Shining Girls (Apple TV+, Staffel 1: Kritik)

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Für Deutschlandfunk sah ich Staffel 1 von „Shining Girls“:

Gespräch mit mir im Link (Audio, 6 Minuten)

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Krimi „Shining Girls“ auf Apple TV+

Gute Serien aus schlechten Büchern

Keine Serie braucht einen wasserdichten Plot oder perfekte Spannungsbögen. Keine Serie braucht ein Finale, das jede Frage letztgültig beantwortet: TV-Erfolge der 80er und 90er Jahre setzten auf klare Figuren und ein verlässliches Format. Doch schon in Serien wie „Twin Peaks“ entschied vor allem die Atmosphäre: Intensive Songs, vertraute Farben oder ein markanter Handlungsort versprechen eine eigene Stimmungs- und Gefühlswelt, in die man möglichst tief tauchen darf. Wer „Breaking Bad“ oder „Game of Thrones“, wer „Gilmore Girls“ oder „Grey’s Anatomy“ nicht mag, klagt selten über spezifische Rollen und Momente. Die Grundfarbe, der Grundtonfall und -rhythmus machen aus, wer sich im Publikum angesprochen fühlt – oder außen vor.

Der prachtvolle Krimiserie „Shining Girls“ auf Apple TV+ gehört zu einer ganzen Welle aufwändiger Apple-Produktionen, in denen Stimmung, Farbe, Atmosphäre mehr zählen als der Plot: Toll sieht das aus! Chicago 1992, die Redaktion der Tageszeitung Sun-Times, kurz bevor das Internet alles erleichtert und neu verkompliziert. Archive und Zettelkästen, Schulterpolster und Tonbänder. Kirby (Elisabeth Moss) stand vor ihrem Durchbruch als Journalistin, als sie beim Gassigehen von einem Fremden überfallen und aufgeschlitzt wurde. Als eine Krankenpflegerin tot aufgefunden wird mit ähnlichen Schnitten, riskiert Kirby den faden Job im Zeitungsarchiv und überredet den Journalisten und Alkoholiker Dan Velasquez (Wagner Moura), zu ermitteln: Ist Kirby das einzige überlebende Opfer eines Killers?

Viele Zufälle und Wendungen der achtteiligen Staffel 1 sind fadenscheinig. Doch jede Szene ist besser gespielt und markanter gefilmt als nötig, und jede Folge so originell verschachtelt, so abwechslungsreich und überraschend strukturiert, dass ein Schema-F-Mörder und eine recht konventionelle Krimi-Welt viel packender, hochwertiger wirken als auf dem Papier. Denn „Shining Girls“ erschien schon 2013 als Roman – ein erfolgreicher, doch arg wackelig und wurstig erzählter Fantasy-Thriller der südafrikanischen Autorin Lauren Beukes. Im Buch ist Kirby ein nassforsches Punk-Girl im „Ich bin anders als die anderen Mädchen“-Stil der 90er und verdient sich so Respekt und Liebe des väterlichen Dan. In langen Kapiteln werden starke Frauen vorgestellt, exemplarisch für die Stadtgeschichte Chicagos – nur, um dann aufgeschlitzt zu werden: ein monotoner und trostloser Erzählrhythmus. Die meisten Rezensionen zu Beukes‘ Buch sind voller Ideen, wie man Kirbys Wut, Trauma und Ermittlungen besser hätte erzählen können.

Toll also, dass Apple das neun Jahre später mit viel Budget, Sorgfalt, Talent und Stilwille versucht: einen Bestseller, der fast niemandem so recht gefiel, in eine möglichst intensive Bild- und Stimmungswelt umzubauen. Dafür werden viele der komplexesten Frauen aus Beukes Vorlage gestrichen: zum Beispiel eine trans Frau, die in den 40er Jahren auf dem Jahrmarkt auftritt, doch sich jeder Exotisierung verweigert, und ein feministisches Kollektiv, das in den 70er Jahren bei Schwangerschaftsabbrüchen hilft. Frauenmörder Harper ist in Buch und Serie (hier gespielt von Jamie Bell) die selbe Sorte Aufsteiger, Nach-unten-Treter und Opportunist, und welchen Schaden ein einziger kleiner, rücksichtsloser Mensch anrichtet und wie viel Zukunft er zerstört, zeigt „Shining Girls“ in jeder Szene: Frauen, die leuchten und strahlen, erlöschen.

Für seine Morde reist Harper durch die Zeit – er kann fast im gesamten 20. Jahrhundert jeden Tag so oft wiederholen, so frei vor- und zurückspringen, dass er Hilferufe und Wortwahl seiner Opfer gern auswendig lernt und meist perfekt vorhersagen kann. Wenn Harper Kirbys Gestern ändert, bemerkt das nur Kirby – die plötzlich eine neue Frisur hat oder ein anderes Haustier. Die Serie macht fast nichts aus diesem Zeitreise-Potenzial, weil die Figur Harper selbst fast nichts aus dem Potenzial „Zeitreise“ holt außer, das Potenzial von Frauen zu zerstören. Ein, zwei Requisiten (zum Beispiel blaue Nike-Schuhe im 19. Jahrhundert) liefern eine Basis für eine mögliche Staffel 2. Dort müsste deutlich klüger besprochen werden, wie man via Zeitreisen Hitler tötet oder generell so viele Leben wie möglich rettet (statt wehrlose Frauen auswendig zu lernen und ihre Fluchtwege vorherzusagen). Weder im Buch noch in der Serie ist dieser Zeitreise-Aspekt besonders stimmig. Aber in der Serie zumindest stimmungsvoll – weil Kirby sich selbst und ihrem Alltag seit dem Angriff nicht mehr traut. Ein griffige Metapher für Trauma, Selbstwirksamkeit und verletzte Autonomie.

Falls Hollywood bald noch viel mehr auf Verfilmungen und Adaptionen setzt und falls eine 8-Folgen-Serie zum Standardmodell wird, um schlechte Bücher durch Schauwerte und Sorgfalt zu besseren Serien zu machen, bleibt ein immer größeres Problem: Die Serie beginnt, als Kirby in der Kindheit vom erwachsenen Harper besucht, verstört und beschenkt wird. Sie erhält ein Holzpferd, das in vielen Szenen auf allen möglichen Zeitebenen bedeutungsschwanger herumsteht. Am Ende bedeutet das Pferd fast nichts: Es ist nur da, weil Kirby in Kapitel 1 von Beukes Roman ein „My Little Pony“-Plastikpony erhält – im Jahr 1976. „Die Ponys kamen erst 1983 auf den Markt“ wissen pony-affine Zeitreise-Roman-Fans und die Frage, ob das für Beukes und Kirby später im Buch relevant wird, macht die Lektüre etwas spannender. Doch eine Serie ist weniger denn je ein Kunstwerk, in dem jedes Element seinen Platz und Sinn hat: Das Pferd ist da, weil es anderswo ein Pony gab – das ganz anders benutzt und erzählt wurde. Zur Atmosphäre der hochwertigen, schicken Serie passt dunkles Holz viel besser als Neon-Plastik. Und Atmosphäre entscheidet hier alles. Nicht stimmig. Aber stimmungsvoll!

