Homosexualität am Literarischen Colloquium Berlin: Ronny Matthes vom Festival “Empfindlichkeiten” im Interview

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit fürs Festival "Empfindlichkeiten": Ronny Matthes

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit fürs Festival “Empfindlichkeiten”: Ronny Matthes

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich werde das Festival als Liveblogger begleiten… spreche bis Sonntag mit Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern über Queerness, Widerstand und das Potenzial homosexueller Literatur…

…und, zur Eröffnung, mit Ronny Matthes über das Potenzial und den Kontext des Festivals:

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Mein Name ist Ronny Matthes. Ich studierte Geistes- und Kunstwissenschaften. Sonst mache ich PR für die Verlage Albino und Bruno Gmünder und schreibe frei für das VICE-Magazin. Für „Empfindlichkeiten“ betreue ich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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Ist „Empfindlichkeiten“ das erste queere Festival des Literarischen Colloquiums? Warum jetzt?

Besser spät als nie! Das LCB ist die erste große öffentliche literarische Institution, die mit einem solchen Festival aufwartet, ja. Etwas Vergleichbares gab es in Deutschland noch nicht.

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Ihr habt knapp 40 Autor*innen, Künstler*innen, Performer*innen eingeladen. Es wird Lesungen geben, Gesprächsrunden – was noch?

Es gibt Lesungen, Performances, ein Puppenspiel (!), Diskussionen, Konzerte, Getränke und Speisen, DJ-Sets, Gespräche.

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Richten sich alle Programmpunkte ans erwachsene Publikum? Oder gibt es auch z.B. queere Jugendbücher? Und wird “Empfindlichkeiten” sehr akademisch – oder liegt auch queere Unterhaltungs- und Genre-Literatur im Fokus?

Wir haben einen Autor aus dem Genre Young Adult dabei, Raziel Reid. 2014 gewann er mit “Movie Star” (im engl. Original “When Everything Feels Like the Movies”) den kanadischen Governor General’s Literary Award für die Sparte “Jugendbuch” und löste damit einen Skandal aus – denn das Buch ist sehr explizit, hart, berührend, schrill, todtraurig.

Ich denke, dass es auch für junge Leute interessant wird: Die geladenen Gäste aus sehr unterschiedlichen Generationen – was man besonders in den Panels/Diskussionsrunden sieht: Da sitzt Ingenschay mit Sulzer mit Louis mit Reid mit Magnusson. Allzu akademisch, hoffe ich, wird es nicht. Sicherlich lassen sich viele Diskussionen nicht ohne spezifisches Vokabular führen. Aber mein Wunsch ist, dass das Festival allen zugänglich ist, auch sprachlich.

Als “queere Genreliteratur” verstehen sich sicherlich die wenigsten der geladenen Autor_innen. Viele sind ja bei Mainstream-Verlagen und nicht bei queeren/schwulen/lesbischen Kleinverlagen. Eher als: Queer, im Mainstream angekommen.

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Welche neuen und oder internationalen Namen legst du uns besonders ans Herz?

Saleem Haddad und Raziel Reid – sicherlich die neuesten und jüngsten Stimmen im Programm. Etablierter mittlerweile: Edouard Louis.

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Hast du aktuelle queere Buchtipps? Aus dem Festivalprogramm… und außerhalb?

Haddads „Guapa“ kommt hoffentlich bald auf Deutsch. Dann eben Reids „Movie Star“. Edouard Louis’ „Das Ende von Eddy“ ist gerade als Taschenbuch erschienen. Nicht auf dem Festival, aber von mir empfohlen: Karen-Susan Fessels „Bilder von ihr“ – ein Klassiker der lesbischen Literatur, neu aufgelegt. Außerdem „Wir Propagandisten“ von Gabriel Wolkenfeld und „Jetzt sind wir jung“ von Julian Mars.

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Hilft das LCB queeren Künstler*innen aus Ländern, die Homosexualität kriminalisieren? Wie?

Falls Einladen als Hilfe gilt: Wir kümmern uns um Visum, Unterbringung, Kost und Logis. Außerdem sind wir an einem langfristigen Kontakt mit diesen Autor_innen interessiert. (Wie mit allen, mit denen wir zusammenarbeiten.)

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Wie hat sich das Festival im Lauf der Planung verändert? Musstet ihr etwas umschmeißen oder neu denken? Worauf freust du dich besonders?

