Monat: Januar 2015

automatische Literatur: 0x0a, Google-Texte, Montage via Algorithmus. [Hannes Bajohr, Gregor Weichbrodt; Frohmann Verlag]

weihnachten 2012 Stefan

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Es ist zu spät, um alle Dinge aufzuzählen, die uns so quälen. Es ist zu spät, um an einen sicheren Ort zu fahren – das Jucken ist inzwischen zu einem scharfen Brennen geworden. Es ist zu spät, um mich jetzt zu lieben. Es ist zu spät, um zu bremsen oder auszuweichen. Es ist zu spät, um Charlottes Netz zu reparieren. Es ist zu spät, um weg zu rennen. Es ist zu spät, um nicht zu schlafen. Es ist zu spät, um Clubs oder so was beizutreten. Es ist zu spät, um die Konverter herauszubeamen. Es ist zu spät, um makellos zu sein. Es ist zu spät, um aufzuzählen, was an dieser Logik alles falsch ist. Es ist zu spät, um mir noch eine Variante zum abgedroschenen Begrüßungssatz auszudenken, den ich im Geist ständig wiederhole.

Wir müssen anfangen, grundlegend anders von Gott zu reden. Wir müssen anfangen, den anderen so zu sehen, wie er ist und darauf vorbereitet sein, enttäuscht zu werden, wenn unser emotionales Kind einen Mangel an Gemeinsamkeit empfindet. Wir müssen anfangen, zu kommunizieren! Wir müssen anfangen, darüber zu sprechen, welche Menschenrechte wir eigentlich durch unsere Angst verhindern. Wir müssen anfangen, und zwar umgehend. Wir müssen anfangen, den Menschen tatsächlich eine Alternative zu bieten. Wir müssen anfangen, Frauen ein gutes Feedback zu geben, auf das, was sie tun. Wir müssen anfangen, unsere Papilloten aus den Haaren zu drehen, denn der Starttermin rückt unaufhaltsam näher.

Unser Leben muss wie das Weizenkorn in die Erde fallen und ersterben. Unser Leben muss auf einem Fundament ruhen, das sich mit dem Tod nicht in Luft auflösen kann. Unser Leben muss auf ein höheres Niveau umgestellt werden. Unser Leben muss sich wieder zwischen Zahnschmerzen und Übergewicht einspielen. Unser Leben muss gefährlicher werden. Unser Leben muss nicht geopfert werden in einem ausweglosen Kampf in der Matrix einer künstlichen Welt. Unser Leben muss wieder gelernt werden. Unser Leben muss beweisen, dass es einen besseren Weg gibt. Unser Leben muss ziemlich unangenehm sein, wenn wir so viele Gelegenheiten für Vergnügen finden müssen.

Das einzige Problem ist, dass man sich nicht unter Kontrolle hat. Das einzige Problem ist, dass Excel führende Nullen entfernt. Das einzige Problem ist eine möblierte Wohnung oder wenn die Katze Freigänger ist. Das einzige Problem ist, dass leider noch nicht so viele Personen eine Webcam besitzen, aber das wird sicherlich noch kommen. Das einzige Problem ist eigentlich das Geld. Das einzige Problem ist, dass Bücher keine Fragen beantworten können. Das einzige Problem ist der Kampf ums Futter. Das einzige Problem ist momentan Humangenetik. Das einzige Problem ist bereits gelöst. Das einzige Problem ist nur noch, dass ich nicht mehr die Seiten wechseln kann.

Am Ende wird ein schmerzhafter Kompromiss stehen. Am Ende wird sogar wieder geschunkelt. Am Ende wird das Werk dem Brautpaar feierlich überreicht. Am Ende wird die Demokratie siegen. Am Ende wird jemand Weltmeister, der nicht Deutscher ist. Am Ende wird alles gut? Am Ende wird es nur darum gehen, welche Seite mit geringeren Blessuren den Versuch einer konzertierten Aktion überlebt. Am Ende wird abgerechnet. Am Ende wird der Konflikt gelöst, indem alle schwächsten Völker aus der Region entfernt werden. Am Ende wird das Vaterunser getippt. Am Ende wird erst rechts in Richtung Erkelenz und nach ca. 200 m links abgebogen. Am Ende wird die Wurst verspeist, der Slibowitz getrunken.

„Stichwort: Volltextsuche“
Stefan Mesch, März 2005.
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In der Reihe 0x0a – genuin digitale Literatur verlegt Netzfreundin und Digitalverlegerin Christiane Frohmann [mehr hier] Textcollagen, Listen, Montagen und literarische Mash-Ups, die mit Hilfe von Algorithmen und Suchfunktionen gesammelt wurden:

„Als erster genuin digitaler Titel im Frohmann Verlag bringt Hannes Bajohrs konzeptueller Roman Durchschnitt das Höchste, Größte, Beste der deutschen Literatur auf seinen Mittelwert und handliche 200 Seiten.

Für Durchschnitt wurden alle Bücher aus Der Kanon. Die deutsche Literatur: Romane, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki, 20 Bände, Frankfurt am Main: Insel, 2002, als Textkorpus verwendet, mit Python dessen durchschnittliche Satzlänge bestimmt (18 Wörter), alle Sätze anderer Länge aussortiert und das Ergebnis anschließend alphabetisch geordnet.“

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Ich las Hannes‘ Auszug / Montagetext in „Tausend Tode Sterben“, Version 2… und dachte an drei Dinge:

eins: Supercuts wie z.B. hier:

The View: A „Back-to-the-Camera Shot“ Montage from Plot Point Productions on Vimeo.

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zwei: Benjamin von Stuckrad-Barres läppisches, kindisches, grandios unterhaltsames „Google-Suchanfragen erklären mir die Welt“-Montagebuch „Was.Wir.Wissen.“ von 2005.

Was.Wir.Wissen.

drei: der obige Text von mir von 2005, nie veröffentlicht.

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Ich mag Collagen, Montagen, Aufreihungen, Listen, empirische Textauswertung, Quatsch mit Google… und bin gespannt, welche 0x0a-Projekte noch folgen. Bisher sind zwei Bände erschienen:

„Gregor Weichbrodt und ich“, schreibt Hannes Bajohr,  „haben ein Textkollektiv gegründet – es heißt 0x0a. 0x0a ist der Hexcode für den Zeilenumbruch. Es ist ein Zeichen, das es im Analogen nicht gibt, nicht gesprochen werden kann und nur als “Steuerzeichen” existiert – und damit ideales Symbol für den Versuch, genuin Digitale Literatur zu produzieren.

0x0a soll ein Workshop, Labor, Schaufenster und eine Anlaufstelle für digitale konzeptuelle Literatur werden und die Diskussion über diese Literaturform in Deutschland anregen. Wir laden ein, mitzudiskutieren und selbst Texte einzureichen, und hoffen, dass wir in Zukunft die Autorenliste erweitern können.“

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Langeweile, Müßiggang, Herumhängen: 27 Buchtipps für ‚IDLE – Salon und Journal‘

idle buchtipps stefanmesch

 

Rumhängen. Abhängen. Durchhängen:

Stefan Mesch, Literaturkritiker für u.a. ZEIT Online und Deutschlandradio Kultur, empfiehlt 27 Bücher über Menschen, die nicht von der Stelle kommen.