Shining Girls

drei Episoden ab 29. April 2022 auf Apple TV+

danach fünf weitere Episoden wöchentlich freitags

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Krimis wollen oft bodenständig sein: nah an der Realität – und nah an den Milieus und Orten, an denen sie spielen.

Apple TV+ zeigt ab 29. April eine neue Krimi-Serie über Chicago vom ersten Weltkrieg bis Anfang der 90er Jahre: „Shining Girls“.

Es geht um Stalking – und um Kirby: eine Frau, so verängstigt, dass sie sagt: Sie weiß nicht mehr, was real ist. Ihr Stalker, sagt sie, ist einfach überall.

Die ganze Serie wird getragen von Elisabeth Moss – die Schauspielerin, die sich bei „Mad Men“ im Büro durchbeißen musste, weil alle so sexistisch sind. Dann klärte sie als Ermittlerin Frauenmorde auf in „Top of the Lake“. Seit fünf Jahren spielt sie in „The Handmaids Tale“: Auch da geht es um sexualisierte Gewalt und um Frauen, die Widerstand leisten.

„Shining Girls“ ist jetzt genau das – eine weitere Paraderolle für Moss, doch für ein breites Krimi-Publikum. Moss zeigt uns, was Frauen erdulden müssen; dieses Mal als Archivarin bei einer Zeitung, 1992. Kirby muss sehr auf sich aufpassen – denn überall scheint dieser Mann zu sein, der alles sieht. Vor Jahren hat er sie beim Gassi-Gehen gepackt und aufgeschlitzt. Sie hat das überlebt, doch sein Gesicht nicht gesehen. Und sie hat keine Kraft, um als Journalistin zu arbeiten. „Shining Girls“ zeigt – toll gespielt, toll geschrieben, sehr atmosphärisch gefilmt – wie Trauma hemmt und verunsichert und, wie Kirby Jahre später neu ermittelt gegen den anonymen Stalker.

Was sind denn „Shining Girls“? Ist Kirby so ein „Girl“?

„Shining Girls“ sind Frauen voller Potenzial, die im Leben strahlen. Es gibt eine Roman-Vorlage, schon von 2013: die Autorin Lauren Beukes kommt aus Südafrika, doch recherchierte tolle Frauen, typisch für die Stadtgeschichte von Chicago. Und ihr Buch zeigt dann ca. sieben solcher Frauenrollen von den 20er Jahren bis in die 90er – zum Beispiel eine trans Frau in den 40ern, oder ein feministisches Kollektiv in den 70ern, das anonym bei Schwangerschaftsabbrüchen hilft. die Frauen werden im Buch kurz beschrieben – und dann alle abgemurkst, von einem armseligen Mann der sagt „Ihr überstrahlt mich nicht!“.

Das ist ein trostloser und monotoner Roman, immer die erstbesten Ideen, erstbesten Sätze – wie Stephen King, wenn er mal wieder gar keinen Bock hat. Und Kirby in diesem Buch ist ganz frech und zynisch, ihr Altmänner-Chef verliebt sich in sie, weil: Die flucht und ist ein Punk und lässt sich nicht ins Bockshorn jagen.

Die Serie macht das besser?

Kirby und ihr Trauma sind um Welten besser erzählt in der Serie! Viele der interessanten Frauen und Epochen aus dem schlechten Roman lässt die Serie auch ganz weg. Doch diese Verfilmung ist SO intensiv – und liebevoll gemacht: „Shining Girls“ ist eine echte Mainstream-Empfehlung, weil man acht lange Folgen auf die Mechanismen von Trauma und Gewalt gestoßen wird… aber für das Publikum, das Mainstream-Krimis mag wie „Cold Case“ oder „Frequency“.

Denn der Killer kann durch die Zeit reisen und er benutzt das, um viele Tage zu wiederholen und seine Opfer, ihre Reaktionen einzustudieren. Das klingt jetzt wild verkopft – doch wir sehen keine komplexe, gut erklärte, wasserdichte Zeitreise. Sondern wir erleben mit Kirby einen ganz heutigen Frauenhass.

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Aber der Frauenmörder sah den ersten Weltkrieg: Warum ist sein Frauenhass „aktuell“?

Es gibt bei „Star Trek“ einen Zeit-Kristall. Damit kann Hochstapler und Mörder Harry Mudd zurückspulen, immer von vorn: Harry will die U.S.S. Discovery stehlen, und die v.a. Frauen, die versuchen, ihn zu stoppen, sehen, wie er genervt und gelangweilt tötet und sagt „Boah, das sagt die Alte jedes Mal“ oder „So ist die Frau immer“ – bei jedem Durchgang.

So erlebe ich viele Videospiele: Ich bin der Spieler in einer Welt, ich spule zurück, ich sehe die Frauen in ihren Durchläufen, ich kann sie töten und ich kann alles an ihnen ausprobieren. Das ist EIN Weltbild aus Games – vor dem ich Angst habe. Es ist auch ein Weltbild für Leute, die sagen: „Wer schwächer ist, den schiebe ich hin und her.“ Kirby in der Serie merkt das: Ein Mann verändert ihre Zeitlinie. Er weiß fast immer, was sie gleich tut. In fast jeder Szene schiebt etwas Leute hin und her.

Elisabeth Moss führte bei zwei Folgen auch Regie. Es gibt nur Regisseurinnen…

Und ich würde so gern sagen „Man merkt es: Es ist nicht der übliche Hetero-Voyeurs-Blick, der Male Gaze auf schöne tote Frauen.“ Doch die Serie hat keinen schlau-feministischen Blick und nichts Superneues zu sagen. Es bleibt konventionell.

