Month: January 2014

Brief an den Vater

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Liebe [Frau meines Vaters], liebe [Frau meines Bruders], lieber Papa, lieber [drei Jahre jüngerer Bruder],

ich bin bisexuell.

Ich verliebe mich manchmal in Frauen. Manchmal in Männer. Ich kann mir vorstellen, mit einer Frau oder einem Mann zusammen zu leben. Vielleicht auch: eine Familie zu gründen. Auf jeden Fall: eine feste Beziehung zu führen – so „normal“ wie eure Ehen und Beziehungen auch.

Ich hatte eine Freundin im Studium, in Hildesheim und fand diese Partnerschaft sehr schön und passend für mich.

Ich hatte später einen Freund in Toronto – und fand diese Partnerschaft genauso schön, genauso richtig.

Beide Beziehungen haben nicht gehalten – aber das Geschlecht war, in beiden Fällen, kein Problem oder Konflikt: Knapp fünf Prozent aller Menschen sind homo- oder bisexuell. Manche Statistiken sagen: bis zu zehn Prozent. Ich gehöre dazu. Das ist nicht peinlich, schrecklich oder schlimm.

Bisexualität bedeutet nicht: Ich verliebe mich in viele Menschen, die ganze Zeit. Oder: Ich kann mich nicht entscheiden. Seit ich 12 oder 13 war, verliebte ich mich in sechs oder sieben Personen. Eine Verliebtheit ging. Die nächste kam. Manchmal ergab sich eine Beziehung. Oft wurde nichts daraus. Etwa zur Hälfte waren es Männer. Etwa zur Hälfte Frauen.

Die meisten Menschen, die mir wichtig sind, wissen Bescheid. Sie begegnen mir mit Respekt. Sie stellen Fragen, falls sie etwas genauer wissen wollen. Aber sie denken nicht: „Oh je! Das verändert ja alles!“ oder „Wie peinlich!“ oder „Huch: Was soll ich denn jetzt machen?“

Was sollt IHR jetzt machen?

Durchatmen. Die Nachricht sacken lassen.

Euch nicht aufregen oder Sturm klingeln.

Ihr alle habt eure eigenen Beziehungen. Eure Gefühle. Eure Sexualität. Intime Lebensbereiche, die euch sehr wichtig sind und die ich respektiere. Ich freue mich, wenn ihr glücklich miteinander seid. Ich hoffe, IHR freut euch genau so, sobald ICH mit jemandem glücklich werde.

(Im Moment spielt das, in meinem Alltag, keine große Rolle: Ich bin allein, schreibe hier mein Buch und denke nicht oft über meine Partnerwünsche nach.)

Es gibt zwei (oder: drei?) Sorgen, die ich kurz ansprechen will:

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Wenn ich Leuten sage „Ich bin bisexuell“, klingt das für manche wie eine Frage oder eine Einladung zur Diskussion: „Ich bin bisexuell: Was hältst du davon?“ oder „Findest du das gut?“, „Bist du damit einverstanden?“ oder sogar: „Magst du mich jetzt immer noch? Gib bitte Bescheid, ob das für dich so in Ordnung ist.“

Wir können gerne über alles reden. Ich kann euch Fragen beantworten und helfe euch, damit in Zukunft „umzugehen“. Aber natürlich werde ich nicht fragen: „Mögt ihr mich trotzdem noch?“ Falls ihr meine Nachricht „peinlich“ / „problematisch“ / „abartig“ usw. findet… nehmt euch bitte ein paar Tage Zeit:

Keiner von euch sagt „Entschuldigung – ich bin heterosexuell. Das habe ich bisher nie gesagt. Aber jetzt, wo ihr es wisst, habe ich große Angst: Bitte respektiert mich weiterhin. Bitte!“

Ich HABE Angst vor euren Reaktionen. Überlegt bitte, was ihr an meiner Stelle als Antwort hören (und: ertragen) könntet. Was ihr verkraften könnt. Was euch traurig oder wütend machen würde. Falls ihr jetzt, heute nichts… Gutes zu sagen habt, wartet bitte ein paar Tage ab. Fragt Schwule und Lesben, die ihr kennt, was DEREN Familien sagten und wie sich die Kommunikation in diesen Familien heute entwickelt hat.

