[gebloggt auf ocelot.de] Superman? Batman? Alles auf Anfang!

Heldencomics in der Krise: Bei DC Comics werden 52 neue Heftreihen zum Bestseller. Die „New 52“ wollen Start- und Einstiegspunkte sein – für neue, jüngere Leser.

Von Stefan Mesch

„Gäste zum Kaffee“, die gemütliche Talkrunde im MDR-Magazin „Hier ab vier“, hat jeden Nachmittag etwa 160.000 Zuschauer. „Detective Comics“, das monatliche Heft, in dem Batman seit 1939 Verbrecher jagt, wurde Mitte 2011 nur knappe 60.000 Mal verkauft.

Als Marke, Spielzeug und im Kino bringen selbst unbekanntere Figuren wie Green Lantern oder die „Avengers“ Profite. Doch Comics selbst? Die monatlichen, zwanzigseitigen Fortsetzungshefte für 2.99 Dollar? Dort sterben Superman und Wonder Woman seit knapp 20 Jahren einen Tod auf Raten.

„Die größten Helden der Welt. Die größten Autoren und Künstler. In 52 neuen, ersten Heften“, versprach DC Comics im Herbst 2011 in einer pompösen Kino- und TV-Kampagne: Konkurrent Marvel Comics, Herausgeber von „Spider-Man“, „Hulk“ und den „X-Men“, wurde 2009 vom Disney-Konzern gekauft. DC Comics gehört zu Warner Brothers. Durch Videospiele, Filmrechte und Merchandise verdienen beide Konzerne gutes Geld mit jeweils Hunderten Heldenfiguren. Doch ist das Kerngeschäft, die Comics selbst, zu retten?

Vielleicht schon, zeigt die Bestseller-Überraschung der „New 52“: Noch im August 2011 veröffentlichte DC Hefte wie „Batman 713“ oder „Action Comics 904“. Dann brachen alle Geschichten ab: Ein Riss zerstörte die Zeitrechnung des gemeinsamen „DC Universe“ und 52 neue, teils eng verknüpfte Serien zeigten seit September 2011 alle bekannten Helden plötzlich in neuen, einsteigerfreundlichen Situationen. Zum ersten Mal seit 1986 wagt die DC-Welt einen Neuanfang. Und er gelingt – künstlerisch und kommerziell.

Selten waren aktuelle Heldencomics flirrender und aufregender als auf den 1216 Seiten in 52 neuen, beliebig kombinierbaren Erstausgaben: 28 neue Serien handeln von Männern (davon viermal Batman), 18 von Gruppen oder Teams, nur sechs haben eine Frau als Titelfigur. Es gibt ein (überraschend gutes) Wildwest-Comic, zwei mittelmäßige SoldatenAbenteuer, eine Handvoll blutiger Horror-Serien. Die „Demon Knights“ kämpfen im Mittelalter, die vier „Green Lantern“-Teams im Weltall, „Legion of Super-Heroes“ im Jahr 3011 und „Batwing“ im Kongo.

„Wer Comics oder Seifenopern verfolgt, der folgt nicht einzelnen Geschichten – sondern Figuren, die ihm im Lauf der Zeit ans Herz gewachsen sind“, schreibt Nelson Branco. Doch seit September haben Sympathieträger wie Nightwing, Batwoman, Aquaman, Wonder Woman und Animal Man endlich besonders zugängliche Erzähler, besonders eindringliche Plots (Empfehlungen: am Ende des Artikels).

Der große Neustart – ab Juli auch auf Deutsch, bei Panini Comics – hat nur ein Problem: Egal, wie klug und charismatisch die Figuren sind… die Welt um sie herum ist plötzlich so naiv, schwarzweiß und finster wie nie zuvor. In jedem zweiten Heft gibt es geheime Labors, in denen inkompetente Wissenschaftler schreckliche Wesen züchten. Polizisten sind korrupt oder hilflos, Politiker gehen über Leichen, Freunde und Eltern sind Belastungen statt einer Stütze – und nur ein Einziger agiert mit Mitgefühl, Verstand und Engagement: der einsame, oft isolierte und missverstandene Held.