Die Kulturstiftung des Bundes hat das Projekt im Frühjahr 2016 bewilligt. Sicherlich fanden aber schon vorher Planungen statt. Ich wurde ins Boot geholt, als das Konzept schon stand: Die künstlerische Leitung liegt bei Thorsten Dönges und Samanta Gorzelniak. Ich freue mich besonders auf den Mix aus Lesungen, Diskussionen und Musik – weil es verspricht, keine akademische Selbstbespiegelung zu werden, sondern ein Festival für alle. Man kann sich die Rosinen herauspicken.

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Macht die Pressearbeit Mühe? Sind Nischen- und Szene-Plattformen offener fürs Festival – und wird Homosexualität noch immer zuerst als „sexuell“ gelesen/begriffen?

Presse fürs LCB macht Spaß und Mühe. Spaß, weil es bei den Medien einen Vertrauensvorschuss bringt, für eine etablierte Institution zu arbeiten: Man kennt sich und berichtet gern. Mühe, weil auch 2016 Medienvertreter_innen zusammenzucken, wenn das Wort “Homosexualität” fällt. Bei Medienvertreter_innen, die man persönlich kennt und die selbst schwul/lesbisch sind, ist der Zugang sicherlich einfacher. Der Queerspiegel [queere Sonderseiten im Berliner Tagesspiegel] z.B. widmet „Empfindlichkeiten“ eine Online-Serie mit Autoren-Statements und heute, Donnerstag, auch ein großes Print-Feature. Aber auch nicht-schwul/lesbische Medien waren interessiert – Zeitungen, Zeitschriften, Print und Online, Blogs und Radio.

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Warum der Titel „Empfindlichkeiten“?

Der Name kommt vom Roman- und Glossenzyklus “Die Geschichte der Empfindlichkeit” von Hubert Fichte.

Fichte hielt sich 1963/64 am Literarischen Colloquium auf und verarbeitete diese Zeit im dritten Band der Geschichte der Empfindlichkeit, dem Glossenband “Die Zweite Schuld”.

„Gibt es so etwas wie einen Stil der Homosexuellen, gibt es homosexuelle Romanciers im Gegensatz zu Schriftstellern mit homosexuellen Neigungen? Henry James veräppelt Mrs. Penniman, die Wörter kursiv setzt. Henry James setzt kursiv, in Anführungsstriche, in Klammern. Schwule Sprache ist uneigentlich, ist indirekte Sprache. Nirgends so viele Anführungsstriche wie auf dem Plakat zum Faschingsfest in der Stricherbar. Aber sind Sousentendus, Verfremdungen, Übertreibungen, Ironie, Travestie bei Henry James häufiger als bei Guy de Maupassant oder bei Norman Mailer – die Wahl der Beispiele drückt kein Qualitätsurteil aus –, es ist nur so schwer, erklärt heterosexuelle Schriftsteller zu finden. Von homosexuellen Autoren, von homosexueller Literatur sprechen, setzt voraus, daß es heterosexuellen literarischen Stil gibt, heterosexuelle Kriteria. Und: Kann es die Aufgabe der Literaturkritik sein, biologistische Kriterien zu kanonisieren, die von den Biologen jede Saison ausgewechselt werden?”

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Hubert Fichte starb 1986. Ist er wirklich noch immer das Nonplusultra für anspruchsvolle schwule Literatur, im deutschsprachigen Raum?

Als jemand, der sich viel mit schwulen Autoren beschäftigt: Fichte ist wichtig, aber auch outdated. In meinem Bekanntenkreis haben fast nur die Ü40-jährigen etwas von ihm gelesen. Das ist schade, denn gerade sein “Versuch über die Pubertät” ist ein zeitloser Text, der Pflichtlektüre in Schulen werden sollte.

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Outdated – inwiefern?

Die Sprache ist aus heutiger Sicht sehr unzugänglich, finde ich. Aus der Zeit gefallene Bilder, viel Stricherromantik, viel Klappen, viel heute-nicht-mehr-Existierendes aus der schwulen Subkultur der 70er und 80er.

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Viele Freunde von mir kennen ihn vom Namen her – aber wissen nicht, dass er schwul (bisexuell?) war, weil Zeitungsartikel oft viel über seine Freundschaft/Beziehung zur Fotografin Leonore Mau sprechen. Oder er wird als Hamburg-Autor, Lokal-Autor, Kneipen-, Szene-, früher Pop-Autor erinnert.

