Stephan Porombka: 100 Fragen

stp titel - Bildrechte bei Stephan Porombka

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Ende 2013 postete ich, dass ich zwei wichtige persönliche Texte fertig habe:

Text 1 war mein Interview mit Maximilian Mosher über die Geldprobleme, Ängste, Schwierigkeiten als freier Kulturjournalist (Link).

Text 2 war eine Überraschung – die ich erst jetzt noch einmal teilen / bloggen kann:

Von 2003 bis 2008 lebte ich in Hildesheim. Studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Und lernte bei / schrieb für / arbeitete mit einem der besten und radikalsten Dozenten jenseits von Hogwarts:

Stephan Porombka (Details) war von 2003 bis 2013 Professor für Literaturwissenschaft und Kulturjournalismus.

Ich besuchte…

  • Ethnographisches Schreiben (SS 2007/08)
  • Literaturtheorie (WS 2006/07)
  • Literatur und Arbeitswelt (SS 2006)
  • Schreiben für lit-radio/lit05 (SS 2005/06)
  • Das erzählende Sachbuch (SS 2005)
  • Kultur, Literatur, Journalismus. (WS 2004/05)
  • Autobiographie (WS 2004/05)
  • Literatur und Radio (SS 2004)
  • Jetztzeit. Einführung in die Kulturwissenschaften (WS 2003/04)
  • Kriminalliteratur (WS 2003/04)
  • Einführung in den Kulturjournalismus (WS 2003/04)

…und arbeitete an zahllosen studentischen Buch-, Verlags-, Radio- und Netzprojekten.

Seit Sommersemester 2013 lehrt Stephan als Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin (Link)… und nach Abschied aus Hildesheim starteten Freunde, Ex-Studierende und Kollegen ein kleines Buchprojekt mit persönlichen Abschieds- und Erinnerungstexten.

Ich selbst schrieb im Oktober 2013 den folgenden Text – fast eine Woche lang, in New York: nostalgisch, euphorisch, nervös.

Stephan ist der Lehrende, der mir am meisten beibrachte. Und dessen Haltung als Denker / Schreibender / Akademiker und Netz-Jetztzeit-Gegenwarts-Beobachter mir plausibler wurde / näher kam als die jedes anderen deutschen Journalisten.

Viele sagen: Stephan Porombka ist das Beste, das Twitter zu bieten hat.

Für mich ist dieser Twitter-stp noch der langweiligste Teil.

Obwohl: die Selfies sind toll. Und die habe ich – zur Illustration dieses Blog-Posts – auch reichlich geklaut. Also: alle Bildrechte aller hier geposteten Fotos liegen weiterhin bei Stephan Porombka.

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stp 01 - Bildrechte bei Stephan Porombka

Lieber Stephan,

001 Wann wurdest du zuletzt bedroht, beleidigt oder ausgelacht?

002 Wofür würdest du gerne gelobt oder bewundert werden?

003 Wenn du als Gauner, Ganove leben müsstest – welche Sorte Verbrechen wäre dein Tagesgeschäft?

004 Sind Schuhe das Kleidungsstück, bei dem du dir am meisten Mühe gibst?

005 In welchem Alter hast du dein erstes Tattoo stechen lassen: erst Ende 30, Anfang 40?

006 Verkleidest du dich gern? Was war das aufwändigste Kostüm, das du je trugst?

007 Gibt es wichtige platonische Frauen in deinem Leben?

008 Wo hast du Selbstironie gelernt?

009 Reißt du absichtlich die Augen auf, sobald man dir Fragen stellt / du angestrengt zuhörst?

010 Du wurdest 1967 geboren, in Salzgitter. Wann klafften Zeitgeist und dein eigenes Leben am weitesten auseinander…? Welches dieser 45, 46 Jahre passte bisher am wenigsten zu dir?

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stp 02 - Bildrechte Stephan Porombka
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011 Hast du Brüder oder Schwestern? Ich wäre überrascht, falls es eine große, prägende Porombka-Sippe gibt.

