Stefan Mesch: Übersetzer [Interview zu Amy Hempels “Was uns treibt”, mit Stefanie Jaksch, Buchkontor Wien]

Amy Hempel stefan mesch übersetzung

neu bei luxbooks: “Was uns treibt” von Amy Hempel, Übersetzung: Stefan Mesch

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  • seit ein paar Jahren bin ich freier Übersetzer (Deutsch-Englisch und umgekehrt)
  • 2015 neu: Kurzgeschichten in meiner Übersetzung, für Luxbooks.

Im Buchkontor Wien stellt Stefanie Jaksch im “Lesezirkel” seit März nordamerikanische Kurzgeschichten vor: am 19. Mai 2015 Amy Hempels „Was uns treibt“ (übersetzt von mir) und “Die Ernte” (übersetzt von Jakob Jung).

Im Interview fragt Stefanie Jaksch nach Anspruch und Fallen, Chancen und Problemen beim literarischen Übersetzen:

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Stefanie Jaksch: Fangen wir klein an. Wer bist du? Woher kommst du? Warum machst du, was du machst? Und die wichtigste Frage: Woher weißt du, dass du es kannst? (Oi, doch gar keine so kleine Frage!)

Stefan Mesch: Mit 12 wollte ich Film- oder Videospielkritiker werden, mit 15 TV-Serien schreiben, mit 19 doch lieber Romane und Artikel. Ich bin 32. Ich komme aus einem Dorf zwischen Heidelberg, Heilbronn und Karlsruhe. Am liebsten bin ich 13, 14 Stunden jeden Tag allein mit Text oder Büchern.

Vieles, was scheinbar allen Spaß macht, fällt mir schwer: eine Mahlzeit zubereiten und in Ruhe essen. Langsame Spaziergänge. Einen Brief zur Post bringen, rechtzeitig. Einen Film zum zweiten Mal sehen. Über Kleidung, Einrichtung, einen ganzen Haushalt nachdenken. Schlendern, Lauschen, Schlemmen, Bummeln, Schmunzeln, die Seele baumeln lassen: die Hölle!

Aber 400 Seiten lesen, jeden Tag? Ein Thema recherchieren? Fragen stellen? Stundenlang am Rhythmus eines Satzes feilen? Geschichten bauen? Wissen finden, werten… oder im Buchladen jedes Buch öffnen und entscheiden, ob ich weiterlesen will? Sammeln, Sieben, Schreiben, Teilen, Lektorieren, Um- und Weiterdenken?

Ich mache fast nur Dinge, die ich… will: Fünf Jahre lang an einem Roman arbeiten? Sechs Wochen lang über Sätze, Sprache, Gedanken von Amy Hempel puzzeln? Ich weiß nicht, ob ich da per se “besser” bin, mehr “Können” habe als andere. Aber: Ich habe Spaß. Mich fordert das heraus. Ich bin schnell motiviert und leidenschaftlich. Konzentriert. Sorgfältig. Besessen. Das zahlt sich für die Texte aus. (Für mein Zeitmanagement nicht. Aber mich füllt es aus… für ein paar Monate, als Projekt. Es “lohnt” sich.)

Stefanie Jaksch: Du scheinst einen der klassischen „I come from nowhere, I can do anything“-Lebensläufe zu haben. Kreatives Schreiben Hildesheim, Mit-Herausgeber BELLA triste, Artikel für ZEIT Online, ein wacher Blogger etc., – fast wie aus dem Bilderbuch für die digitalen und eigentlich auch analogen Nomaden unserer Generation.

Wie hat sich aus all dem deine Übersetzer-Tätigkeit ergeben? Ist das ganz natürlich aus dem In-den-USA-leben und daraus, dass du selbst schreibst, entstanden, oder hat es einer Initialzündung bedurft? Bist du ein „Gelernter“ oder ein „leidenschaftlich Lernender“?

