Month: December 2015

gelesen 2015: meine 20 besten Bücher des Jahres

Stefan Mesch, Bücher 2015 - Foto von Achim Reibach

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Die 20 Bücher, die ich möglichst vielen Menschen empfehlen kann:

meine Entdeckungen 2015.

Favoriten 2014 | Favoriten 2013 | Favoriten 2012 | Favoriten 2011

Lieblingscomics 2015 hier (Link), weitere Buchtipps hier (Link).

Und: Songs 2015 (Link)!

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lieblingsbücher 2015 7

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20: KOU YAGINUMA, “Twin Spica”, Manga-Reihe, 2001 bis 2009.

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Twin Spica, Volume: 01[mehr] Asumis Mutter starb 2010 – als die Lion, das erste Space-Shuttle Japans, auf ihre Heimatstadt stürzte. Trotzdem will Asumi Astronautin werden; unterstützt von ihrem depressiven Vater – und dem Geist eines verglühten Lion-Astronauten.

„Twin Spica“ wirkt simpel und süßlich. Die kleine, kindliche Asumi sieht aus wie Heidi, jede Figur hat ein rührseliges Trauma, kurz dachte ich: für Zehnjährige, höchstens – oder Fans vom „kleinen Prinz“. Doch Leitmotive, Bildsprache, Psychologie und Stimmungen werden so geschickt verwebt… mit jedem Band (ich kenne sechs von 16) wird diese zarte Coming-of-Age-Geschichte trauriger, ernster, klüger, subtiler.

Mut zum Melodrama: das Kitschig-Schönste, das ich seit Jahren las. Hach!

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19: CHRISTOPH SCHMITZ, “Das Wiesenhaus”, deutscher Roman, 2012

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Das WiesenhausEin einfacher, recht passiver Kleinstadt-Junge im Rheinland der 60er, 70er… und die Lebenslügen, Rituale, Versäumnisse und rührenden Gesten von Großvater, Mutter und einem entfernteren Hallodri-Verwandten – erzählt in ruhiger, simpel-aber-kunstvoller Sprache und mit genauem Blick auf Alltäglichkeiten, kleine Abgründe.

Andreas Maier schreibt autobiografische Romane über die Wetterau bei Frankfurt – doch richtig gepackt hat er mich bisher nicht. Schmitz’ kurzer Roman ist sanfter, weniger verbissen: ein gediegenes, kluges, konventionelles Stück Provinz- und Zeitgeschichte. Schenkt das dem Onkel, Vater, Freund, der in den 50ern geboren wurde und “eigentlich keine Romane liest”.

Einfach, aber authentisch, sympathisch, entspannt: ein Suhrkamp-Underdog/-Geheimtipp.

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18: WARREN ELLIS, “Injection”, Sci-Fi-Graphic-Novel, bisher ein Band, USA 2015 (britischer Autor).

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Injection, Vol. 1[mehr] Ein ambitioniertes Sci-Fi- und Mystery-Comic für Fans von “Akte X”, von dem bisher erst 5 kurze Hefte erschienen. Wie immer bei Warren Ellis wird viel geschossen und gestorben, geflucht, gesoffen und geblutet. Noch mehr aber geht es ums Altern und Beten, Wandern und Meditieren, Hoffen und Resignieren: Fünf Wissenschaftler*innen haben die Welt verändert, mit einer geheimen “Injektion“. Jetzt, Jahre später, zahlt die Welt den Preis – und ein Dana-Scully-Lookalike über 50 humpelt und flucht durch eine mystische Regierungsverschwörung.

Tolle Figuren, verquaste Esoterik: Bisher überzeugen mich Stil, Atmosphäre, Psychologie. Könnte aber schlimmer Märchen- und Pagan-Kitsch sein.

[Eine weitere aktuelle Reihe von Ellis, die ich mochte: “Trees” – über einen missglückten ersten Kontakt mit Aliens und die geopolitischen und identitären Krisen, die Staaten und Menschen erschüttern, sobald klar ist: Wir sind nicht die Krone der Schöpfung.]

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lieblingsbücher 2015 5

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17: TONY KUSHNER, “Angels in America, Pt. 1: Millennium Approaches”, US-Theaterstück, 1992.

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Angels in America, Part One: Millennium Approaches2005 lief die HBO-Verfilmung dieses schwulen New Yorker Theater-Klassiker über die AIDS-Krise und mehrere Mormonen und jüdische Männer in Glaubens- und Beziehungskrisen im ARD-Programm: Ich sah Al Pacino als feisten Politiker, Sarah Jessica Parker als schwülstigen Engel (…es war Emma Thompson: Ich bin gesichtsblind), mir schien das unbeholfen, prätenziös, konservativ, möchtegern-crazy – nicht frecher oder mutiger als “Will & Grace”.

Im Sommer 2015 las ich endlich den ersten Teil, “Millennium Approaches” – und war begeistert: keine große Literatur… doch so wendungs- und bezugsreich, clever, wütend und mit Pointen, Jahrzehnte ihrer Zeit voraus – mich hat das überraschend oft zum Lachen gebracht, begeistert. Leider braucht man beide Teile; und Band 2, “Perestroika”, wiederholt nur alle Tricks und Kniffe: Was auf 150 Seiten Spaß machte, wird auf 300 Seiten dünn, bemüht, banal.

5 Sterne für Teil 1 – doch dramaturgisch klappt hier nichts: kein kluger Bogen. Sondern Ideen, Schwung, Figuren, die sich tot laufen.

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16: JILLIAN TAMAKI, MARIKO TAMAKI, “This one Summer”, Young-Adult-Graphic-Novel, Kanada 2014.

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This One SummerRund um Toronto liegen Hunderte kleiner Seen; und über den Sommer ziehen reichere Familien oft wochenlang in ihre simplen Ferienhäuser. Ich mochte “Skim” (2008), eine sperrige, oft unbeholfene, unbequeme Graphic Novel der Tamaki-Schwestern über ein Schulmädchen, das ihren Körper hasst – und bin überrascht, wie viel heller, softer, zugänglicher (und trotzdem: gelungener und reifer) diese neuen 300 Seiten über ähnliche Teenager sind (Deutsch: “Ein Sommer am See”, Reprodukt):

Zwei Freundinnen und Feriendorf-Nachbarinnen – eine Siebt- und eine Achtklässlerin – leihen sich Horrorfilme, belauschen die älteren Kiffer und müssen neu austarieren, wofür sie noch zu jung sind – und wofür langsam zu alt. Detailverliebte, aber still-uneitle Zeichnungen. Schöne Charakter-Momente. Kaum Plot. Zu lapidar, um mich besonders zu rühren oder zu erschüttern – aber ein toller Zwischenschritt zweier Erzählerinnen, die besser und besser werden.

Wenn ich jetzt einen “Dirty Dancing”-Vergleich mache, weckt es falsche Erwartungen: ein ruhiges, kluges, kanadisch-unspektakuläres I’m-not-a-girl-not-yet-a-woman-Sommerbuch.

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15: ED BRUBAKER, “The Fade Out”, Noir-/Krimi-Graphic-Novel, 2 von 3 Bänden sind erschienen, USA ab 2014.

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The Fade Out, Vol. 1: Act One[mehr] Charlie Parish ist Drehbuchautor – heimlich: Er macht den Job, für den sein Alkoholiker-Kumpel Gil bezahlt wird. Bei einer Party stirbt Hauptdarstellerin Valeria Summers. Charlie verliebt sich in Maya Silver – den jungen Star, der sie ersetzen soll. Während viele Szenen neu gedreht, das Drehbuch ständig ausgebessert wird, versucht er, sich an die Mordnacht zu erinnern.

Ich liebe Ed Brubaker seit „Gotham Central“. Seit 15 Jahren erzählt er immer wieder gefeierte historische Noir-Dramen um Detektive und Killer. „Fatale“ brach ich schnell ab: Was als Krimi begann, wurde zu schnell von trashigen Lovecraft-Tentakeln erwürgt. „The Fade Out“ bleibt den klassischen Farben, Motiven, Tricks des Krimi-Genres treu: Hollywood 1948. Kaputte Stars, Auf-, Absteiger. Bittere Geheimnisse. Verrat und Sünde. Ein glänzend recherchierter, toll gezeichneter Comic zweier Profis.

Nicht bahnbrechend, ambitioniert – aber stimmig, fesselnd, smart, detailverliebt… und wunderbar traurig.

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lieblingsbücher 2015 6

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14: YUKI KODAMA, “Sakamichi no Apollon”, Manga-Reihe, 2008 bis 2012.

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Sakamichi No Apollon: 10 (Bonus Track)[mehr] Im August las ich die ersten Seiten von über 150 Mangas – und merkte: Oft brauchen sie viel länger, um Stimmung und Ton zu treffen. Die Eröffnung bleibt meist unbeholfen. Überfrachtet.

Bei „Kids on the Slope“ (englischer Titel der Anime-Adaption) war ich nicht sicher, ob ich in einer schwulen Romanze stecke, einer Pennäler-Komödie im Retro-Look oder mitten im Kampf zweier ungleicher Schüler – ein verzärtelter Nerd, ein bettelarmer Raufbold – um das selbe Mädchen. Alle (männlichen) Figuren spielen in einer Jazzband. Doch Jazz-Exkurse bleiben nebensächlich.

Nein. „Sakamichi no Apollon“ (nur als Fan-Übersetzung online lesbar) ist die Geschichte einer (lebenslangen?) Freundschaft. Die späten 60er Jahre in der japanischen Provinz. Enge Rollenbilder. Armut. Der Mut, von etwas zu träumen. Zu jemandem zu stehen – behutsam inszeniert im simplen Retro-Zeichenstil.

Ein langsames, zärtliches, schlichtes Coming-of-Age – oft witzig und zum Heulen schön. Ohne große Abgründe, Effekte, Pomp.

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13: JASON FRY: Band 3 und 4 von “Star Wars: Rebels – Servants of the Empire”, Young-Adult-Sci-Fi-Romane, USA 2015.

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The Secret Academy (Star Wars Rebels: Servants of the Empire, #4)Im Oktober, sechs Wochen vor der Premiere von “Star Wars: Das Erwachen der Macht” [Text von mir], las ich für Deutschlandradio Kultur durch neue “Star Wars”-Comics und -Romane. Mich überraschte die Qualität zweier kurzer Middle-Grade-Novels (Kurzromane für 11- bis 14jährige) zur Kinder-Serie “Star Wars: Rebels”. “Servants of the Empire” erzählt von Zare, Kadett einer Nachwuchs-Akademie des Imperiums, dessen Heimatplanet langsam zum Überwachungsstaat wird. Als zweite Hauptfigur versucht seine Freundin, eine Schülerin und Hackerin (“Slicerin”), durch Deals mit Schmugglern und Gangstern ihre digitalen Fußabdrücke zu verwischen.

Ich liebe Cory Doctorows Datenschutz-Jugend-Thriller “Little Brother” (2008, leider ist die Fortsetzung “Homeland” geschwätzig und fad)… und bin überrascht, dass der zweitklügste, -schmissigste, -komplexeste Roman über Whistleblower, digitalen Widerstand und Bügerrechte ausgerechnet ein “Star Wars”-Jugendbuch ist. Band 1 und 2 habe ich übersprungen – und für Leser über 16 sind die Figuren und Aciton-Szenen teils zu holzschnittartig. Trotzdem: Seit “Harry Potter” hatte ich nicht mehr so viel klugen Jugendbuch-Action-Spaß.

Warmherzig, mitreißend, politisch: ein unerwartet subversives Kleinod. 

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12: JAMES BALDWIN, “100 Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung”, Essay, USA 1963.

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The Fire Next Time2015 schrieb Ta-Nehisi Coates ein elegisches Essay übers Schwarzsein in den USA, “Between the World and me”. Starke Thesen – aber stilistisch so schwülstig, polemisch und religiös-predigthaft-überdreht… ich warte auf die deutsche Übersetzung. Das Original liest sich wie Sirup-voller-Rasierklingen.

Eine schöne Überraschung: Wie zeitlos, packend, relevant dagegen James Baldwins biografisches, politisches Essay über missglückte Anpassung und schwarze Unterdrückung bleibt – auch noch nach 52 Jahren. Ich las eine deutsche Ausgabe (Achtung: das N-Wort wird durchgängig benutzt), und würde das kurze Buch am liebsten zur Schullektüre machen. Black Lives Matter, Identity Politics, die großen Debatten des Jahres 2015… Baldwin nimmt große Fragen vorweg, und gibt kluge Antworten.

[Ich mochte auch Harper Lees “Geh hin, stelle einen Wächter”: literarisch oft unbeholfen, viele Längen und schlechtes Timing – doch in Zeiten von PEGIDA und Donald Trump extrem relevant.]

Rhetorischer Volltreffer: zwei Stunden Lesen – mit angehaltenem Atem. Wichtige Debatte, wichtige Impulse und Thesen. Großer Gewinn!

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lieblingsbücher 2015 4

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11: HANS MAGNUS ENZENSBERGER (Hg.), “Europa in Trümmern” (Taschenbuch-Titel: “Europa in Ruinen”), Augenzeugenberichte 1944-1948. Reportage-Reader, Deutschland 1990.

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Europa in Ruinen: Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944 bis 1948Für die Andere Bibliothek sammelte Hans Magnus Enzensberger Reportagen über das Leben in den Städten Europas in der Endphase des zweiten Weltkriegs bis 1948. Literaten, Reporter, Diplomaten berichten (meist aus Ländern, in denen sie nur Besucher sind) über Zerstörung, Wiederaufbau, Unmenschlichkeit und nationale Wunden und Neurosen.

Eine langsame, packende, abwechslungsreiche Textcollage mit Stig Dagerman, Alfred Döblin, Janet Flanner, Max Frisch, Martha Gellhorn, John Gunther, Norman Lewis, A.J. Liebling, Robert Thompson Pell und Edmund Wilson. [Gellhorn, Dagerman und Janet Flanner sind am besten/eindringlichsten.]

Ausführlicher journalistischer Reader – tolle Auswahl, viel gelernt. Aber: ein paar Beiträge sind eitel, effekthascherisch.

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11b: NICHOLSON BAKER, “Human Smoke. The Beginnings of World War II, the End of Civilization”, Textcollage (20er Jahre bis 1941), USA 2008.

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Human Smoke: The Beginnings of World War II, the End of Civilization“Europa in Trümmern” ist literarischer: längere Texte, mehr Raum, um Atmosphären, Stimmung festzuhalten. Doch “Human Smoke” riss mich mit: flüssig, kühn und oft überraschend sammelt Baker Textschnipsel, diplomatische und kulturgeschichtliche Anekdoten, Zitate über die politischen, weltanschaulichen und demagogischen Weichen, die in Deutschland, England, den USA, Japan, Italien, Frankreich etc. zwischen den 20er Jahren und 1941 gestellt wurden: ein Mosaik aus Tagebuch- und Presseschnipseln über den Verfall der Zivilsation, totalen Krieg und Holocaust, Waffenhandel, Brandbomen und nationalen Hass. Ich habe unglaublich viel gelernt – und hätte das 500-Seiten-Buch noch genossen, wäre es dreimal so lang.

Walter Kempowskis WW2-Textcollage “Das Echolot” steht noch ungelesen im Regal: Ich glaube, mir geht es dort zu viel um hilflose kleine Leute und ihre schlichten, kaum politischen Kartoffel-, Tornister- und Bombenkeller-Sorgen. Ich liebe die postmodernen Collageromane von David Markson – doch die Schnipsel sind meist zu kurz, und man braucht zu viele Bildungsbürger-Vorkenntnisse, um Marksons schnelle, oft arrogante Pointen zu verstehen. Bakers Riesen-Textcollage ist die bisher beste Lösung, Mentalitätsgeschichte in Schnipseln zu erzählen: ein Kulturtagebuch der Entmenschlichung. Bittere, faszinierende, oft zynische Häppchen Zeitgeschichte, ideal pointiert, ideal gehaltvoll.

Fefes Blog… im zweiten Weltkrieg? SO viele Zusammenhänge und Konflikte, die ich zum ersten Mal verstehe. Großer Gewinn, großes, trauriges Lese-Vergnügen.

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10: MASUJI IBUSE, “Schwarzer Regen”, dokumentarischer Roman, Japan 1965.

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Schwarzer RegenSolide deutsche Übersetzung: Ibuse interviewte Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima 1945 für einen sehr langen, gemächlichen Dokumentarroman über höfliche, anständige, kontrollierte Kleinbürger – vor denen sich die Hölle auftut. Ein hartes, aber ruhiges Buch voller Alltagskultur, Contenance, Stolz und Angst, ohne große Effekthascherei:

Die Manga-Reihe “Barfuß durch Hiroshima” begann solide, wurde aber ab Band 3 und 4 immer rührseliger, kalkulierter, dumm-didaktisch-seichter. Deshalb bin ich froh, noch einmal aus anderer Perspektive über die zwei Wochen nach dem Abwurf (und, in der Rahmenhandlung: die frühen 50er Jahre) zu lesen – literarisch kunstvoll, faktensatt, humanistisch, intelligent.

Eine literarische Reportage zeigt, was nur eine Reportage zeigen kann: kluger, empathischer Bericht über Alltag und Vernichtung.

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lieblingsbücher 2015 3

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09: FRANK WITZEL, “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”, deutscher Roman, 2015.

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Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969[längerer Text hier] Wie gesagt: Ich kenne nur zwei, drei Menschen, denen ich empfehlen kann, alle 817 Seiten zu lesen. Wie bei David Foster Wallaces “Unendlicher Spaß” wächst hier kein Spannungsbogen – sondern ein Thema, ein paar Leitmotive werden umkreist, in immer neuen Schlaufen. Das könnte 200 Seiten dauern – oder 2000. Egal. Die Einzelteile (bei Witzel: 98 Kapitel in wechselnden Tonlagen, Perspektiven) ergeben kein geschlossenes Bild.

Wer sich daran nicht stört, findet hier verspielte, beißend kluge, immer wieder überraschende Splitter, Tonlagen, Verdrängtes und Nie-Vergessenes zur BRD der späten 60er: Ein entspannter, selbstbewusster Zeit- und Generationenroman, der seitenweise Sprach-, Gedanken-, Unterdrückungs-Müll, TV-, Religions- und Pop-Rhetorik zu köstlich-hässlichen, bitteren kleinen Angstpralinen quetscht.

Toll, dass ein so sperriger Roman den deutschen Buchpreis gewinnt: ein ambitioniertes, überbordendes Archiv.

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08: GERTRAUD KLEMM, “Muttergehäuse”, österreichische Memoir/literarisch-biografische Textcollage, erscheint am 1. Februar 2016.

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MuttergehäuseIch habe “Herzmilch” und “Aberland”, zwei sehr gut besprochene Romane Gertraud Klemms über unzufriedene Frauen/Mütter, angelesen… und mir ein drittes Buch von ihr (erscheint im Februar 2016) im Blog vorgemerkt (Link). Kremayr & Scherlau schickte mir ungefragt ein Leseexemplar. Vielleicht das Beste, was mir die Post 2015 zustellte:

In “Mütter auf Papier” (2010) schrieb Klemm über den boshaften, herablassenden, sexistischen, gehässigen Quatsch, den sich eine Frau mit Mutterwunsch anhören muss, die immer wieder Kinder in der Schwangerschaft verliert. Eine autobiografische Textcollage: Kurzprosa, Fragmente, viel Wut, Intimität, kluger Furor. “Muttergehäuse” ist die überarbeitete Version dieses “Mütter auf Papier”-Berichts – ein kurzes, luzid formuliertes, wunderbar konkretes Buch über Frustrationen, schlechte Freunde, Angst, Druck… und Auswege.

Ich bin jetzt Klemm-Fan: feministisch, literarisch, spitz, ehrlich, reflektiert.

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08b: ANN HOOD, “Comfort. A Journey through Grief”, Memoir, USA 2008.

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Comfort: A Journey Through GriefSchlechter (weil sprachlich konventioneller, erwartbarer, weniger politisch) als Gertraud Klemm – aber genauso ehrlich, persönlich, mitreißend: 2002 stirbt Ann Hoods fünfjährige Tochter Grace. In fast einem Dutzend Essays für Zeitschriften und Anthologien zeichnet sie eine Landkarte ihres Verlusts und aller Konsequenzen für ihre Ehe, ihren Sohn, ihr Selbstbild, ihren Lebenshunger und -willen. Das beste Buch über US-Mutterschaft, das ich kenne – doch an vielen Stellen sehr amerikanisch: eine Frau der Oberschicht – mit Kindermädchen, Kirchengemeinde, Karriere als Romanautorin, Haus mit 13 Zimmern… Privilegien.

Punktuell wiederholen und überschneiden sich die einzelnen Essays. Schlechter als “Das Jahr magischen Denkens”, besser als “Blue Nights”, “Bad Mother”, “An Exact Replica of a Figment of my Imagination”. Gern und mit Gewinn gelesen – doch nur als Bonus hier auf der Liste, weil es so gut zu Gertraud Klemm passt. Im Zweifel: Klemm!

Abschied nehmen von einem Kind: Ein etwas eitles, angeberisches Buch – das trotzdem Seite für Seite neu erschüttert… und begeistert.

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lieblingsbücher 2015 2

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07: SLAVENKA DRAKULIC, “Als gäbe es mich nicht”, kroatischer Roman, 1999.

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Als gäbe es mich nichtKitschiger Anfang, kitschiges Ende. Dazwischen: luzid, erschütternd, mitreißend – und psychologisch brillant: Eine junge bosnische Lehrerin zieht 1992 von der Stadt aufs Land, aus Angst vor Pogromen. Als der Bürgerkrieg ihr Dorf erreicht, braucht es nur wenige Tage, bis eine Gruppe entführter muslimischer Bauersfrauen jeder Sorte männlicher Gewalt ausgeliefert ist.

Mich überzeugt die geradlinige Handlung – und eine Ich-Erzählerin, die sich noch in der Zivilisation glaubt, während schon jede Grenze, Hemmschwelle, Kontrollinstanz verschwunden ist. Die Rahmenhandlung (über eine kitschige Geburt und ein Asylverfahren) hat größere literarische Schwächen – aber wie sich Frauen/Geflüchtete abschotten, Traumata verstecken, sexuelle Gewalt verarbeiten… wird hier auf einem psychologischen Niveau beschrieben, das mich begeistert und beglückt.

Ein kluges, hartes Buch, überzeugend recherchiert – in Deutschland leider vergriffen.

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06: CHRISTOPH KUCKLICK, “Die granulare Gesellschaft”, deutsches Sachbuch, 2014.

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Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöstDas Buchcover suggeriert: Alles zerstäubt. Verweht. Ein alarmistisches, FAZ-iges Angstmänner-Sachbuch über digitale Beschleunigung und Verfall? Nein.

“Granular” meint hier: Technik macht Unterschiede sichtbar. Vermisst Welt, Bürger, Kunden so feinkörnig, dass die alten, groben Raster und Kategorien in Politik, Statistik, Recht nicht mehr gut greifen: Schubladendenken, Standard-Abfertigung, One Sitze Fits All.

Alles wird feiner… überwacht. Beziffert. Personalisiert. Maschinen stellen sich neu auf Menschen ein – und Menschen auf Maschinen. Zwei Sorten Intelligenz. Überraschende Wechselwirkungen, ethische Fragen, Konflikte. GEO-Chefredakteur Kucklick hopst recht simpel, kunstlos, hastig-aber-anschaulich durch alle größeren “Wie wirken Bürger, Staat und Programme auf- und gegeneinander?”-Baustellen der Gegenwart. Ein anekdotisches, an vielen Stellen flapsig-unentschiedenes Buch, das große Themen anreißt und verständlich macht… aber nicht immer klug zu Ende denkt. Trotzdem: 5 von 5 Sternen – ich wünschte, JEDER würde das lesen.

“Granular” ist der nützlichste, beste neue Begriff für mich seit… demisexuell. Ich wünschte, Technik- und Fortschrittsdebatten würden auch im Feuilleton auf (mindestens) DIESEM Niveau geführt.

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05: ANNA WIMSCHNEIDER, “Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin”, deutsche Memoir, 1989.

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HerbstmilchEine Briefmarke kaufen? Einen Teller abspülen? Hunde ausführen? Blumen gießen? Sobald ich Energie mit kleinen Handgriffen verliere, die meine Schreib- und Lesezeit einschränken, werde ich wütend: Das Leben auf einem Bauernhof wäre für mich Folter.

Für Anna Wimschneider auch: Statt zu lernen, zu sprechen, sich zu bilden und zu wachsen, statt JEMALS ihren Kopf einsetzen zu dürfen, muss die Halbwaisin, geboren 1919, zuerst ihre Geschwister wickeln, füttern, bedienen – und später die gebrechlichen Verwandten ihres Soldaten-Ehemannes. Eine triste, geistlose, verrohte, furchtbar stupide Hof-Welt, von Wimschneider nüchtern-aber-effektvoll beschrieben – in ihrer ganzen Armseligkeit, Langeweile, Gehässigkeit, Tristesse. Move over, Thomas Bernhard: SO überzeugt mich Anti-Heimatliteratur!

Nicht-sehr-kluge Gedanken und Anekdoten über gar-nicht-kluge Konflikte, Einschränkungen, Klassismus: 150 dumpfe, aber eindringliche Seiten Bauern-Horror.

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lieblingsbücher 2015

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04: DANIEL KEYES, “Flowers for Algernon”, Science-Fiction-Roman, USA 1966.

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Flowers for AlgernonIch hatte eine seichte, lapidare “Wie gewonnen, so zerronnen”-Science-Fiction-Parabel erwartet… und freue mich, mit wie viel literarischer, psychologischer und philosophischer Sorgfalt dieser US-Klassiker stattdessen arbeitet: Ein Bäckereigehilfe mit sehr geringem IQ wird durch eine experimentelle Enzym-Therapie zum Hochbegabten. In Tagebuch-Protokollen beschreibt er, wie sich seine Welt weitet… und das Verhältnis zu seinen “Rettern” und Beobachtern immer problematischer wird.

Toll geschrieben, toll gedacht – und stets auf Augenhöhe mit dem Leser: Bei vielen Sci-Fi-Texten habe ich Einwände, Fragen, Probleme, auf die der Text nicht eingehen kann oder will. Daniel Keyes hat WIRKLICH gründlich über die Konsequenzen, moralischen Fragen, Fallstricke seines Szenarios nachgedacht. An keiner Stelle musste ich meine Erwartungen zügeln, ein Auge zudrücken.

Fast 50 Jahre alt – doch bis heute plausibel, zeitgemäß, unterhaltend, relevant.

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03: JENNY ERPENBECK, “Gehen, ging, gegangen”, deutscher Roman, 2015.