012 Was mich sonst wundern würde: Du spielst ein Instrument. Du opferst Zeit für Videospiele. Du kochst gerne und ambitioniert. Du hast ein Herz für Katzen, Pflanzen, Fische. Du unterhältst dich lebhaft mit älteren Frauen. Du bist Fan einer Sportmannschaft, gläubig oder in gemeinnützigen Vereinen aktiv.

013 Warum fährst du kein Auto?

014 Tanzt du? Ich sehe dich als energischen, zu konzentrierten Tänzer.

015 Hast du vor Jahren auf Facebook ein Foto geteilt, das dich bei der Partnerwahl einer Tanzschule zeigt? Falls ja: Hast du als Schüler einen Tanzkurs, aber keinen Führerschein gemacht? Wozu?

016 Welchem Menschen bist du am meisten schuldig?

017 Wer ist dir ebenbürtig und kann dich gut verstehen?

018 Du hast zu Schulzeiten einen Band Gedichte veröffentlicht, „Eisblock“. Wann hast du aufgehört, Gedichte zu schreiben? Hast du erreicht, was du mit ihnen erreichen wolltest?

019 Wolltest du Gedichte schreiben – oder Dichter sein?

020 Gibt es Trends oder Haltungen aus deiner Kindheit, die heute verkümmert sind, dir fehlen? Lebst du in einer fundamental anderen Zukunft, als du als Jugendlicher hofftest?

stp 03 - Bildrechte Stephan Porombka.

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021 Hast du eine große, enttäuschte Liebe oder aufgehört, Fan eines Regisseurs, Künstlers, Autors zu sein?

022 Du stehst mit Popper-Frisur und hochnervösem Blick circa neunzehnjährig auf dem Cover eines Nostalgie-Buchs namens „Bohlweg-Zeiten – Die 80er in Braunschweig“. („Es war eine großartige Zeit. Braunschweig war groß genug, einer Jugend alles zu bieten. Und klein genug, dass man alles, auch das ganze seltsame Zeug, wirklich mitnehmen konnte.“) Wie bist du auf das Buch geraten? Falls diese Phase deines Lebens ein Buch wert war – warum haben es andere geschrieben, nicht du?

023 Wann hast du eine Psychoanalyse begonnen? Was hast du dir davon erhofft?

024 Hättest du gerne an einer Schreibschule wie Hildesheim studiert?

025 Als Erwachsener hast du Slam-Poetry, literarische Performances, Video-Slams gemacht; 2002 warst du als Nachwuchsautor beim Klagenfurter Literaturkurs. Hast du seitdem literarisch gearbeitet? Kommt da noch was?

026 Liegst du seit 35 Jahren abends mit einem Buch im Bett?

027 Liest du Bücher noch langsam und komplett – oder springst du hin und her, brichst ab, suchst Perlen?

028 Wie wichtig sind dir Raubkopien?

029 Wie hat dich das Internet verändert?

030 Wie hat es dir geschadet?

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stp 04 - Bildrechte Stephan Porombka

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031 Passen deine Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit deines Berufs und das Tempo, mit der sich die Gesellschaft deinen Themen und Vorlieben nähert (oder, öfter: sich von ihnen entfernt) zusammen?

032 Du hast Germanistik, Theaterwissenschaft und Politikwissenschaften an der Berliner FU studiert. Wie gelangweilt, frustriert, wie fehl am Platz, allein und unterfordert warst du an dieser Uni?

033 Als Nebenjob hast du Deutschkurse geleitet, für Migranten. Wie humorvoll, charmant, wie überdreht, verspielt, motiviert warst du vor diesem Publikum?

034 1999 hast du über Hypertext promoviert. Anfang der 90er, für kurze Zeit, wurden solche Textformen von allen Seiten beachtet und bestaunt. Später kuckte man auf sie zurück wie auf Marusha, Bauchnabelpiercings oder das Wort „Datenautobahn“: Einerseits bist du Experte für diese frühe (literarische) Aufbruchs-Euphorie im Netz. Andererseits schien es später, als hättest du auf eine falsche Karte gesetzt, in Sackgassen geforscht, Knallfrösche gejagt. Und heute? Lohnt sich der Blick zurück? Waren Hypertexte prägend? Willst du das alles nochmal aufarbeiten, mit uns teilen?