Überlegt euch einfach, wie wir ein konstruktives, gutes Miteinander hinkriegen.

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An Weihnachten brachte [ein anderer Verwandter] [den vierjährigen Sohn meines Bruders] zum Heulen und sagte dann: „Hör auf, zu heulen! Wir haben keinen [Sohn] mehr! Wir haben eine [Name des Sohns mit -a dahinter, verweiblicht]! Hör auf, zu plärren. Du Schlitzpisser. Du Mädchen.“

Mich hat das furchtbar aufgeregt. Weil ich solche „Witze“ und „Sprüche“ aus meiner Kindheit kenne. Ich halte das für frauenfeindlich. Männerfeindlich. In jede Richtung respektlos und verletzend: Ich glaube nicht, dass ein Junge, der weint, „Mädchen“ genannt werden soll – als wäre „Mädchen“ etwas Schlechtes, Schwächeres oder Lächerliches.

Natürlich hat es mich AUCH aufgeregt, weil ich als Kind selbst oft „Sprüche“ und Urteile hörte wie: „Du wirfst wie ein Mädchen.“, „Ein richtiger Junge kämpft.“, „Du bist ein Waschlappen.“ usw.. Ich glaube, meine Eltern haben sich oft einen frecheren, sportlicheren, geschickteren Jungen gewünscht.

Das macht mich heute noch manchmal traurig. Und ich will nicht, dass mein Neffe ähnliche „Sprüche“ und unfaire Bewertungen anhören muss.

Männer mögen Kartoffelchips. Frauen mögen Schokolade. Das ist einfach so!“, sagte neulich eine Freundin. „Ich mag keine Kartoffeln – und lieber Süßigkeiten statt salzige Knabbereien“, sagte ich. Sie lachte: „Na klar, Stefan: DU bist ja auch bisexuell. Du zählst nicht! Du warst ja schon immer komisch.“

Als Kind – bevor ich gute Freunde hatte, Bücher kannte, an Unis und in große Städte kam usw. – habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich „komisch“ bin. Oder „seltsam“. Oder irgendwie „verpfuscht“. Ich glaube nicht, dass ich das bin. Manche Männer mögen Süßigkeiten. Manche Kinder können Bälle werfen. Manche Mädchen sind sportlich. Manche Menschen verlieben sich manchmal in Frauen, manchmal in Männer. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“. Es gibt keine „richtigen“ Jungen, keine „verpfuschten“ Kinder.

Falls ich in Zukunft etwas sage oder mache oder esse oder schreibe, das ihr seltsam findet oder nicht versteht… oder, das ihr selbst ganz anders seht… bitte rollt nicht die Augen und sagt: „Na ja. Das ist der komische Stefan. Der ist ja sowieso komisch. Komischer Geschmack. Komische Sätze. Komische Sexualität. Das hängt bestimmt alles zusammen! Er war ja schon ein komisches Kind. Normale Leute sind ganz anders.“

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Mama und [meine 9 Jahre jüngere Schwester] wissen seit fast zehn Jahren Bescheid und haben mir sehr geholfen. Sie haben keine Witze gemacht. Nicht gelästert oder gestichelt. Sie freuen sich für mich, wenn ich einen Mann oder eine Frau kennen lerne. Niemand denkt: „Oh je – da ist mein bisexueller Sohn!“ oder „Oh: Da ist mein komischer Bruder.“

Trotzdem hat Mama eine Weile gebraucht, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Sie hatte viele Fragen und Ängste. Noch heute ist das oft nicht leicht für sie.

Ihre größeren Sorgen aber sind:

Respektieren sich alle Kinder untereinander?“, „Was soll ich machen, wenn meine Kinder ihren Papa nicht gut behandeln?“, „Was denkt der Vater unserer Kinder, wenn sie Schwächen zeigen?“, „Was passiert mit der Familie, wenn sich alle gegenseitig Vorwürfe machen?“

Das SCHLIMMSTE und SCHLECHTESTE, was ihr jetzt machen könnt, ist, bei Mama Sturm zu klingeln und zu sagen: „Warum hast du das nicht erzählt?“ oder „Findest du das etwa schön?“ oder „Ist dir Stefan nicht peinlich?“ oder „Hättest du ihn anders erzogen, wäre das bestimmt nicht passiert!“

Informiert euch bitte über die „Ursachen“ von Homosexualität: Man kann sie nicht aberziehen / abgewöhnen. Lässt sie sich anerziehen? Nein. Natürlich nicht. Genauso wenig.