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Gehen, ging, gegangenKein aktuelles Buch passt besser zu 2015 – und keinem wünsche ich mehr Leserinnen und Leser: Jenny Erpenbeck erzählt recht kunstlos, didaktisch, trocken und reportagehaft von einem Professor in Rente, der spontan beschließt, sich über Geflüchtete zu informieren. Er führt Gespräche, knüpft vorsichtig erste Kontakte, begreift nur langsam das paradoxe, oft menschenunwürdige Asyl-System Deutschlands.

Als Roman hat “Gehen, ging, gegangen” große Schwächen: eine blasse Hauptfigur, kaum literarischer Gestaltungswille, seitenweise Fakten- und Reportage-Bla, recht kunstlos und dozierend. Doch diese Asyl-Fakten sind SO interessant, gut aufgearbeitet, leicht verständlich… dass ich das Buch am liebsten stapelweise verschenken würde.

Lest das! Und schenkt es euren Angst- und Wutbürger-Freunden und -Verwandten: 300 Seiten, die mir mehr brachten als drei Wochen Tageszeitungs-Lesen.

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02: JOSEF HASLINGER, “Phi Phi Island – ein Bericht”, deutscher Roman, 2015.

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Phi Phi Island: Ein Bericht2004 flog Haslinger, Leiter des deutschen Literaturinstituts in Leipzig, mit seiner Frau und seinen 18jährigen Kindern nach Thailand. Am Morgen nach der Ankunft wird Phi Phi Island von einem Tsunami getroffen – und Haslinger erinnert die großen und kleinen Ängste, Verluste und Konsequenzen der nächsten Tage und Stunden.

“Er schreibt ständig über Leichen und verzweifelte Einheimische – aber ohne Mitleid oder besonderes Interesse”, klagte Freund M.. Das stimmt: Haslinger bleibt ein reicher, oft verständnisloser westlicher Tourist, der sich im Lauf der Katastrophe an seine Rolle als Ehemann und Vater klammert. “Kalt”? Oder ehrlich? Ich las hier eine mutige, konsequente, gestochen scharfe Selbst-Beobachtung. Ein Protokoll ohne Eitelkeiten, in dem jeder Satz sitzt.

Unvergessliches Buch – geradlinig und ohne Survival-Kitsch. Aber es stimmt: Thailand bleibt eine Kulisse, die Thailänder Fremde, die Haslinger nicht versteht.

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I am a Hero

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01: KENGO HANAZAWA, “I am a Hero”, Manga-Reihe, seit 2009.

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I am a Hero, Bd. 2[mehr] Die ersten 200 Seiten sind hart: Ein misogyner, phlegmatischer, recht dumpfer Manga-Assistent steckt im Alltag fest – und redet unsympathischen Stuss. Die nächsten 200 Seiten, Band 2, sind wirr: Passanten beißen sich gegenseitig, Zombies überrennen Tokio, alles bricht zusammen. Noch in Band 3 war mir nicht klar, ob ich einen Zombie-Thriller lese, über eine Zombie-Komödie und -Parodie lachen soll oder nur die Fehler einer verpeilten, passiven, selbstmitleidigen Hauptfigur zählen: eine Art „Girls“ oder „Louie“, ein Woody-Allen-Film… mit Zombies?

„I am a Hero“ ist langsam. Oft hässlich, unsympathisch, grotesk. Alle Figuren sind überfordert und distanziert. Nichts gelingt. Man schwimmt bis zu 800 Seiten am Stück mit neurotischen, fremden Menschen in stillen, bedrohlichen, verwirrenden Szenen – in denen jederzeit alles eskalieren kann.

Fotorealistisch gezeichnet. An vielen Stellen zum Schreien spannend. Ein toller Blick auf Alltagskultur, Moral, Ethos, Sexismus, Twenty- und Thirtysomething-Defekte, Versagensängste in Japan. Ein Freund las die ersten Bände und sagte: „Ich sehe da nichts als Trash.“

Ich sehe: eine unerträgliche Figur in einer unerträglichen Geschichte – die mich begeistert, überfordert, angeekelt und beglückt hat wie keine andere Erzählung seit Jahren. Vergleichbar vielleicht mit „Geister“ von Lars von Trier. Aber eben: schleppend, langsam, viel richtungsloser.

Ich bin in Band 16. Ein Ende/Finale ist langsam absehbar (noch zwei, drei Jahre?).

Wenn es auf diesem Niveau endet, ist es ein Meisterwerk.

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I am a Hero.

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Meine Comic-Entdeckungen 2015 rezensierte/empfahl ich hier (Link). Seit ca. 2008 lese ich vor allem DC-Superheldencomics (Superman, Batman, Wonder Woman, Green Lantern etc.); 2013 und 2014 übersetzte ich ein Marvel-Superheldenlexikon in Deutsche (Link). Leider gibt es aktuell kaum DC-Reihen, die mich überzeugen (2016 bin ich gespannt auf “Black Canary”, “Omega Men”, “Superman: American Alien” und vielleicht “Superman: Lois & Clark” und “Prez”).

Marvel hat zu viele “X-Men”- und “Avengers”-Reihen mit zu vielen Figuren. Ich mag die Charakterzeichnung, Liebe zum Detail in vielen kleineren Reihen: “Ms. Marvel”, “She-Hulk”, “Silk” und, mit Abstrichen, “Storm” und “Squirrel Girl”. 2016 probiere ich “The Vision”, “Hellcat”, “Silver Surfer” und “Moon Girl & Devil Dinosaur”.

Weitere Favoriten 2015: “Saga” und “Lazarus” (beide Reihen werden immer besser) und (deutlich schwächer) “Gotham Academy”, “Planetes”, “High Crimes”.

Der Manga “A Bride’s Story” – über Ehe-Rituale, Jagd und Brauchtum entlang der Seidenstraße im 19. Jahrhundert – hat unsympathische Schlenker: Band 1 bis 3 waren wunderbar; doch hin und wieder fehlen die Hauptfiguren, der Fokus liegt 400 Seiten am Stück auf neuen, flacheren Frauen/Eheleuten.

Eine Collage der meisten (gelungenen) Graphic Novels, die ich 2015 las – kein Ranking:

graphic novels 2015

Frohes 2016. Bald mehr!

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mehr unter:

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lieblingsbücher 2015 stefan mesch

Literaturtipps, Empfehlungen: eine Liste… aus Listen

buchtipps, literaturtipps, empfehlungen stefan mesch

Seit 2011…

  • stelle ich jeden Monat Empfehlungs- und “bald lesen!”-Listen zusammen.
  • suche und sortiere ich Neuerscheinungen.

Hier sind all meine Link- und Empfehlungslisten bis Januar 2016, sortiert und verlinkt.

Eine Liste – aus Buch-Empfehlungslisten!

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verschenkt 2011 | verschenkt 2012 | verschenkt 2013verschenkt 2014

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buchtipps

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In monatlichen “Underdog Literature”-Listen bloggte ich je 15/20 wenig bekannte Titel, die ich beim Stöbern im Netz entdeckt habe. Alle Ausgaben von “Underdog Literature”:

Juni 2011Juli 2011August 2011 | September 2011Oktober 2011 | November 2011Dezember 2011Januar 2012 | Februar 2012März 2012April 2012 | Mai 2012 | Juni 2012 | August 2012Oktober 2012 | September 2012 | November 2012Dezember 2012 | Januar 2013Februar 2013März 2013April 2013Mai 2013 | Juni 2013 | August 2013 | Oktober 2013Januar 2014

deutsche Bücher (2012) | deutsche Bücher (2013)Bücher aus den 80ern (2014) | Bücher 1914 bis 1918 | Krimis (2013)

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Songs 2014 | Songs 2013 | Songs 2012Songs 2011 | Songs 2010
Songs 2001Songs 2000 | Songs 1999 | Songs 1998Songs 1997

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Ich gebe oft und gern persönliche Buchtipps für Zeitungen und Verlagsblogs sowie auf Facebook und Twitter, für Büchertische in Läden/Buchhandlungen und berate bei Verlags- und Editionsprojekten.

Kulturjournalismus und Arbeiten fürs Feuilleton: hier.

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neue TV-Serien für 2016: Favoriten & Vorauswahl

neue Serien 2013 bis 2015

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Serien, die ich liebe? “Six Feet Under”, “Willkommen im Leben”, “Mad Men”, “Neon Genesis Evangelion”, “Wild Palms”

Serien, die ich mochte? “Girls”, “Ugly Betty”, “One Tree Hill”, Lars von Triers “Geister”, “Tell me you love me”, “Buffy”, “Veronica Mars”, “Babylon 5”, “Star Trek: Deep Space Nine”. Auch “Lost”, “Twin Peaks”, “Weeds”, “Akte X”, “24”, “Desperate Housewifes” haben mich für ein paar Staffeln/Jahre überzeugt.

“Verbotene Liebe” hat mich nie begeistert – doch seit 1995 immer wieder so beschäftigt, dass ich 2015 ein ganzes Buch über die Soap herausgab.

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Seit ca. 2007 lese ich die täglichen US-Links von TV Tattle, Norman Weiss: Ich habe keine Zeit, jede Woche “Game of Thrones”, “Community”, “The Walking Dead” zu sehen – doch ich liebe Artikel, Interviews, Essays, Kulturjournalismus über US-TV.

Aktuell werden 409 US-Serien produziert: für die großen Networks (ABC, NBC, CBS, Fox… und The CW), für Kabel-, Nischen- und Bezahlsender und für Anbieter wie Netflix, Hulu, Amazon, Yahoo.

Ich versuche, den Überblick zu behalten. Im Ernst.

Auch, wenn viele Beobachter sagen: Die Zahl der Serien wächst. Doch die Zahl der talentierten Autor*innen wächst nicht im selben Tempo mit. Deshalb gibt es sehr viele recht gute, aber kaum großartige Serien. Und weil Kritik heute leichter und schneller geäußert ist (auch privat, in Facebook-Diskussionen im erweiterten Freundeskreis), bin ich mir selbst bei Serien, die einen sehr guten Eindruck machen, leider immer weniger sicher, ob das…

a) …noch ein Mainstream-Publikum erreicht (WISSEN Leute auf der Straße, was “Homeland” ist, “House of Cards”? Oder ist jede Serie mit schlechteren Einschaltquoten als “Tatort” und “Sturm der Liebe” heute wieder Kult/Underground/Subkultur?)

b) …WIRKLICH gut ist: Selbst bei Serien mit sehr guten Wertungen und Kritiken gibt es immer die fünf, sechs Menschen um mich herum, die sagen “Fargo? Jessica Jones? Die neuen South-Park-Folgen? Nein: Ich habe selten etwas Schlechteres gesehen!” Ich habe Mühe, mich auf eine Serie einzulassen – denn sobald ich etwas vormerke, sagen drei Leute “DAS nicht. Spar es dir!”

Trotzdem – für die Weihnachtspause und fürs neue Jahr:

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33 (recht) neue Serien, die mich interessieren…

…sortiert von “anspruchsvoll (und sperrig?)”… bis “seicht, aber sympathisch”.

Manche Texte und Trailer spoilern leicht.

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US-Serien

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33: The Leftovers

  • 2+ Staffeln, seit 2014
  • 2 Prozent aller Menschen sind plötzlich verschwunden – von einer Sekunde auf die nächste. “The Leftovers” war ein recht dümmlicher satirischer Roman von Tom Perrotta. Die Serie ist stiller, dunkler, langsamer, komplexer: Eine oft ungelenke, manchmal richtungslose Familien- und Provinzgeschichte über Verluste und Kleinstadt-Communities außer Kontrolle.
  • Ich sah den Pilotfilm, musste – im Guten wie im Schlechten – an “Mangolia” denken (“Yeah! Melancholisch!”, “Bäh: biblisch-prätenziös!”) und freue mich, dass Staffel 2 noch einmal etwas Ambitioniertes, Seltsameres versucht. Kaum jemand schaut die Serie gern. Doch die, die noch dabei sind, LIEBEN es. Furchtbare Quoten. Glückliche Kritiker. Endet nach Staffel 3.
  • GraphTV: Staffel 2 scheint deutlich besser als Staffel 1

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32: Jessica Jones

  • 1+ Staffeln, seit 2015
  • Eine ehemalige Superheldin eröffnet eine Detektei in New York… und trifft auf einen alten Gegner, der allen Menschen seinen Willen aufzwingen kann: Noir-Thriller um Gewalt, Kontrolle und Missbrauch, aus dem Marvel-Universum.
  • Ich las die Comics 2013 (Empfehlung!) und hätte gern fürs Feuilleton über die Serie berichtet, brachte aber keinen Artikel unter. Ich weiß noch nicht, ob ich “Jessica Jones” noch sehen soll – privat, ohne Schreibauftrag. Aber Krysten Ritter ist großartig, keine Marvel-Produktion sprach mich mehr/stärker an, und alle, die mich und die Serie kennen, sagen “Kuck! Unbedingt. Du wirst es lieben!”
  • GraphTV: 1×09 scheint besonders gut. Aber: besser ab Folge 1 sehen. Durchgängiger Plot.

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31: Mr. Robot

  • 1+ Staffeln, seit 2015
  • Ein Hacker mit psychischen Problemen bekämpft einen Konzern. Oder eine anonyme Hacker-Gruppe…? Oder doch: sich selbst… und seine Hirngespinste?
  • Langweiliger Trailer, uninteressante Figuren – und Kritiker, deren Schwärmen mir keine Lust macht; denn ich habe Angst, dass mir die IT- und Datenschutz-Themen entweder zu hoch sind (technisch) oder zu flach/niedrig (ethisch, kulturwissenschaftlich). Der Hauptdarsteller ist für den Golden Globe nominiert. Doch bislang denke ich noch: Uff. Pflicht/Hausaufgabe/graue Jungs-Serie, die nur graue Langweiler-Männer mögen?
  • GraphTV zeigt: durchgehend hohe Bewertungen. 1×06 ansehen?

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30: The Americans

  • 3+ Staffeln, seit 2013
  • Zwei russische Agenten und ihre Kinder leben unerkannt als amerikanische Vorstadt-Familie in Washington, D.C.: Die Serie spielt in den 80ern, hat viele Fans – doch genau so viele wütende Nitpicker, die immer wieder schimpfen “Die Agenten-Einsätze sind unrealistisch!” und “Die Perücken lenken ab!”. Ich glaube, es ist eine Serie über Zuammenhalt, Kompromisse, kulturelle Identität. Nicht über Action und Perücken. Aber: Ich sah den Cliffhanger von Staffel 2 und dachte selbst: “Hm. Fadenscheinig/unrealistisch.”
  • tolle Atmosphäre, gute Darsteller*innen… aber wackliges Drehbuch? So sehr es mich anzieht – ich glaube, als Fan kann man sich über diese Serie und ihre kleinen Versäumnisse furchtbar aufregen, immer wieder.
  • GraphTV: sehr gute Cliffhanger, außerdem 3×07 bis 3×13

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29: Casual

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Geschiedene Frau und ihr dreister Bruder ziehen wieder zusammen – und suchen neue Partner, Dates und Sex-Optionen. Standard-Prämisse und Standard-Figuren, doch Stil/Tonfall passen für mich hier besser als bei den anderen aktuellen Dating-Serien (z.B. dem viel gelobten “You’re the Worst”, Amazons “Catastrophe” oder “Togetherness”).
  • GraphTV empfiehlt: 1×08

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28: Humans (Remake von “Real Humans”, Schweden, seit 2012)

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Ich mag keine süßlichen “Der treue Roboter will endlich ein echter Junge werden”-Plots. Das hier wirkt kälter, soziologischer, kritischer – doch vielleicht zu langsam, didaktisch und selbstverliebt: Wie leben Menschen mit Robotern; modernen Dienern, Sklaven, Gegnern? Remake einer schwedischen Serie, die viele Freunde von mir begeisterte.
  • 2015 las ich den Comic “Alex + Ada”: steif, aber klug. “Ex Machina” habe ich noch nicht gesehen. “Descender” war mir zu seicht; “A.I.” eine Katastrophe.
  • GraphTV: durchgehend recht hoch – nur Pilot und Cliffhanger sind etwas enttäuschend

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27: Halt and Catch Fire

  • mindestens 3 Staffeln, seit 2014
  • Zwei andere “Mad Men”-artige Serien über Wirtschaft, Büros, Zeitgeist und Sexismus, “Silicon Valley” und “The Good Girls Revolt”, scheinen mir zu platt. Hier will ein Garagen-Unternehmen mit IBM konkurrieren – mit allen Mitteln. Wirkt psychologisch, bitter, bissig, unbequem.
  • GraphTV: 1×08 und 1×09. Staffel 2: nicht besser als Staffel 1.

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26: The Knick

  • 2+ Staffeln, seit 2014
  • Die Serie, die Barack Obama gerade schaut: ein drogensüchtiger Chirurg in einem New Yorker Krankenhaus Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich kann mit Arzt-Pathos und super-männlichen, dreckig-blutigen Historien-Serien wie “Boardwalk Empire” nicht viel anfangen. Doch ich mag, wie filmisch, bildgewaltig hier gearbeitet wird: Sind die Figuren so interessant wie die hübsch gefilmten, schaurigen Oberflächen?
  • GraphTV emfpiehlt 1×07

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25: Orphan Black

  • mindestens 4 Staffeln, seit 2013
  • Eine Fremde wirft sich vor den Zug – und Sarah Manning, die ihr seltsam ähnlich sieht, übernimmt ihre Identität. Ein Thriller über Klone, Ethik, Privilegien und Schwestern-/Mutterschaft, gefilmt in Toronto. Grandiose Kritiken, grandiose Hauptdarstellerin. Alle sind begeistert. (Auch z.B. meine Mutter.)
  • GraphTV: gute Cliffhanger; die erste Hälfte von Staffel 3 scheint recht fade.

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24: Younger

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Eine 40jährige gibt sich als 26jährige aus, um für einen Verlag zu arbeiten. Freundin S. sagt: Die Frauenfreundschaften sind toll – und die Debatten um Print- und Online-Kultur, Social Media. Mir ist der bonbonbunte Look sympathisch, die Hauptfiguren auch. Vielleicht schaue ich das mal durch und schreibe dann über Verlage und die Angst vor der Zukunft. “Younger” ist keine große Kunst – aber für mich überzeugender als z.B. “The New Girl” oder “Chasing Life”.
  • GraphTV: keine Highlights in 1×03 bis 1×09

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23: Flesh and Bone

  • 2015: 8 Episoden in einer (vollen) Staffel, dann abgesetzt
  • “Black Swan” als Serie? Düsteres New Yorker Ballett-Drama, blutiger – aber auch deutlich prätenziöser, selbstverliebter – als “Bunheads”. Viel Körperlichkeit, Ekel, Nacktszenen, Magersucht usw.
  • GraphTV: solide Entwicklung, 1×04 könnte ein kleines Highlight sein.

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22: Bob’s Burgers

  • 2011, mindestens 8 Staffeln
  • Herz und Verstand: ein Pizzabäcker, seine Frau und drei Kinder, in Brooklyn. Eine altmodische Familien-Zeichentrick-Sitcom, die mich an die ersten “Simpsons”-Staffeln erinnert. Die Trailer wirken oft krass und “Family Guy”-haft, doch die Serie selbst LIEBT ihre Figuren und erzählt sehr behutsam, weitherzig, intelligent. Wenn ich mich aufmuntern will, breit grinsen… streame ich das hier.
  • Ein paar Freund*innen finden es simpel, langweilig, fade. Tatsächlich ist es nicht besonders ambitioniert. Aber… hach! ❤
  • GraphTV: Staffel 2 und Staffel 6 haben kleine Probleme; 3×21 und 5×19 bis 5×21 lohnen sich.

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21: Black Mirror

  • Anthologie-Serie (alle Episoden stehen für sich allein), bisher 7 Episoden seit 2011; 12 weitere in Planung
  • britische Satire über Technik, Kontrollwahn und die Gefahren, die Regierungen, Konzerne, Gadgets im Alltag oft sehr reicher, scheinbar sicherer Menschen aufwerfen: wechselnde SciFi-Szenarien, moralische Fragen, böse Überraschungen, “Denkt mal gut drüber nach!”…
  • Gut, dass es das gibt. Schade, dass es nicht klüger, stiller, weniger Frank-Schirrmacher-rig von Technik und Menschen erzählt.
  • GraphTV: 1×03 ist bisher der Favorit. Ich sah die Folge, aber dachte (ähnlich wie bei “her”): Das kann Achtklässlern im Ethik-Unterricht Diskussionsanreize geben. Große Erzählkunst ist es nicht. Didaktisch, bieder, seicht – auf eine besserwisserische, unsympathische Art.

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20: Home Fires

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Als ich in Kanada lebte, merkte ich, wie selbstgerecht, hurrapatriotisch das Commonwealth bis heute dem ersten und zweiten Weltkrieg gedenkt: Veteranen-Kitsch und Mohnblumen-Anstecker machen mir Angst; stoßen mich ab. Trotzdem gefällt mir der Look dieser britischen Serie über einfache Frauen auf dem Land, die sich fragen, was sie gegen deutsche Bombardements tun können – auch und vor allem im Vergleich mit biederen US-“Frauen im Weltkrieg”-Serien wie “Manhattan”.
  • GraphTV: die 6 Episoden steigern sich nicht besonders; 1×06 ist bisher am besten.

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19: Finding Carter

  • mindestens 3 Staffeln, ab 2014
  • Jugend-Thriller über ein – trotziges, energisches, aber völlig überdrehtes – Mädchen, dem Polizisten sagen, dass die Frau, bei der sie aufwuchs, nicht ihre Mutter ist… sondern ihre Entführerin. Carter wird an ihre biologische Familie übergeben… und hat große Startschwierigkeiten mit ihrer neuen/alten Mutter: einer misstrauischen, traumatisierten Ermittlerin.
  • Ich sah die ersten drei Folgen und habe es GELIEBT. Es ist viel zu schnell erzählt – die Ereignisse überstürzen sich. Die Figuren sind stilisiert/krass amerikanisch und, vielleicht am Schlimmsten: 15- und 16jährige organisieren hier ständig mühelos rauschende Parties, Flashmobs, Autos. Ich wünschte, es wäre etwas ruhiger, mehr wie “Willkommen im Leben”. Trotzdem bin ich fürs Erste… hingerissen!
  • GraphTV: es macht keinen Sinn, einzelne Folgen anzusehen/zu überspringen. Die zweite Hälfte von Staffel 2 hat ein paar Hänger.

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18: Masters of Sex

  • mindestens 4 Staffeln, ab 2013
  • Während der ersten zwei, drei Episoden von “Mad Men” hatte ich Angst, dass wir als Zuschauer dort immer nur auf Dinge gestoßen werden sollen, die heute tabu sind, doch in den 60er Jahren nicht hinterfragt wurden: eine Revue/Endlosschleife aus rauchenden Schwangeren, rassistischen alten Herren, Sekretärinnen-Mäuschen. Tatsächlich ist “Mad Men” subtiler, komplexer. Bei “Masters of Sex” bin ich unsicher: Tolle Ausstattung, super-talentierte Darsteller, blendend inszeniert… aber ich weiß nicht, ob wir bei dieser 60er-Jahre-Sexualwissenschaftler-Dramedy nicht vor allem eingeladen werden, überheblich zu lachen – über die dummen Menschen von früher. Falls ja… ist das für mich zu wenig.
  • GraphTV: 1×05 und 2×03 sind Highlights, jede Staffel ist minimal schlechter als die vorherige. Sender Showtime lässt Serien oft sieben, acht Jahre lang laufen… die dann von Jahr zu Jahr holpriger, seltsamer werden und aus der Form geraten. (Manchmal ist das gut. Oft, wie bei z.B. “Dexter”, nicht.)

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17: Deutschland 83

  • 8 Episoden von 2015; noch unklar, ob es eine zweite Staffel gibt. Die Quoten in den USA waren solide, die Quoten in Deutschland, auf dem “Alarm für Cobra 11”-Sendeplatz von RTL, trotz viel Werbung eine große Enttäuschung. Unsympathisch meckriger Artikel zur Quote, DWDL.de
  • ein junger DDR-Agent in der BRD, 1983. Toller Trailer, tolle Schauspieler, schönes Szenario und sehr gute Kritiken. Skeptisch macht mich ein Artikel auf Fortsetzung.tv:
  • “Gut und Böse sind hier relativ eindeutig verteilt. Epische Charakterdramen wie in „Weissensee“, der anderen großen Serie über die jüngere deutsche Geschichte, wird man in der Erzählung von Anna und Jörg Winger vergeblich suchen. Stattdessen bietet sie professionell inszenierte Actionsequenzen, einen ständig von äußeren Geschehnissen getriebenen Protagonisten und vor allem in den Nebenrollen überzeugende Darsteller.” (Marcus Kirzynowski)
  • GraphTV: 1×04 als Highlight; die Staffel steigert sich nicht.

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16: The Affair

  • der “Rashomon”-Effekt: eine Geschichte, erzählt erst aus 2, später aus 4 widersprüchlichen Perspektiven: Ein Paar macht Urlaub in den Hamptons… bis eine Affäre (und ein Mord?) alles verändern. Ich liebe solche Szenarien, ich liebe Joshua Jackson, ich bin begeistert von den euphorischen Kritiken – aber bisher war es mir dann doch zu Juli Zeh, zu Martin Suter, zu “Tatort”, zu “Lasst uns was Gediegen-Schönes machen, das Paare 50+ nach ‘The Good Wife’ sehen können, Sonntag abends”.
  • GraphTV: Staffel 1 und Staffel 2 etwa gleich gut; durchgängige Thriller-/Krimi-Handlung, deshalb am besten ab Folge 1 ansehen.

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15: Sense8

  • bisher eine Staffel (2015), S2 kommt 2017
  • Acht Menschen in acht Städten (u.a. Berlin), deren Bewusstsein verknüpft ist: Gender-, Klassen-, Identitäts- und Kultur-Fragen, manchmal bieder-mystisch-öde wie in “Heroes”, produziert von den Wachowskis (“Matrix”, “Cloud Atlas”) und (yeah!) J. Michael Straczynski (“Babylon 5”). Kein Hit, kein Kritiker-Liebling… aber eine Handvoll Menschen sind SEHR begeistert. Das wird mir entweder sehr nahe gehen – oder mich (wie die meisten Leute) abstoßen, langweilen.
  • GraphTV: keine Serie, bei der man Folgen überspringen sollte. Pilotfilm sehr durchwachsen, doch die Staffel steigert sich schnell immer weiter.

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14: Master of None

  • bisher eine Staffel, 2015. Da kommt bestimmt mehr!
  • Comedian Aziz Ansari (“Parks & Recreation”) spielt einen jungen Mann in New York: Single- und Stadtneurotikerserie mit sehr guten Kritiken. Der Trailer wirkt sehr konventionell und saturiert. Nicht so bieder-aber-schrullig wie “The Mindy Project”, aber auch nicht so giftig wie “Girls” oder “Louie”. Schwerenöter und Dating-Pannen, sympathisch… aber eben: konventionell, trotz Person of Color in der Hauptrolle.
  • GraphTV: die Staffel steigert sich stetig, der Pilotfilm ist die schlechteste Episode bisher.