035 Hältst du deinen Beruf für wichtig?

036 Was denkt deine acht- oder neunjährige Tochter über deine Arbeit?

037 Wie reagierst du, falls sie in zehn Jahren sagt: „Ich möchte irgendwas mit Kultur machen. Einfach irgendwas! Am besten, ich probiere mich an einer verschlafenen Uni wie Hildesheim ein paar Semester lang aus…“?

038 Bis vor zehn Jahren hast du an der Berliner Humboldt-Universität gelehrt. Als Juniorprofessor im Herbst 2003, in meinem ersten / deinem zweiten Hildesheimer Semester, hast du ein Seminar über Krimis geleitet; 2005 ein Seminar über Autobiografien. Interessieren dich Krimis? Autobiografien? Oder interessiert dich, die Regelhaftigkeit und Kniffe verschiedener Formen aufzuschlüsseln?

039 Musst du dich oft mit den Eltern von Studenten auseinandersetzen? Fühlst du dich dabei den Eltern oder den Studierenden näher?

040 Sagst du „Studenten“ oder „Studierende“? Werden Feministen wütend, wenn du „Studenten“ sagst?

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stp 04 - Bildrechte Stephan Porombka

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041 Ich kenne keinen Moment aus den letzten zehn Jahren, zu dem du Deutschland verlassen hast: Gehörst du hierher? Möchtest du (allein) in diesem Kulturraum schreiben, leben, sterben?

042 Gehörst du nach Berlin? Bist du Berliner? Wenn nicht: Was fehlt dir noch?

043 Andererseits hast du Salzgitter, Braunschweig: Du hast das Magazin der Autostadt Wolfsburg betreut und in Hildesheim absurde Mengen journalistischer Projekte mit lokalem Fokus forciert – Snapshots und Alltagstexte, ganz nah am (profanen) Leben der Stadt. „Hildesheim schön trinken“ über teilnehmende Beobachtungen in Kneipen, die „Fahrtenschreiber“-Protokolle über das Busliniennetz, wöchentliche Powerpoint-Präsentationen mit je 100 Fotos aus dem Straßenbild: Was bedeuten dir die Provinz und ihre kleinen, abgewirtschafteten Städte?

044 Gibt es Glamour in deinem Leben?

045 Warst du schon in dem Alter, das am besten zu dir passt – oder denkst du, es kommt noch?

046 In welchem Alter mochtest du dich am meisten?

047 Wir beide fotografieren uns oft selbst. Ich tue das nicht, weil ich mich mag – sondern, weil ich bei Fotos aus seltsamen Perspektiven oft denke „Oh. Aus DIESEM Winkel geht es, eigentlich…“ Gefällst du dir? Magst du deinen Körper?

048 Zu Beginn meines Studiums hatten deine Vorlesungen oft Show-Einlagen: Kurzfilme, eine Band, Live-Musiker, Verlosungen, Wettbewerbe… Zitate aus Theater oder Samstagabend-TV. Für viele Leute bist du der Professor, der den Moonwalk tanzt und in seiner Antrittsvorlesung „Rhetorik Reloaded“ ein Dutzend Lacher, Pointen platziert. An wem hast du dich dabei orientiert? Wovon hast du gelernt?

049 Was macht einen guten Lehrer aus?

050 Die Leute, die am meisten Angst vor dir hatten oder dich irgendwann hassten, waren Typen, die klare Strukturen wünschten: Wer Regeln wollte, war verwirrt oder verärgert.

051 (Ich selbst wollte keine. Und bin für die „Los: Macht! Sucht eine Richtung – und versucht, so weit / tief wie möglich vorzudringen!“-Freiheit vieler deiner Projekte sehr, sehr dankbar.)

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stp 05 - Bildrechte Stephan Porombka

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052 Gibt es Leute, von denen du nicht gemocht oder verstanden werden willst?