Stefan Mesch: Ach, “Nomade”…

Eine Wohnung, ein WG-Zimmer, ein Auto könnte ich mir nicht leisten. Meist reichen meine Honorare für Krankenkasse und Essen, oft sitze ich einfach am Schreibtisch – im leerstehenden Haus meiner toten Großeltern, im Dorf – und arbeite vor mich hin. Ein Bilderbuch-Lebenslauf ist das nicht. Ohne dieses Haus, in dem ich mietfrei arbeite und ohne Freunde, die mich immer wieder in ihre Städte, Wohnungen einladen… müsste ich jetzt irgend eine Festanstellung finden und nur Projekte, Ziele anderer Menschen umsetzen. Statt meiner eigenen.

Ende 2008 zog ich aus Hildesheim fort. Zeitungen fragen nach Artikeln, Rezensionen. Unis laden mich als Redner ein. Verlage entwickeln Projekte. Nichts ist sehr gut bezahlt… aber alles wächst. Ich lerne – und komme weiter. Fünf Jahre lang war ich jeden Frühling für drei Monate in Toronto; im Herbst 2013 auch mal länger in New York. Immer wieder fragte das Goethe-Institut nach kleineren Übersetzungen: Reden, Essays, Blogposts, meist Deutsch-Englisch.

2012 übersetzte ich über 100 Seiten Briefe und Tagebücher für eine Klientin aus Toronto: Ihr Mann kommt aus dem Schwarzwald, die Kinder sprechen kein Deutsch; die Briefe dieser Familien hatten Stil, Charakter… aber auch ganz viele Widersprüche, Unbeholfenheiten, und ich hatte Spaß, solche Nuancen vom Deutschen ins Englische zu tragen: Ich habe so viele Freunde, die meine Sprache nicht sprechen… oft verbringe ich mehr Zeit mit amerikanischen Texten, Chats, Gesprächen als mit deutschen.

“Spielwiese”, “Versuch”, “Experiment” ist Übersetzen für mich nicht: Menschen geben mir ihr Geld, damit ich Sätze in eine andere Sprache trage. Das ist so viel Verantwortung… ich brauche viel Zeit. Ich nehme das ernst. Erst, seit Klienten mich loben, weiß mich: Ich KANN da guten Gewissens Geld verlangen. Meine Arbeit hat einen Wert.

Aber, wie gesagt: Das hat viel mit Gründlichkeit, Zeit, persönlichem Aufwand zu tun: Meine Übersetzungen sind IMMER irgendwann recht gut. Aber sie brauchen vorher auch IMMER so viel Zeit, jedes Wort liegt auf der Goldwaage… das kostet viel Energie.

Stefanie Jaksch: Was war deine erste Übersetzung, die du angenommen hast – und warst du nervös? Hat sich seitdem an deiner Art zu Übersetzen etwas verändert?

Stefan Mesch: Das erste Verlagsprojekt, das mehrere Monate in Anspruch nahm, war die Übersetzung eines Superhelden-Lexikons, “Marvel’s The Avengers: The Ultimate Character Guide”, zusammen mit Hildesheim-Freund Lino Wirag. Ich bin Superhelden-Fan und -Experte, aber lese am liebsten die monatlichen Reihen aus dem DC-Verlag: “Superman”, “Wonder Woman”, “Batwoman”, “Green Lantern” usw.

Viele der 200 Marvel-Figuren im Buch waren mir neu und fremd; und ich verbrachte viel, viel Zeit auf Wikipedia, um alles zu verstehen, auf Englisch und auf Deutsch: Ist Adamantium ein “Metall” oder eine “Legierung”? Schreibe ich “Infinity-Juwelen” oder “Ewigkeits-Steine” oder “Infinity Gems”? Meint “Power” hier “Macht”, “Kraft” oder bloße “Stärke”? Superhelden-Fans sind Pedanten – und deutsche Superhelden-Übersetzungen oft voll kleiner, ärgerlicher Widersprüche. Wer Marvel-Comics so sehr liebt, dass er 12 Euro ausgibt und 200 Helden- und Schurken-Steckbriefe liest, dem ist auch wichtig, ob ich Thors “Serpent” und Thors “Midgard-Schlange” unterschieden kann. Extrem viel Arbeit, großer Spaß: Ich habe mir wochenlang diese Welt erarbeitet… und zum Glück bei Dorling Kindersley in München sehr gründliche, leidenschaftliche Verlagsmitarbeiter und Lektor*innen, die es genau so wichtig fanden wie ich, die jeweils passenden Begriffe zu recherchieren.