Straffe, spannende Lektüren…

…über Stillsteher, Trödler, Abgehängte, Taugenichtse, faule Hunde und dekadente Schnösel.

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01: faul, krank, lieblos – zwei Schlaffis in New York

Gabe verkauft Bücher. Eliza studiert Kunst. Sie turteln durchs New York der 90er: Ein seichtes Pärchen-Idyll wie aus „Friends“. Doch Gabe war früher Dealer; Eliza hat bis heute wahllosen, schlechten Sex. Je besser sich die beiden kennen lernen, desto weniger sympathisch sind sie sich. Aber nochmal Schluss machen? Extra umziehen? Alleine dastehen schon wieder? Gabe und Eliza sind zu träge, zu enttäuscht und zu arm, um ihr Leben umzukrempeln: Sie müssen sich entscheiden, was feiger ist – weiter zusammen rumdümpeln? Oder weg rennen, in neue Sackgassen?

Ein Großstadt- und Verfallsroman über müde, nicht mehr junge Menschen und ihre dreckigen Kompromisse im Job, im Bett und in der Kunst. Ein großes und überraschend ergreifendes Buch über eine nicht-sehr-große Liebe.

Joan Silber: „Lucky Us“ (2001)

Lucky Us

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02: jung, plump, festgefahren – eine Mörderin versackt in der Provinz

Ihr Vater ist im Ruhestand, ihre Schwester eine alte Jungfer, und die junge Adrienne hat einen langweiligen Sommer vor sich. In Liebesromanen stürmt an dieser Stelle ein fescher junger Mann ins Dorf und trägt die Heldin in ein neues Leben. Aber niemand kommt – also steigert sich die gelangweilte Adrienne in eine unerwartete Liebe zu einem Arzt aus der Nachbarschaft hinein. Als ihre Familie herausfinden will, was sie so aus der Bahn wirft, kommt es zu einem Streit. Am nächsten Morgen wird Adrienne von der Haushälterin geweckt: am Fuß der Treppe liegt die Leiche ihres Vaters.

Julien Greens Debüt, verfasst mit 27, zeigt das stumpfsinnige Leben einer Tochter aus gutem Hause und die Ungeduld, die an ihr nagt. Überraschend beschleunigt der Roman und wird zum schnellen, bedrückenden Duell zwischen einer unzufriedenen Frau und ihrer Umwelt: Spannend, quälend, klaustrophobisch – Adrienne könnte Emma Bovarys böse kleine Schwester sein.

Julien Green: „Adrienne Mesurat“ (1927)
Adrienne Mesurat

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03: einsam, verknallt – und Kidnapper aus Langeweile

Vladimir Nabokov schrieb tolle Romane über Missbrauch… und Langeweile: Lolita fläzt sich über weite Teile ihres Buchs in Autos oder Motelzimmern und quengelt. Ada und Van, ein dekadentes Inzest-Liebespaar, hat sechs oder sieben Jahrzehnte lang nur an sich selbst Interesse. Doch weil Nabokov Kalauer und Bildungsquatsch, elegante Sprache und obskure Worte liebt, kalauern, schillern und schwafeln auch seine Figuren. Langweilig liebt, denkt, mißbraucht und spricht dort niemand.

John Brandons „Citrus County“ spielt im schwülen Florida, und den Figuren fehlen Eleganz und Charisma, Stil und Selbstbewusstsein. Ein unsympathischer Dussel-Junge verliebt sich in eine steife Mitschülerin. Und entführt dann – nur, um zu sehen, was passiert – ihre kleine Schwester. Er sperrt das Kind in einen Bunker im Wald, geht los… denkt nicht gern weiter nach… und hat die nächsten Tage lang Dates, Schulstress und die üblichen Fänger-im-Roggen-Konflikte. Während im Off ein Kind langsam verhungert: Ein atemloses High-School-Buch, das Grausamkeiten nicht überspitzt und damit aufpoliert. Sondern in grausamer Seelenruhe zeigt: auch Menschen ohne Charisma und Witz können ihre Welten zertrümmern. Nebenbei. Aus Langeweile.

John Brandon: „Citrus County“ (2010)
Citrus County

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04: faul, wütend, überreizt – eine abgehängte, ekelhafte Frau

„Ich habe Claude verlassen, diese Ratte aus Frankreich“, schreit Ich-Erzählerin Harriet schon zur Begrüßung: Sie ist mitteljung, mittelklug, ohne Geld… und endlich, endlich wieder frei und ungebunden. Also zieht sie durch New Yorks Pensionen und Hotels und genießt ihre Tage als umschwärmter Single. Sie lädt sich auf fremde Parties ein, will von Fremden hofiert und ausgeführt werden und hofft auf ein paar glänzende, luxuriöse Jahre. Immer lächeln. Zwinkern. Trinken. Dann kommt der Mann und das gute Leben… oder?

So versucht Harriet, die pampigste Schachtel seit Helga aus „Hey Arnold“, das wütendste Wrack seit Jessa aus „Girls“, über 200 Seiten lang, Lesern, Männern und sich selbst einzureden, dass sie nirgendwo lieber wäre als allein und ohne Geld, auf dem Weg ins Abseits, mitten in New York. Tatsächlich geht ihrer Tirade schnell die Luft aus. Viele Fremdschäm-Szenen laufen ins Leere: Man kann das Buch nach 40 oder 60 Seiten weg legen. Was zählt, ist die Stimme dieser ätzenden Ich-Erzählerin. Laut. Bräsig. Passiv-aggressiv. Ein blödes Huhn, das man abwechselnd in den Arm nehmen will… und einfach stehen lassen.

Iris Owens: „After Claude“ (1973)

After Claude

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05: desinteressiert, verwöhnt, egozentrisch – ein Journalist ohne Engagement

Guy Delisle zeichnet autobiografische Comicreportagen über Krisengebiete, Diktaturen, komplexe politische Räume: Burma und China, Nordkorea und Israel. Als Ehemann einer einer Ärztin bei Médecins sans Frontières sitzt der Kanadier seit Jahrzehnten in Gäste- und Mietwohnungen auf der ganzen Welt, versorgt zwei Kinder und erkundet fremde Kulturen: ihre Supermärkte und Kinderspielplätze, ihre Eisdielen und Schwimmbäder. Wo kann man faulenzen? Wo ist das Essen billig, wo nerven keine Fremde, Bettler oder Touristen?

Delisle ist der Christian Kracht der politischen Graphic Novels: Abgründe tun sich auf. Kulturen zerbrechen. Ideologien fressen Orte und Menschen. Doch zwischendrin stehen käsig-weiße Trottelbubis mit Kakihosen und Sonnenstich und suchen einen schönen Liegestuhl oder den perfekten Pinsel. Aggressiv apolitischer politischer Journalismus: die wütenden, klugen, schlimm witzigen Reiseberichte einer matten, faulen Socke.

[„Aufzeichnungen aus Birma“ ist am besten – aber „Jerusalem“ hat die meisten Gammel- und Faulenz-Szenen.]