053 Gibt es Literaturbetriebs-Gestalten, mit denen du auf Kriegsfuß stehst?

054 Die meisten deiner (universitären) Buch-, Web-, Seminarprojekte haben eine Doppelspitze – du arbeitest mit Annett Gröschner, Steffen Martus, Guido Graf usw., und oft schaffen diese Zweier-Teams eine sympathische Dynamik. Meist herrscht die Aufteilung „guter Bulle / Quatschkopf-Bulle“. Aber: Möchtest du nicht mal NICHT „der Verrückte“ sein?

055 Du exponierst dich stärker als Mathias Mertens – ein oft zurückhaltender, bedachter Hildesheimer Medien-Professor – und führst dich selbst mit großem Genuss und Sarkasmus vor. 2009 begann Mathias, über Performanz beim Luftgitarre-Spielen zu forschen, gründete eine Luftrock-Band und nahm an Deutschland- und Weltmeisterschaften teil. Alle riefen: „Charmant. Wie mutig!“ Hättest du auf solchen Bühnen stehen können, wollen? Ich denke, der Backlash wäre härter gewesen: „Typisch Stephan. Heute also Luftgitarren-Clown. Was will er sich beweisen?“

056 Auf meine Frage, warum du nicht ständig im Fernsehen bist, bei „Kulturzeit“ o.ä., hast du recht karg geantwortet: „Das musst du das Fernsehen fragen, nicht mich.“

057 Andererseits bist du auf dem besten Weg, ein Star auf Twitter zu werden. Mich macht es müde, Tweets zu schreiben, kurze Einwürfe, Wortspiele, Aphorismen. Ich überlege mich dusslig. Du feuerst das so raus: Kommt diese Kurzform deinem Denken, Tempo, Kommunikationsbedürfnis am nächsten?

058 Sind deine Tweets allein für heute, jetzt? Sammelst du sie irgendwo, für ein Projekt – oder sollen sie flüchtig bleiben, verpuffen?

059 Auf deiner Website zitierst du Andy Warhol: „Besorgen Sie sich für jeden Monat einen Karton, werfen Sie dort alles hinein und kleben Sie ihn am Ende des Monats zu. Dann datieren Sie ihn und schicken ihn nach New Jersey rüber. Versuchen Sie, ihn im Auge zu behalten, aber wenn das nicht klappt und er verloren geht, ist das auch okay, denn dann gibt es weniger Sachen, über die Sie nachdenken müssen, und Sie sind eine weitere geistige Bürde los. Ich habe auch mit Schrankkoffern und überzähligen Möbelstücken angefangen, aber dann ging ich auf die Suche nach etwas Besserem, und jetzt tue ich alles in gleich große braune Pappschachteln mit einem farbigen Aufkleber an der Seite für den Monat des betreffenden Jahres.“ Sind Tweets und Facebook-Postings eine Möglichkeit für dich, „geistige Bürden“ auszusondern?

060 Du magst Quantified-Self-Projekte, Self-Tracking, Archive, Zettelkästen; protokollierst deine Bücher öffentlich via Goodreads, deine Songs via Spotify, deine Jogging-Routen via Runtastic. Welche Informationen, Bilder, privaten Standpunkte willst du auf keinen Fall im Internet gefunden wissen?

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stp 06 - Bildrechte Stephan Porombka

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061 2011 warst du ein halbes Jahr lang nicht auf Facebook, um (wem… dir selbst?) zu zeigen, dass das klappt. Warum hast du nie einen Text über diese Offline-Zeit geschrieben?

062 Warum schreibst du nicht dauernd Texte – über alle möglichen Medien-Erfahrungen und -Routinen? Dein Lese-Verhalten, dein Buchkauf-Verhalten, deine Sammel- und Archiv-Strategien entsprechen fast nie der Masse: Erklär uns, wie du Bücher findest / Zeitung liest / Bookmarks setzt / Zitate sammelst / Ideen ordnest…!

063 Würdest du auf eine Demonstration gehen? Skandieren?

064 Würdest du anders leben und arbeiten, wenn du kein Geld verdienen müsstest?

065 Würdest du lieber gegen eine Ente kämpfen, die groß ist wie ein Pferd – oder gegen hundert Pferde in Enten-Größe?

066 Die Enten-Frage wurde im Nerd-Forum Reddit diskutiert – und ich bin sicher, dass auch du sie längst gefunden, durchdacht, besprochen, neu verdreht hast: Ist dir dieses kulturelle Voraus-Sein, Bescheidwissen wichtig?