Als Hollywood in den Fünfzigern die Jugend als Markt und eigene Zielgruppe entdeckte, fanden billige Monster-Filme wie „I was a Teenage Werewolf“ neue, griffige Metaphern für die Entfremdung vom eigenen Körper, für Außenseitertum und Angst. Anfang der Sechziger griff Marvel Comics diesen Tonfall auf: „Spider-Man“ zeigte ein pubertäres, unbedarftes Schulkind, „X-Men“ eine Clique aus missverstandenen Monstern.

Noch heute werden viele Marvel-Helden in der fiktiven Weltordnung ihrer Comics diskriminiert, bekämpft und verachtet. Sie finden keine Liebe und brechen sich gegenseitig das Herz. Sie bleiben neurotisch, neidisch, unzufrieden, voller Selbsthass und Hormone. „Die Hälfte von ihnen sind Außenseiter mit begrenzten Kräften, die sich abkämpfen für eine Welt, in der sie nie richtig gewürdigt werden“, erklärt Comichändler Scipio Garling. „Die andere Hälfte sind unfassbar mächtige, kosmische Wesen von unvorstellbarer Kraft und… Plattheit.“

Beide Persönlichkeiten sind attraktive Rollenbilder für Macht- und Hilflose, für Underdogs, Opfer der Umstände: „Typ 1 trifft das Selbstbild eines Jugendlichen. Typ 2 entspricht dem Wunschbild eines Jugendlichen“, vereinfacht Garling. „Sei stark und zäh, denn unsere Welt ist voller Unglück. Du hast es nicht verschuldet. Aber du kannst es auch nie abschaffen… Das ist die Marvel-Botschaft.“

Reiz und Stärke der DC-Helden dagegen stammt aus einer bürgerlichen, viel positiveren Haltung zur Rolle des Einzelnen in der Welt. „DC sagt: Du bist verantwortlich dafür, dich selbst und die Gesellschaft zu verbessern. Sei stark und zäh, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.“

Die Marvel-Figur Iron Man, ein stolzer Erfinder und Millionär, würde auch gut zu den DC-Figuren passen. Supergirl, ein verwirrtes und unglückliches Waisenkind, wäre bei Marvel besser aufgehoben. Bei vielen Helden aber bleibt die große Unterscheidung überraschend trennscharf: Wonder Woman (DC), Botschafterin der Amazonen, ist tatsächlich engagierte Diplomatin. Clark Kent (DC), Supermans bürgerliches Ich, hat einen Pulitzerpreis. Green Arrow (DC) lebt als moderner Robin Hood – und lässt sich zum Bürgermeister wählen, um nicht allein die bloßen Symptome sozialer Ungerechtigkeit zu bekämpfen.

DC-Helden wollen – als Bürger und in ihren Kostümen – arbeiten, Einfluss nehmen, ein Vorbild sein. Sie vertrauen ihren Familien, engagieren sich im Beruf. Sie suchen Partnerschaft und Respekt statt Ruhm und Sex; sie trennen den Müll und setzen globale Zeichen. Egal, ob gerade jemand zusieht oder nicht.

Der Held im neuen “Aquaman” dagegen hat keine Lust mehr, König von Atlantis zu sein: Er will Entspannung an Land und bestellt erstmal Fish and Chips. Der Held in „Green Lantern“ ist arbeitslos und kann sich kein Auto leisten. „Hawkman“ verbrennt sein Kostüm und liegt jammernd in seiner verdreckten Wohnung. In „Static Shock“ verbietet ein Vater seinem (Helden-)Sohn, den Führerschein zu machen. Die Hauptfigur in „Voodoo“ muss als Stripperin arbeiten. In „Action Comics“ wird Superman von der korrupten Regierung gejagt.

Miese Jobs. Böser Staat. Wirtschaftskrise. Schlechte Karten!