Fragt euch, wie ihr euch sebst als Vater oder Mutter verhalten würdet, falls [der Sohn meines Bruders], [die Nicht meiner Schwägerin], [meine Schwester], [Sohn und Tochter der Frau meines Vaters] euch mit 20 oder 21 sagen, dass sie nicht heterosexuell sind.

Mama hat fast immer das Gefühl, sich für alle Schwächen und Probleme ihrer Kinder rechtfertigen zu müssen.

Meine Bisexualität ist keine Schwäche und kein Problem.

Nichts, das Mama verursacht hat, ändern kann oder verteidigen muss:

Bitte zwingt sie nicht in eine Entschuldigungs- und Rechtfertigungs-Position.

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Ich bin 30 Jahre alt. Ich habe in Toronto und New York gelebt. Ich schreibe einen Roman. Ich empfehle und kritisiere Bücher in Zeitschriften. Ich komme finanziell halbwegs klar. Ich lese viel, arbeite viel und gebe mir Mühe. Ich bin zufrieden mit der Richtung, die mein Leben nimmt, stolz auf die Ziele, die ich erreicht habe, und sehr, sehr ungeduldig, endlich auch die neuen / nächsten Ziele zu erreichen: Mein Leben ist manchmal eine ziemliche Baustelle, ein kleines Chaos.

Ich hoffe, mit diesem Brief wird das Chaos ein bisschen kleiner.

Nicht größer.

Lest das in aller Ruhe. Keine Hektik. Keine Handlungsnot.

Überlegt euch bitte ein paar Tage, wie jeder von euch am besten antworten will.

Und, welche Antworten euch selbst an meiner Stelle helfen würden.

Sortiert euch. Redet miteinander. Fast zehn Jahre lang hatte ich, ehrlich gesagt… Angst vor euren Antworten und Reaktionen.

Aber: Wir haben uns schon so oft gegenseitig überrascht. Sind über unsere Schatten gesprungen. Über uns hinaus gewachsen. Ich glaube, wir kriegen das hin. Und können Ende 2014 eine bessere Familie sein als heute.

Lasst von euch hören!

STEFAN

Wahrscheinlich schreibe / blogge ich auch nochmal über alles. Aber dann: ohne eure Namen und ohne persönliche Details.

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wordpress 1989.

knapp 20 Minuten, nachdem ich die Mail verschickt hatte, schrieb mein Bruder:

“Hi Stefan,

wie du weisst, bin ich nicht der große Schreiber bin eher der „frechere, sportlichere, geschicktere Junge“.

Für mich ist das kein Problem, ich denke mal, dass ich dich bis jetzt immer unerstützt habe und werde es auch weiter tun.”

Das macht mich… irrsinnig stolz!

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verwandte Links:

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Underdog Literature, January 2014: 15 fresh or amazing, off-the-wall titles

Underdog Literature WordPress January 2014.

Here are 15 books that caught my interest lately.

Fresh, off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention:

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01: LEONARD COHEN, “The Favorite Game”, 248 pages, 1963.

The Favorite Game

02: JAC JEMC, “My only Wife”, 194 pages, 2012.

My Only Wife

03: JANET HOBHOUSE, “The Furies”, 312 pages, 1992.

The Furies

04: ELIZABETH FORSYTHE HAILEY, “A Woman of independent Means”, 304 pages, 1978. [Mainstream / Chic-Lit?]

A Woman of Independent Means

05: EDUARDO GALEONO, “The Book of Embraces”, 288 pages, 1989. [Fragments; Uruguay]

The Book of Embraces

06: ERNEST RAYMOND, “We, the Accused”, 509 pages, 1935. [True Crime? Journalism?]

We, the Accused

07: ALBERTO BARRERA TYSZKA, “The Sickness”, 192 pages, 2006. [Venezuela]

The Sickness

08: LARA FERGUS, “My Sister Chaos”, 204 pages, 2010.