Doch jede Szene packt mich. Das Zeitreise-System ergibt null Sinn – ist aber so interessant, dass ich mir unbedingt Staffel 2 wünsche. Alle spielen toll. Die Ausstattung, die Kamera, die Lichtstimmung: das ist die dritte Serie von Apple dieses Jahr, von der ich sage: „So toll ist das Konzept nicht – aber die Sorgfalt, das Herzblut, der detailverliebte Aufwand?“

Wir haben hier: schlampig erzählte Zeitreisen und die Versatzstücke eines 08/15-Thrillers. Doch wo ich beim Roman denke „Bäh – wie naheliegend. Was für ein flacher Dialog. Was für ein einfallsloses Requisit“ denke ich bei Apple-Serien gerade „Das Requist, der Dialog ist doppelt so gut wie nötig.“

Und das ist sehenswert: wie aus Romanen, die man sich sparen kann, eine intensive Serie wird – nur, weil Geld da ist und alle deutlich mehr investieren und nachdenken und schönere Bilder finden als nötig. „Shining Girls“ ist wie ein Werbespot für die Kunstform: kurze, gute Serie.

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Elisabeth Moss ist bei Scientology und wirbt dafür, dass wir die Scientology-Sekte als Religion akzeptieren. Ich wünsche so einem Appell so wenig Gehör und Einfluss wie möglich.

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„The Dropout“ und „WeCrashed“: Kritik

The Dropout — “I’m in a Hurry” – Episode 101 — Elizabeth Holmes, an optimistic and determined young woman, drops out of Stanford to found a promising new blood testing startup. Elizabeth Holmes (Amanda Seyfried), shown. (Photo by: Beth Dubber/Hulu)

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am 18. März 2022 sprach ich bei Deutschlandfunk Kultur über zwei neue Serien über Unternehmen, Gier und Hype:

Gespräch mit mir (Link: Audio, 6 Minuten)

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„WeCrashed“ und „The Dropout“
Wie Apple sich über Apple-Fans erhebt

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Im Juni 2007 steht Elizabeth Holmes (23) für Stunden vor einem kalifornischen Apple-Store und wartet auf die Chance, Geld für ein erstes iPhone ausgeben zu dürfen. Menschenmassen sehen zu, wie erste Apple-Fans ins Geschäft und an die Kasse dürfen. Jemand mit Brille, der als erstes Einlass fand, stürzt auf die Straße, hält das Gerät zum Himmel, jauchzt und jubelt. Ein großer Moment. Alle klatschen. Think different!

In acht meist 50 Minuten langen Folgen erzählt „The Dropout“ (ab 20. April 2022 auch auf Deutsch bei Disney+) von Unternehmerin Elizabeth Holmes – im Januar 2022 wegen Betrugs verurteilt. Als Teenager hängt sie sich Steve Jobs als Poster übers Bett und sucht recht wahllos eine große Idee, um irgendwie die ganze Welt zu formen. Ein schickes Gerät in jedem Haus, das Blutbilder erstellt – mit einem einzigen Tropfen Blut? Und damit also die Chance, Krankheit viel früher zu erkennen – daheim, ohne größere Blutproben und Termine in Praxen?

„The Dropout“ ist keine Satire oder Comedy – auch wenn Schöpferin Elizabeth Meriwether, die vorher 146 Folgen der Comedy „New Girl“ verantwortete, oft schrullige, absurde Momente liebt. „The Dropout“ fragt, was Medien und Technologiekonzerne in den Nuller- und Zehnerjahren falsch machten. Wie Gier und Startups, PR und journalistische Texte über „Wunderkinder“, viel Hype und halbgare Geschäftsmodelle halfen, Figuren we Elizabeth Holmes groß zu machen – und, warum Holmes als Eigenmarke und „Girl Boss“ viel erfolgreicher funktioniert, sobald sie lernt, dauernd in einem schwarzen Rollkragenpulli aufzutreten. Genau wie Steve Jobs!

Die bisher fünf in den USA gesendeten Episoden sind bissig und pointiert: weil jede Szene auf größere Gesellschafts-Trends verweist und sich kritisch am jeweiligen Zeitgeist abarbeitet. Weil Hauptdarstellerin Amanda Seyfried als Stanford-Studienabbrecherin (Englisch: Dropout) mit 21 überzeugt – und Schritt für Schritt zur Hochstaplerin und Kriminellen Ende 30 wird, deren Firma (Theranos) sich nicht rechnet und deren Bluttest-Maschinen nie richtig funktionierten. Eine kurze Büro- und Machtmenschen-Serie, wie „Mad Men“ für die Gegenwart. Schade nur, dass Holmes‘ reale Geschichte zuvor schon bei Disneys ABC-Sendern journalistisch aufbereitet wurde. Danach als Podcast „The Dropout“. Und von der Konkurrenz HBO als Doku-Film „The Inventor“: eine Verwertungs- und vielleicht auch Verkitschungs-Kette, die einen realen Fall immer flotter und süffiger neu erzählen will.

Seit 18. März läuft auf Apple TV+ eine zweite Serie nach dieser Formel: Auch „WeCrashed“ war zuerst ein Podcast. Auch hier scheitert ein junges Unternehmen (Adam Neumanns weltweite Coworking-Bürokette  WeWork) an Gier, unternehmerischer Hybris und der (falschen oder leider wohl waren?) Idee, dass schlechte Löhne, große Versprechen, schöne Büros, tausend strikte Design-Regeln und despotische „Visionen“ eine Firma besonders begehrlich erscheinen lassen. Bereits die Doku „WeWork“ (Disney, 2021) erzählte nach, wie ein grenzenlos selbstbewusster Adam Neumann und seine etwas esoterische Frau Rebekah vom Aufsichtsrat gefeuert werden – doch erst die Apple-Serie hat schönste Aufnahmen, eine strikt designte Bildsprache und zwei oscarprämierte Stars.

Anne Hathaway kriegt viel Raum, zu blinzeln, zu schaudern, sich auf die Lippe zu beißen und ein komplexes Innenleben anzudeuten – doch ihre plakative Figur Rebekah redet nur Quatsch. Jared Leto kriegt unendlich viel mehr Raum noch, mit aufgesetztem israelischen Akzent und voller Großmann-Gesten eine Mischung aus Vertreter und Möchtegern-Rockstar zu spielen, die kein „Nein“ je gelten lässt, nichts lernt, keine Entwicklung durchmacht und wie eine boshafte, toxische, vielleicht auch antisemitische Karikatur des realen Adam Neumann wirkt: ein junger Emigrant, der allen anderen Figuren alles wegnehmen will, ein gieriges und rücksichtsloses Schreckgespenst.

