehen – oder: eine abstraktere Idee davon, was sich Arnold unter “Zuhause”, “Heimkommen”, “Nicht-mehr-Kämpfen-Müssen” vorstellt.

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9_01: Zwei “Westworld”-Konzepte, zu denen ich mir Fanpages, Texte, Apps wünsche: Das 20-Punkte-Persönlichkeitsprofil der Hosts. Candor, Vivacity, Coordination, Meekness, Humility, Cruelty, Self-Preservation, Patience, Decisiveness, Imagination, Curiosity, Aggression, Loyalty, Empathy, Tenacity, Courage, Sensuality, Charm, Humor, Bulk Apperception. Und die Idee, dass jede Host-Persönlichkeit auf einer (traumatischen) “Cornerstone”-Erinnerung fußt. Was ist deine Cornerstone-Erinnerung? Die Szene, aus der sich alles weitere erklärt?

9_02: Jedes “Dr. Quinn”-TV-Westerndorf hat einen Arzt und einen Prieser. Dass solche Standardfiguren in Sweetwater keine Rolle spielten, freute mich – aber hätten Dolores und Maeve bei ihren ersten Zweifeln, Aussetzern die Ratgeber, Ansprechpartner gehabt, die echte Frauen in den 1880ern in ihren Städtchen hatten… hätten sie ihre Welt weniger schnell und grundsätzlich in Frage gestellt. Dass jetzt, kurz vor Schluss, plötzlich Kirche und Beichtstuhl wichtig werden, lässt mich nochmal grundsätzlicher fragen: Schön, dass fast alle Figuren Atheisten sind (oder ihr Vertrauen jedenfalls in andere Faktoren legen als in Gott). Doch “Gott” ist in “Westworld” nur noch Synonym für “Die Person, die am schnellsten denkt, am meisten Macht und Gestaltungsraum hat.” Das ist zu wenig.

9_03: “I want to love Westworld. I go into every episode of the show hoping that this will be the week the games get put aside so Nolan and Joy can start telling the real story, but with each passing week it feels like the games are the real story“, klagt Alan Sepinwall in seinem besten Text zur Serie – der Kritik zu Folge 9. Ich stimme zu…

9_04: …denn alles, was die Figuren und ihre Standpunkte ausmacht, kann/soll in dieser Erzählung dauernd geändert, verdreht, zurückgenommen werden, möglichst dramatisch. Bei den Hosts sowieso: Wer kann sagen, wer Teddy, Maeve, Dolores “wirklich” sind? Doch auch bei Logan, William, dem Gunslinger und den Figuren in der Zentrale: Charlottes Andeutungen, Fords beredtes Schweigen etc. machen mir keinen Spaß – denn auch nach neun Folgen weiß ich kaum, wofür diese Leute stehen, und fürchte auf weitere Enthüllungen, die wieder alles umwerfen. Am schlimmsten ist für mich Arnold. Eine Figur ohne Gesicht, deren Weltanschauung, Privatmythologie entscheidend ist für unser Verständnis vom Park, dem Menschenbild hinter den Hosts, Haltung und Philosophie der kompletten Serie. Bernard ist eine Marionette, Ford ein Rätsel, Arnold eine körperlose Stimme, Theresa tot, Sizemore ein schlechter Witz, William macht sich vermutlich etwas vor, der Gunslinger lässt sich nicht in die Karten sehen, und Maeve, Teddy, Dolores sind nur wandelnde Fragezeichen. Das sind keine Figuren, die kluge Standpunkte klug diskutieren. Sondern Chiffren, die hin- und hergeschoben werden können, nach Belieben.  