Die Arbeit an Amy Hempels “Was uns treibt” erforderte viel mehr Sprachgefühl… aber andererseits viel weniger Trivia- und Faktenwissen: Klar habe ich auch bei Hempel jedes Fahrzeug, jeden Drink, jeden Handlungsort und jede Popkultur-Anspielung gegoogelt (und viel gelernt über die US-Westküste der 80er Jahre)… aber während die Superhelden-Texte vor allem Fakten bündeln sollten, so sauber, präzise, unmissverständlich und kurz wie möglich, ging es bei Hempel um Sprachfluss und Witz, Melodie und Tempo, oft 10 bis 20 Seiten Text am Stück, die tragen, strömen, mitreißen wollten. Gesamtbilder!

Stefanie Jaksch: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit luxbooks für den Band „Was uns treibt“ von Amy Hempel ergeben? Kanntest du Hempels bisherige Werke eigentlich?

Stefan Mesch: Das “Avengers”-Lexikon verkaufte sich sehr gut, und im Oktober und November 2014 übersetzte ich noch einmal sechs Wochen lang eine ergänzte, aktualisierte Neuauflage. Dann schrieb mich eine britische Literaturagentin an und fragte, ob ich ein weiteres “Avengers”-Sachbuch ins Deutsche übertragen könnte, für einen anderen Verlag – so schnell wie möglich, bitte noch vor Weihnachten. Ich schrieb, ich hätte Interesse. Sie schrieb, sie melde sich im Lauf der nächsten Woche… und ich sollte bitte auf keinen Fall andere große Projekte annehmen… und mir die Zeit frei halten.

Als nach sechs Tagen immer noch nichts kam, postete ich auf Facebook, dass mich das Warten nervt – und, dass ich ÜBERSETZER sein will statt ewiger Avengers-Experte. Annette und Christian Lux kennen mich als Autor und Journalist, Annette las 200 Seiten von “Zimmer voller Freunde”, meinem Roman. Beide fanden, dass mein Sprachstil und meine Amerika-Kenntnisse gut zu Hempel passen… und boten mir den Job an. Ein Riesen-Vertrauensvorschuss.

[Diese seltsame Avengers-Agentin hat sich nie wieder gemeldet.]

Stefan Mesch Lino Wirag Marvel Lexikon der Superhelden

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Stefanie Jaksch: Ein Schritt weiter: Der Auftrag ist da, der Text liegt vor dir in all seiner Unerschlossenheit. Was jetzt? Bist du erst einmal ganz Leser, lässt dich tragen vom Rhythmus, vom Ton, von den Eigenheiten des Autors/der Autorin? Wie gehst du vor? Wie lange brauchst du, bis ein Text fertig ist?

Stefan Mesch: Als Autor (…und als Kritiker) sehe ich Romane meist von oben: Was zeigt der Grundriss? Wie teilen sich die Räume auf? Wofür ist Platz? Stimmt das Fundament? Was wartet hinter der nächsten Ecke? Ich denke oft länger über das Gesamtbild nach als über die Satz-für-Satz-Ebene.

Als Leser aber folgt man diesen einzelnen Sätzen.