Guy Delisle: „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ (2008)
Aufzeichnungen aus Jerusalem

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06: feige, grausam, unbeliebt – ein Schaumschläger und Schulversager 

1996 warb RTL 2 mit dem Gesicht von Oliver Petszokat und einem einzigen Satz  – „FRITZ ist eine faule Sau“ – für die neuen Seifenoper „Alle zusammen – jeder für sich“. Zur selben Zeit wiederholte der Sender viele frühen Filme von Leonardo DiCaprio, Monat für Monat – auch das Ich-und-mein-Stiefvater-Melodram „This Boy’s Life“ über einen verkrachten, feigen, unsicheren, ungeliebten und also typischen Jungen in unsicheren Verhältnissen (50er Jahre! Geschiedene Mutter! Tiefstes Provinznest! Alkohol!)

Tobias Wolffs Autobiografie zeigt nur die ungeschicktesten, unsympathischsten Jahre seines Lebens. Ein halbstarker Schwätzer, der sich viel Ärger verdient und aus dem nichts zu werden scheint. Ein selbstkritisches, kluges Buch über Problemkinder; eine richtig faule Sau, über die man seitenlang die Augen rollt… bis man bemerkt: Huch. Jetzt ist er mir doch ans Herz gewachsen, der pubertäre Tropf. [Jeanette Walls‘ „The Glass Castle“ beschreibt ein ähnliches Milieu und Kinder in ähnlichem Chaos, aber bleibt dabei süßlicher, unreflektierter.]

Tobias Wolff: „This Boy’s Life: Das Blaue vom Himmel“ (1982)

This Boy's Life
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zehn Klassiker, die ich außerdem empfehle:

07: „Ghost World“, Daniel Clowes (1998) …weil hier zwei beißend kluge Loser-Mädchen grandios dummes Zeug erzählen und ausprobieren – aus schierer Langeweile.

Ghost World

08: „Mrs. Bridge“, Evan S. Connell (1958) …weil hier eine geistig träge, einfalls- und fantasielose Hausfrau, die immer nur dazugehören und alles richtig machen will, alles, alles falsch macht.

Mrs. Bridge

09: „Glamorama“, Bret Easton Ellis (1998) …weil „American Psycho“ verboten viel Spaß bringt Echte Langeweile, echter Ennui und Wohlstandsekel, echten Widerwillen gegen Ellis gibts nur in diesem schlaffen, freudlosen 500-Seiten-Klotz.

Glamorama.

10: „Der Zauberberg“, Thomas Mann (1924) …weil sich Figuren hier zu Tode langweilen – aber Leser*innen 1000 Seiten lang die Augen verdrehen und hämisch lachen. Ein überraschend leichter, spöttischer Roman.

Der Zauberberg

11: „Geschlossene Gesellschaft“, Jean-Paul Sartre (1944) …weil hier zwei Frauen und ein halbes Hemd aus Langeweile, Selbsthass, Weltekel und Frustration kämpfen, sticheln, schreien und lieben.

Geschlossene Gesellschaft

12: „Jakob von Gunten“, Robert Walser (1908) …weil ich nach drei Wochen auf dieser Wiener Knabenschule gerufen hätte: „Ziehen wir bitte, bitte lieber raus und führen einen Weltkrieg? Bitte?“

Jakob von Gunten (SZ-Bibliothek, #96)

13: „Der salzige Fluss“, Jan Bauer (2014) …weil mich Reise- und Rucksackkitsch langweilen – aber mir diese schlichte deutsche Graphic Novel über Backpacking in Australien zum ersten Mal plausibel machen konnte, was man gewinnt, wenn man in einer Landschaft ohne Reize und Stimulation auf sich selbst zurück geworfen wird.

Der salzige Fluss

14: „Schimmernder Dunst über CobyCounty“, Leif Randt (2011) …weil Leif Figuren zeigt, denen nichts fehlt und fast nichts passiert: Menschen in der Wellness-Oase, deren größte Angst bleibt, nicht lässig und effortless genug zu wirken.
Schimmernder Dunst über Coby County

15: „Das Artefakt“, Andreas Brandhorst (2012) …weil ich bis heute nicht über den Antiklimax dieses fast 700 Seiten dicken, sehr vielversprechenden Science-Ficton-Epos‘ hinweg komme: Die Hauptfigur muss so schnell wie möglich die Polarregion einer fremden Welt erreichen. Als das sehr schnelle Raumschiff sabotiert wird, wechselt sie auf ein nicht-sehr-schnelles-Schiff, dann auf einen langsamen Frachter, dann auf noch simplere Verkehrsmittel… und kurz vor knapp tuckert sie schließlich mit einer altmodischen, altersschwachen Eisenbahn: ein Hard-Sci-Fi-Thriller wie eine verwirrte Schildkröte  der sich selbst runter bremst aufs Tempo von „Die schönsten Bahnstrecken Europas“.

Das Artefakt

16: „1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann“, Jenni Zylka (2003) …weil es hier trotz tollem Titel keine einzige Idee für gelangweilte Astronauten gibt. Das enttäuschendste Buch seit „To Kill a Mockingbird“.
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homer mockingbird

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elf Titel, vorgemerkt… aber noch nicht selbst gelesen:

17: „How to be idle“, Tom Hodgkinson (2004) Fast 300 Seiten über die Vorteile und Freuden des Nichtstuns, in Bereichen wie „sleep, work, pleasure, relationships“.

18: „Big Ray“, Michael Kimball (2012) Nach dem Tod seines übergewichtigen Vaters denkt ein Mann über dessen letzte Jahre nach: Zeit, die Big Ray vor allem im Lehnsessel verbrachte.

19: „Oblomow“, Iwan Gontscharow (1859) Ein antriebsloser russischer Aristokrat dämmert auf seinem Gutshof dahin, über Jahrzehnte. Aufstehen? Handeln? Oder doch lieber liegen bleiben?

20: „There but for the“, Ali Smith (2011) Totale Verweigerung? Ein Krimi? Während eines Abendessens unter Freunden schließt sich ein fremder Gast im Schlafzimmer ein… und weigert sich, jemals wieder zu gehen.

21: „The Sound of a wild Snail eating“, Elizabeth Tova Bailey (2010) Eine bettlägerige Schriftstellerin beobachtet eine Schnecke und vertief sich in das Tier und seine Geschichten: Naturwissenschaft, Memoir und Reflektion zu Müßiggang, Beobachten und Bremsen.
How to Be Idle . Big Ray . Oblomow . There but for the . The Sound of a Wild Snail Eating

22: „Muße: Vom Glück des Nichtstuns“, Ulrich Schnabel (1908) Ich las diesen Artikel / Auszug über Nichtstun und Kreativität. Stilistisch reißt mich das nicht mit. Trotzdem kein schlechter Text: Link.

23: „For her own Good: Two Centuries of Expert’s Advice to Women“,Barbara Ehrenreich, Deirdre English (1976) Effektiv leben? Alles richtig machen? Sich selbst optimieren? Das Buch erzählt, wie Frauen mit Gesundheits- und Expertentricks gegängelt wurden…. „zu ihrem eigenen Besten“.

24: „An Attempt at ehausting a Place in Paris“, Georges Perec (1975) Georges Perec setzt sich ein Wochenende lang an eine Straße und notiert nur die langweiligen und uninteressanten Dinge, die er dort zu Gesicht bekommt.

