Month: May 2014

PROSANOVA 2014: Fotos [2]

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Wozu Literaturkritik…? 53 Fragen. [Uni Göttingen / Litlog]

klett 2008

morgen [Samstag, 24. Mai 2013] gebe ich ein Uni-Seminar in Göttingen:

Freier Journalismus: Profile, Chancen, Social Media

“Wer schreibt, liest, publiziert? Wer findet seinen Platz? Wer wird gehört? Stefan Mesch, 31, schreibt Essays, Features, traditionelle Literaturkritik u.a. für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. Themen finden, an Redakteure pitchen, Formen und Profil als Kritiker entwickeln sind sein halbes Leben.

Die andere Hälfte? Social Reading. Bloggen. Scouting – und die Arbeit am ersten Roman. Im Workshop für ca. 20 Teilnehmer, Samstag, 24. Mai, werden Schreibhaltungen, Leser- und Verlagsprofile, Nischen, Plattformen im Netz und Strategien zum Einstieg und zur täglichen Arbeit als Kulturjournalist vermittelt:

Mainstream? Abseits? Gegenkultur?

WO kann ich sprechen? Und wovon soll ich leben? Eine erste Hilfe.

Danach bin ich – zusammen mit Harun Maye [Link] auf DIESEM Podium [Link] im Literarischen Zentrum Göttingen:

Stefan Mesch Harun Maye Literarisches Zentrum Göttingen

zur Vorbereitung / Einstimmung habe ich einen kurzen, offenen Text für litlog.de gebloggt, über meine Grundfragen an die Literaturkritik:

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Wozu Literaturkritik…?

53 Fragen.

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Theodore Sturgeon sagt: 9 von 10 Dingen sind Schrott. In jeder Kunstgattung, in jedem Genre, in jeder Produktpalette, in jeder denkbaren Kategorie. Theodore Sturgeon sagt: Das ist nicht schlimm. Das gehört dazu.

Aber heißt das, ich muss 10 Bücher lesen, um eines zu lieben?

Aber heißt das, ich muss 100 Bücher anlesen, um 10 zu finden, die ich lesen will?

Aber heißt das, ich muss von 1000 Büchern hören, um 100 zu finden, die ich anlesen will?

Oder sind, von 1000 Büchern, 100 eigentlich recht gut, gelungen, lesenswert?

Wie viel muss ich über ein Buch wissen, um zu denken: „Super. Will ich lesen!“

Wie viel muss ich wissen, um zu denken: „Super. Das kann ich ignorieren. Ich darf sterben, ohne vorher 5 bis 10 Stunden mit diesem Autor verbringen zu müssen.“

Lese ich Rezensionen, weil ich ein Buch lesen will? Oder weil ich hören will, dass ich es nicht lesen muss?

Wie lange gebe ich einem Buch […Film? …Serie?], um mich zu überzeugen? Letztes Jahr las ich über 1000 Romane an – aber nur ca. 90 zu Ende. Von fast 50 würde ich heute sagen: „Ich wünschte, ich hätte sie doch nicht gelesen. Ich wünschte, ich könnte in der Zeit zurück reisen und mir selbst sagen: Stefan – spar dir dieses Buch.“

Wie viele schlechte Bücher kann ich lesen, bevor meine Stimmung kippt und ich mich frage, ob Literatur AN SICH schlecht ist?

Wie vielen schlechten Fantasy-Büchern, Vampir-Romanzen, Lyrikbänden, Krimis darf ich mich aussetzen, bevor ich sage: „Dieses Genre ist nichts für mich“…?

Wie viele Vampir-Romanzen müsste ich als Kritiker lesen, um einen Artikel für Nicht-Vampir-Romanzen-Fans schreiben zu können mit einer Empfehlung wie: „Falls Sie nur EINE Vampir-Romanze lesen: Nehmen Sie diese?!“

Will ich als Leser auf dieses große, versteckte Vampir-Romanzen-Highlight hingewiesen werden? Oder kann ich Genres links liegen lassen, mein ganzes Leser-Leben lang, ohne Angst, viel zu verpassen?

Wer hätte größere Chancen, das Vampir-Romanzen-Highlight zu entdecken: Der Vampir-Romanzen-Fan oder der Vampir-Romanzen-Skeptiker? Und wessen Artikel dazu würde ich lieber lesen?

Lesen Fantasy-Fans lieber die Empfehlungen anderer Fantasy-Fans? Lese ich selbst, als Nicht-Fan, lieber die Rezensionen von Nicht-Fans? Experten? Amateuren? Kennern? Außenseitern? Für welche Leserschaft schreibe ich Rezensionen? Für möglichst viele Leute, die, im Zweifelsfall, sehr, sehr wenig Grundwissen, Geduld und Interesse mitbringen? Sind das die „besten“, nützlichsten Rezensionen?

Welchen Nutzen möchte ich aus einer Rezension ziehen? Wann reicht ein einfaches „2 von 5 Sternen. Blödes Buch. Langweilige Figuren. Schlechter Stil“?

Will ich als Rezensent tendenziell mehr Leser zu Büchern bringen – oder Leser vor schlechten Büchern bewahren?

Will ich ein Buch kaufen und lesen, das einen Goodreads-Score unter 3.2 hat? Unter 3.5? Unter 3.8? Einen Film sehen, den IMDb unter 6.0 wertet? Unter 7.0?

Werden Bücher, die kollektiv als Ramsch gewertet werden… diskriminiert? Ins Abseits gedrängt – vom kollektiven Geschmacksdiktat einer Mehrheit?

Wie viele Lieblingsbücher anderer Menschen lese ich und denke: Hm.

Wessen Lieblingsbücher würde ich am liebsten lesen?

Kathrin Passig beobachtet bei persönlichen Buchgeschenken und im Musik-Social-Network last.fm: Ihre Lieblingsmenschen tragen selten Lieblingsbücher oder Lieblingsmusik in ihr Leben. Selbst, wenn zwischenmenschlich sehr viel stimmt / passt: Buch-, Film-, Musikgeschenke und -tipps ihrer Freunde taugen oft gar nichts.

Sind Menschen, die dir am ähnlichsten sind oder am nächsten stehen auch die Menschen mit den besten Empfehlungen?

Und die besten Literaturkritiker… auch die Leser, die Wünsche und Geschmack möglichst vieler Menschen / breiter Massen nachvollziehen können?

Falls es mehr Menschen / Leserinnen wie Elke Heidenreich gibt als Menschen / Leser wie DICH – hat Elke Heidenreich dann den Vorteil als Kritikerin, mehr Menschen / Lesern aus dem Herzen sprechen zu können?

Heißt das in letzter Konsequenz, der für die Masse nützlichste Literaturkritiker spricht, erklärt, wertet und empfiehlt für die größte denkbare Leserschaft?

Wie viel muss ich über einen Literaturkritiker / Rezensenten wissen, um seine Maßstäbe, Ansprüche, Sprechposition und Glaubwürdigkeit beurteilen zu können?