Beide Serien, das schmissige „The Dropout“ und das viel quälendere, bleierne „WeCrashed“, liefern den Look, die Floskeln, die Milieus und die Themen, die Apple-Fans lieben. Doch solche Hochglanz-Unternehmenskulturen als Mogelpackung zu entlarven, das wird selbst rasch zur erzählerischen Mogelpackung: „Viele Unternehmen sind mehr Schein als Sein“, diese Binse trägt keine achtstündige Serie. Erst wenn (wie in „The Dropout“) auch die vielen Opfer und Profitierenden Raum kriegen und – genau hier sind Dokus und Journalismus oft besser als Dialoge und Drama-Szenen – gezeigt wird, warum wer wann was wusste, doch entschied, das Kartenhaus zu stützen statt es einstürzen zu lassen, können solche Serien mehr aussagen als: „Achtung. Vieles, das so tut, als wäre es das nächste Apple, hat nur Gejubel und Design und Fans. Doch keine Substanz!“

„WeCrashed“: 8 Folgen, ab 18. März 2022 wöchentlich auf Apple TV+

„The Dropout“: 8 Folgen, ab 20. April 2022 auf Disney+

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„WeCrashed“ ist eine erzählende, gescriptete Serie – will aber authentisch zeigen, was in einem realen Start-Up-Unternehmen schief lief: mit echten Namen?

Ja. Das ist das Ende einer journalistischen Verwertungskette. Die reale Vorgeschichte hier ist: Zuerst braucht eine Firma Investor*innen und Kapital, also gibt es Artikel: „Adam Neumann, das Wunderkind, das in ganz New York Büroflächen anmietet – für die Gemeinschaftsbüros der Coworking-Kette WeWork.“ dann gab es viel Journalismus über Neumanns Skandale und Gerichtsprozesse. Dann kam ein Podcast, der das alles nochmal nacherzählt – „WeCrashed“, den Podcast gibt es auch auf Deutsch. Und jetzt wird also die… journalistische Arbeit des Podcasts zu einer teuren Hochglanz-Serie mit Hollywood-Stars.

Filme in diesem Stil gibt es ja oft über Adlige, Sportler*innen, Promis oder über Verbrechen. doch eine ganze Serie über ein inkompetentes Unternehmer-Ehepaar…

Ich finde das übergriffig. Weil: das Milieu ist ist erstmal toll. So viele Leute schuften in Agenturen, in Startups, in Ausbeutungsverhältnissen: Die Firma, auf die du setzt, ist noch jung. Die Geschäftsidee klingt wild. Die Banken sind skeptisch. Viele warten, dass das Kartenhaus einstürzt. Doch du bleibst im Büro und hoffst auf den Börsengang – denn DANN hat es sich vielleicht gelohnt. Ausbeutung, Gier, Selbstvermarktung…. im seelischen Alltag von Angestellten. Nur: Davon handelt „WeCrashed“ nicht genug: es geht fast nur um das Liebespaar an der Spitze.

Adam Neumann und seine Frau Rebekah. der Untertitel ist: „Eine Liebesgeschichte, 47 Milliarden Dollar wert.“ Was steckt in dieser Liebesgeschichte, dass sie so im Fokus steht?

Jared Leto und Anne Hathaway gewannen Oscars – und die Kamera gibt ihnen viel Raum, zu zeigen, was sie können. Ich schaue also 2 Stunden auf jedes Blinzeln von Anne Hathaway und denke: „Hathaway tut gewichtig – doch ist diese Rolle echt SO platt? Glaubt Rebekah den Esoterik-Quatsch, den sie redet, selbst?“ und ich schaue 4 Stunden lang Jared Leto zu, wie er kein „Nein“ gelten lässt, immer die selben Sprüche schreit, immer BEINAHE auf die Nase fällt… und das mit einem israelischen Akzent – eine Holzhammer-Darstellung, bei der mich nicht wundert, falls Leute sagen ’nein, das ist rassistisch‘ oder: antisemitisch.

Jared Leto ist über 50, hat eine halb so alte Freundin, es gibt eh so viele Leute, die Leto nicht mögen; und jetzt spielt er diesen penetranten Gernegroß ohne jeden Charme. nur: online gibts Videos mit dem realen Adam Neumann, und der mag scheußlich sein als Chef und als Mensch – doch er hat viel mehr Humor, Charme, klingt viel nachdenklicher. und dann kommt Apple und sagt: hey Jared Leto – spiel mal diesen Mann, als Karikatur, in unserer süffisanten Serie. mich stößt das ab.

Es gibt eine zweite aktuelle Serie, die als Alternative…

ja – genau das selbe Konzept, doch über die Firma Theranos… und insgesamt frischer, witziger, besser: Ende April startet „The Dropout“ auf Deutsch auf Disney+ – auch acht Folgen, auch nach einem Podcast, ich sah die ersten 5 und lerne da zehnmal mehr:

es geht um Elizabeth Holmes, die 2003 eine Firma für Bluttests gründete. ganz intensiv und gewitzt gespielt von Amanda Seyfried: Adam Neumann von WeWork wird uns als toxischer Schwätzer erzählt. Elizabeth Holmes hat viel mehr kriminelle Energie: das Testgerät gab falsche Ergebnisse aus, kranke Menschen kriegten falsche Blutbilder, sie wusste das: eine Hochstaplerin, die diesem Ideal des „Girl Boss“ entsprechen wollte. die Serie „The Dropout“ hat viel weniger Hochglanz, doch will deutlich mehr zeigen und erklären, kontextualisieren: über Systeme, über Gier…

Apples „WeCrashed“ kann man sich sparen, Disneys „The Dropout“ macht Spaß?

selbst bei „The Dropout“ denke ich: eine Serie im „Mad Men“-Stil ist einfach kein so gutes Format, um einen Skandal zu erklären… dessen Welt und Figuren wir ja eh schon sehen und kennen durch viele PR und Journalismus. 8 Folgen lang sehen, wie die WeCrashed-Eheleute immer das selbe tun und viel zu lang damit durchkommen, weil alle viel in sie investiert haben… hat sich für mich sinnlos angefühlt. US-Fans sagen, das sind „Schadenfreude-Shows“, doch ich empfinde da nichts.

Auch Amanda Seyfried in „The Dropout“ hat dauernd Fremdschäm-Momente. doch es sind immerhin dauernd andere, neue, denn das ist eine flexiblere Figur. manchmal tut sie das Richtige. doch es ist eben auch: eine reale verurteilte Kriminelle… deren Leben jetzt IRGENDWIE und UNGEFÄHR auf Pointe getrimmt nacherzählt wird, von der Macherin der Comedy-Serie „New Girl“. von allen Menschen auf der Welt, über deren Entscheidungen man 8 Stunden fabuliertes TV-Drama machen könnte sind das für mich: ziemlich die letzten.

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Beth Dubber/Hulu

Queer Eye Germany: Staffel 1, Kritik

Auf Deutschlandfunk durfte ich Staffel 1 von „Queer Eye Germany“ vorstellen.