Vor ihren Kurzgeschichten arbeitete Hempel als Journalistin – und schrieb später in der Paris Review: “Journalism taught me how to write a sentence that would make someone want to read the next one. You are trained to get rid of anything nonessential. You go in, you start writing your article, assuming a person’s going to stop reading the minute you give them a reason. So the trick is: don’t give them one. Frontload and cut out everything extraneous. That’s why I like short stories. You’re always trying to keep the person interested.“

Entsprechend habe ich bei Hempel übersetzt: Ich kannte alle Texte… und hatte sie – grob – in Erinnerung. Aber wichtig war ein sehr guter erster Satz. Dann ein zweiter Satz, der besser oder gleich gut ist; auf keinen Fall schlechter. Und immer weiter, Satz für Satz. Natürlich gab es während der Übersetzung dann Überraschungen, wenn ich, im selben Tempo wie ein Leser und ohne die Bauherren- und Architekten-Perspektive lieber Satz für Satz durch Hempels Short Stories ging: “Wie viele Zimmer kommen noch?”, “Oh: Hier hinten liegt noch etwas.”, “Mit DER Aussicht habe ich nicht gerechnet.” Aber solche Überrumpelungen oder Überraschungseffekte im Text habe ich dann weiter verstärkt… statt immer schon geistig vorzublättern oder vom Ende aus zu denken: Die Route des Lesers muss überzeugen. Und dafür brauchte ich, beim Übersetzen, erstmal die Perspektive des Lesers. Ausbessern und aus der Rückschau heraus noch einmal Sätze vom Anfang ändern… das geht auch später noch. Aber erstmal: Leser-Perspektive!

Stefanie Jaksch: Als Nicht-Übersetzerin, aber Amerikanistin liebe ich das amerikanische Englisch mit einer Inbrunst, die schwer zu beschreiben ist. Aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mein Heil in Übersetzungen zu suchen. Dennoch entrüste ich mich wie viele, wenn ich schlechte Übersetzungen vorliegen habe. Geht es dir ähnlich? Hattest du nie Angst, in so eine Falle zu tappen und Leser zu enttäuschen? Wie war das im Fall von Hempel, die ja geradezu fanatische Fans hat? Oder kannst du das ausblenden beim Arbeiten?

Stefan Mesch: Mir selbst fallen Übersetzungen fast immer nur auf, wenn sie misslungen sind oder holpern. US-Titel lese ich meist im Original, bevor die deutsche Version erscheint. Beim Übersetzen dachte ich deshalb auch nicht an US-Liebhaber, Amerikanist*innen und Hempel-Fans… sondern an skeptische, deutsche Leser wie meine Familie oder meine besten Freunde: Kann ich den Charme, die Lakonie, den trockenen Humor und die Eleganz Hempels Menschen zeigen, die das Original gar nicht kennen…?

Annette Lux hat ein irrsinniges Sprachgefühl: Sie ließ mir alle Freiräume – aber machte oft im Lektorat noch kongeniale Vorschläge, bot Lösungen an, auf die ich nie gekommen wäre. Beim Übersetzen dachte ich schnell: Kann das meine Freunde reinziehen, mitreißen, verführen? Und: Kann das Annette überzeugen?

Ich liebe viele dieser Hempel-Texte. Und mir war klar: Ich muss deutsche Versionen schaffen, die man so ähnlich lieben kann. Die mitreißen. Bezirzen. An den richtigen Stillen irritieren.

Stefanie Jaksch: Ehrlich: Ich habe immer noch die etwas romantisierende bzw. eigenartige Vorstellung, dass man, um einem Text wirklich gerecht zu werden, ein bisschen „in die Haut“ des zu übersetzenden Autors schlüpfen müsste, um zu verstehen, was da auf dem Papier und dahinter eigentlich passiert. Geht dir das so? Oder eher gar nicht, kannst du das komplett trennen und analytisch vorgehen? Dazu gleich passend: Hat es dir Amy Hempel (oder besser: Amy Hempels Sprache) leicht gemacht? Hast du ihre Art zu schreiben schnell verstanden und dich in und mit ihren Texten wohl gefühlt?

Stefan Mesch: Ich mag kurze Sätze, Verdichtung. Tempo. Wenn ich selbst schreibe, lese ich meine Sätze immer wieder. Verknappe. Streiche. Amys Präzision, Amys Biss und Sarkasmus… mich spricht das an.