Wie viel WILL ich über solche Leute wissen? Sind die Urteile von Leuten, über die ich VIEL weiß, für mich leichter zu gewichten? Falls ja: Hat jeder Kritiker die Aufgabe, sich möglichst exponier- und sichtbar zu machen, für die Leser seiner Texte?

Was wäre mir lieber: eine „100 aktuelle Bücher, die JEDER gelesen haben muss“-Liste… oder eine Liste „100 aktuelle Bücher, die sich jeder sparen kann“?

Was unterscheidet eine Kritik von einer Empfehlung? Gibt es „gute“ Bücher, die nicht „empfehlenswert“ sind?

Vielleicht sagt eine Kritik: „Schau auf dieses fremde Land. Ich zeige dir die Menschen, die Kultur, die Städte, die Werte, die politischen Konflikte. Ich erkläre, wie dieses Land im Kontext seiner Nachbarn funktioniert.“ Vielleicht sagt eine Empfehlung: „Traumstrände! Sonne! Tolles Essen! SO hast du die allerbeste, vergnügte Zeit. Und / aber HIER reise bitte keinesfalls hin.“…?

Will ich für diese „Bücherwelt“ Reiseführer schreiben… oder (politische? gesellschaftskritische?) Reportagen aus den weniger attraktiven „Ländern“? Buchregionen? Nischen? Brennpunkten?

Ijoma Mangold sagt, Buchkritiker treffen eine Selektion. Im Netz schimpften daraufhin Laienkritiker, Blogger und freie Journalisten: „Entlarvt! Die ZEIT-Autoren sehen sich als selbstherrliche Gatekeeper. Und benutzen dabei unreflektiert Nazi-Vokabular wie ‘Selektion’.“ Brauchen wir eine Auswahl? Sollte sie von ZEIT-Kritikern getroffen werden? WIRD sie von ZEIT-Kritikern getroffen?

Will ich als Leser / Kritiker neue Bücher ins Gespräch bringen – oder lese ich, um mich an den vorhandenen, laufenden Gesprächen beteiligen zu können?

Habe ich Angst, etwas zu verpassen? Habe ich die Verpflichtung, etwas lesen zu MÜSSEN? Muss ich „Harry Potter“ durchlesen? „Ein Lied von Eis und Feuer“? „Die Blechtrommel“?

Muss ich einen Kanon aus 1000, 1500 Büchern lesen, auf die wir uns – als Kultur – verständigt haben? Muss ich Lücken in diesem Kanon begründen? Bin ich ein schlechter Kritiker, wenn ich diese Bücher nicht kenne? Was wäre klüger, für meine Ausbildung als Kritiker: im nächsten Jahr 200 möglichst wichtige Bücher abzuhaken – oder 200 völlig unbekannte Bücher neu zu entdecken?

Macht es mehr Spaß, zu loben oder zu verurteilen?

Macht es ANONYM mehr Spaß, zu loben oder zu verurteilen?

Bei Amazon kauft eine Privatperson ein Buch für eigenes Geld, liest es in ihrer Freizeit – und sagt sich dann „Jetzt investiere ich 30 Minuten und schreibe eine Gratis-Rezension“. Als Autor für ZEIT Online kann ich Presse-Exemplare gratis bei Verlagen anfordern. Verbringe drei, vier Tage mit Buchauswahl, Lektüre und Rezension. Verdiene knapp 150 Euro. Ist der Text, den ich schreibe, „wertvoller“ als die Amazon-Rezension?

Wie viel wertvoller – und für wen: Für Leser? Für Verlage?

Empfehlungen. Rezensionen. Literaturkritik. Produktbewertungen. Große Texte für ein breites Publikum. Fans. Blogs. Persönliche Buchtipps. Kuratieren – für die Massen oder für den Einzelnen: Gibt es von allem genug? Gibt es von irgendwas ZU VIEL? Stehen sich diese Formen gegenseitig im Weg?

Viele meiner Freunde „glauben“ nicht an Rezensionen: Spezifische Geschmacksurteile spezifischer Menschen, die so oft falsch liegen wie richtig.

Viele meiner Freunde „glauben“ auch nicht an längere Texte im Feuilleton, die Bücher einordnen und kontextualisieren. Denn falls sie das Buch lesen wollen, „machen sie sich lieber selbst ein Bild“. Und falls nicht, ist ihnen der Feuilleton-Text in 9 von 10 Fällen völlig egal.

Freundin Wiebke schreibt: „Rezensionen helfen mir nur, wenn sie kritisch sind. Zwischen einem „anspruchsvollen und großartigen“ Roman und einem „großartigen und anspruchsvollen“ Roman kann ich nicht unterscheiden.“ Ich setze dagegen: Mir reicht das schon. Im Zweifelsfall lese ich beide Bücher an.

Freundin S. denkt, eine Elektro-Zahnbürste erfüllt eine Funktion. Wenn sie diese Funktion sehr gut erfüllt, bekommt sie auf Amazon von vielen Menschen möglichst viele Sterne. Ein Buch erfüllt keine derart klare Funktion – und falls es zu vielen Amazon-Kunden ZU gefällig etwas „liefert“, das deren Lektüre-Zweck „gut erfüllt“, wird sie schnell skeptisch / unzufrieden.

Kann ich Blogger UND Feuilleton-Autor sein? Kritiker UND Fan? Experte UND Leser, der den Massengeschmack im Auge behält? Kann ich Sternchen verteilen UND Listen bloggen UND lange Texte schreiben? Jeweils andere Formen – für jeweils andere Leser?

Welche Kanäle, Formate, Texte kann ich nutzen – damit ALLE richtigen Bücher zu ALLEN richtigen Menschen finden?

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Links:

Stephan Porombka: 100 Fragen

stp titel - Bildrechte bei Stephan Porombka

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Ende 2013 postete ich, dass ich zwei wichtige persönliche Texte fertig habe:

Text 1 war mein Interview mit Maximilian Mosher über die Geldprobleme, Ängste, Schwierigkeiten als freier Kulturjournalist (Link).

Text 2 war eine Überraschung – die ich erst jetzt noch einmal teilen / bloggen kann:

Von 2003 bis 2008 lebte ich in Hildesheim. Studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Und lernte bei / schrieb für / arbeitete mit einem der besten und radikalsten Dozenten jenseits von Hogwarts:

Stephan Porombka (Details) war von 2003 bis 2013 Professor für Literaturwissenschaft und Kulturjournalismus.

Ich besuchte…

  • Ethnographisches Schreiben (SS 2007/08)
  • Literaturtheorie (WS 2006/07)
  • Literatur und Arbeitswelt (SS 2006)
  • Schreiben für lit-radio/lit05 (SS 2005/06)
  • Das erzählende Sachbuch (SS 2005)
  • Kultur, Literatur, Journalismus. (WS 2004/05)
  • Autobiographie (WS 2004/05)
  • Literatur und Radio (SS 2004)
  • Jetztzeit. Einführung in die Kulturwissenschaften (WS 2003/04)
  • Kriminalliteratur (WS 2003/04)
  • Einführung in den Kulturjournalismus (WS 2003/04)

…und arbeitete an zahllosen studentischen Buch-, Verlags-, Radio- und Netzprojekten.