My Sister Chaos

09: MERCÈ RODOREDA, “A Broken Mirror”, 226 pages, 1985. [Spain]

A Broken Mirror

10: PAUL RUSSELL, “War against the Animals”, 358 pages, 2003.

War Against the Animals

11: MURIEL SPARK, “The Prime of Miss Jean Brodie”, 137 pages, 1961.

The Prime of Miss Jean Brodie

12: WILLIAM TREVOR, “Reading Turgenev”, ca. 252 pages, 1991.

Reading Turgenev

13: PATRICK WHITE, “Happy Valley”, 317 pages, 1939.

Happy Valley

14: JOHN HENRY MACKAY, “The Hustler”, 312 pages, 1926.

The Hustler: The Story of A Nameless Love from Friedrichstrasse

15: KEITH WALDROP, “Light while there is Light. An American History”, 208 pages, 1993. [Memoir]

Light While There Is Light: An American History

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Here are five books that made me curious enough to buy them…?

No: I needed money for Christmas presents last month and didn’t buy any books for myself. But here are things I WANT to buy soon:

01: LEE MAYNARD, “Crum”, 170 pages, 2001.

Crum: The Novel

02: JAMES SCHUYLER, “What’s for Dinner?”, 211 pages, 1978.

What's for Dinner?

03: STIG SAETERBAKKEN, “Through the Night”, 150 pages, 2012. [Norway]

Through the Night

04: HERMANN UNGAR, “The Class” / “Die Klasse”, 176 pages, 1927. [set in Prague, written in German]

The Class

05: GERD BRANTENBERG, “Egalia’s Dauthers. A Satire of the Sexes”, 270 pages, 1977. [Feminist Science Fiction; Norway].

Egalia's Daughters: A Satire of the Sexes

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…and finally, here are three books that I read – and that were really good:

4 of 5 stars: ÉDOUARD LEVÉ, “Autoportrait”, 120 pages, 2005. [Memoir / Art Novel / post-modern literary Collage; France]

Autoportrait

4 of 5 stars: SEBASTIAN HAFFNER, “Defying Hitler” / “Die Geschichte eines Deutschen”, 309 pages, 1939. [Memoir; Germany]

Defying Hitler

4 of 5 stars: TERI TERRY, “Slated”, 448 pages, 2012. [competent, but not very exciting Young Adult dystopia that I read for a ZEIT article]

Slated (Slated, #1)

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related Posts:

and:

Videospiele “machen klug”: ‘Der Spiegel’, Gamer, Amok-Debatten

2014 WordPress Regal

Update / zuerst lesen:

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Der Spiegel vom 13. Januar 2013 will erklären, “warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf”.

“Spielen macht klug: Warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf:

Du sollst spielen!: Digitale Spiele machen gewalttätig und einsam. Dachte man. Jetzt räumt die Forschung mit Vorurteilen auf: Spiele stärken menschliche Beziehungen und helfen bei Krankheiten. Sie können Menschen glücklicher machen.
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Das ist… ein bisschen traurig und kommt zehn oder zwanzig Jahre zu spät. Dass die selben Leute, die ein Medium seit Jahrzehnten pathologisieren, jetzt sagen “Eigentlich dachten wir ja alle: Das ist reiner Schund. Oder sogar: schädlich! Aber… vielleicht… vielleicht ist ja DOCH was dran…”

…regt Gamer / Spielewissenschaftler / Journalisten / denkende Menschen in meiner Facebook-Blase auf. Und ich verstehe, warum.

trotzdem kurz an diese Gamer:

Ich verstehe, dass Videospiele viel (!) schlimmeren Anfeindungen ausgesetzt sind als alles, was ich selbst – als Fan oder Autor oder Kulturwissenschaftler – spannend finde:

Bücher. US-Serien. Superheldencomics. Netzkultur usw. usw.

Die Medien, Formate, Erzählungen, die ich mag, werden nicht SO pauschal und feindselig als Ramsch aussortiert. Ich selbst denke nicht nach jeder Schießerei und jedem Amoklauf: “Oh nein. Was macht DIESE Nachricht aus meinen Hobbies?”