“Unsere Zielgruppe sind Männer zwischen 18 und 34 Jahren”, erklärt der DC-Verlag. Eure Zielgrupe, korrigiere ich nach der Lektüre von 52 ersten Heften, sind Verlierer, Zyniker, Nörgler und Versager. Fans von Selbstmitleid und Zweifeln. Wie bei Marvel:

Seit September hat Lois Lane einen neuen Freund – Superman konnte nie bei ihr landen. Seit September ist Green Arrow ein jugendlicher, legendär reicher Playboy – apolitisch und plump. Auch Familie Reyes, die respektvollen, bisher immens sympathischen Eltern des jungen Blue Beetle, sind plötzlich streng und hilflos: „Früher erfuhr Blue Beetle Zuspruch und Unterstützung von Freunden und Familie. Aber das Heldenleben ist nunmal kein Zuckerschlecken!“, feixt Autor Tony Bedard. „Ich mache ihm alles deutlich schwerer!”

Es ist nicht schwer, Geschichten zu erzählen, in denen ein Held alleine in einem Sumpf aus Mittelmaß und Dummheit steht. Es ist nicht schwer, „der Gute“ zu sein, so lange alle Gegenseiten nachtschwarz und bitterböse bleiben. Viele neue DC-Reihen sind schmissig – aber brutal vereinfacht, geist- und einfallslos.

Besonders die weiblichen DC-Figuren leiden unter diesem Kurswechsel: Denn seit September werden sie mit dickerem, plakativen Pinselstrich gezeichnet. Amanda Waller, eine bullige, intrigante Regierungsagentin Ende 40, vor der selbst Batman zittterte, hat plötzlich eine Wespentaille und feuchte, pralle Lippen. Fast 30 Jahre lang war Starfire eine lebensfrohe, entspannte Romantikerin. Jetzt bietet sie jedem Mann spontanen Sex an. Beinahe fünf Jahre lang waren Catwoman und Batman ein Liebespaar: Sie kannten die Gesichter hinter der Maske, vertrauten sich beruflich wie privat.

Der „Catwoman“-Neustart tilgt diesen Respekt und das Vertrauen: „Sie ist süchtig nach der Nacht. Süchtig nach Glanz. Süchtig nach Batman. Und süchtig nach der Gefahr!” Eine leichtsinnige Diebin, getrieben von Instinkt und Libido. Eine Figur, gezeichnet, um begafft zu werden – nicht bewundert.

Am Ende des September-Hefts taucht Batman in Catwomans (ergaunertem) Penthouse auf. Sie stürzt sich auf ihn wie eine räudige Katze. Und erklärt dem Leser, sie wisse gar nicht richtig, wer dieser Mann ist – es sei auch egal: Ihr reicht Batmans Körper. Sex auf dem Fußboden. Maskierte, gierige Fremde. „Und die Kostüme lassen wir größtenteils an.“

DC Comics ist ein flüssiger, süffiger, schwungvoller Neustart geglückt, mit vielen bemerkenswerten Zeichnern und einer Handvoll klugen und subtilen Autoren. Doch diese neue Welt der Helden ist auch, deutlich wie nie: ein Bekenntnis zum Schund. Zum Sexismus. Zur Gewalt. Und zu einer jungen, männlichen, naiven Leserschaft, die sich nicht viel zutraut. Und nicht viel erwartet.

sechs Empfehlungen für Neueinsteiger: „The Flash“ (Panini), „Action Comics“ (Panini), „Batman“, „Justice League“ (Panini), „DC Universe presents: Deadman“

sechs Empfehlungen für Fans: „Batman & Robin“ (Panini), „Batwoman“ (Panini), „Wonder Woman“, „Birds of Prey“, „Swamp Thing“, „Animal Man“ (Panini)

Enttäuschungen und Schund: „Detective Comics“ (Panini), „Deathstroke“, „Red Hood and the Outlaws“, “Red Lanterns” (Panini), “Legion Lost”, “Catwoman” (Panini)

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related Links:

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my German comic book journalism:

 

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