Seit Sommersemester 2013 lehrt Stephan als Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin (Link)… und nach Abschied aus Hildesheim starteten Freunde, Ex-Studierende und Kollegen ein kleines Buchprojekt mit persönlichen Abschieds- und Erinnerungstexten.

Ich selbst schrieb im Oktober 2013 den folgenden Text – fast eine Woche lang, in New York: nostalgisch, euphorisch, nervös.

Stephan ist der Lehrende, der mir am meisten beibrachte. Und dessen Haltung als Denker / Schreibender / Akademiker und Netz-Jetztzeit-Gegenwarts-Beobachter mir plausibler wurde / näher kam als die jedes anderen deutschen Journalisten.

Viele sagen: Stephan Porombka ist das Beste, das Twitter zu bieten hat.

Für mich ist dieser Twitter-stp noch der langweiligste Teil.

Obwohl: die Selfies sind toll. Und die habe ich – zur Illustration dieses Blog-Posts – auch reichlich geklaut. Also: alle Bildrechte aller hier geposteten Fotos liegen weiterhin bei Stephan Porombka.

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stp 01 - Bildrechte bei Stephan Porombka

Lieber Stephan,

001 Wann wurdest du zuletzt bedroht, beleidigt oder ausgelacht?

002 Wofür würdest du gerne gelobt oder bewundert werden?

003 Wenn du als Gauner, Ganove leben müsstest – welche Sorte Verbrechen wäre dein Tagesgeschäft?

004 Sind Schuhe das Kleidungsstück, bei dem du dir am meisten Mühe gibst?

005 In welchem Alter hast du dein erstes Tattoo stechen lassen: erst Ende 30, Anfang 40?

006 Verkleidest du dich gern? Was war das aufwändigste Kostüm, das du je trugst?

007 Gibt es wichtige platonische Frauen in deinem Leben?

008 Wo hast du Selbstironie gelernt?

009 Reißt du absichtlich die Augen auf, sobald man dir Fragen stellt / du angestrengt zuhörst?

010 Du wurdest 1967 geboren, in Salzgitter. Wann klafften Zeitgeist und dein eigenes Leben am weitesten auseinander…? Welches dieser 45, 46 Jahre passte bisher am wenigsten zu dir?

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stp 02 - Bildrechte Stephan Porombka
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011 Hast du Brüder oder Schwestern? Ich wäre überrascht, falls es eine große, prägende Porombka-Sippe gibt.

012 Was mich sonst wundern würde: Du spielst ein Instrument. Du opferst Zeit für Videospiele. Du kochst gerne und ambitioniert. Du hast ein Herz für Katzen, Pflanzen, Fische. Du unterhältst dich lebhaft mit älteren Frauen. Du bist Fan einer Sportmannschaft, gläubig oder in gemeinnützigen Vereinen aktiv.

013 Warum fährst du kein Auto?

014 Tanzt du? Ich sehe dich als energischen, zu konzentrierten Tänzer.

015 Hast du vor Jahren auf Facebook ein Foto geteilt, das dich bei der Partnerwahl einer Tanzschule zeigt? Falls ja: Hast du als Schüler einen Tanzkurs, aber keinen Führerschein gemacht? Wozu?

016 Welchem Menschen bist du am meisten schuldig?

017 Wer ist dir ebenbürtig und kann dich gut verstehen?

018 Du hast zu Schulzeiten einen Band Gedichte veröffentlicht, „Eisblock“. Wann hast du aufgehört, Gedichte zu schreiben? Hast du erreicht, was du mit ihnen erreichen wolltest?

019 Wolltest du Gedichte schreiben – oder Dichter sein?

020 Gibt es Trends oder Haltungen aus deiner Kindheit, die heute verkümmert sind, dir fehlen? Lebst du in einer fundamental anderen Zukunft, als du als Jugendlicher hofftest?

stp 03 - Bildrechte Stephan Porombka.

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021 Hast du eine große, enttäuschte Liebe oder aufgehört, Fan eines Regisseurs, Künstlers, Autors zu sein?

022 Du stehst mit Popper-Frisur und hochnervösem Blick circa neunzehnjährig auf dem Cover eines Nostalgie-Buchs namens „Bohlweg-Zeiten – Die 80er in Braunschweig“. („Es war eine großartige Zeit. Braunschweig war groß genug, einer Jugend alles zu bieten. Und klein genug, dass man alles, auch das ganze seltsame Zeug, wirklich mitnehmen konnte.“) Wie bist du auf das Buch geraten? Falls diese Phase deines Lebens ein Buch wert war – warum haben es andere geschrieben, nicht du?

023 Wann hast du eine Psychoanalyse begonnen? Was hast du dir davon erhofft?

024 Hättest du gerne an einer Schreibschule wie Hildesheim studiert?

025 Als Erwachsener hast du Slam-Poetry, literarische Performances, Video-Slams gemacht; 2002 warst du als Nachwuchsautor beim Klagenfurter Literaturkurs. Hast du seitdem literarisch gearbeitet? Kommt da noch was?

026 Liegst du seit 35 Jahren abends mit einem Buch im Bett?

027 Liest du Bücher noch langsam und komplett – oder springst du hin und her, brichst ab, suchst Perlen?

028 Wie wichtig sind dir Raubkopien?

029 Wie hat dich das Internet verändert?

030 Wie hat es dir geschadet?

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stp 04 - Bildrechte Stephan Porombka

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031 Passen deine Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit deines Berufs und das Tempo, mit der sich die Gesellschaft deinen Themen und Vorlieben nähert (oder, öfter: sich von ihnen entfernt) zusammen?

032 Du hast Germanistik, Theaterwissenschaft und Politikwissenschaften an der Berliner FU studiert. Wie gelangweilt, frustriert, wie fehl am Platz, allein und unterfordert warst du an dieser Uni?

033 Als Nebenjob hast du Deutschkurse geleitet, für Migranten. Wie humorvoll, charmant, wie überdreht, verspielt, motiviert warst du vor diesem Publikum?

034 1999 hast du über Hypertext promoviert. Anfang der 90er, für kurze Zeit, wurden solche Textformen von allen Seiten beachtet und bestaunt. Später kuckte man auf sie zurück wie auf Marusha, Bauchnabelpiercings oder das Wort „Datenautobahn“: Einerseits bist du Experte für diese frühe (literarische) Aufbruchs-Euphorie im Netz. Andererseits schien es später, als hättest du auf eine falsche Karte gesetzt, in Sackgassen geforscht, Knallfrösche gejagt. Und heute? Lohnt sich der Blick zurück? Waren Hypertexte prägend? Willst du das alles nochmal aufarbeiten, mit uns teilen?