Obwohl mich selbst solche Schund-, Jugendgefährdungs-, Gewalt-, Verblödungs- und Kommerzdebatten auf MEINEN Kulturfeldern VIEL weniger angreifen, bin ich selbst schon genervt, wenn dreimal im Monat irgendein Dösel-Germanist in der FAZ schreibt:

“Jahrzehntelang wussten wir alle: TV-Serien, das ist Schema F und Verdummung. Doch heute können frische, mutige Produktionen wie ‘The West Wing’, ‘The Wire’ und ‘Breaking Bad’ sogar mit einem Charles-Dickens-Roman mithalten.”

Also: Schnösel-Autoren und Moral Guardians, die ein Medium durch den Dreck ziehen… und dann stolz verkünden: “Wir haben, unter all dem Schund, jetzt DOCH noch eine Perle gefunden. Hurra.”

Das macht mich müde. Strengt mich an. Schadet den Zeitungen. Insofern: Doch. Ich kann verstehen, dass die Videospielwelt nicht geschlossen jubelt “Hurra! Endlich erhalten sogar WIR den Segen des wichtigen ‘Spiegel‘!”

Trotz allem aber, an meine Spielwissenschaftler-Freunde: Bei einem Spiegel-Titel wie “Lest mehr Bücher! Es lohnt sich!” oder “Superman: interessanter als gedacht” wäre ich selbst, glaube ich, erstmal… beklommen und nervös. Weil… 9 von 10 Büchern, 9 von 10 Superheldencomics, 9 von 10 Dingen ÜBERALL halt Schund sind. Und keinen Spaß bringen. Und, aus meiner Sicht, nicht “mehr Aufmerksamkeit verdient haben”… sondern tatsächlich am besten: vergessen werden sollten.

Als Gamer würde ich bei einem solchen Spiegel-Titelbild nicht denken “Na endlich kapiert es auch der bornierteste Print-Spiegel-Redakteur: Videospiele sind clever! Wird Zeit, dass das im Bewusstsein deutscher Spiegel-Leser ankommt.”

sondern: “Oh. Der Spiegel kennt kluge Spiele [gute Bücher / tolle Superman-Comics]…? SO viele kluge Spiele [Bücher / Comics] kenne ich, als Experte, eigentlich nicht. Und fast keine, die einen Spiegel-Titel wert wären.]

Ist mein… Unbehagen verständlich? Klar mag ich… mein Bett. Aber würde der Spiegel titeln: “Stefan Meschs Bett: DORT sollte jeder hin. DAS ist einen Blick wert! Befassen Sie sich damit! Kommen Sie rein. Stoßen Sie dazu! Es lohnt sich!”

…hätte ich vor allem Angst.

Gibts wirklich so viele kluge Spiele, die jederjederjeder Spiegel-Leser kennen sollte, mit Gewinn spielen würde usw. usw.?

Gute Bücher (als Bücher-Experte) oder gute Comics (als Comic-Fan) könnte ich jedenfalls nicht nennen – mit einer “DAS interessiert die gutbürgerliche Best- Ager-/General-Interest-und-Studienrats-Leserschaft des Spiegel” -Selbstsicherheit.

Ein… servicesorientiertes Nachrichtenmagazin wie Focus hätte wohl getitelt “Die Deutschen spielen sich schlau: Die 99 besten Spiele, die verhindern, dass IHR Kind auf eine Hauptschule kommt, sozial abstürzt und auf dem Schulhof von rumänischen Schlägerbanden verprügelt wird” usw. usw.

Der “Machen-Spiele-klug?”-Satz auf dem Spiegel-Cover ist – klar! – nicht automatisch das Versprechen “Spiegel nennt Ihnen 99 Spiele, die auf JEDEN Fall JEDEN Menschen klug und glücklich machen und ALLEN Ansprüchen gerecht werden.”

Wahrscheinlich interviewen sie eine Psychologin, einen Neurowissenschaftler und irgendwen, der viel Geld verdient, aber trotzdem ab und zu auf dem iPhone ein Sudokurätsel löst.

Insofern ist meine “Oha: Ob der Spiegel wirklich SO viele gute Spiele kennt? Ich könnte jedenfalls nicht genug US-Serien, Bücher, Heldencomics nennen, um eine entsprechende Spiegel-Titelstory zu rechtfertigen!”-Sorge vermutlich eh am Thema vorbei.