067 Hast du deine Uni-Kollegen und Altersgenossen abgehängt – oder überrumpeln dich Zukunft und Alltag noch genau so oft wie uns?

068 Du bist Experte für das Nächste: die nächsten Schreibformen, die nächsten „Schriftkulturen“. Bist du ein Hahn („Der Tag bricht an! Der Himmel stürzt ein!“) oder eine Eule („Noch ist es Nacht: Macht euch nicht verrückt!“)…?

069 Gibt es Dinge, deren Sterben / Verfall dir grade das Herz bricht?

070 Hast du Angst um die Verlagslandschaft, den Qualitätsjournalismus, die Kunstform Roman, die Künstlersozialkasse, Deutschlands kulturelle Vielfalt, regionale Zeitungen, kleine Buchhandlungen, Literatur-Literatur, Autorenkino, den Bachmannpreis, die Netzneutralität, die freie Theaterszene, die Haptik des guten alten Hardcovers und / oder die Schreib-Zukunft und das finanzielle Auskommen z.B. deiner Ex-Studentin Vea Kaiser, deren Roman „Blasmusikpop“ raubkopiert und von Buch-Piraten zum Download angeboten wird (Vea: „Was ihr hier macht, ist nichts anderes als Diebstahl. Und ihr schämt euch nicht einmal. […] Ist euch bewusst, dass ihr damit die Autoren versklavt?“)…?

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stp 07 - Bildrechte Stephan Porombka

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071 Denkst du, es läuft – so generell, im Wesentlichen, in der Kultur?

072 Kannst du dir vorstellen, ein Magazin oder ein Verlags-Imprint zu leiten und es richtig krachen zu lassen?

073 Schaust du mit deiner Tochter hippe All-Ages-Serien wie „Adventure Time“, „My Little Pony“ und „Yo Gabba Gabba“?

074 Fühlst du dich in der Geisteswelt der Weimarer Republik daheim? Salons? Flaneure? „Menschen am Sonntag“? Walter Benjamin? Egon Erwin Kisch?

075 Strengt es dich an, immer neuen Menschen ähnliche Sachen von vorne zu erklären? Wer sind deine idealen Zuhörer: Leute, die bei Null starten – oder Leute, die schon in den Diskursen drin sind? Erstsemester? Alte Hasen? Amateure? Experten?

076 Mit Texten / Büchern erreichst du viel mehr Menschen, als wenn du ein Seminar für 30 oder 40 Studierende gibst: Warum reißt du dir Beine aus – vor einem so kleinen, flüchtigen Kreis?

077 Stört dich, dass viele Uni-Projekte, die du betreut hast, in Kleinverlagen wie Glück & Schiller und der Edition Pächterhaus erschienen sind und schon nach zwei, drei Jahren vergriffen waren? Hatten diese Bücher ihren Zweck, zu ihrer Zeit – oder glaubst du, sie sollten online, als ebook usw. ein zweites Leben führen? Und, im Blick auf diese vielen Hildesheimer Selbstvergewisserungs- und Reflektions-Projekte: War dein Studium ähnlich prägend / aufreibend wie meines?

078 Viele deiner Monografien und eigenständigen Publikationen handeln davon, mit welchen Kniffen Menschen einen bestimmten (falschen) Eindruck erwecken wollen: „Felix Krulls Erben. Die Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert.“ (2001), „Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung heute“ (2006). Welche Trickser, Inszenierungen stehen dir näher – die souveränen / erfolgreichen? Oder die gescheiterten?

079 Was ist der Kniff, der Clou, der große Trick an der Persona „Stephan Porombka, Professor für Kulturjournalismus“…?

080 Wenn dir Individualität so wichtig ist – warum fasziniert dich das Leben in Ameisenkollektiven?

stp 08 - Bildrechte Stephan Porombka.

