Queere Literatur 2016: Hans Hütt

Journalist und Autor Hans Hütt, 2016

Journalist und Autor Hans Hütt, 2016

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich werde das Festival als Liveblogger begleiten… und stelle bis Sonntag mehreren Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern kurze Fragen über Queerness, Widerstand und das Potenzial homosexueller Literatur.

Den Anfang machten Katy Derbyshire (Link)Kristof Magnusson (Link) und Angela Steidele (Link). Jetzt…

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Autor Hans Hütt (mehr hier).

Aufgewachsen am Niederrhein. Studium der Politikwissenschaft, Musikwissenschaft, Psychologie, Empirischen Kulturwissenschaft, Vergleichenden Literaturwissenschaften und Religionswissenschaft in Tübingen und Berlin. Von 1974 bis 1990 war Hans Hütt Ausstellungsmacher, Autor, Dramaturg, Kulturmanager, Lektor, Literaturkritiker, Moderator, Redakteur, Reporter, Übersetzer und Verleger – für Berliner Festwochen, Deutsche Welle, Deutscher Bücherbund, Deutscher Koordinierungsrat, Literaturzeitschrift Listen, Radio 100 in Berlin, Stadt Frankfurt am Main, Südwestfunk, AStA der Universität Tübingen, Art Journal Wolkenkratzer, Verlag rosa Winkel und ZDF. Aktuell schreibt Hütt oft für die FAZ (Link: Publikationen).

Hans Hütt auf Twitter  |  Hans Hütts Blog

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01_Eine eigene Arbeit, die mich vorstellt:

Für den Essay “Angst vor der Gleichheit” erhielt ich im Oktober 2014 den Michael-Althen-Preis für Kritik. Inzwischen ist er in einer erweiterten Fassung mit Anmerkungen im Jahrbuch Sexualitäten 2016 im Wallstein Verlag erschienen. Hier der link zum Blogeintrag vom Juli 2014: http://www.anlasslos.de/?p=521

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02_Wenn mich jemand „homosexuelle(r) Autor*in“ nennt…

…dann hat derjenige, der mich so nennt, entweder keine Achtung vor mir als Autor oder vor der Tatsache, dass ich schwul bin. Die Ergänzung um das Adjektiv erzeugt ein Abseits, das mir keinen Platz bietet, sondern einen zuweist.

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03_Das Queerste, das ich in meiner Kindheit sah oder kannte…

In meiner Kindheit gab es weder den Begriff “queer” noch seinen Superlativ. Aber ich hatte einen Mitschüler, der meinen Griechischlehrer gerne mit einer Karikatur auf der Tafel zeigte, wie er mit seinem unglaublich breit links und rechts nach unten gezogenen Mund eine Banane quer zu sich nahm.

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04_Ein queeres Buch, das mich beeinflusst hat…

“Die Laute” von Michael Roes, den ich bei diesem Festival vermisse. Ich habe über “Die Laute” eine Rezension für die taz geschrieben.

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05_Ein anderes Stück queerer Kultur, das mich beeinflusst hat:

Der Film “A un dios desconocido” (An einen unbekannten Gott) von Jaime Chávarri, den ich 1978 bei der Berlinale sah. Er erzählt in Rückblenden die Ermordung Lorcas. Ein alt gewordener Zauberer erinnert sich an seine Kindheit. Die Erinnerung setzt eine Tonbandaufnahme in Gang. Auf dem Band hat er Locas “Ode an Walt Whitman” eingesprochen. Sie bahnt der Erinnerung den Weg.

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06_Ich wünschte, ich hätte in Sachen Homosexualität früher gelernt/gewusst/erfahren, dass…

“In Sachen Homosexualität” kann ich keine Auskunft geben. Das Wissen ist unteilbar da oder nicht. Verzögerung oder verfrühtes Wissen ändert daran kaum etwas. Allerdings gibt es eine inhärente Neugier, gespeist aus der Erfahrung, anders zu sein, diejenigen zu beobachten, denen diese Erfahrung fremd ist.