035 Hältst du deinen Beruf für wichtig?

036 Was denkt deine acht- oder neunjährige Tochter über deine Arbeit?

037 Wie reagierst du, falls sie in zehn Jahren sagt: „Ich möchte irgendwas mit Kultur machen. Einfach irgendwas! Am besten, ich probiere mich an einer verschlafenen Uni wie Hildesheim ein paar Semester lang aus…“?

038 Bis vor zehn Jahren hast du an der Berliner Humboldt-Universität gelehrt. Als Juniorprofessor im Herbst 2003, in meinem ersten / deinem zweiten Hildesheimer Semester, hast du ein Seminar über Krimis geleitet; 2005 ein Seminar über Autobiografien. Interessieren dich Krimis? Autobiografien? Oder interessiert dich, die Regelhaftigkeit und Kniffe verschiedener Formen aufzuschlüsseln?

039 Musst du dich oft mit den Eltern von Studenten auseinandersetzen? Fühlst du dich dabei den Eltern oder den Studierenden näher?

040 Sagst du „Studenten“ oder „Studierende“? Werden Feministen wütend, wenn du „Studenten“ sagst?

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stp 04 - Bildrechte Stephan Porombka

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041 Ich kenne keinen Moment aus den letzten zehn Jahren, zu dem du Deutschland verlassen hast: Gehörst du hierher? Möchtest du (allein) in diesem Kulturraum schreiben, leben, sterben?

042 Gehörst du nach Berlin? Bist du Berliner? Wenn nicht: Was fehlt dir noch?

043 Andererseits hast du Salzgitter, Braunschweig: Du hast das Magazin der Autostadt Wolfsburg betreut und in Hildesheim absurde Mengen journalistischer Projekte mit lokalem Fokus forciert – Snapshots und Alltagstexte, ganz nah am (profanen) Leben der Stadt. „Hildesheim schön trinken“ über teilnehmende Beobachtungen in Kneipen, die „Fahrtenschreiber“-Protokolle über das Busliniennetz, wöchentliche Powerpoint-Präsentationen mit je 100 Fotos aus dem Straßenbild: Was bedeuten dir die Provinz und ihre kleinen, abgewirtschafteten Städte?

044 Gibt es Glamour in deinem Leben?

045 Warst du schon in dem Alter, das am besten zu dir passt – oder denkst du, es kommt noch?

046 In welchem Alter mochtest du dich am meisten?

047 Wir beide fotografieren uns oft selbst. Ich tue das nicht, weil ich mich mag – sondern, weil ich bei Fotos aus seltsamen Perspektiven oft denke „Oh. Aus DIESEM Winkel geht es, eigentlich…“ Gefällst du dir? Magst du deinen Körper?

048 Zu Beginn meines Studiums hatten deine Vorlesungen oft Show-Einlagen: Kurzfilme, eine Band, Live-Musiker, Verlosungen, Wettbewerbe… Zitate aus Theater oder Samstagabend-TV. Für viele Leute bist du der Professor, der den Moonwalk tanzt und in seiner Antrittsvorlesung „Rhetorik Reloaded“ ein Dutzend Lacher, Pointen platziert. An wem hast du dich dabei orientiert? Wovon hast du gelernt?

049 Was macht einen guten Lehrer aus?

050 Die Leute, die am meisten Angst vor dir hatten oder dich irgendwann hassten, waren Typen, die klare Strukturen wünschten: Wer Regeln wollte, war verwirrt oder verärgert.

051 (Ich selbst wollte keine. Und bin für die „Los: Macht! Sucht eine Richtung – und versucht, so weit / tief wie möglich vorzudringen!“-Freiheit vieler deiner Projekte sehr, sehr dankbar.)

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stp 05 - Bildrechte Stephan Porombka

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052 Gibt es Leute, von denen du nicht gemocht oder verstanden werden willst?

053 Gibt es Literaturbetriebs-Gestalten, mit denen du auf Kriegsfuß stehst?

054 Die meisten deiner (universitären) Buch-, Web-, Seminarprojekte haben eine Doppelspitze – du arbeitest mit Annett Gröschner, Steffen Martus, Guido Graf usw., und oft schaffen diese Zweier-Teams eine sympathische Dynamik. Meist herrscht die Aufteilung „guter Bulle / Quatschkopf-Bulle“. Aber: Möchtest du nicht mal NICHT „der Verrückte“ sein?

055 Du exponierst dich stärker als Mathias Mertens – ein oft zurückhaltender, bedachter Hildesheimer Medien-Professor – und führst dich selbst mit großem Genuss und Sarkasmus vor. 2009 begann Mathias, über Performanz beim Luftgitarre-Spielen zu forschen, gründete eine Luftrock-Band und nahm an Deutschland- und Weltmeisterschaften teil. Alle riefen: „Charmant. Wie mutig!“ Hättest du auf solchen Bühnen stehen können, wollen? Ich denke, der Backlash wäre härter gewesen: „Typisch Stephan. Heute also Luftgitarren-Clown. Was will er sich beweisen?“

056 Auf meine Frage, warum du nicht ständig im Fernsehen bist, bei „Kulturzeit“ o.ä., hast du recht karg geantwortet: „Das musst du das Fernsehen fragen, nicht mich.“

057 Andererseits bist du auf dem besten Weg, ein Star auf Twitter zu werden. Mich macht es müde, Tweets zu schreiben, kurze Einwürfe, Wortspiele, Aphorismen. Ich überlege mich dusslig. Du feuerst das so raus: Kommt diese Kurzform deinem Denken, Tempo, Kommunikationsbedürfnis am nächsten?

058 Sind deine Tweets allein für heute, jetzt? Sammelst du sie irgendwo, für ein Projekt – oder sollen sie flüchtig bleiben, verpuffen?

059 Auf deiner Website zitierst du Andy Warhol: „Besorgen Sie sich für jeden Monat einen Karton, werfen Sie dort alles hinein und kleben Sie ihn am Ende des Monats zu. Dann datieren Sie ihn und schicken ihn nach New Jersey rüber. Versuchen Sie, ihn im Auge zu behalten, aber wenn das nicht klappt und er verloren geht, ist das auch okay, denn dann gibt es weniger Sachen, über die Sie nachdenken müssen, und Sie sind eine weitere geistige Bürde los. Ich habe auch mit Schrankkoffern und überzähligen Möbelstücken angefangen, aber dann ging ich auf die Suche nach etwas Besserem, und jetzt tue ich alles in gleich große braune Pappschachteln mit einem farbigen Aufkleber an der Seite für den Monat des betreffenden Jahres.“ Sind Tweets und Facebook-Postings eine Möglichkeit für dich, „geistige Bürden“ auszusondern?

060 Du magst Quantified-Self-Projekte, Self-Tracking, Archive, Zettelkästen; protokollierst deine Bücher öffentlich via Goodreads, deine Songs via Spotify, deine Jogging-Routen via Runtastic. Welche Informationen, Bilder, privaten Standpunkte willst du auf keinen Fall im Internet gefunden wissen?