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13: Steven Universe

  • 73 Folgen (2 Staffeln) seit 2013.
  • Drei Weltraum-Heldinnen mit Kristall-Superkräften… und Steven, ein kleiner, behäbiger, herzig-idealistischer, nicht-sehr-kluger Junge, dessen verstorbene Alien-Mutter ihm ihre Kräfte vererbte: ein Serie für Jungs – aber voller starker Frauenfiguren, mit interessanten Familienmodellen, viel Herz, Humor und tollem Design.
  • Miyazaki, 8-bit-Optik, Scott Pilgrim, “Adventure Time”, magischer Gaming-Realismus… und ein wunderbarer Ohrwurm-Titelsong. Die einzelnen Episoden sind oft etwas langsam und durchschaubar (für Erwachsene)… doch ich bin überrascht und begeistert, was für eine komplexe Kosmologie hier aufgebaut wird – und, wie Fragen um Identität, Verlust und Verantwortung behandelt werden.
  • GraphTV: Staffel 2 hält das Niveau von Staffel 1; 1×26 ist ein erstes Highlight (von vielen).

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12: River

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11: Transparent

  • mindestens 3 Staffeln, ab 2014
  • Ich weiß nicht: Jill Soloway hat für “Six Feet Under” geschrieben – aber die ersten Szenen aus “Transparent” erinnerten mich in ihrer bräsig-bieder-selbstgerechten Satire eher an die öde “Wir trinken Wein, rollen die Augen und sind crazy kalifornisch”-Trottel aus “Brothers & Sisters”. Mir wird ständig gesagt: “Schau es an! Wirklich! Du wirst es lieben”…
  • …doch ich sehe bisher nur reiche, platt beschriebene Woody-Allen-Figuren. [Ich mochte “Enlightened”, ich hasste “Looking” – ich habe Mühe mit “warmherzigen” Satiren, weil oft beides scheitert: die Satire und die Warmherzigkeit.]
  • GraphTV: Staffel 2 minimal besser als Staffel 1, Highlight: 2×01.

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10: The 100

  • mindestens 3 Staffeln, seit 2014
  • Seit 97 Jahren ist die Erde verseucht und verlassen. Als auf einer Raumstation der Platz knapp wird, werden 100 jugendliche Straftäter zurück in die verstrahlte Wildnis geschickt – und finden Mutanten, Bunker, “Herr der Fliegen”-Survival-Konflikte.
  • Wie in jeder CW-Serie sind die Hauptdarsteller*innen absurd schlank, hübsch, sexualisiert. Mir selbst macht der Trailer zur dritten Staffel keinen Spaß – das sieht aus wie ein postapokalyptisches Billig-“Game of Thrones” über neofeudale Schrott-Ritter und “Mad Max”-Girls. Aber: Eine Menge erwachsener SciFi-Fans sind immer glücklicher/überzeugter, die bisexuelle Hauptfigur wird immer wieder gelobt… und lange Artikel erklären: Das hier ist moralisch so komplex, dreckig, klug – ein würdiger Nachfolger von “Battlestar Galactica”.
  • GraphTV empfiehlt: 2×11

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09: iZombie

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2014.
  • Gescheiterte junge Frau der Generation Praktikum wird zum Zombie – und merkt: Wenn sie Gehirn isst, erlebt sie Flashbacks aus dem Leben des Verstorbenen. Also hilft sie Polizei und Pathologen beim Aufklären von Morden.
  • billiger Look, Schema-F-Dramaturgie, erwartbare Witze. Trotzdem sind viele Menschen Fans – denn Produzent Rob Thomas hat ab 2003 mit “Veronica Mars” schon einmal eine der galligsten, klügsten, unbequemsten jungen Frauenfiguren im US-TV *grandios* erzählt. Robert Buckley mag ich aus “One Tree Hill”, und die Mischung “hübsche, zynische Quatschköpfe machen Polizeiarbeit gegen übersinnliche Gegner” funktioniert auch bei “The Flash” sehr gut.
  • GraphTV empfiehlt: 1×11 bis 1×13; zweite Staffel solide

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08: The Expanse

  • mindestens eine Staffel, seit 2015
  • Mars, Erde und Industrie im Astroiden-Gürtel hinter dem Mars tragen verschiedene Wirtschafts- und Ideologie-Konflikte aus: Politiker und Detektive, Gewerkschaftler und Gangster… ein politisches SciFi-Gesellschaftsdrama im Stil von “Caprica”. Ich habe wenig Vertrauen in den Sender – SyFy. Doch die ersten Kritiken sind sehr, sehr gut. Empfehlung auf Slate.com.
  • noch kein GraphTV-Eintrag. IMDb: vom Pilotfilm zu Folge 4 wird es stetig besser.

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07: The Royals

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Trash mit Joan Collins und Elizabeth Hurley… als Königin von England: Schon in “One Tree Hill” hat Mark Schwahn mit “Hamlet”- und “Romeo und Julia”-Motiven gespielt. “The Royals” ist eine Low-Budget-Soap mit vielen bitchy Frauen, schwülstigen Jungs und komplizierten Intrigen. Hinter dem Gezicke stand bei “One Tree Hill” ein konservatives, aber SEHR respektvolles, oft feministisches Menschenbild. Wer witzig-starke, comichafte Frauen in völlig überdrehten Konflikten sehen will: Ich glaube, das hier hat Schwung, Tempo, absurde Cliffhanger.
  • GraphTV zeigt: ab Folge 5 wird es besser; vielleicht ist 2×06 ein Highlight

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06: Supergirl

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Freunde sind schockiert, dass ich diese – bunte, simple, oft kitschige/tussi-hafte – Serie mit ihrem… Spice-Girl-Feminismus mag. Aber: Ich mochte mit 12 “Lois & Clark”, mit 14 “Sailor Moon”, und ich freue mich SO, dass Kinder 2015 diese charmante, selbstbewusste, energische Superheldin sehen können, auf einem großen US-Sender, Woche für Woche. Ich hoffe, dass “Supergirl” noch Tiefgang aufnimmt, und ich verstehe Freund M., wenn er stöhnt “Starke Frau? Ally McBeal spielt jetzt einfach Ling!”…
  • …doch mich stört, dass “The Flash” als angenehme Kindskopf-Serie akzeptiert wird, aber “Supergirl” als peinlich reaktionärer Tussi-Fehltritt gilt. Ich hoffe, die Serie wird besser. Doch SCHLECHT ist sie nicht. Nicht für Zwölf- bis Vierzehnjährige.
  • [Trotzdem schade, dass Greg Berlantis Serien *nie* besonders queer sind: Ich finde seine Arbeiten enttäuschend bieder, gestrig, angepasst – für einen schwulen Produzenten.]
  • GraphTV empfiehlt: 1×07, 1×08

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05: Unreal

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Hinter den Kulissen einer Reality-Soap im Stil von “The Bachelor” versuchen eine zynische ältere Produzentin und ihre jüngere, angespannte Kollegin, möglichst viel Drama, Skandale, Konflikte zu schüren.
  • Sehr arrivierte TV-Kritiker wie Willa Paskin LIEBEN die Serie. Ich sah nur den Pilotfilm, fand alles bisher recht fade, hölzern, konventionell. Vielleicht muss man “The Bachelor” hasslieben, um hier mitzufiebern. Reichtum, Fassaden und Frauen in komplexen Lifestyle-, Job-, Ideologie-Konflikten… für mich bleibt “Ugly Betty” der große Favorit.
  • GraphTV: Staffel 1 wird langsam besser. Vielleicht 1×05 testen?

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04: Deadbeat

  • mindestens 3 Staffeln, seit 2014
  • Medium (und Faulpelz/Slacker) in New York versucht, Geistern zu helfen und Geld mit Hinterbliebenen zu verdienen. Klingt furchtbar – aber im Trailer dachte ich immer wieder: “Yeah! Wenn, dann so!” Das hier traut sich mehr als die beiden anderen, etwas anspruchsvolleren Geister-/Jenseits-/Helfer-der-Verstorbenen-Serien hier auf der Liste, “iZombie” und “River”.
  • noch nicht auf GraphTV. Bestbewerteste Episode: 2×13.

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03: Star Wars: Rebels

  • mindestens 3 Staffeln, seit 2014
  • Fünf Jahre vor “Star Wars: A New Hope” (1977) formen ein Jedi, zwei Jugendliche, ein Droide und zwei Schmuggler/Militärs eine Widerstandzelle gegen das Imperium. Geschrieben für ca. 8jährige Jungs und in jeder Hinsicht simpler als die Filme – aber im selben Tonfall und mit sympathischen Figuren.
  • Die Vorgänger-Kinderserie “The Clone Wars” war mir zu steif und billig inszeniert. “Rebels” ist etwas flüssiger/besser. Trotzdem wirkt es oft low-budget, zu simpel und unbeholfen. “Rebels” ist gut genug, um mein Interesse zu wecken. Aber zu halbgar, um mir nach drei Episoden noch Lust auf eine vierte zu machen. Die Romane zur Serie sind überraschend gut (und politisch).
  • Ich mochte den Cliffhanger, 1×14. GraphTV warnt: Staffel 2 wird nicht besser.

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02: Last Man on Earth

  • mindestens 2 Staffeln, seit 2015
  • Ein Mann – allein auf der Welt? Eine sehr teure und verhältnismäßig langsame, subtile, anspruchsvolle Sitcom über furchtbare Menschen. Sehr gute Kritiken, aber bisher kein richtiger Hit/Erfolg. Überraschende Besetzungsliste.
  • Als Film wäre mir das zu platt geschrieben/inszeniert/gespielt. Ich bin gespannt, ob das an Tiefe gewinnt, weil so viel Zeit für Charakterentwicklung bleibt. Im schlimmsten Fall wird es ein… gruseliges “Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus”-Szenario.
  • GraphTV empfiehlt: 2×10

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01: Impastor

  • bisher eine Staffel, 2015
  • Kleingangster stiehlt die Identität eines schwulen Pfarrers – und wird Seelsorger in einer Kleinstadt.
  • Das Konzept klingt billig – doch den Trailer fand ich charmanter als ältere Provinz-Serien wie “Men in Trees” oder “Ausgerechnet Alaska”. Ich mag, dass Michael Rosenbaum ganz anders spielt/agiert als in “Smallville”.
  • GraphTV warnt: die erste Staffel dümpelt vor sich hin.

Besondere Romane: Buchtipps, Geschenktipps, Geheimtipps

buchtipps weihnachten

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Seit Ende November gebe ich auf Twitter kurze Buchtipps zu Weihnachten.

Knappe Literaturkritik – in Stichworten, als Adventskalender.

Die ersten 11 Buchtipps habe ich auch gebloggt: Link

Heute: 21 weitere Titel. Geschenktipps, persönliche Empfehlungen, Lieblingsbücher – denen ich ein breites Publikum wünsche. Mehr u.a. hier:

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twitter tschechow

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frühes 20. Jahrhundert – mein Lieblings-Dramatiker:
russisches Bürgertum: neurotisch, tragisch, verpeilt
Verwicklungen – bissig, aber sehr warmherzig.
Reiche Menschen stehen sich selbst im Weg.

Kirschgarten, Möwe, Onkel Wanja, 3 Schwestern, Ivanov: viele Theaterklassiker sind eitel, überdreht, gehässig zu den Figuren. Tschechow ist Humanist: kaputte, lächerliche, SUPERliebenswerte Rollen. Groß!

„Die großen Dramen“, Anton Tschechow

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twitter sherriff

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vergriffen – aber in toller dt. Übersetzung von 1959:
Eine einfache britische Familie macht Urlaub.
Spießer, Hausfrau, 2 fast erwachsene Kinder,
2 Wochen Ferien in einer billigen Pension am Meer.

Stiller Klassiker von 1931; liebe- und respektvoller Blick aufs Reihenhaus- und Kleingarten-Milieu, kein Spott, keine Satire. Spröde Alltagsmenschen und ihre oft verzweifelten Versuche, glücklich zu sein.

„Septemberglück“, R.C. Sherriff

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twitter kristof

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3 sehr verschiedene Romane. Trilogie über Krieg:
Zwillingsbrüder bei einer bettelarmen Großmutter.
Stoische, verbissene Kinder. Osteuropa? Zweiter Weltkrieg?

Band 1: schlichtes, dunkles Dorfmärchen, Parabel. Ein Erzähl-Experiment: beginnt als ultrabrutale, nihilistische Kindergeschichte über Entsagung und Besatzung – und wird in Buch 2 und 3 immer postmoderner, melancholisch-klüger, ambitionierter.

„Das große Heft“, „Der Beweis“, „Die dritte Lüge“, Agota Kristof

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twitter maron

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Abrechnung mit der DDR – und schlechtem Journalismus:
Reporterin reist nach Bitterfeld; und ist schockiert.
Dreck, Fabriken, Vertuschung: Wie berichten?
Marons Debüt: komplex, autobiografisch, relevant.

Ein „Unrechtstaat“ zeigt sich im großen Horror – und in den täglichen Widersprüchen, Ängsten, Machtstrukturen. Marons Roman bleibt Alltag: leise, klein – und dennoch: unerträglich beklemmend.

„Flugasche“, Monika Maron

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twitter semple
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verschroben, humorvoll, klug, überraschend:
sehr „Gilmore Girls“ (hey, Chick-Lit-Fans!)
sehr „Infinite Jest“ (hey, Schnösel & Nerds!)
Unterhaltung – auf hohem Niveau, leicht lesbar.

Die brillante Frau eines Microsoft-Managers bringt ihre hochbegabte Tochter in Gefahr, als sie wichtige Mutti-Jobs nach Indien outsourct, an eine Assistentin. Schenkt das hier… ALLEN! Wild, smart, toll.

„Wo steckst du, Bernadette?“, Maria Semple

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twitter kleist.

Nur selten Graphic Novels gelesen? Idealer Einstieg:
Simple Tuschezeichnungen, klarer Plot,
aber packend und relevant.
Auch toll als Schullektüre oder fürs alte FAZ-Publikum.

Samia Jusuf Omar vertrat 2008 Somalia als 100-Meter-Sprinterin in Peking. Sie wird Letzte – doch will danach von Afrika nach Europa, illegal, übers Meer. Portrait/Biografie über Flucht & Chancengleichheit.

„Der Traum von Olympia“, Reinhard Kleist
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twitter haslinger.

Vierköpfige Wiener Familie im Tsunami 2004:
Josef Haslinger, Leiter der Schreibschule Leipzig,
erlebt im Thailand-Urlaub die Flutkatastrophe
und hält alle Details fest, nüchtern, packend.

Distanzierte, recht ignorante reiche Feriengäste… plötzlich ausgeliefert, überfordert, traumatisiert. Sachlich-schlicht, aber nah und sehr persönlich zeigt H., was diese Tage aus Ort & Leuten machten.

„Phi Phi Island. Ein Bericht“, Josef Haslinger
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twitter toews.

Miriam Toews’ Vater beging Selbstmord.
Toews schreibt süßliche, nicht-sehr-kluge Schmöker:
Mainstream-Humor, „verrückte“ Mennoniten,
Oft brav-kanadisch-abgeschmackt und bieder.

Hier aber, in der Erinnerung an ihren gläubigen, manisch-depressiven Vater, gelingt die Balance: Gefühl und Witz, Existenzielles und Dorf-Schrullen. Die Autorin macht mir kaum Respekt. Das Buch sehr.

„Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt“, Miriam Toews
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twitter honigmann.

jüdisch-deutsche Ex-DDR-Autorin, bis heute toll:
Honigmann schreibt meist autobiografisch,
manchmal zu vorsichtig, bürgerlich, verhuscht,
doch hier: nah, packend, selbstkritisch.

Eine junge Berliner Dramaturgin arbeitet an einem Provinztheater, verheddert sich in einer Affäre und im DDR-Apparat. Brief-, Künstler-, Liebesroman, authentisch, traurig, intelligent!

„Alles, alles Liebe“, Barbara Honigmann
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twitter erpenbeck.

Asylrecht, Flucht, Ausgrenzung, Behörden-Irrsinn:
Erpenbeck erzählt so kunstlos-sachlich,
meist klingt dieser Roman nur nach Report/Bericht.
Ein etwas steifes, didaktisches Buch.

Aber: NIE habe ich schneller mehr gelernt über Geflüchtete in Deutschland. Im Ruhestand will ein Professor spontan helfen. Sein ignoranter, naiver Blick kommt schnell ins Wanken. Must-Read 2015!

„Gehen, ging, gegangen“, Jenny Erpenbeck
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twitter miller.

New York 1945, Bürohengste wie aus „Mad Men“:
Mit seiner neuen Brille wirkt Spießer Newman plötzlich „irgendwie jüdisch“.
Er verliert Ansehen, Job, Respekt aller Nachbarn.

Ein Kleingeist und Rassist als Opfer von Rassismus: Das könnte Satire, platte Parabel bleiben. Doch es wird sehr schnell überraschend komplex, rasant, psychologisch, hässlich. Packend und aktuell!

„Fokus“/“Im Brennpunkt“, Arthur Miller
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twitter joe hill.

Horror, Abenteuer, Herz: meine Lieblings-Comicreihe
6 Bände lang zeigt Joe Hill, Stephen Kings Sohn,
drei Geschwister in einem Spukhaus
voller magischer Schlüssel:

„The Shining“ trifft „Harry Potter“ trifft „Maniac Mansion“: Intelligenter, raffinierter, warmherziger Grusel mit tollen Zeichnungen, Figuren, Twists: 800+ Seiten wie aus einem Guss. Moderner Klassiker!

„Locke & Key“, Joe Hill und Gabriel Rodriguez
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twitter haushofer.

Survival-Thriller – oder feministische Sinnsuche?
Eine Biowaffe. Eine unsichtbare Barriere.
Und eine Frau, allein in den Bergen:
Als einzige Überlebende, isoliert auf Alm und Hütte.

Ich stellte mir diesen Klassiker viel softer, blumiger vor: Natur, Katze, Menopause. Eine österreichische Robinsonade. Doch „Die Wand“ ist so beklemmend, hart wie McCarthys „Straße“. Atemberaubend!

„Die Wand“, Marlen Haushofer
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twitter dirks.

sperrig, dunkel, brutal, bitter, schwer:
Liane Dirks erzählt die Lebensgeschichte
ihres monströsen Vaters.
Ein Koch aus Hamburg, der sie missbrauchte.

Schnöselige Drogisten in den 1930ern. Ein junger Koch in Russland, später dann auf Schiffen in der ganzen Welt. Grandios literarische Zeitgeschichte – und Psychogramm dreier Generationen. Hart.

„Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“, Liane Dirks
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twitter sakamichi.

nur online lesbar, als Fan-Übersetzung auf Englisch:
Japan, Ende der 60er, Provinz:
Eine Jazzband. Ein neuer Schüler (Streber).
Und zwei Kindheitsfreunde: Raufbold und Mädchen.

Manga, 10 Bände – still, sonnig, starke Figuren. Freundschaft statt Romance, sympathisch schlichte Retro-Zeichnungen. Coming-of-Age, Politisierung, Zeitgeschichte – zum Heulen schön!

„Sakamichi no Apollon“, Yuki Kodama

…längerer Empfehlungstext hier: die 20 besten Graphic Novels 2015
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twitter hedges.

Den Film sah ich nie. Die Romanvorlage? Großartig!
Nach der High School muss Gilbert bleiben:
Der Vater ist tot, ein Bruder behindert,
die Mutter depressiv.

Keine Komödie. Aber auch kein Pathos, Selbstmitleid: Geschwister, gestrandet in der Provinz, wütend, ratlos, hungrig, lebendig. Gute Übersetzung – aber gerade vergriffen. Fantastisch… empathisch!

„Gilbert Grape. Irgendwo in Iowa“, Peter Hedges
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twitter drakulic

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Bosnische Frauen im Krieg… und danach:
Ein schlichtes, kluges, alptraumhaftes Buch
über die Psychologie des Krieges
und sexuelle Gewalt.

Die ersten und die letzten 10 Seiten: Klischee und Kitsch. Dazwischen aber: Ein Text, der mich seit Monaten nicht loslässt. Einfache Sprache, brillante Gedanken. Pogrome, Lager, Asyl. Kontrollverlust.

„Als gäbe es mich nicht“, Slavenka Drakulić
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twitter Capote.

Reportage von 1965: erster großer „True Crime“-Text
Zwei junge Männer überfallen eine Farm in Kansas
und ermorden die komplette Familie.
Capote recherchiert, interviewt, rekonstruiert.

Vielleicht ist vieles hier gebogen, dramatisiert – doch erstmal lese ich, atemlos: Kein schauerlicher Real-Life-Krimi. Sondern Milieus, Figuren, ein Land, toll erfasst. Ein Buch, das nachwirkt. Große Kunst!

„Kaltblütig“, Truman Capote
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twitter toulme.

Trisomie 21 aus Sicht eines Vaters:
Autobiografische Graphic Novel aus Frankreich,
persönlich, nah, sympathisch, schlicht.
Gute Einführung in Comics – und Behinderung.

Ich finde besser, wenn Behinderte sprechen – statt immer nur Eltern ÜBER sie. Und: Viele Comics sind komplexer, literarischer. Aber: Alles hier ist so herzig, einladend, einfach – als Einstieg erstmal toll.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt…“, Fabien Toulmé
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twitter baldwin

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dt.: „100 Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung“
James Baldwins politisches Manifest von 1963.
Leidenschaftlich, kurz, komplex. Bis heute relevant.
Schwarze in Amerika: Scham & Unterwerfung.

Wäre das ein Online-Text 2015 – er ginge sofort viral: Aufstiegschancen und Polizeitgewalt, Angst und Bildung, Identity Politics und Akitivsmus: die heute noch großen Themen, klug & klar verhandelt.

„The Fire next Time“, James Baldwin
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twitter archie.

Sieht aus wie ein billiger Scherz…?
„Peanuts“: Grundschule. „Archie“: High School.
Der harmlos-biedere Cartoon-Klassiker seit 1941
…als blutiger Zombie- und Survival-Horror?

Die braven US-Kinderfiguren neu erzählt – viel literarischer, psychologischer… und auf der Flucht vor Zombies. Erst dachte ich: Pubertäre Parodie? Aber: Nein! Spektakulär atmosphärisch. Gruselig klug.

„Afterlife with Archie“, R. Aguirre-Sacasa, F. Francavilla

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11 weitere Titel hier:

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Star Wars: Das Erwachen der Macht. 100 Probleme, Fragen, Ideen

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Ich arbeite oft zwei, drei Tage lang an den Buch-, Film-, Comic-Kritiken für Zeitungen. Ich schreibe langsam, formuliere genau. „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ sah ich mir vorhin in der Mitternachts-Premiere an, recht spontan. Bevor ich schlafe, sammle ich 100 schnelle Gedanken, Kritikpunkte, Einwürfe und Ideen. Kein großer Text. Sondern Aspekte, die ich festhalten und über die ich ins Gespräch kommen will, falls jemand fragt: „Und? Hat es dir gefallen?“

Mir hat der Film sehr gefallen.

Ich bin überrascht, wie viel Spaß ich hatte – und wie zufrieden mich das machte.

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01_Sehen oder nicht? Sehen!

02_In einem Satz: Mitreißend, liebevoll, zeitgemäß – ein schneller, übersichtlicher, einsteigerfreundlicher Abenteuerfilm mit tollen Darstellern, aber eher fadem, verflachten Kosmos.

03_Das größte Problem: Es geht um nichts (Größeres, thematisch). Dem Universum wird nichts Neues hinzugefügt – nur alte Rollen, Stationen, Konflikte neu verteilt und durchgespielt. Vieles wirkt unlogisch, lustlos zurecht gebogen, aufgegossen: Noch nie hat mich diese Erzählwelt weniger überzeugt.

04_Vorher die alten Teile sehen? Nicht nötig. Fast alles, was passiert, erklärt sich im Lauf und Kontext des Films. Aber: Es macht sicher Spaß, vorbereitend noch einmal Episode IV zu sehen – weil vieles aus diesem ersten Teil von 1977 im neuen Film gesteigert, gespiegelt, zitiert wird.

05_Ein Film für Kinder? Nein. Aber mit 11, 12 hätte ich mich in Hauptfigur Rey verliebt, alle Konflikte sehr tragisch und tiefgehend empfunden, den Film GELIEBT. Erwachsener als Episode I oder IV. Einige düstere Momente. Aber nicht übertrieben dunkel oder brutal.

06_Nichts, das ich gerade sah, habe ich durch Episode I, II oder III besser verstanden. Die Prequel-Trilogie scheint mir nicht explizit ausgeklammert oder totgeschwiegen – aber fürs Verständnis von Episode VII recht egal. Jemand sagt kurz „Sith“. Doch das ist die einzige Stelle im Film, an der ich dachte: „Okay. Die Autoren haben über Episode I bis III nachgedacht, beim Schreiben.“

07_Ich fand auch keine Shout-Outs und Zitate zu „Star Wars: Rebels“, „Star Wars: The Clone Wars“ oder den Expanded-Universe-Comics und -Romanen [sehr viel gelesen, für Deutschlandradio Kultur. Empfehlungen hier im Link]. An einer Stelle im Film sind einige Flaggen zu sehen, deren Symbole Fans wiedererkennen können. Aber es hat keinen Einfluss auf die Handlung.

08_Alle Filme, gerankt: 5, 7, 4, 2, 6, 3, 1 [kluge Polit-Intrigen in Episode II schlagen schlimme Ewoks in Episode VI: toller Artikel darüber, wie schlecht “Return of the Jedi” war]

09_4 von 5 Sternen. Klare Empfehlung. Ab ca. 20 Minuten nach Beginn dachte ich sehr lange sogar: 5 Sterne.

10_Warum keine 5 Sterne? Weil Episode VII nichts Größeres erzählt über das Menschsein oder die Star-Wars-Welt, kein besonderes, eigenes Thema sucht, keine sehr pointierte oder interessante Aussage, nichts Persönliches. Look, Inszenierung, Darsteller? Alles mit starker, überzeugender Handschrift. Drehbuch? Souverän – aber nichts Besonderes. Kein Film, der das Jahr 2015 definiert. Oder irgendwas verändert..

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ab hier: Spoiler. Details aus der Handlung.

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11_War Wehleidigkeit schon immer die erste, größte (…einzig überhaupt erkennbare?) Charaktereigenschaft von Chewbacca?

12_Warum klopfte sich Kylo Ren im letzten Kampf im Wald immer wieder nervös an die Flanke/Seite? [Edit: Weil Chewbacca ihn dort angeschossen/getroffen hat, sagen Freunde.]

