Brief an den Vater

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Liebe [Frau meines Vaters], liebe [Frau meines Bruders], lieber Papa, lieber [drei Jahre jüngerer Bruder],

ich bin bisexuell.

Ich verliebe mich manchmal in Frauen. Manchmal in Männer. Ich kann mir vorstellen, mit einer Frau oder einem Mann zusammen zu leben. Vielleicht auch: eine Familie zu gründen. Auf jeden Fall: eine feste Beziehung zu führen – so „normal“ wie eure Ehen und Beziehungen auch.

Ich hatte eine Freundin im Studium, in Hildesheim und fand diese Partnerschaft sehr schön und passend für mich.

Ich hatte später einen Freund in Toronto – und fand diese Partnerschaft genauso schön, genauso richtig.

Beide Beziehungen haben nicht gehalten – aber das Geschlecht war, in beiden Fällen, kein Problem oder Konflikt: Knapp fünf Prozent aller Menschen sind homo- oder bisexuell. Manche Statistiken sagen: bis zu zehn Prozent. Ich gehöre dazu. Das ist nicht peinlich, schrecklich oder schlimm.

Bisexualität bedeutet nicht: Ich verliebe mich in viele Menschen, die ganze Zeit. Oder: Ich kann mich nicht entscheiden. Seit ich 12 oder 13 war, verliebte ich mich in sechs oder sieben Personen. Eine Verliebtheit ging. Die nächste kam. Manchmal ergab sich eine Beziehung. Oft wurde nichts daraus. Etwa zur Hälfte waren es Männer. Etwa zur Hälfte Frauen.

Die meisten Menschen, die mir wichtig sind, wissen Bescheid. Sie begegnen mir mit Respekt. Sie stellen Fragen, falls sie etwas genauer wissen wollen. Aber sie denken nicht: „Oh je! Das verändert ja alles!“ oder „Wie peinlich!“ oder „Huch: Was soll ich denn jetzt machen?“

Was sollt IHR jetzt machen?

Durchatmen. Die Nachricht sacken lassen.

Euch nicht aufregen oder Sturm klingeln.

Ihr alle habt eure eigenen Beziehungen. Eure Gefühle. Eure Sexualität. Intime Lebensbereiche, die euch sehr wichtig sind und die ich respektiere. Ich freue mich, wenn ihr glücklich miteinander seid. Ich hoffe, IHR freut euch genau so, sobald ICH mit jemandem glücklich werde.

(Im Moment spielt das, in meinem Alltag, keine große Rolle: Ich bin allein, schreibe hier mein Buch und denke nicht oft über meine Partnerwünsche nach.)

Es gibt zwei (oder: drei?) Sorgen, die ich kurz ansprechen will:

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Wenn ich Leuten sage „Ich bin bisexuell“, klingt das für manche wie eine Frage oder eine Einladung zur Diskussion: „Ich bin bisexuell: Was hältst du davon?“ oder „Findest du das gut?“, „Bist du damit einverstanden?“ oder sogar: „Magst du mich jetzt immer noch? Gib bitte Bescheid, ob das für dich so in Ordnung ist.“

Wir können gerne über alles reden. Ich kann euch Fragen beantworten und helfe euch, damit in Zukunft „umzugehen“. Aber natürlich werde ich nicht fragen: „Mögt ihr mich trotzdem noch?“ Falls ihr meine Nachricht „peinlich“ / „problematisch“ / „abartig“ usw. findet… nehmt euch bitte ein paar Tage Zeit:

Keiner von euch sagt „Entschuldigung – ich bin heterosexuell. Das habe ich bisher nie gesagt. Aber jetzt, wo ihr es wisst, habe ich große Angst: Bitte respektiert mich weiterhin. Bitte!“

Ich HABE Angst vor euren Reaktionen. Überlegt bitte, was ihr an meiner Stelle als Antwort hören (und: ertragen) könntet. Was ihr verkraften könnt. Was euch traurig oder wütend machen würde. Falls ihr jetzt, heute nichts… Gutes zu sagen habt, wartet bitte ein paar Tage ab. Fragt Schwule und Lesben, die ihr kennt, was DEREN Familien sagten und wie sich die Kommunikation in diesen Familien heute entwickelt hat.

Überlegt euch einfach, wie wir ein konstruktives, gutes Miteinander hinkriegen.

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An Weihnachten brachte [ein anderer Verwandter] [den vierjährigen Sohn meines Bruders] zum Heulen und sagte dann: „Hör auf, zu heulen! Wir haben keinen [Sohn] mehr! Wir haben eine [Name des Sohns mit -a dahinter, verweiblicht]! Hör auf, zu plärren. Du Schlitzpisser. Du Mädchen.“

Mich hat das furchtbar aufgeregt. Weil ich solche „Witze“ und „Sprüche“ aus meiner Kindheit kenne. Ich halte das für frauenfeindlich. Männerfeindlich. In jede Richtung respektlos und verletzend: Ich glaube nicht, dass ein Junge, der weint, „Mädchen“ genannt werden soll – als wäre „Mädchen“ etwas Schlechtes, Schwächeres oder Lächerliches.