In jedem Hempel-Absatz gibt es so viele Witze und Widersprüche, Abschweifungen und Falltüren, Gemeinheiten und Jargon und komische Elemente und Nuancen und einzelne, tückische Worte, die die Farbe eines Satzes KOMPLETT ins Gegenteil reißen können…

2009 habe ich zum letzten Mal versucht, Stephen King zu lesen (den ich als Schüler mochte, und den ich als Mensch, in Interviews usw., bis heute mag): Die Handlung plätscherte dahin; doch ob da “Auto” steht bei King oder “Fahrzeug”, ob da “zuhören” steht oder “lauschen”, ob da “Haus” steht oder “Zuhause”… das ist ihm leider oft selbst viel zu egal.

Bei Hempel wirkt fast jedes Wort überlegt. Bewusst.

Stefanie Jaksch: Was waren Probleme, auf die du während dem Übersetzen gestoßen bist? Gab es welche? Und wie hast du sie gelöst (Geduld, Aggression, Schnaps)? Gibt es analog zur Schreibblockade auch sowas wie eine „Übersetzer-Blockade?

Stefan Mesch: Übersetzen ist langsam und macht mich oft ein bisschen traurig: Man wird nach acht oder zehn Stunden schon recht müde, man schafft eine Handvoll Seiten jeden Tag, man hat viel Hunger und will viel schlafen… ich hatte das Gefühl, nur schleppend voran zu kommen. Übersetzer-Freunde sagen, mein Tempo sei gut. Texte brauchen eben einfach ihre Zeit. Aber wenn ich zehn Tage lang am Stück übersetze, überkommt mich nach einer Weile das Gefühl, durch Morast zu waten: Beim Schreiben, beim Recherchieren, im Journalismus und im Bloggen gibt es viel schnellere Erfolgserlebnisse. Die Tage sind abwechslungsreicher. Alles flutscht viel mehr.

Ein blöder Faktor, der IMMER im Spiel bleibt, wenn Menschen schreiben: Du tippst Sätze. Formulierst mit großer Sorgfalt. Gibst dir Mühe. Dann lässt du deine Arbeit ein paar Stunden liegen, liest mit frischem Blick… und findest Flüchtigkeitsfehler, Rhythmusprobleme, kleine Dummheiten. Also: RICHTIG zufrieden war ich mit meinen Hempel-Texten erst, wenn ich sie zum zehnten, zum zwölften Mal las – und heute habe ich Angst, ins fertige Buch zu blicken und bei jedem dritten Satz plötzlich doch wieder nur zu denken: “Mist! Da sollte doch besser ‘aber’ stehen statt ‘doch’”, oder: “Hier wäre ein Punkt viel besser als ein Komma!”

Stefanie Jaksch: Mir ist aufgefallen, dass du an manchen Stellen andere Interpunktionen setzt, z.B. gleich in der ersten Geschichte „In einer Wanne“. Haben sich diese kürzeren Sätze organisch ergeben? War das ein Gefühl von dir, dass das im Deutschen da hin muss? Und wie frei bist du bei so etwas tatsächlich (sowohl von Verlags- als auch Autorenseite)?

Stefan Mesch: Im ersten Entwurf habe ich die Sätze möglichst perfekt nachgebaut: Alle Satzglieder an die selbe Stelle, keine Umbauten und Veränderungen. Und dann, beim Wieder-und-Wiederlesen, stellten Annette und ich hin und wieder um. Keine großen Veränderungen, kein Versuch, die Texte im Nachhinein zu “verbessern” oder umzumodeln. Aber am Ende zählt für mich, wie sie auf Deutsch, für deutschsprachige Leserinnen und Leser, wirken.