25: „Codex Seraphinianus“, Luigi Serafini (1981) Surreale und unsinnige, absichtlich zweckfreie Diagramme, Illustrationen und Schaubilder.

26: „Double Game“, Sophie Calle und Paul Auster (2000) Paul Auster macht eine reale Performance-Künstlerin zur Vorlage für eine Romanfigur. Die Künstlerin liest den Roman und macht die Performances der erfundenen Kopie zur Vorlage für neue, eigene Performances. Ein Spiel um Identität, Experimente und Alltag, neu erlebt.

Muße: Vom Glück des Nichtstuns . For Her Own Good: Two Centuries of the Experts' Advice to Women . An Attempt at Exhausting a Place in Paris . Codex Seraphinianus . Double Game

27: „She got of the off the Couch and other Heroic Acts from Mooreland, Indiana“, Haven Kimmell (2005) Eine Comedy-Autorin erinnert sich an ihre behäbige Mutter.

She Got Up Off the Couch: And Other Heroic Acts from Mooreland, Indiana

erst 250 von 1000 Texten: Christiane Frohmann, „Tausend Tode schreiben“, Version 2.

1000tode frohmannFoto: #1000tode-Lesung im Leise-Park, Berlin

1000 Autoren schreiben 1000 kurze Texte über den Tod.

Stil und Ton sind frei wählbar.

Version 2.0 mit insgesamt 250 Texten erscheint heute – am 16. Januar.

Ver.

Christiane Frohmann ist Verlegerin, Kulturwissenschaftlerin und einer der wachsten, umtriebigsten und euphorischsten Digital-Expertinnen, die ich kenne. Seit August 2014 sucht sie Autorinnen und Autoren für ein irrsinnig ambitioniertes E-Book-Projekt:

„Eine erste Version des E-Books mit 135 Texten erscheint am 1. Dezember 2014. Die Versionen 2 bis 4 mit 500… 750… 1000 Texten erscheinen dann im Abstand von etwa einem Monat, die komplette 4. Version kommt zur Leipziger Buchmesse [im März 2015].

Die jeweils neuere ersetzt die ältere Version, wer einmal gekauft hat, bekommt die neuen umsonst. Zusätzlich wird das E-Book vom Indiehändler Minimore angeboten: Das E-Book wird für EUR 4,99 verkauft. Der gesamte Herausgeber- und Autorenanteil, das sind 50 Prozent des Nettoreingewinns, wird an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.“

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Einer meiner besten Freunde aus Toronto nahm sich im Juni das Leben.

Ich schreibe einen Roman über Leerstellen und Verlusterfahrungen von Teenagern.

Kaum etwas macht mir wacher, nervöser, als Worte zu Verlust und Tod zu finden. Ich bin dankbar für jeden, der es versucht, und ich merke, wie viel mir diese Texte geben.

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Ich selbst schrieb für „Tausend Tode Schreiben“ einen Text über digitalen Nachlass und die Frage, wie die richtigen Gegenstände, Fotos, Erinnerungsstücke und Texte nach dem eigenen Tod zu den richtigen Menschen finden. [e-Book hier kaufen]

Zur Sendung am 21. Dezember lud mich Christiane zu reboot.fm ein und wir sprachen eine Stunde lang in ihrer Radio-/Podcast-Reihe „Generator“ über Trauer, Abschied und Bewältigung im digitalen Raum. Die Sendung ist u.a. hier zu hören:
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Version 1 habe ich am Erscheinungstag, am 1. Dezember 2014, im Blog vorgestellt (Link).

Texte aus Version 1, die ich besonders mochte, kamen von Alan Posener (Text 002), Michael Brielmaier (003), Anne Kuhlmeyer (004), Gesa Füßle (008), Clemens Setz (010), Jan Fischer (016), Falk Schreiber (017), Judith Sombray (023), Johanna Straub (034), Daniela Seel (037), Jannis Plastargias (039), Sibylle Luithlen (040), Lew Weisz (042), Angelika Maisch (059), Roman Held (071), Johanna Peil (073), Gabriel Yoran (079), Zoe Beck (081), Zora Debrunner (086), Mario Sixtus (090), Stanislaw Bastian (097), Florian Voß (101), AE Rutherford (103), V.S. Wagner (112), Christian Huberts (116), W. (122), Auguste von Blau (123) und Karola Sasse (Text 130).

Mit Version 2 verdoppelt sich der Umfang des Buchs: Ich las die Texte 136 bis 250 heute Abend Korrektur, und freue mich, dass das Buch auch mit diesem Update nie monoton oder schleppend wird.

Besonders empfehlen möchte ich – aus Version 2:

138 – Fabian Thomas
143 – Natalia Kauz
145 – Meike Rensch-Bergner
156 – Uwe Kalkowski
161 – Iris Hakelberg
162 – Tania Witte
167 – Joachim Göb
176 – Doris Lautenbach
183 – Inga Sawade
188 – Lola Gruenthal
189 – Marianne Landré Goldschneider
194 – Sabrina Sailer
198 – Susanne Becker
215 – Leopold Faltin
216 – Anthea Rubin
220 – Jessica Mancuso
222 – Claudia Wiedow
227 – Kristoffer Patrick Cornils
231 – Maximilian Buddenbohm
233 – Amaot Wurst
240 – Kinderdok

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  • sehr viele neue Autorinnen und Autoren aus Version 2 sind keine Berufs-Autoren. Stattdessen haben sie beruflich oder privat mit dem Tod zu tun, manchmal eine komplizierte oder dramatische Familiengeschichte, meist eigene, interessante und komplexe Verlusterfahrungen. Viele dieser neuen Texte sind unmittelbarer, härter und direkter.
  • gleichzeitig wird stilistisch viel probiert: bei Version 1 schrieben alle Beitragenden Texte, ohne das Gesamtprojekt zu kennen. Version 2 hat Listen und Dialoge, Textmontagen und kulturwissenschaftliche Register… und 10, 15 Prosatexte, Schauermärchen, Erzählungen, Monologe. Autor*innen fabulieren. Probieren sich aus. Wollen überraschen. Das meiste davon gelingt; nur der Mini-Trend „Ich bin ein frecher junger Mensch, treffe auf Gevatter Tod und geige ihm in einem witzig-melancholischen Dialog meine Meinung“ ermüdet und nervt mich.
  • besonders wichtig und interessant erschienen mir die vielen Texte, die über den Abschied von einem nicht-geliebten Menschen sprachen: Wie trauert man um eine jähzornige, kalte Mutter? Eine verbohrte Großmutter? Schwierige Klassenkameraden, Psychatrie-Mitbewohnerinnen, verkrachte Zufalls-Weggefährten?

Ich will in den kommenden Wochen tatsächlich volle 1000 Texte lesen – und ich bin unsicher, woher die 750 Autorinnen und Autoren kommen sollen, die fehlen, um das Projekt „korrekt“ zu Ende bringen.

Ein genaues Exposé, das die Texteinreichung, Termine und das Projekt erklärt, ist hier (Link – ein Update für Version 3 wird folgen).