Natürlich hat es mich AUCH aufgeregt, weil ich als Kind selbst oft „Sprüche“ und Urteile hörte wie: „Du wirfst wie ein Mädchen.“, „Ein richtiger Junge kämpft.“, „Du bist ein Waschlappen.“ usw.. Ich glaube, meine Eltern haben sich oft einen frecheren, sportlicheren, geschickteren Jungen gewünscht.

Das macht mich heute noch manchmal traurig. Und ich will nicht, dass mein Neffe ähnliche „Sprüche“ und unfaire Bewertungen anhören muss.

Männer mögen Kartoffelchips. Frauen mögen Schokolade. Das ist einfach so!“, sagte neulich eine Freundin. „Ich mag keine Kartoffeln – und lieber Süßigkeiten statt salzige Knabbereien“, sagte ich. Sie lachte: „Na klar, Stefan: DU bist ja auch bisexuell. Du zählst nicht! Du warst ja schon immer komisch.“

Als Kind – bevor ich gute Freunde hatte, Bücher kannte, an Unis und in große Städte kam usw. – habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich „komisch“ bin. Oder „seltsam“. Oder irgendwie „verpfuscht“. Ich glaube nicht, dass ich das bin. Manche Männer mögen Süßigkeiten. Manche Kinder können Bälle werfen. Manche Mädchen sind sportlich. Manche Menschen verlieben sich manchmal in Frauen, manchmal in Männer. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“. Es gibt keine „richtigen“ Jungen, keine „verpfuschten“ Kinder.

Falls ich in Zukunft etwas sage oder mache oder esse oder schreibe, das ihr seltsam findet oder nicht versteht… oder, das ihr selbst ganz anders seht… bitte rollt nicht die Augen und sagt: „Na ja. Das ist der komische Stefan. Der ist ja sowieso komisch. Komischer Geschmack. Komische Sätze. Komische Sexualität. Das hängt bestimmt alles zusammen! Er war ja schon ein komisches Kind. Normale Leute sind ganz anders.“

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Mama und [meine 9 Jahre jüngere Schwester] wissen seit fast zehn Jahren Bescheid und haben mir sehr geholfen. Sie haben keine Witze gemacht. Nicht gelästert oder gestichelt. Sie freuen sich für mich, wenn ich einen Mann oder eine Frau kennen lerne. Niemand denkt: „Oh je – da ist mein bisexueller Sohn!“ oder „Oh: Da ist mein komischer Bruder.“

Trotzdem hat Mama eine Weile gebraucht, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Sie hatte viele Fragen und Ängste. Noch heute ist das oft nicht leicht für sie.

Ihre größeren Sorgen aber sind:

Respektieren sich alle Kinder untereinander?“, „Was soll ich machen, wenn meine Kinder ihren Papa nicht gut behandeln?“, „Was denkt der Vater unserer Kinder, wenn sie Schwächen zeigen?“, „Was passiert mit der Familie, wenn sich alle gegenseitig Vorwürfe machen?“

Das SCHLIMMSTE und SCHLECHTESTE, was ihr jetzt machen könnt, ist, bei Mama Sturm zu klingeln und zu sagen: „Warum hast du das nicht erzählt?“ oder „Findest du das etwa schön?“ oder „Ist dir Stefan nicht peinlich?“ oder „Hättest du ihn anders erzogen, wäre das bestimmt nicht passiert!“

Informiert euch bitte über die „Ursachen“ von Homosexualität: Man kann sie nicht aberziehen / abgewöhnen. Lässt sie sich anerziehen? Nein. Natürlich nicht. Genauso wenig.

Fragt euch, wie ihr euch sebst als Vater oder Mutter verhalten würdet, falls [der Sohn meines Bruders], [die Nicht meiner Schwägerin], [meine Schwester], [Sohn und Tochter der Frau meines Vaters] euch mit 20 oder 21 sagen, dass sie nicht heterosexuell sind.

Mama hat fast immer das Gefühl, sich für alle Schwächen und Probleme ihrer Kinder rechtfertigen zu müssen.

Meine Bisexualität ist keine Schwäche und kein Problem.

Nichts, das Mama verursacht hat, ändern kann oder verteidigen muss:

Bitte zwingt sie nicht in eine Entschuldigungs- und Rechtfertigungs-Position.

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Ich bin 30 Jahre alt. Ich habe in Toronto und New York gelebt. Ich schreibe einen Roman. Ich empfehle und kritisiere Bücher in Zeitschriften. Ich komme finanziell halbwegs klar. Ich lese viel, arbeite viel und gebe mir Mühe. Ich bin zufrieden mit der Richtung, die mein Leben nimmt, stolz auf die Ziele, die ich erreicht habe, und sehr, sehr ungeduldig, endlich auch die neuen / nächsten Ziele zu erreichen: Mein Leben ist manchmal eine ziemliche Baustelle, ein kleines Chaos.