Morgen erscheint die Ausgabe. Ich bin… gespannt. Wobei der konkrete Text für mich wohl zweitrangig bleiben wird. Wichtiger ist die Signalwirkung des Covers:

Der Print-Spiegel gibt “digitalen Spielen” den Segen. Eine große Sache. Immer noch.

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Freund M. schreibt auf Facebook: “In meinem Bett würde ich auch nicht alle Welt begrüßen wollen. Aber es wäre ja schonmal schön, wenn nicht immer gesagt werden würde, da stinke es und man hole sich ja eh nur Läuse.”

Spieleforscher und Kulturwissenschaftler-Freund Christian Huberts schreibt:

“Mir geht es gar nicht darum, dass es seit Jahren nur negative Berichterstattung gibt und “jetzt plötzlich/endlich” einen Artikel mit positiven Aspekten, den ich nicht erstnehmen kann, weil vorher alles so negativ war. Nein, nein, ganz im Gegenteil. Der Spiegel schreibt schon immer recht positiv (und auf SPIEGEL ONLINE geradezu brauchbar) über Computerspiele. Gerade im Print-Bereich ist es aber jedes mal der selbe positive Artikel. Seit 10 – 20 Jahren erscheinen mehr oder weniger glaubhafte Studien zu positiven Aspekten von Computerspielen und JEDES MAL erscheint darauf hin der gleiche, lahmarschige “Computerspiele machen schlau!”-Artikel, z.B. 2004:

… JEDES MAL! Mein Problem ist nicht zu viel kritische Berichterstattung. Es gibt einfach keine gute/brauchbare Kritik. Nur faules nachplappern von Studien und veralteten Allgemeinplätzen. Und mich ermüdet diese Anbiederung an den Gegenstand, die eigentlich nur ein passiv-aggressives neues Vorurteil ist: Computerspiele sind dann gut, wenn sie einen NUTZEN erfüllen. Sie sind jedoch – Kulturgut-Geschwafel hin oder her – keine Kultur, solange nur darüber nachgedacht wird, was sie kognitiv-pädagogisch für uns leisten können.

Wenn ich eine negative Comic-Rezension in einer Zeitung lese, steht da was von platten Charakteren, sexistischen Stereotypen, Plotlöchern, blassen Zeichnungen und anderen, besseren Comics. Wenn ich einen negativen (von Rezension möchte ich da gar nicht reden) Text über Computerspiele lese, steht da was davon, dass ALLE “Ballerspiele” kathartische Unmoralfantasien sind und man besser schlechte Comics lesen sollte. Über das Computerspiel erfahre ich nichts. Ich erfahre immer nur etwas über die Vorurteile und kulturellen Vorlieben der Autoren.

Ich WILL Kritik an Computerspielen. Vernichtende, erhellende, lückenlose und großartig recherchierte und belegbare Kritik. Aber ich bekomme immer nur “Ich mag Filme/Bücher/Theater lieber”- ODER “Computerspiele machen schlau/helfen bei Traumata/sind jetzt eine Sportart/können jetzt auch Geschichten erzählen”-Texte. DAS ist ermüdend und ärgerlich!

Was der Spiegel-Titel (und die Vorschau die ich gelesen habe) nahelegen ist nicht, dass die Redakteure da keine Ahnung haben und ich viel schlauer bin, viel mehr coole Spiele kenne. Nein, der aktuelle Spiegel legt nahe, dass die Redakteure seit 10 – 20 Jahren keine Ahnung von Computerspielen haben WOLLEN bzw. es gar nicht für notwendig halten (es gibt ja Studien!), lieber aus Distanz kritische Positionen simulieren. Und das ist auch meine Erfahrung, wenn ich Journalisten anbiete, etwas aktuelles, kritisches, relevantes zu Computerspielen zu schreiben. Dann bekomme ich angeboten, doch besser etwas über eSports, Serious Games oder World of Warcraft zu schreiben, als wäre das gerade gestern erst virulent geworden und als gäbe es nicht schon längst neuere, relevantere und auch für Nicht-Spieler nachvollziehbare Diskurse.”

mehr zum Spiegel-Titel, nochmal Christian Huberts, hier [lesenswert / viele Links!]