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081 Im Frühsommer 2004, im zweiten Semester, fuhren wir nach Berlin, um mit Steffen Martus und Studenten der Humboldt-Universität am Web-Magazin www.lit04.de zu arbeiten. Ich hatte damals Angst, für ein Studium an der „Schreibschule“ Hildesheim viel zu wenig gelesen und verstanden zu haben: Du ludst uns in deine Wohnung, zu Kuchen, Fladenbrot und Hummus – und das größte Zimmer hatte eine fast zehn Meter breite, sehr hohe Altbau-Wand, verstellt von Büchern. Ich war entsetzt, erschlagen. Eingeschüchtert. Große Werkausgaben, Journalismus, Fachliteratur, neue Pop-Romane, ein Spider-Man-Sammelband, „Akira“, alle Sorten Klassiker und Exoten. Zwei Jahre vorher hatte ich Simone de Beauvoirs „Sie kam und blieb“ gelesen – und sogar DAS stand hier, in einem kleinen Bücherschrank, abseits, im Nebenzimmer. „Sie kam und blieb“ ist ein zerquälter, verkopfter, angestrengt psychologischer Roman über eine Künstler-Dreiecksbeziehung. Ich fand ihn toll – aber hätte schon damals fragen sollen: DU liest das? Du liest DAS? Warum dieses Buch? Die anderen 4000 Bücher in deiner Wohnung habe ich verstanden. Dieses eine nicht.

082 In Episode 20 von „Ally McBeal“ übernimmt Richard Fish die Verteidigung eines französischen Bistros, das einen Kellner wegen Heterosexualität gefeuert hat. Richard hält es für sinnvoll, dass Bistros gezielt schwule Kellner anwerben – weil Schwule kultivierter sind: „In ihrer Jugend sitzen sie die ganze Zeit herum und überlegen, warum sie schwul sind. Dann lesen sie Bücher. Das viele Lesen macht sie kultiviert.“ Warum hast DU so viel gelesen? Und welche persönliche Frage trieb dich in deiner Jugend um – und brauchte viel Zeit, beantwortet zu werden?

083 Ich kann recht gut mit einem Professor leben, der 20 Prozent cooler ist als ich. Doch deine Kalauer stacheln ständig Zweit- und Drittesemester-Gockel zu verzweifelten, schwitzigen „Herr Professor! Lass uns Buddies werden!“-Kampagnen an: Nerven dich all die Windhosen / Wirbelstürme aus angestrengter, gernegroßer Witzischkeit um dich herum? Jungs, die sich dir beweisen wollen?

084 Kannst du in Berlin auf die Straße kotzen, ohne Angst zu haben, dass ehemalige Hildesheimer zusehen?

085 Kannst du dir vorstellen, eine 11 oder 12 Jahre ältere Frau zu heiraten?

086 Du selbst hast Lehrbücher wie „Kritiken schreiben“ und „Werkstattgespräche mit Theaterkritikern“ verfasst, veröffentlichst selbst aber keine (kaum?) solcher Texte. Warum nicht?

087 Du trägst sehr auffällige Ringe, an beiden Händen. An einen (zusätzlichen) Ehering kann ich mich nicht erinnern – sind Ringe für DICH dir wichtiger als ein Ring für ein WIR?

088 Schreiber, Journalisten, Erzähler generell sind für dich Beobachter: Leute, die hinsehen, sich auf Fremdes einlassen. Wirst du wütend, wenn sich Autoren stattdessen Sachen aus dem Arsch ziehen? Dinge schönfärben, verdrehen, hübsch arrangieren?

089 Ich würde dich gerne als Reporter auf Hip-Hop-Konzerte, Liverollenspiele, Piraten-Parteitage, auf Elternabende, Jugendgottesdienste, zum Börsenverein des deutschen Buchhandels schicken: Welche Soziotope würdest du gerne als teilnehmender Beobachter besuchen / beschreiben?

090 Es gibt sehr viele Fotos, auf denen du Brotscheiben arrangierst, mit Sirup bemalst, dekorierst und verformst: Wärst du bildender Künstler – wäre Brot eins deiner Lieblingsmedien?