Oft hilft ein Punkt, zu zeigen: Achtung – jetzt kommt ein neuer Gedanke. Jetzt kommt NOCH ein Aspekt, etwas Eigenes und Frisches. Und weil jeder Hempel-Satz so viele Gedanken und Aspekte enthält, hat dieses kleine Anhalten, Durchatmen oft geholfen: kleine Atempausen, Signale an die Leser.

hempel mesch

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Stefanie Jaksch: In deiner Arbeit als Übersetzer – hilft dir eigentlich, dass du selbst schreibst? Oder ist das in keinster Weise förderlich? Und: Findest du eigentlich, dass der Übersetzer genug „Credit“ erhält? Die wenigsten Verlage nehmen den Übersetzer ja noch mit auf den Titel. Wie siehst du das?

Stefan Mesch: Schreiben hilft. Sprechen hilft. So dumm es klingt: Facebook hilft, immer wieder. Sachen präzise und unmissverständlich auf den Punkt bringen – so, dass es 1000 Leute (oder eben: ganz, ganz verschiedene Facebook-Kontakte) lesen können und möglichst alle möglichst viel davon verstehen – WAS ich sagen will und, ob da z.B. Humor, Sarkasmus, Wut mitschwingt oder nicht.

Ich habe Tagebuch geführt zwischen 14 und ca. 22, oft mehrere Stunden am Tag, und dieses lange Schreiben (am Computer) hat mich sehr geschult: Mein Englisch ist recht gut – aber mein Deutsch ist eben SEHR gut, meine Palette, mein sprachlicher Werkzeugkasten, mein Repertoire, meine Ausdrucksmittel auf Deutsch sind SO VIEL größer… oft schreibe ich einen Satz auf Englisch und merke “Mist. Das sind die sprachlichen Mittel, die du auf Deutsch mit 14 oder 15 hattest. Du musst noch viel lernen.”

Zum Credit will ich Isabel Bogdan zitierten: “”Ich glaube, da gibt es so einen Ursache-Wirkung-Kreislauf, wie beim Huhn und dem Ei: Die Übersetzer fallen oft unter den Tisch, mit der Begründung, das sei auch nicht so interessant – und deswegen interessiert es auch so wenig Leute, weil sie schlicht noch nie auf die Idee gekommen sind, dass es interessant ist.”

Stefanie Jaksch: In den letzten Wochen habe ich Hempels Erzählungen immer und immer wieder gelesen – und immer noch brechen sie mir das Herz. Wie ging es dir am Ende, als alles übersetzt, alles fertig war? Verändert sich der Text für dich erheblich, wenn er dann auf Deutsch – und auch noch aus deiner Feder – vorliegt?

Stefan Mesch: Im Herbst 2013 war ich für neun Wochen in New York, hatte kaum Bücher dabei, aber viele ebooks auf dem Tablet… und las in zwei, drei Tagen Amy Hempels “The Collected Stories”: Das ist eine Sammlung aller vier Kurzgeschichtenbände, die sie 1985 (“Was uns treibt”), 1990, 1997 und 2005 veröffentlicht hat – bis heute ihr Gesamtwerk, als Erzählerin.

Die ersten Texte machten SO viel Spaß: die sperrigen Frauen, die surrealen Vorstädte, die vielen Hunde, die plötzliche Brutalität oder Zärtlichkeit, sehr viele morbide Momente.

Aber leider waren die Texte von 1990… nicht anders als die von 1985. Und Hempel 1997, das war oft immer noch eher ein Aufguss von Hempel ’85. All diese Geschichten hintereinander zu lesen hat ihnen… sehr geschadet: Am Ende konnte ich das nicht mehr hören. NOCH ein Hund. NOCH eine schrullige Westküsten-Nomadin. NOCH ein vages, offenes Ende… Ich finde einzelne Hempel-Texte sehr, sehr gut. Ich finde “Was uns treibt” großartig. Aber ich weiß nicht, ob Hempel als Autorin wirklich gewachsen ist, wirklich wachsen WILL – und, warum sie so viel Zeit in ihrer “comfort zone” verbringt, erzählerisch immer die selben Dinge versucht.