9_05: “Wer ist die Frau mit dem Ronja-von-Rönne-Gesicht?” …war alles, was mir zu Angela einfiel. Erst später, online, habe ich verstanden, dass ich den Host hätte erkennen müssen, dass Angela zu drei verschiedenen Momenten drei verschiedene Rollen spielt. Die Western-Storylines bleiben halbdurchdacht, leben von Vertröstungen: El Lazo, Teddys Rolle in Wyatts Massaker, die “Ghost Nation”… immer sind Hosts und Spieler unterwegs, stoßen dabei auf vielsagende Namen, bedrohliche Andeutungen – doch alles bleibt nur hastiger, lästiger, nichtssagender Zwischenschritt, und hinter jedem großen, vermeintlich wichtigem Namen verpufft die selbe Sorte Wegwerf-Bösewicht. Vielleicht ist das Methode – denn auch Hectors Safe ist leer und damit nur MacGuffin/Mittel, die Geschichte voran zu treiben. Als Zuschauer machen mir solche Szenen keinen Spaß, und je länger ich über sie nachdenke, desto ärgerlicher und unlogischer scheint mir alles. Warum z.B. glaubt Hector sofort, in einer Kunstwelt zu leben? Er weiß, dass Maeve die Safe-Kombination kennt und den Safe hätte leeren können. Der Sex im brennenden Zelt, am Ende: Trash.

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10_01: “We have now basically arrived at the plot of the original movie — theme park robots violently escape the shackles of their programming — only in a circumstance where we are rooting for the robots to wipe their tormentors from the face of the planet, is intriguing. That is a show I reckon I could have fun watching, provided it’s not the same overconfident, antiseptic puzzle box that too much of this season was — especially since it all seems to be a prologue for what the actual show will be about”, fasst Alan Sepinwall zusammen. Mich freut – immerhin – dass Staffel 2 ganz andere Konflikte und Hierarchien zeigen muss. Ein paar Ideen zu Season 2, bei TV Tropes.

10_02: Ich denke oft an “The Dark Knight Rises” von 2012. “The Dark Knight” (2008) fand ich großartig – doch die Fortsetzung steckte voll riesiger Sätze, Fragen, Konzepte, bei denen ich bis heute vermute: “Das sieht nur aus wie eine Idee. Das klingt nur wie ein großer Satz.” (z.B. die Bezüge zur Occupy-Bewegung.) Auch bei “Westworld” gibt es solche Nolan-Sätze, unvergesslich: “A metaphor.” – “You mean a lie.” – “Yeah.” Entweder, Jonathan Nolan hat sehr, sehr lang über solche Sätze und die riesigen Fässer, die sie öffnen, nachgedacht… oder doch: viel zu kurz.

10_03: Arnold trauert um seinen Sohn und bringt sich (mit Dolores’ Hilfe) um, damit die Investoren Roboter für eine Gefahr halten und den Park nicht öffnen. Ford sind alle Menschen egal – er bringt sich (mit Dolores’ Hilfe) um, um den Hosts Kontrolle über den Park zu schenken? Ich verstehe ungefähr, was beide Männer am Park stört. Doch ich verstehe nicht, was diese Selbstmorde dafür so zwingend macht – oder erzählerisch zu einem großen Gewinn. [Seltsam auch, wie steif, roboterhaft alle Delos-Aktionäre wirkten, am Strand und während der Gala.] #lapidarerabgang

10_04: Tessa Thompson spielt toll – und ich hoffe sehr, dass Charlotte Hale überlebt. Doch folgende Sätze glaube ich ihr nicht: “But for all of Ford’s obsessing with the hosts’ verbal tics and convoluted backstories, most of the guests just want a warm body to shoot or to fuck. They would be perfectly happy with something a little less baroque.” Hier lässt “Westworld” die Antagonistin (?) sagen: “Tiefgang/barocke Erzählwelten sind Ballast.” Als sollten wir als Zuschauer denken: “Nein! Barockes Erzählen ist großartig, und ‘Westworld’ beweist es!” Doch für mich ist die Serie als Serie kein überzeugendes Argument dafür – und mich stört, dass die Autoren hier so tun, als würde jeder, den “Westworld” nicht überzeugt, stattdessen einfach nur nach “a warm body to shoot or to fuck” verlangen. #strawmanargument