13_Zitiert Reys erste Szene den Anfang von „Nausicaä aus dem Tal der Winde“? Großartiger Film – und die selbe Stimmung. Junge Frau, allein beim Sammeln und Entdecken. Mir tat leid, dass Rey mühsam auf einem Stück Blech die Düne herabrutschen musste… während Nausicaä auf ihrem Lenkdrachen nach Hause fliegt.

14_Die andere Zeichentrick-Szene, an die ich denken musste: In der vielleicht spannendsten/besten Episode von „Avatar: Herr der Elemente“ brechen die Helden in einen riesigen Bohrer ein, der eine Festungsmauer zerstören soll… und wollen die Riesen-Maschine an ihren Schwachpunkten sabotieren. Stimmung und Taktik im Episode VII-Finale (Sprengladungen an taktisch klugen Stellen, bevor der Starkiller aufgeladen ist und feuern kann) waren die selben – nur war die „Avatar“-Episode dramatischer. (Schade!)

15_Von hinten (!) sieht Reys Kostüm aus wie die Vorderseite der Roben, die Luke, Obi-Wan und Qui-Gon trugen.

16_Nach einer Weile merkt man, dass Rey – wie viele bisher wichtige Frauen in ‘Star Wars’ – eine recht exzentrische Frisur trägt: drei Haarknoten, den Hinterkopf hinab. Ich brauchte mehr als eine Stunde, um zu merken, wie viel Mühe in ihrem Kostüm/Charakterdesign steckt.

17_Das ist der „Star Wars“-Film mit den bisher dreckigsten Schiffen, Bars, Gebrauchsgegenständen. Sogar Kylo Rens Maske ist ungepflegt/beschädigt.

18_Die Farben und Farbstimmungen sind naturalistischer als in Episode I bis III – aber ich bin überrascht, WIE stilisiert die jeweiligen Wüsten-, Wald-, Schnee-Planeten trotzdem bleiben: Ich glaube, man könnte die Stimmung des kompletten Films nachzeichnen, indem man einfach 10 mal zwei dominante Farben/Farbkombis sammelt. Besonders die hellblauen und lila-roten Lichter im Starkiller, passend zum roten und zum blauen Lichtschwert später im Wald. An vielen Stellen war mir das farblich zu stimmig/künstlich/durchgestylt.

19_Ich musste lachen, als ich auf IMDb las: „In summer 2013, it was revealed both Carrie Fisher and Mark Hamill had begun a vigorous regimen of diet, exercise and stunt training to prepare for their roles of Leia and Luke.“ An KEINER Stelle tun die beiden irgend etwas, für das man ein Stunt-Training bräuchte.

20_Mich freut, wie wichtig Han Solo den ganzen Film über bleibt: Als ich hörte, dass Harrison Ford wenig Lust auf die Rolle hatte, rechnete ich mit drei, vier nostalgisch-knappen Szenen. Auch sein „Chewie: We’re home“ im Trailer kam mir müde vor. Tatsächlich ist Han unbedingt eine Hauptfigur – nach Rey und Finn, vor Kylo Ren und dem (viel zu präsenten) BB-8.

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21_Fast jedes Marvel-“Star Wars“-Comic, das ich seit Sommer las, begann mit einer Zusammenfassung im „Opening Crawl“-Stil. Und beinahe jedes Mal waren die ersten Worte nach „A long, long time ago“ wie in Episode IV „It is a period of“ [„renewed hope“/“fear“/“chances“ usw.] Alle sieben Filme beginnen mit unterschiedlichen ersten Sätzen – doch im Nachhinein überrascht mich, dass sich Episode VII dauernd an Episode IV orientiert… aber nicht mit „It is a period of“ beginnt… während die Comics, die oft nur zeitlich, aber nicht inhaltlich besonders nah an Episode IV liegen, den Satz beinahe JEDES Mal zitieren/aufgreifen.

22_Raumschiffe und Fahrzeuge, die mir gefielen: Reys primitiver Schwebe-Traktor. Das mechanische Nashorn-Gefährt des Java-ähnlichen Wesens, das BB-8 zerlegen wollte. Die toll klaustrophobischen, schön ausgeleuchteten Schleusen, Gänge, Crawlspaces in u.a. Hans neuem Frachter. Auch Sternzerstörer-Innendesign gefällt mir fast immer – besonders über mehrere Etagen/Ebenen hinweg.

23_Der neue Sternzerstörer kam mir ungelenk, vollgestopft und wie eine sehr kipp-gefährdete, überladene Torte vor. Die Starkiller-Base war (von außen und als Idee) drittklassig, langweilig, banal. Zu Tie-Fightern, X-Wings usw. habe ich kein besonderes Verhältnis. Die neuen Stormtrooper-Helme erinnern mich an Donald Ducks Schnabel. Die “Flametrooper”, neuen “Snowtrooper” usw. schienen nur im Film, um weiteres Merchandise zu verkaufen.

24_In der Eröffnungsszene sind im Dunkeln Hühner oder sehr kleines Zuchtvieh zu sehen, zwischen den Hütten auf Jakku. Doch als die Stormtrooper angreifen, tauchen sie nicht mehr auf: Tiere/Creatures fielen mir sonst an keiner Stelle positiv auf (der Geier war besonders lustlos; auch das Tier, das zusammen mit Finn trinkt, wirkte unfertig).

25_Es gibt zwei Stellen, an denen wir viel zu schnell zu viele neue Aliens/Kreaturen sehen: Die Holo-Schachfiguren im Millennium Falcon (reale Wesen oder sowas wie bei uns Orks, Trolle usw.?) und die Besucher von Maz Kanatas Bar. Ich habe mich daran gewöhnt, dass in „Star Wars“ sehr naturalistische Aliens neben Muppets im B-Movie-Look stehen – und habe mit diesen B-Movie-Designs keine Probleme. Doch ich glaube, es ist keine Lösung, alle Trash-Figuren auf einem Haufen kurz zu zeigen – sonst aber alles immer realistischer/konventioneller zu gestalten. Den Wesen auf Han Solos Frachter z.B. hätte mehr Trash-Charme gut getan: Man stelle sich die selbe Szene z.B. mit Piranha-Tribbles vor.

26_User auf Reddit, über Kylo Rens Meister – Snoke: „That name though. Seriously? It sounds less like The Evil Overlord and more like the guy in the back alley, with a shank and a bad London accent.“ Mir sah die Figur zu Gollum- und Voldemort-haft aus. Schade, dass Sith-Sein anscheinend weiterhin bedeutet: so theatral-hässlich-kindergartenhaft-böse wie möglich aussehen zu wollen. Sind nur hässlichen Personen böse? Erkennt man das Böse immer schon am Kleidungsstil?

27_Ist Snoke tatsächlich so groß? Was, wenn er schlumpfgroß wäre – und mit dem Holo-Auftritt nur kompensiert?

28_Captain Phasma hatte eine furchtbare deutsche Synchronstimme. Keine nennenswerte Rolle. Und Fans fragen sich, ob sie tatsächlich von den Helden in die Müllpresse geworfen wurde (wie unmenschlich: Ich hoffe nicht). Da muss in Teil 8 und 9 noch mehr kommen. Mir missfällt, wie schnell schon in Teil I bis III Figuren wie Dooku, Grievous und Maul verheizt wurden. Gebt diesen Figuren Raum und Tiefe!

29_albern/schlechte Regie: Als Finn zurück in den Truppentransporter steigt und Captain Phasma – die er beim Einsteigen nicht hätte übersehen können – erst sieht, als die Kamera zu ihr schwenkt. Auf TVTropes heißt das “Behind the Black”.

30_Alle Verhör-Szenen langweilten mich. Ich frage mich, ob das erzählerisch zu verbraucht ist – oder einfach besser inszeniert/geschrieben sein müsste: Kylo und Poe, Kylo und Rey. Im Oktober erst sah ich das Finale der ersten „Star Wars: Rebels“-Staffel: Kanan wird verhört, im selben Stil. Immer die selben Bilder, Floskeln, Drohgebärden.

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31_Ich musste an vielen Stellen lachen oder mich freuen (am meisten, als Rey im Wald steht, zum ersten Mal, und sich über das viele Grün freut). Leider war ich an keiner Stelle besonders traurig, beklommen. Der meiste Humor kommt von Fin. Das freut mich: Eine Figur, die Held sein darf… doch trotzdem immer wieder trottelig, überfordert, vorschnell.

32_In der ersten Hälfte fragte ich mich, ob „Fin nimmt/wählt den falschen Gegenstand“ ein Leitmotiv wird. Aber in der zweiten Hälfte griff er dann nur noch einmal daneben – als er mit Bomben hantierte, bei Beladen der Schiffe. Ich bin gespannt, ob Episode VIII und IX noch einmal solche Finn-nimmt-das-Falsche-Momente zeigen.

33_Ich kann noch immer keinen ganzen Satz über Admiral Ackbars Charakter/Gemüt/Wesen sagen.

34_Die junge Frau mit der Prinzessin-Leia-Frisur, die während einer Besprechung schräg neben Leia stand… ist Carrie Fishers Tochter, Billie Lourd? Google, google… ja.

35_Ich bin froh, dass aus „Kylo ist Ben, Sohn von Han und Leia“ keine große Enthüllung im Finale gemacht wurde. Schade aber, dass Han und Leia nur ein Kind zu haben scheinen: Im alten Expanded Universe hatten sie Zwillinge – einen Sith-Sohn und eine Jedi-Tochter; später noch einen weiteren Jedi-Sohn, Anakin. Das Verhältnis zwischen Han, Leia und Kylo hat mich an Promi-Eltern erinnert, deren Kinder alle Möglichkeiten haben… und die ihre Eltern irgendwann hassen.

36_Insgesamt war Kylo weinerlich, abstoßend, nervig – doch das ist in Ordnung: Anakin war in Episode II und III genauso schlimm (Sith-Risikopersönlichkeiten). Mir machen solche unkontrollierten, selbstmitleidigen Jammer-Jungs viel mehr Angst als sortierte, gefasste, kontrollierte Staatsmänner und Machtmenschen. (Zwei andere Beispiele für „grotesk mächtig, grotesk verzogen“: Superboy Prime im DC-Universum bis 2011 und vielleicht der junge Lex Luthor in „Batman vs. Superman“)

37_Trotzdem stört mich, dass Adam Driver als Kylo genauso unbeholfen, aggro, spackig durchs Bild stapft wie in „Girls“. Dort nennt ihn Freund M. nur „der Affenjunge mit dem Affengesicht“. Ich stelle mir ein Kind von Han und Leia hübscher vor. Und, wichtiger: souveräner.

38_Es gab im ganzen Film keine Alien-Babes, Metallbikinis, Sklavinnen usw. Bei der Frau mit schwarzem Pony und Augen-Make-Up, die bei Maz Kanata mit einem dicken Alien auf einem Sofa loungte, dachte ich: „Na ja. Das ist die ‘Star Wars’-Version einer typischen deutschen/Berliner Clubberin.“ Überall waren Frauen: als Pilotinnen, Soldatinnen, Händlerinnen – keine war bloßes Eye Candy. Ich mochte auch, dass bei First Order und im Widerstand in jeder Szene viele nicht-weiße Komparsen und Kleinstrollen im Bild waren.

39_Der Film hat mich in jeder Minute blendend unterhalten – aber, wie gesagt: in keiner besonders bewegt oder zum Denken gebracht. Auch, weil die Figuren nur sehr unmittelbare Probleme hatten: Sie müssen irgendwo hin reisen, in Sicherheit kommen usw. Nur an sehr wenigen Stellen hat v.a. Finn die Möglichkeit, größere Entscheidungen über seinen Platz und seine Rolle zu treffen. Besonders in Episode I bis III mussten die Figuren mehr nachdenken, entscheiden. Alles war politischer, offener, unwägbarer – die nächsten Schritte waren oft nicht klar. Episode VII handelt fast gar nicht von Weltanschauungen und der Suche nach dem eigenen Platz. Mir fehlt das sehr.

40_BB-8 als, wörtlich, “der Droide, nach dem wir suchen“? Hm. Verkrampftes, unbeholfenes Zitat.


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41_Die Flucht vor Han Solos wild kugelnden Tentakel-Tieren („Ratare“? “Rathgars”?) kam mir vor wie eine lustlose Indiana-Jones-Hommage.

42_Als vorher zwei Gangster-Gruppen Solos Frachter entern (wie eigentlich – ohne, bemerkt zu werden?), fiel mir auf, wie viele Figuren zwischen 20 und 35 viel Macht oder Verantwortung tragen. Das ist kein Vorwurf an die Autoren (Jugendwahn), sondern beschäftigt mich in-universe: Was wurde aus der Generation von Luke etc.? Im echten Leben dominieren die Baby Boomer. Bei „Star Wars“ sind die Älteren aus dem Spiel, politisch? All die Held*innen, die vor 30 Jahren das Imperium besiegten?

43_Eine Fan-Theorie zu Snoke, via Reddit: Was, wenn er nicht via Hologramm spricht – sondern aus einem Holocron? Die Aufzeichnung einer toten, vergessenen Sith-Persönlichkeit? Eine Art A.I.? Fände ich zeitgemäßer, komplexer, interessanter.

44_Die Hitler-Rede auf dem Appellplatz, der Stormtrooper-Nazi-Gruß etc. waren mir zu dick aufgetragen – vor allem, weil Episode IV 1977 Leni Riefenstahl zitierte – bei der Siegesfeier der Rebellen, nicht bei Ansprachen des Imperiums. Ich verstehe, dass Nazi-Ikonografie und Star Wars mittlerweile zusammen gehören… aber glaube, da kann man intelligentere, kompliziertere Bilder schaffen als „die Bösen sind böse wie Nazis!“

45_Poe klopfte vor allem beim Fliegen furchtbar altbackene, markige Sprüche. Die Dogfights und der Heroismus der Piloten erinnerten mich (wie fast immer bei X-Wing-Szenen) an den zweiten Weltkrieg, die Hangars der Rebellen wurden für Episode VII in England gefilmt, die Mode-Zitate bei den Flieger-Uniformen habe ich nicht erkannt… doch ich frage mich, ob Stil, Basis, Habitus, Kleidung, Werte der Rebellen dieses Mal besonders/noch stärker als sonst von der Royal Air Force inspiriert waren?

46_Mich macht müde, wie oft diese flapsig-tapfer-wackeren Pilot*innen ständig übers Flugfeld RANNTEN. In allen Außen-Szenen mit Leia hüpften hübsche, junge, mutige Menschen beherzt im Hintergrund herum wie… heroische Hündchen. Die Rebellen in z.B. Rogue One kommen mir viel müder, leiser und traumatisierter vor. Zwar liegen 40 Jahre zwischen diesen Rebellen-Gruppen. Doch Leias Leute scheinen mir, so oder so, viel zu munter.

47_Was wurde aus Maz Kanata? Ihre Statue stürzte. Sie selbst wurde vergessen, im restlichen Drehbuch?

48_Ich mag JJ Abrams nicht besonders – fand aber im Film keinen Moment, an dem sich seine Ticks und Handschrift so stark zeigten, dass ich dachte: „Abrams-Hasser halten diesen Film nicht aus!” Das abramshafteste schien mir Reys Frisur/Haltung/Attitüde: Ich musste den ganzen Film über an Kate aus „Lost“/Evangeline Lilly denken. Im Guten!

49_Dialog auf Reddit: „I felt it was super predictable. How many times can they keep doing a bigger and better battle station?“ – „Yes but it’s powered by the SUN this time!“ – „It was nice to see the First Order going green and not relying on fossil fuels or nuclear power for their planet destroying weapons.“

50_Ich mag alle Elternfiguren aus Episode I bis VI – Lars und Beru, Anakins Mutter, Leias Adoptiveltern – doch hasse, wie schnell sie abserviert/getötet werden. Dass Rey und Finn ohne Eltern aufwachsen, heißt: Episode VII bringt keine harmlosen älteren Randfiguren um, dem Plot zuliebe. Gut! Doch es heißt auch: Rey und Finn sind zwischen 20 und 30 – haben keine Bildung, keine Social Skills, keine Erfahrung im Umgang mit Menschen. Dass sich Rey sofort Han an den Hals wirft, als Vaterfigur, macht Sinn. Dass Finn so kompetent und ohne größere Kulturschocks als Deserteur leben kann, überzeugt mich nicht. Beide sollten VIEL mehr Schwierigkeiten haben. Auch miteinander.

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51_In fünf Jahren öffne ich Jedipedia. Suche nach dem (auffälligen) Fingerring, den Leia trägt. Und finde drei bis fünf Romane und Fußnoten über seine Bedeutung und Geschichte: Das „Expanded Universe“ wird jetzt mit all diesen Figuren, Orten, neuen Details gefüttert. Ich bin gespannt, wie die Autor*innen und Redakteur*innen all solche Nebensächlichkeiten, Requisiten, Details in eigenen Geschichten weiter ausgestalten.

52_In Episode IV erwähnt Han Solo den „Kessel Run“ – ohne lange Erklärung. Auch in Episode VII wird immer wieder Vergangenes erwähnt, ohne Kontext und Details: Wer waren die vielen Zwischenbesitzer des Millennium Falcon? Woher kennen sich Maz und Han? Wer sind die „Ritter von Ren“? C-3POs roter Arm. Lukes Padawan. Reys Visionen. Vieles wird wohl in Episode VIII und IX enthüllt: wichtige Backstory. Der Rest aber ist Futter fürs Extended Universe.

53_Kylos grober schwarzer Stoff (und die idiotische Maske – ohne besondere Funktionalität, oder?). Fins Jacke und Unterwäsche. Hans Weste. Reys Leinen. Lukes Kapuze. Ich mag, wie nah die Kamera den Figuren kam. Wie körperlich, stofflich, verschwitzt, handfest gekämpft, gereist, geflüchtet wird, dieses Mal. Immer wieder forderten mich Szenen auf: „Stell dir vor, DAS ist dein Körper. Stell dir vor, DAS ist deine Kleidung.“

54_Die Lichtschwert-Kämpfe waren okay – aber keine besonderes Highlight. Ich mochte, dass Rey bei ihrer ersten Begegnung mit Kylo im Wald durch einen Hohlweg flüchtet und dann knapp zwei Meter nach oben steigt. Und bei ihrer zweiten Begegnung – anderer Planet, aber wieder Wald, ähnlicher Hohlweg – dieselben Schritte macht, bereits viel mutiger und souveräner.

55_Dass sich am Ende des Duells der Boden auftut, die Landschaft zum Jump’n’Run-Level wird, erinnerte mich ans ärgerlich schlechte, ärgerlich hanebüchene Duell zwischen Obi-Wan und Anakin in Episode III. Immer stürzt gleich ALLES ein, und alle retten sich in ALLERletzter Sekunde. Trash.

56_Episode I bis III macht auf einem kleinen Bildschirm wenig Spaß – weil die Kamera oft riesige CGI-Landschaften filmt. Gewusel, in denen ich die Helden aus dem Blick verliere. Episode VII ist sehr übersichtlich, aufgeräumt. Drei, vier Action-Szenen nahmen uns sekundenweise die Orientierung (Angriff der Stormtrooper aufs Dorf zu Beginn, Flucht des Millennium Falcon durch den Sternzerstörer, Poes Flug-Szenen), doch insgesamt kann man sich großartig in den jeweiligen Sets orientieren.

57_Weil die Kamera den Figuren viel näher kommt, entsteht Intimität.

58_Das heißt auch: Episode VII funktioniert auf kleinen Bildschirmen, beim Streamen usw. Kein Film, den man im Kino sehen muss – weil er sonst nicht wirkt. Es gibt viel zu bestaunen. Gute Tonmischung. Schöne Details. Aber Episoden I bis III auf einem Smartphone? Horror. Episode VII? Machbar!

59_Jar-Jar-Aufreger? Kinderkram? Albernheiten? Ich mochte „Wall-E“ nicht – und ärgere mich, dass BB-8 so viele Gefühle, Kitsch-Momente usw. zugestanden werden. Rührselige Roboter… das funktioniert für mich so gut wie… schmollende Laptos oder exzentrische Geldautomaten. Toll, dass Episode VII ohne Kinder auskommt. Aber müssen die Droiden behütet, bestaunt, bespaßt, bewundert werden? BB-8 als pfiffiges, doch etwas dummes Kind?

60_Kein Boba Fett. Schade. Keine Hutts. Gut! Mit beiden (und Lando) rechne ich in späteren Filmen. Irritierend an Episode VII: Jemand, der ohne Ton zuschaut oder noch keine anderen „Star Wars“-Episoden kennt, denkt sicher, Stormtrooper seien die wichtigste visuelle Konstante: Sie sind ÜBERALL. Die Kamera liebt sie, dieses Mal. Ich weiß nicht, woher diese Begeisterung/Faszination für gesichtslose und nicht-sehr-schlaue Soldaten kommt.

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61_Die Chemie zwischen Daisy Ridley und John Boyega? Immens! Ich glaube, wegen Boyega.

62_Die Chemie zwischen Jasoon Isaacs (Poe Dameron) und John Boyega? Auch immens. Huch. Ich glaube, Boyega schafft das mit jedem Szenen-Partner… außer Chewbacca. Ein schwuler Bekannter twitterte vor der Premiere, dass er Poe und Finn gern als Paar sähe. Ich dachte: „Wie albern. Unbedingt Figuren shippen – ohne, dass man ihr Verhältnis, ihre Geschichte, Hintergründe kennt?“ Jetzt, wo ich Finn und Poe zusammen sah, bin ich sicher: Das wird eine große Nummer beiFanfiction-Autor*innen. Wegen Boyegas Charme. Und, weil Poe bisher einen munter-asexuellen Royal-Air-Force-Boy spielt. Bis mindestens zur Premiere von Episode VIII sind alle vier jungen Hauptfiguren – Kylo, Rey, Finn, Poe – überraschend leicht als queer/nicht-heterosexuell lesbar, denkbar, vorstellbar.

…Edit, 19. Dezember: Der Hashtag für Poe/Finn ist #stormpilot

63_“Das, wonach es dir verlangt, liegt nicht hinter dir, sondern vor dir“. Einer der wenigen „spirituellen“ Sätze in Episode VII: Maz Kanata ist dieses Mal die einzige Figur, die mit den Helden länger über Jedi-Wissen sprechen kann. Rey sehnt sich nach ihrer Familie. Maz sagt: Du hast sie nicht verloren – du findest sie erst noch.

64_Wurde dieses Mal nur in Tunesien und Europa gefilmt? Eine irische Insel, Island oder Skandinavien, ein paar mitteleuropäische Wälder – zum ersten Mal können deutsche Kinder sagen: „Ich gehe in den Wald und spiele ‘Star Wars’.“ Statt Endor/Ewoks dieses Mal: sehr europäische Bäume, Landschaften.

65_Städte, Metropolen, hektische Planeten spielen keine Rolle: Wir bleiben in der Provinz, im Abseits, in der Wildnis oder im Versteck – dabei aber, falls ich das richtig verstand: trotzdem eher im Zentrum der Galaxis, selten im Outer Rim. Coruscant wird nicht erwähnt.

66_In der Hyperraum springen, noch in der Atmosphäre eines Planeten? Das geht?! Das wurde noch nie gezeigt. Schnell hin und her reisen, in (deutsche Synchro:) „Lichtgeschwindigkeit“? So leicht?! Dass der Millenium Falcon zu Beginn von Episode VII flugtüchtig und vollgetankt ist, störte mich. Dass alle Parteien ohne Mühe und lange Wartezeit von Planet zu Planet hopsen – fast, als würden Schiffe gebeamt – lässt die Erzählwelt klein erscheinen. Mit drei, vier Sätzen hätte das Drehbuch helfen können. Noch nie fühlte sich Raumfahrt in „Star Wars“ so banal, prosaisch, einfach an. Und Planeten so eng. Erstmal irgendwo gelandet, scheint alles notfalls sogar zu Fuß erreichbar.

67_Die Nebenfigur, die mich am meisten störte: Snap Wexley, der dickliche X-Wing-Pilot mit Vollbart, der GENAU SO aussieht, wie sich Lucasfilm wohl jahrzehntelang die Zielgruppe vorstellte. Gemütliche, bärige Kind-Männer. Der stereotype „Star Wars“-Fan. Erst später verstand ich: Das ist Abrams’ Kumpel Greg Grunberg – den ich aus u.a. „Felicity“ und „Lost“ (und „Heroes“) hätte erkennen können.

68_Statt Tatooine (Drehort Tunesien): Jakku (Drehort Tunesien). Statt Obi-Wan: Han Solo. Statt dem Todesstern: die Starkiller-Base. Statt der Cantina: Maz Kanatas Bar. Statt den Dschungel-Tempeln auf Yavin IV: Maz Kanatas Wald-Tempel. Statt R2s wichtigem Hologramm: BB-8s wichtiges Hologramm. Statt der Zerstörung des Todessterns via Achillesverse: Zerstörung der Starkiller-Base via Achillesverse. Und, vielleicht am lächerlichsten: In Episode IV wird Alderaan zerstört. In Episode VII 5 (!) Planeten eines Systems. Und trotzdem wirkt es lapidarer, weniger bedeutend. Overkill.

69_Ich bin nicht sicher, warum der First Order über den Angriff auf die 5 Welten spricht, als sei damit „die Republik“ vernichtet. Sitzt die Republik auf diesen fünf Welten? Haben Luke, Leia, Han diese Republik aufgebaut? Wie stehen „Widerstand“ und „Republik“ zueinander? Und: Warum ist Hans Tod eine größere Tragödie für die munteren Widerständler als das Ende von 5 (!) Welten, mit u.a. der einzigen Metropole, die man in Episode VII sah?

70_In Episode III war ich enttäuscht, weil die dramatischste und wichtigste Szene – Palpatine gibt Order 66, die Klone töten die Jedi – nur eine schnelle Montage bleibt. In Episode VII nehme ich den Starkiller nicht ernst genug – weil die 5 Welten so nebensächlich scheinen, ihre Vernichtung opernhafter Kitsch.

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71_Einer der besten (aber sehr selbstverliebt-langen) Storytelling-Essays zeigt die Ring-Dramaturgie der beiden „Star Wars“-Trilogien: Episode I bezieht sich nicht nur auf Episode IV, sondern noch viel mehr – Überraschung! – auf Episode VI. Mit Episode VII beginnt ein andere, langweiligere Struktur: Gibt es fortan „Regeln“ wie „Im ersten Teil jeder Trilogie spielt ein Wüstenplanet eine große Rolle“ oder „Ein Mentor wird getötet: die älteste Hauptfigur überlebt Teil 1 einer Trilogie auf keinen Fall“? Mir kam vieles in Episode VII zu Schema F vor: Als müsste es passieren, weil es in Episode VI und Episode I passierte.