Fichte war ja jemand, der sein literarisches Schaffen gerade über die eigene Homo-/Bisexualität definierte. In meiner Eigenwahrnehmung habe ich immer mehr Fichte auf dem Schirm als Mau. Ich könnte mir aber erklären, warum es manche so wahrnehmen, als wenn Mau mehr rezipiert wird: Bild schlägt Text, ist zugänglicher, schneller erfassbar, mit einem Blick umfassend gesehen.

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Ist Fichtes „Die zweite Schuld“ lesenswert? Erfahre ich viel über das Literarische Colloquium vor 50 Jahren?

Das sind hinreißende Interviews (Fichtes große Stärke!) und Tagebuchskizzen. Übers LCB selbst erfährt man nicht so viel – vielmehr über die Personen, die es mit Leben füllten. Von bitterböse bis charmant, immer brutal ehrlich, selten schmeichelhaft, schildert Fichte die Menschen am LCB zur Gründungszeit. Wer etwas für Literaturgeschichte übrig hat, sollte es unbedingt lesen.

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Wo wird sonst in Berlin über queere Literatur gesprochen? Hast du Tipps?

Die „Literatunten“ und das „Queere Literarische Quartett“ im Prinz Eisenherz Buchladen sind die beiden “Institutionen”, die ich nennen und empfehlen kann. Sonst auch in den Feuilletons der Stadt, im Queerspiegel des Tagesspiegels und im Buchteil der Siegessäule.

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Erlebst du, dass sich Autor*innen verbitten, als queerer Autor gesehen, rezipiert, verstanden zu werden? Oder nimmt jeder dieses Label an?

Bisher hat sich niemand beschwert. Aber das wird sich sicher in den Diskussionen zeigen. Denn: What’s queer today is not queer tomorrow.

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Weißt du von ungeouteten prominenten Autor*innen? Oder ist das im Literaturbetrieb kein Thema?

Ich kenne nur Gerüchte um nicht-geoutete Fußballer. Ich glaube, in der Domäne Literatur ist das große Tabu um Homosexualität nicht mehr so wirkmächtig wie z.B. im Sport, in der Kirche, in der Armee…

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Wer sind für dich die wichtigsten queeren deutschsprachigen Stimmen, aktuell?

Sicherlich Antje Rávic Strubel, Alain-Claude Sulzer, verlegerisch Joachim Bartholomae, der sich selbst ja schon seit Jahrzehnten an den Fragen, die beim Festival verhandelt werden, abarbeitet.

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Wen würdest du gern das nächste Mal einladen? Gibt es ein nächstes Mal?

Falls es ein nächstes Mal gibt, was ich hoffe: definitiv Edmund White, solange er noch lebt, und Alexis De Veaux. Und unbedingt Garth Greenwell! Ein sehr vielversprechendes Debüt.

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Du bist selbst queer? Was macht queere Literatur mit dir? Und: Warum sollten Hetero-Leser*innen mitlesen, sich angesprochen fühlen?

Ich definiere mich selbst als schwulen Mann, kann aber mit dem Label „queer“ viel anfangen, sofern es nicht in die post-moderne Beliebigkeit rutscht. Hetero-Leser_innen sollten sich von queerer Literatur angesprochen fühlen, weil Fragestellungen, Probleme, Themen in viel queerer Literatur universell sind. Außerdem bereichert ein queerer Blick auf Altbekanntes den Horizont.

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Zu Menschen, die noch auf der Kippe stehen, ob sie „Empfindlichkeiten“ besuchen, sagst du…?

Eine Fahrt an den Wannsee hat noch keiner und keinem geschadet, und ihr werdet euch beim Durchblättern des Readers danach ärgern, wenn ihr seht, was für spannende Fragen verhandelt wurden. Empfindlichkeiten ist sicherlich die einmalige Chance, so viele queere Autor_innen auf einem Haufen zu sehen und tatsächlich mit ihnen diskutieren zu können – nicht nur Wasserglaslesungen zu sehen, sondern tatsächlich in den Diskurs zu treten. Außerdem verpasst ihr das beste Catering Kreuzbergs: Der Südblock kocht.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

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