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stp 06 - Bildrechte Stephan Porombka

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061 2011 warst du ein halbes Jahr lang nicht auf Facebook, um (wem… dir selbst?) zu zeigen, dass das klappt. Warum hast du nie einen Text über diese Offline-Zeit geschrieben?

062 Warum schreibst du nicht dauernd Texte – über alle möglichen Medien-Erfahrungen und -Routinen? Dein Lese-Verhalten, dein Buchkauf-Verhalten, deine Sammel- und Archiv-Strategien entsprechen fast nie der Masse: Erklär uns, wie du Bücher findest / Zeitung liest / Bookmarks setzt / Zitate sammelst / Ideen ordnest…!

063 Würdest du auf eine Demonstration gehen? Skandieren?

064 Würdest du anders leben und arbeiten, wenn du kein Geld verdienen müsstest?

065 Würdest du lieber gegen eine Ente kämpfen, die groß ist wie ein Pferd – oder gegen hundert Pferde in Enten-Größe?

066 Die Enten-Frage wurde im Nerd-Forum Reddit diskutiert – und ich bin sicher, dass auch du sie längst gefunden, durchdacht, besprochen, neu verdreht hast: Ist dir dieses kulturelle Voraus-Sein, Bescheidwissen wichtig?

067 Hast du deine Uni-Kollegen und Altersgenossen abgehängt – oder überrumpeln dich Zukunft und Alltag noch genau so oft wie uns?

068 Du bist Experte für das Nächste: die nächsten Schreibformen, die nächsten „Schriftkulturen“. Bist du ein Hahn („Der Tag bricht an! Der Himmel stürzt ein!“) oder eine Eule („Noch ist es Nacht: Macht euch nicht verrückt!“)…?

069 Gibt es Dinge, deren Sterben / Verfall dir grade das Herz bricht?

070 Hast du Angst um die Verlagslandschaft, den Qualitätsjournalismus, die Kunstform Roman, die Künstlersozialkasse, Deutschlands kulturelle Vielfalt, regionale Zeitungen, kleine Buchhandlungen, Literatur-Literatur, Autorenkino, den Bachmannpreis, die Netzneutralität, die freie Theaterszene, die Haptik des guten alten Hardcovers und / oder die Schreib-Zukunft und das finanzielle Auskommen z.B. deiner Ex-Studentin Vea Kaiser, deren Roman „Blasmusikpop“ raubkopiert und von Buch-Piraten zum Download angeboten wird (Vea: „Was ihr hier macht, ist nichts anderes als Diebstahl. Und ihr schämt euch nicht einmal. […] Ist euch bewusst, dass ihr damit die Autoren versklavt?“)…?

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stp 07 - Bildrechte Stephan Porombka

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071 Denkst du, es läuft – so generell, im Wesentlichen, in der Kultur?

072 Kannst du dir vorstellen, ein Magazin oder ein Verlags-Imprint zu leiten und es richtig krachen zu lassen?

073 Schaust du mit deiner Tochter hippe All-Ages-Serien wie „Adventure Time“, „My Little Pony“ und „Yo Gabba Gabba“?

074 Fühlst du dich in der Geisteswelt der Weimarer Republik daheim? Salons? Flaneure? „Menschen am Sonntag“? Walter Benjamin? Egon Erwin Kisch?

075 Strengt es dich an, immer neuen Menschen ähnliche Sachen von vorne zu erklären? Wer sind deine idealen Zuhörer: Leute, die bei Null starten – oder Leute, die schon in den Diskursen drin sind? Erstsemester? Alte Hasen? Amateure? Experten?

076 Mit Texten / Büchern erreichst du viel mehr Menschen, als wenn du ein Seminar für 30 oder 40 Studierende gibst: Warum reißt du dir Beine aus – vor einem so kleinen, flüchtigen Kreis?

077 Stört dich, dass viele Uni-Projekte, die du betreut hast, in Kleinverlagen wie Glück & Schiller und der Edition Pächterhaus erschienen sind und schon nach zwei, drei Jahren vergriffen waren? Hatten diese Bücher ihren Zweck, zu ihrer Zeit – oder glaubst du, sie sollten online, als ebook usw. ein zweites Leben führen? Und, im Blick auf diese vielen Hildesheimer Selbstvergewisserungs- und Reflektions-Projekte: War dein Studium ähnlich prägend / aufreibend wie meines?

078 Viele deiner Monografien und eigenständigen Publikationen handeln davon, mit welchen Kniffen Menschen einen bestimmten (falschen) Eindruck erwecken wollen: „Felix Krulls Erben. Die Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert.“ (2001), „Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung heute“ (2006). Welche Trickser, Inszenierungen stehen dir näher – die souveränen / erfolgreichen? Oder die gescheiterten?

079 Was ist der Kniff, der Clou, der große Trick an der Persona „Stephan Porombka, Professor für Kulturjournalismus“…?

080 Wenn dir Individualität so wichtig ist – warum fasziniert dich das Leben in Ameisenkollektiven?

stp 08 - Bildrechte Stephan Porombka.

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081 Im Frühsommer 2004, im zweiten Semester, fuhren wir nach Berlin, um mit Steffen Martus und Studenten der Humboldt-Universität am Web-Magazin www.lit04.de zu arbeiten. Ich hatte damals Angst, für ein Studium an der „Schreibschule“ Hildesheim viel zu wenig gelesen und verstanden zu haben: Du ludst uns in deine Wohnung, zu Kuchen, Fladenbrot und Hummus – und das größte Zimmer hatte eine fast zehn Meter breite, sehr hohe Altbau-Wand, verstellt von Büchern. Ich war entsetzt, erschlagen. Eingeschüchtert. Große Werkausgaben, Journalismus, Fachliteratur, neue Pop-Romane, ein Spider-Man-Sammelband, „Akira“, alle Sorten Klassiker und Exoten. Zwei Jahre vorher hatte ich Simone de Beauvoirs „Sie kam und blieb“ gelesen – und sogar DAS stand hier, in einem kleinen Bücherschrank, abseits, im Nebenzimmer. „Sie kam und blieb“ ist ein zerquälter, verkopfter, angestrengt psychologischer Roman über eine Künstler-Dreiecksbeziehung. Ich fand ihn toll – aber hätte schon damals fragen sollen: DU liest das? Du liest DAS? Warum dieses Buch? Die anderen 4000 Bücher in deiner Wohnung habe ich verstanden. Dieses eine nicht.

082 In Episode 20 von „Ally McBeal“ übernimmt Richard Fish die Verteidigung eines französischen Bistros, das einen Kellner wegen Heterosexualität gefeuert hat. Richard hält es für sinnvoll, dass Bistros gezielt schwule Kellner anwerben – weil Schwule kultivierter sind: „In ihrer Jugend sitzen sie die ganze Zeit herum und überlegen, warum sie schwul sind. Dann lesen sie Bücher. Das viele Lesen macht sie kultiviert.“ Warum hast DU so viel gelesen? Und welche persönliche Frage trieb dich in deiner Jugend um – und brauchte viel Zeit, beantwortet zu werden?