72_Gab es einen „Han shot first“-Moment? Mir ist nichts aufgefallen.

73_Der Untertitel, „Das Erwachen der Macht“, lässt Episode VII bedeutender klingen, als sie sich anfühlt: ein wichtiger Wendepunkt für die ganze Galaxis? Bisher scheint einfach nur Rey zu merken, dass sie die Macht spüren kann („force-sensitive“ ist). Aber nun gut: In „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ kamen auch nicht sehr viele Jedi zurück.

74_Warum nicht „Die Macht erwacht“? Bäm.

75_Rey als Lukes Tochter? Eine Möglichkeit – aber nicht besonders wichtig oder spannend: Ich mag keine Fantasy-Welten, in der alle begabten Figuren aus derselben Familie stammen. Schöner, falls Rey Plebs und nur zufällig sehr machtbegabt/force-sensitive wäre.

76_Schön, wie viele Szenen im Film spannend werden, weil Figuren über etwas SPRECHEN, das nicht gezeigt wird. Ich mochte Reys Vision bei Maz Kanata – aber freute mich, dass die Gedanken-Duelle zwischen Rey und Kylo, das Gespräch zwischen Han und Kylo, Leias Erinnerungen etc. ohne Rückblenden, Montagen auskamen: Ein paar der eindrücklichsten und wichtigsten Ereignisse hat Episode VII nur in Sprache/Worten gezeigt. [Macht „Star Wars“ aber oft so.]

77_Ich sah keinen besonderen Disney-Einfluss. Ich sah auch überhaupt keinen Willen, einen neuen Stil, Tonfall für Blockbuster zu finden: Seit „Fluch der Karibik“ sind viele große Franchises flapsig, überdreht. Umgekehrt gibt es viele überraschend dunkle, blutige, raue Jungs-Franchises. Episode VII wollte „Star Wars“ im Jahr 2015 sein – nicht: den Blockbuster neu erfinden. Ich mag das – aber bin unsicher, ob Episode VII ein einflussreicher, maßgeblicher Film sein kann. Wagnisse, Experimente, eine neue Ästhethik fehlen hier.

78_Ich hatte eine Kinokarte für die Original-Verson, aber ging in den falschen Saal. Ich mochte die Syncho (während des Film fragte ich mich: Heißt es in Deutschland schon immer „Widerstand“ statt „Rebellen“? Sind „Widerstand“ und „Rebellen“ verschieden? Ja. Mehr hier.). Score/Musik waren gut, doch an keiner Stelle besonders. Das 3D unaufdringlich, souverän. Adam Driver hätte ich lieber im Original gehört, und bei Figuren wie Poe und den First-Order-Schnöseln fragte ich mich, ob sie mit britischem Akzent sprechen.

79_Trailer vor Filmbeginn: Tarantinos „Hateful Eight“, „Independence Day 2“ (furchtbares 3D) und ein sehr kurzer „Batman vs. Superman“-Trailer. Der schlimme „Star Trek: Beyond“-Trailer fehlte.

80_Werbung: keine „Star Wars“-Produkte, keine Disney-Artikel, keine Videospiele oder typische Jungs-Dinge… sondern vermutlich das, was gerade in jedem Berliner Kino vor jedem Film läuft: ein Image-Clip für BILD, Krankenkassenwerbung für die BKK (auch Homöopathie), Lays Chips, Pepsi Max, Spotifys Best-of-2015-Seite. Eine sympathische BVG-Kampagne, “Hauptstadtpoesie”. Ein beschissen reaktionärer Spreequell-Spot, “Volle Pulle Leben”. „Star Wars“-spezifisch nur eine Reisekampagne für Tunesien, #truetunisia.

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81_Im Netz wird „The First Order“ manchmal als TFO abgekürzt. „The Force Awakens“ auch. Entscheidet euch!

82_Viele (männliche?) Reddit-User sind verärgert, wie kompetent und wichtig Rey ist – auch im Vergleich zu Finn: Das Kinoplakat zeigt eine junge Frau (Rey) mit Kampfstab. Daneben, deutlich kleiner, Finn mit Lichtschwert. Ein Jedi? Nein: Die Größenverhältnisse von Rey, Finn und BB-8 entsprechen zwar ihrem tatsächlichen Raum im Film. Doch Finn ist so überfordert mit dem Lichtschwert… es wäre stimmiger/sinnvoller, Rey mit Schwert zu zeigen. Zwar nahm ich Finn durchgängig als Sympathieträger wahr. Doch Kinoplakat und Trailer haben mich nicht darauf vorbereitet, wie sehr Rey diesen Film dominiert.

83_Ein Ekel-Userkommentar auf ZEIT Online wünscht sich bei Rey, Finn und Poe die selbe Rollenverteilung wie bei Leia, Luke und Han in Episode IV. „Die Prinzessin, der Ritter und der Cowboy“. Stimmt: so simpel sah ich das noch nie! Gute Zusammenfassung von Episode IV.

84_Zu Episode VII passt es nicht: Rey und Finn sind sich sehr ähnlich – überforderte, idealistische Waisenkinder. Poe ist der 40er-Jahre-Galan, -Spion, -Kriegsheld, Jack-of-all-Trades; Han übernimmt Obi-Wans Rolle. Prinzessinnen, Damsels in Distress, Frauen, die vor allem als Love Interest funktionieren, kommen nicht mehr vor.

85_ Dass Rey so mächtig ist, störte mich nicht – denn sie selbst war davon am überraschtesten. Mir gefiel, wie überrumpelt-aber-vorsichtig sie versuchte, ihre Kräfte auszuloten. Ohne, sofort ausgiebig mit Han, Finn, Maz zu sprechen.

86_Eine Fan-Theorie: „Rey was born without a father, just like Anakin.“ Das hatte ich vergessen – und ich bin froh darum. Bitte nicht wieder dieser Messias-Mist.

87_Das letzte „Star Wars“-Musikstück, das Eindruck auf mich machte, stammt aus Episode I: Duel of the Fates. In Episode VII gab es keine Komposition von John Williams, die so prägnant war.

88_Reddit-Kommentar zur Flucht von Finn und Poe: „In their escape from the First Order, Finn unthinkingly kills more people than were even present at the village massacre. I get that the first order are the baddies but these are people he’s been living with his entire life.“ Stimmt. Ich bin kein Fan von Helden, die ihre Gegner töten. Kann aber damit leben, dass alle Star-Wars-Helden das tun: Das war schon immer so, seit 1977.

89_Die erste Trilogie hatte viele Samurai- und ZEN-Momente. Die zweite Trilogie Amidalas Kostüme. In Episode VII sah/fand ich nichts, das mich an Japan erinnerte.

90_Gerade ergoogelt/gefunden: die Berlin-Mitte-Frau aus Maz Kanatas Bar heißt Bazine Netal – und ist Kopfgeldjägerin.

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91_Meine 10 Lieblingssätze aus der – ingesamt: sehr guten – Spekulation/Zusammenfassung von „Making Star Wars“ (Link): „Poe Dameron places [Luke’s] lightsaber inside BB-8 and orders him to flee [on Jakku]“, „Finn feels ill. He takes off his helmet, and vomits“, „Rey tries to help by releasing the ship’s cargo (which appears to be livestock, potentially giant space pigs)“, „Maz Kanata is a pirate at a secret location on Yavin IV“, „VISION: There is what looks to be a Jedi Academy, and the dead bodies of padawans are on the ground. Luke Skywalker shows up, too late“, „Rey may learn that she is the lost daughter of Han Solo“, „The Resistance Base, which seems to be on the other side of Yavin IV“, „Queen Leia’s own superweapon, the Sledgehammer, is destroyed. It falls into the atmosphere of the planet and breaks apart.“

92_Ich musste lange googeln, um Foto und Name der Guavian Enforcers (Link) zu finden. Fans lieben bereits Boba Fett und die Imperial Guard. Ich bin recht sicher: Diese neuen roten Kostüme/Helme/Krieger sind im Film, damit sie Cosplayer und Rüstungs-Nerds begeistern.

93_Episode IV bis VI zeigt einen asymmetrischen Krieg: Rebellen gegen totalitäre Besatzer. Episode I bis III zeigt, wie eine Republik zerbricht – mit vielen, überraschend komplexen Parallelen zu Weimar, Reichstagsbrand und dem Ermächtigungsgesetz der Nazis. Ich war mir vor Episode VII sicher: Dieses Mal wird es um Gesellschaften gehen, die eine Besatzung hinter sich haben, mit Parallelen zu Afghanistan, Pakistan, mit Terrorzellen und religiösen Splittergruppen… eine New Republic in der Rolle Amerikas, und der First Order als IS? Episode VII ist nicht besonders militaristisch. Aber auch nicht besonders Post-Terror. Zu meiner Überraschung kein „Hier sieht man, was heutzutage mit der Welt nicht stimmt“-Film.

94_Episode VII ist der unpolitischste, naivste „Star Wars“-Teil: Ich weiß nicht, wer hier regiert, entscheidet, kämpft. Wie diese Machtstrukturen entstanden – und was Zivilisten von ihnen halten.

95_Bei aller Sympathie für Han und Leia: Was haben sie in 30 Jahren aufgebaut? Ist Leia Diplomatin? Wofür steht die New Republic/Resistance? Wie konnte SO wenig anders, besser werden in 30 Jahren? Womit habt ihr euer Leben verbracht? Der Opening Crawl hilft nicht: „With the support of the REPUBLIC, General Leia Organa leads a brave RESISTANCE.“ Was heißt das?

96_Reddit-User Demoa, unzufrieden: „I had a bit of an issue with having the Millenium Falcon randomly be on Jakku stationned right next to where they need an escape but I thought “the movie has been so good so far let’s just roll with it”. But then Han Solo shows up in the most random way possible to pick them up and then the movie completely fell apart for me. The whole Maz Kanata thing was a trainwreck too. “Hi I’m a pirate, I’m also 1000 years old, I also talk like a Jedi, but I have no powers, and by the way I have this awesome lightsaber that I got somehow.”

97_Facebook-Freund Lars Weisbrod, unzufrieden: „Wollte den neuen Star Wars sehen, aber irgendwie haben sie im Kino die Filme vertauscht und noch mal “A New Hope” gezeigt.“

98_Oft hat ein “Star Wars”-Showdown mehrere Stränge: Episode I hatte vier, mit zu verschiedenen Stimmungen. Der Showdown von Episode VII bleibt durchgängig bei Finn-Han-Rey, springt immer nur sekundenweise zu Poe und den anderen X-Wing-Piloten. Ein großer Unterschied, dramaturgisch. Einfacher. Übersichtlicher.

99_Die grafischen Szenenwechsel, Überblendungen der ersten Trilogie machten mir keinen Spaß. In Episode I bis III wurde das weiter aufgewärmt. In Episode III zählte ich nur drei solcher Momente. Gut!

100_Ich sah Episode VII in Berlin: Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, Mitternachtspremiere, 3D/Deutsch. Fast alle waren 25 bis 40. Viele Zweiergruppen, Freundeskreise, immer mit Männern: Ich sah keine einzige Frau allein – und keine Frauen-/Freundinnengruppe. Knapp die Hälfte des Kinos war besetzt.

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längere Artikel zum Film, die ich mochte:

Kreatives Schreiben, Creative Writing: Die besten Schreibratgeber

Creative Writing

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Ich gebe Creative-Writing-Kurse an Unis und Schulen. [Liste hier.]

Ich habe Kreatives Schreiben studiert – in Hildesheim.

[Update, 2017: Text über die Probleme und Konflikte dort.]

Trotzdem habe ich Probleme mit Büchern, die Menschen beim literarischen Schreiben helfen sollen:

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If You Want to Write: A Book about Art, Independence and Spirit
  Writing Down the Bones: Freeing the Writer Within  A Year in the Life: Journaling for Self-Discovery

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  • Schreibwerkstätten und Seminare in meinem Studium fragten meist – wie ihre amerikanischen Vorbilder: Seminare, Gruppenkurse und Workshops an US-Unis in z.B. Iowa, “Was will der Text? Was ist sein Potenzial, seine Stoßrichtung, seine Form, sein Anspruch? Funktioniert er – als das, was er sein will?”
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    Den guten, richtigen Text, die 25 großen Regeln… oder Verbote? Das ist zu eng, zu formelhaft gedacht: Zu viele populäre US-Autor*innen suchen eine Erfolgsformel. “Ein guter Krimi muss…”, “Am Anfang jeder Short Story soll…” Für Genre-Texte funktioniert das meist, als Grundgerüst. Doch literarisches Schreiben setzt sich über solche Regeln oft hinweg: Gute Texte “funktionieren”, obwohl sie ganz anders erzählen, als ihr Publikum anfangs erwartet.
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    Ich blättere gerne durch die großen US-Ratgeber, die viele Regeln und Verbote aufstellen. Doch sie sind 20 Jahre alt, von Männern geschrieben, die damals schon über 40 waren… und alles klingt staubig. Ich habe keinen Nerv für diese “Der Krimi-Opa hebt den Zeigefinger”-Nische:
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    Sol Stein:
    “On Writing” (1995)
    Robert McKee: “Story” (1997)
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    …aufs Drehbuch-Standardwerk “Save the Cat” (Blake Snyder, 2005) habe ich Lust. Kritik daran hier: Slate.com [Update, 2017: gelesen! Angeberisch, aber klug.]

Stein On Writing: A Master Editor of Some of the Most Successful Writers of Our Century Shares His Craft Techniques and Strategies  Story: Style, Structure, Substance, and the Principles of Screenwriting  Save the Cat!: The Last Book on Screenwriting You'll Ever Need

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  • Mit vielen deutschen Krimis, Filmen, Serien, mit “Cobra 11”, Sebastian Fitzek, der “Wanderhure” kann ich nichts anfangen: Deutsche Unterhaltung fixiert sich oft besonders stark auf feste Strickmuster, starre Regeln, Zielgruppen – niemand soll irritiert oder überfordert werden.
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    Ich mag Uschtrin.de (wobei: das Handbuch kostet über 50 Euro? Im Ernst?), las aber noch nie eine Ausgabe der deutschen Creative-Writing-Zeitschrift “Federwelt”… weil ich immer Angst habe, dass dort die selben Menschen, die “Soko Wismar” und Kerstin Gier mögen, literarisches Schreiben erklären. Oft kommen mir Diskussionen in deutschen Autor*innenforen NOCH starrer und bizarr-verschulter vor als die (sehr schlechten) US-Gruppen.
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    Immer wieder stellen Facebook-Hobbyschreiber und Self-Publisher Fragen wie “Ist ein Prolog erlaubt?”, und deutsche Blogs und Kommentatoren antworten “Lieber nicht! Prologe sind schlecht!” [Der Link ist okay. Die vielen Deutschen aber, die solche Links lesen und fragen “Was ist denn jetzt die Regel? Wer nennt mir das genaue Erfolgsrezept?” machen mich irre.]
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    “Du willst deine Schreibe verbessern? 10 Gebote für einen spannenden Text.”
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    Menschen, die “Schreibe” schreiben?
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    Solche Schreibe spricht mich null an.

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me me me .

Ich schreibe seit 2009 an meinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

Die ersten Kapitel habe ich als Diplomarbeit eingereicht, zusammen mit einer Poetik, in der ich meine Arbeitsschritte, Absichten, Vorbilder und Lernerfolge erkläre. Ich habe die Texte auch gebloggt, hier (Link).

Schreibratgeber lese ich phasenweise, alle paar Jahre: Um aufzutanken, mich begeistern zu lassen, Neues zu lernen fürs Schreiben und meinen Unterricht… oder, um über schlechte Texte, Ratschläge zu schimpfen.

Als Kritiker lese ich täglich Literaturkritik, Kulturjournalismus, Interviews mit Autor*innen – aber fürs eigene Erzählen sind oft besonders der TV-Journalismus und die Episoden-Kritiken wichtig, die ich beim Kaffeetrinken lese, auf tvinsider.com (Link) und bei Alan Sepinwall.

Erzähltechniken, Kniffe, Klischees, Probleme und viele Beispiele finde ich auf TVTropes.org – meiner Lieblings-Website, die ich u.a. 2009 bei ZEIT Online erklärt und empfohlen habe. Wer schreibt oder mit Figuren arbeitet, Charaktere entwickelt: Schaut euch dort um!

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10 Schreibratgeber, die ich empfehlen kann:

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JACK M. BICKHAM, The 38 Most Common Fiction Writing Mistakes and how to avoid them

128 Seiten, 1992. Der erste Schreibratgeber, den ich las, mit 17, 2001: kurze, oft etwas alberne Kapitel über typische Anfängerfehler und Erzähl-Probleme. Unterhaltsam, einleuchtend, oft zu naheliegend – aber eine Lektüre, die ich nie bereute. Wäre Bickham noch am Leben, er würde heute wohl Spaß-Listen für Buzzfeed schreiben. Sein Buch “Scene and Structure” (1993, mit Jack Heffron) habe ich letzte Woche entdeckt und angelesen. Ich werde das kaufen.

The 38 Most Common Fiction Writing Mistakes

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AUSTIN KLEON: Steal like an Artist. 10 Things nobody told you about being creative

160 Seiten, 2011. Ein absurd kurzes Anfänger- und Geschenkbuch, das Menschen Mut machen will, überall nach Inspiration zu suchen. Alles auf den Kopf zu stellen. Neu zu denken, zu remixen. Die Seiten – weißer Text auf schwarzem Grund – haben oft (recht konventionelle, müde) Diagramme und Banderolen… als hätte ein Starbucks-Mitarbeiter harmlose Weisheiten auf die Tafel gemalt. Das Buch selbst könnte bei Starbucks an der Kasse liegen. Als Mitbringsel. Sympathisch. Aber nur ein Anfang.

Steal Like an Artist: 10 Things Nobody Told You About Being Creative

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JAMES N. FREY: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

200 Seiten, 1987. Grundlagen und Anfänger-Regeln, besonders für Krimi- und Genre-Autor*innen interessant. Ich las das Buch im Studium, 2006 – und wurde gut unterhalten. Nicht sehr tiefgehend oder anspruchsvoll. Aber eine Alternative zu McKee und Stein. Macht Mut. Macht Spaß. Nur glaube ich nicht, dass Menschen, die von Freys Hinweisen noch beeindruckt oder überrascht sind, schon für einen Roman bereit sein wären. Jeder aber, der sich tatsächlich schon Romane zutrauen kann, liest hier kaum Neues.

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt (#1)

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WILLIAM M. AKERS: Your Screenplay Sucks! 100 Ways to make it great

287 Seiten, 2008. Schwungvoll, knapp, präzise, unterhaltsam: ein Drehbuch-Ratgeber, der hilfreich war, als ich meinen Roman plottete. Das Buch, das ich Hildesheim-Freund*innen – also Menschen, die bereits drei, vier Jahre Schreiberfahrung haben – am ehesten schenken würde. Keine Offenbarung. Aber der stimmigste Ratgeber, den ich kenne.

Your Screenplay Sucks!: 100 Ways to Make It Great

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SCOTT McCLOUD: Writing Comics

272 Seiten, 2006. Eine Offenbarung! McCloud schrieb/zeichnete 1993 einen recht akademischen, steifen Comic über Comics als Kunstform, „Comics richtig lesen“. Das war in Ordnung – aber sehr apologetisch: Comic-Nichtleser wurden an die Kunstform herangeführt, langsam und recht spröde. „Making Comics“ ist eine Fortsetzung – und ein Ratgeber, der die Praxis der Erzählens in Text und Bildern erklärt. Auch, wenn man nur schreibt (statt zu zeichnen): ein herrliches, super-aufschlussreiches Buch mit vielen sehr tiefgründigen Wahrnehmungs- und Poetik-Modellen. In keinem anderen Titel lernte ich mehr für mein eigenes Schreiben/Erzählen.

Making Comics: Storytelling Secrets of Comics, Manga and Graphic Novels

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WALLACE STEGNER: On Teaching and Writing Fiction
E.M. FORSTER: Aspects of the Novel
JOHN GARDNER: The Art of Fiction

144 Seiten, 2002. 204 Seiten, 1927. 224 Seiten, 1984. Drei ältere, gesetzte Autoren sprechen über das literarische Erzählen: Gardner ist noch am ehesten Ratgeber, Forster eher Uni-Dozent… doch alle drei Titel las ich mit Freude und Gewinn. Eine Fülle von Beobachtungen, Haltungen, literarischen Urteilen, Anekdoten und Verknüpfungen – alles sehr klassisch und bildungsbürgerlich. Aber mit viel Esprit. Kluge Männer reden rum. (Im selben Stil, aber schlechter, weil selbstverliebter: James Woods recht konventionelle Essay-Sammlung „How Fiction works“. Unterhaltsam – aber als Ratgeber überhaupt nicht geeignet.)

On Teaching and Writing Fiction  Aspects of the Novel  The Art of Fiction: Notes on Craft for Young Writers

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HANNS-JOSEF ORTHEIL, KLAUS SIBLEWSKI: Wie Romane entstehen

288 Seiten, 2008. In fast allen Uni-Seminaren, die ich bei Hanns-Josef Ortheil hatte, riet er zur kleinen Form: Anfänger sollen notieren. Genau hinschauen. Spazieren gehen. Riechen. Schmecken. Lauschen. Nach fünf Jahren las ich dieses – handfeste, praktische, selbstbewusste – Buch über die Arbeit an Romanen… und dachte „Ja! Auf DIESEM Niveau will ich lernen! Mehr davon.“ Ein Makro-Blick, der mir mehr entspricht und aus dem ich viel mehr lerne und begreife. Hier geht es ums Große – plausibel und überzeugend.

Wie Romane entstehen

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ANNE LAMOTT: Bird by Bird. Some Instructions on Writing and Life.

237 Seiten, 1994: Blubbernd-persönliches Gute-Laune-Buch („Memoir“ wäre zu viel gesagt) einer älteren Autorin. Ins Deutsche übersetzt, aber vergriffen. Ich mag den Plauderton, den Optimismus und die Lebensweisheiten – doch kann nicht behaupten, viel gelernt zu haben. Ein amüsantes Zwischendurch-Buch einer sympathischen, aber nicht besonders geistreichen lustigen Tante. Ich würde mit Lamott in den Urlaub fahren. Einen Workshop würde ich nicht besuchen.

Bird by Bird: Some Instructions on Writing and Life

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HANS PETER ROENTGEN: Drei Seiten für ein Exposé

200 Seiten, 2010. Roentgen ist ein beliebter deutscher Ratgeber-Autor. Ich mag, dass er präzise und hart urteilt – und weniger oberlehrerhaft formuliert als viele andere deutsche Schreib-Coaches. Der Exposé-Ratgeber ist anschaulich, sympathisch, aber sehr kurz und nicht besonders verkopft oder literarisch. Ein Exposé für „Zimmer voller Freunde“, mit dem ich zufrieden bin, habe ich immer noch nicht – stattdessen verlinke ich meist ein Exposé in Fotos/Bildern (Link).

Drei Seiten Für Ein Exposé[Schreibratgeber]

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TSUGUMI OHBA, TAKESHI OBATA: Bakuman

20 Bände mit je 208 Seiten, 2009 bis 2013. Ein Manga über zwei Teenager, die hauptberuflich und möglichst erfolgreich Mangas für junge Männer schreiben und zeichnen wollen. Der erste Band wirkt hölzern, fadenscheinig – und als Erzählung hat „Bakuman“ Probleme: flache Frauenfiguren, endlose Dialoge, wenig psychologischer Tiefgang.

Die meiste Zeit sprechen Zeichner, Autoren, Redakteure, Konkurrenten und Kritiker über Für und Wider verschiedener Arbeits- und Erzählmethoden. Alles wird diskutiert – klug, kleinteilig, überraschend mitreißend. Eine Buchreihe, die ich am liebsten in der Hildesheimer Institutsbibliothek sähe (im Ernst) und die über alle Aspekte des Schreibens (vor allem für Genre-Autor*innen) immer neue Fragen, Aspekte erklärt, abwägt, diskutiert, veranschaulicht.

Wirklich: Die beste Geschichte über Techniken und Hürden beim Schreiben, die ich kenne. 4000 Seiten Erzählen-übers-Erzählen. Empfehlung!

Bakuman, Band 1: Traum und Realität

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Die Hildesheim-Dozentin, von der ich am meisten praktische Schreib-Impulse mitnahm und die mir am wachsten, mitreißendsten, lohnendsten schien, heißt Corinna Antelmann. Sie lebt in Linz, schreibt Romane (nur angelesen: noch keine Empfehlung), Essays und macht Drehbuch- und Storytelling-Beratungen. 2008 erklärte sie in einem Blockseminar die Grundlagen der Drehbuch-Dramaturgie: Dreiaktstruktur, Wants und Needs, Wendepunkte, Themes.

Auch Roland Koch, einen unaufgeregten, sehr respektvollen Schriftsteller, kann ich als Dozent empfehlen.

Hanns-Josef Ortheil hat 2015 ein neues autobiografisches Buch veröffentlicht über die Schreibübungen, die er im Grundschulalter unter Anleitung seines Vaters machte, um aus der Sprachlosigkeit zu kommen: „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion” (384 Seiten, Luchterhand 2015).

Wieder geht es ums genaue Hinsehen, Lauschen, Notieren, Üben. Ich las die ersten 50 Seiten, kann den Titel zwar generell empfehlen – aber bin im eigenen Roman mit ganz anderen Fragen, Techniken beschäftigt. Flanieren. Fingerübungen. Naturbeobachtungen: Das ist kein kein Modus, in dem ich gehe, lese, denke. So lange so ruhig hinsehen müssen, auf Gegenstände, Oberflächen, Landschaften, Tiere: Mich macht das erst ungeduldig. Dann wütend.

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creative writing
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Seit Oktober habe ich 150 Schreibratgeber angelesen, sortiert und vorgemerkt.

Letzte Woche fand ich auch diese Liste im Forum von Autorenwelt.de: Die besten Schreibratgeber.

23 Favoriten – angelesen und gemocht:

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01: ROY PETER CLARK, “Writing Tools: 50 essential Strategies for every Writer”

  • 260 Seiten, USA 2006
  • sachlich, breites Themenfeld, nicht zu euphorisch-amerikanisch: schöne erste Orientierung

You need tools, not rules. 50 tools that will help any writer become more fluent and effective and more than 200 examples from literature and journalism. For students, aspiring novelists, and writers of memos, e-mails, PowerPoint presentations, and love letters.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Tools: 50 Essential Strategies for Every Writer

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02: GAIL CARSON LEVINE, “Writing Magic: Creating Stories that fly”

  • 168 Seiten, USA 2006
  • sympathische Young-Adult-Autorin will Menschen Mut machen – könnte zu bieder/harmlos sein.
  • Update, 2017: wirklich eher für Kinder und Hobby-Autor*innen. Pädagogisch, einladend, liebenswert… doch für mich zu soft, lieb, “alles ist erlaubt!”