Auch internationale Texte in anderen Sprachen sind erwünscht: für nicht-deutschsprachige Autorinnen und Autoren ist besonders die Facebook-Seite „Writing A Thousand Deaths“ (Link) eine gute erste Anlaufstelle. Ein Exposé auf Englisch wird folgen.

Klar wäre das „1000 Tode“-Projekt auch ein Erfolg, falls nur 350 oder 500 Texte zusammenkommen, am Ende. Tatsächlich aber lese ich die bisherigen Einreichungen mit so viel Gewinn und Begeisterung… ich will nicht aufhören.

Es GIBT Menschen mit interessanten Erfahrungen und Texten.

Es GIBT dieses Buchprojekt.

Und es gibt uns, als Leser*innen, Autor*innen, Multiplikator*innen: 

Meldet euch bei verlag@cfrohmann.com.

Sprecht mit den Menschen um euch herum, die als Mitleser, Mitschreiber denkbar sind.

pia ziefle 1000tode
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Christiane Frohmann (Hg.)

Tausend Tode schreiben. 1000 Texte über den Tod.

EUR 4,99

erhältlich bei Minimore.de.

Die besten Bücher 2015: erste Favoriten und Empfehlungen

romane 2015 wordpress.

Jeden Winter suche ich Romane / Neuerscheinungen und mache eine erste Liste für die Bücher des Jahres:

Eine erste Auswahl der literarischen Neuerscheinungen, die ich bis Ende des Jahres u.a. für ZEIT Online (an-)lesen, sichten, sortieren will.

Hier meine Auswahl für 2015. Ergänzungen / Empfehlungen sind willkommen – vielen Dank! Im Lauf der nächsten Wochen kommen noch ca. 200 weitere Titel.

Freundin W. hat die wichtigsten auf Deutsch erscheinenden Bücher 2015 hier aufgelistet – in einem Ranking bei Goodreads: Link.

Ich selbst habe im Dezember Buchcover 2015 gesammelt und nach Trends sortiert, hier.

Wo steckst du, Bernadette?

Focus

Umweg nach Hause, besser aber: Alles Über Lulu

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angelesen und gemocht:

Update, Frühling 2015. weitere Empfehlungen hier (Deutschlandradio Kultur, Link):

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01: CHIGOZIE OBIOMA, „Der dunkle Fluss“ / „The Fishermen“

  • Nigeria: Als ihr Vater plötzlich verschwindet, wollen zwei Brüder vom Fischfang leben.
  • Literarischer Thriller aus Sicht eines Neunjährigen.
  • 313 Seiten, 13. Februar 2015, Aufbau Verlag [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Der dunkle Fluss

02: JAN HIMMELFARB, „Sterndeutung“

  • Arthur Segal, Jude und Überlebender des Holocaust, lebt als Autohändler in der Ukraine: Anfang der 90er Jahre blickt er zurück auf sein Leben.
  • 394 Seiten, 19. Januar 2015, C.H. Beck [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Sterndeutung

03: MICHAEL FEHR, „Simeliberg“

  • Literarische Adaption eines Grimm-Märchens als Schweizer Hinterwäldler-Noir-Thriller in Versen und Mundart. (Wow.)
  • 144 Seiten, Februar 2015, Der gesunde Menschenverstand [Amazon | Leseprobe | Goodreads]

Simeliberg

04: TERÉZIA MORA, „nicht sterben“

  • Poetikvorlesungen einer meiner deutschsprachigen Lieblingsautorinnen.
  • 160 Seiten, 23. Februar 2015, Luchthand [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Nicht sterben

05: FAVEL PARRETT: „Der Himmel über uns“ / „When the Night Comes“

  • Atmosphärischer Mainstream-Roman über ein junges Mädchen in Hobart, Tasmanien, das sich mit einem Seefahrer befreundet.
  • (..die früheren Bücher Parretts haben noch bessere Kritiken.)
  • 220 Seiten, 14. Februar 2015, Hoffmann und Campe [Amazon | Ocelot | Goodreads]

When the Night Comes

05: NICOLAS BREUEL, „Schlossplatz, Berlin“

  • Ein nervöser, naiver (?) Bundestagsabgeordneter denkt während einer Zwangspause an der Nordsee neu über seine Ziele und Werte nach.
  • 280 Seiten, 1. März 2015, dtv [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Schlossplatz, Berlin

06: MARC DEGENS, „Fuckin‘ Sushi“

  • Coming of Age in Bonn: eine Schülerband schafft den Durchbruch. Zu welchem Preis?
  • 320 Seiten, 18. Februar 2015, Galiani [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Fuckin Sushi

07: LINUS REICHLIN, „In einem anderen Leben“

  • Ein Kunstfälscher in Berlin trifft auf die Jahrzehnte alten Lebenslügen seiner Eltern und seiner Jugend. Dick aufgetragen – aber sympathisch.
  • 384 Seiten, 29. Januar 2015, Galiani [Amazon | Ocelot | Goodreads]

In einem anderen Leben

08: DIETMAR SOUS, „Roxy“

  • Außenseiter- und Schulversagerroman über die 70er Jahre.
  • 144 Seiten, 13. Februar 2015, Transit [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Roxy

09: XIFAN YANG, „Als die Karpfen fliegen lernten: China am Beispiel meiner Familie“

  • Xifan Yang, in Deutschland aufgewachsen, schreibt über ihre Eltern und Großeltern.
  • 335 Seiten, 23. Februar 2015, Hanser Berlin [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Als die Karpfen fliegen lernten: China am Beispiel meiner Familie

10: LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI, „Die Welt voran“

  • Kurzgeschichten, Sprachexperimente, Verwirrspiele: experimentelle Prosastücke des ungarischen Avantgarde-Erzählers.
  • 416 Seiten, 19. Februar 2015, S. Fischer [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Die Welt voran

11: SIFISO MZOBE, „Young Blood“

  • Young-Adult-Literatur aus Südafrika: ein junger schwarzer Schulabbrecher wird zum Kriminellen.
  • 274 Seiten, 16. Februar 2015, Peter Hammer [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Young Blood

12: TOM DRURY, „Das stille Land“ / „The driftless Area“

  • Eine Affäre in der Provinz, eine allein lebende Nachbarin und eine Kette aus Zufällen… oder geheimen Plänen?
  • 216 Seiten, 31. Januar 2015, Klett-Cotta [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Das stille Land

13: ARNO GEIGER, „Selbstportrait mit Flusspferd“

  • Nach einer Trennung verbringt ein Veterinärsstudent einen Sommer mit der Pflege eines Zwergflusspferdes. Schönes Sommerbuch? Oder Kitsch?
  • 288 Seiten, 2. Februar 2015, Hanser [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Selbstporträt mit Flusspferd

14: DAGNY GIOULAMI, „Alle Geschichten, die ich kenne“

  • Schrulliger, leichter Südosteuropa-Roman über eine junge Frau aus Zürich, die spontan nach Griechenland reist.
  • 160 Seiten, Februar 2015, weissbooks [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Alle Geschichten, die ich kenne: Roman

15: SIBYLLE KNAUSS, „Das Liebesgedächtnis“

  • Eine Schriftstellerin wird im Alter dement… und schreibt gegen den eigenen Verfall an.
  • 192 Seiten, 9. Februar 2015, Verlag Klöpfer & Meyer [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Das Liebesgedächtnis