083 Ich kann recht gut mit einem Professor leben, der 20 Prozent cooler ist als ich. Doch deine Kalauer stacheln ständig Zweit- und Drittesemester-Gockel zu verzweifelten, schwitzigen „Herr Professor! Lass uns Buddies werden!“-Kampagnen an: Nerven dich all die Windhosen / Wirbelstürme aus angestrengter, gernegroßer Witzischkeit um dich herum? Jungs, die sich dir beweisen wollen?

084 Kannst du in Berlin auf die Straße kotzen, ohne Angst zu haben, dass ehemalige Hildesheimer zusehen?

085 Kannst du dir vorstellen, eine 11 oder 12 Jahre ältere Frau zu heiraten?

086 Du selbst hast Lehrbücher wie „Kritiken schreiben“ und „Werkstattgespräche mit Theaterkritikern“ verfasst, veröffentlichst selbst aber keine (kaum?) solcher Texte. Warum nicht?

087 Du trägst sehr auffällige Ringe, an beiden Händen. An einen (zusätzlichen) Ehering kann ich mich nicht erinnern – sind Ringe für DICH dir wichtiger als ein Ring für ein WIR?

088 Schreiber, Journalisten, Erzähler generell sind für dich Beobachter: Leute, die hinsehen, sich auf Fremdes einlassen. Wirst du wütend, wenn sich Autoren stattdessen Sachen aus dem Arsch ziehen? Dinge schönfärben, verdrehen, hübsch arrangieren?

089 Ich würde dich gerne als Reporter auf Hip-Hop-Konzerte, Liverollenspiele, Piraten-Parteitage, auf Elternabende, Jugendgottesdienste, zum Börsenverein des deutschen Buchhandels schicken: Welche Soziotope würdest du gerne als teilnehmender Beobachter besuchen / beschreiben?

090 Es gibt sehr viele Fotos, auf denen du Brotscheiben arrangierst, mit Sirup bemalst, dekorierst und verformst: Wärst du bildender Künstler – wäre Brot eins deiner Lieblingsmedien?

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stp 09 - Bildrechte Stephan Porombka
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091 Hast du das Gefühl, ich nehme dich mit diesen Fragen in die Mangel?

092 Wünschst du dir, ich würde dich stärker in die Mangel nehmen?

093 Würdest du lieber lesen, wie ich einer anderen Person Fragen stelle?

094 Ich war von 2003 bis 2008 in Hildesheim und habe über 20 deiner Seminare, Vorlesungen, Übungen besucht: „Jetztzeit“, „Der Literaturbetrieb“, „Ethnographisches Schreiben“, „Grundkurs Kulturjournalismus“, „Literatur und Arbeitswelt“, „Poetik des Sachbuchs“, „lit.radio“… Du selbst warst danach noch bis 2013 an der Uni. Wie liefen diese letzten fünf Jahre für dich weiter – eine Studenten-Generation, die ich höchstens von Facebook kenne? Hat sich das Bleiben gelohnt?

095 Warum wurdest du Vizepräsident der Uni? So viele Hildesheim-Bürohengste, mit denen du dich umgeben musstest, haben mich in ihrer schmierig-provinziellen Art an Autohändler erinnert. Was wolltest du bei diesen Menschen?

096 Im Januar 2013, in deinen letzten Wochen in der Stadt, stand ein Holzschnitt in deinem Büro: „Radikalität ist Menschenpflicht“. Das stand dort, weil…?

097 Ich brauchte fünf Jahre, um mich meiner Diplomprüfung zu stellen. 2008 hatte ich zu Ende studiert. Aber erst 2013 wollte ich Hanns-Josef Ortheil und dir mein Romanprojekt zur Bewertung vorlegen, „Zimmer voller Freunde“. Meine größte (akademische) Angst in diesen Jahren war, dass einer von euch sagt: „Wie abgeschmackt.“ Im ersten Semester, Anfang Februar 2004, nanntest du einen Text von mir „Trash“ – und ich kann Uni-Textwerkstätten über Prosa von Freunden erinnern, nach denen diese Freunde sagten: „Ich werde keine Prosa mehr schreiben. Das ist nicht meine Zukunft. Ich habe mich geirrt.“ Hast du Angst, dass deine Kritik Leute dazu bringt, ihr Schreiben aufzugeben? Und umgekehrt: Glaubst du, es ist deine Aufgabe als Professor, Studierende beim Schreiben zu halten? Ihnen Gründe zum literarischen Erzählen zu geben, wenn ihnen selbst keine mehr einfallen?

098 Die Website der Universität der Künste, wo du seit April 2013 unterrichtest, sagt, du bist jetzt Professor im Bereich „Verbale Kommunikation“. Was ist DAS für ein Eso-Selbsthilfe-Ausdruck…?

099 Gibt es Putzfrauen, Hausmeister, Busfahrer o.ä. aus zehn Jahren Hildesheim, die du sehr mochtest und vermisst?

100 Spielen? Kämpfen? Oder Arbeiten? Ich tippe – trotz allem – auf Arbeiten.

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stp - Bildrechte irgendwelche udk-kiddies
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verwandte Links:

“Kein Arsch kennt Uwe Tellkamp”: Wozu junge Bücher? Wozu PROSANOVA 2014.

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[Schreiben im Abseits | “Junge Literatur?!?” | “Kein Arsch kennt Uwe Tellkamp”]

Noch zweieinhalb Wochen zu PROSANOVA – dem Festival für junge deutschsprachige Literatur in Hildesheim. [29. Mai bis 1. Juni 2014, Infos hier]

Die ersten studentischen Radiosendungen und “Hoffen wir mal, dass es viral geht!”-Videos ziehen durch Facebook. Und ich bin angetan:

Das Litradio Net-Feature (http://litradio.net/litmix-pn14/) macht Spaß – vor allem das lange Gespräch mit Lena Vöcklinghaus (ab ca. 29:00).

Auch die sympathisch banalen “Sturm Hund Struppi”-Quatschvideos von litradio.net schaffens jedes Mal, mich 5, 6 Minuten lang zu überraschen / irritieren / in “doof-aber-witzig!”-Laune zu ziehen.

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Trotzdem kurz – so von außen und grundsätzlich:

2005, beim ersten PROSANOVA, waren Jan Fischer und ich in der Redaktion der Festivalzeitung. Die Festivalzeitung ist eins dieser halb-offiziellen und halb-unabhängigen Organe – wie Litradio und “Sturm Hund Struppi” heute – die einerseits Identität schaffen, Stimmung machen, über das Festival informieren.

Aber andererseits quer stehen wollen – freier, kritischer, MEHR sein wollen als ein Sprachrohr der Festival-Orga.