“With humor, honesty, and wisdom, Gail Carson Levine shows you that you, too, can get terrific ideas for stories, invent great beginnings and endings, write sparkling dialogue, develop memorable characters. Writing exercises that will set your imagination on fire.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Magic: Creating Stories that Fly
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03: WILLIAM STRUNK Jr., E.B. WHITE, “The Elements of Style”

  • 105 Seiten, USA 1918 (!)
  • Standardwerk, das US-Grammatik und allererste Grundlagen erklärt – muss ich unbedingt endlich lesen!

“The most widely read and employed English style manual, used by individual writers as well as high school and college students of writing. It has conveyed the principles of English style to millions of readers. If you have any young friends who aspire to become writers, the second greatest favor you can do them is to present them with copies of “The Elements of Style.” The first greatest, of course, is to shoot them now, while they’re happy. – Dorothy Parker” [Klappentext, gekürzt]

The Elements of Style

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04: BRIAN KITELEY, “The 3 a.m. Epiphany: Uncommon Writing Exercises that transform your Fiction”

  • 261 Seiten, USA 2005
  • originelle (manchmal aber: alberne, selbstverliebte) Aufgaben und Writing Prompts.

“Open the book, select an exercise, and give it a try. More than 200 intriguing writing exercises designed to help you think, write, and revise like never before.” [Klappentext, gekürzt]

The 3 A.M. Epiphany: Uncommon Writing Exercises That Transform Your Fiction

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05: BETSY LERNER, “The Forest for the Trees: An Editor’s Advice to Writers”

  • 240 Seiten, USA 2000
  • viele Warnungen, viele Ermutigungen: sympathische… Ansprache einer Lektorin.

“Categorizing writers within personality types–the natural (who appears to do it effortlessly); the wicked child (with an axe to grind); the flasher (who loves to dazzle)–veteran editor and publishing insider Betsy Lerner helps readers to better understand their relationship to writing. Lerner understands the anxieties and concerns of writers who are just getting started.” [Klappentext, gekürzt]

The Forest for the Trees: An Editor's Advice to Writers

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06: RANDY INGERMANSON, “Writing Fiction for Dummies”

  • 362 Seiten, USA 2009
  • Update, 2017: Sieht ramschig aus – aber ist sehr präzise, anschaulich, sympathisch.
  • der beste Schreibratgeber, den ich kenne.

“A complete guide to writing and selling your novel.  Aim high. Discover what every reader desperately wants from a story; home in on a marketable category; learn the self-management methods of professional writers. Create believable, unpredictable characters; build a strong plot with all six layers of complexity of a modern novel. Write a query letter, a synopsis, and a proposal; pitch your work to agents and editors without fear.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Fiction for Dummies

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07: EDWARD HIRSCH, “A Poet’s Glossary”

  • 736 Seiten, USA 2014
  • Lyrik: komplexes, aber spannendes und verständliches Register über Techniken und Traditionen.

“A compilation of forms, devices, groups, movements, isms, aesthetics, rhetorical terms, and folklore: Hirsch has delved deeply into the poetic traditions of the world, returning with an inclusive, international compendium. From the bards of ancient Greece to the revolutionaries of Latin America, from small formal elements to large mysteries.” [Klappentext, gekürzt]

A Poet's Glossary

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08: RALPH KEYES, “The Courage to write: How Writers transcend Fear”

  • 240 Seiten, USA 1995
  • vielleicht zu anekdotisch, kuschelig: ein Mutmach-Buch für Autor*innen, denen die Puste ausgeht.
  • Update, 2017: munter, aber eher Plauder-Essay als Ratgeber. Wenig Substanz.

I have to talk myself into bravery with every sentence, sometimes every syllable. – Cynthia Ozick. Anxiety is felt by writers at every level and can be harnessed to produce honest and disciplined work. Including comments of Pat Conroy, Amy Tan, Rita Dove, Isabel Allende, and others on how they transcended their own anxieties.” [Klappentext, gekürzt]

The Courage to Write: How Writers Transcend Fear

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09: TILLIE OLSEN, “Silences”

  • 368 Seiten, USA 1978
  • Literaturwissenschaften: Welche Schwierigkeiten hatten berühmte Autor*innen? Welche Rahmenbedingungen fördern – oder ersticken – literarisches Arbeiten?

Silences single-handedly revolutionized the literary canon. Olsen broke open the study of literature and discovered a lost continent—the writing of women and working-class people. From the excavated testimony of authors’ letters and diaries we learn the many ways the creative spirit, especially in those disadvantaged by gender, class and race, can be silenced. Olsen recounts the torments of Melville, the crushing weight of criticism on Thomas Hardy, the shame that brought Willa Cather to a dead halt, and struggles of Virginia Woolf.” [Klappentext, gekürzt]

Silences

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10: CARLA BERLING, “Vom Kämpfen und vom Schreiben”, überarbeitete Version von 2015 hier (Link)

  • 183 Seiten, Deutschland 2011
  • Tipp aus dem Autorenwelt-Forum: Eine sympathische Mutter (und, zwischenzeitlich: Sozialhilfeempfängerin) hat Probleme mit Verlagen… aber kriegt die Kurve. Einfach – aber spannend.

“Welche Erfahrungen macht eine, die losschreibt, um Schriftstellerin zu werden – mit viel Naivität und großer Leidenschaft. Rückschläge waren vorprogrammiert. Carla Berning berichtet von ihren Erfahrungen auf dem Weg zur Veröffentlichung. Ein Ratgeber, charmant und locker – ohne Ernsthaftigkeit vermissen zu lassen.” [Klappentext, gekürzt]

Vom Kämpfen und vom Schreiben

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11: TERÉZIA MORA, “Nicht sterben”

“Terézia Moras Frankfurter Poetik-Vorlesungen: Als Autorin fühlt sich Mora von jeher in eine Welt von Störungen und Irritationen ausgesetzt, der sie sich erwehren muss, die aber auch zu Antriebskräften ihres Schreibens werden. Indem sie dem existentiellen Ursprung, Bedingungen und Grundlagen ihres Schreibens nachgeht, ist ihr neues Buch auch ein Nachdenken über die autobiographischen Hintergründe ihrer Entwicklung als Autorin.” [(schlechter, viel zu kitschig-umständlich-verquaster) Klappentext, gekürzt]

Nicht sterben

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12: ALEXANDER STEELE, “Writing Fiction”

  • 304 Seiten, USA 2003
  • Grundlagenbuch – ohne besondere Kanten?

“The techniques of the Gotham Writers’ Workshop: Fundamental elements of fiction craft – character, plot, point of view, etc. – explained clearly and completely. Key concepts illustrated with passages from great works of fiction. Exercises. You will be a writer.” [schlimmer Klappentext, gekürzt]

Writing Fiction: The Practical Guide from New York's Acclaimed Creative Writing School

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13: K.M. WEILAND, “Outlining your Novel: Map your Way to Success”

  • 186 Seiten, USA 2011
  • Ich bin ein großer Fan von Outlines und Struktur – aber skeptisch, weil das Buch nur 180 Seiten lang ist.

“Writers often look upon outlines with fear and trembling. But when properly understood, the outline is one of the most powerful weapons in a writer’s arsenal. This book will: Guide you in brainstorming plot ideas. Show you how to structure your scenes. Prevent dead-end ideas. Plus: important tips on plot, structure, and character.” [Klappentext, gekürzt]

Outlining Your Novel: Map Your Way to Success

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14: MARTHA ALDERSON, “The Plot Whisperer: Secrets of Story Structure any Writer can master”

  • 256 Seiten, USA 2011
  • Regelpoetik… Bestseller-Formel… “foolproof blueprint”… dann lass mal hören: Ich bin gespannt!
  • Update, 2017: kompetent, aber zu verplaudert. Ich wünschte, es wäre dichter, präziser, kühler.

“This is the ultimate guide for you to write page-turners that sell! When it comes to writing bestsellers, it’s all about the plot. Trouble is, plot is where most writers fall down. With this book, you’ll learn how to create stories that build suspense, reveal character, and engage readers–one scene at a time. A plotting system that’s as innovative as it is easy to implement. A foolproof blueprint to devise a successful storyline for any genre.” [Klappentext, gekürzt]

The Plot Whisperer: Secrets of Story Structure Any Writer Can Master

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15: STEVEN JAMES, “Story trumps Structure: How to write unforgettable Fiction by Breaking the Rules”

  • 297 Seiten, USA 2013
  • 2002 las ich “Freistil” von Dagmar Benke: ein trockenes, recht flaches Buch über Filme mit ungewöhnlichen Plot-Strukturen. Steven James behandelt das selbe Thema – besser, hoffentlich.

“All too often, following the “rules” of writing can constrict rather than inspire you. You can shed those rules – about three-act structure, rising action, outlining, and more – to craft your most powerful, emotional, and gripping stories. When you focus on what lies at the heart of story – tension, desire, crisis, escalation, struggle, discovery – rather than plot templates and formulas, you’ll begin to break out of the box.” [Klappentext, gekürzt]

Story Trumps Structure: How to Write Unforgettable Fiction by Breaking the Rules

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16: BRIAN McDONALD, “Invisible Ink: A practical Guide to Building Stories that resonate”

  • 170 Seiten, USA 2010
  • ein Hollywood-Hype-Titel mit sehr guten Kritiken: Ich bin neugierig.

“Acclaimed by successful screenwriters and authors, Invisible Ink is a helpful guide to the essential elements of the best storytelling. When people think of a screenplay, they usually think about dialogue-the “visible ink”. But a successful screenplay needs Invisible Ink as well, the craft below the surface of words. You will learn techniques for building a compelling story around a theme.” [Klappentext, gekürzt]

Invisible Ink: A Practical Guide to Building Stories That Resonate

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17: CHRISTOPHER VOGLER, “The Writer’s Journey”

“How have the great works of cinema history used the principles of myth to create stories which are dramatic, entertaining, and psychologically true? Hitchcock to Lucas, Spielberg and Tarantino have used mythic structure to create powerful stories. The book also offers step-by-step guidelines designed to help readers to incorporate effective plot structure and characterization in their own writing. This edition has been updated to include analysis of “Titanic”, “The Lion King”, “Pulp Fiction” and “The Full Monty”.” [Klappentext, gekürzt]

The Writer's Journey

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18: MARTHA ALDERSON: “Writing Deep Scenes: Plotting your Story through Action, Emotion and Theme”

  • 248 Seiten, USA 2015
  • Über Plot wird viel geredet – über einzelne Szenen nicht. Der Titel auf dieser Liste, den ich am dringendsten lesen will:

“This book teaches you how to write strong, layered, and engaging scenes–the secret to memorable, page-turning plots. It’s filled with practical tools for building layers and nuance into your scenes, employing the right scene types at the right junctures, and developing a profound understanding of how plot and scene intertwine. Inside you’ll learn: How scenes are comprised of three key layers: action, emotion, and theme. How to recognize each layer and weave them seamlessly into a scene.How to develop an intricate relationship between the action and emotion in every scene. How thematic imagery embedded in scenes increases a story’s tension and contributes to the story’s meaning. Using contemporary examples from a variety of genres, “Writing Deep Scenes” provides an effective method for plotting at the scene level. Use these techniques and enrich your fiction and memoirs with page-turning suspense and pathos, and explore new depths in every story you write.” [toller Klappentext, kaum gekürzt]

Writing Deep Scenes: Plotting Your Story Through Action, Emotion, and Theme

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19: CHERYL St. JOHN, “Writing with Emotion, Tension and Conflict: Techniques for Crafting an expressive and compelling Novel”

“Emotional impact shouldn’t be dropped into your novel as an afterthought or forced upon your story with a pair of pliers and an iron grip. It should be carefully sewn into the fabric of the story. You’ll learn how to layer emotional moments and create a tapestry filled with conflict, pathos, and genuine feeling. Your ultimate goal is to make readers smile, weep, rage, and laugh right along with your characters.” [Klappentext, gekürzt]

Writing with Emotion, Tension, and Conflict: Techniques for Crafting an Expressive and Compelling Novel

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20: DONALD MAASS, “The Fire in Fiction: Passion, Purpose and Techniques to make your Novel great”

  • 265 Seiten, USA 2009
  • Standardwerk/modernere Alternative zu Robert McKee und Sol Stein.
  • Update, 2017: Fachkundiges Buch – das ich nach 70 abbrach. Denn Maass benutzt SEHR abgedroschene, dümmliche, ideenlose Textbeispiele, und hält sich seitenlang mit ihnen auf. Als würde ein sehr, sehr langweiliger Mensch Szenen aus “Dr. Stefan Frank – der Arzt, dem die Frauen vertrauen” analysieren und immer wieder rufen: “Schaut! Ist DAS nicht clever?” Uff.

“Supercharge your story with originality and spark! Successful literary agent and author Donald Maass shows you techniques for capturing a special time and place, creating characters whose lives matter, nailing multiple-impact plot turns, making the supernatural real, infusing issues into fiction, and more. Story-enriching exercises at the end of every chapter to show you how to apply the practical tools just covered to your own work.” [Klappentext, gekürzt]

The Fire in Fiction: Passion, Purpose and Techniques to Make Your Novel Great

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21: MARY KOLE, “Writing irresistible KidLit: The ultimate Guide to Crafting Fiction for Young Adult and Middle Grade Readers”

  • 240 Seiten, USA 2012
  • sympathisch praktischer Ratgeber für zwei konkrete Zielgruppen

“The YA and MG book markets are healthier and more robust than ever, and that means the competition is fiercer, too. Literary agent Mary Kole teaches you how to tailor your manuscript’s tone, length, and content to your readership, avoid common mistakes and cliches that are prevalent in YA and MG fiction and develop themes and ideas in your novel that will strike emotional chords.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Irresistible KidLit: The Ultimate Guide to Crafting Fiction for Young Adult and Middle Grade Readers

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22: MARY BUCKHAM, DIANA LOVE SNELL, “Break into Fiction: 11 Steps to Building a Story that sells”

  • 233 Seiten, USA 2009
  • Wieder ein Buch, bei dem ich denke “Stünde da ‘500 Seiten’, ich hätte mehr Lust”. All diese Themen – auf 233 Seiten?

“Based on their popular workshops, Mary Buckham and Dianna Love Snell have created a novel-writing system that anyone can follow. Easy-to-understand templates that guide the new writer through building a novel and show more experienced writers how to deepen a plot and take a first draft to the next level. Inspiring authors shall struggle no more with the help of this step-by-step guide!” [Klappentext, gekürzt]

Break Into Fiction: 11 Steps to Building a Story That Sells

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23: FRANCOIS TRUFFAUT, “Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?”

  • 400 Seiten, Frankreich 1966
  • Seit ca. 2000 weiß ich, dass es dieses Buch gibt. Statt es zu kaufen, habe ich immer wieder lange Interviews mit Freunden und Autoren geführt. Es wird Zeit, dass ich endlich reinkucke:

“Humorvoll, klug, verschmitzt, ironisch, keiner Pointe und Anekdote abhold, so präsentierte sich Alfred Hitchcock in den ausführlichen Interviews, die François Truffaut mit ihm führte und in denen er 500 Fragen beantwortete. Entstanden ist daraus das vielleicht aufschlussreichste Filmbuch überhaupt, eine Hommage an Hitchcock und an das Filmemachen.” [Klappentext, ungekürzt]

Mr. Hitchcock, Wie Haben Sie Das Gemacht?

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2005 und 2006, im Rahmen des Studiums, habe ich als Tutor das “Kulturtagebuch”-Projekt geleitet: 14 Studierende schrieben über ihr erstes Semester in Hildesheim.

Graphic Novels des Jahres: 20 Empfehlungen

Stefan Mesch schreibt über Literatur und Comics, u.a. bei ZEIT Online, Deutschlandradio Kultur, der Freitag und im Berliner Tagesspiegel. Mehr hier: Link

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20. Rasputin (USA)

Rasputin (USA)

Autor: Alexander Grecian, Zeichner: Riley Rossmo
Image Comics, Oktober 2014 bis November 2015.
10 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Phil Gelatts „Petrograd“ erzählte 2011 das Mordkomplott gegen Rasputin – als melancholischen Agententhriller. Die monatliche „Rasputin“-Serie von Alex Grecian ist ähnlich atmosphärisch, politisch, blutig-existenziell.

Der Mönch und Wunderheiler, charismatisch und monströs, allein zwischen Zar und Klerus. Volk und Armee. Spionen und Revolution. Detailverliebt. Komplex. Viele Zeit-, Erzählebenen und Wendepunkte, toll inszeniert.

Ich bin nicht sicher, ob die Reihe zu früh endete: Nach fünf Heften verlässt Rasputin – unsterblich, aber gescheitert – den Palast, zusammen mit den Zarenkindern Alexei und Anastasia. Was als historisch-biografische Comic-Spielerei begann, wird zum Jahrhundert-Panorama:

Macht, Mord, Magie vom JFK-Attentat bis in die Gegenwart. Oft langsam. Manchmal träge. Und nach 10 Heften: plötzlich vorbei. Schade!

Ein Fantasy-Psychogramm: eigensinnig, gemütvoll, klug menschlich, überraschend.

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19. Alex + Ada (USA)

Alex + Ada (USA)

Autor: Jonathan Luna, Zeichnerin: Sarah Vaughn
Image Comics, November 2013 bis Juni 2015.
15 Hefte in drei Sammelbänden, abgeschlossen.

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2013, in Spike Jonzes Kinofilm „her“, verliebt sich Theodore – einsamer Hasenfuß und Angestellter – in seine digitale Assistentin, das Betriebssystem Samantha. Ein Trottel, eklig fixiert auf eine körperlose künstliche Intelligenz. Die Satire macht Spaß, bleibt aber sehr didaktisch. Ein Film wie zwei Stunden Ethik-Unterricht für Dreizehnjährige.

Auch „Alex + Ada“ zeigt einen recht unsympathischen Single: Alex’ reiche, verwitwete Großmutter hat Spaß am Leben, seit sie sich einen gehorsamen Sex-Androiden ins Haus holte. Also schenkt sie Alex ein eigenes Modell, Ada. Via illegalem Jailbreak wird aus dem Apparat eine (recht bieder-flache) Persönlichkeit: Pinocchio mit Indie-Fransenpony.

Als Liebesgeschichte: gruseliger Stuss. Als Diskussion um Menschlichkeit und Technik: sympathisch, aber zu einfach, seicht. Als creepy Psychogramm eines Verlierers, der seine Projektionsfläche missbraucht: faszinierend! Die klinisch-faden Zeichnungen passen zu den kalten Figuren. Ist das ein kluger, gut gemachter Comic? Ich zweifle.

Doch er wirft tolle Fragen auf, zu Autonomie, Narzissmus, Konsum, Sehnsucht – und Maschinen, die uns „erkennen“.

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18. Dich hatte ich mir anders vorgestellt… (Frankreich)

Dich hatte ich mir anders vorgestellt... (Frankreich)

Autor und Zeichner: Fabien Toulmé
Deutsch bei Avant, Oktober 2015. Original: Frankreich 2014.
Graphic Novel, 248 Seiten, abgeschlossen.

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Ich liebe Guy Delisles saloppe, autobiografische Graphic Novels: Seit 2000 erzählt er vom Reisen, Älterwerden und seinen Problemen und Versäumnissen als Vater. Fabien Toulmé reiste selbst zehn Jahre um die Welt, heiratete eine Brasilianerin, zog zurück nach Frankreich – und hadert: Denn eine Tochter ist gesund. Die andere hat das Down-Syndrom.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ist der egozentrische, naive, selbstmitleidige und träge Bericht eines Mannes, der wenig über Behinderung weiß: ehrlich und verletzlich – aber an vielen Stellen unbeholfen bis dumm. Im selben Stil schrieb Nobelpreisträger Kenzaburo Oe 1964 in „Eine persönliche Erfahrung“ über Wut, Enttäuschung, Ekel und Hilflosigkeit als Vater eines geistig behinderten Sohnes.

Ich mag, wie angreifbar sich diese Bücher machen, wie unsympathisch und überfordert Toulmé erzählt. Ein Comic für Menschen, die noch kaum etwas über Behinderungen wissen. Die aller-allerersten Schritte – und Fehltritte.

Nicht clever. Nicht „empowernd“. Aber: schlicht, ehrlich, überfordert, lesenswert.

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17. Silk (USA)

Silk (USA)

Autor: Robbie Thompson, Zeichnerin: Stacey Lee
Marvel Comics, seit Februar 2015 (aktuell kurze Pause).
7+ Hefte / bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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Die selbe radioaktive Spinne, die vor 13 Jahren Peter Parker biss, infizierte auch Cindy Moon – eine Grundschülerin. Um sie vor Angriffen des Spider-Man-Gegners Morlun zu schützen, wächst Cindy allein in einem Bunker auf. 2014, im „Spider-Man“-Crossover „Spider-Verse“, wird sie entdeckt, befreit… und versucht, ihr altes Leben aufzunehmen:

Eine forsche junge Frau in New York – Praktikantin beim Daily Bugle und mutige, unerfahren-enthusiastische Nachwuchs-Heldin. Kein „Supergirl“-, kein „Batgirl“-, kein „Teen Titans“-, „Young Avengers“- oder „Spider-Gwen“-Comic aus den letzten Jahren ist so einladend, schlicht, einsteigerfreundlich, sympathisch. Fans der „Supergirl“-Serie? Fans von Batgirl Stephanie Brown? Unbedingt anlesen!

Geradlinig, emotional, selbstbewusst: eine Young-Adult-Heldin fürs breite Publikum.

[„Spider-Verse“ habe ich nicht gelesen. Aber der Crossover-Band „Spider-Woman: Spider-Verse“ ist eine tolle, schwungvolle Einführung ins aktuelle Ensemble rund um Peter Parker und andere Spinnen-Figuren: Ich las „Silk“, weil ich Cindy in „Spider-Woman“ sehr mochte.]

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16. She-Hulk (USA)

She-Hulk (USA)

Autor: Charles Soule, Zeichner: Javier Pulido
Marvel Comics, Februar 2014 bis Februar 2015.
12 Hefte / zwei Sammelbände, abgeschlossen.

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Marvel-Superhelden sind oft vor allem für ihre Abenteuer im Team berühmt: Nur wenige Avengers, fast keiner der X-Men hat eine eigene monatliche Solo-Comicreihe. 2012 erzählte ein schmissiger, eleganter „Hawkeye“-Comic, wie die beiden Bogenschützen Clint Barton und Kate Bishop leben, wenn sie nicht gerade mit den Avengers die Welt retten. Die Reihe wurde zum Überraschungshit – und seitdem gibt es immer wieder neue, oft schrullige Solo-Experimente.

She-Hulk Jennifer Waters ist zu laut, zu forsch, zu grün, zu wild – und fliegt aus ihrer Großkanzlei. Sie eröffnet ein eigenes Büro, trifft in verschiedenen Verhandlungen und Kämpfen auf Daredevil, Captain America, Ant-Man und Doctor Doom. Autor Charles Soule hat selbst als Rechtsanwalt gearbeitet. Eine selbstbewusste, humorvolle, recht erwachsene Serie, nach 12 Heften eingestellt.

Leichte, smarte Unterhaltung – abseits vom Einheitsbrei.

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15. Ms. Marvel (USA)

Ms. Marvel (USA)

Autorin: G. Willow Wilson, Zeichner: Adrian Alphona
Marvel Comics, seit Februar 2014. Deutsch bei Panini.
19+ Hefte und einige Gastauftritte / drei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Believe the Hype! Den ersten Band „Ms. Marvel“ würde ich am liebsten jedem Menschen von 10 bis 15 schenken – oder… bis 45. Ein All-Ages-Comic, charmant, atmosphärisch, optimistisch und rasant wie „Harry Potter“.

Band 2 hatte hanebüchene Konflikte und viel (leeres, dummes) Gerede über die angeblichen Besonderheiten der Generation Y. Und mit Band 3 tauchen immer kompliziertere Marvel-Crossover und -Bezüge auf. Auch der Zeichner wechselt ärgerlich oft: Vielleicht verheddert sich die Reihe gerade.

Vorerst aber: Unbedingt lesen! Kamala Khan, Teenager, Online-Nerd und Muslima, lebt in New Jersey. Ihre Eltern sind aus Pakistan eingewandert und haben Angst, dass sie verwestlicht. Als sie bemerkt, dass sie ihren Körper verformen, schrumpfen, verwandeln kann, hilft sie in Schule und Nachbarschaft. Ein humorvoller Comic, bunter und kindlicher als viele andere Marvel-Titel – geschrieben von einer muslimischen Autorin.

Ein zeitgemäßer, sympathischer Bestseller – aber manchmal zu drollig, harmlos.

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14. Twin Spica (Japan)

Twin Spica (Japan)

Autor und Zeichner: Kou Yaginuma
Media Factory, 2001 bis 2009.
90+ monatliche Kapitel, gesammelt in 16 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Wieder ein „Harry Potter“-Vergleich: Drei Mädchen und zwei Jungs auf einer gefährlichen Elite-Akademie. Talent und Potenzial, tragische Vorgeschichten. Geheimnisse. Verluste:

Asumis Mutter starb 2010 – als die Lion, das erste Space-Shuttle Japans, auf ihre Heimatstadt stürzte. Trotzdem will Asumi Astronautin werden – unterstützt von ihrem depressiven Vater, und dem Geist eines verglühten Lion-Astronauten.

„Twin Spica“ wirkt simpel und süßlich. Die extrem kleine, kindliche Asumi sieht aus wie Heidi, jede Figur hat ein rührseliges Trauma, kurz dachte ich: für Zehnjährige, höchstens – oder Fans vom „kleinen Prinz“.

Doch Leitmotive, Bildsprache, Psychologie und Stimmungen werden so geschickt verwebt… mit jedem Band (ich kenne sechs von 16) wird diese zarte Coming-of-Age-Geschichte trauriger, ernster, klüger, subtiler.

Mut zum Melodrama: das Kitschig-Schönste, das ich seit Jahren las. Hach!

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13. Darth Vader (USA)

Darth Vader (USA)

Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larocca
Marvel Comics, seit Februar 2015.
Deutsch nur kapitelweise als Back-up in Paninis monatlichem “Star Wars”-Heft.
14+ Hefte und einige Crossover („Vader Down“) / zwei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Kieron Gillen nervt: Sein „Young Avengers“-Comic hatte pro Heft 15 selbstverliebte Ideen – aber wenig Lust auf Plot und Timing. Seine Musik- und Jugendkultur-Comicreihen „The Wicked + the Divine“ und „Phonogram“ baden in Geplapper, Posen. Eitlem Gewäsch. Auch im offiziellen „Darth Vader“-Comic will Gillen zeigen, wie crazy originell er immer noch ein, zwei, fünf draufsetzt – auf die verbrauchtesten Ideen:

Darth Vader verbündet sich mit einer sexy Weltraum-Archäologin? Die durch Weltraum-Tempel springt wie Indiana Jones? Ihm helfen zwei Killer-Droiden im selben Look wie R2-D2 und C-3PO? Die ständig Menschen töten wollen, beim Foltern und via Flammenwerfer?