Sie selbst hat mir per Email eine paar Übersetzungsfragen beantwortet (meist ging es ums Geschlecht der Figuren: ist “the neighbour” ein Nachbar oder eine Nachbarin usw.?), und dabei war sie so wach und frisch und höflich und charmant… ich mag sie sehr. Ich hoffe, dass wir noch einmal länger sprechen können, für ein Interview oder Werkstattgespräch.

Aber “In den letzten Wochen habe ich Hempels Erzählungen immer und immer wieder gelesen” kann ich nur schwer verstehen: Ich habe jeden “Was uns treibt”-Text im Rahmen der Übersetzung ca. 15mal gelesen. Und viele Texte kamen mir beim Immer-Wieder-Lesen immer fadenscheiniger oder… effekthascherischer vor. Hempel-Entdecken ist toll. Hempel-Lesen, ganz neu, machte mich sehr glücklich. Aber gerade brauche ich eine Pause. Dringend.

Stefanie Jaksch: Zu guter Letzt: Hattest/hast du eine Lieblingsgeschichte von Amy Hempel? Wenn ja, warum? Und wirst du noch einmal etwas von ihr übersetzen? Und, allerletzte Frage: Weißt du, ob sie mit deiner Übersetzung zufrieden ist?

Stefan Mesch: Die letzte Geschichte in “Was uns treibt”, “Today will be a quiet day”, fließt ruhig und scheinbar harmlos vor sich hin. Beim ersten Lesen dachte ich “Okay: ein viel zu langes Set-Up. Keine Pointe!”

Aber beim Übersetzen, als ich jeden Satz und jede Nuance neu… knacken, schmecken, durchkaufen musste… wurden mir dieser Vater, seine Kinder und ihr seltsam stiller, bitterer Tagesausflug im Auto immer sympathischer und plausibler.

Ein sehr zurückhaltender Text… der aber funkelt und strahlt, je genauer man hinsieht. Das hat mich sehr überzeugt. Ich denke immer wieder an diese Figuren – und lächle.

Werde ich einen zweiten Band Amy Hempel übersetzen? Annette und Christian Lux hätten mich gerne wieder dabei, in zwei Jahren. Aber ein anderer Autor, ein andere Tonart reizen mich erstmal mehr: Ich würde gerne ein, zwei Titel pro Jahr übersetzen. Aber das ist kein Geld-, sondern eine Zeitfrage: Ich weiß nicht, ob ich aus 10, 15 weiteren Hempel-Texten genug mitnehmen und lernen kann, als Übersetzer, so lange ich schon als Leser denke: “EINMAL Hempel? Super. Zweimal Hempel? More of the same.”

Amy selbst schien glücklich über meine Sorgfalt, mein Interesse, meinen Respekt. Ich denke, sie schätzt, was für ein engagierter Verlag hier mit ihr arbeitet und, was für ein Nerd, Pedant und Perfektionist hier für sie übersetzt. Aber ob sie tatsächlich “zufrieden” ist…?

Ich glaube, das misst sich an den deutschen Reaktionen und Kritiken, die noch folgen: Bisher waren alle Rezensent*innen der deutschen Ausgabe zufrieden. Meine Übersetzung wurde gelobt. Im Großen ist das, glaube ich, geglückt. Aber Übersetzen heißt, Entscheidungen zu treffen. Zehn heikle Entscheidungen… pro Satz. Ich glaube nicht, dass JEDER glücklich ist mit jeder einzelnen Entscheidung, die ich hier für Amy traf.

Wichtig für mich: Dass Leser*innen spüren, dass ich jede dieser Entscheidungen bewusst getroffen habe. Mein Repertoire wächst. Ich wachse.

Und, wie gesagt: Es macht absurd viel Spaß!

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3 comments

  1. Sehr spannender Einblick, besten Dank. Eine Frage habe ich jedoch noch: Wie heisst das Buch eigentlich im Original? Oder übersehe ich diese Information gerade?

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