Gespräch mit mir: Link (Audio, 6 Minuten)

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Lebenshilfe bei „Queer Eye Germany“:

Zu fröhlich für Deutschland

Ein US-Erfolgsrezept, eins zu eins nach Deutschland kopiert und in Hagen, Kiel und an der Nordsee neu und lokal nachgespielt: „Queer Eye Germany“ startet mit fünf Folgen auf Netflix und kann in 190 Ländern gesehen werden. Passt das Format nach Deutschland? Und ist diese deutsche Variante für internationale Fans von Wellness, Selbsthilfe und Life-Coaching spannend?

Die Ur-Version von „Queer Eye“ lief 2003 bis 2007 im US-Spartensender Bravo, der seit 1980 Kunst- und Kulturformate zeigte, doch durch den „Queer Eye“-Erfolg zur Marke für schwule Männer und eitles, bissiges Reality-TV wie „Real Housewives“ wurde. Bis 2005 hieß das Format „Queer Eye for the Straight Guy“ und zeigte fünf queere Experten als sarkastische, gepflegte und kultivierte Elite-Helferlein, die überforderten Hetero-Männern Stil-Tipps gaben und gern auch Schmutz im Badezimmer oder Spermaflecken im Bettlaken kommentierten. Ein wegweisendes, doch gestriges und stereotypes Format.

Seit 2018 will eine erfolgreiche Neuauflage auf Netflix viel softer und herziger erzählen: In bisher 52 Folgen sollen Stilfragen um Deko, Mode und Kosmetik immer auch als maximal entscheidend fürs innere Wohl verstanden werden. Ein Haarschnitt ist Selbstverwirklichung. Triste Tapeten bedrücken das ganze Leben. Wer zweifelt, dem Alltag gewachsen zu sein, schuldet sich selbst auch ordentliche Schuhe und eine Handtasche! Verstörend wird „Queer Eye“, weil Trauma, Leid und Tränen komplett überforderter Alltags-„Heroes“ oft fast hämisch gekontert und attackiert werden – von fünf jubelnden, strahlenden, theatral-ironisch selbstbewussten Lifestyle-Stars, aggressiv fröhlich, aggressiv gerührt, aggressiv wertschätzend, aggressiv (Klischee-)amerikanisch.

Und das jetzt nochmal auf Deutsch nach-gestrickt, mit deutschen Coaches, doch im selben US-Ton? Tatsächlich funktioniert fast alles an der deutschen Variante: Erzähltempo, Bilder, Humor und ehrlich rührende Lektionen und Selbsterkenntnisse heben „Queer Eye Germany“ weit über „Frauentausch“ oder „Shopping Queen“. Besonders David Jakobs (Haar und Beauty) und Leni Bolt (Life Coaching), die beiden nicht-binären Expert*innen im Fünfer-Team, haben Charisma und viel zu sagen. Folge 1, über den nervösen Friedhofsangestellten und alleinerziehenden Vater Björn, ist so nervös wie Björn selbst: Helfen fünf demonstrativ extrovertierte Stimmen, ihre dauernden „Group Hugs“, ihr Jubeln und Anfeuern, das oft völlig übertriebene Cheerleading, Gerührtsein, Zugewandtheit einem schüchternen Mann, der vor Kameras gern immer leiser, kleiner wird?

Bäcker Nils (22) wohnt noch bei den Eltern und ist Fußball-Jugendtrainer: Soll er ausziehen und sich als schwul outen, auch im Verein? Marleen (18) verlor Eltern und alle Geschwister durch einen seltenen Gen-Defekt. Sie hat ein Spenderherz und in vielen Wortwechseln sichtbar mehr Wissen und Erfahrung als die fünf Coaches, die sie u.a. ermutigen, Makeup zu nutzen ohne Angst, automatisch „girly“ zu wirken. Viele Alltagstipps sind kurzweilig und haben Mehrwert: Ayan Yuruk renoviert und will ein Vorbild für queere Menschen of Color sein. Aljosha Muttardi ist Arzt und Experte für vegane Ernährung. „Fünf queere Personen, die so, wie sie sich hier kleiden und geben, auf deutschen Straßen jederzeit mit Hass und Gewalt rechnen müssen, verbreiten Wohlwollen statt Bitterkeit“, lobt Peter Weissenburger in der taz. Hilfe, Tiefgang, Expertise, konkrete Tipps sind alle immer grade: gut genug. Alles könnte deutlich tiefer sein. Doch „Queer Eye Germany“ als „oberflächlich“ anzugreifen, wäre hämisch: Fast alles passt.

Nur eins passt überhaupt nicht: Die Munterkeit und lautstarke Lebensfreude, das quirlige, tausendmal strahlendere Mitfühlen, Mitfreuen, Mitleiden, Mitfiebern fünf deutschsprachiger Leute, die tun, als sei das ihr persönliches, alltägliches Naturell – und nicht ein Gestus, der US-Ausgabe nachgepaust. Wir fahren Auto, wir erkunden fremde Wohnungen, wir tanzen und jubeln in kurzen Einspielern, wir sitzen in „unserem“ Loft und feiern jede Video-Botschaft und jeden Fortschritt „unserer“ Schützlinge: In jeder Gruppenszene der „Fab Five“ müht sich besonders Jan-Henrik Scheper-Stuke, der dandyhafte Mode-Experte, einen gelösten und euphorischen Ton zu treffen… der schon im US-Vorbild oft nicht authentisch wirkte, sondern verbissen, verzweifelt und wie eine Performance im Kapitalismus. Als sei die Kamera eine Waffe, die droht: „Für Netflix reichen nur die freudigsten, eifrigsten queeren Menschen!“

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, sitzt im Netflix-Vorstand. Der Comedian Dave Chappelle dreht immer wieder Comedy-Specials für Netflix, in denen er klagt, dass trans Menschen und übertriebenes Pochen auf queere Sichtbarkeit der Comedy und der freien Gesellschaft schaden. Nach einem großen Chappelle-Special im Oktober 2021 fühlten sich queere Netflx-Angestellte vom Unternehmen und der Unternehmenskultur so allein gelassen, dass sie streikten. Einige der wichtigsten queeren Stimmen kündigten. Im Februar 2022 versprach Netflix vier weitere große Chappelle-Auftritte. Auch darum wäre ein deutsches Netflix-Format, in dem queere Expert*innen zeigen, wie man sich gegen Hass und Gewalt wehrt, überfällig. Queere Wut ist keine „Bitterkeit“. Queere Wut braucht viel mehr Platz – auch in Wohlfühl-Formaten einer Plattform, die aktuell kein Vertrauen queerer Menschen verdient.