Der größte Marvel-“Star Wars“-Comic macht keinen Spaß. Auch viele Spin-Offs haben Schwierigkeiten [Link: Tipps von mir]. Die beiden besten aktuellen Reihen sind – Überraschung – „Kanan: The Last Padawan“ und Gillens „Darth Vader“. Weil Gillen eine recht einfache Geschichte erzählt. Weiterhin gerne parodiert, zitiert, postmodern spielt. Doch weniger überschnappt als sonst:

„Star Wars“ als Korsett, Gerüst, Hundeleine für einen talentierten, aber überdrehten Autor. Dunkler Humor und viel Suspense zwischen Episode IV und V.

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12. Der Traum von Olympia (Deutschland)

Der Traum von Olympia (Deutschland)

Autor und Zeichner: Reinhard Kleist.
Carlsen Comics, Januar 2015. Schon 2014 seitenweise in der FAZ erschienen.
Graphic Novel, 152 Seiten, abgeschlossen.
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Bei den Olympischen Spielen 2008 lief Samia Yusuf Omar im 200-Meter-Sprint für Somalia: Sie brauchte fast zehn Sekunden länger als die anderen Läuferinnen – doch wurde vom Publikum wie eine Siegerin beklatscht [Video].

Reinhard Kleist schreibt und zeichnet einfache Schwarzweiß-Comics, meist historisch-biografisch. Für die FAZ recherchierte er Omars Geschichte: Ihr Leben in Somalia und Äthopien, ihr Training und der Druck, den islamistische Machthaber auf Frauen im Sport ausüben. Beim Versuch, illegal nach Europa zu fliehen, ertrank Omar Mitte 2012, mit 21 Jahren.

Kleists Comic ist so simpel, linear, verständlich – perfekt als Schullektüre und für Menschen, die Scheu vor Comics haben oder von Bildsprache überfordert sind. Ich hoffe, Kleist – der beliebteste und bekannteste deutsche Graphic-Novel-Künstler – kann mehr und hat noch andere Ambitionen.

Doch besonders 2015, fürs Massenpublikum, kann ich mir kein sinnvolleres Buch vorstellen.

(„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist klüger, komplexer, besser. Aber eben: kein Comic.)

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11. The October Faction (USA)

The October Faction (USA)

Autor: Steve Niles, Zeichner: Damien Worm
IDW Comics, seit Oktober 2014.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Der pseudo-schwarze Humor der „Addams Family“ langweilt mich. Was Tim Burton „unkonventionell“ nennt, ödet mich an. Gothic Horror, Emo-Kitsch, die dunkle Romantik, die meisten Schauer-Comics? Nicht mein Fall. Wozu also eine Humor-/Action-Reihe über eine morbide Familie aus Hexen, Dämonenjägern, Monstern in einer klischeehaften Villa?

„The October Faction“ handelt von schlechten Kompromissen, falschen Entscheidungen, von der Schuld und dem Selbstekel, den selbst die patentesten, integersten Eltern auf sich laden im Lauf der Jahre. Sympathisch verkorkste Teenager, eine brutal-pragmatische Mutter und ein Vater, so doppelbödig/abgründig, dass Leser sagen: „Das ist der beste John-Constantine-Comic seit Jahren.“

Ich bin überrascht, wieviel Herz, Hirn, Schwung und emotionale Tiefe sich eine so eitle und stilisierte Reihe bewahrt: Für Fans von „Supernatural“ und guten Seifenopern.

Keine große Kunst – aber mehr Substanz, als die klamaukigen Zeichnungen vermuten lassen.

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10. Southern Bastards (USA)

Southern Bastards (USA)

Autor: Jason Aaron, Zeichner: Jason Latour
Image Comics, seit April 2014.
14+ Hefte in mindestens 3 Sammelbänden (ich kenne 2), wird fortgesetzt.

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Als Comic hat „Southern Bastards“ große Schwächen. Im ersten Sammelband geht alles schief. In Band 2 ruht die Handlung. Als Literatur dagegen ist die dunkle, drückende Serie über ein Provinznest in Alabama, dessen korrupter alter Football-Coach alle Fäden und Schicksale in der Hand hält, ein Muss.

Jason Aaron, selbst in den Südstaaten geboren, erzählt keine schnelle Geschichte – sondern baut Räume, Atmosphären, fängt ein Milieu in toller Sprache, Jargon, kantigen Dialogen; zeigt Machtverhältnisse und Abhängigkeiten in einer rassistischen, schreiend armen Kulisse, die ich sonst nur aus Cormac-McCarthy– und Daniel-Woodrell-Thrillern kenne… und auf deren Buchrückseite dann immer steht „mit alttestamentarischer Wucht!“

Dick aufgetragen? Nein: klug stilisiert.

Ein Krimi-Western-Hinterwäldler-Korruptions-Noir-Kleinstadtpsychogramm, zynisch, brutal, aber mit sehr genauem Blick, viel Sprachgefühl und, wichtig: Liebe zu den Figuren.

Kein Spannungsbogen. Unsympathische Welt. Aber grandios geschrieben und inszeniert!

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9. Copperhead (USA)

Copperhead (USA)

Autor: Jay Faerber, Zeichner: Scott Godlewski
Image Comics, seit September 2014.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Eine mürrische alleinerziehende Mutter wird Sherriff – in Copperhead, einem gefährlichen Außenposten. Ein Comic wie eine billige 90er-Jahre-Serie: schnelle Fälle und simple Figuren wie in „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“, platte Aliens und Interspezies-Konflikte wie in „Earth 2“, alles im Wildwest-Weltraum-Look von„Marshall Bravestarr“ (1987).

Sherriff Clara Bronson droht, knallt, flucht und flirtet im Saloon. Ihr kleiner Sohn läuft heimlich in die Wüste – und freundet sich mit Ishmael an, einem Killer-Androiden. Die Ureinwohner des Planeten sind Insektenmonster. Und Budroxifinicus, der gutmütige, riesige Hilfssherriff, gehört einer Alien-Rasse an, die erst kürzlich mit der Menschheit Krieg führte.

Viele US-Comics wollen zu viel in zu kurzer Zeit. „Copperhead“ ist sechs Nummern seichter, flacher, geradliniger als Konkurrenz-Reihen wie „Saga“. Aber dafür eben auch: zugänglicher, mitreißender, plausibler. Ein stimmiger, nostalgischer Mainstream-Comic:

Wer vor 20 Jahren simple Serien mochte, wird die schlichten Sammelbände lieben.

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8. Harrow County (USA)

Harrow County (USA)

Autor: Cullen Bunn, Zeichner: Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
8+ Hefte in 2+ Sammelbänden (ich kenne den ersten), wird fortgesetzt.

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Mir sind in Comics tolle Plots, Dialoge, Sprache wichtiger als kunst- und ausdrucksvolle Bilder. Trotzdem machen mich „Narration Boxes“ müde – die Vierecke, in denen schlechte Künstler einen allwissenden Erzähler alles sagen lassen, was sie über Bild und Dialog nicht transportieren können. Je mehr Text in Narration Boxes, desto schlechter ist meist der Comic.

„Harrow County“ habe ich lange übersehen: ein nichtssagendes Cover, zu kindliche Zeichnungen, als dass ich Grusel, Angst empfunden hätte – und der dritte beliebte Hexen-Comic, nachdem mich schon Terry Moores amateurhaftes „Rachel Rising“ und Scott Snyders selbstverliebt-wirres „Wytches“ nicht überzeugten.

Tatsächlich ist „Harrow County“ ein Glücksfall. Wegen der blendend geschriebenen Narration Boxes! Den Zeichnungen, die zur kindlichen, viel zu naiven Hauptfigur passen. Und, weil hier ein klassischer, packender Hexe-gegen-Kleinstadt-Kampf erzählt wird in den 30er Jahren. Mit der – überraschten, nichtsahnenden – Hexe als Heldin.

Einfacher, simmungsvoller Grusel für Leser*innen ab 12. Letzte Woche wurde überdie Verfilmung berichtet.

[Mehr Hexen? Ich freue mich auf „Sabrina“, „Providence“ und „Black Magick“]

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7. Injection (USA, britischer Autor)

Injection (USA, britischer Autor)

Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey und Jordie Bellaire
Image Comics, Mai bis September 2015.
5 Hefte in einem Sammelband, pausiert gerade. Mindestens 5 weitere Hefte ab 13. Januar 2016.

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Auf den Comic-Bestenlisten vieler Männer, die sich für besonders „hart“ und „alternativ“ halten, stehen seit Jahrzehnten drei Namen: Garth Ennis, Mark Millar undWarren Ellis.

Von Ennis kenne ich nur eine zarte Superman-Geschichte aus „Hitman“. Von Millar das fast disneyhaft süße, nostalgische „Starlight“. Ellis mag ich seit seiner kindisch-wüsten Marvel-Parodie „Nextwave“. Aktuell schreibt er auch „Trees“, einen ambitioniert politischen, aber noch arg verzettelten Comic über die Frage, was aus Krieg, Macht, Ego wird, sobald die Menschheit sicher sein könnte, dass es fortschrittlichere Aliens gibt.

Dass in „Injection“ viel geschossen und gestorben, geflucht, gesoffen und geblutet wird, gehört wahrscheinlich zur Marke „Warren Ellis“. Noch mehr aber geht es ums Altern und Beten, Wandern und Meditieren, Hoffen und Resignieren. Fünf Wissenschaftler haben die Welt verändert, mit einer geheimen „Injektion“. Jetzt, Jahre später, zahlt die Welt den Preis – und ein Dana-Scully-Lookalike über 50 humpelt und flucht durch eine mystische Regierungsverschwörung.

Tolle Figuren, verquaste Esoterik: Bisher überzeugen mich Stil, Atmosphäre, Psychologie. Könnte aber schlimmer Märchen- und Pagan-Kitsch sein.

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6. The Fade Out (USA)

The Fade Out (USA)

Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, seit August 2014.
11+ Hefte in 2+ Sammelbänden, ist auf 15 Hefte/3 Sammelbände angelegt.

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Charlie Parish ist Drehbuchautor – heimlich: Er macht den Job, für den sein Alkoholikerkumpel Gil bezahlt wird. Bei einer Party stirbt Hauptdarstellerin Valeria Summers. Charlie verliebt sich in Maya Silver – den jungen Star, der sie ersetzen soll. Während viele Szenen neu gedreht, das Drehbuch ständig ausgebessert wird, versucht er, sich an die Mordnacht zu erinnern.

Ich liebe Ed Brubaker seit „Gotham Central“. Seit 15 Jahren erzählt er immer wieder gefeierte historische Noir-Dramen um Detektive und Killer. „Fatale“ brach ich schnell ab: Was als Krimi begann, wurde zu schnell von trashigen Lovecraft-Tentakelnerwürgt.

„The Fade Out“ bleibt den klassischen Farben, Motiven, Tricks des Krimi-Genres treu: Hollywood 1948. Kaputte Stars, Auf-, Absteiger. Bittere Geheimnisse. Verrat und Sünde. Ein glänzend recherchierter, toll gezeichneter Comic zweier Profis.

Nicht bahnbrechend, ambitioniert – aber stimmig, fesselnd, smart, detailverliebt… und wunderbar traurig.

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5. Jupiter’s Legacy / Jupiter’s Circle (USA, britischer Autor)

Jupiter's Legacy / Jupiter's Circle (USA, britischer Autor)

Autor: Mark Millar, Zeichner: Frank Quietly
Image Comics, seit April 2013.
Zweimal fünf Hefte (jeweils 1 Sammelband) sind geplant, die ersten 5 erschienen bis Anfang 2015. Danach, April bis September 2015, folgten 6 Hefte der Prequel-Serie „Jupiter’s Circle“. Hefte 6 bis 10 sind in Arbeit, haben aber noch kein Veröffentlichungsdatum.

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Wer selten Superheldencomics liest, stolpert bald über ein Gedankenspiel: Was, wenn Superman böse wäre? Oder ihn ein anderer Held, militanter und despotischer, töten und ersetzen könnte?

Superman-Fans – wie mir – stellt sich die Frage selten. Weil seit „Death & Return of Superman“ und „Kingdom Come“ vor über 20 Jahren fast jedes Jahr zwei, drei neue Was-wäre-wenn-Geschichten dazu dazu erscheinen: Die meisten bleiben seichte, pubertäre Dystopien – ohne politischen Biss, Erkenntniswert, Dramatik.

„Jupiter’s Legacy“ handelt von einer Gruppe Abenteurer, die 1932 auf einer verlassenen Insel Superkräfte erhielten. Seitdem behüten und gängeln sie die Menschheit. Als ihre Kinder – viele mit eigenen Kräften – rebellieren und die besonnenen Alten beseitigen, entsteht ein Polizei- und Überwachungsstaat.

Millars Geschichte ist simpel – aber wendungsreich, warmherzig, mit viel Liebe zu Figuren, die sich schnell und überraschend entwickeln. Der größte Gewinn aber sind die Zeichnungen von Frank Quitely: hübsch-hässlich-knittrig-simpel-detailverliebtes Gekrakel. Eine Welt, die an allen Rändern ausfranst, Falten wirft. Auch die Rückblenden in die 50er und 60er Jahre in der Ableger-Serie „Jupiter’s Circle“ machen Spaß.

Verbrauchtes Konzept, fesselnde Umsetzung: der schönste Mainstream-Superhelden-Schwanengesang des Jahres.

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4. Saga (USA)

Saga (USA)

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples
Image Comics, seit März 2012. Deutsch bei Cross Cult.
31+ Hefte in 6+ Sammelbänden, wird fortgesetzt, idealerweise noch mehrere Jahre.

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Brian K. Vaughan ist einer der klügsten Autoren, die ich kenne.

Doch er ist nicht so klug, wie er selbst denkt. Und deshalb sind seine politischen, kritischen, verbissen originellen Comic-Reihen oft nur halb so clever, rebellisch, überraschend, wie sie zu sein glauben (aktuell: der selbstverliebte, recht trashige USA-gegen-Kanada-Kriegscomic „We stand on Guard“).

„Saga“ stieß mich anfangs ab – weil es sich las, als glaube Vaughan wieder, ALLEN alles beweisen zu müssen: eine Space Opera voller Verfolgungsjagden, Verräter, Explosionen. Ein Liebespaar wie aus „Romeo und Julia“, gerade Eltern geworden. Raumschiffe aus Holz, die in Wäldern wachsen. Roboter-Monarchien. Robbenwesen, Spinnenwesen, Geister-Babysitter und ein Zyklop, der Kitschromane schreibt und aussieht wie Ernest Hemingway. Uff.

Unter dem verbissen originellen (aber toll gezeichneten!) postmodernen Mash-Up-Plunder geht es um Krieg und Elternschaft – und Weisheiten über den Kosmos und das Leben, die auch aus einer „Brigitte“-Kolumne stammen könnten.

Dass ich „Saga“ trotz dieser Ticks und Eitelkeiten nach über drei Jahren Mitfiebern und Lesen liebe, bemerkte ich vor drei Monaten: Ich las den offiziellen „Star Wars“-Comic. Und dachte: Was für eine fade, bemühte, abgeschmackte „Saga“-Kopie. [Im Ernst: Link!]

„Saga“ kann Space Opera im 21. Jahrhundert besser.

(…sage ich keine Woche vor der „Star Wars 7“-Premiere. Mal sehen, wer danach führt!)

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3. Sakamichi no Apollon (Japan)

Sakamichi no Apollon (Japan)

Autorin und Zeichnerin: Yuki Kodama
Shogakukan, 2007 bis 2012, keine deutsche Version.
50 monatliche Kapitel, gesammelt in 10 Sammelbänden (der letzte Band: Epilog), abgeschlossen.

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Im August las ich die ersten Seiten von über 150 Mangas – und merkte: Oft brauchen sie viel länger, um Stimmung und Ton zu treffen. Die Eröffnung bleibt meist unbeholfen. Überfrachtet.

Bei „Kids on the Slope“ (englischer Titel der Anime-Adaption) war ich nicht sicher, ob ich in einer schwulen Romanze stecke, einer Pennäler-Komödie im Retro-Look oder mitten im Kampf zweier ungleicher Schüler – ein verzärtelter Nerd, ein bettelarmer Raufbold – um das selbe Mädchen. Alle (männlichen) Figuren spielen in einer Jazzband. Doch Jazz-Exkurse bleiben nebensächlich.

Nein. „Sakamichi no Apollon“ (nur als Fan-Übersetzung online lesbar) ist die Geschichte einer (lebenslangen?) Freundschaft. Die späten 60er Jahre in der japanischen Provinz. Enge Rollenbilder. Armut. Der Mut, von etwas zu träumen. Zu jemandem zu stehen – behutsam inszeniert im simplen Retro-Zeichenstil.

Ein langsames, zärtliches, schlichtes Coming-of-Age – oft witzig und zum Heulen schön. Ohne große Abgründe, Effekte, Pomp.

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2. Lazarus (USA)

Lazarus (USA)

Autor: Greg Rucka, Zeichner: Michael Lark
Image Comics, seit Juli 2013.
21+ Hefte in 4+ Sammelbänden (ich kenne drei), wird fortgesetzt.

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Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor – und „Lazarus“ hat, als vielleicht erste Rucka-Reihe, das Potenzial zum Mainstream-Erfolg. Eine TV-Serie ist in Planung:

Im späten 21. Jahrhundert wird die Welt von familiengeführten Konzernen beherrscht: neofeudale Clans, die ein paar Menschen als Leibeigene benutzen und versorgen (Kategorie „Serv“), den Rest aber in Reservaten und als Kleinbauern sterben lassen (Kategorie „Waste“).

Konflikte zwischen Familien werden in ritualisierten Kämpfen ausgetragen: Jeder Clan hat einen „Lazarus“, ein optimiertes (künstliches?) Wesen, das trainiert wurde, um Duelle auszutragen, Gegner einzuschüchtern und diplomatisch zu verhandeln. Die junge Forever ist Tochter und Lazarus des amerikanischen Carlyle-Clans. Während die Familie von allen Seiten attackiert wird, hinterfragt sie ihre Rolle als Waffe.

Rucka und Lark waren schon in „Gotham Central“ großartig. Eine leidenschaftliche, psychologisch stimmige Dystopie mit unvergesslichen Figuren. Harten Entscheidungen. Endlosen Dilemma. Dilemmas? Dilemmata?

Erwachsener als „Hunger Games“. Packender als „The Walking Dead“.

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1. I am a Hero (Japan)

I am a Hero (Japan)

Autor und Zeichner: Kengo Hanazawa
Shogakukan seit 2009, Deutsch bei Carlsen Comics.
200+ Kapitel in 18+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Die ersten 200 Seiten sind hart: Ein misogyner, phlegmatischer, recht dumpfer Manga-Assistent steckt im Alltag fest – und redet unsympathischen Stuss. Die nächsten 200 Seiten, Band 2, sind wirr: Passanten beißen sich gegenseitig, Zombies überrennen Tokio, alles bricht zusammen. Noch in Band 3 war mir nicht klar, ob ich einen Zombie-Thriller lese, über eine Zombie-Komödie und -Parodie lachen soll oder nur die Fehler einer verpeilten, passiven, selbstmitleidigen Hauptfigur zählen: eine Art „Girls“ oder „Louie“, ein Woody-Allen-Film… mit Zombies?

„I am a Hero“ ist langsam. Oft hässlich, unsympathisch, grotesk. Alle Figuren sind überfordert und distanziert. Nichts gelingt. Man schwimmt bis zu 800 Seiten am Stück mit neurotischen, fremden Menschen in stillen, bedrohlichen, verwirrenden Szenen – in denen jederzeit alles eskalieren kann.

Fotorealistisch gezeichnet. An vielen Stellen zum Schreien spannend. Ein toller Blick auf Alltagskultur, Moral, Ethos, Sexismus, Twenty- und Thirtysomething-Defekte, Versagensängste in Japan. Ein Freund las die ersten Bände und sagte „Ich sehe da nichts als Trash.“

Ich sehe: eine unerträgliche Figur in einer unerträglichen Geschichte – die mich begeistert, überfordert, angeekelt und beglückt hat wie keine andere Erzählung seit Jahren. Vergleichbar vielleicht mit „Geister“ von Lars von Trier. Aber eben: schleppend, langsam, viel richtungsloser.

Ich bin in Band 16. Ein Ende/Finale ist langsam absehbar (noch zwei, drei Jahre?).

Wenn es auf diesem Niveau endet, ist es ein Meisterwerk.

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Der Trailer zur “I am a Hero”-Verfilmung, 2016:

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…zu rasant, zu komödiantisch, zu locker, zu sommerlich:

Der Manga ist stiller und… verzweifelter. Aber die “Soll ich lachen, schreien, weinen?”-Stimmung die selbe. Der Hauptdarsteller passt perfekt.

Die besten Bücher 2016: erste Favoriten und Empfehlungen

best US nonfiction 2016 stefan mesch
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Jeden Winter suche ich Romane / Neuerscheinungen und mache eine erste Liste für die Bücher des Jahres:

Eine erste Auswahl der literarischen Neuerscheinungen, die ich bis Ende des Jahres u.a. für ZEIT Online und Deutschlandradio Kultur (an-)lesen, sichten, sortieren will.

Hier meine Auswahl für 2016. Ergänzungen sind willkommen: Besonders die Vorschauen/Programme kleinerer Verlage 2016 habe ich noch nicht durchgearbeitet.

2015 hat Freundin W. die wichtigsten auf Deutsch erscheinenden Bücher 2015 in einem Ranking bei Goodreads aufgelistet: Link. Die Liste für 2016 ist hier.

Buchtipps und Empfehlungen von mir:  Link 1  |  Link 2  |  Link 3

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vier persönliche Empfehlungen – Bücher 2016, gelesen und gemocht:

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1: GERTRAUD KLEMM, “Muttergehäuse”, österreichische Memoir/literarisch-biografische Textcollage

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MuttergehäuseIch habe “Herzmilch” und “Aberland”, zwei sehr gut besprochene Romane Gertraud Klemms über unzufriedene Frauen/Mütter, angelesen… und mir ein drittes Buch von ihr (erscheint im Februar 2016) im Blog vorgemerkt (Link). Kremayr & Scherlau schickte mir ungefragt ein Leseexemplar. Vielleicht das Beste, was mir die Post 2015 zustellte:

In “Mütter auf Papier” (2010) schrieb Klemm über den boshaften, herablassenden, sexistischen, gehässigen Quatsch, den sich eine Frau mit Mutterwunsch anhören muss, die immer wieder Kinder in der Schwangerschaft verliert. Eine autobiografische Textcollage: Kurzprosa, Fragmente, viel Wut, Intimität, kluger Furor. “Muttergehäuse” ist die überarbeitete Version dieses “Mütter auf Papier”-Berichts – ein kurzes, luzid formuliertes, wunderbar konkretes Buch über Frustrationen, schlechte Freunde, Angst, Druck… und Auswege.

Ich bin jetzt Klemm-Fan: feministisch, literarisch, spitz, ehrlich, reflektiert.

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2: SACHA BATTHYANY: “Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie”

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Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie.Ich habe den Titel Ende Februar bei Deutschlandradio Kultur empfohlen [Audio und Text]: “Kurz vor Kriegsende feierte Gräfin Margit von Batthyány-Thyssen im Burgenland ein Fest mit der örtlichen Waffen-SS. In derselben Nacht wurden 180 jüdische Zwangsarbeiter erschossen. “Und was hat das mit mir zu tun?” fragt Sacha Batthyany, Schweizer Journalist und Enkel von Margits Schwester, in einem 250 Seiten langen, sehr persönlichen Report:

Er reist ins Burgenland, nach Südamerika und Russland, zitiert ausgiebig aus Tagebüchern, befragt Verwandte, beginnt eine Psychoanalyse. Erschoss Tante Margit, verstorben 1989, jüdische Zwangsarbeiter? Oder teilte sie bloß die Gewehre aus? Fallen solche Abstufungen ins Gewicht? Für wen: für die Nachkommen und ihre Familien? Für die Opfer? Für uns alle?”

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3: KEI SANBE, “Die Stadt, in der es mich nicht gibt”

[Manga-Reihe, bisher 7 Bände, Deutsch bei Tokyopop]

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Die Stadt, in der es mich nicht gibt #1 (Die Stadt, in der es mich nicht gibt, #1)…ebenfalls bei Deutschlandradio Kultur empfohlen:

“Jedes Mal, wenn der Alltag katastrophal entgleist, wird Satoru ein paar Minuten in die Vergangenheit versetzt: Die Szene wiederholt sich dann so oft, bis er das jeweilige Unglück verhindern kann. In seiner Kindheit wurden Klassenkameraden ermordet, und alle bemühten sich, den Kidnapper zu vergessen. Plötzlich ist Satoru zurück im Jahr 1988, elf Jahre alt. Er will die Kinder retten. Mit allen Mitteln. Ein Thriller, täuschend simpel gezeichnet, mit wunderbar komplizierten, schlagfertigen, witzigen Figuren und existenziellen Fragen: Rätseln, Fiebern, Lachen, Indizien suchen… keine Seite dieser Bände vergeht, ohne dass Herz und Hirn auf fünf verschiedene Arten gefordert sind.” [mehr aktuelle Manga-Empfehlungen hier, Link]

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4: ISABEL BOGDAN, “Der Pfau”

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Der Pfau256 Seiten, Kiepenheuer & Witsch:

Eine – sehr ruhige – Komödie über eine Gruppe britischer Banker und ihre schnippische Chefin, die während einem Teambuilding-Workshop in einem schottischen Herrenhaus eingeschneit werden. Draußen läuft ein Pfau umher, der auf alles pickt, das blau-metallisch glänzt. Eine Satire – aber nicht grell, laut, überdreht. Ein Zwischendurch-Buch – aber ohne Kitsch. Die Figuren sind nicht allzu tief – doch ich nehme Bogdan das britische Setting ab (gute Arbeit!). Es gibt viele Passagen, die mir zu erklärend oder redudant sind: ein Middlebrow-Unterhaltungsroman, der an keiner Stelle weh tut und der vielleicht 20 Seiten kürzer sein könnte.

Aber: Das hier hat so viel Geist, Schmiss, Charme, eine so entspannte, angenehme Grundhaltung… Ich war für fünf, sechs Stunden gern mit diesen Leuten auf diesem Landsitz. Leicht – aber klug, und gut. Empfehlung!