16: MICHÉLE BERNSTEIN, „Alle Pferde des Königs“

  • Hipster-Literatur, im Original erschienen 1960:
  • Bernstein, eine junge Situationistin, parodiert den psychologischen Roman Frankreichs so geschickt und erfolreich, dass ihr (ironisches?) Buch als großer Jugend- und Beziehungsroman gefeiert wird.
  • 128 Seiten, 25. Februar 2015, Edition Nautilus [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Alle Pferde des Königs

17: SEMJON VOLKOV, „Idiotenbus“

  • der Alltag eines jungen Mannes mit geistiger Behinderung in einer Werkstatt.
  • Rollenprosa, ein bisschen gewollt-drollig / lesebühnenhaft.
  • 200 Seiten, 12. Januar 2015, Verlag tredition [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Idiotenbus

18: FLORIAN GANTNER, „Trockenschwimmer“

  • Ein junger, melancholischer Versager in Österreich blickt zurück auf seine Alltags-Niederlagen… und ein (kleines) Verbrechen.
  • 192 Seiten, 12. Februar 2015, Edition Laurin [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Trockenschwimmer

19: RICHARD McGUIRE, „Hier“ / „Here“

  • der selbe Bildausschnitt, immer neu über ganze Epochen hinweg gezeigt:
  • Graphic Novel über Zeit und Wandel.
  • 300 Seiten, 10. Dezember 2014, Dumont [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Hier

Die Belagerung von Krishnapur

Butcher's Crossing

The Blazing World

We Are All Completely Beside Ourselves

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neue deutsche / deutschsprachige Titel:

  • Daniel Kehlmann: „Kommt, Geister“, Poetik-Vorlesungen in Frankfurt 2014. (Rowohlt, 224 Seiten, 6. März 2015.)
  • Stefan Gärtner: „Putins Weiber“, Werbetexter mit kriselnder Beziehung besucht alle Frauen seiner Vergangenheit: ‚the ones that got away‘. (Rowohlt Berlin, 256 Seiten, 24. April 2015.)
  • Killen McNeill: „Am Fluss“, 1968 verbringen vier Jugendliche einen Sommer an der Donau. Jahrzehnte später treffen sich die Überlebenden: McNeill lebt in Deutschland und schrieb bisher meist Krimis. (ars vivendi, 288 Seiten, 30. April 2015.)
  • Volker Hage: „Die freie Liebe“, Student aus Lübeck verliebt sich im München der 70er Jahre in seine Mitbewohnerin: „‚Jules et Jim‘ in Schwabing“ (Luchterhand, 160 Seiten, 11. Mai 2015.)
  • [Hildesheim-Absolventin / Freundin] Vea Kaiser: „Makarionissi, oder: Die Insel der Seligen“, episch-skurriler Familienroman „von Griechenland bis Niedersachsen, von den Fünfzigerjahren bis in die Gegenwart“ (Kiepenheuer & Witsch, noch keine Seitenzahl angekündigt, 11. Mai 2015.)

Makarionissi oder Die Insel der Seligen

  • Ralf Rothmann: „Im Frühling Sterben“, zwei siebzehnjährige Freunde aus Norddeutschland werden 1945 zur Waffen-SS zwangsrekrutiert und landen in Ungarn (Suhrkamp, 200 Seiten, 9. Mai 2015.)
  • Ruth Schweikert: „Wie wir älter werden“, Familienroman über das Alter aus wechselnden Perspektiven dreier Generationen (S. Fischer, 256 Seiten, 21. Mai 2015.)
  • Christiane Neudecker: „Sommernovelle“: An Pfingsten 1989 fahren zwei junge, idealistische Freundinnen an die Nordsee, um auf einer traurigen Beobachtungs-Station für Vögel auszuhelfen. (Luchterhand, 160 Seiten, 25. Mai 2015.)

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vielversprechende Übersetzungen – neu auf Deutsch:

Herrlichkeit

Der Junge, den es nicht gab

Egenmäktigt förfarande: En roman om kärlek

The Thrill of it All

Wenn der Wind singt / Pinball 1973

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Übersetzungen – mit schlechten Kritiken:

  • Boris Razon: „Palladium“, junger Journalist in Paris „erkrankt am Guillain-Barré-Syndrom, einer lebensbedrohlichen Nervenentzündung, die zur vollkommenen Lähmung führen kann“ (Ullstein, 336 Seiten, 8. Mai 2015. Goodreads: 3.23 von 5)

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angelesen – und nicht gemocht:

How It All Began

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interessante Auslandstitel, noch ohne Wertung:

  • Michail Ossorgin: „Eine Straße in Moskau“, wiederentdeckter Montage-Roman über Moskau, 1914 bis 1920 (Die Andere Bibliothek, 500 Seiten, 20. Juli 2015.)

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verwandte Links:

und, jeden Monat neu:

Underdog Literature: 15 unbekanntere Bücher (Link; monatlich neu)

„neue Bücher 2015“-Listen anderer Blogs:

…gesammelt von Muromez (Link)

guter Journalismus, tolle Texte: Empfehlungen

Underdog Literature WordPress December 2013.

ein Text pro Tag.

deutschsprachig, hintergründig, zeitlos:

seit Neujahr sammle ich Blogposts, Reportagen, Essays, Interviews unter dem Hashtag #textdestages auf meinen Facebook-Profil.

hier sind die ersten zehn. große Empfehlung! markante Stimmen. interessante Thesen. Qualitätsjournalismus, den ich gerne las – und teilen will!

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010. Familie, Altersarmut, Väter:

„Altern und Würde. Bitte, Papa.“

Marlene Halser über ihren Vater, allein auf dem Land, verschuldet, trotzig und stolz. (persönliche Reportage, taz 2014)

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009. Depression, Trauerarbeit, Effizienz:

„Verlust eines lieben Menschen: Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!“

Andrea Freund über Trauer als Krankheit, kollektive Bewältigung und die Ungeduld von Arbeitgebern und Nicht-Betroffenen. (Kulturkritik, FAZ 2014)

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008. Neukölln, Verdrängung, Widerstand:

„‚Freies Neukölln‘ muss schließen: ‚Das ist nicht mehr mein Berlin'“

Annett Heide und Susanne Lenz interviewen den Kneipier Matthias Merkle, dem Neukölln nach 8 Jahren zu teuer wird. (Interview, Berliner Zeitung 2014)

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007. Romantik, Ehe, Kitsch:

„Egoistische Zweisamkeit: Ersatzreligion Liebe“

Markus Günther über Paare, die romantische Liebe zum Lebenszweck überhöhen. (Essay / Kulturkritik, FAZ 2014)

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006. Muße, Abschalten, Inspiration:

„Hirnforschung. Warum Nichtstun uns die besten Ideen beschert“

Ulrich Schnabel erklärt neurologisch und kulturwissenschaftlich, woher gute Ideen kommen und wie Pausen dem Hirn nutzen. (Wissenschaft, ZEIT 2010)

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005. Nachtruhe, Reichtum, bürgerliches München:

„Spätkauf in der Innenstadt: München hat jetzt auch einen Späti“

Lena Schnabl trifft Franz Huemer – den Betreiber des ersten Nacht-Kiosk in Münchens Innenstadt. Ein toller Vergleich zwischen Kunden in München und Berlin. (Portrait, Berliner Zeitung, 2014)

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004. Rassismus, Identität, Kindergarten:

„Perspektivwechsel. Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle“

Tupoka Ogette wünscht sich, dass ihr Schwarzer Sohn empowernde Erfahrungen macht – auch im Kindergarten. (Essay / persönliche Kolumne, Migazin 2014)

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003. Big Data, Werbung, deutsche Provinz:

„Marktforschung in Haßloch. Das ist Deutschland“

In einer Kleinstadt in der Pfalz werden neue Produkte getestet: Ist Haßloch das „typisch“ deutsch? Wie wird dort gewohnt, konsumiert… und geforscht?, fragt Gerhard Waldherr. (Reportage, brand eins 2014)

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002. Behinderung, Freak Shows, deutsche Provinz:

„Besuch in der Kleinstadt. In einem Freizeitpark in Rheinland-Pfalz wurden kleinwüchsige Menschen bis in die Neunzigerjahre ausgestellt wie Märchenfiguren.“

Till Krause fragt sich, was aus den Bewohner*innen der „Liliputaner-Stadt“ im Holiday Park (Haßloch in der Pfalz) wurde, die er als Kind bestaunte. (Reportage / Portraits, Süddeutsche Zeitung 2013)

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001. Männlichkeit und Konsum – unfreiwillig komisch:

„Steak unter Würstchen. Prophet der Mannwerdung: Frank Hofmann, Chefredakteur von ‚Men’s Health'“

Lutz Kinkel schreibt ein grandios beobachtetes absurdes Portrait über die Männerzeitschrift ‚Men’s Health‘, ihre ‚Philosophie‘ und den damaligen Chefredakteur. (Portrait / Kulturkritik, ZEIT 2000)

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ich bin freier Journalist – und Literaturkritiker. Buchtipps und Empfehlungen u.a. hier (Link)

PEGIDA, Verbote, Charlie Hebdo: „Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?“

turtles issue 291Heft 29 von „Teenage Mutant Ninja Turtles“, Cover von Ross Campbell, mehr hier..