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07_Mich ehrt, wenn meine Arbeiten in einer Buchhandlung oder Ausstellung neben folgenen Autor*innen stehen:

Karsten Witte, Pier Paolo Pasolini, Pierre Guyotat, Didier Eribon, Michel Foucault.

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08_Zu viele Menschen denken bei „Homosexualität“ zuerst oder fast nur an schwule Männer. Ich wünschte, stärker in den Fokus rücken…

Warum sollen sie nicht an schwule Männer denken (wenn sie denn denken)? Warum sollte ich, und sei es nur durch wishful thinking, erziehungsdiktatorisch wirken wollen? Das Gedächtnis und der Assoziationsraum sind sehr individuell geprägt. Kulturelle Codierungen können daran nur wenig ändern.

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09_Ein queerer Moment in Berlin (oder in Deutschland), an den ich mich lange erinnern werde:

ein Schnappschuss, der mir im letzten Jahr am Rand einer Ausstellungseröffnung gelang. Ich nenne ihn “Pflanze Mensch”.

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pflanze mensch

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10_Folgende Expert*innen, Autor*innen, Aktivisit*innen, Orte, Institutionen, Diskurse haben mein (Selbst-)Verständnis beeinflusst oder geprägt:

Roland Barthes, die Essaysammlungen “Drei Milliarden Perverse” und “Elemente einer homosexuellen Kritik”, die ich 1979 und 1980 als Lektor im Verlag rosa Winkel herausbrachte. Der Buchladen Prinz Eisenherz. Das Bali-Kino Manfred Salzgebers. Die frühen Panorama-Programme, die er für die Berlinale kuratierte. Die NGbK. In Erinnerung: Frank Wagner. Heute Johannes Kram. Neuerdings mein Mitbewohner Lavender Wolf.

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11_Folgende Expert*innen, Autor*innen, Aktivisit*innen, Orte, Institutionen, Themen verdienen mehr Aufmerksamkeit/Zuwendung:

Michael Roes, Pierre Guyotat, einige Bände der Zeitschrift “Semiotext(e), die Sylvère Lotringer gegründet hat, zB die Ausgabe “Polysexuality”. Die Anthologie “Now The Volcano”, eine Sammlung lateinamerikanischer schwuler Literatur, die Winston Leyland 1979 bei Gay Sunshine Press herausbrachte.

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12_Ein heterosexueller Ally/Verbündeter, dem ich dankbar bin und/oder den ich schätze:

Ich maß mir nicht an, irgendwelche Aussagen über die sexuelle Prägung von Autoren zu treffen, die ich gerne lese, weil sie klug sind. Zum Beispiel Nils Minkmar.

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13_Ein Gast beim „Empfindlichkeiten“-Festival, auf den ich mich besonders freue:

Abdellah Taïa, dessen Werk und Engagement ich bewundere und der mit seiner Eröffnungsrede zu “Empfindlichkeiten” eine schwule Idee der Transsubstantion entwickelt hat.

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14_Eine politische oder öffentliche Figur, über die wir dringend mehr reden müssen. Und eine, über die wir weniger reden sollten:

Bei Figuren denke ich an Choreographien, also Bewegungsabläufe von Menschen. Figuren sind eine Zuschreibung mit leicht abschätzigem Unterton. Das Redenmüssen erscheint mir diskursiv im übrigen eher als eine zweifelhafte Figur. Mein Denken verdanke ich auch dem Umstand, dass ich öffentlichen Redegeboten immer zuwider gehandelt habe.

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15_Eine queere Figur, ein queerer Star oder eine queere Geschichte aus dem Mainstream, über deren Popularität/Strahlkraft ich mich freue:

Hildegard Knefs Schwester Irmgard.

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16_Ich wünschte, folgendes reaktionäre Vorurteil/Denkfigur würde endlich verschwinden/nicht immer wieder neu diskutiert werden:

Ernsthaft: es wird uns nicht gelingen, Emanzipation mit Verboten oder Ausschlüssen zu ermöglichen.