10_05: Das selbe Problem, deutlich größer: Ich hätte als Parkbesucher Mühe, mich zu motivieren. Denn wollen Gäste wirklich einen Park, in dem sie nie sterben, ihre Taten kaum Konsequenzen haben? Fast alle Gamer, die ich kenne, suchen herausfordernde Spielwelten. Folge 10 tut so, als hätte sich Delos geirrt, und Ford müsste der Park-Spielmechanik (bzw. den Hosts) ein überfälliges Geschenk machen: die Fähigkeit, zurück zu schlagen. Auf der “Menschenrechte für Roboter”-Ebene verstehe ich das. Doch so zu tun, als wollten alle Menschen alle Hosts 30 Jahre lang nur verlieren sehen – weil Menschen nunmal so sind? Ich glaube das nicht.

10_06: Das selbe Problem – so groß, dass es der ganzen Staffel schadet: Fords Pyramide und Arnolds Labyrinth sind das selbe System. Man wird in mehreren Stufen/Schritten zur Person: 1) Memory, 2) Improvisation, 3) Self-Interest, 4) Suffering. Wenn Maeve sagt, dass sie die Erinnerungen an ihrer Tochter behalten will, wenn Bernard von Cornerstones spricht, wenn Dolores ihre toten Eltern nicht hinter sich lassen will… sollen wir diese Figuren (Hosts!) reif und menschlich finden. Aber: Ich sehe keinen Grund, dieser (netten, aber flachen) Idee erst Strahlkraft zu geben, indem man behauptet Park-Besucher, normale Menschen etc. tun fast immer alles, um Leid oder Widerstände auszublenden. Die “Lösung” des Labyrinths wirkt groß, weil 08/15-Menschen in “Westworld” viel zu klein, schwach, unreif wirken.

10_07: Arnold ist Bernard. Arnolds Sohn ist Bernards Sohn. Dolores ist Wyatt. Dolores hört Arnolds Stimme. Doch eigentlich hört sich Dolores, im bicameral-mind-Modell, selbst: Dolores ist Arnold ist Dolores ist Dolores (…und, klar: William ist der Gunslinger; und Teddy fragte sich kurz, ob er selbst Wyatt war): Folge 9 und 10 tun so, als seien all das besondere, kluge dramaturgische Kniffe. Mir wären ein gut gespielter, präzise ausgearbeiter Arnold, ein Wyatt mit klarer Haltung, deutliche Unterschiede zwischen Arnold und Bernard etc. lieber gewesen statt eine Gleichung, bei der jede unbekannte Variable wurstig “erklärt” wird mit “X? Das ist ein Teil von Y. Und Y ist eigentlich Z. Und Z war mal X.”

10_08: Schön, dass das Finale – wie die ersten vier Folgen – mit Dolores begann. Schön, dass mehrere Bögen geschlossen wurden (z.B. das Foto von Julia, am Times Square). Trotzdem freut mich, dass “Westworld” keinen großen Loop erzählte und alle Figuren mit ganz neuen Konflikten und Rollen zurück lässt: Dolores als Tyrannin? Maeve als militanter Freedom Fighter? Empathiker Bernard, der sich die ganze zweite Staffel fragen kann, welche Rechte Menschen haben und, ob der Zweck die Mittel heiligt…?

10_09: James Marsden spielte in vielen Liebesfilmen den Romantic False Lead – ein netter Kerl, den die Hauptfigur später für Mr. Right verlässt. Ich hätte mir für Teddy eine bessere, halbwegs stimmige Geschichte oder Entwicklung gewünscht – doch freue mich, dass “Westworld” bei keiner Heldin zeigt: “Hier ist ein Mann – und er kann dich retten.” Besonders William erscheint mir (während der 30 Jahre zwischen “Ich suche Dolores” zu “Ich vergewaltige sie in der Scheune”) als selbstmitleidiger, schäbiger, nutzloser Fuckboy: eine narzisstische Knalltüte, die “Liebe” liebt – doch seine Partnerin hängen lässt.