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Übersetzungen, angelesen und gemocht:

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01: BJARTE BREITEIG, “Meine fünf Jahre als Vater”

  • Hat Familienvater Martin die Tochter einer alten Jugendliebe missbraucht?
  • Literarischer Thriller, Norwegen 2014.
  • Luftschacht, 320 Seiten, 1. Januar 2016. Goodreads: 3.82 von 5

Mine fem år som far

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02: JIM SHEPARD, “Aron und der König der Kinder” / “The Book of Aron”

The Book of Aron

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03: CASTLE FREEMAN, “Männer mit Erfahrung” / “Go with me”

  • 2008 gelesen und gemocht: sehr simpel, etwas dümmlich/schlicht gestrickt…
  • …aber rasant, düster, unterhaltsam.
  • junge Frau in einem Sägewerkstädtchen in den Bergen wird bedroht… und wehrt sich, mit allen Mitteln
  • Hillbilly-Noir-Thrillerkomödie, USA 2008.
  • Nagel & Kimche, 176 Seiten, 22. Februar 2016. Goodreads: 3.38 von 5

Go With Me

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04: TA-NEHISI COATES, “Zwischen mir und der Welt” / “Between the World and me”

  • politischer, aber persönlicher Essay über Rassismus, Polizeigewalt, schwarze Identity Politics in den USA
  • ich habe das Original angelesen und fand es schwülstig und schleppend (besonders im Vergleich zum 60 Jahre alten Essay von James Baldwin, “The Fire Next Time”
  • …aber die Kritiken sind überragend, und ich bin gespannt, ob die deutsche Übersetzung für mich besser funktioniert.
  • Hanser Berlin, 240 Seiten, 1. Februar 2016. Goodreads: 4.42 von 5

Between the World and Me

 

05: Update: gelesen – ich fand es recht oberflächlich, verdruckst, zu seicht. kurze Schmunzel-Texte, die ich nicht empfehlen kann.

ETGAR KERET, “Die sieben guten Jahre: Mein Leben als Vater und Sohn” / “The Seven Good Years”

  • Memoir: Israelischer Autor über 7 Jahre seines Lebens:
  • die Zeit zwischen der Geburt seines Sohnes – und dem Tod seines Vaters.
  • S. Fischer, 224 Seiten, 25. Februar 2016. Goodreads: 4.21 von 5

The Seven Good Years

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06: JAKOB EJERSBO, “Liberty”

  • Die 80er Jahre: Ein dänischer Schüler zieht mit seinen Eltern nach Tansania und findet einen schwarzen besten Freund.
  • Band 3 einer Afrika-Trilogie, aber für sich allein lesbar.
  • Dänemark 2009, Taschenbuch-Neuauflage bei btb, 864 Seiten, 8. März 2016. Goodreads: 4.30 von 5

Liberty: Roman (German Edition)

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07: OWEN SHEARS, “I saw a Man”

  • junger Witwer zieht zu befreundetem Ehepaar nach London…
  • …und stolpert in ein häusliches Drama. Literarischer Thriller.
  • UK 2014, dva, 304 Seiten, 8. März 2016. Goodreads: 3.65 von 5

I Saw a Man

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08: PATTI SMITH, “M Train: Erinnerungen”

M Train

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09: E.M. FORSTER, “Die Maschine steht still” / “The Machine stops”

  • Novelle: klassische Science-Fiction-Parabel über eine Welt, in der allen Bürgern fast alles via Knopfdruck geliefert wird. Für immer?
  • UK 1909, Hoffmann und Campe, 96 Seiten, 10. März 2015. Goodreads: 4.01 von 5

The Machine Stops

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10: STEWART O’NAN, “Westlich des Sunset” / “West of Sunset”

  • Stewart O’Nan ist mein US-Lieblingsschriftsteller (Gegenwart). Empfehlungen: “Die Chance”, “Das Glück der anderen”, “Abschied von Chautauqua”, “Der Zirkusbrand”
  • längerer Text von mir über die Stärken von O’Nan: Literaturkritik.de
  • “West of Sunset” erzählt die letzten drei Jahre im Leben von F. Scott Fitzgerald
  • kein gutes Gefühl: betulich, Historienkitsch, overwritten.
  • ich lese das auf jeden Fall – aber ich erwarte von O’Nan mehr/Besseres.
  • USA 2015, Rowohlt, 448 Seiten, 26. März 2015. Goodreads: 3.56 von 5

West of Sunset

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11: ALEXANDER MAKSIK, “Die Gestrandete” / “A Marker to measure Drift”

  • 23jährige traumatisierte Afrikanerin auf einer griechischen Insel: Sie braucht lange, um sich einer Griechin anzuvertrauen und von den Umständen ihrer Flucht und ihres Lebens zu erzählen.
  • ich mochte Maksiks (autobiografisches, umstrittenes, recht simples) Debüt sehr, “You deserve nothing”/”Seinodernichtsein”, fand aber bei “Die Gestrandete” Sprache/Stil zu simpel, um dem Thema gerecht zu werden. Ich lese nochmal länger und gründlicher, bald.
  • USA 2013, Droemer, 288 Seiten, 1. April 2015. Goodreads: 3.76 von 5

A Marker to Measure Drift

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12: ANTHONY MARRA, “Letztes Lied einer vergangenen Welt. Stories.” / “The Tsar of Love and Techno”

  • junger US-Autor und Russland-/Tschetschenien-Experte erzählt Kurzgeschichten, oft historisch.
  • USA 2015, Suhrkamp, 380 Seiten, 11. April 2016. Goodreads: 4.44 von 5

The Tsar of Love and Techno

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13: KERRY HOWLEY, “Geworfen” / “Thrown”

  • Reportage/literarisches Essay, USA 2014:
  • junge Philosophin beobachtet MMA-Kämpfe (Mixed Martial Arts)
  • Ullstein, 380 Seiten, 11. April 2016. Goodreads: 3.82 von 5

Thrown

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14: NICHOLAS CHRISTOPHER, “Eine Reise zu den Sternen” / “A Trip to the Stars”

  • märchenhafter Bildungs- und Familienroman über einen Jungen, der ab 1965 bei einem mysteriösen Millionär aufwächst.
  • Neuauflage als Taschenbuch, USA 2000, dtv, 672 Seiten, 22. April 2016. Goodreads: 4.30 von 5

A Trip to the Stars

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15: KURT VONNEGUT: “Schlachthof 5” / “Slaughterhouse-Five”

  • ich habe die alte deutsche Übersetzung angelesen – ohne Gewinn.
  • ich mag, schätze Gregor Hens (Link, Text von mir), den Übersetzer dieser Neuauflage.
  • Science-Fiction- und Hipster-Klassiker von 1969:
  • junger Amerikaner wird von Aliens entführt und erlebt sein ganzes Leben gleichzeitig, u.a. die Bombardierung Dresdens
  • Neuübersetzung bei Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 14. Mai 2016. Goodreads: 4.03 von 5

Slaughterhouse-Five

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16: MIRIAM TOEWS, “Das gläserne Klavier” / “All my puny Sorrows”

  • Unterhaltungsroman: Erfolgreiche Pianistin will sich umbringen – und ihre überforderte, chaotische Schwester versucht, ihr beizustehen.
  • Ich mag Miriam Toews’ (einfachen, launigen) Coming-of-Age-Roman “A complicated Kindness”, und ich liebe “Swing Low”, ein Buch über den Selbstmord ihres Vaters. Alle Romane aber sind oft zu drollig, kitschig, zu “Little Miss Sunshine”, nicht HALB so verrückt und unkonventionell, wie Toews glaubt.
  • Kanada 2014, Berlin Verlag, 368 Seiten, 2. Mai 2016. Goodreads: 3.95 von 5

All My Puny Sorrows

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17: ROBIN BLACK, “Portrait einer Ehe” / “Life Drawing”

  • Ein junges Ehepaar zieht von der Stadt aufs Land. Eine junge Nachbarin sucht Kontakt. Kurz darauf ist der Mann tot:
  • mir schien es überkanditelt, prätenziös… aber ich lese nochmal länger.
  • USA 2014, Luchterhand, 320 Seiten, 24. Mai 2016. Goodreads: 3.67 von 5

Life Drawing

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18: PATRICK DeWITT, “Der Diener, die Dame, das Dorf und die Diebe” / “Undermajordomo Minor”

  • Kanada, 2015: DeWitt schrieb eine überspannte, eitle, gewollt schrullige Western-Parodie, “The Sisters Brothers”, die mich nicht überzeugte.
  • Der neue Roman ist ähnlich grell und verspielt, aber handelt von einem einfachen Dorfjungen, der als Kammerdiener in eine Verschwörung auf einem Schloss verwickelt wird.
  • Wenn die Übersetzung gut ist (Ü: Jörn Ingwersen), kann das toll werden.
  • Goldmann Manhattan, 352 Seiten, 13. Juni 2016. Goodreads: 3.78 von 5

Undermajordomo Minor

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19: CHINUA ACHEBE, “Einer von uns” / “A Man of the People”

  • ein Staat in Afrika: junger Mann trifft auf einen korrupten Minister – und gerät in die Mühlen eines Staatsstreichs
  • Nigeria 1966, zum ersten Mal auf Deutsch (Ü: Uda Strätling)
  • S. Fischer, 224 Seiten, 25. August 2016. Goodreads: 3.85 von 5

A Man of the People

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neue deutsche / deutschsprachige Titel:

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romane 2016 001

  • Sarah Kuttner: “180 Grad Meer”, Familienroman: junge Sängerin reist nach England, um ihren sterbenden Vater zu pflegen. (S. Fischer, 272 Seiten, 31. Dezember 2015.)
  • Dietmar Dath: “Leider bin ich tot”: “Ein deutscher Filmregisseur flieht vor einer anstrengenden Liebe. Seine Schwester wird vom Staat verdächtigt, als radikale Islamistin einen Anschlag zu planen. Sein bester Freund aus Kindertagen kämpft als Pfarrer mit dem Teufel. Und eine Frau, die alle drei kennt, aber mehr ist als ein Mensch, öffnet die Tür zum Schlimmsten, was Menschen sich vorstellen können.” (Suhrkamp, 463 Seiten, 10. Januar 2016)
  • Markus Flohr: “Alte Sachen”, Enkelin von Nazis (?) lernt in Berlin einen jungen israelischen Änderungsschneider kennen, dessen Familie enteignet wurde. (Rowohlt, 370 Seiten, 22. Januar 2016.)
  • Norbert Gstrein: “In der freien Welt”, ein amerikanischer Jude wird in San Francisco erstochen. Hugo, ein Freund aus Österreich, reist nach Kalifornien und Israel, um die Hintergründe zu erfahren. (Hanser, 496 Seiten, 1. Februar 2016)

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romane 2016 002

  • Michael Köhlmeier: “Das Mädchen mit dem Fingerhut”, kurzes und, fürchte ich, kitschig-märchenhaftes Buch über Waisenkinder “ohne Herkunft”, allein in einer europäischen Stadt. (Hanser, 144 Seiten, 1. Februar 2016.)
  • Katharina Winkler: “Blauschmuck”, “Statt Jeans trägt Filiz jetzt Burka” und wird von ihrem kurdischen Mann misshandelt, “beruht zur Gänze auf wahren Begebenheiten”. Hm. (Suhrkamp, 196 Seiten, 8. Februar 2016.)
  • Isabel Bogdan: “Der Pfau”, britisch-absurde Satire über Banker, die bei einem Teambuilding-Weekend auf dem Landsitz eines exzentrischen Schotten festsitzen. (Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 18. Februar 2016.)

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romane 2016 003

  • Karen Duve: “Macht”, Hamburg im Jahr 2030: Ein alter Mann hat seine Frau, Ex-Umweltministerin, im Keller angekettet. Doch die alles unterdrückenden Staatsfeministinnen sind ihm auf der Spur. Klingt wie eine zu dick aufgetragene, dumme Satire fürs “Unterwerfung”s-Publikum. (Galiani, 416 Seiten, 18. Februar 2016.)
  • Shida Bazyar: “Nachts ist es leise in Teheran”, Eine iranische Familie flieht nach Deutschland: Roman aus den Jahren 1979, 1989, 1999 und 2009. Shida Bazyar hat in Hildesheim studiert – aber wir haben uns nie gesprochen oder gesehen. (Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 18. Februar 2016.)
  • Johanna Adorján: “Geteiltes Vergnügen”, Frau trifft geheimnisvolles… Arschloch? ” Spielt er ein Spiel? Ist seine Unverbindlichkeit eine Art, Macht über sie zu erlangen? Oder bietet er ihr eine Liebe, die freier ist und ehrlicher?” (Hanser, 208 Seiten, 22. Februar 2016.)

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romane 2016 004

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romane 2016 005

  • Antonia Baum: “Tony Soprano stirbt nicht”, Memoir/Bericht über Sterblichkeit. Der Klappentext spricht mich sehr an: ‘In Antonia Baums letzten Roman dreht sich alles um drei Kinder, die ständig um das Leben ihres risikoverliebten Vaters fürchten. Nur wenige Wochen vor Erscheinen des Buchs verunglückte ihr Vater schwer. Wie es sich anfühlt, wenn aus Fiktion plötzlich Realität wird, und was in einem vorgeht, wenn plötzlich alles stillsteht, die Welt aber weitermacht, davon erzählt Antonia Baum hier.’ (Hoffmann und Campe, 144 Seiten, 27. Februar 2016.)
  • Thea Dorn: “Die Unglückseligen”, Faust trifft Bioethik: Molekularbiologin, die Zellen unsterblich machen will, lernt einen Mann kennen, der behauptet, er sei der Physiker Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776. (Knaus, 540 Seiten, 29. Februar 2016.)

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romane 2016 006

  • Birgit Vanderbeke: “Ich freue mich, dass ich geboren bin”, gestrandet in der BRD/Westdeutschland (60er Jahre) findet ein unglückliches Mädchen (aus der DDR?) eine imaginäre Freundin: sich selbst, als Erwachsene. (Piper, 224 Seiten, 1. März 2016.)
  • Anna Katharina Hahn: “Das Kleid meiner Mutter”, junge Spanierin ohne Perspektive merkt, dass alle Menschen sie für ihre plötzlich verstorbene Mutter halten – sobald sie eines ihrer Kleider trägt. (Suhrkamp, 312 Seiten, 7. März 2016.)

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romane 2016 008

  • Benjamin von Stuckrad-Barre: “Panikherz”, Ist BvSB schon wieder abgestürzt… und erzählt – schon wieder – vom Zurückfinden, von Udo Lindenberg, vom großen Comeback? Ist das immer der selbe Zusammenbruch? Oder passiert ihm einfach alle fünf Jahre alles wieder von vorne? (Kiepenheuer & Witsch, 504 Seiten, 10. März 2016.)
  • Senthuran Varatharajah: “Vor der Zunahme der Zeichen”, Berliner Doktorand und Marburger Kunstgeschichte-Studentin, beide als Kind nach Deutschland geflohen, chatten sieben Tage lang auf Facebook – Roman, kein Journalismus-Projekt. (S. Fischer, 256 Seiten, 10. März 2016.)
  • Michael Schneider: “Ein zweites Leben”, verwitweter und plötzlich arbeitsloser Professor verliebt sich in eine Tanztherapeutin. Könnte schlimm bieder, altmännerhaft, martinmosebachesk sein. Unsympathischer Klappentext. (Kiepenheuer & Witsch, 600 Seiten, 10. März 2016.)

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romane 2016 009

  • Nils-Momme Stockmann: “Der Fuchs”, magischer Realismus/Science Fiction… oder doch nur etwas wie “Heavenly Creatures”? Provinzjunge stellt sich Zeitreisende vor. Später wird sein norddeutsches Dorf, Thule, von einer Flut ausgelöscht. (Rowohlt, 640 Seiten, 11. März 2016.)
  • Stephan Reich: “Wenn’s brennt”, sechs Wochen noch, dann muss Erik eine Ausbildung bei der Post machen, Finn nach Hamburg ziehen: Die beiden Freunde in der Provinz… denken über Selbstmord nach? (dva, 240 Seiten, 14. März 2016.)
  • Ronja von Rönne: “Wir kommen”, “Eine polyamouröse Clique, eine Schildkröte und ein schweigendes Kind fliehen aus der Stadt in ein Haus an der Küste. Denn jemand ist gestorben. […] Sex und Gewalt reichen bald nicht mehr aus, um sich lebendig zu fühlen. Anna, Leonie, Karl und Luke beschließen, mit polemischem Ingrimm, die Grausamkeiten zuzuspitzen. Sie veranstalten ein Fest.” Hm. (Aufbau, 208 Seiten, 14. März 2016.)
  • Charles Lewinsky: “Andersen”, Mann, der mehrmals wiedergeboren wird, will irrwitzige Pläne bereits als junges Kind umsetzen (…oder, ich habe den Klappentext falsch verstanden. Nagel & Kimche, 400 Seiten, 14. März 2016.)

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romane 2016 010

  • Maxim Biller: “Biografie”, keine Biografie. Der Klappentext klingt ekelhaft selbstverliebt/großsprecherisch. “Maxim Biller hat den jüdischsten, amerikanischsten, komischsten Roman der deutschen Gegenwart geschrieben. Dies ist die verrückte Geschichte von Soli und Noah, beste Freunde und fast Brüder seit ihrer Bar-Mizwa in der Hamburger Synagoge im Jahr 1976, verbunden durch ihre Herkunft, ihren Humor und ihre bizarren sexuellen Fantasien – und gemeinsam verstrickt in eine groteske Erpressungs- und Entführungsstory globalen Ausmaßes.” (Kiepenheuer & Witsch, 896 Seiten, 8. April 2016.)
  • Hans-Ulrich Treichel: “Tagesanbruch”, Nachkriegsdeutschland: Als ihr erwachsener Sohn stirbt, findet eine Mutter zu sich selbst. (Suhrkamp, 120 Seiten, 8. Mai 2016.)
  • Saša Stanišić: “Fallensteller”, Roman über “Streit und Krieg, Trug und Betrug, Ganoven und Liebende, Geflüchtete und Gealterte, Unternehmensberater und Hirten im Hochgebirge.” (Luchterhand, 288 Seiten, 9. Mai 2016.)
  • Tilman Rammstedt: “Morgen mehr”, Mann, gestrandet im Jahr 1972, wünscht sich, dass seine Zukunft endlich kommt und will zusammen mit anderen Ungeduldigen, eine Weltzeituhr vor-stellen. (Hanser, 160 Seiten, 9. Mai 2016… mehr zu Konzept und Entstehungsgeschichte hier)

[…Debüts 2016 auch bei ‘Das Debüt’:  01-2016  | 02-2016]

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vielversprechende Übersetzungen – neu auf Deutsch:

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  • Alexander Ilitschewski, “Der Perser” (“Pers”): Russischer Geologe, in die USA ausgewandert, trifft auf einer Dienstreise in den Irak einen persischen Vogelzüchter. (Suhrkamp, 750 Seiten, 10. Januar 2016. Russland 2009.)
  • Dzevad Karahasan, “Der Trost des Nachthimmels”: Historienroman [mit Krimi-Elementen, wie “Der Name der Rose”?] über den Untergang des Seldschuken-Reiches. (Suhrkamp, 724 Seiten, 8. Februar 2016. Bosnischer Autor.)

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  • Szczepan Twardoch, “Drach”: Eine schlesische Familie, ein Jahrhundert, zwei Soldat Josef im ersten Weltkrieg und sein Urenkel, Architekt Nikodem, im modernen Polen. (Rowohlt, 400 Seiten, 11. März 2016. Polen 2014. Goodreads: 4.16 von 5)
  • Sarit Yishai-Levi, “Die Schönheitskönigin von Jerusalem”: Kitsch-Cover, Kitsch-Klappentext. “Während das Delikatessengeschäft Rafael Ermoza & Söhne im Jerusalemer Machane-Jehuda-Markt floriert, scheint auf den Frauen der Familie ein Fluch zu lasten, der ihnen das Glück in der Liebe verwehrt und sie verbittern lässt. Meisterlich verwebt Sarit Yishai-Levi das Schicksal vierer Generationen der sephardischen Familie mit den bewegtesten Jahrzehnten israelischer Geschichte.” Hm. (Aufbau, 576 Seiten, 14. März 2016. Israel 2013. Goodreads: 4.12 von 5)

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verwandte Links:

Empfehlungen & Lieblingsbücher: Buchtipps bis Weihnachten

adventskalender 2015.

Kurze Buchtipps auf Twitter, als Adventskalender:

Bis Weihnachten wollte ich 24 Bücher empfehlen – Romane, Sach- und Jugendbücher, Comics. Fast alles auf Deutsch erhältlich, oft auch in billigen Second-Hand-Ausgaben.

Beim Auflisten meiner Favoriten merkte ich: Ich habe fast 40 Bücher in der Vorauswahl.

Deshalb begann mein Buchtipp-“Adventskalender” auf Twitter schon im November.

Und deshalb sind schon heute elf erste Titel zusammen, die ich hier bloggen kann. Alle weiteren dann bis Weihnachten auf meinem Twitter-Account, @smeschmesch, einmal pro Tag, meist zwischen 10 und 12 Uhr vormittags.

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twitter klüger

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überraschend hart, klar, kantig:
Eine Kindheit unter den Nazis in Wien.
Erwachsenwerden im KZ.
Ein neues Leben in Amerika.

Klügers Erinnerungen sind wütender, kraftvoller, privater und komplexer als alle Holocaust-Berichte, die ich sonst kenne. Ein Jahrhundertbuch: sperrig, störrisch, unvergesslich.

„weiter leben“, Ruth Klüger


 

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twitter wiesenhaus

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Dorf, Kindheit, 60er Jahre:
Ein sanfter, kluger, stiller Roman.
Nostalgisch, etwas altmodisch, entspannt.
Literatur über einfache Familien.

Thomas Bernhard? Nein – wärmer, melancholischer. Gediegen. Ein zugänglicher, konventioneller und liebenswerter Text über das Rheinland und die alte BRD. Ein Buch für Väter, Großväter.

„Das Wiesenhaus“, Christoph Schmitz
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twitter algernon

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meine Entdeckung 2015:
Schullektüre/Sci-Fi-Klassiker in den USA.
Warmherzig, überrraschend komplex.
Statt simpler Antworten: toll kluge Fragen!

Ein geistig behinderter Mann lässt sich operieren – und wird klüger, aber kritischer, zerquälter, härter, arroganter. Ich kannte den Plot. Das literarische Niveau aber hat mich überrascht. Unbedingt lesen!

„Flowers for Algernon“, Daniel Keyes

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twitter lazarus.

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für ‘Hunger Games’-Fans:
Politischer, dystopischer Comic, bisher 4 Bände.
Tolle Heldin/Hauptfigur, toll alptraumhafte Welt.
Mein Lieblings-Comicautor: Greg Rucka!

Konzerne statt Regierungen: Für ihre „Familie“ muss eine junge, gehorsame Frau Gegner töten, Duelle gewinnen, politisch verhandeln. Kalter Look – aber warmherzig, psychologisch, packend.

„Lazarus“, Greg Rucka

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twitter tornius.

vergessener Künstlerroman von 1934:
Die Lebensgeschichte Rembrandts.
Altmodische Sprache, aber moderner Blick.
Literarische Biografie auf hohem Niveau.

Der deutsche Autor/Kunsthistoriker Tornius erzählt Rembrandts Leben nach – eindringlich, bildstark, mit viel Politik- und Geistesgeschichte, Lokalkolorit. Nur antiquarisch erhältlich. Ein Kleinod!

„Zwischen Hell und Dunkel“, Valerian Tornius
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twitter deutsch ist es

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schwarze, kluge Satire über RAF & BRD:
Autor: Amerikaner (merkt man nicht).
Stil: Christian Kracht, Leif Randt, Frank Witzel.
Verlag: Suhrkamp – aber vergriffen.

Zwei Brüder (Künstler vs. Lokalpolitiker) in den eitlen, satten, biederen 70er Jahren – und eine Terrorgruppe in der Provinz: Absurd, wie gut dieser US-Autor deutsche Neurosen packt & überspitzt.

„Wie Deutsch ist es“, Walter Abish

 


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twitter updike

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Best Age im Rentnerparadies der 80er: Florida!
Großer Gesellschaftsroman/Klassiker.
So chauvi, bräsig, geschwätzig wie Held „Rabbit“.
Band 4 – aber keine Vorkenntnisse nötig.

Reicher, egozentrischer Autohändler im Ruhestand, zusammen mit der Familie: Rabbit mit 50+, 1989 – das ist wie reiche deutsche Golfer, 2015. Viel Herz, viel Biss, viel Wut, viel Pathos. Großer Wurf!

„Rabbit in Ruhe“, John Updike

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twitter marseille

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junger, simpler, packender deutscher Roman, 2005.
Sohn hilft Mutter mit tödlicher Krankheit:
ALS (…siehe: Ice Bucket Challenge)
Nüchtern, kurz, traurig, leicht zu lesen.

Ein schlichtes Buch über einen erwachsenen Sohn, seine sterbende Mutter und eine letzte Reise nach Marseille: Björn Kerns andere Romane sind 08/15. Diesen verschenke ich seit fast 10 Jahren. Groß!

„Einmal noch Marseille“, Björn Kern
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twitter winnemuth

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12 Monate in 12 Städten:
Reiseführer, Memoir, Wohlfühlbuch.
Mit 500.000 €, gewonnen bei Günther Jauch,
bricht Hamburger Journalistin auf.

Zwei, drei Kapitel lang dachte ich: „Aufgesetzt. Selbstverwirklichungs-Kitsch für ältere Damen.“ Doch Winnemuth ist so hungrig, ehrlich, neugierig, direkt… ein Buch übers Losleben, klug & profund!

„Das große Los“, Meike Winnemuth
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twitter levithan

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Jugendbuch… und große Literatur:
Fünf junge Paare, Freunde. Fünf Perspektiven.
Alltag, Abgründe.
Tod und Glück.

Leicht lesbar, aber mit Anspruch, Tiefgang, Stil. Levithan zeigt ein Wochenende in der US-Provinz: Fünf Wendepunkte im Leben schwuler, queerer, transsexueller Schüler. Optimistisch & relevant!

„Two Boys Kissing“, David Levithan
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twitter draper

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für 10-, 12-, 14jährige, vielleicht auch Schullektüre:
entspanntes, kitschfreies Jugendbuch
über eine 11jährige, so stark gelähmt,
dass sie sich kaum verständigen kann.

Ich-Erzählerin Melody ist schwerstbehindert und erzählt aus ihrem Alltag: eine überforderte, aber liebevolle Familie, gehetzte Lehrer, Therapeuten. Statt Selbstmitleid: Esprit, Charme, Witz und Mut.

„Mit Worten kann ich fliegen“, Sharon Draper

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Alle weiteren Bücher und Empfehlungen: bei Twitter, @smeschmesch

…und nach Weihnachten auch nochmal gesammelt hier im Blog.