Jan und ich sollten uns damals Ressorts / Formate für die Zeitung überlegen… und weil die Prosa Nova-Leiter ständig verzückt und starry-eyed “Wir haben’s geschafft: UWE TELLKAMP kommt. SOLCHE NAMEN konnten wir gewinnen! Wahnsinn!” riefen, war unser erster Vorschlag: eine Straßen-Umfrage. In Hildesheim. Über all diese – ach-so-relevanten? – Autoren:

“Wir nennen das Umfrage-Feature ‘Kein Arsch kennt Uwe Tellkamp‘!”

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Ich würde das heute nicht mehr machen. Und die beiden Features von gestern / heute (Litradio Litmix und Sturm Hund Struppi 04) zeigen ganz gut, was sich verändert hat:

Nicht jeder liest. Fast *niemand* liest Literatur-Literatur / junge deutsche Texte.

Oder würde behaupten, dass dort – gesellschaftlich, kulturell – grade etwas RICHTIG Großes, Wegweisendes, Relevantes passiert. Bücher sind für Liebhaber und Freaks. Und kleine, schrullige, abseitige, anspruchsvolle junge deutschsprachige Bücher… sind die Nische in der Nische.

Dass PROSANOVA seit 9 Jahren immer wieder sagt: “Trotzdem spannend! Trotzdem toll! Wir stellen das vor. Wir machen das sichtbar. Wir finden so vieles SO gut, dass wir das FEIERN wollen – mit euch!” ist… großartig.

Vielleicht nicht zwingend / weltbewegend / nötig für jeden, der zwei Katzenkrimis liest pro Jahr – aber RICHTIG zwingend / weltbewegend / nötig für die Menschen, die junge deutsche Literatur lesen, vermitteln, schreiben:

Eine Theater-Bekannte bat mich neulich zu einer Besprechung – am 31. Mai und 1. Juni. “Das geht nicht. Da ist PROSANOVA. Das ist nur alle drei Jahre. Und für uns Schreib-Menschen… wie Weihnachten. Ich MUSS da hin!”

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Wenn Max in “Sturm Hund Struppi 4” Hildesheimer Verkäuferinnen, mit-Jeansjacke-am-Stehtisch-rumsteh-Männer und Teenager (“Ihr geht zur Hauptschule?”) fragt, ob / warum ihr Herz keinen Riesensprung macht, sobald sie “Festival für junge deutschsprachige Literatur” hören… wird mir schlecht. Mehr als vor 9 Jahren.

Weil…

…ich die Wut verstehe, mit der Journalisten (und seis nur bei der PROSANOVA-Festivalzeitung) auf Behauptungen reagieren wie “Uwe Tellkamp: Toller geht’s nicht! DAS ist wichtig und spannend!”

[Ich glaube, Florian Kesslers ZEIT-Artikel war auch deshalb für viele enttäuschte Wenig-Leser so befreiend und willkommen: Er spricht den Menschen aus dem Herzen, die EH glauben, dass in keiner Buchhandlung irgend etwas auf dem Neuerscheinungs-Tischchen liegt, das WIRKLICH wichtig, dringend ist.]

Der Wunsch dieser Hildesheimer Redaktionen, immer wieder zu zeigen: Die Welt dreht sich nicht um Hildesheim. Oder um diese Bücher. Oder um das Festival… leuchtet mir erstmal ein. [Uwe Tellkamp ist super. Aber das nur am Rand. Und: Uwe Tellkamp hat den deutschen Buchpreis gewonnen – aber wird heute wohl in der Hildesheimer Fußgängerzone IMMER noch nicht gekannt.]

Nur… sind wir heute…

…in einer GANZ anderen Lage, wenn’s um Literatur, Information, PR und Teilen geht:

Ich kann Uwe-Tellkamp-Kapitel auf Facebook verlinken. Ich kann Youtube-Videos teilen. Ich könnte JEDEM in meiner Blase (und, in Blogs: auch weit über diese Blase hinaus) ganz konkret und offen aufzeigen, WAS mich an junger Literatur begeistert. WAS sich lohnt. WO es spannend wird.

Und da sehe ich Journalisten / Berichterstatter heute in einer ganz anderen Verantwortung als vor neun Jahren:

Ihr könnt uns ZEIGEN, warum sich PROSANOVA lohnt. Ihr könnt informieren. Kuratieren. Teilen. Begeistern. Ihr müsst nicht immer wieder diese bräsige und rhetorische (und klassistische!) “Wen interessiert das? Interessiert das die Hildesheimer Fußgängerzonen-Menschen?”-Fragen stellen. Ihr müsst GAR NICHT MEHR fragen.

Denn ihr habt jetzt die Mittel, ANTWORTvorschläge zu geben. WO sind die tollen Autoren? WER hätte Spaß auf diesem Festival? WAS ist das Spannende an junger deutschsprachiger Literatur?

Meine Lieblingsstelle – verunglückt, überraschend, toll aus dem Ruder laufend – im Litradio-Feature kommt gleich zu Beginn: Die rebellisch-kritisch-süffisanten Jungreporter-Schnösel fragen Anwohner, ob sie Lust hätten, 30 EURO (!1!!1) für ein PROSANOVA-Ticket zu zahlen.

Und statt “Nie im Leben!” und “Was ist ein Ticket?” und “30 Euro? Das gebe ich nur für Helene-Fischer-Konzerte oder in der Spielothek aus!” sagen die Hildesheimer Befragten: “Ja. Grundsätzlich schon. Kommt auf die Autoren an. Warum nicht? Und bei uns im Garten ist noch Platz für Zelte.”

Nicht alles muss affirmativ sein. Nicht jeder muss werben und begeistern. Und: ich selbst bin auch oft genervt von den Literatur-Freunden, die sich für ALLES begeistern und jedes Buch mit Lesebändchen und Schutzumschlag “traumhaft schön” finden.

Aber ich glaube, die PROSANOVA-“Berichterstattung” (?) oder -“PR” (?) geht am Thema vorbei: NIEMAND behauptet ernsthaft, ein Hildesheimer Festival mit… Kathrin Röggla, Antje Ravic Strubel und Dietmar Dath (who are these people?) sei das Ereignis des Jahres. Für jeden, der durch die Fußgängerzone läuft.

Doch es IST nen Blick wert. Und: Wenn sich Außenstehende erstmal wenig interessieren, muss das nicht an der Hybris und dem Bauchnabelblick der Veranstalter liegen (“Geil! Uwe Tellkamp!”)… aber auch nicht an der Ignoranz ALLER ALLER “normalen” Hildesheimer.

Seit 10 Jahren passiert mir – mit “normalen” Wenig-Lesern – fast nie: “Oh. Ich lese keine Bücher. Das interessiert mich nicht!”. Sondern – viel, viel öfter: – “Stefan? Du hast mir Marcus Braun empfohlen. Fand ich blöd. Du hast mir eine Bella Triste geschenkt. Fand ich witzlos. Du hast ein Interview mit Kathrin Röggla verlinkt – war jetzt nicht meins.”