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und, via Philip Steimel (beginnt langsam und flach… aber stellt, gegen Ende, ein paar großartige und wichtige Fragen):

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verwandte Links:

Best Books of the Year: My personal Top 20

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(After a popular list last year [Link] and another in 2012 [Link]…)

…here are the 20 very best books I’ve read in 2013:

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20: WALTER ABISH, “How German is it”, Novel, 1980:
How German is It (Wie Deutsch ist es)

19: SARI BOTTON (Editor): “Goodbye to all that. Writers on Loving and Leaving New York”, nonfiction anthology / personal essays, 2013:
Goodbye to All That: Writers on Loving and Leaving New York

18: BARBARA PYM, “Excellent Women”, Novel, 1952:
Excellent Women

17: ALEXANDER MAKSIK, “You deserve nothing”, Novel, 2011:
You Deserve Nothing

16: BRIAN WOOD, “DMZ”, 12-volume Graphic Novel series, 2005 to 2012:
DMZ Vol. 12: The Five Nations of New York

15: A.S. KING, “Reality Boy”, Young Adult Novel, 2013:
Reality Boy

14: KATE SOUTHWOOD, “Falling to Earth”, Novel, 2013:
Falling to Earth

13: ANNA FUNDER, “Stasiland” […alternatives / runner-ups: BARBARA DEMICK, “Nothing to Envy” and SEBASTIAN HAFFNER, “Defying Hitler”: Three great nonfiction / cultural studies reads that focus on ordinary people and mass mentality in totalitarian regimes.]
Stasiland: Stories from Behind the Berlin Walland Nothing to Envy: Ordinary Lives in North Korea and Defying Hitler

12: ÉDOUARD LEVÉ, “Autoportrait”, postmodern novel / art / journalism, France 2005:
Autoportrait

11: DEBBIE LEVY, “Imperfect Spiral”, Young Adult Novel, 2013:
Imperfect Spiral

10: J.H. WILLIAMS III, W. HADEN BLACKMAN, “Batwoman” 1 to 3, Graphic Novels, 2011 to 2013:
Batwoman, Vol. 1: Hydrology

09: JOHN BRANDON, “Citrus County”, Novel, 2010.
Citrus County

08: BRECHT EVENS, “The Making of”, Belgian Graphic Novel, 2011.
The Making Of

07: ALEXANDER RÜHLE, “Ohne Netz”, German Journalism, 2010.
Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline

06: DAVID GATES, “Jernigan”, Novel, 1991.
Jernigan

05: DAVID LEVITHAN, “Two Boys Kissing”, Young Adult Novel, 2013.
Two Boys Kissing

04: MARIA SEMPLE, “Where’d you go, Bernadette”, Novel, 2012.
Where'd You Go, Bernadette

03: CARSON McCULLERS, “The Member of the Wedding”, Novel, 1946.
The Member of the Wedding

02: ROBERT SHERRIFF: “A Fortnight in September”, Novel, 1931.
The Fortnight in September

01: PETER HEDGES: “What’s eating Gilbert Grape”, Novel, 1991.
Gilbert Grape, Irgendwo In Iowa

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For a complete list of books I’ve read in 2013, please go here [Link].

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In comics, I’ve also enjoyed Glyn Dillon’s “The Nao of Brown” [Link], the excellent finale of Joe Hill’s “Locke & Key” series (all in all: the best comic series I have ever read, Link), Juan Diaz Canales’ “Blacksad” [Link] detective stories, the finale / later half of Brian Michael Bendis’ “Alias” series [Marvel, Link] and the “New 52” DC comic books featuring “Wonder Woman” [Link], “Green Lantern” [Link], the new “Green Arrow” [Link] and sometimes “Batgirl” [Link] as well as lots of good, older “Superman” titles [Link] and Marvel’s amazing “Hawkeye” series [Link]

…and, just like last year, “Honey & Clover” [Link] – a “Scott Pilgrim”-like, bittersweet / comedic coming-of-age manga series about five friends at an art school.

Here’s a big collage of the many, many good graphic novels I’ve discovered in 2013:

000 2013 best graphic novels wordpress collageHave a good 2014! More to come!

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