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17_Hubert Fichte bedeutet mir…

…seit der frühen Lektüre seines Buchs “Versuch über die Pubertät” sehr viel.

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18_Leonore Mau bedeutet mir…

…infolge ihrer Fotobände über Brasilien sehr viel.

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19_Am Literarischen Colloquium Berlin…

…war ich, seit ich zum ersten Mal nach Berlin gezogen bin, sehr oft. Besonders gut in Erinnerung: das helle Lachen Walter Höllerers, der Sommer, in dem die Bennents hier wohnten (während der Dreharbeiten zu Schlöndorffs Blechtrommel-Verfilmung.

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20_Ein queeres literarisches Event, das ich mir wünsche:

eine lange Nacht der ermordeten schwulen Autoren: Lorca, Pasolini, Sénac uvm.

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21_Ein queeres guilty pleasure in meinem Leben:

I prefer pleasure without any sense of guilt.

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22_Ein Staat, eine Stadt, Region, Kultur oder eine Szene, aus der ich wichtige queere Impulse erhalte:

Ach, dann sage ich jetzt einfach mal Sousse und behalte das Geheimnis warum, für mich.

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23_Identität (und: Diskriminierung) wird immer öfter intersektionell beschrieben und diskutiert. Als queere*r Künstler*in interessiert mich aus dieser Perspektive besonders…

Mein Denken beginnt jenseits der Diskriminierung. Sich an ihr als gesellschaftlicher Tatsache festzuhalten, verlängert ihr Überleben. Identität ist, wie mein Lehrer Fritz Morgenthaler 1979/80 schrieb eher ein zweifelhafter Begriff, wenn es um die psychische Konstitution von Schwulen geht. Wichtiger wäre eine anschauliche Idee und Praxis von Autonomie.

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24_Der Mainstream räumt Queerness oft mittlerweile etwas mehr Platz ein. Räumt Queerness auch dem Mainstream mehr (zu viel?) Platz ein – in Fragen wie Familien- und Rollenbildern, Selbstdarstellung, Konsum und Politik? Wo reiben sich Queerness und „Normalität“? Reiben sie sich genug?

Ich kann mit dem Begriff Mainstream wenig anfangen. Wo fängt er an, wo auf?

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25_Wenn Universitäten und Akademiker auf queere Diskurse (und: Gender-Diskurse) blicken, denke ich…

…völlig entsetzt darüber, dass neuerdings, wenn es nach dem Willen studentischer Aktivisten ginge, Ovids Metamorphosen an der Columbia University nur noch mit Warnhinweisen gelesen werden dürfen. Es gibt infolge einer Institutionalisierung gewisser Teilschulen der gender-Diskurse Denkverbote und ästhetische Grenzziehungen, die ich intellektuell zweifelhaft finde.

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26_Ein Mensch (oder, abstrakter: eine Eigenschaft/ein Wesenszug), den ich sehr sexy finde:

Kitzligkeit an unerwarteten Stellen.

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27_Kulturvermittler*innen, Institutionen, Journalist*innen machen, nach meiner Erfahrung, im Umgang mit queerer Kultur manchmal folgenden Fehler:

none of my business mich hier als Schulmeisterlein zu betätigen.

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28_Wie/wo/wann profitierte ich künstlerisch von meiner eigenen Queerness? Und steht/stand sie mir je im Weg, war sie je eine Schwierigkeit für mich?

Sie stand mir (fast) nie im Weg, aber öffnete meinem Denken und Reden immer wieder neue überraschende Wendungen.

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29_Eine Video-Kampagne, die queere Jugendliche vom Selbstmord abhalten will, verspricht: „It gets better.“ DOES it get better? Wo und für wen? Wann/wie wurde es für dich besser? Was muss noch anders/besser werden?

Die Geschichte kennt den Fortschritt immer nur als linearen Prozess. Wichtiger wäre es, wenn die gute Idee von Dan Savage um das Bewusstsein erweitert würde, dass es auch Rückschläge gibt und damit die individuelle und kollektive Gabe fördert, dem zu widerstehen.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

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