Oft liegts nicht am grundsätzlich fehlenden Interesse. Sondern an falsch vermittelter, falsch adressierter, vorschneller oder unüberlegter Begeisterung: Wir haben – grade hier, via Social Media – SO VIELE Möglichkeiten, zu zeigen, WAS toll ist an Uwe Tellkamp.

Stattdessen nur Hauptschüler vorzuführen, weil die nicht rufen “Oha! Interessant!!”… bringt nichts. Es ist UNSER Job, zu zeigen, WAS interessant ist. An Tellkamp. An PROSANOVA. An Literatur.

Falls der Funke nicht überspringt, liegt das im Zweifelsfall fast IMMER an mir und meiner Vermittlung.

Nicht an den Menschen in der Hildesheimer Fußgängerzone.

[So. Kurz runtergetippt und ursprünglich auf meiner Facebook-Seite gepostet. Teilt und kommentiert gerne.]

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Ich selbst war 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung des zweiten PROSANOVA-Festivals:


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Links:

  • PROSANOVA 2011: Fotos
  • PROSANOVA 2011: Stimmen der Presse
  • PROSANOVA 2011: Eine Welt für sich
  • junge Literatur: 50 Empfehlungen
  • junge Literatur: Wo / wie findet man neue Bücher?

    PROSANOVA ist das größte Festival für junge Literatur im deutschsprachigen Raum. Vom 29. Mai bis zum 1. Juni trifft sich in Hildesheim wieder die junge Literaturszene zu Text, Tanz und Gespräch. In über 40 Veranstaltungen feiern 70 Künstlerinnen und Künstler ihr persönliches Bekenntnis zur Literatur.

    Autorinnen und Autoren, u.a.

    Adler & Söhne | als wir von den bäumen runterkamen | Jan Brandt | Katja Brunner | Carolin Callies | Lars Claßen | Ann Cotten | Kenah Cusanit | Dietmar Dath | Michel Decar | Dorothee Elmiger | Joseph Felix Ernst | Guido Graf | Verena Güntner | G13 | Martina Hefter | Susanne Heinrich | Fabian Hischmann | Maren Kames | Florian Kessler | Thomas Klupp | Martin Kordic | Jan Kuhlbrodt | Kevin Kuhn | Svealena Kutschke | Jo Lendle | Wolfram Lotz | Clemens Meyer | Matthias Nawrat | Claudius Nießen | Jakob Nolte | Hanns-Josef Ortheil | Thomas Pletzinger | Leif Randt | Annika Reich |Monika Rinck | Kathrin Röggla | Christian Schärf | Oliver Scheibler | Ferdinand Schmalz | Sabine Scho | Jan Skudlarek | Kai Splittgerber | Saša Stanišić | Antje Rávic Strubel | Thalstroem| TRAUMAWIEN | Stefanie de Velasco |Katrin Zimmermann

Best Nonfiction Books 2014: New Essays, Memoirs, Recommendations

underdog literature best nonfiction books 2014.

Here are 15 books that caught my interest lately.

Fresh, off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention…

memoirs. non-fiction. essays.

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01: JOHN W. EWANS, “Young Widower”, 200 pages, January 2014. [Memoir]

Young Widower: A Memoir

02: MIMI POND, “Over Easy”, 272 pages, April 2014. [Graphic Novel “Semi-Memoir”]

Over Easy

03: DAVID GIFFELS, “The Hard Way on Purpose: Essays and Dispatches from the Rust Belt”, 272 pages, March 2014. [Essays / Journalism]

The Hard Way on Purpose: Essays and Dispatches from the Rust Belt

04: IVAN E. COYOTE & RAE SPOON, “Gender Failure”, 256 pages, April 2014. [personal Essays]

Gender Failure

05: CAROLINE CLARKE, “Postcards from Cookie”, 320 pages, April 2014. [Memoir]

Postcards from Cookie: A Memoir of Motherhood, Miracles, and a Whole Lot of Mail

06: SEAN STRUB, “Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS and Survival”, 432 pages, January 2014. [Memoir / Politics]

Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS, and Survival

07: ANALD GOPAL, “No Good Men among the Living: America, the Taliban, and the War through Afghan Eyes”, 320 pages, April 2014. [Politics]

No Good Men Among the Living: America, the Taliban, and the War through Afghan Eyes

08: HISHAM D. AIDI, “Rebel Music: Race, Empire and the New Muslim Youth Culture”, 432 pages, March 2014. [Cultural Studies / Politics]

Rebel Music: Race, Empire and the New Muslim Youth Culture

09: ROBERT A. FERGUSON, “Inferno: An Anatomy of American Punishment”, 337 pages, March 2014 [Politics / Sociology / Cultural Studies]

Inferno: An Anatomy of American Punishment

10: ARIEL GORE, “The End of Eve. A Memoir”, 234 pages, February 2014. [Memoir]

The End of Eve: A Memoir

11: MARK GEVISSER, “Lost and Found in Johannesburg”, 352 pages, April 2014. [Memoir: South Africa]

Lost and Found in Johannesburg: A Memoir

12: TIM ANDERSON, “Sweet Tooth”, 333 pages, March 2014. [Mainstream Humor / Comedic Memoir]

Sweet Tooth

13: GREG GUTFELD, “Not Cool: The Hipster Elite and their War on You”, 272 pages, March 2014. [a right-wing “Fox News” employee tries to trash hipsters! 🙂 ]

Not Cool: The Hipster Elite and Their War on You

14: BRIGID SCHULTE, “Overwhelmed: Work, Love and Play when no one has the Time”, 368 pages, March 2014. [Psychology]

Overwhelmed: Work, Love, and Play When No One Has the Time

15: PATRICIA WOODELL, “Are the Keys in the Freezer? An Advocate’s Guide for Alzheimer’s and other Dementias”, 243 pages, January 2014.

Are the Keys in the Freezer?--An Advocate's Guide for Alzheimer's and Other Dementias

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Here are five books that made me curious enough to buy them:

01: LESLIE JAMISON, “The Empathy Exams”, 256 pages, April 2014. [personal Essays]

The Empathy Exams: Essays

02: PLUM JOHNSON, “They left us everything”, 288 pages, March 2014. [Memoir]

They Left Us Everything: A Memoir

03: ADAM BEGLEY, “Updike”, 576 pages, April 2014. [Biography]

Updike

04: EILEEN CRONIN, “Mermaid: A Memoir of Resilience”, 336 pages, January 2014.

Mermaid: A Memoir of Resilience

05: YASHA MOUNK, “Stranger in my own Country: A Jewish Family in modern Germany”, 272 pages, January 2014. [Memoir / Cultural Studies]

Stranger in My Own Country: A Jewish Family in Modern Germany

[German article here (Link)]
…and I’m excited about:

SERAH-MARIE McMAHON: “The WORN Reader: A Fashion Journal about the Art, Ideas & History of what we wear”, 416 pages, April 2014.

The WORN Archive: A Fashion Journal about the Art, Ideas, & History of What We Wear

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