Ich hoffe, mit diesem Brief wird das Chaos ein bisschen kleiner.

Nicht größer.

Lest das in aller Ruhe. Keine Hektik. Keine Handlungsnot.

Überlegt euch bitte ein paar Tage, wie jeder von euch am besten antworten will.

Und, welche Antworten euch selbst an meiner Stelle helfen würden.

Sortiert euch. Redet miteinander. Fast zehn Jahre lang hatte ich, ehrlich gesagt… Angst vor euren Antworten und Reaktionen.

Aber: Wir haben uns schon so oft gegenseitig überrascht. Sind über unsere Schatten gesprungen. Über uns hinaus gewachsen. Ich glaube, wir kriegen das hin. Und können Ende 2014 eine bessere Familie sein als heute.

Lasst von euch hören!

STEFAN

Wahrscheinlich schreibe / blogge ich auch nochmal über alles. Aber dann: ohne eure Namen und ohne persönliche Details.

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knapp 20 Minuten, nachdem ich die Mail verschickt hatte, schrieb mein Bruder:

“Hi Stefan,

wie du weisst, bin ich nicht der große Schreiber bin eher der „frechere, sportlichere, geschicktere Junge“.

Für mich ist das kein Problem, ich denke mal, dass ich dich bis jetzt immer unerstützt habe und werde es auch weiter tun.”

Das macht mich… irrsinnig stolz!

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Writer. Book Critic. Journalist.
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3 Responses to Brief an den Vater

  1. Wolle says:

    Als Facebook-Teilnehmer bekomme ich über Freunde von Freunden Wurf Post, so auch Ihren „Brief an den Vater“. O.K., sie sind Journalist und damit eine öffentliche Person, über die Ihre Leser vielleicht ein Bild haben möchten.
    Die Frage ist für mich: Wozu also ein Outing, das sicher im Freundeskreis überflüssig ist, weil ohnehin schon bekannt?
    Wenn man seiner Familie (jetzt erst) einen Brief schreiben muss (muss man das noch?), stellt sich die 2.Frage: Warum gleichzeitig öffentlich?
    Die eigentliche Antwort vermute ich im Hang zur „Eigenwerbung“ innerhalb eines schicken Trends. Ihre persönliche Einstellung ist zudem noch neben einer schwulen und lesbischen eine noch nicht so „journalistisch ausgereizte“ Variante.
    Glauben Sie allen Ernstes, dass ausgerechnet die intellektuelle Klientel Ihrer Veröffentlichungen an ihrer privaten und familiären Situation in der Form interessiert ist, mit der Sie jetzt aufwarten?
    Mit Ihrem meines Erachtens überflüssigen Beitrag geben Sie unserem (immer noch) gesellschaftlichen Problem gerade die falsche Antwort.
    Sie setzen Sich erstens dem berechtigten Verdacht aus, auf die Outing-Mode aufzuspringen, um letztlich wahrscheinlich nur Aufmerksamkeit für Ihr journalistisches Angebot zu machen.
    Die richtige Antwort wäre meines Erachtens ausschließlich die bereits erfolgte Info an Freunde und Verwandte durch vollendete Tatsachenerfahrung. That‘s it!
    Wie sollen wir als Gesellschaft zur Normalität schreiten, wenn die bereits in großen Teilen tolerante Mitwelt durch einzelne „Schicksalsberichte“ das vermeintlich hehre Ziel eines „aufklärerischen Beitrags“ als Trittbrettfahrerei und privater Werbung entlarven? Warum jetzt erst?
    Besonders toll finde ich ihren rührenden Appell, doch bitte lange und überlegt zu warten, bevor man kommentiert? Auch das ist fast weinerlich manieriert!
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Leserschaft irgendetwas anderes anmerken wird als das schon abgenudelte „bravo, mutig, wir verstehen Dich, alles Gute“ oder so wie dieser Beitrag es tut: „Überflüssig!“

    • Lieber Wolle.
      Wäre dieser Beitrag tatsächlich überflüssig, hätten Sie nicht so ausführlich antworten müssen.
      Offensichtlich berührt er auch Sie und bringt Sie dazu, einen Teil Ihrer Lebenszeit zum Verfassen Ihrer Zeilen zu opfern.
      Und vermutlich haben Sie sich Ihre Frage selber schon durch das Schreiben beantwortet: er ist Journalist. Ein großer Teil seines Lebens spielt sich im Geschriebenen und im öffentlichen Raum ab. Da erscheint es fast wie eine logische Konsequenz, oder?
      Auch wenn ich für mich diese Möglichkeit vermutlich nicht nutzen würde.

      Beste Grüße von frau g.

  2. Pingback: Irgendwas mit Schreiben: Diplomschriftsteller im Beruf | Kleinerdrei

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