10_10: “Die Serie hat ein plattes Menschenbild: Der Park soll zeigen, wer Leute wirklich sind – doch enthüllt bei William, dass er ein weinerlicher, leerer Soziopath ist? Warum sind alle Menschen in dieser Serie im Grunde ihres Herzens Müll?”, klagte ich nach dem Finale. “Nein”, widersprach mein Partner: “Ich glaube, Williams Storyline soll einfach zeigen: Der Park macht krank. Jeden.”

10_11: Elsie küsst Clementine. Besucherin Marti schläft mit Clementine. Logan liegt mit zwei weiblichen und einem männlichen Host im Bett. Nach drei, vier Folgen aber verschwinden alle queeren Momente. Besser als nichts? Oder, wie Buzzfeed findet: deprimierend wenig?

10_12: Toll inszenierte Szene – doch für mich Tiefpunkt, Widerspruch: Wir sollen den Ausbruch von Hector, Armistice, Felix und Maeve sexy, kathartisch, “Matrix”-mäßig großartig finden – oder? “Westworld” zeigte neun Folgen lang: Leere, selbstzufriedene Gaffer wie Logan lechzen nach Gewalt. Die Serie tat so viel, um mir jede Lust auf explodierende Köpfe zu nehmen. Wozu dieser Schritt zurück? Massaker sind okay, wenn die Hosts gewinnen? (Aber: Es gibt mehrere Parks? “Samurai World”? “Shogun World”? Vorfreude!)

10_13: Ich tue mich ähnlich schwer damit, zu klatschen, wenn Dolores den Gunslinger im Finale durch die Kirche schleift, wie er sie im Pilotfilm Richtung Scheune schleifte: Die Serie hat eindringlich und engagiert gezeigt, wie schnell Frauen, Minderheiten, Schwächere Gewalt erleben können und, wie machtlos sie sind. Aber der… recht billige “Your time is over, trauriger alter Mann!”-Feminismus im Finale langweilt mich – und ich habe Angst, dass Staffel 2 ähnlich plump nach Parallelen suchen wird zwischen Maeves Kampf und z.B. der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

10_14: Der größte “Autoren? Das ist nicht so gesellschafskritisch, clever, wie ihr hofft”-Moment (hier wirklich: “A metaphor? You mean a lie.”), schon in Folge 9: “We humans are alone in this world for a reason. We murdered and butchered anything that challenged our primacy. […] Do you know what happened to the Neanderthals, Bernard? We ate them. We destroyed and subjugated our world. And when we eventually ran out of creatures to dominate, we built this beautiful place.” …erklärt Dr. Ford – vor einem Indianer-Federschmuck, der vergessen in der Ecke hängt. 

10_15: Maeve sieht Mutter und Tochter im Zug – und steigt wieder aus. “Gut, dass sie umdreht”, sagt mein Partner: “Statt nur sich selbst in Sicherheit zu bringen, will sie den anderen Hosts helfen. Die Revolution muss von innen kommen! Draußen hätte sie sich verstellen müssen, um nicht als Host aufzufallen: Das selbe traurige Versteckspiel wie kurz davor im Park.” Das stimmt – doch falls es so gemeint war, hätte es klarer gezeigt werden müssen. Ich sah nur “Oh: Sogar bei Robo-Mamis bestimmen Muttergefühle alles.

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(Freund O. wirft ein: “Du hast bei Maeves Ende etwas übersehen: Bernard macht klar, dass Maeve eben nicht frei war – sondern nach einem Programm gehandelt hat, dessen nächster Schritt “outside infiltration”. Indem sie sich – getrieben von der Erinnerung an das Trauma, ihre Tochter zu verlieren – aber tatsächlich entscheidet, zu bleiben, bricht sie zum ersten Mal die Programmierung. Klar kann man sich darüber beschweren, dass es jetzt grade die “Muttergefühle” sind. Aber ich finde, es geht weiter als das.)