Queer Eye Germany. Staffel 1: fünf Episoden, je ca. 50 Minuten.

ab 9. März 2022 auf Netflix

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Lässt sich das Format gut von USA nach Deutschland übertragen und funktioniert es ähnlich?

ja – der deutsche Trailer sah noch ein wenig… billig aus und graustichig. doch die fünf Folgen haben den selben Look, das Tempo, den Tonfall wie das US-Vorbild. das Vorbild ist beliebt, weil es so fröhlich ist, mitreißend, weil es SO viele rührende Momente gibt statt der gehässigen Reality-TV-Stimmung von z.B. „Frauentausch“. „Queer Eye“ gab es auch 2003 bis 2007 schon mal in den USA – da war es oberflächlicher. doch 2018 hatte Netflix eben Riesen-Erfolg, indem gezeigt wurde: Schau mal, wie sich diese fünf queeren Expert*innen wertschätzen und feiern und mögen. DU selber darfst dich auch mögen. und: wir ALLE sollten bitte queere Leute mögen – die sind nämlich gutgelaunt und frech angezogen. Das deutsche Team sagt: „Wir bringen Farbe ins Leben. Wie der Regenbogen!“

Die Kandidat*innen sind „Heroes“. 2003 waren es allerdings nur männliche.  Wird der Regenbogen in den Alltag inzwischen diverser überbracht?

die beste US-Folge, die ich sah, zeigt zwei schwarze Schwestern mit nem Barbecue-Imbiss… und als Deutscher lernte ich da viel über Alltagskultur und soziale Unsicherheiten in den USA. DIESES Fremde fehlt in der deutschen Variante etwas: es geht um einen Friedhofsgärtner und alleinerziehenden Vater, der immer kichert und sich wenig zutraut. oder um nen schwulen Fußball-Jugendtrainer, der sich outen will und bei den Eltern ausziehen mit 22. Die Folge „Ein Tag am Meer“ fand ich bisher am besten: da geht es um Marleen, deren ganze Familie an einem Gendefekt gestorben. Marleen ist 18… und… ich hätte eigentlich lieber IHR zugehört, wie sie über Trauma und über Loslassen spricht. als zu hören, wie Marleen erklärt kriegt, welches Makeup zu ihr passt.

Schafft es die deutsche Queer Eye-Version denn, würdig damit umuzugehen?

so halb: mindestens eine Person ist in Therapie und einfach: klinisch depressiv. es ist ein wertschätzendes und schwungvolles Wohlfühl-Format, das ECHT mitreißt. es sieht hochwertig aus, und ich fand es nie oberflächlich. das Fünfer-Team überzeugt mich: David und Leni sind nichtbinär und am charismatischsten. aber bei Jan-Henrik, das ist der Mode-Schnösel, schaudere ich noch ein wenig: der wirkt wie so ein Dandy vor 10 Jahren und… in meinem Bekanntenkreis ruft DIESE queere Rolle, diese Dandy-Selbstinszenierung oft plötzlich die kältesten, unsolidarischsten Dinge. so: der schwule, rechte Gentleman. aber so ne Figur zu sehen, wie sie jetzt dauernd mit den anderen jubelt, aufs Bett hüpft, alle umarmen sich, finden ALLES toll, sehen IMMER Hoffnung und eine Lösung… das wirkt noch EINS ZU EINS aus dem Amerikanischen nach-gespielt und rüber-kopiert, das ist noch SO eine Performance: einem Jan-Henrik glaube ich diese Herzlichkeit noch nicht. und es ist halt auch noch keine spürbar sichtbar *queere* Sendung. 

Was absurd klingt. Haben wir nicht die ganze Zeit über queere Expert*innen gesprochen?

ich finde, NOCH sind das aus Amerika rüber-kopierte,starre und eher unpersönliche Figuren oder Rollen. so: kindlich, happy, harmlose Jubelnde. In Filmen waren Schwarze Figuren oft so: hilfreiche Randfiguren, manchmal können die zaubern, und sie zaubern das Leben der Hauptfiguren schöner. Queerness hat für mich aber VIEL mehr mit Widerstand zu tun, mit Neinsagen, Weggehen, mit Sich-Entziehen, Protest, mit Normen sprengen, auch schmerzhafte Alternativen sichtbar machen, STÖRENDE, radikale, neue Ideen. aber eine Sendung, in der die queeren Leute kaum was von SICH erzählen, und immer ausstrahlen: Es geht bergauf, wir schaffen das – da ist die Aussage über alle Leute, die es eben NICHT schaffen in der Gesellschaft halt oft: Tja, die haben sich eben nicht genug Mühe gegeben und sich nicht zu helfen gewusst.

Das heißt: Das Format ist viel unpolitischer, als es sein sollte?

die Lektion hier ist meist sowas wie: Iss gesünder und geh zum Friseur, das schuldest du dir selbst. doch wenn ich das stundenlang höre, denke ich zu sehr: „tja. ich bin auch selbst Schuld, wenn mich was überfordert: ich sollte erstmal zum Friseur, bevor ich wütend sein darf über Systeme und Verhältnisse.“ die „Lösung“ bei „Queer Eye“ klingt zu oft wie „Du kochst jetzt erstmal ordentlich, du pflegst dich, und wenn diese Self-Care ordnungsgemäß abgearbeitet ist, DANN darfst du wütend sein über Hass oder Queerfeindlichkeit.“ bei charismatischen queeren Leuten wie Leni oder David aber will ich Davids Ängste hören und Lenis KÄMPFE  – die Haarpflege-Tipps von David, da denke ich: „Wieso darf David nur in DIESER Rolle groß auf Netflix?“ warum geht dem Mainstream das Herz auf, wenn die queeren Leute tanzen, lachen, helfen und jubeln? ich will, dass queere Menschen sich WEHREN.

weil: ICH will besser lernen, wie man sich wehrt. nicht, wie man sich eincremt.

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„Marleen ist ein hübsches Mädchen mit einer top Figur, einer tollen Personality und ist ein ganz starker Mensch. und das, das kann sie auch zeigen.“ – Jan-Henrik (uff!)

Severance (Apple TV+, Staffel 1: Kritik)

Für Deutschlandfunk sah ich Staffel 1 von „Severance“:

Gespräch mit mir im Link (Audio, 4 Minuten)

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Vergiss den Job(s)!

„Severance“ (Apple TV+) zeigt eine Büro-Hölle im Apple-Design

Endlose Gänge im Keller. Jobs, deren Zweck niemand erklären will. Und eine Belegschaft, die nur hier unten, in der „Severance“-Etage, bei Bewusstsein ist: Ben Stillers neue Thriller-Serie auf Apple TV+ mischt Kafka und Work-Life-Balance, „Mad Men“-Chic und Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, absurden Grusel wie bei „Akte X“ und, immerhin: ein wenig Arbeitswelt- und Großkonzern-Kritik.