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In China kann man Schildkröten kaufen – als Schlüsselanhänger. Lebende Tiere, in Plastik eingeschweißt, ohne viel Bewegungsraum in bunt gefärbtem Wasser: Verhungern sie? Ersticken sie? Wer kauft sie – und wer schweißt sie ein? Gibt es eine Nachfrage, einen Markt? Tausende Abnehmer? Lebt dort ein einziger zynischer Händler, irgendwo? Oder eine ganze Industrie? Millionen Kunden? Und jetzt, wo ich das weiß: Weiß ich damit auch “etwas über China”? Oder nur über eine einzelne, traurige Randfigur?
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Um das zu wissen, müsste ich Links öffnen und Texte lesen. Nachfragen stellen, deutsche und englische Quellen vergleichen – am besten gleich: chinesische Freunde fragen.
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Denn fast jeder kennt die Fotos, sah kurz die Meldungen auf der GMX-Startseite oder im “Vermischtes”-Teil von Plattformen wie Focus oder Stern. Vielleicht auch im persönlichen Newsfeed auf Facebook: Ich bin recht sicher, dass gut ein Drittel meiner Freunde seit zwei, drei Jahren von diesen Schildkröten-Anhängern wissen – und immer weiter davon hören, immer wieder, nebenbei. Höre ich selbst “Schildkröte” oder “Schlüsselanhänger” mittlerweile, denke ich: “China”! Sagt jemand “Straßenhändler”, denke ich sofort an sterbende Tiere – und zynische Asiaten.
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Tiefer aber reicht mein Wissen nicht. Denn tiefer reicht mein Interesse nicht: Auch in einer Welt, in der Schildkröten laminiert werden, muss ich aufstehen, essen, mich über Wasser halten, schlafen. Tierrechte sind mir nicht wichtig genug, als dass mich solche Meldungen aus der Bahn stoßen würden. Ich halte das aus, mental. Ich sehe weder Handlungsbedarf – noch Handlungsmöglichkeit. Ich sehe mich nicht mal in der Pflicht, mich eigenständig und besser darüber zu informieren.
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Mein großes Glück: Ich bin nicht hilflos, unglücklich, frustriert darüber, dass ich gern handeln würde… aber keine Optionen finde: Mich lähmt das nicht. Mich schmerzt das kaum. Werden Fotos dieser Schildkröten durch meine Medienwelt gespült, dann sehe ich Schildkröten. Nicht: Belege meiner eigenen Hilfs-, Macht- und Wirkungslosigkeit.
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“Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?” fragen Medien und laden uns ein, immer wütender zu werden: über globale Ungerechtigkeiten – und über einzelne Sätze, Ansichten, Entscheidungen und Marotten einzelner Menschen. Über eine Frau (in China!), die junge Kätzchen tottrampelt in hochhackigen Schuhen. Über blöde Leute auf Twitter, bornierte Redner im TV, Nicht-Freunde mit anderen Meinungen in meiner Timeline, Unsympathen auf der Straße. So vieles sehe ich anders. So vieles gefällt mir nicht.
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Als Leser, Social-Media-Nutzer und Medienkonsument werden mir täglich Hunderte Schnipsel gezeigt, zu denen ich mich positionieren soll. Alles wird mir vorgelegt, oft mit der Einladung, zu kommentieren, abzustimmen, zu unterstützen oder mich zu empören. Ich soll eine Meinung entwickeln. Mehr noch: eine echte Haltung. Und dann die Konsequenzen ziehen aus dieser Haltung – als Leser, als Nachbar, als Fan, als Kommentator, als Konsument, als Wähler.
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15.000 Menschen gehen in Dresden auf die Straße, gegen die “Islamisierung des Abendlandes”. 12 Redakteurinnen und Redakteure der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo werden hingerichtet – wegen Karikaturen und Satire. In meiner Facebook-Timeline versuchen Freundinnen und Freunde seit Stunden semi-öffentlich, ihre Gedanken zu ordnen. Eine Haltung zu finden. Sich weiter zu informieren und Zeugnis abzulegen: “Nehme ich das hin? Lässt mich das kalt? Seht her: DAS macht es gerade mit meinem Kopf, meinem Herzen und meinen Haltungen. Und mit euch? Lasst uns reden!”
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Die Welt ist fairer, offener, humaner als vor 2000 Jahren. Vor 80 Jahren. Oder auch nur vor 20! Für viele von uns wuchsen die Möglichkeiten, sich auszudrücken, zu vernetzen, zu sprechen, sich zu informieren. Überall sind Widersprüche, Ungerechtigkeiten – Dinge, die mich wütend machen. Oder wütend machen sollten. Oder, wie die Schildkröten – verstören, weil ich nicht weiß, wie viel Wut angemessen ist, und was aus dieser Wut, Empörung, Überforderung, Hilflosigkeit erwachsen sollte.
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Obwohl Verbrechensraten fallen, setzen die meisten Zuschauer von Nachrichtenmagazinen Gewalttaten und Chaos als immer alltäglicher und erwartbarer voraus. Die Welt erscheint kaputter, haltloser, willkürlicher, unerträglicher – weil uns bei jedem Klick ein Dutzend neuer Belege dazu vor Augen stehen. Meine Wut- und Traurigkeits-Reserven kommen nicht mit bei all den Angeboten, die mir Journalismus, Aktivisten und Freunde zehnmal pro (Online-Lese-)Stunde machen. Trauer? Wut? Fassungslosigkeit? Überall spülen genug Dinge durch, die uns solche Gefühle abnötigen wollen. Und die unser Mitleid, unsere Empörung unbedingt “verdienen”.
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Vielleicht bin ich ganz gut im Ab- und Umschalten und Mich-aufs-Wesentliche-Konzentrieren. Vielleicht bin ich verroht, stumpf, egozentrisch. Vielleicht habe ich nur Glück: Wut liegt mir eher fern. Trotzdem verstehe ich PEGIDA-Demonstrant*innen, Kommentarschreiber*innen, “Wutbürger”, denen sich die Welt nicht mehr als Spektrum darstellt, als Raum und Ort für Stimmen und Kulturen und die verschiedensten Kontexte, Lebensentwürfe, Widersprüche. Sondern als Lawine und kreischiges Durcheinander aus Tabubrüchen, Willkür, Angst und Chaos. “Lässt Sie das kalt? Nehmen Sie das hin? Finden Sie das etwa richtig hier? Stimmen Sie jetzt ab!”
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“Du schreibst zu viel auf Facebook”, warnte mich Freundin S. vor Weihnachten: “Damit tust du dir keinen Gefallen!” – “Das sind oft tolle Gespräche Ich mag diese Debatten!” – “Du machst dich angreifbar, Stefan: Positionierst dich viel zu sehr. Du schaffst dir mindestens so viele Feinde damit wie neue Freunde.” Für jede Person, die irgendwo “gefällt mir” drückt, gibt es auch jemanden, der mit den Augen rollt und denkt: “DAS sehe ich ganz, ganz anders!”
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Mich begeistert, dass keine Schildkröte mehr irgendwo in China laminiert werden kann, ohne, dass Aktivisten oder Whistleblower, Politiker und engagierte Privatpersonen, Medien und besorgte Freunde helfen, diese Schildkröte sichtbar zu machen.
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Aber mich beklemmt, dass jeder Schritt, den jeder Mensch für sich nehmen darf (und wirklich: so viel Handlungsspielraum und Eigenwirksamkeit bleibt eh den wenigsten!) global als Einladung zu einer Pro-und-Kontra-“Debatte” verstanden wird: Nehme ich das hin? Finde ich das richtig? Verschleierte Frauen? Kurze Röcke? Dicke Kinder? Jagd auf Singvögel? Leihmutterschaft und Social Freezing? Nicken wir das ab? Winken wir das durch? Können wir ertragen, in einer Welt zu leben, in der Menschen andere Prioritäten setzen, andere Vorstellungen haben von Gerechtigkeit, Selbstverwirklichung, Freiheit und Glück? Wo wird es uns zu fremd? Zu bunt?
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Ich lese Artikel und private Reaktionen auf die Attentate in Paris, seit heute Mittag. Ich sehe Freunden zu, wie sie seit Wochen semi-öffentlich versuchen, eine Haltung zu PEGIDA zu finden: Entfreunden oder im Gespräch bleiben? Verlachen oder streiten? Zeichen setzen? Wie?
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Habe ich nur Glück? Dass tote Schildkröten mir keinen Schlaf rauben? Ich stelle mir Leserinnen und Leser vor, seit 10 und mehr Jahren online, die jeden Tag 20, 50 Dinge sehen, die sie verstören: Mormonen dürfen mehrere Frauen heiraten. Konzerne dürfen Kinder Schuhe, Kleidung, Fußbälle nähen lassen. Politiker akzeptieren Spenden aus der Industrie, Menschen ändern ihr Geschlecht und ihren Namen, Leute demonstrieren – gegen dich und deine Kultur und Journalisten, Satiriker, “Eliten” machen sich lustig über die Art, wie du dich kleidest, wohnst und sprichst. Was sich gehört, was gut und richtig ist, wer Erfolg hat, wer aufsteigt entscheiden andere.
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Du stehst im Aus. Deine Mails und Bankbewegungen werden überwacht. Das Job Center droht mit Sanktionen. Du darfst nur draußen rauchen. Leute lachen über deine Frisur, deine Kinder, deine Musik. Man trägt dir nach, dass du trinkst. Oder nicht trinkst. Dass du viel billiges Fleisch kaufst. Oder kein Schwein isst. Immer wieder werden Worte, Ausdrücke plötzlich verboten. Viele alte Witze sind tabu. Alle um dich herum berufen sich auf ihre Befindlichkeiten und Rechte, ihre “Geschichte” und “Kultur” – nur du sollst bitte schweigen, aussterben, verschwinden. Und vorher lebenslang auf Leute Rücksicht nehmen, die sich eh alles erlauben dürfen.
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Nie waren globale Ungerechtigkeiten sichtbarer.

Nie wurde ich eingeladen, mehr und schneller zu urteilen. Über alles.

Nie hatte jeder Einzelne mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken.

Nie hatte jeder Einzelne mehr Pflichten, sich öffentlich zu positionieren.

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Und nie herrschte trotz dieser dauernden Positionierungs-Tänze und -Zwänge weniger Bewegungsraum: Wir werden pausenlos eingeladen, wütend zu werden. Über Dinge, die wir kaum verstehen und selten ändern können. Wir fühlen uns machtlos, überstimmt, abgehängt und furchtbar schlecht informiert. Leben in der Angst, dass jederzeit tausend furchtbare, willkürliche Dinge entschieden werden können. Gleichzeitig werden alle von allen kontrolliert. Beobachtet. Bewertet. Jeder steht unter sozialem Druck. Die falsche Meinung, Haltung kann entlarven, ausgrenzen, ruinieren.
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Ich habe noch keine “Haltung”, keine abschließende, kluge These zu PEGIDA und dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Wütend bin ich heute Abend vor allem auf eine Medienlandschaft, die mich 20, 50 Mal pro Tag fragt: “Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt? Bist du dafür oder dagegen?” und dabei nur Empörung, Wut aufpeitschen will. Ein Flüchtlingsheim – bei uns? Nebenan? Eine Zeitung – die meine Religion verspottet? Islamisten – die Europa bedrohen? Flüchtlinge – die an den Grenzen Europas sterben? Eine Frau – verschleiert? Eine Frau – zu dick? Eine Frau – mit 18 Kindern? Eine Schildkröte – in Plastik eingeschweißt? Ein Veggie-Day? Ein Rauchverbot?
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Und jetzt? Wie fühlst du dich? Soll das so sein? Soll das so bleiben? Stimm ab! Schimpfe los!

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, schreibt für ZEIT Online, Deutschlandradio Kultur, den Berliner Tagesspiegel und das Magazin Kulturaustausch. Er empfiehlt Bücher bei Büchergilde Gutenberg und monatlich im Blog, war Finalist des 20. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin und 2012 Preisträger des Dietrich-Oppenberg-Sonderpreis der Stiftung Lesen.