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  • Autor Michael Crichton schrieb 1990 den Roman “Jurassic Park” (verfilmt 1993) – über einen Vergnügungspark voller Saurier, die außer Kontrolle geraten. Schon 1973 schrieb er das Drebuch “Westworld” – über einen Vergnügungspark voller Roboter, die außer Kontrolle geraten.

 

  • “Westworld” ist ein charmanter, sehr geradliniger und simpler Actionfilm. Immerhin aber: trotzdem eine überraschend deutliche Kritik an Menschen, die bei einem Park voller Roboter zuerst denken “Toll: Marionetten, die ich töten oder sexuell missbrauchen kann!”

 

  • Crichton war kein sehr kunstfertiger Autor (oder Regisseur); er starb 2008. Trotzdem hatte er einen sehr genauen Blick auf Technik und Arbeitswelten, z.B. als Produzent von “Emergency Room”. Vor “Westworld” schrieb er v.a. Groschenromane unter Pseudonym; nach “Westworld” Klassiker wie “Coma” und “Jurassic Park”.

 

  • 1976 gab es einen zweiten Kinofilm, “Futureworld”, über den Versuch, Politiker durch Klone/Roboter zu ersetzen, und 1980 eine kurze, erfolglose TV-Serie, “Beyond Westworld”, über Undercover-Roboter, die Terrorakte begehen: beides entstand ohne Crichtons Beteiligung.
  • Ich dachte lange, “Westworld” sei eine Romanverfilmung. Aber:
“It [Westworld] didn’t work as a novel, and I think the reason for that is the rather special structure of this particular story. It’s about an amusement park built to represent three different sorts of worlds: a Western world, a Medieval world and a Roman world. The actual detailing of these three worlds—and also the kinds of fantasies that people experienced in them—were movie fantasies, and because they were movie fantasies, they got to be very strange-looking on the written page. They weren’t things that had literal antecedents, literary antecedents. They were things that had antecedents in John Ford and John Wayne and Errol Flynn—that sort of thing. In some ways, it’s a lot cleaner as a movie, because it’s a movie about people acting out movie fantasies. As a result, the film is intentionally structured around old movie cliche situations—the shoot-out in the saloon, the sword fight in the castle banquet hall—and we very much tried to play on an audience’s vague memory of having seen it before, and, in a way, wondering what it would be like to be an actor in an old movie”, schreibt Crichton auf seiner Website.
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“In that usual Michael Crichton fashion, he never wrote anything that was just a film-there was always a massive world behind it that could be mined.” – Jonathan Nolan [Showrunner der HBO-Serie]

“Crichton wrote this as an original screenplay and then directed it. There’s no book. What you feel in the film is there’s this larger world that he barely has time to explore. It leaves you breathless. Westworld goes from one f-king massive idea to the next. At one point in there, he references why the robots are misbehaving. He describes the concept of the computer virus. When they were shooting the film it was the same year, or the year before, the appearance of the first actual computer virus. This is why Crichton was so brilliant. He knew so much about the technologies that were about to emerge, spent so much time thinking about how they would actually work.” – nochmal Jonathan Nolan, Zitat ebenfalls via Michaelcrichton.com

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“Westworld” (1973) ist also weniger ein Film darüber, wie es sich anfühlen würde, im Wilden Westen zu leben – als darüber, wie es sich anfühlt, in einem (plötzlich, nach Fehlfunktion der Roboter: sehr brutalen und existentiellen) FILM zu stecken.
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“Westworld” (2016) tut das selbe – doch zieht stattdessen vor allem Videospiel- und Liverollenspiel-Vergleiche: Wie fühlt es sich an, in einem Action- oder (frauenfeindlichen) Sex-Spiel zu stecken?

Und: Wie fühlt es sich an, eine fremdgesteuerte Nebenfigur (ein Non-Player-Character) in einem solchen Spiel zu sein… und das allmählich zu begreifen?