Helly wurde betäubt auf einem Konferenztisch des Konzerns Lumon abgelegt. Ihr Wortschatz, ihr Humor, ihr Biss und ihr Sachwissen? Abrufbereit. Doch jede Erinnerung daran, woher sie kommt und wie sie bisher lebte? Blockiert. Helly hat einen Chip im Gehirn, der ihre Erinnerungen je nach Umgebung ausblendet oder freischaltet: Nimmt sie den Fahrstuhl nach oben und checkt sie nach Feierabend aus, vergisst sie alles, was im fensterlosen Keller geschah.

Die OP ist freiwillig; und außerhalb der Bürozeiten führt Hellys altes Ich das normale Leben weiter, ohne Erinnerungen an den Job. Hellys Arbeits-Ich dagegen erinnert keinen Schlaf, keine Natur, sitzt mit drei recht frauenfeindlichen Männern an Computerterminals im Retro-Stil und soll Ziffern danach sortieren, ob sie beim Lesen einer Zifferngruppe schaudert, beklemmt ist, Panik kriegt.

Während Arbeits-Helly nur zunehmend an den Strukturen in der Etage verzweifelt, wird ihr feiger, hilfloser Chef Mark – die Hauptfigur, gespielt von Adam Scott – auch durch die Wochenenden, ins Private begleitet. Dort ist Mark Witwer, Ex-Geschichtsprofessor und trinkt zuviel. Arbeits-Helly und Feierabend-Mark sehen die Hirn-OP und den Konzern zwar kritischer und wollen sich gegen Lumons Regeln behaupten (anders als z.B. Arbeits-Mark). Doch Konzern-Angestellte ohne Severance-Chip, vor allem Peggy (Patricia Arquette), können Büro- und Privat-Welten manipulieren, so lange Mark immer nur die Hälfte weiß – je nachdem, wo er sich aufhält.

Bei einer Episodenlänge von 40 bis 60 Minuten bliebe zwar Zeit für Psychologie und große Philosophie: Erschütternd etwa, wie eine Beraterin für Wellness-Coaching sagt, als Person, Persönlichkeit existiere sie leider erst seit 170 Stunden. Angestellte, die kein Vorleben erinnern und die nichts Privates ablenkt, und die darum immer möglichst klein gehalten werden können.

Eine griffige Serie über das Gegängelt-Werden und die Mündigkeit dieser Halb(?)-Menschen – so beklemmend wie der Versuch, in Apples Pads, Phones und Macs etwas anklicken, umstellen, verschieben oder ändern zu wollen, das nicht vorgesehen ist. Das Büro als weißer, elegant-zeitlos-minimalistischer „Walled Garden“. Innen und außen immer nur die allerfeinsten Schriftarten, Kameraschwenks, clean-strenge Farbwelten (Keller: wie 1983 von Dieter Rams designt; und draußen die Pendler-, Schlafsiedlungen: Wintersonne in Pennsylvania, viel tiefbraunes Holz).

„Severance“ spricht Bildsprachen, wie sie viele Apple-Kund*innen, Apple-Fans lieben. Halb-mutig immerhin, wie sehr das Lumon-HQ an die Apple-Zentrale erinnert und wie der Lumon-Gründer als Vordenker, Messias, großer Disruptor und Vater aller kapitalistischen Schönheit und Wahrheit gefeiert wird: Auffällig viele Serien auf Apple TV+ handeln von großen Ausnahme-Übermenschen oder, tragischer, von Leuten, die sich dafür halten.

Sechs „Severance“-Episoden sind von Ben Stiller inszeniert; elegant und ohne Klamauk. Drei mittlere von der jüngeren irischen Regisseurin Aoife McArdle – genauso stimmig. Wendungen, Schocks und rührende Momente sind passabel getaktet – es wird nie langweilig oder hanebüchen, und die geplante zweite Staffel wird entscheidend.

Denn Staffel 1 zeigt „irgendein“ Büro „irgend eines“ bösen Konzerns, aus dem sich Menschen, die draußen „irgendwer“ sein könnten, befreien wollen. Was ganz konkret bei Lumon, in vielen Feierabend-Leben und vor allem bei Patricia Arquettes bisher lachhaft übertriebener Figur im Argen liegt, muss/darf Staffel 2 konkretisieren.

Die recht ähnliche Prestige-Serie „Westworld“ hatte eine überfrachtete, wuchernde, über-ambitionierte Staffel 1, und viel mehr Angriffsflächen – doch eben auch viel mehr Substanz und Kanten. Kann sein, dass „Severance“ daraus lernen will und darum gerade bewusst langsam Grundsteine für tolle Frauenfiguren legt, für eine komplexe schwule Romanze und für Kapitalismuskritik, die über Mister-Burns- und Onkel-Dagobert-Gezwinker reicht:

Alles hier ist gut genug gespielt, geschrieben, getaktet, um ein sehr breites Publikum stimmungsvoll und niedrigschwellig an sehr, sehr große Fragen zu führen. Nach einem Cliffhanger, der den Ball eher flach hält, müssen die zehn nächsten Folgen aber endlich beweisen: Hier wurde genauso gründlich über Welt- und Psycho-Systeme nachgedacht wie über Wandfarben und Bildaufbau. Eine gute Serie also – die sich entscheiden muss, wie viel sie riskiert, um endlich eine bessere Serie zu werden!

„Severance“ ist auf Deutsch und Englisch auf Apple TV+ zu sehen:

Folge 1 und 2 am 18. Februar, danach wöchentlich eine neue Folge.

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Falls man nach der Arbeit nicht gut abschalten kann… 

kann man sich vielleicht bald SELBST abschalten:

Was wäre, wenn jede Erinnerung deiner Arbeit nur innerhalb des Büros erinnert werden kann?

Und du zugleich beim Arbeiten komplett vergisst, wer du außerhalb des Büros bist: nach Feierabend?

„Severance“ heißt: betriebliche Abfindung. aber auch: Entlassung, Trennung oder Abkapselung.

1) Drei Folgen sind von Regisseurin Aoife McArdle – doch ganze sechs von Comedian und Regisseur Ben Stiller. ist das ein Thriller – oder vor allem Comedy?