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stp 09 - Bildrechte Stephan Porombka
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091 Hast du das Gefühl, ich nehme dich mit diesen Fragen in die Mangel?

092 Wünschst du dir, ich würde dich stärker in die Mangel nehmen?

093 Würdest du lieber lesen, wie ich einer anderen Person Fragen stelle?

094 Ich war von 2003 bis 2008 in Hildesheim und habe über 20 deiner Seminare, Vorlesungen, Übungen besucht: „Jetztzeit“, „Der Literaturbetrieb“, „Ethnographisches Schreiben“, „Grundkurs Kulturjournalismus“, „Literatur und Arbeitswelt“, „Poetik des Sachbuchs“, „lit.radio“… Du selbst warst danach noch bis 2013 an der Uni. Wie liefen diese letzten fünf Jahre für dich weiter – eine Studenten-Generation, die ich höchstens von Facebook kenne? Hat sich das Bleiben gelohnt?

095 Warum wurdest du Vizepräsident der Uni? So viele Hildesheim-Bürohengste, mit denen du dich umgeben musstest, haben mich in ihrer schmierig-provinziellen Art an Autohändler erinnert. Was wolltest du bei diesen Menschen?

096 Im Januar 2013, in deinen letzten Wochen in der Stadt, stand ein Holzschnitt in deinem Büro: „Radikalität ist Menschenpflicht“. Das stand dort, weil…?

097 Ich brauchte fünf Jahre, um mich meiner Diplomprüfung zu stellen. 2008 hatte ich zu Ende studiert. Aber erst 2013 wollte ich Hanns-Josef Ortheil und dir mein Romanprojekt zur Bewertung vorlegen, „Zimmer voller Freunde“. Meine größte (akademische) Angst in diesen Jahren war, dass einer von euch sagt: „Wie abgeschmackt.“ Im ersten Semester, Anfang Februar 2004, nanntest du einen Text von mir „Trash“ – und ich kann Uni-Textwerkstätten über Prosa von Freunden erinnern, nach denen diese Freunde sagten: „Ich werde keine Prosa mehr schreiben. Das ist nicht meine Zukunft. Ich habe mich geirrt.“ Hast du Angst, dass deine Kritik Leute dazu bringt, ihr Schreiben aufzugeben? Und umgekehrt: Glaubst du, es ist deine Aufgabe als Professor, Studierende beim Schreiben zu halten? Ihnen Gründe zum literarischen Erzählen zu geben, wenn ihnen selbst keine mehr einfallen?

098 Die Website der Universität der Künste, wo du seit April 2013 unterrichtest, sagt, du bist jetzt Professor im Bereich „Verbale Kommunikation“. Was ist DAS für ein Eso-Selbsthilfe-Ausdruck…?

099 Gibt es Putzfrauen, Hausmeister, Busfahrer o.ä. aus zehn Jahren Hildesheim, die du sehr mochtest und vermisst?

100 Spielen? Kämpfen? Oder Arbeiten? Ich tippe – trotz allem – auf Arbeiten.

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stp - Bildrechte irgendwelche udk-kiddies
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6 comments

  1. Hallo Stefan,

    ich habe deine Fragen alle gelesen und es hat mich berührt. Inspiriert und nachdenklich gestimmt. Auch ein bisschen zum Schmunzeln gebracht. Das Gefühl, das bei mir zurückbleibt ist ein eher dunkles. Umbra trifft es wohl ganz gut. Umbra, durch das immer wieder eine Spur Gold glänzt.

    Es liegt sicher an der Güte deiner Fragen, dass mein Eindruck nicht nur visuell, sondern auch haptisch ist: eine 4×4 Meter große Leinwand aus eher rauhem Nesselstoff. Wie gesagt, mit dunklem Umbra bestrichen und dann mit so Strukturupaste in Gold durchsetzt. Keine Ahnung, warum ich jetzt an Gemälde in Altarräumen denken muss.

    In Anlehnung an deine 100 Fragen habe ich mir nicht nur 100 Fragen an meine zu schreibende Promotion gestellt – spannendes Unterfangen- , sondern auch über den Helden meiner Kindheit nachgedacht: den Herrn Vanilla Ice. Ich hab ihm einen Brief geschrieben. Weil er von deinem Text inspiriert wurde, teile ich ihn hier mit Dir. Grüße, Jörg.