Das Feuilleton vergleicht teure Serien oft mit Dickens etc.: ein modernes Epos, der Roman des 21. Jahrhunderts. “Westworld” zeigt eine Welt, in der statt Serien ein Western-Spiel diesen Rang einnimmt: Es gibt viele Diskussionen der Park-Macher, -Autoren, -Manager darüber, wie sich das “Narrativ” des Parks entwickeln soll.
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So wird “Westworld” zu einer Art… Meta-Kommentar darüber, was solche Serien heute mit ihren Zuschauern machen, was sie uns über uns selbst spiegeln.
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Trotz dieser vielen technischen Gespräche über Erzählkunst, Identifikation, sich-in-Fiktionen-Spiegeln, Empathie, Rollenmuster usw. ist “Westworld” aber auch eine konventionelle, typische HBO-Serie: krasse Gewalt, minutenlange Nacktszenen, alberne Cliffhanger, übertriebene Wendungen, allerlei abgeschmackte Sentimentalitäten. Die Serie versucht, gleichzeitig sentimental zu sein und zu zeigen: “Schau, wie sehr Menschen sich nach solchen sentimentalen Rollen sehnen!”

Das wirklich Neue daran wurde mir klar, als ich den Film von 1973 sah: viele Motive wurden von 1973 übernommen. Die FORM dagegen stammt komplett aus dem 21. Jahrhundert: ein… recht gnadenloses, enges Erzähl-Korsett, das wir erst seit ca. 15 Jahren kennen – aus Serien wie “Lost”, “Kampfstern Galactica”, “Game of Thrones”. Ich sah noch nie eine Serie, die mir die Erzählform “teure US-Prestige-Serie voller Wendungen, Sex und Gewalt” SO deutlich als Konstrukt/Schema vorführte. Zugleich als mitreißende, oft überzeugende Serie… und als Meta-Kommentar über solche Serien: “Schau, welche immer gleichen blöden Zahnräder ein Uhrwerk namens ‘anspruchsvolle Serie’ bilden.”

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In der Serie selbst sind alle Roboter-Persönlichkeiten jeweils um eine Verlusterfahrung, ein Trauma, eine wichtige Erinnerung herum gebaut – die “Cornerstone Memory”. Das heißt: es gibt EINE Geschichte, aus der heraus sich deine Persönlichkeit verstehen lässt – meist eine leidvolle Verlusterfahrung. “Westworld” erzählt dann…
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a), zynisch: …wie schnell und billig man mit solchen rührseligen Backstories überzeugende Figuren und Erzählungen bauen kann.
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aber auch b), etwas rührselig-buddhistisch… dass Leid eine Person erst zur Person macht – Menschen wie Roboter – und ein Leben ohne Prägung durch Leid und Widerstand kein Leben wäre: Wir werden erst durch Reibung zu Personen, und ich muss mir eine Narration über mich selbst erzählen, um mich selbst begreifen zu können.

Ich kenne keine Serie, in der so viel über das Erzählen (und Erinnern, und Spielen) gesprochen wird. aber: all das stammt aus dem 21. Jahrhundert, nicht aus Crichtons Ursprungs-Vision: eine TV-Serie aufgeschnitten/seziert als Erzählform über das Erzählen von Erzählformen. Erzählen… am offenen Herzen einer Erzählung. #meta
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Als Zuschauer fand ich den Pilotfilm großartig und die Welt des Parks und der Roboter sehr faszinierend. Insgesamt kann ich die Serie auch empfehlen. Aber: So vieles kennt man schon aus anderen Serien, und so viele abgeschmackte Elemente werden hier als abgeschmackte Elemente vorgestellt/ausgestellt, doch dann trotzdem in vollem Ernst benutzt, dass ich an zu vielen Stellen dachte:
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Boah… ja. Wie sentimental und kalkuliert. Typisch HBO-Serie!
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