Es ist durch und durch ein Thriller – aber in einer Atmosphäre wie bei z.B. „Akte X“: Du siehst etwas Absurdes, einen ganz absurden Moment… und das ist unheimlich: ein unheimlich-absurdes Großraumbüro im Keller. Riesengroß, alles in Weiß, ein cleanes, smartes, minimalistisch Apple-strenges Labyrinth im Design-Stil der 80er Jahre. Dort arbeitet Mark seit zwei Jahren. Er weiß nichts über sein Leben außerhalb. Und jetzt wird Mark befördert und soll sein kleines Team bei Laune halten – obwohl alle immer verstörter werden, wütender, hilfloser und merken: Wir sind gefangen.

2) Doch nur das Arbeits-Ich ist gefangen: Jeden Tag zu Feierabend darf Mark in den Aufzug… und vergisst die Unfreiheit.

Ja: Mark ist verwitwet und glaubt, die acht Stunden täglich, an die er nicht an seine tote Frau denken kann, tun ihm gut. Ob sein Arbeits-Ich, sein „Innie“ raus will: Das weiß er gar nicht.

3) Das reicht für neun lange Folgen – und eine zweite Staffel kommt dazu?

Mit 15 (1998) freute ich mich sehr auf „Die Truman Show“ – weil die Idee so gut klang: „Dein Leben wird gefilmt, und du bist der einzige, der das seit fast 30 Jahren nicht weiß.“ Dann war ich im Kino… und der Film war okay, doch viel zu sehr im Tonfall: „Ist das nicht ungeheuerlich?! Er wird GEFILMT. Er ist UNFREI und weiß gar nicht, was hinter den Kulissen steckt.“ Die ersten zwei, drei Stunden „Severance“ glauben, das genügt: dieses Apple-Büro, diese „Mad Men“-Gespräche, und wir sollen denken „Ungeheuerlich. Ein geteiltes Gedächtnis!“ Das reicht mir nicht.

4) Was fehlt der Serie?

Ich dachte bei jeder Frauenfigur „Gleich kommt eine special Folge, in der erklärt wird, warum sie ist, wie sie ist.“ Doch so tief ging es nie: Patricia Arquettes Figur war für mich ein Witz, völlig drüber. Adam Scott, den Hauptdarsteller, mag ich aus anderen Serien – doch es ist schauspielerisch einfach so langweilig, Scott gute vier, fünf Stunden dabei zuzusehen, wie er Sachen nicht weiß oder Sachen nicht ändern kann. Eine Randfigur sagt im Büro mal „Ich arbeite hier leider noch nicht lange: Es gibt mich jetzt, als Person, erst 170 Stunden.“ Das ist SO spannend. SO ungeheuerlich! Ich will da tiefer, psychologisch.

5) Doch das Psychologische kommt trotz der Länge zu kurz? Der Thriller ist wichtiger: die Katz- und Maus-Spiele im Büro-Labyrinth und in der Außenwelt?

Genau. Diese Spiele sind wunderschön gefilmt, alles ist durchdesignt, mir war nie langweilig, das ist eine elegante und griffige und einfache Serie über Unfreiheit und Work-Life-Balance. Doch vor sechs Jahren sah ich „Westworld“, über Roboter mit Erinnerungslücken, die selben Fragen über Bewusstsein und Benutzbarkeit… und das war so vollgestopft, so ein Durcheinander, wollte so viel auf einmal… An „Westworld“ denke ich einmal pro Woche: weil es mich intellektuell und menschlich packte. „Severance“ aber muss erst noch rein, ins Menschliche, muss noch VIEL tiefer in die Arbeits- und Kapitalismuskritik, und in die Figuren. Bisher ist es schön gefilmt, dekoriert – doch statt mich zu erschüttern, zeigt es zu selbstverliebt: „Schaut nur – ist DAS nicht erschütternd?“

Das wird dann wieder wie „Die Truman Show“: dass ich nicht 25 Jahre lang denke „Oha, das beschäftigt mich“, sondern „So eine gute Idee! Warum beschäftigt mich das trotzdem noch viel zu wenig alles: die Gespräche, die Tragik, die Systemkritik?“

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Apple TV+ streamt seit zwei Jahren (November 2019) Serien… und ich finde (bis aufs etwas hemdsärmelige „Ted Lasso“ vielleicht, den größten Erfolg bisher), Apple-Serien sehen oft aus, wie Apple-Kund*innen sich Apple Stores, Apple-Interfaces, Apple-Genius-Bar-Berater*innen etc. wünschen:

Wer das schnöselige HBO abonniert, interessiert sich oft auch für LIFESTYLE-Eliten: HBO hat auch Serien über Elite-Surfer oder Elite-Skateboarderinnen. Apple dagegen mag Messias-Figuren, Superlativ-Konzerne. Bildwelten für Fans von strengem Design, formal streng, hochwertig fotografiert, nur die allerbesten Schriftarten usw.

„Geschliffene“ Serien – manchmal lächerlich clean, glatt, starr.

„Severance“ ist genau das: bekannte Stars (Patricia Arquette, Christopher Walken, John Turtorro: alle eher unterfordert) in einer Bildwelt (Büro) und einer zweiten Bildwelt (Februar/Schnee in sehr reichen Vorstädten), bei deren strenger Gestaltung jedes Detail sitzt und die – streng und etwas leblos – über ein strenges, lebloses Büro erzählt, das zunehmend dystopischer scheint…

…aber halt aussieht wie ein Apple-Design-Kosmos im Retro-Stil von ca. 1983.

Eine zweite Staffel ist erzählerisch nötig – weil vieles dürftig/vage bleibt.

Ayn Rand schrieb libertäre Romane über Ausnahme-Industrielle, denen die Welt nie genug dankt, obwohl sie so tolle Fabriken und Verfahren erschufen. Die Videospielreihe „Bioshock“ macht sich über solche Kirche-trifft-Kapitalismus-„Der Fabrikant ist wie GOTT“-Chefs lustig. Wer fragt, inwiefern „Severance“ eine Satire ist oder „kapitalismuskritisch“: leider nur in diesem Stil. Der Unternehmensgründer Kier Egan (19. Jahrhundert) wird verehrt wie ein Gott.

In die Tiefe geht das nicht, und etwas Beißendes, richtig Kluges über moderne Arbeitswelten kriegt hier keinen Platz. Wir merken nur als Publikum nach und nach: Auch außerhalb des dystopischen Büros spielt „Severance“ in einer extrem kapitalistischen US-Gegenwart/Parallelwelt. Bisher zeigt sich das aber immer nur kurz via Kier-Egan-„Gebeten“, Schreinen usw., die mich (sicher mit Absicht) an die Art erinnern, wie Steve Jobs behandelt und erinnert wurde.

als Kapitalismuskritik mit irgendnem Erkenntniswert oder konkretem Punkt ist das zugleich zu dick/drüber… und viel zu wenig.

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