    Lieber Vanilla Ice,

    Du warst der Held meiner frühen Jugend – ich erinnere mich, wie ich zu deinen Beats tanzte, mit Kathrin deine Raps nachsang, nachdem mein Lieblingsbruder Jan es uns beigebracht hat: er imitierte den Basslauf, den Du von Queen und David Bowie gesampelt hattest, Kathrin schnippste und klatschte abwechselnd in die Hände, ich rappte.

    Die Lyrics hatten wir von einer obskuren Quelle aus der Oberstufe unserer Schule. Sie standen kaum noch lesbar auf einem kopierten Schreibmaschinendurchschlag und eigentlich verstanden wir kein Wort. Wir fragten den Englischlehrer, was „check out the hook while my dj revolves it“ heißen solle. Seine wörtliche Übersetzung war mit deinem RapperSlang überfordert. Uns machte das nichts aus, wir rappten deine Geheimsprache einfach nach.

    In der Super-Eis-Disco in der Eislaufhalle Samstag abends machten wir den Rapschritt statt Schlittschuh zu laufen. Wir übten Breakdance mit den Aussiedlerkids der Unterkunft nebenan. Auch so Kartoffeln.

    Wir feierten Ice Ice Baby und ahmten deinen coolen Blick mit zusammengekniffenen Fast-noch-Kinderaugen nach. Wir rasierten uns die Augenbraue in Stücke und trugen unterschiedliche Sneakers rechts und links. Mir hat gefallen, dass Du so ein tolles Produkt warst. Ein Weißer der ‚schwarze Musik‘ macht! Einer, der es im Ghetto – und dann noch als Weißer!- geschafft hatte.

    Deine Frise war gewöhnungsbedürftig, aber als Kind sieht man das nicht so. Auch meine Haare waren vorne blondiert. Dein Live Album war/ist noch immer große Klasse. Angeblich das erste Live Rap Album überhaupt – wobei ich das von 2Live Crew fast zeitgleich einordnen würde.
    Lieber Rob Matthew van Winkle – geiler Name übrigens – du warst ja nicht nur Rapper. Die US-Unterhaltungsindustrie hievte dich in den Status eines Schauspielers und in „Teenage Mutant Hero Turtles“ bin ich größtenteils nur wegen Dir, auch wenn ich das heute gerne verschweige.[ Hab ich das eben laut gesagt?]

    Nach Ice Ice Baby und so einem kleineren Hit, den ich an der CD-Theke der Müller Drogerie lediglich Probe hörte kam dann lange nichts. Ab und an recherchiere ich, was Du heute so treibst. Im Inkognito-Modus meines Browsers als wärst Du schräger Pron. Du lebst auf jeden Fall. Das find ich gut. Nicht jedes vanilline Popsternchen der 90er kann das von sich behaupten. Rob Pilatus, RIP.
    Du machst irgendwie so MetalRap oder sowas und hast mal was im Fernsehen moderiert. So genau weiß ich das nicht und ich nehm mir auch gar nicht die Zeit, Dich wieder so gut kennen zu lernen. Wir gehen jetzt wieder jeder seinen Weg. Alles cool. Ich bin mir aber sicher, Du würdest vieles von dem, was ich mache begrüßen, und Du würdest da, wo Du denkst, dass ich auf Abwegen bin, mir mit Rat und Tat zur Seite stehen, es besser zu machen.

    Es hat mich gefreut, unsere gemeinsame Erinnerung wieder auszugraben. Mögen deine Wege von Softeis und Schildkröten gesäumt sein und mögen die Stiftungen, in denen Du tätig bist, Habitat for Humanity, die Make-A-Wish Foundation, die Little Smiles Organization und die Toys For Tots Organization Mit-Menschlichkeit und Harmonie fördern und den Toys den Gar aus machen.

    Wir sehen auf der A1A – Beachfront Avenue. Peace. Jörg aka MC Earthquake aka Cens.

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